Jahreskreis
21. Woche - Donnerstag
25
gestalten
der Wachsamkeit
Verheißenes Heil und irdisches Glück: geläuterte Einsichten.
Die Wachsamkeit eines guten Knechtes.
Unseren Weltauftrag ernst nehmen.
I. Das
Wort Gottes - für alle Zeiten von dem gesprochen, der
Fleisch geworden ist und unter uns
gewohnt hat1
- ist ein Licht,
das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern
aufgeht in euren Herzen2,
ein Wort, unerschöpflich, »nie ausgelotet, nie ausgelitten und nie ausgedacht;
jede Zeit eröffnet neue Wege in es hinein, so daß es in jeder Zeit Gegenwart
ist, in der Gott hier und heute zu uns spricht«3. Wir setzen unsjetzt diesem
Licht aus und bitten den Herrn, er möge uns festigen bis ans Ende4.
Bis ans
Ende
- darunter verstehen wir bis ans Ende der Zeiten,
wenn Jesus, unser Herr, mit all
seinen Heiligen kommt5,
wie wir in der heutigen Lesung hören. Dann wird das Reich Gottes vollendet sein,
»wenn zusammen mit dem Menschengeschlecht auch die gesamte Welt, die mit dem
Menschen innig verbunden ist und durch ihn auf ihr Ziel zugeht, vollkommen in
Christus erneuert werden wird«6. Aber der Betende versteht dieses Ende auch als
das Ende der hin zugedachten Lebensspanne: »als ein Kommen zu Jesus und als
Eintritt in das ewige Leben«7. Solange er noch unterwegs ist, muß er seine
Vorstellungen vom erhofften Heil am Wort des Herrn und seinem irdischen Leben
messen und läutern: Der menschgewordene Gott hat Versuchungen, Leiden und Tod
erfahren wollen und damit der Erwartung, Gottes Heil liege ausschließlich in
irdischem Glück, den Boden entzogen. Die Zeitgenossen Jesu hatten noch »das Heil
von einer den ganzen Kosmos umgreifenden Veränderung der Verhältnisse erwartet
und es sich als eine Art von religiös begründetem Schlaraffenland vorgestellt.
Die Versuchungen Jesu, wie sie bei Matthäus und Lukas berichtet werden,
schildern genau diese Erwartung: Brot aus der Wüste, sensationelle
Wunderzeichen, gesicherte politische Macht über die ganze Welt. Der Messias der
Wüstenversuchungen - der Messias der menschlichen Erwartungen - wäre durch die
Sicherung von Konsum und Macht definiert. Jedem, der indes diese Zusammenhänge
bedenkt, muß klar sein, daß die >Juden< hier für den Menschen überhaupt stehen:
Wenn wir Erlösung für uns, für die Welt zu entwerfen hätten, würde sie auf
nichts anderes zielen - die politische Propaganda lebt von dieser
Erwartungshaltung.«8
Die
alttestamentlichen Gerechten sahen im Leiden ein untrügliches Kennzeichen für
den Sünder, im Wohlergehen ein ebenso verläßliches Kennzeichen für den Frommen.
Wenn aber »Wohlergehen und Leiden in allen Fällen göttliche Vergeltung und darum
Kennzeichen für gut oder böse«9 waren, mußte ihnen das Glück der FrevIer als
eine Herausforderung, ja, als eine Anfechtung ihres Glaubens erscheinen. »Und in
der Tat: Solange man vom Tun-Ergehens-Zusammenhang ausgeht, Religion unter dem
Gesichtspunkt irdischen Nutzens, irdischer Gerechtigkeit betrachtet, bleibt nur
die Verzweiflung oder der Abfall. Die Antwort erfährt der Psalmist im Tempel -
das heißt: nicht in der Reflexion, im Hinschauen auf die anderen, im Vergleichen
zwischen sich und ihnen, in der Analyse des Weltenlaufs, die zur Religion des
Neides führt; er erfährt sie im Hinschauen auf Gott. Im Hinschauen darauf
erkennt er das Scheinhafte, Nichtige und Erbärmliche dieses Glücks - erkennt er,
daß der Neider ein Narr ist«10, und ruft: Ich war töricht und ohne Verstand,
war wie ein Stück Vieh vor dir11. Sein Gebet wird dann zu einem Hochgesang
vertrauensvoller Hingabe: Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an
meiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluß und
nimmst
mich am Ende auf in Herrlichkeit.12
Das
Hinschauen auf Gott läutert unsere Vorstellungen vom Heil. Was der Psalmist im
Tempel erfuhr, erfahren wir jedesmal, wenn wir seine Worte ins persönliche Gebet
nehmen. Dem seligen Josemaría Escrivá war der Gedanke, sich vor Gott
wie ein Stück
Vieh, wie ein Lasttier zu sehen, teuer; er schreibt: »Mein Jesus,
>ut iumentum factus sum apud te!<- du hast mich zu deinem Eselchen gemacht;
verlaß mich nicht, >et ego semper tecum!<- und ich werde immer bei dir bleiben.
Führe mich, mit dem starken Band der Gnade an dich gebunden: >tenuisti manum
dexteram meam...<- du hast mich beim Halfter genommen; >et in voluntate tua
deduxisti me...< - gib, daß ich deinen Willen erfülle. Und dann werde ich dich
in alle Ewigkeit lieben - >et cum gloria suscepisti me!<13
II.
Seid wachsam!
Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag der Herr kommt.14
Der Apostel Paulus vergleicht die Wachsamkeit des Christen mit dem Dienst eines
Wachposten an der Front; er muß nicht nur kampfbereit, er muß auch gut
ausgerüstet sein:
Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als
Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium
vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt
ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen.15
In den Augen Jesu zählt nicht einfach nur abwarten, sondern eine wache Treue,
die niemals nachläßt.
Der Herr
spricht von einem Knecht, der
dem Gesinde zur rechten Zeit gibt,
was sie zu essen brauchen. Damit ist jeder von uns gemeint. Jeder
hat bei der Weitergabe des Glaubens für gute Speise zu sorgen und verdorbene
Speisen zu meiden, durch das, was er sagt, und durch das, was er tut - und
ebenso auch durch das, was er nicht sagt und was er unterläßt. Der Knecht, von
dem Jesus spricht, ist
der treue und gute Knecht,
fürsorglich gegenüber anderen, die in ihm zu Recht den Stellvertreter des
Hausherrn, ein Abbild des Meisters sehen. Und der unzuverlässige Knecht, dem es
wenig ausmacht, verdorbene Speise auszuteilen? Ihm fehlt es an Klugheit, die
weiß, »wann der ruhig durchdachte, aus bewährter Erfahrung stammende Rat, mit
unverstelltem Blick gesehen und eindeutig ausgesprochen, aufgenommen oder
weitergegeben werden mu߫16.
Fragen
wir uns: Geben wir die Speise des Glaubens und der guten Lehre
zur rechten Zeit?
Merken wir, wann eine Speise schädlich ist, so daß wir sie weder kaufen noch
verkaufen, noch selbst kosten, noch weiterreichen?
Die
Heilsbotschaft Christi ist zu allen Zeiten nachgeahmt worden in Gestalt
irdischer Heilslehren oder politischer Utopien. Unser Jahrhundert hat solche
säkularisierte Heilsversprechungen erleben müssen, die - sämtlich diskreditiert
- nichts als verheerende seelische Verwüstungen angerichtet haben. Die Sprache
der Dichtung verbirgt im Bild die Realität, daß alle Verlockungen bloß
menschlicher Konstruktionen einmal zusammenstürzen und nur Frustration und
Desillusionierung hinterlassen:
»Wer
errettet meine Seele vor den Worten der Menschen? Sie tönen aus der Ferne wie
Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen. Sie drängen sich
hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr
Gepränge. (...) Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei
eurer Speise, wir sind blind geworden bei euren Lampen! Ihr seid wie eine
Straße, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber! Ihr
seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen!
Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!«17
III. Der
wachsame Knecht im heutigen Evangelium sucht nicht nur künftige Gefahren
abzuwenden, sondern sorgt auch für eine gute Verwaltung in normalen Zeiten.
Vieles muß er selber tun, anderes überwachen: Wohnräume und Arbeitsgerät
pflegen, die Vorratskammer gut versorgt halten - und zuallererst muß er sich um
die anderen Knechte kümmern. Er harrt auf seinen Herrn nicht in Angst, sondern
tätig und in freudiger Erwartung.
Ähnliches
muß man von einem gläubigen Christen sagen können, der seinen Weltauftrag ernst
nimmt. Er weiß, daß das Reich Gottes nicht machbar ist, sondern sich als eine
geheimnisvolle Glaubenswirklichkeit der Gnade verdankt. Dies »bedeutet für
Christen jedoch keine Resignation, alles beim alten zu belassen, jede
Ungerechtigkeit zu dulden und tatenlos auf das Reich Gottes zu warten. Im
Gegenteil! Christen haben den Auftrag der sittlichen Botschaft des Neuen
Testaments zu erfüllen, nämlich Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit zu
praktizieren, nicht nur privat, sondern auch öffentlich in der Gesellschaft
(...). Und vor allem haben Christen die Pflicht, den (nicht nur im materiellen
Sinne) >Armen< die frohe Botschaft vom Reiche Gottes zu verkünden - und dabei
glaubwürdige Werke der Barmherzigkeit zu üben.«18
Den
heidnischen Zeitgenossen der ersten Christen ist dies nicht entgangen. Kaiser
Julian muß anerkennen, »daß das Geheimnis des Christentums von >seiner
Menschlichkeit gegenüber Fremden und seiner Sorge für die Bestattung der Toten<
herrührt, kurz, von der besonderen Art seiner Nächstenliebe. (...) Auch Seneca,
der heidnische Heilige, verlangt, daß man dem Schiffsbrüchigen die Hand reiche,
dem Verstoßenen sein Haus öffne und dem Bedürftigen seinen Geldbeutel, um seine
Habe mit einem andern zu teilen. Aber er fügt hinzu: >Der Weise wird sich hüten,
über das Schicksal des Unglücklichen betrübt zu sein, seine Seele soll
unempfindlich sein für die Leiden, die er lindert: das Mitleid ist eine
Schwäche, eine Krankheit.<«19
Wie
anders dagegen das
Liebet einander! als
neues Gebot20
Christi. Die anderen lieben,
wie ich euch geliebt habe (...),
daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid. Tertullian
verteidigt gegen Ende des 2. Jahrhunderts die besondere Sorge um jene, die im
gemeinsamen Glauben verbunden sind: »Wir sind sogar auch eure Brüder nach dem
Rechte der Natur, die unsere gemeinsame Mutter ist, (...) mit wieviel mehr Recht
werden diejenigen Brüder genannt und als solche angesehen, welche Gott als einen
Vater erkannt, den einen Geist der Heiligkeit eingesogen, aus demselben Dunkel
der Unwissenheit zu dem einen Licht der Wahrheit staunend übergegangen sind!«21
Tertullian nennt interessante Einzelheiten über die brüderliche Liebe unter den
Christen, die sich leicht auf heute übertragen lassen: »Wenn bei uns auch eine
Art von Kasse vorhanden ist, so wird sie nicht etwa durch ein Aufnahmehonorar,
was eine Art von Verkauf der Religion wäre, gebildet, sondern jeder einzelne
steuert eine mäßige Gabe bei an einem bestimmten Tage des Monats, oder wann er
will, wofern er nur will und kann. Denn niemand wird dazu genötigt, sondern
jeder gibt freiwillig seinen Betrag. Das sind gleichsam die Sparpfennige der
Gottseligkeit. Denn es wird nichts davon für Schmausereien und Trinkgelage oder
nutzlose Freßwirtschaft ausgegeben, sondern zum Unterhalt und Begräbnis von
Armen, von elternlosen Kindern ohne Vermögen, auch für alte Leute, die nicht
mehr aus dem Hause können, ebenso für Schiffbrüchige und wenn sich etwa Leute in
den Bergwerken, auf den Inseln oder in Gefangenschaft befinden.«22
Helfen
wir uns wirklich gegenseitig kraft der Gemeinschaft der Heiligen? »Die Gnaden
und die Erleuchtungen, die wir erhalten, verdanken wir oft, ohne daß wir es
merken, einer verborgenen Seele. Denn Gott will, daß die Heiligen die Gnade
durch das Gebet einander weitergeben, damit sie im Himmel miteinander verbunden
sind durch eine Liebe, die weit größer ist als die Liebe in einer Familie, auch
wenn es die idealste Familie ist. Wie oft habe ich mir schon vorgestellt, daß
ich alle Gnaden, die ich erhalten habe, einer Seele verdanke, die sie für mich
von Gott erbeten hat und die ich erst im Himmel kennenlernen werde!«23
Eine
konkrete Anregung, die auf ein Wort des Jesaja zurückgeht, mag uns helfen. Der
Prophet spricht vom Wächter in der Nacht24,
der immer wieder seinen Nachbarn im Wachdienst zuruft: »Custos, quid de nocte!«
Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?»»Es wäre gut, wenn du dich daran
gewöhntest, im Verlauf der Woche auch eine Art >Wachetag< zu halten: einen Tag,
an dem du dir deiner Hingabe an Gott bewußter wirst, aufmerksamer kleine Erweise
der Liebe übst, das Gebet und das Opfer ein wenig verstärkst.
Halte dir vor Augen, daß die Heilige
Kirche einem großen Heer gleicht, welches in Schlachtordnung aufgestellt ist.
Und du gehörst zu ihm, und in deinem >Frontabschnitt< toben Angriffsschlachten
und Abwehrkämpfe. Verstehst du?
Dieses
Bereitsein wird dich Gott immer näher bringen und deinen Willen stärken, jeden
Tag in einen wirklichen >Wachetag< zu verwandeln.«25
Wie
naheliegend ist es, uns am Ende dieser Meditation das Wort zu vergegenwärtigen,
das Maria an die Diener richtete:
26
vgl.
Joh 1,14. -
2
2 Petr
1,19. -
3 J. Ratzinger,
Christlicher Glaube und Europa, München 1981, S.128. -
4
1 Kor
1,1-9. -
5
1
Thess 3,7-13. -
6 II. Vat. Konz.,
Konst.
Lumen gentium, 48. -
7
Katechismus der Katholischen Kirche, 1020. -
8
J. Ratzinger,
Eschatologie - Tod und ewiges Leben,
Regensburg 1977, S.61. -
9
Regensburger Neues Testament, Bd.1, Regensburg 1959, S.287. -
10
J. Ratzinger, a.a.O., S.80. -
11
Ps
73,22. -
12
Ps
73,23-24. -
13 J. Escrivá,
Im
Feuer der Schmiede, Nr.381. -
14
Mt
24,42-51. -
15
Eph
6,14-16. -
16 J. Escrivá,
Freunde Gottes, 158. -
17 Gertrud von le Fort,
Hymnen
an die Kirche, München 1924, S.18. -
18
W. Ockenfels,
Hat die Kirche in der sozialen Frage
versagt? in:
Plädoyer für die Kirche,
Aachen 1993, S.177. -
19 A. Hamman,
Die
ersten Christen, Stuttgart 1985, S.143. -
20
vgl.
Joh 13,34-35. -
21 Tertullian,
Apologeticum, 39. -
22 ebd. -
23
Therese vom Kinde Jesu,
Mein Weg ist Vertrauen und Liebe,
Luzern 1977, S.42. -
24
Jes
21,6-8.11. -
25 J. Escrivá,
Die
Spur des Sämanns, Nr.960. -
26
Joh
2,5.