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JAHRESKREIS
9. WOCHE – SAMSTAG

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KLEINE DINGE, KLEINE LEUTE

Gottes Maßstäbe.
Kleine Dinge: Nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck der Liebe.
Wir – kleine Leute, im Kleinen treu.

I. Markus berichtet im heutigen Evangelium1, wie der Herr im Vorhof des Tempels nahe beim Opferkasten sitzt und das Kommen und Gehen der Leute beobachtet: Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Andere übersetzen: sie warf zwei Scherflein, das ist etwa einen Groschen, hinein2. Buchstäblich heißt es: sie legte zwei Lepta hinein, das ist soviel wie ein Quadrans3. »Wie Jesus mit allsehendem Auge weiß, war dies alles, was die Witwe besaß; sie behielt von den beiden Münzen nicht einmal die eine für ihre Bedürfnisse zurück.«4

Jesus nimmt diese Begebenheit zum Anlaß einer Jüngerbelehrung: Amen,ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluß hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.5

Der Herr lobt die Freigebigkeit der Frau für den Kult an heiliger Stätte, aber er lenkt den Blick der Umstehenden von der bescheidenen Gabe der armen Frau auf die Reichtümer ihres Herzens. Die Mitte der Belehrung ist ein Lob der Freigebigkeit, aber etwas anderes klingt ebenfalls an: der große Wert einer kleinen, unscheinbaren Gabe.

Für einen Tempelbuchhalter fällt jene kleine Opfergabe kaum ins Gewicht, für Jesus war sie wohl die wichtigste Gabe des Tages. Seine Sicht ist ganz anders als die landläufige. Was beeindruckt uns denn meistens? Das Große, Gewaltige, Aufsehenerregende. Jesus aber ist schon vom Kleinen gerührt, wenn es aus Liebe geschieht.

Der Herr will jene, die er als Fundament der Kirche auserkoren hat, an seine Einschätzung der Wirklichkeit gewöhnen. Sie sollen lernen, wie das Herz Gottes zu erreichen ist: vor allem durch die kleinen Dinge, die nun einmal Tag für Tag unser Leben ausmachen. Im Grunde ist dies selbstverständlich, sehr menschlich: »Hast du nicht bemerkt, wie die menschliche Liebe in lauter >Kleinigkeiten< besteht? - Auch die göttliche Liebe besteht in >Kleinigkeiten<.«6

Das heutige Evangelium macht uns mit den Maßstäben vertraut, an denen Gott unser Tun mißt. Was in den Augen der Menge wertlos erscheint, kann vor Gott sehr wertvoll sein. Mit einem Wort des heiligen Franz von Sales: »Unsere Werke gleichen schwachen Schilfrohren. Doch durch die Liebe verwandeln sie sich in das goldene Meßrohr, mit dem das himmlische Jerusalem gemessen wird. Denn die Liebe und die Werke der Liebe sind der Maßstab, nach dem Engeln und Menschen ihre Glorie zugeteilt wird.«7

II. Ein Gespür für das scheinbar Nebensächliche, einen Blick für die Kleinigkeiten zu haben, das zeugt von Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung. Auf die Details zu achten, wenn es darum geht, dem Herrn unsere Gaben darzubringen, ist Ausdruck unserer Ehrfurcht und unseres Lobpreises für einen Schöpfer, der diese Welt so unbegreiflich schön gemacht hat.

Es genügt nicht, daß man sich das gute Werk in seiner Phantasie vorstellt, man muß es Schritt für Schritt, sach- und fachgerecht ausführen. Erst der letzte Pinselstrich vollendet das Meisterwerk, ohne den es unfertig bliebe. »Ein Maler antwortete einmal auf die Frage, warum er sich denn bei der Arbeit anstrenge, mit den Worten: >Ich stelle mir vor, daß mir ein großer Meister über die Schulter schaut<. Gibt es einen größeren Künstler als Gott, den Schöpfer unserer Welt? Wer sich in seiner Gegenwart weiß, bemüht sich um gute Arbeit, auch wenn es niemand sieht. Er gleicht dann einem Steinmetz, der an einer gotischen Kathedrale auch dort noch Kunstvolles schafft, wohin wohl niemals ein menschliches Auge blicken wird. In der Arbeit das Beste zu geben, Professionalität und Kompetenz sollten für Christen selbstverständliche Attribute ihrer Arbeit sein. Es sei denn, es wäre denkbar, daß Christus schlampig gearbeitet hat, er, von dem die Menschen erstaunt sagten, daß er nur >Gutes tat< (Apg 10,38).«8

Schludrige Arbeit verrät eine mangelnde Spannkraft des Geistes und ist für einen Christen, der sich in seiner alltäglichen Arbeit zu heiligen hat, ein Zeichen der Lauheit: Ich kenne deine Werke. Dem Namen nach lebst du, aber du bist tot (…). Ich habe gefunden, daß deine Taten in den Augen meines Gottes nicht vollwertig sind.9

Vergessen wir nicht Christi handwerkliches Arbeiten in Nazaret: »Die Sprache des Lebens Christi ist selbst eindeutig: Er gehört zur >Welt der Arbeit<, anerkennt und achtet die menschliche Arbeit. Man kann sogar sagen: Er schaut mit Liebe auf die Arbeit und ihre verschiedenen Formen, deren jede ihm ein besonderer Zug in der Ähnlichkeit des Menschen mit Gott, dem Schöpfer und Vater, ist.«10

Liebe zu den kleinen Dingen – das heißt andererseits nicht, einer umfassenden Verniedlichung des menschlichen Lebens, bürokratischer Kleinkrämerei, engstirniger Pedanterie, biederer Kleinkariertheit das Wort zu reden: süßlicher Gefühligkeit oder auch einem schnöden Pharisäismus, den Jesus schonungslos anprangert: Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und laßt das Wichtigste im Gesetz außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue.11

»Gott ist unendlich größer als all seine Werke= 12. Alles, was wir ihm darbringen, ist, daran gemessen, klein – und doch kann alles den Wert erhalten, den in Christi Augen die beiden Münzen der armen Witwe annehmen, vor allem, wenn wir es zum Altar bringen und mit der Selbstdarbringung Jesu an den Vate«12. Alles, was wir ihm darbringen, ist, daran gemessen, klein – und doch kann alles den Wert erhalten, den in Christi Augen dic beiden Münzen der armen Witwe annehmen, vor allem, wenn wir es zum Altar bringen und mit der Selbstdarbringung Jesu an den Vater verbinden. »Unsere  bescheidene Hingabe – an sich so unbedeutend wie das Öl der Witwe von Sarepta oder der Groschen der armen Witwe – wird für Gottes Anblick annehmbar durch ihre Vereinigung mit dem Opfer Christi.«13

Wie schon gesagt, ebnet die Geringschätzung des Kleinen der Lauheit den Weg. Man flieht die beharrliche Anstrengung, die uns manchmal so monoton vorkommt, und wird anfällig für »eine fortwährende kranke Sucht nach dem Neuen als Ersatz für den Verlust der unerschöpflichen Überraschung der göttlichen Liebe«14. Man wird ein Opfer der Unbeständigkeit des Wollens und bringt sich am Ende um das Große, eben weil es nur aus tausend kleinen Einzelheiten besteht.

III. Die Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge erinnert uns daran, daß wir kleine Leute sind. Aber kleine Leute können groß sein: leidend oder mitleidend, im Vergeben, im Verstehen, vor allem im Dienen. Außerdem tragen sie durch die Jahrhunderte Reichtümer von Generation zu Generation weiter: Glauben, Kultur, Sitten und Gewohnheiten. Wieviele Gebete, Märchen, Legenden, Volkslieder, Volksweisheiten, Hausrezepte, Gedichte sind auf eine Art und Weise entstanden, die wir »anonym« nennen: irgendwann einmal hat ein Unbekannter dieses schlichte Gebet zum erstenmal gesprochen, jenes Lied zum erstenmal gesungen. Besonders in der Volksfrömmigkeit zeigt sich die schöpferische Kraft der Namenlosen. Jemand begann ein Marienbild zu verehren, und heute strömen Tausende dorthin.

»Nichts außer der Gegenwart Gottes kann mich heilig machen, und für mich heißt Gegenwart Gottes: Treue in den kleinen Dingen. Die Treue in kleinen Dingen wird dich zu Christus führen, während Untreue dich zur Sünde führt.«15 Welches sind aber diese kleinen Dinge? Zum Beispiel beim Betreten eines Gotteshauses zuallererst das Allerheiligste aufzusuchen und ihm mit einer vollendeten Kniebeuge unsere Aufwartung zu machen.

Eine solche Lebenseinstellung verlangt auch, uns nicht zu viel auf einmal vorzunehmen, denn »der böse Feind will uns oft dazu verleiten, eine ganze Menge verschiedener Dinge zu beginnen, damit die Mühe unsere Kräfte übersteige und wir dann schließlich nichts vollenden. Und häufig drängt er uns, irgendein gutes Werk in Angriff zu nehmen, von dem er voraussieht, daß wir es nicht zu Ende führen werden, um uns von einem weniger glanzvollen Werk abzuhalten, das wir leicht hätten ausführen können. Es macht ihm nichts aus, daß wir viele Vorsätze fassen und vieles beginnen, wenn wir nur nichts vollenden. Der Verführer will uns verlocken, beim Anfang zu verweilen, uns mit den Blüten des Frühlings zu begnügen. Der Geist Gottes hingegen läßt uns den Anfang nur im Hinblick auf das Ziel betrachten, so daß wir uns der Blüten nur freuen, weil wir die Früchte wünschen.«16

Andere Male finden wir die kleinen Dinge im Konkretisieren des Opfergeistes während des Tages: aufmerksames Zuhören, pünktliches Aufstehen, Beharrlichkeit bei der Gewissenserforschung, Zurückhaltung beim Essen oder Trinken, zuverläßiges Einhalten eines Termins, freundliche Annahme einer unfreundlichen Bemerkung, eine Geste des Dankes …

Kleine Dinge sind besonders im Umgang mit jenen wichtig, die uns Tag für Tag begegnen. »Die Verpflichtung zur Brüderlichkeit gegenüber allen Menschen verlangt, daß dein >Apostolat der kleinen Aufmerksamkeiten< von ihnen unbemerkt bleibt: Es gilt einfach, ihnen zu dienen, damit ihr Weg ihnen leichter gangbar erscheint.«17

Die Wertschätzung des Kleinen läßt uns auch immer wieder die Demut entdecken, vielleicht auch den Mut, uns gelegentlich kleiner zu machen, als wir sind. Ein russischer Maler, der noch vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems beschloß, in den Westen zu gehen und hier seine Werke auszustellen, stieß auf unüberwindliche Schwierigkeiten: Der Zoll berief sich auf das fragwürdige Verbot, Kunstwerke außer Landes zu bringen, und verweigerte ihm die Ausfuhr. Schlau und listig gelang es dem Künstler schließlich, den Zollbeamten dazu zu bewegen, jedes Gemälde mit dem Stempel »Kein Kunstwerk= zu versehen. Dies bahnte ihm den Weg durch die Paragraphen. Ein Beispiel nur – aber auch im christlichen Leben bahnt uns das demütige Kleinsein so manches Mal den Weg durch den Dschungel unserer Eitelkeiten.

1 Mk 12,38-44. – 2 vgl. Übersetzung von Leo Karrer, München 1950. – 3 vgl. Übersetzung von Karl Staab (Echter-Bibel), Würzburg 1956. – 4 Echter-Bibel, Das Evangelium nach Markus und Lukas, Würzburg 1956, S.74. – 5 Mk 12,41-44. – 6 J.Escrivá, Der Weg, Nr.824. – 7 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S.164. – 8 Ch.Bockamp, Was heißt das denn überhaupt, Christ zu sein? in: Plädoyer für die Kirche, Aachen 1991, S.194. – 9 Offb 3,1-2. – 10 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 26. – 11 Mt 23,23. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 300. – 13 Johannes Paul II., Predigt in Barcelona, 7.11.1982. – 14 J.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.77. – 15 Mutter Teresa, Beschaulich inmitten der Welt, Einsiedeln 1990, S.29. – 16 Franz von Sales, a.a.O., S.132. – 17 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.737.