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JAHRESKREIS
29. WOCHE – MITTWOCH

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TREUE VERWALTER

Als Diener und Verwalter.
Was ist Verantwortung?
Unterschiedliche Gaben.

I. Gestern hörten wir im Evangelium von den Knechten, die mit angelegten Gürteln und brennenden Lampen auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist Das heutige Evangelium greift das Thema wieder auf, wechselt aber die Perspektive. Denn diesmal ist der Herr, der völlig unerwartet kommen wird, nicht nur für einige Stunden abwesend, sondern auf lange Zeit. Und der Herr des Hauses ist in diesem Gleichnis nicht Gott, sondern der Mensch; später wird er präziser als ein treuer und kluger Verwalter charakterisiert, den der Herr einsetzt und der nicht weiß, in welcher Stunde der Dieb kommt Im Mittelpunkt steht jetzt die Beständigkeit des Wachens, die Treue: Was hier veranschaulicht werden soll, ist »die absolute Ungewißheit darüber, wann der Dieb kommt. Die >Bereitschaft< besteht nicht mehr in der Wachsamkeit, sondern in der beständigen treuen Erfüllung der Pflicht, nämlich des Willens Gottes.«3

Petrus will wissen, auf wen sich das Gleichnis bezieht: Meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen? Der Herr antwortet nicht direkt. Er sagt nicht: »Ihr allein seid gemeint« oder: »Alle anderen sind gemeint« Doch wir ahnen, daß das Gleichnis jeden meint, denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. Jeden wird der Herr dann nach der Fruchtbarkeit seines Lebens richten: Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden» damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.5

Aber zugleich ahnen wir, daß sich das Gleichnis besonders an jene richten will, die im Auftrag des Herrn Leitungsaufgaben haben. In der Antwort Jesu auf die Frage des Petrus wird der genannt. Nun wird verständlich, daß dieser derselbe ist, der als der auf den Dieb wartende Herr erscheint: der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt. In einem Kommentar zum Neuen Testament heißt es: »Gemeint ist ein Oberknecht, dem der Herr für die Zeit seiner Abwesenheit die Aufsicht über die übrigen Knechte und die Mägde überträgt und zu dessen Aufgaben auch die gehört, den anderen ihre Tagesration an Nahrungsmitteln zu geben.«6 Auch der Apostel Paulus versteht sich als Verwalter von Geheimnissen Gottes und fügt hinzu: Von Verwaltern aber verlangt man, daß sie sich treu erweisen,7

bis der Herr kommt, der das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken . Christus erinnert uns durch dieses Gleichnis an die verschiedenen Formen der Verantwortung in seiner Kirche. Und wir vergegenwärtigen uns unsere besondere Pflicht, für jene zu beten, die vom Herrn den Auftrag erhalten haben, in seinem Namen die Geheimnisse Gottes zu verwalten.

II. Verantwortung ist die Fähigkeit, eine Antwort zu geben, Stellung zu beziehen. Der Mensch ist kein Gefangener der Natur, nicht in einen blinden Kreislauf eingebunden. Er weiß, daß seine persönliche Geschichte einmalig ist, nicht einer vermeintlichen ewigen Wiederkehr des Stirb und Werde unterworfen. Er stellt sich Fragen über sich selbst und über die Folgen seiner Handlungen. Er sieht sich nicht wie ein ziellos abgeschossener Pfeil, sondern – als Christ – in den göttlichen Heilsplan eingebunden. Als Bild und Gleichnis Gottes herrscht er über die Natur. Ihre physikalischen Gesetze mögen erklären, warum er stolpern und stürzen kann, nicht aber, warum er dem Freund die Treue hält oder die Unwahrhaftigkeit – trotz eigener Schwäche – verurteilt oder warum er sich verantworten muß.

Die Maßstäbe dieser Verantwortung sind verschieden: Wem aber viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen. Überlegen wir, welche konkreten Aufgaben der Herr uns anvertraut und wieviele Gnaden er uns geschenkt hat, um diese Aufgaben zu erfüllen. Absolut gesehen mögen unsere Aufgaben in Kirche und Welt wenig bedeutungsvoll erscheinen, konkret betrachtet sind sie jedoch als das von Gott jedem einzelnen zugedachte Austragungs- und Bewährungsfeld wichtig.

Gewiß, wir sind voller Armseligkeiten. Aber Gott ist Gott und in seiner Allmacht steht er mir, dem ganz Schwachen, bei, damit ich in meinem kleinen Bereich nach seinem Heilsplan wirken kann. Außerdem ist dieser Bereich gar nicht so klein, wie wir manchmal denken, denn: »du bist für deine Umgebung, Apostel, ein Stein, der in den See fällt. Löse du mit deinem Beispiel und Wort einen Kreis aus. Dieser erzeugt einen neuen, dieser wieder einen und wieder einen. Jeder größer als der vorhergehende.

Begreifst du jetzt die Größe deiner Sendung?«8

Vor dem Hintergrund des Gleichnisses von den arbeitenden Knechten und dem umsichtigen Verwalter liegt es nahe, in unserem heutigen Gebet besonders die berufliche Arbeit näher zu betrachten. Dort geben wir Gott die Ehre, dienen der Gesellschaft, bestreiten den Unterhalt der Familie und geben christliches Zeugnis. Daher die Notwendigkeit, das Berufliche unter einen hohen Anspruch zu stellen: »Wenn mitten in deiner gewohnten Arbeit der Wille nachläßt, dann halte dir wieder einmal folgendes vor Augen: >Studium, Arbeit: das ist wesentlicher Bestandteil meines Weges. Ein mangelndes Berufsprestige als Folge meiner Trägheit würde meine Aufgabe als Christ unmöglich, unwirksam machen. Es ist der Wille Gottes, daß ich mich um berufliches Ansehen bemühe, damit ich besser die Menschen erreichen und ihnen so helfen kann.<

Zweifle nicht daran: Wenn du deine Arbeit aufgibst, entziehst du dich und auch andere den göttlichen Plänen!«9

III. Verantwortung – das ist unsere Antwort auf die Gaben, die der Herr uns im Laufe unseres Lebens gewährt. Jeder hat seine Gnadengabe vor Gott, der eine so, der andere so, sagt Paulus. Es sind unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Der Apostel meint nicht nur außerordentliche Geistesbekundungen, sondern auch – wie sich aus den Beispielen an anderen Stellen ergibt – unspektakuläre Gaben und alltägliche Situationen wie Trösten und Ermahnen, Lehren und Dienen, Helfen und Leiten.

Das heutige Evangelium schließt mit einem Hinweis auf den verantwortungslosen Knecht. Er denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht zurück. Die Folge ist ein gewissensloses Handeln: Willkür, Unmenschlichkeit, Mißhandeln der Mitknechte – am Ende die schreckliche Strafe, wenn der Herr wiederkommt.

Wachsamkeit und Treue werden in uns wachsen, wenn wir zweierlei bedenken. Zuerst, daß der Herr einmal kommen wird, daß wir vor ihn hintreten werden, um Rechenschaft abzulegen. Aber dann auch, daß er schon gekommen ist, denn durch die Menschwerdung hat etwas begonnen, das durch die Jahrhunderte wirkt und bis zum Ende der Welt wirksam sein wird. Gott ist unter uns gegenwärtig: in seiner Kirche, im Wort und in den Sakramenten – ganz besonders im Sakrament der Eucharistie -, in den Mitmenschen, die er Brüder nennt. Wir dürfen jeden Tag den Blick auf ihn richten und versuchen, unsere Aufgaben mit der liebenden Verantwortung des Sohnes oder der Tochter gegenüber dem Vater, des Freundes gegenüber dem Freund wahrzunehmen. Dann begreifen wir besser, daß unsere Handlungen tatsächlich sind wie »ein Stein, der in den See fällt.«

Der Herr deutet die wirksame Zeugenschaft während der Zeit der Kirche an, wenn er spricht: Amen, amen, ich sage euch, wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater Der heilige Augustinus sagt, dies sei nicht so gemeint, »als ob der Schüler größer wäre als der Meister oder der Knecht größer als der Herr oder der Adoptivsohn größer als der Eingeborene oder der Mensch größer als Gott. (…) Denn nicht größer als ich wird der sein können, der an mich glaubt, aber ich werde auch dann Größeres tun als jetzt; Größeres durch den, der an mich glaubt, als ohne ihn durch mich.«16

Was heißt also, daß wir noch größere Werke vollbringen werden? Denn ich gehe zum Vater ist die Antwort. Weil Christus verherrlicht ist und uns den Geist sendet, der in seiner Kirche wirkt, bestehen die größeren Werke vor allem darin, daß die Menschen in der Kraft des heiligen Geistes Anteil am göttlichen Leben erhalten und zu Kindern Gottes werden. Durch seine Verherrlichung trennt sich Christus nicht von den Seinen, sondern bleibt – unsichtbar, aber real – gegenwärtig. Sein Heilswirken in der Welt wird nicht unterbrochen, es wächst und breitet sich aus. Mit ihm – dem Auferstandenen und Verherrlichten – vereint, können wir die größeren Werke tun: daß die Menschen mit dem Vater und untereinander eins werden. Das erflehen wir vereint mit den Aposteln, vereint mit Maria am Ende dieser Zeit des Gebetes.

12,36. – 12,39. – Regensburger Neues Testament, Bd.3, Regensburg 1955, S.223. – 12,41. – 5,10. – Regensburger Neues Testament, Bd.3, Regensburg 1955, S.223. – 4,1. – J.Escrivá, , Nr.831. – J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.781. – 7,7. – 12,6. – 12,8. – 12,7. – 12,28. – 14,12. – Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium, 72,1.