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Francisco Fernández-Carvajal Hablar con Dios

Jahreskreis
21. Woche - Donnerstag

25

gestalten der Wachsamkeit

Verheißenes Heil und irdisches Glück: geläuterte Einsichten.
Die Wachsamkeit eines guten Knechtes.
Unseren Weltauftrag ernst nehmen.

I. Das Wort Gottes - für alle Zeiten von dem gesprochen, der Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat1 - ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen2, ein Wort, unerschöpflich, »nie ausgelotet, nie ausgelitten und nie ausgedacht; jede Zeit eröffnet neue Wege in es hinein, so daß es in jeder Zeit Gegenwart ist, in der Gott hier und heute zu uns spricht«3. Wir setzen unsjetzt diesem Licht aus und bitten den Herrn, er möge uns festigen bis ans Ende4.

Bis ans Ende - darunter verstehen wir bis ans Ende der Zeiten, wenn Jesus, unser Herr, mit all seinen Heiligen kommt5, wie wir in der heutigen Lesung hören. Dann wird das Reich Gottes vollendet sein, »wenn zusammen mit dem Menschengeschlecht auch die gesamte Welt, die mit dem Menschen innig verbunden ist und durch ihn auf ihr Ziel zugeht, vollkommen in Christus erneuert werden wird«6. Aber der Betende versteht dieses Ende auch als das Ende der hin zugedachten Lebensspanne: »als ein Kommen zu Jesus und als Eintritt in das ewige Leben«7. Solange er noch unterwegs ist, muß er seine Vorstellungen vom erhofften Heil am Wort des Herrn und seinem irdischen Leben messen und läutern: Der menschgewordene Gott hat Versuchungen, Leiden und Tod erfahren wollen und damit der Erwartung, Gottes Heil liege ausschließlich in irdischem Glück, den Boden entzogen. Die Zeitgenossen Jesu hatten noch »das Heil von einer den ganzen Kosmos umgreifenden Veränderung der Verhältnisse erwartet und es sich als eine Art von religiös begründetem Schlaraffenland vorgestellt. Die Versuchungen Jesu, wie sie bei Matthäus und Lukas berichtet werden, schildern genau diese Erwartung: Brot aus der Wüste, sensationelle Wunderzeichen, gesicherte politische Macht über die ganze Welt. Der Messias der Wüstenversuchungen - der Messias der menschlichen Erwartungen - wäre durch die Sicherung von Konsum und Macht definiert. Jedem, der indes diese Zusammenhänge bedenkt, muß klar sein, daß die >Juden< hier für den Menschen überhaupt stehen: Wenn wir Erlösung für uns, für die Welt zu entwerfen hätten, würde sie auf nichts anderes zielen - die politische Propaganda lebt von dieser Erwartungshaltung.«8

Die alttestamentlichen Gerechten sahen im Leiden ein untrügliches Kennzeichen für den Sünder, im Wohlergehen ein ebenso verläßliches Kennzeichen für den Frommen. Wenn aber »Wohlergehen und Leiden in allen Fällen göttliche Vergeltung und darum Kennzeichen für gut oder böse«9 waren, mußte ihnen das Glück der FrevIer als eine Herausforderung, ja, als eine Anfechtung ihres Glaubens erscheinen. »Und in der Tat: Solange man vom Tun-Ergehens-Zusammenhang ausgeht, Religion unter dem Gesichtspunkt irdischen Nutzens, irdischer Gerechtigkeit betrachtet, bleibt nur die Verzweiflung oder der Abfall. Die Antwort erfährt der Psalmist im Tempel - das heißt: nicht in der Reflexion, im Hinschauen auf die anderen, im Vergleichen zwischen sich und ihnen, in der Analyse des Weltenlaufs, die zur Religion des Neides führt; er erfährt sie im Hinschauen auf Gott. Im Hinschauen darauf erkennt er das Scheinhafte, Nichtige und Erbärmliche dieses Glücks - erkennt er, daß der Neider ein Narr ist«10, und ruft: Ich war töricht und ohne Verstand, war wie ein Stück Vieh vor dir11. Sein Gebet wird dann zu einem Hochgesang vertrauensvoller Hingabe: Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluß und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit.12

Das Hinschauen auf Gott läutert unsere Vorstellungen vom Heil. Was der Psalmist im Tempel erfuhr, erfahren wir jedesmal, wenn wir seine Worte ins persönliche Gebet nehmen. Dem seligen Josemaría Escrivá war der Gedanke, sich vor Gott wie ein Stück Vieh, wie ein Lasttier zu sehen, teuer; er schreibt: »Mein Jesus, >ut iumentum factus sum apud te!<- du hast mich zu deinem Eselchen gemacht; verlaß mich nicht, >et ego semper tecum!<- und ich werde immer bei dir bleiben. Führe mich, mit dem starken Band der Gnade an dich gebunden: >tenuisti manum dexteram meam...<- du hast mich beim Halfter genommen; >et in voluntate tua deduxisti me...< - gib, daß ich deinen Willen erfülle. Und dann werde ich dich in alle Ewigkeit lieben - >et cum gloria suscepisti me!<13

II. Seid wachsam! Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag der Herr kommt.14 Der Apostel Paulus vergleicht die Wachsamkeit des Christen mit dem Dienst eines Wachposten an der Front; er muß nicht nur kampfbereit, er muß auch gut ausgerüstet sein: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen.15 In den Augen Jesu zählt nicht einfach nur abwarten, sondern eine wache Treue, die niemals nachläßt.

Der Herr spricht von einem Knecht, der dem Gesinde zur rechten Zeit gibt, was sie zu essen brauchen. Damit ist jeder von uns gemeint. Jeder hat bei der Weitergabe des Glaubens für gute Speise zu sorgen und verdorbene Speisen zu meiden, durch das, was er sagt, und durch das, was er tut - und ebenso auch durch das, was er nicht sagt und was er unterläßt. Der Knecht, von dem Jesus spricht, ist der treue und gute Knecht, fürsorglich gegenüber anderen, die in ihm zu Recht den Stellvertreter des Hausherrn, ein Abbild des Meisters sehen. Und der unzuverlässige Knecht, dem es wenig ausmacht, verdorbene Speise auszuteilen? Ihm fehlt es an Klugheit, die weiß, »wann der ruhig durchdachte, aus bewährter Erfahrung stammende Rat, mit unverstelltem Blick gesehen und eindeutig ausgesprochen, aufgenommen oder weitergegeben werden muß«16.

Fragen wir uns: Geben wir die Speise des Glaubens und der guten Lehre zur rechten Zeit? Merken wir, wann eine Speise schädlich ist, so daß wir sie weder kaufen noch verkaufen, noch selbst kosten, noch weiterreichen?

Die Heilsbotschaft Christi ist zu allen Zeiten nachgeahmt worden in Gestalt irdischer Heilslehren oder politischer Utopien. Unser Jahrhundert hat solche säkularisierte Heilsversprechungen erleben müssen, die - sämtlich diskreditiert - nichts als verheerende seelische Verwüstungen angerichtet haben. Die Sprache der Dichtung verbirgt im Bild die Realität, daß alle Verlockungen bloß menschlicher Konstruktionen einmal zusammenstürzen und nur Frustration und Desillusionierung hinterlassen:

»Wer errettet meine Seele vor den Worten der Menschen? Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen, aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen. Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln, aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge. (...) Wir sind verdurstet bei euren Quellen, wir sind verhungert bei eurer Speise, wir sind blind geworden bei euren Lampen! Ihr seid wie eine Straße, die nie ankommt, ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber! Ihr seid wie ein treibendes Gewässer, immer ist in eurem Munde euer eignes Rauschen! Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege, und morgen seid ihr auch ihr Grab!«17

III. Der wachsame Knecht im heutigen Evangelium sucht nicht nur künftige Gefahren abzuwenden, sondern sorgt auch für eine gute Verwaltung in normalen Zeiten. Vieles muß er selber tun, anderes überwachen: Wohnräume und Arbeitsgerät pflegen, die Vorratskammer gut versorgt halten - und zuallererst muß er sich um die anderen Knechte kümmern. Er harrt auf seinen Herrn nicht in Angst, sondern tätig und in freudiger Erwartung.

Ähnliches muß man von einem gläubigen Christen sagen können, der seinen Weltauftrag ernst nimmt. Er weiß, daß das Reich Gottes nicht machbar ist, sondern sich als eine geheimnisvolle Glaubenswirklichkeit der Gnade verdankt. Dies »bedeutet für Christen jedoch keine Resignation, alles beim alten zu belassen, jede Ungerechtigkeit zu dulden und tatenlos auf das Reich Gottes zu warten. Im Gegenteil! Christen haben den Auftrag der sittlichen Botschaft des Neuen Testaments zu erfüllen, nämlich Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit zu praktizieren, nicht nur privat, sondern auch öffentlich in der Gesellschaft (...). Und vor allem haben Christen die Pflicht, den (nicht nur im materiellen Sinne) >Armen< die frohe Botschaft vom Reiche Gottes zu verkünden - und dabei glaubwürdige Werke der Barmherzigkeit zu üben.«18

Den heidnischen Zeitgenossen der ersten Christen ist dies nicht entgangen. Kaiser Julian muß anerkennen, »daß das Geheimnis des Christentums von >seiner Menschlichkeit gegenüber Fremden und seiner Sorge für die Bestattung der Toten< herrührt, kurz, von der besonderen Art seiner Nächstenliebe. (...) Auch Seneca, der heidnische Heilige, verlangt, daß man dem Schiffsbrüchigen die Hand reiche, dem Verstoßenen sein Haus öffne und dem Bedürftigen seinen Geldbeutel, um seine Habe mit einem andern zu teilen. Aber er fügt hinzu: >Der Weise wird sich hüten, über das Schicksal des Unglücklichen betrübt zu sein, seine Seele soll unempfindlich sein für die Leiden, die er lindert: das Mitleid ist eine Schwäche, eine Krankheit.<«19

Wie anders dagegen das Liebet einander! als neues Gebot20 Christi. Die anderen lieben, wie ich euch geliebt habe (...), daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid. Tertullian verteidigt gegen Ende des 2. Jahrhunderts die besondere Sorge um jene, die im gemeinsamen Glauben verbunden sind: »Wir sind sogar auch eure Brüder nach dem Rechte der Natur, die unsere gemeinsame Mutter ist, (...) mit wieviel mehr Recht werden diejenigen Brüder genannt und als solche angesehen, welche Gott als einen Vater erkannt, den einen Geist der Heiligkeit eingesogen, aus demselben Dunkel der Unwissenheit zu dem einen Licht der Wahrheit staunend übergegangen sind!«21 Tertullian nennt interessante Einzelheiten über die brüderliche Liebe unter den Christen, die sich leicht auf heute übertragen lassen: »Wenn bei uns auch eine Art von Kasse vorhanden ist, so wird sie nicht etwa durch ein Aufnahmehonorar, was eine Art von Verkauf der Religion wäre, gebildet, sondern jeder einzelne steuert eine mäßige Gabe bei an einem bestimmten Tage des Monats, oder wann er will, wofern er nur will und kann. Denn niemand wird dazu genötigt, sondern jeder gibt freiwillig seinen Betrag. Das sind gleichsam die Sparpfennige der Gottseligkeit. Denn es wird nichts davon für Schmausereien und Trinkgelage oder nutzlose Freßwirtschaft ausgegeben, sondern zum Unterhalt und Begräbnis von Armen, von elternlosen Kindern ohne Vermögen, auch für alte Leute, die nicht mehr aus dem Hause können, ebenso für Schiffbrüchige und wenn sich etwa Leute in den Bergwerken, auf den Inseln oder in Gefangenschaft befinden.«22

Helfen wir uns wirklich gegenseitig kraft der Gemeinschaft der Heiligen? »Die Gnaden und die Erleuchtungen, die wir erhalten, verdanken wir oft, ohne daß wir es merken, einer verborgenen Seele. Denn Gott will, daß die Heiligen die Gnade durch das Gebet einander weitergeben, damit sie im Himmel miteinander verbunden sind durch eine Liebe, die weit größer ist als die Liebe in einer Familie, auch wenn es die idealste Familie ist. Wie oft habe ich mir schon vorgestellt, daß ich alle Gnaden, die ich erhalten habe, einer Seele verdanke, die sie für mich von Gott erbeten hat und die ich erst im Himmel kennenlernen werde!«23

Eine konkrete Anregung, die auf ein Wort des Jesaja zurückgeht, mag uns helfen. Der Prophet spricht vom Wächter in der Nacht24, der immer wieder seinen Nachbarn im Wachdienst zuruft: »Custos, quid de nocte!« Wächter, wie lange noch dauert die Nacht?»»Es wäre gut, wenn du dich daran gewöhntest, im Verlauf der Woche auch eine Art >Wachetag< zu halten: einen Tag, an dem du dir deiner Hingabe an Gott bewußter wirst, aufmerksamer kleine Erweise der Liebe übst, das Gebet und das Opfer ein wenig verstärkst.

Halte dir vor Augen, daß die Heilige Kirche einem großen Heer gleicht, welches in Schlachtordnung aufgestellt ist. Und du gehörst zu ihm, und in deinem >Frontabschnitt< toben Angriffsschlachten und Abwehrkämpfe. Verstehst du?

Dieses Bereitsein wird dich Gott immer näher bringen und deinen Willen stärken, jeden Tag in einen wirklichen >Wachetag< zu verwandeln.«25

Wie naheliegend ist es, uns am Ende dieser Meditation das Wort zu vergegenwärtigen, das Maria an die Diener richtete: 26

vgl. Joh 1,14. - 2 2 Petr 1,19. - 3 J. Ratzinger, Christlicher Glaube und Europa, München 1981, S.128. - 4 1 Kor 1,1-9. - 5 1 Thess 3,7-13. - 6 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 48. - 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 1020. - 8 J. Ratzinger, Eschatologie - Tod und ewiges Leben, Regensburg 1977, S.61. - 9 Regensburger Neues Testament, Bd.1, Regensburg 1959, S.287. - 10 J. Ratzinger, a.a.O., S.80. - 11 Ps 73,22. - 12 Ps 73,23-24. - 13 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.381. - 14 Mt 24,42-51. - 15 Eph 6,14-16. - 16 J. Escrivá, Freunde Gottes, 158. - 17 Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche, München 1924, S.18. - 18 W. Ockenfels, Hat die Kirche in der sozialen Frage versagt? in: Plädoyer für die Kirche, Aachen 1993, S.177. - 19 A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, S.143. - 20 vgl. Joh 13,34-35. - 21 Tertullian, Apologeticum, 39. - 22 ebd. - 23 Therese vom Kinde Jesu, Mein Weg ist Vertrauen und Liebe, Luzern 1977, S.42. - 24 Jes 21,6-8.11. - 25 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.960. - 26 Joh 2,5.

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