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Francisco Fernández-Carvajal Hablar con Dios

Jahreskreis
21. Woche - Samstag

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Die Talente und die Zeit

Ein Gleichnis für Geschäftsleute.
Die drei Diener.
Ein verrinnendes Talent: die Zeit.

I. Mit dem Himmelreich ist es... Gestern trugen die Wartenden Fackeln in ihren Händen, und Prüfstein ihrer Treue war, ob sie bei der ungewissen Ankunft des Bräutigams noch brannten. Heute1 ist das Bild prosaischer, eher dem Umfeld von Geschäftsleuten und Händlern entnommen. Wir hören von einem Mann, der auf Reisen ging. Und es ist ein überraschender Perspektivenwechsel, daß diesmal der Herr der Reisende ist, und nicht wir, die wir doch unterwegs sind zu ihm. Das Gleichnis soll uns lehren, was es heißt, verantwortlich mit Gaben umzugehen, die uns zur Verwaltung übergeben sind. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Das Talent war keine Münze, sondern eine Recheneinheit von 6000 Drachmen, etwa 50 Kilo Silber entsprechend. Der Eigentümer verteilt sein Vermögen mit dem Gerechtigkeitssinn dessen, der weiß, was er von jedem erwarten kann, er gibt jedem nach seinen Fähigkeiten.

Als später dann der Augenblick der Rechenschaft kommt, ist es den Dienern mit den fünf und den zwei Talenten gelungen, das Doppelte zu erwirtschaften. Der Herr lobt sie und belohnt ihren Eifer: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! Ein vordergründiges Bild aus dem Geschäftsleben - eine Gehaltserhöhung, ein Karrieresprung - zeigt in seiner Tiefenperspektive die dem Menschen zugedachte übernatürliche Bestimmung, »in Erkenntnis und Liebe am Leben Gottes teilzuhaben. Auf dieses Ziel hin ist er geschaffen worden, und das ist der Hauptgrund für seine Würde«2. Geh ein in die Freude deines Herrn! heißt es nach einer anderen Übersetzung. Der heilige Thomas sieht darin mehr als ein bloßes Teilnehmen, eher ein Eintreten und Hineingenommenwerden in die göttliche Lebenssphäre: »Weil keine Kreatur die Freude zu fassen vermag, die Gottes würdig wäre, darum geht diese ganz und gar vollkommene Freude nicht in den Menschen ein, sondern der Mensch tritt in sie ein: Geh ein in die Freude deines Herrn.«3

Wenig Gleichnisse sind so leicht in die menschliche Alltagswirklichkeit übertragbar wie dieses. Wir sind keine Eigentümer, aber auch nicht bloß Diener, sondern Verwalter und Träger von Verantwortung. Für was stehen die Talente? Für die geistigen Vermögen, für Verstand, Liebesfähigkeit, Wohlwollen oder Menschenkenntnis wie für die materiellen Güter. Handeln wir als verantwortliche Verwalter? Verherrlichen wir Gott mit Leib, Seele und unseren Vermögen? Bringen wir mit unseren Talenten Frucht, mit unserer spezifischen Begabung für diese oder jene Tätigkeit, mit dem Talent, Menschen zu gewinnen?

Die Zeit der Abwesenheit des Herrn ist das irdische Leben, seine Rückkehr der Tod, und dann heißt es im göttlichen Gericht Rechenschaft abzulegen, und wir werden - so dürfen wir hoffen - in die Freude des Herrn eingehen als übergroßer Lohn für unsere beharrliche Treue.

Papst Johannes Paul II. faßt die Lehre der beiden Gleichnisse von gestern und heute so zusammen: »Das Nichtwissen der Stunde unserer endgültigen Begegnung mit Gott ist ein Antrieb, unsere Liebe zu vertiefen, unsere Talente voll einzusetzen, keine Zeit zu verlieren, mit größerer Inständigkeit zu bitten und mit größerer, glühenderer Sehnsucht die selige Hoffnung zu nähren. (...) Ja, die Gestalt dieser Welt vergeht (1 Kor 7,31), und weil die Mitternacht der Parabel des Evangeliums immer nahe ist, halten wir die Lampe des Glaubens und des Vertrauens entzündet!«4

II. Die drei Diener kannten ihren Herrn, zwei verhielten sich verantwortlich, der dritte lethargisch. Wenn Gott sich der Mitwirkung seiner Geschöpfe bedienen will, ist das ein Zeichen »der Größe und Güte Gottes. Denn Gott gibt seinen Geschöpfen nicht nur das Dasein, sondern auch die Würde, selbst zu handeln, Ursache und Ursprung voneinander zu sein und so an der Ausführung seines Ratschlusses mitzuarbeiten.«5

Doch das geschieht nicht von selbst. Der Mensch muß sich regen, die natürlichen und übernatürlichen Tugenden in sich entfalten. Tugend bedeutet »nicht die Bravheit und Ordentlichkeit eines isolierten Tuns oder Lassens. Sondern Tugend bedeutet: daß der Mensch richtig >ist<, und zwar im übernatürlichen wie im natürlichen Sinne. (...) Tugend also ist, ganz allgemein, seinsmäßige Erhöhung der menschlichen Person; Tugend ist, wie Thomas sagt, das ultimum potentiae, sie ist das Äußerste dessen, was ein Mensch sein kann; sie ist die Erfüllung menschlichen Seinkönnens - im natürlichen und im übernatürlichen Bereich. Der tugendhafte Mensch >ist< so, daß er, aus innerster Wesensneigung, durch sein Tun das.«6 Diese haarscharfe philosophische Definition kann uns helfen, die Bedeutung von Tugend klarer zu erfassen, und uns ermutigen, sie beherzter zu erstreben.

Was tat der Diener, der ein Talent erhalten hatte? Er grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Als er später Rechenschaft ablegen mußte, hat er wohl geahnt, daß sein Verhalten falsch war; denn es folgen eine gewundene Entschuldigung und ein versteckter Vorwurf: Ich wußte, daß du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. Weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.

Wieso konnte er so ganz untätig bleiben - war es aus Stolz, aus Trägheit, aus Schwerfälligkeit, aus Desinteresse? »Wer den schwierigen, aber auch beglückenden Auftrag zurückweisen wollte, das Los des ganzen Menschen und aller Menschen zu verbessern, und dies unter dem Vorwand der Last des Kampfes und der ständigen Anstrengung zur Überwindung der Schwierigkeiten oder sogar wegen der Erfahrung des Mißerfolges und des Rückfalls auf den Ausgangspunkt, der würde dem Willen des Schöpfers untreu.«7

Das strenge Wort: Du bist ein schlechter und fauler Diener! erinnert uns daran, daß es Unterlassungssünden gibt. Zu Beginn der heiligen Messe bekennen wir, »daß ich Gutes unterlassen und Böses getan habe« Im Gleichnis vom guten Samariter gingen der Priester und der Levit, ohne Böses zu tun, an dem von Räubern Überfallenen vorbei.8 Es reicht aber nicht, nicht nur nichts Böses zu tun: wie wir gestern sahen, nicht für die törichten Jungfrauen, und heute, ni»ht für den faulen Diener.

III. Im Mittelpunkt des Gleichnisses stehen die Gaben, Fähigkeiten und Mittel, die Gott einem jeden von uns gegeben hat, im Spiel ist jedoch auch eine Gabe, die zwar wenig greifbar, aber dennoch eine feste Größe ist: die Zeit. Sie geht vorüber wie ein Schatten und läßt unser Leben wie die Spur einer Wolke erscheinen, die sich auflöst wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird9.

»Wie traurig eine Existenz, die keine anderen Sorgen kennt als das Totschlagen der Zeit, das Verschleudern eines gottgeschenkten Schatzes! Keine Ausrede kann das rechtfertigen. >Niemand sage: Ich habe nur ein Talent erhalten und kann nichts leisten. Auch mit einem Talent kannst du Gutes tun.< Wie traurig, wenn einer die vielen oder wenigen Fähigkeiten brachliegen läßt, die Gott ihm gegeben hat, damit er den Menschen und der Gesellschaft diene!

Ein Christ, der seine irdische Zeit totschlägt, läuft Gefahr, seinen Himmel totzuschlagen, dann nämlich, wenn er sich aus Egoismus zurückzieht, sich versteckt, gleichgültig bleibt.«10

Der Apostel Paulus empfiehlt den Ephesern: Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit.11 Wir könnten dieses redimentes tempus auch so übersetzen: Erlöst die Zeit, verbindet die Erfahrung, daß sie unwiederbringlich vergeht, mit dem Streben, sie für eure Heiligung nutzbar zu machen. Die Heiligen erlösten gewissermaßen die Zeit, stellten sie in die Dimension des Ewigen und konnten so ihren Zeitgenossen geben, was wirklich zählt. Wenn wir uns vornehmen, stets das zu tun, was wir in der Gegenwart Gottes als erforderlich erkannt haben, werden wir manchmal auch Dinge tun, die scheinbar Zeit vergeuden bedeuten: einem Kranken Gesellschaft zu leisten, einen Behinderten spazieren zu fahren, geduldig und gut gelaunt einem alten Menschen bei der Körperpflege zu helfen... Dies wird uns vor einer einseitigen Ausnutzung der Zeit bewahren und uns eine übernatürliche Gelassenheit schenken: Sorgt euch also nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.12

Schließen wir unser Nachdenken über die Zeit mit einer erheiternden Begebenheit aus dem Leben der heiligen Theresia von Avila. Ein Wohltäter hatte ihr ein Haus in Salamanca vermittelt, damit sie dort ein Kloster des reformierten Karmel gründe. Es war nicht nur kalt und feucht, es mußte auch von kampierenden Studenten geräumt werden. »Während der Nacht des Festes Allerheiligen blieben ich und meine Gefährtin allein im Hause. Ich versichere euch, meine Schwestern, daß ich jetzt noch lachen muß, wenn ich mich an die Furcht meiner Gefährtin, Maria vom heiligsten Sakramente, erinnere, die weit älter als ich und eine größere Dienerin Gottes war. Das Haus war sehr geräumig, in großer Unordnung und hatte viele Bodenkammern. Meine Gefährtin konnte den Gedanken an die Studenten nicht aus dem Kopfe bringen und meinte, es könnte sich leicht einer von ihnen im Hause verborgen haben, weil sie sehr ungehalten darüber waren, daß sie es verlassen mußten. Dies hätten sie auch leicht tun können, da die Gelegenheit dazu geboten war. Wir schlossen uns also in ein Zimmer ein. (...) Als nun meine Begleiterin sich in jenem Zimmer eingeschlossen sah, schien sie der Studenten wegen etwas ruhiger zu werden, wenn sie auch immer furchtsam von einer Seite zur anderen schaute. Ohne Zweifel hat ihr der böse Feind allerlei furchtsame Gedanken eingegeben, um auch mich in Furcht zu setzen, wozu bei der mir eigenen Schwäche des Herzens gewöhnlich wenig hinreichte. Als ich sie fragte, warum sie denn immer so umherblicke, da doch niemand hereinkommen könne, erwiderte sie: >Mutter, ich denke eben, was Sie wohl allein anfangen würden, wenn ich jetzt sterben sollte.< (...) Ich sagte zu meiner Gefährtin: >Schwester, wenn dies wirklich geschehen sollte, so werde ich schon daran denken, was ich zu tun habe; lassen Sie mich jetzt schlafen!< Da wir schon zwei schlechte Nächte gehabt hatten, so vertrieb der Schlaf bald alle Furcht.«13 Diese ausgelassene Bemerkung der Heiligen mag uns helfen, unsere Gegenwart von überflüssigen Zukunftsnöten frei zu halten: Laß mich jetzt schlafen! Wenn es so weit ist, wird Gott helfen.

25,14-30. - Katechismus der Katholischen Kirche, 356. - Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II, q.28, a.3. - Johannes Paul II., , 23.2.1985. - Katechismus der Katholischen Kirche, 306. - J. Pieper, Über das christliche Menschenbild, München 1950, S.19-20. - Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 30. - 10,30-37. - 2,4-5. - J. Escrivá, Freunde Gottes, 46. - 5,15-16. - 6,34. - Theresia von Avila, Buch der Klosterstiftungen, 19,4-5.

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