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WEIHNACHTSZEIT
7. JANUAR

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DIE FLUCHT NACH ÄGYPTEN. TUGENDEN DES HEILIGEN JOSEF

Eine beschwerliche Reise. Gehorsam, Starkmut und Josefs Vertrauen.

In Ägypten. Nachahmenswerte Tugenden.

Standhaftigkeit im Alltag.

 

I. Die Weisen hatten den Heimweg angetreten, und beglückt besprachen Maria und Josef sicherlich die Ereignisse jenes Tages. In der Nacht dann erscheint ein Engel Josef und befiehlt ihm: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.1 Am Ende eines glückerfüllten Tages erscheint das Zeichen des Kreuzes.

Überstürzt und nur mit dem Allernotwendigsten verließen Josef und Maria Betlehem. Was sich so greifbar wirklich hier ereignet, ist ein tiefes Mysterium: der menschgewordene Sohn Gottes sucht Schutz, weint und schläft in den Armen Marias und Josefs.

Die Flucht nach Ägypten muß äußerst beschwerlich gewesen sein: mehrere Tagesmärsche auf schlechten Wegen … die Furcht, eingeholt zu werden … Durst und Erschöpfung … Um nach Ägypten zu gelangen, wo Herodes ihnen nichts mehr anhaben konnte, brauchte man unter den obwaltenden Umständen – wahrscheinlich benutzten sie nur Nebenwege – etwa eine Woche. Es war ein ermüdender Marsch durch die Wüste. Der himmlische Vater aber wollte denen, die er am meisten liebte, diese Mühsal nicht ersparen, damit wir erkennen, daß sich aus Schwierigkeiten großer Nutzen ziehen läßt. Die Nähe Gottes bedeutet nicht Befreiung von Sorgen und Schwierigkeiten. Gott hat uns lediglich ein frohes Herz und die Entschiedenheit zugesagt, sie meistern zu können.

Zügig folgte die Heilige Familie dem Weg, den ihr der Engel bezeichnet hatte. »Josef blieb gelassen und sagte nicht: >Das ist mir ein Rätsel. Du selbst hast vor kurzem erklärt, daß er sein Volk erretten wird, und nun ist er nicht einmal in der Lage, sich selbst zu retten. Wir sind auf der Flucht und müssen einen beschwerlichen Weg auf uns nehmen und lange von zu Hause fortbleiben: Steht das nicht im Widerspruch zu deinem Versprechen?< Nein, Josef beginnt nicht, auf diese Weise zu lamentieren, denn er ist ein Mann, der treu ist.«2

Josef stellte sich vorbehaltlos der schwierigen Lage und, voll darauf vertrauend, daß Gott ihn nicht im Stich lassen wird, tat er alles, was in seinen Kräften stand. Nicht anders sollten auch wir uns verhalten, wenn Schwierigkeiten kommen oder gar eine echte Notlage, dann, wenn es nicht einfach ist, Gottes lenkende Hand in unserem eigenen oder im Leben eines Menschen zu erkennen, der uns besonders nahesteht. Vielleicht verlangt man uns etwas ab, was wir glauben, nicht geben zu können. Am Tage nach seiner Wahl zum Papst sagte Johannes Paul I.: »Gestern morgen ging ich ruhig zur Sixtinischen Kapelle, um an der Wahl teilzunehmen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, was dann geschah. Als mir klar wurde, was da auf mich zukam, flüsterten mir die beiden Amtsbrüder an meiner Seite Worte der Ermutigung zu. Einer von ihnen sagte: >Nur Mut! Wem der Herr eine Last auferlegt, dem hilft er auch, sie zu tragen.<«17

 

II. Nach einer langen und mühseligen Wanderung gelangten Maria und Josef an ihr Ziel. In jener Zeit wohnten zahlreiche Juden in Ägypten, die sich dort zu kleinen Gemeinden zusammengeschlossen hatten; sie widmeten sich vornehmlich dem Handel. Es ist anzunehmen, daß sich Josef mit seiner Familie einer dieser Gemeinden in der Absicht anschloß, mit den wenigen Habseligkeiten, die er aus Betlehem hatte herüberretten können, sich eine neue Existenz aufzubauen. Das Wichtigste jedenfalls hatte er bei sich: Jesus und Maria, aber auch seinen Arbeitssinn und seine Tatkraft, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz die Seinen durchzubringen. Obgleich jene Juden Angehörige seines Volkes waren, erfuhren sie nichts von dem, was sich unter ihnen zutrug: Bei ihnen lebte der Herrscher des Stammes Israel, der wahrhaftige Erlöser, der nicht nur aus der ägyptischen Gefangenschaft, sondern auch von etwas weitaus Schlimmerem als der Versklavung befreien konnte: von der Sünde. In ihm gipfelte die ganze Geschichte seines Volkes.

Im heiligen Josef sehen wir die Verkörperung einer ganzen Reihe von Tugenden: einen klugen und zupackenden Gehorsam, Glauben, Hoffnung, Arbeitsamkeit. Er war ein tapferer Mann im Großen wie im Kleinen, so wie es für jeden fürsorglichen Familienvater vonnöten ist. In Ägypten sorgte er dafür, daß Maria und Jesus ein Zuhause hatten.

Wenn der Herr manchmal Schwierigkeiten in unserem Leben zuläßt, sollten wir uns am Starkmut Josefs aufrichten und uns ihm anempfehlen, wie es viele Heilige getan haben. So sagt die heilige Theresia von Avila von seiner vermittelnden Hilfe: »Ich erinnere mich nicht daran, ihn bis zum heutigen Tage je um etwas gebeten zu haben, wofür er sich nicht eingesetzt hätte. Es ist überwältigend, welch große Gnaden Gott mir durch diesen glückseligen Heiligen erwiesen hat, aus wievielen Gefahren für Körper und Seele ich durch ihn gerettet wurde; anscheinend hat Gott anderen Heiligen Macht verliehen, in bestimmten Notfällen einzugreifen; dieser ruhmreiche Heilige jedoch, davon konnte ich mich überzeugen, vermag immer zu helfen. Offenbar will Gott uns zu verstehen geben, daß er im Himmel all das tut, worum Josef ihn bittet, so wie er auf Erden unter seiner Leitung stand, wo Josef als Erzieher den Titel eines Vaters trug und über ihn bestimmen konnte. Andere Menschen, denen ich geraten habe, sich ihm anzuvertrauen, haben dies ebenfalls erfahren, und nicht anders viele, die ihn verehren«4.

 

III. Selbst als die Gefahr nicht mehr bestand und Josef eigentlich nichts mehr im fremden Land hätte zurückhalten sollen, blieb er dort, um den Auftrag des Engels treulich zu erfüllen: dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage5. Ergeben und geduldig blieb er also in Ägypten, seiner Arbeit nachgehend, als würde er diesen Ort niemals mehr verlassen. Ist es nicht auch für uns wichtig, an dem Ort zu verharren, an den wir gehören, den Aufgaben nachzugehen, die jedem von uns gestellt sind, und nicht der Versuchung nachzugeben, ständig den Ort zu wechseln! Dazu brauchen wir Starkmut, um »die Tugend der Geduld in ihren menschlichen und göttlichen Zügen richtig zu bewerten«6 Starkmut besitzt, »wer beharrlich nach seinem Gewissen handelt; wer den Wert einer Handlung nicht nach dem eigenen Vorteil, sondern nach dem Dienst für andere bemisst«7.

Wir wollen den heiligen Josef bitten, er möge uns lehren, stark zu sein, stark nicht nur in außergewöhnlichen und schwierigen Lebenslagen, in Verfolgung, Martyrium oder einer schmerzhaften und gefährlichen Krankheit, sondern auch in den kleinen Dingen des Alltags: Beharrlich bei der Arbeit, freundlich, wenn uns nicht danach ist, verständnisvoll allen gegenüber.

»Der Mensch weicht von Natur aus Gefahren, Beschwernissen, dem Leid aus. Daher müssen tapfere Menschen nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Fluren der Krankenhäuser oder an den Schmerzlagern gesucht werden«8: in den Pflichten des Alltags.

Ein wichtiger Aspekt dieser Tugend des Starkmuts ist die innere Kraft, um hartnäckige Fehler zu überwinden: Überheblichkeit, Ungeduld, Schüchternheit oder falsch verstandene menschliche Rücksichtnahme etwa. Ausdruck von Standhaftigkeit sind: Selbstlosigkeit, die Fähigkeit, eigene Probleme nicht überzubewerten, im stillen zu wirken und ohne Aufhebens anderen zu dienen.

Im Apostolat äußert sich diese Tugend auf mannigfache Weise: ohne Menschenfurcht von Gott zu sprechen; in einer säkularisierten Umwelt sich als Christ zu verhalten; mutig nach neuen Möglichkeiten zu suchen, an mehr Menschen die christliche Botschaft heranzutragen.

Mit Taktgefühl und immer auch mit großer Liebenswürdigkeit und mit Geduld sollten in der Familie auch die Mütter diese Tugend üben. Sie werden so buchstäblich zum festen Fels, auf dem das ganze Haus ruht. »Es ist nicht das Lob des schwachen, sondern des starken Weibes, das die Bibel singt, wenn es im Buch der Sprüche heißt: >Das Gesetz der Milde ist auf ihrer Zunge< - Geduld ist Kraft in der höchsten Potenz.

Zum Vorrecht der mütterlichen Frau gehört jene stille, so überaus wichtige Funktion des Warten- und Schweigenkönnens, jene Fähigkeit, auch einmal zu Unrecht eine Schwachheit zu übersehen, zu schonen, zu bedecken – sie ist als Tat der Barmherzigkeit nicht weniger Wohltat als das Bedecken der leiblichen Blöße.«9

Lernen wir heute, all das, was uns der Herr im Alltag aufträgt, mit Elan und Starkmut in Angriff zu nehmen: Familie, Arbeit, Apostolat … Seien wir uns bewußt, daß wir in aller Regel auf Schwierigkeiten stoßen werden, die wir mit Hilfe der Gnade jedoch überwinden können.

 

 Mt 2,13. – 2 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 8,3. – 3 Johannes Paul I., Angelus, 27.8.1978. – 4 Theresia von Avila, Leben, 6. – 5 vgl. Mt 2,13. – 6 J. Escrivá, Freunde Gottes, 78. – 7 ebd., 77. – 8 Johannes Paul II., Über den Starkmut, 15.11.1978. – 9 Gertrud von Le Fort, Die ewige Frau, Olten 1947, S.127.