JAHRESKREIS
3. WOCHE – DIENSTAG
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nach gottes willen
Maria, die Mutter.
Wie Gottes Wille sich zu erkennen gibt.
Sich selber lassen!
1 läßt auf eine Begegnung der Mutter Jesu mit ihrem Sohn schließen, die vielleicht gar nicht stattgefunden hat. Maria und die bei ihr sind müssen vor dem Haus stehen bleiben, während Jesus drinnen zu den Menschen spricht. Jemand bringt ihm die Kunde, seine Mutter warte draußen. Jesus erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. Jesus ist im Begriff, die neue Familie zu begründen, die die Kirche sein wird. Die zu ihr gehören sind stärker und tiefer untereinander verbunden, als es die Bande des Blutes vermögen. Klingt die Antwort Jesu nicht nach Zurückweisung? Wie wird Maria reagiert haben? Vielleicht hat sie geduldig draußen gewartet, bis sie schließlich ihren Sohn sehen konnte; vielleicht hat sie sich still zurückgezogen. Wie auch immer, sie wird es in ihrem Herzen erwogen und bewahrt haben.2 Wir dürfen – anders als sie, die Demütige – denken: sie ist ja die erste in der neuen Familie, die Christus auferbaut.
Maria war von Anfang an mit Jesus durch ein doppeltes Band vereint: das des Leibes und das des Geistes. Tiefer als das leibliche reichte aber das geistliche Band. Der heilige Augustinus schreibt: „Seliger ist Maria dadurch, daß sie den Glauben an Christus vollzog, als daß sie das Fleisch Christi empfing.« Und er erläutert: „Die mütterliche Nähe hätte ihr nichts genützt, wenn sie nicht glücklicher Christus im Herzen als im Leibe getragen hätte.«3
Maria hat Jesus in ihrem Schoß empfangen, ihn geboren, genährt und erzogen. Diese Haltung einer guten Mutter war von Anfang an durch ihr Jawort in den Plänen Gottes verankert und erhielt in der Perspektive des göttlichen Heilsplanes – wie alles, was menschlich ist, wenn es sich in sie einfügt – einen umfassenderen Sinn. Maria gehört in diese neue, von Christus eröffnete Dimension, in diese neue Familie als Mutter Jesu und unsere Mutter. Auch wir gehören zu dieser Familie, deren Bindungen stärker sind als die des Blutes. Sie festigen sich in dem Maße, in dem wir den göttlichen Willen zu erfüllen suchen – eingedenk des Wortes, das jener, dem wir folgen, von sich sagte: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.4
Prüfen wir heute in unserem Gebet, ob wir bereit sind, in allem den Willen Gottes zu erfüllen: im Großen wie im Kleinen, im Leichten wie im Mühsamen, wenn wir ihn verstehen wie wenn er uns rätselhaft erscheint. Maria, die Jesus erzogen hat, möge auch uns erziehen. „Schon damals in Nazaret hat sie jenen Satz gesprochen, den uns dann der Herr selber zu beten gelehrt hat: Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.«5 Jesus weist Maria nicht zurück, sondern rückt ihre umfassende Mutterschaft ins Licht.
II. Gott „ruft alle durch die Sünde voneinander getrennten Menschen in die Einheit seiner Familie, die Kirche. Er tut es durch seinen Sohn, den er als Erlöser und Retter gesandt hat, als die Zeit erfüllt war.«6 Maria steht am Anfang dieser Familie. »Ist nicht gerade Maria die erste unter denen, >die das Wort Gottes hören und danach handeln.«7 Sie zeigt uns, daß wir durch die Berufung zum Glauben dieser Familie Gottes angehören, und lehrt uns die freudige Konsequenz dieser Zugehörigkeit: die Erfüllung des göttlichen Willens in allen Dingen. Darin besteht die Heiligkeit, die wir erstreben: »Dies ist der Schlüssel, um die Tür zu öffnen und in das Himmelreich einzugehen: >Qui facit voluntatem Patris mei qui in coelis est, ipse intrabit in regnum coelorum<, wer den Willen meines Vaters tut..., der wird eintreten!.«8 Alles, was Jesus tut, steht unter dem Gesetz: Ich bin nicht vom Himmel herakgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.9 Er sagt es freudig, nicht resigniert, als wäre es eine Einschränkung seiner Möglichkeiten.
Die Nachfolge Christi, um die wir uns bemühen, bedeutet an erster Stelle: lieben, was Gott will, ob wir es verstehen oder nicht. Wie beten ja: Dein Wille geschehe… „Soll diese Bitte ernst sein, dann muß sie zugleich bedeuten, daß der Betende sich diesem heiligen Geschehen zur Verfügung stellt: sich bereit macht, zu tun, was er an seiner Stelle dafür tun soll, und auf sich nimmt, was mit jener Verwirklichung verbunden ist, auch wenn es schwer ist. Der Wille Gottes über sein Reich verwirklicht sich nicht so, wie der über das Kreisen der Gestirne und das Wachstum der Bäume. Das ist den Naturgesetzen anvertraut, das Werden des Gottesreiches hingegen vollzieht sich im Raum der Freiheit. So muß der Mensch es wollen; jeweils der, den es angeht, also jener, der da betet.«10
Aber wie zeigt sich der Wille Gottes? In den Zehn Geboten haben wir die ersten, entscheidenden Anhaltspunkte. Christus bekräftigt den Dekalog, gibt uns aber zugleich das Gesetz des Evangeliums; es „erfüllt, übersteigt und vervollkommnet das alte Gesetz. Dessen Verheißungen werden durch die Seligpreisungen des Himmelreiches erfüllt und dessen Gebote durch die Erneuerung des Herzens, dem Ursprung aller Handlungen.«11 Im Lichte des neuen Gesetzes »der Gnade, der Liebe und der Freiheit«12 sind wir in der Lage, die Gebote der Kirche, die Anweisungen des Lehramtes und auf einer anderen Ebene – die Ratschläge der geistlichen Leitung als seine Sorge um uns dankbar anzunehmen.
= 12 sind wir in der Lage, die Gebote der Kirche, die Anweisungen des Lehramtes und – auf einer anderen Ebene – die Ratschl„ge der geistlichen Leitung als seine Sorge um uns dankbar anzunehmen.In diesem Lichte erkennen wir auch in unseren Lebensverhältnissen den Anruf Gottes. Niemals werden wir Gott lieben, niemals werden wir uns heiligen, wenn wir nicht treu um die Erfüllung unserer Standespflichten bemüht sind: in der Hingabe an die Familie, den Beruf, die Freunde, die Aufgaben in der Gesellschaft. Wenn wir diese Pflichten als Willen des Herrn erkennen und lieben, finden wir die Kraft, sie gut zu tun; sie sind das Feld, auf dem wir die natürlichen und die übernatürlichen Tugenden üben. Die heilige Theresia von Avila erläutert dies im Zusammenhang mit dem Beten: „Es wäre doch arg, wenn wir uns weigern würden, etwas sehr Wichtiges sofort zu vollbringen, wozu uns Gott in deutlicher Weise den Auftrag gegeben, sondern es vorzögen, der Beschauung zu obliegen, weil dies mehr unserem Willen entspräche. Das wäre ein seltsamer Fortschritt in der Liebe Gottes und hieße nichts anderes, als ihm die Hände binden in dem Wahn, er könne uns nur auf einem Weg voranbringen.«13
Schließlich gibt sich uns der Wille Gottes durch Ereignisse zu erkennen, die er zuläßt, deren Sinn wir aber nicht immer gleich erfassen; ja manchmal sträubt sich der Eigenwille sogar dagegen. Aber – auch hier vom neuen Gesetz der Gnade erleuchtet – verweilen wir beim Herrn und sagen ihm: „Jesus, was du auch >willst<..., ich liebe es.«14 Hinterjedem Ereignis waltet – verborgen – die Vorsehung eines Vaters.= 14 Hinter jedem Ereignis waltet – verborgen – die Vorsehung eines Vaters.
Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. Es ist wohltuend, uns in der Hektik des Alltags ab und zu zu fragen: Was will Gott von mir hier und jetzt? Wie soll ich diesem Menschen begegnen, diese Aufgabe erfüllen? Die grundlegenden Bedingungen dafür schildert der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart: „Das kräftigste Gebet und das wohl allermächtigste, alle Dinge zu erlangen, auch das allerwürdigste Werk vor allen Dingen ist jenes, das aus einem ledigen Gemüt hervorgeht. Je lediger es ist, desto kräftiger, würdiger, inniger, löblicher und vollkommener sind das Gebet und das Werk. Das ledige Gemüt vermag alle Dinge.
Doch was ist ein lediges Gemüt?
Das ist ein lediges Gemüt, das durch nichts belastet oder beirrt ist, auch an nichts gebunden ist, das in keinerlei Weise das Seine im Sinne hat, vielmehr ein solches Gemüt, das in den liebsten Willen Gottes eingesenkt ist und sich des Seins entäußert hat. Nie mag der Mensch ein noch so geringes Werk wirken, das nicht hieraus – eben aus einem ledigen Gemüt heraus – seine Kraft und sein Vermögen schöpft.«15
Der Herr läßt uns beten: Dein Wille geschehe und zugleich wünschen, daß sein Reich komme. Das geschieht, indem wir fügsam und gehorsam, gläubig und hoffend den Eigenwillen überwinden, wo wir ihn betend als Ichsucht entlarven; indem wir eine bestimmte Handlungsweise ändern, eine Denkgewohnheit korrigieren – und so Raum für Gottes Pläne schaffen.
„Bei seinem Eintritt in die Welt hat Jesus gesagt: Ja, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun (Hebr 10,5ff). Jetzt sind wir an der Reihe. Das ganze Leben kann Tag für Tag im Zeichen des Wortes stehen: >Ja, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun!< Wir wissen nicht, was dieser Tag, dieses Treffen, diese Arbeit uns bringen werden; wir wissen nur eins mit Sicherheit: daß wir in allem den Willen Gottes tun wollen. Wir wissen nicht, was die Zukunft für jeden von uns bereithält; aber es ist schön, ihr entgegenzugehen mit den Worten auf den Lippen: >Ja, ich komme, o Gott, um deinen Willen zu tun<.«16
Uns dem Willen Gottes überlassen, uns ihm vorbehaltlos anvertrauen – so tut sich das weite Feld der Hingabe auf. Hier vollzieht sich das große Wagnis des Glaubens und des Vertrauens. „Annehmen und freudig bejahen die vielen kleinen Freuden, die er uns jeden Tag macht, materielle und geistige, natürliche und übernatürliche Freude, in der Natur mit ihrer Sonne und ihren Blumen, in der Familie, im Umgang mit den Menschen, in der Arbeit, im Umgang mit Gott, mit Christus, mit Maria und den Heiligen! Annehmen und bejahen die vielen Leiden und Schwierigkeiten des täglichen Lebens, die inneren Trockenheiten, die Versuchungen ebenso wie alles Harte und Unangenehme im äußeren Leben! Sie sind nichts anderes als das Wirken Gottes, die Tätigkeit des Willens des Wohlgefallens Gottes an uns, das Zeugnis und der Ausdruck seiner Liebe zu uns, seines Willens, uns zu retten, zu reinigen, zu heiligen und für einen großen Himmel zu bereiten.«17
Unsere Liebe Frau ist „Meisterin der Hingabe ohne Grenzen«18 »Folge ihr, und du wirst nicht vom Wege weichen. Bitte sie, und niemals bist du hoffnungslos. Denk an sie, dann irrst du nicht. Hält sie dich fest, wirst du nicht fallen. Schützt sie dich, dann fürchte nichts. Führt sie dich, wirst du nicht müde. Ist sie dir gnädig, dann kommst du ans Ziel.«19
Mk 3,31-35. – 2 vgl. Lk 2,19; 2,51. – 3 Augustinus, Über die Jungfräulichkeit, 3. – 4 Joh 4,34. – 5 Johannes Paul II., Ansprache in Kevelaer, 2.5.1987. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 1. – 7 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 20. – 8 J. Escrivá, Der Weg, Nr.754. – 9 Joh 6,38. – 10 R. Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.130. – 11 Katechismus der Katholischen Kirche, 1984. – 12 ebd., 1985. – 13 Theresia von Avila, Buch der Klosterstiftungen, 5,4. – 14 J. Escrivá, Der Weg, Nr.773. – 15 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.36. – 16 R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.292. – 17 B. Baur, Still mit Gott, Krefeld 1957, S.169. – 18 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.33. – 19 Bernhard von Clairvaux, Homilie Über die Jungfrau Maria, 2,17.
