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JAHRESKREIS
6. WOCHE – DIENSTAG

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Die Heilssendung der Kirche

Universalität der Sünde, Universalität des Heiles.

Das neue Gottesvolk.

Im Mysterium schon gegenwärtiges Reich Christi.

 

I. »Die Schrift und die Überlieferung der Kirche erinnern immer wieder daran, daß es Sünde gibt und daß sie in der Geschichte des Menschen allgemein verbreitet ist. (…) Alle Menschen sind in die Sünde Adams verwickelt. Der heilige Paulus sagt: >Durch den Ungehorsam des einen Menschen< wurden >die vielen (das heißt alle Menschen) zu Sündern< (Röm 5,19). >Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten< (Röm 5,12).«

Die heutige Lesung aus dem Buch Genesis2 veranschaulicht, wie seit der ersten Sünde eine wahre Sündenflut die Welt überschwemmt. Gestern betrachteten wir den Mord Kains an seinem Bruder Abel, heute die allgemeine Verderbnis: Der Herr sah, daß auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und daß alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. »Hier steht eine harte grundsätzliche Aussage über das >Herz< des Menschen und eine zweite über das Herz Gottes. >Herz< im biblischen Sinn ist die tiefe Mitte des Menschen: Gefühl, Verstand und Wille; der Ort, wo die Entscheidungen fallen. Die Bibel spricht von Gott so, wie man von einer menschlichen Person spricht, nicht um Gott auf die Stufe des Menschen herabzuholen, sondern einfach um Gott für die Menschen überhaupt zugänglich und verständlich zu machen. (...) Dieser Gott also ist bekümmert und enttäuscht. Um die Menschheit überhaupt zu retten, wird ein Gericht notwendig sein, das fast einer Vernichtung gleichkommt. Dennoch: Gott haßt seine Schöpfung nicht; ein Rest wird gerettet werden, und mit diesem Rest, mit Noach und seinen Söhnen, wird die Menschheitsgeschichte neu beginnen.«3 So sprach der Herr zu Noach: Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus, denn ich habe gesehen, dass du unter deinen Zeitgenossen vor mir gerecht bist.4

Die Überlieferung der Kirche findet »in den Werken Gottes im Alten Bund >Vorformen< (Typologien) dessen, was Gott dann in der Fülle der Zeit in der Person seines menschgewordenen Wortes vollbracht hat« Diese Sehweise, die auf der Einheit des göttlichen Heilsplanes im Alten und Neuen Testament gründet, geht auf die Urzeit der Kirche zurück. Gerade die biblische Stelle der heutigen Lesung erscheint im ersten Petrusbrief als ein Typus der Taufe: In der Arche wurden nur wenige Menschen durch das Wasser gerettet. Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet.6 Von daher sehen die Kirchenväter in Noach die Gestalt Christi angedeutet, den Anfang einer neuen Schöpfung. Und die Arche erscheint als ein Abbild der Kirche, die trotz aller Stürme nicht untergeht.

Die schon zitierte Stelle aus dem Katechismus der Katholischen Kirche endet mit diesen Worten: »Der Universalität der Sünde und des Todes setzt der Apostel die Universalität des Heils in Christus entgegen: >Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen (die Tat Christi) für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt< (Röm 5,18).«7

 

II. Auch nach der Sünde gewährte Gott dem Menschen »Hilfen zum Heil um Christi, des Erlösers, willen«. So war die Kirche »schon seit dem Anfang der Welt vorausbedeutet« und »in der Geschichte des Volkes Israel und im Alten Bund (…) vorbereitet.« Von Anfang an »beruft und heiligt Gott den Menschen ja nicht als isoliertes Individuum, sondern als ein Wesen, das auf Gemeinschaft angelegt ist und nur in Gemeinschaft seine Erfüllung finden kann. Niemand kann allein glauben und allein Christ sein: keiner kann sich das Evangelium selber sagen. Jeder ist darauf angewiesen, daß ihm der Glaube von anderen bezeugt wird und daß er von anderen in seinem Glauben getragen und gestützt wird. Jeder ist hineingenommen in die große Kette der Glaubenden und in die Zeiten und Räume umgreifende Gemeinschaft der Glaubenden. So hat Gott von Anfang an die Menschen nicht als einzelne versprengte gläubige Seelen berufen, sondern ein Volk gesammelt, in dem und durch das jeder einzelne getragen wird und in dem er selbst die anderen trägt.«10

Christus knüpft an die alttestamentlichen Verheißungen an und legt durch seine Verkündigung die Fundamente der Kirche. In Kreuz und Auferstehung des Herrn wird sie – der Neue Bund, das neue Volk Gottes – eigentlich begründet. »Das Johannes-Evangelium sagt, daß Jesus als der ans Kreuz und zur Rechten des Vaters Erhöhte alle an sich zieht.«= 11 Der Herr beruft aus dem weiteren Kreis seiner Jünger die Zwölf – die die zwölf Stämme Israels repräsentieren sollen – in seine engere Gefolgschaft und beteiligt sie in besonderer Weise an seiner Sendung und Verkündigung. Vor seiner Himmelfahrt gibt er  Der Herr beurft aus dem weiteren Kreis seiner Jünger die Zwölf – die die zwölf Stämme sraels repräsentieren sollen – in serine engere Gefolgschaft und beteiligt sie in besonderer Weise an seiner Sendung und Verkündigung. Vor seiner Himmelfahrt gibt er ihnen den Auftrag, sein Heilswerk fortzuführen.12

Die Gründung der Kirche ist die konkrete Art und Weise, wie der Heilswille Gottes sich sozusagen »zeitlos« als Heilsgeschichte – in der Zeit verwirklicht. Sie ist reale, geheimnisvolle Gegenwärtigsetzung Gegenwärtigsetzung in jeder menschlichen Generation des damals Geschehenen, und zwar in einer Weise, die Zeit und Geschichte übersteigt. Der einzelne in seiner jeweiligen Zeit k= als Heilsgeschichte – in der Zeit verwirklicht. Sie ist reale, geheimnisvolle Gegenwärtigsetzung in jeder menschlichen Generation des damals Geschehenen, und zwar in einer Weise, die Zeit und Geschichte übersteigt. Der einzelne in seiner jeweiligen Zeit ann darin eintreten. Die Kirche bekennt also, daß in ihr und durch sie Christus in der Geschichte weiterwirkt. »Sie glaubt, daß sie der Ort, ja das Sakrament, das heißt das Zeichen und das Werkzeug des Wirkens des Heiligen Geistes ist. «13 Durch sie werden alle Menschen »zu dieser Einheit mit Christus gerufen, der das Licht der Welt ist: Von ihm kommen wir, durch ihn leben wir, zu ihm streben wir hin«.

In der Sprache der Dichtung sagt die Kirche über sich selbst: »Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind, / und aus meiner Seele leuchten nach dem Ew’gen viele Heiden! / Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter, / ich war dunkel in den Sprüchen aller ihrer Weisen. / Ich war auf den Türmen ihrer Sternsucher, / ich war bei den einsamen Frauen, auf die der Geist fiel. / Ich war die Sehnsucht aller Zeiten, / ich war das Licht aller Zeiten, ich bin die Fülle der Zeiten. / Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig. / Ich bin die Straße aller ihrer Straßen: / auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott!«15

 

16 warnt der Herr die Jünger: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes. Sie mißverstehen diese Mahnung. Spontan geben sie den Worten eine naheliegende Bedeutung: Sie machten sich Gedanken, weil sie kein Brot bei sich hatten. Der Herr muß sie auf all das Große hinweisen, das sie erlebt haben: Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören?

Auch wir sind – wie die Jünger damals – der Versuchung ausgesetzt, die göttlichen Geheimnisse auf die Ebene unserer alltäglichen Vorstellungen herunterzuholen. Gott hat sie uns geoffenbart, damit wir aus ihnen leben. Eines dieser Geheimnisse ist die Kirche. Sie versteht sich selbst als »das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi, das durch die Kraft Gottes sichtbar in der Welt wächst.«17 Mit ihr geschieht etwas Ähnliches wie mit der Menschwerdung Christi: Sichtbares und Unsichtbares, Irdisches und Übernatürliches sind in einer einzigen, komplexen Wirklichkeit vereint. Beides gehört zusammen: die Größe Gottes und die Erbärmlichkeit des Menschen; sichtbare Struktur einer mit Leitungsorganen ausgestatteten und unsichtbar geeinte Gemeinschaft. So ist sie Ort der Heiligkeit und der Bedürftigkeit, des Erhabenen und des Gemeinen, ein bewundernswertes und zugleich ärgerniserregendes Zusammenkommen von Göttlichem und Menschlichem.

Umgang mit der Kirche bedeutet Umgang mit Christus, ihrem Haupt, und mit allen ihren Gliedern: mit den jetzt lebenden Brüdern und Schwestern und mit allen, die – mit Christus verbunden – in der Vergangenheit gelebt haben. Denn die Kirche überschreitet Raum und Zeit: »Kirche wächst von innen nach außen, nicht umgekehrt. Sie bedeutet vor allem innerste Gemeinschaft mit Christus; im Leben des Gebetes, im Leben der Sakramente; in den Grundhaltungen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe formt sie sich. Wenn also jemand fragt: was muß ich tun, damit Kirche werde und fortschreite, so muß die Antwort heißen: Du mußt vor allem danach trachten, daß Glaube sei, daß gehofft und geliebt werde. Das Gebet baut die Kirche und die Gemeinschaft der Sakramente, in der ihr Beten auf uns zugeht. (…) Kirche wächst von innen – das sagt uns das Wort vom Leibe Christi, aber es schließt gerade so auch das andere ein: Christus hat sich einen Leib gebaut, und in ihn muß ich mich einfügen als demütiges Glied – anders ist er nicht zu finden und zu haben, so aber ganz, weil ich sogar sein Glied, sein Organ in dieser Welt und damit für die Ewigkeit geworden bin.«18

Die Glieder Christi erfahren wie er das Leid am eigenen Leib. Das Blutzeugnis hat immer die Geschichte der Kirche begleitet, und auch heute gibt es Kirchenverfolgungen. In unserer Zeit ist besonders jene andere Form des Zeugnisses aktuell, die im Bekenntnis besteht. Denn »es gibt wohl zur Zeit in der öffentlichen Meinung Westeuropas kaum eine Institution, die mehr diffamiert und gehaßt wird, als die Kirche. Wir bekommen es auch hier zu spüren, daß Christ-Sein, Kirche-Sein Teilhabe an der Passion Christi bedeutet.«19 Solche Situationen können Anlaß zür persönlichen Gewissenserforschung sein: Stärken wir unseren Glauben durch regelmäßige Lektüre, vor allem durch die Kenntnis der Dokumente des Lehramtes? Oder lassen wir uns zu leicht von gängigen Vorurteilen beeinflussen? Sind wir kritisch genug? »Meinungsforschung und Werbung sind für uns keine Kriterien. Die Frage ist, wer sagt uns, was wir brauchen, und wer führt uns, etwa mit Mitteln der Meinungsforschung und der Werbung, bloß dahin, wohin er uns haben will? Wo sind wir frei und wo werden wir insgeheim gesteuert als Menschen, die man an ihren Wünschen und Emotionen ziehen kann wie Marionetten, auch in der Kirche? Wissen wir auf all das klare Antworten? Ich kenne nur die eine aus dem Mund der Mutter Christi, die den Jüngern sagt: >Was er euch sagt, das tut.«20

 

Katechismus der Katholischen Kirche, 401 und 402. – 2 Gen 6,5-8; 7,1-5.10. – 3 Schott-Messbuch für die Wochentage, Teil I, S.883. – 4 Gen 6,5-8. – 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 128. – 6 vgl. 1 Petr 3,20. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 402. – 8 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 2. – 9 ebd. – 10 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.258. – 11 ebd. S.259. – 12 vgl. Mt 28,18-19. – 13 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, S.256. – 14 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 2. – 15 Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche, München 1924, S.19. – 16 Mk 8,14-21. – 17 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 3. – 18 J. Ratzinger, Mitarbeiter der Wahrheit, Würzburg 1992, S.40. – 19 J. Meisner, Unsere Hoffnung stärke euch, Köln 1989, S.27. – 20 J. Meisner, Gedanken zur Neuevangelisierung, in: Seelsorge am Anfang?, St. Ottilien 1990 S.22.