Jahreskreis
21. Woche - Samstag
27
Die
Talente und die Zeit
Ein
Gleichnis für Geschäftsleute.
Die drei Diener.
Ein verrinnendes Talent: die Zeit.
I.
Mit dem
Himmelreich ist es... Gestern trugen die Wartenden Fackeln in
ihren Händen, und Prüfstein ihrer Treue war, ob sie bei der ungewissen Ankunft
des Bräutigams noch brannten. Heute1
ist das Bild prosaischer, eher dem Umfeld von Geschäftsleuten und Händlern
entnommen. Wir hören von einem Mann,
der auf Reisen ging.
Und es ist ein überraschender Perspektivenwechsel, daß diesmal der Herr der
Reisende ist, und nicht wir, die wir doch unterwegs sind zu ihm. Das Gleichnis
soll uns lehren, was es heißt, verantwortlich mit Gaben umzugehen, die uns zur
Verwaltung übergeben sind.
Er rief seine Diener und vertraute
ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen
zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten.
Das Talent war keine Münze, sondern eine Recheneinheit von 6000 Drachmen, etwa
50 Kilo Silber entsprechend. Der Eigentümer verteilt sein Vermögen mit dem
Gerechtigkeitssinn dessen, der weiß, was er von jedem erwarten kann, er gibt
jedem nach
seinen Fähigkeiten.
Als
später dann der Augenblick der Rechenschaft kommt, ist es den Dienern mit den
fünf und den zwei Talenten gelungen, das Doppelte zu erwirtschaften. Der Herr
lobt sie und belohnt ihren Eifer:
Sehr gut, du bist ein tüchtiger und
treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir
eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Ein vordergründiges Bild aus dem Geschäftsleben - eine Gehaltserhöhung, ein
Karrieresprung - zeigt in seiner Tiefenperspektive die dem Menschen zugedachte
übernatürliche Bestimmung, »in Erkenntnis und Liebe am Leben Gottes teilzuhaben.
Auf dieses Ziel hin ist er geschaffen worden, und das ist der Hauptgrund für
seine Würde«2. Geh ein in die Freude deines Herrn! heißt es nach einer
anderen Übersetzung. Der heilige Thomas sieht darin mehr als ein bloßes
Teilnehmen, eher ein Eintreten und Hineingenommenwerden in die göttliche
Lebenssphäre: »Weil keine Kreatur die Freude zu fassen vermag, die Gottes würdig
wäre, darum geht diese ganz und gar vollkommene Freude nicht in den Menschen
ein, sondern der Mensch tritt in sie ein: Geh ein in die Freude deines Herrn.«3
Wenig
Gleichnisse sind so leicht in die menschliche Alltagswirklichkeit übertragbar
wie dieses. Wir sind keine Eigentümer, aber auch nicht bloß Diener, sondern
Verwalter und Träger von Verantwortung. Für was stehen die
Talente? Für die
geistigen Vermögen, für Verstand, Liebesfähigkeit, Wohlwollen oder
Menschenkenntnis wie für die materiellen Güter. Handeln wir als verantwortliche
Verwalter? Verherrlichen wir Gott mit Leib, Seele und unseren Vermögen? Bringen
wir mit unseren Talenten Frucht, mit unserer spezifischen Begabung für diese
oder jene Tätigkeit, mit dem Talent, Menschen zu gewinnen?
Die Zeit
der Abwesenheit des Herrn ist das irdische Leben, seine Rückkehr der Tod, und
dann heißt es im göttlichen Gericht Rechenschaft abzulegen, und wir werden - so
dürfen wir hoffen - in die
Freude des Herrn
eingehen als übergroßer Lohn für unsere beharrliche Treue.
Papst
Johannes Paul II. faßt die Lehre der beiden Gleichnisse von gestern und heute so
zusammen: »Das Nichtwissen der Stunde unserer endgültigen Begegnung mit Gott ist
ein Antrieb, unsere Liebe zu vertiefen, unsere Talente voll einzusetzen, keine
Zeit zu verlieren, mit größerer Inständigkeit zu bitten und mit größerer,
glühenderer Sehnsucht die selige Hoffnung zu nähren. (...) Ja,
die Gestalt
dieser Welt vergeht (1
Kor 7,31), und weil die Mitternacht der Parabel des Evangeliums
immer nahe ist, halten wir die Lampe des Glaubens und des Vertrauens
entzündet!«4
II. Die
drei Diener kannten ihren Herrn, zwei verhielten sich verantwortlich, der dritte
lethargisch. Wenn Gott sich der Mitwirkung seiner Geschöpfe bedienen will, ist
das ein Zeichen »der Größe und Güte Gottes. Denn Gott gibt seinen Geschöpfen
nicht nur das Dasein, sondern auch die Würde, selbst zu handeln, Ursache und
Ursprung voneinander zu sein und so an der Ausführung seines Ratschlusses
mitzuarbeiten.«5
Doch das
geschieht nicht von selbst. Der Mensch muß sich regen, die natürlichen und
übernatürlichen Tugenden in sich entfalten. Tugend bedeutet »nicht die Bravheit
und Ordentlichkeit eines isolierten Tuns oder Lassens. Sondern Tugend bedeutet:
daß der Mensch richtig >ist<, und zwar im übernatürlichen wie im natürlichen
Sinne. (...) Tugend also ist, ganz allgemein, seinsmäßige Erhöhung der
menschlichen Person; Tugend ist, wie Thomas sagt, das
ultimum potentiae, sie
ist das Äußerste dessen, was ein Mensch sein kann; sie ist die Erfüllung
menschlichen Seinkönnens - im natürlichen und im übernatürlichen Bereich. Der
tugendhafte Mensch >ist< so, daß er, aus innerster Wesensneigung, durch sein Tun
das.«6 Diese haarscharfe philosophische Definition kann uns helfen, die
Bedeutung von Tugend klarer zu erfassen, und uns ermutigen, sie beherzter zu
erstreben.
Was tat
der Diener, der ein Talent erhalten hatte?
Er grub ein Loch in die Erde und
versteckte das Geld seines Herrn. Als er später Rechenschaft
ablegen mußte, hat er wohl geahnt, daß sein Verhalten falsch war; denn es folgen
eine gewundene Entschuldigung und ein versteckter Vorwurf:
Ich wußte, daß du ein strenger Mann
bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut
hast. Weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast
du es wieder.
Wieso
konnte er so ganz untätig bleiben - war es aus Stolz, aus Trägheit, aus
Schwerfälligkeit, aus Desinteresse? »Wer den schwierigen, aber auch beglückenden
Auftrag zurückweisen wollte, das Los des ganzen Menschen und aller Menschen zu
verbessern, und dies unter dem Vorwand der Last des Kampfes und der ständigen
Anstrengung zur Überwindung der Schwierigkeiten oder sogar wegen der Erfahrung
des Mißerfolges und des Rückfalls auf den Ausgangspunkt, der würde dem Willen
des Schöpfers untreu.«7
Das
strenge Wort: Du
bist ein schlechter und fauler Diener! erinnert uns daran, daß es
Unterlassungssünden gibt. Zu Beginn der heiligen Messe bekennen wir, »daß ich
Gutes unterlassen und Böses getan habe« Im Gleichnis vom guten Samariter gingen
der Priester und der Levit, ohne Böses zu tun, an dem von Räubern Überfallenen
vorbei.8 Es reicht aber nicht, nicht nur nichts Böses zu tun: wie wir gestern
sahen, nicht für die törichten Jungfrauen, und heute, ni»ht für den faulen
Diener.
III. Im
Mittelpunkt des Gleichnisses stehen die Gaben, Fähigkeiten und Mittel, die Gott
einem jeden von uns gegeben hat, im Spiel ist jedoch auch eine Gabe, die zwar
wenig greifbar, aber dennoch eine feste Größe ist: die Zeit. Sie geht vorüber
wie ein Schatten
und läßt unser Leben
wie die Spur einer Wolke
erscheinen, die sich auflöst
wie ein Nebel, der von den Strahlen
der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird9.
»Wie traurig eine Existenz, die keine
anderen Sorgen kennt als das Totschlagen der Zeit, das Verschleudern eines
gottgeschenkten Schatzes! Keine Ausrede kann das rechtfertigen. >Niemand sage:
Ich habe nur ein Talent erhalten und kann nichts leisten. Auch mit einem Talent
kannst du Gutes tun.< Wie traurig, wenn einer die vielen oder wenigen
Fähigkeiten brachliegen läßt, die Gott ihm gegeben hat, damit er den Menschen
und der Gesellschaft diene!
Ein
Christ, der seine irdische Zeit totschlägt, läuft Gefahr, seinen Himmel
totzuschlagen, dann nämlich, wenn er sich aus Egoismus zurückzieht, sich
versteckt, gleichgültig bleibt.«10
Der
Apostel Paulus empfiehlt den Ephesern:
Achtet sorgfältig darauf, wie ihr
euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit.11
Wir könnten dieses
redimentes tempus auch
so übersetzen:
Erlöst die Zeit, verbindet die Erfahrung, daß sie
unwiederbringlich vergeht, mit dem Streben, sie für eure Heiligung nutzbar zu
machen. Die Heiligen
erlösten gewissermaßen
die Zeit, stellten sie in die Dimension des Ewigen und konnten so ihren
Zeitgenossen geben, was wirklich zählt. Wenn wir uns vornehmen, stets das zu
tun, was wir in der Gegenwart Gottes als erforderlich erkannt haben, werden wir
manchmal auch Dinge tun, die scheinbar
Zeit vergeuden
bedeuten: einem Kranken Gesellschaft zu leisten, einen Behinderten spazieren zu
fahren, geduldig und gut gelaunt einem alten Menschen bei der Körperpflege zu
helfen... Dies wird uns vor einer einseitigen Ausnutzung der Zeit bewahren und
uns eine übernatürliche Gelassenheit schenken:
Sorgt euch also nicht um morgen, denn
der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.12
Schließen
wir unser Nachdenken über die Zeit mit einer erheiternden Begebenheit aus dem
Leben der heiligen Theresia von Avila. Ein Wohltäter hatte ihr ein Haus in
Salamanca vermittelt, damit sie dort ein Kloster des reformierten Karmel gründe.
Es war nicht nur kalt und feucht, es mußte auch von kampierenden Studenten
geräumt werden. »Während der Nacht des Festes Allerheiligen blieben ich und
meine Gefährtin allein im Hause. Ich versichere euch, meine Schwestern, daß ich
jetzt noch lachen muß, wenn ich mich an die Furcht meiner Gefährtin, Maria vom
heiligsten Sakramente, erinnere, die weit älter als ich und eine größere
Dienerin Gottes war. Das Haus war sehr geräumig, in großer Unordnung und hatte
viele Bodenkammern. Meine Gefährtin konnte den Gedanken an die Studenten nicht
aus dem Kopfe bringen und meinte, es könnte sich leicht einer von ihnen im Hause
verborgen haben, weil sie sehr ungehalten darüber waren, daß sie es verlassen
mußten. Dies hätten sie auch leicht tun können, da die Gelegenheit dazu geboten
war. Wir schlossen uns also in ein Zimmer ein. (...) Als nun meine Begleiterin
sich in jenem Zimmer eingeschlossen sah, schien sie der Studenten wegen etwas
ruhiger zu werden, wenn sie auch immer furchtsam von einer Seite zur anderen
schaute. Ohne Zweifel hat ihr der böse Feind allerlei furchtsame Gedanken
eingegeben, um auch mich in Furcht zu setzen, wozu bei der mir eigenen Schwäche
des Herzens gewöhnlich wenig hinreichte. Als ich sie fragte, warum sie denn
immer so umherblicke, da doch niemand hereinkommen könne, erwiderte sie: >Mutter,
ich denke eben, was Sie wohl allein anfangen würden, wenn ich jetzt sterben
sollte.< (...) Ich sagte zu meiner Gefährtin: >Schwester, wenn dies wirklich
geschehen sollte, so werde ich schon daran denken, was ich zu tun habe; lassen
Sie mich jetzt schlafen!< Da wir schon zwei schlechte Nächte gehabt hatten, so
vertrieb der Schlaf bald alle Furcht.«13 Diese ausgelassene Bemerkung der
Heiligen mag uns helfen, unsere Gegenwart von überflüssigen Zukunftsnöten frei
zu halten: Laß mich jetzt schlafen! Wenn es so weit ist, wird Gott helfen.
25,14-30. -
Katechismus der Katholischen Kirche,
356. -
Thomas von Aquin,
Summa
theologica,
II-II, q.28, a.3. -
Johannes Paul II.,
,
23.2.1985. -
Katechismus der Katholischen Kirche,
306. -
J. Pieper,
Über das
christliche Menschenbild,
München 1950, S.19-20. -
Johannes Paul II., Enz.
Sollicitudo rei socialis,
30. -
10,30-37. -
2,4-5. -
J. Escrivá,
Freunde
Gottes,
46. -
5,15-16. -
6,34. -
Theresia von Avila,
Buch der
Klosterstiftungen,
19,4-5.