Nachster tag

Jahreskreis
20. Woche – Freitag

17

Mit ganzem Herzen

Gottes zuvorkommende Liebe.
Die Liebe Christi erschließt dem Menschen seine höchste Berufung.
Selbstliebe und Nächstenliebe.

I. Meister, welches Gebot im Gesetz ist das Wichtigste? Der Evangelist informiert uns über die innere Absicht des Fragenden; denn der Gesetzeslehrer wollte ihn auf die Probe stellen1. »In welchem Raume läuft die Frage? Nicht in dem der lebendigen Wahrheit, sondern der Gelehrtendisputation. Ja, sie ist nicht einmal so gemeint, als ein, wenn auch beschränkter, so doch anständiger Kampf von schulmäßig festgelegten Theologen, sondern nur als List. Jesus soll sich im Gestrüpp der Lehrmeinungen verfangen. Entweder soll er als Unwissender dastehen oder aber in Gegensatz zu irgendeiner angesehenen Gruppe kommen, so daß man dem Volke sagen kann: Ihr seht, er versteht nichts vom Gesetz!«2 Der Herr antwortet knapp und doch eingehender, als der Fragende erwarten konnte, zwei Gebote verbindend, die im Gesetz weit voneinander getrennt stehen: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mitganzer Seele und mit allen deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Auch wir wollen in unserem Gebet die Frage des Gesetzeslehrers stellen, aber weder nur theoretisch noch arglistig. Indem wir uns in die Antwort des Herrn vertiefen, lernen wir, das Hauptgebot der Liebe nicht bloß als Gebot zu sehen, sondern als »die erste Gabe; sie enthält alle weiteren Gaben. Diese Liebe hat Gott >ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist< (Röm 5,5) «3. Gottes zuvorkommende Liebe zu uns ist die Quelle, aus der alles Gute strömt, und das Ziel, wohin alles fließt. »Hier wurzelt eure tiefste Freude, hier eure Kraft und euer Halt. Wenn ihr leider einmal Bitternis oder Drangsal zu ertragen habt, Unverständnis erfahrt oder sündigt, richtet gleich eure Gedanken auf den, der euch immer liebt. Mit seiner grenzenlosen Liebe – der Liebe eines Gottes – läßt er alle Prüfungen bestehen, füllt die Leere in uns aus, vergibt uns alle unsere Sünden und schenkt uns einen neuen Schwung zum Weitergehen auf einem sicheren und freudigen Weg.«4 Davon hängt es ab, ob ein Leben sinnerfüllt oder orientierungslos verläuft: »Es gibt keinen, der nicht liebt. Nur fragt sich, was er liebt. Es wird also von uns nicht verlangt, das Lieben aufzugeben, sondern zu wählen, was wir lieben wollen. Doch was wählen wir, wenn wir nicht zuvor erwählt werden? Wir lieben ja auch nicht, wenn wir nicht zuvor geliebt werden. (…) Wenn du darüber nachdenkst, wie der Mensch dazu kommt, Gott zu lieben, findest du nur den einen Grund: Gott hat ihn zuvor geliebt. Der, den wir lieben, hat sich hingegeben und schuf uns damit die Möglichkeit, selbst zu lieben. (…) Da wir eine solche Zuversicht besitzen, laßt uns Gott aus der Kraft Gottes lieben!«5 Dann erscheint alles, was uns widerfährt – auch das Mühsame und Bedrängende – als Gabe und Geschenk. Und wir entdecken, daß die Gottesliebe kein dem Menschen von außen hinzukommendes Gebot ist, sondern die eigentliche Art und Weise, wie der Mensch – Geschöpf und Kind Gottes – seinsgerecht lebt und sich verwirklicht.

Der heilige Bernhard sagt seinen Zuhörern: »Ihr wollt von mir hören, warum und wie man Gott lieben müsse. Nun denn: der Grund, Gott zu lieben, ist Gott selbst; das Maß der Liebe, ihn ohne Maß zu lieben. Ist das klar genug gesagt? Ja, aber nur für den, der es begreift.« Er will es auch denen, »die langsam sind im Auffassen« verdeutlichen: »Aus zweifachem Grunde muß man Gott um seiner selbst willen lieben, einmal, weil nichts mit mehr Recht, und dann, weil nichts mit größerem Nutzen geliebt werden kann. Die Frage, warum Gott geliebt werden soll, läßt eine doppelte Antwort zu. Man kann darüber im Zweifel sein, worüber die Entscheidung geht, ob er zu lieben ist um eines Verdienstes von seiner Seite und welchen Verdienstes willen oder um eines Vorteiles und welchen Vorteiles für uns. Auf beide Fragen gebe ich die gleiche Antwort: ich finde einfach keinen anderen Grund, ihn zu lieben, als ihn selbst. (…) Wenn wir also auf die Frage nach dem Grund unserer Gottesliebe sein Verdienst betrachten, so ist es vornehmlich dieses: er hat uns zuerst geliebt. Würdig fürwahr ist er aller Gegenliebe, besonders wenn wir bedenken, wer, wen und wie sehr er geliebt hat.«6

II. Die Liebe Gottes zu uns ist »die letzte Antwort auf alle Warum-Fragen der Bibel: Warum die Schöpfung, warum die Menschwerdung Gottes, warum die Erlösung… Wenn die gesamte Bibel als geschriebenes Wort sich in gesprochenes Wort verwandeln könnte und zu einer einzigen Stimme würde, so würde diese Stimme, die mächtiger ist als das Rauschen des Meeres, wohl ausrufen: >Gott liebt euch!< Jesus ist diese komprimierte Stimme der ganzen Heiligen Schrift, wenn er sagt: Der Vater liebt euch (Joh 16,27).«7 Die ganze Heilige Schrift tut nichts anderes, als daß sie uns »von der Liebe Gottes erzählt= 8. Die alttestamentlichen Propheten tun es mit Bildern aus dem innigsten Raum menschlicher Erfahrung: Gott kümmert sich um sein widerspenstiges Volk mit der Liebe eines Vaters – Ansporn und Fürsorge – und einer Mutter – Zärtlichkeit und Geborgenheit: Je m«8. Die alttestamentlichen Propheten tun es mit Bildern aus dem innigsten Raum menschlicher Erfahrung: Gott kümmert sich um sein widerspenstiges Volk mit der Liebe eines Vaters – Ansporn und Fürsorge – und einer Mutter – Zärtlichkeit und Geborgenheit: Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg. (…) Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, daß ich sie heilen wollte. Mit menschlichen Fesseln zog ich sie an mich, mit den Ketten der Liebe. Ich war da für sie wie die Eltern, die den Säugling an ihre Wangen heben.9

Angesichts der Größe der Gottesliebe fragt der Psalmist: Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst, des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?10 Gott antwortet auf diese erstaunte Frage des Menschen mit der entscheidenden Tat der Offenbarung seiner Liebe im Geheimnis der Menschwerdung: Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.11 »Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf. Denn Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen (Röm 5,14), nämlich Christi des Herrn; Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung.«12 Das Gelingen oder Mißlingen eines Lebens hängt von der Intensität der Antwort auf diesen Ruf ab. »Wer etwas mit ganzer Kraft heiß liebt, so daß ihm nichts anderes schmeckt und zu Herzen geht als allein das Gemeinte und nichts sonst – wahrlich: wo und bei wem immer ein solcher Mensch ist, was immer er beginnt, was immer er tut, nie verlischt in ihm das Geliebte. Und in allen (anderen) Dingen erblickt er eben jenes geliebten Dinges Bild. Es ist ihm in dem Maße gegenwärtig, in dem er es liebt, ja noch mehr. Dieser Mensch sucht nicht nach Ruhe, denn ihn stört keine Unruhe.«13 Dieser Mensch – können wir hinzufügen – sieht sich dort, wo Gott ihn hingestellt hat, von den Erweisen der göttlichen Liebe umgeben: Sie zeigt sich in gewöhnlichen wie in außergewöhnlichen Situationen, in freudigen Anläßen oder im Schmerz. Überall vermag er die Stimme Gottes zu vernehmen, die ihn fragt: »Denkst du an mich? Bin ich dir gegenwärtig? Suchst du mich als Halt, als Licht in deinem Leben, als deine Rüstung, als dein Alles?«14

Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat. Er, der Sohn, macht in der Abschiedsstunde die Jünger auf das Maß seiner Liebe aufmerksam: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.16 Johannes Chrysostomos entfaltet diese Worte des Herrn: »Ich bin dir Freund, ich bin dir Haupt und Glied, ich bin dir Bruder, Schwester, Mutter; alles bin ich dir, und nur dies will ich von dir: dein Vertrauter zu sein. Für dich wurde ich arm und bedürftig, für dich wurde ich gekreuzigt und begraben; für dich halte ich im Himmel Fürsprache bei Gott, dem Vater, und bin auf Erden sein Gesandter bei dir. Alles bist du für mich, Bruder und Miterbe, Freund und Glied. Was willst du noch?«17

Was wollen wir noch? Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben18. Nehmen wir uns vor, oft zu betrachten, von welcher Liebe der Herr getrieben wurde »und welche Liebe uns Gott gezeigt hat, daß er uns ein solches Pfand seiner Zuneigung schenkte, denn Liebe verlangt Gegenliebe«19.

III. Der Herr nennt ein zweites Gebot, das ebenso wichtig ist wie das erste: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Sollte aber die Liebe zum Nächsten nicht so sein, daß sie 20? Ist wie dich selbst nicht egoistisch? Wieso nimmt Jesus also die Selbstliebe als den selbstverständlichen Maßstab für die Nächstenliebe?

Selbstliebe gründet in der geschöpflichen Natur des Menschen. Er strebt »naturhaft und mit Notwendigkeit«20 nach Glückseligkeit. Dies geschieht »>von Schöpfungs wegen<, das heißt, es geschieht zwar einerseits aus dem innersten und eigensten Impuls der Kreatur; andererseits stammt der allererste Anstoß dieses Impulses nicht aus dem Herzen dieses gleichen geschaffenen Wesens, sondern aus dem alle Dynamik der Welt in Gang bringenden Akt der creatio; man könnte sagen, es stammt >von anderswo her< - wäre nicht der Creator uns innerlicher als wir uns selbst. (…) Wer den Menschen und also auch sich selber bis in die Tiefe der geistigen Existenz hinein als creatura begreift, der weiß zugleich, daß wir im Akt der Erschaffung, ohne gefragt worden zu sein, ja, ohne auch nur gefragt werden zu können, auf unser Ziel hin, wie ein Pfeil, abgeschossen worden sind und daß also in unserem Glückseligkeitsverlangen eine Schwerkraft wirkt, über die wir deshalb keine Gewalt haben, weil wir selber diese Schwerkraft sind.«21

Die Selbstliebe, die Jesus meint, wünscht dem Nächsten dasselbe wie was einer für sich selbst wünscht: die Gottesnähe, solange er noch unterwegs ist und die Vollendung in Gott am Ende des irdischen Weges. Sie schafft Anteilnahme und gibt die Kraft, die Schwächen und Fehler anderer in Geduld zu ertragen und – wenn möglich – ihnen zu helfen, sie zu überwinden: »Ich kann einfach nicht glauben, daß eine Seele, die der Barmherzigkeit so nahe gekommen ist und erkennt, wer sie ist und wieviel Gott ihr gegeben hat, daß also eine solche Seele es nicht fertigbrächte zu verzeihen und nicht geneigt wäre, zu dem wieder gut zu sein, der sie beleidigt hat, da sie ja das Geschenk und die Gnade vor Augen hat, die Gott ihr erwiesen hat. Darin sieht sie Zeichen seiner großen Liebe, und so ist sie glücklich, wenn sich ihr eine Gelegenheit bietet, um ihm ihre Liebe zu zeigen.«23 Dann spürt man, daß es keine Alternative: Gottesliebe oder Nächstenliebe gibt, und daß die Gottesliebe sich auch in der Sorge um die Not anderer ausdrückt. Meister Eckhart formuliert es anschaulich: »Wäre der Mensch in solcher Verzückung wie Sankt Paulus, und wüßte ich (in solcher Verfassung) von einem siechen Menschen, der von dir eines Süppleins bedürfte, ich hielte es für sehr viel besser, du ließest aus Liebe von dieser Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen mit desto größerer Liebe.«24

Die in Gott gründende Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern setzt nichts von dem außer Kraft, was uns aus eigenem an Liebe und Bejahung möglich und oft genug auch selbstverständlich ist; vielmehr umfaßt sie alle Gestalten menschlicher Liebe. So lieben wir einen Freund, »sofern er unser Gefährte in der Glückseligkeit sein wird (oder sein soll). Natürlich könnte man skeptisch fragen, was es denn in concreto besagen solle, den anderen als den möglichen Gefährten künftiger Glückseligkeit zu lieben. Was eigentlich könnte sich dadurch ändern? Ich glaube, es würde sich in der Tat sehr viel ändern, wenn ich es zustande brächte, einen anderen Menschen (sei dies der Freund, die Geliebte, der Sohn, der Nachbar, der Gegner und Konkurrent oder auch ein Unbekannter, der meiner Hilfe bedarf) wirklich als einen, ebenso wie ich selbst, zur Vollendung in der Glückseligkeit Berufenen (…) zu betrachten; der andere träte damit, für mein Bewußtsein, einfach in eine neue Dimension der Realität«25

Bitten wir Maria, die Mutter der schönen Liebe, um eine solche Liebe: fest gegründet in Gott, auf ihn hinzielend und offen für alle Menschen.

Mt 22,34-40. – 2 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.376. – 3 vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 733. – 4 Johannes Paul II., Ansprache, 1.3.1980. – 5 Augustinus, Predigt, 34,1-3.5-6. – 6 Bernhard von Clairvaux, Von der Gottesliebe, 1. – 7 R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.18. – 8 Augustinus, Vom ersten katechetischen Unterricht, 1,8,4. – 9 Hos 11,2-4. – 10 Ps 8,4-5. – 11 Joh 3,16. – 12 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 22. – 13 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.45. – 14 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.506. – 15 1 Joh 4,10. – 16 Joh 15,13. – 17 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 76. – 18 Gal 2,20. – 19 Theresia von Avila, Leben, 22,14. – 20 1 Kor 13,5. – 21 Thomas von Aquin, Summa theologica, I, q.94, a.1. – 22 J. Pieper, Über die Liebe, München 1972, S.125. – 23 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 36. – 24 Meister Eckhart, a.a.O., S.51. – 25 J. Pieper, a.a.O., S.178-179.