
JAHRESKREIS
15. SONNTAG (LESEJAHR A)
19
DAS GLEICHNIS VOM SÄMANN
Verschiedenes Erdreich.
Oberflächlichkeit statt Innerlichkeit.
Dornen und Disteln beseitigen.
I. Jesus hat sich ans Ufer des Sees Gennesaret gesetzt. Eine große Menschenmenge will sein Wort hören. So stieg der Herr in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Matthäus schildert im heutigen Evangelium1 diese Szene: Jesus im Boot und die vielen Zuhörer nahe bei ihm und doch weit genug, daß der Herr alles überblicken kann – auch die Felder im Hintergrund. Von ihnen spricht der Herr diesmal, nicht von Netzen und Booten und Fischen. Er erzählt von der Arbeit des Sämanns, vom Wachsen der Saat und auch von den Wechselfällen: von Gedeihen und Verkümmern.
Wie so oft in den Gleichnissen Jesu, ist der Hintergrund real: So waren die landwirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas. »Der hier geschilderte Sämann schreitet über das seit der Ernte brachliegende, nur durch den Winterregen aufgeweichte Stoppelfeld dahin und streut den Samen aus. Umgepflügt wird der Boden erst unmittelbar nachdem gesät ist. So wird es verständlich, daß ein Teil des Samens auf den Weg fällt, das heißt auf einen Fußpfad, der von den quer über den brachliegenden Acker gehenden Menschen ausgetreten worden ist, und daß auf dem Acker auch ein paar Dornsträucher gewachsen sind. Auch daß der Boden stellenweise steinig und nur von einer ganz dünnen Humusschicht überdeckt ist, entspricht durchaus der normalen Wirklichkeit und ist nicht ein erst im Hinblick auf die religiöse Wirklichkeit, die die Parabel anschaulich machen will, geschaffener Zug.«2
Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Nicht die Unachtsamkeit des Sämanns, sondern die wechselnde Beschaffenheit des Erdbodens erklärt, weshalb ein Teil des Samens auf den Fußpfad, ein Teil auf eine dünne, den steinigen Untergrund bedeckende Erdschicht und ein Teil unter das strichweise wachsende Gestrüpp fällt. Jesus geht vom sinnlich Wahrnehmbaren und unmittelbar Zugänglichen aus, um zu veranschaulichen, was in der Seele eines jeden Menschen und in der Welt geschieht. Der Same ist immer gleich gut, die Kunst des Sämanns bei jedem Wurf vollendet – und doch ist die Frucht verschieden. »Schon von Natur aus, ohne jede Einwirkung von außen, trägt nicht jeder Halm gleich viel Frucht. Die Ähre des einen enthält mehr, die des anderen weniger Körner. Und zur Natur von Halm und Ähre gehören außer den Körnern auch Spelzen, Samenhüllen, Grannen. Zudem sammelt sich auf dem Acker Unkraut an. Die Halme mit ihren Ähren können vertrocknen, verfaulen, zerknicken, zertreten werden. Die Analogie zu jedem einzelnen Menschen und zur Menschheit, zum Individualschicksal und zum Weltgeschichtsgang ist (…) klar.«3
Zu der Zeit, da Jesus dieses Gleichnis predigte, »müssen schon die ersten Schatten der Enttäuschung und der Ernüchterung sich über die Schar der Seinigen gelegt haben. Denn das Gleichnis weiß schon zu sagen vom Unglauben der Menschen, die hören und doch nicht hören, die sehen und doch nicht sehen. Es muß schon deutlich geworden sein um diese Zeit, daß die Menschen, die dem Herrn noch immer in Scharen nachliefen, in Wirklichkeit unzufrieden waren mit ihm. Daß sie ihn in Wirklichkeit gar nicht wollten, den Messias, der predigte und heilte, der gut war mit den Armen und Schwachen und selbst einer von ihnen war, sondern daß sie sich etwas ganz anderes wünschten: den Helden, der in die Posaune stieß und die Feinde verjagte; den Wunderkönig, der ein Schlaraffenland, eine Art übersteigertes Wohlstandsparadies bringen sollte für Israel. Es muß schon deutlich gewesen sein, daß die meisten, die hinter ihm hergingen, nur Mitläufer waren ohne Wurzel und ohne Tiefe, die ihn verlassen würden bei der ersten heraufziehenden Gefahr.«4 Das Gleichnis hat eine klare Mitte: die unterschiedliche Beschaffenheit des Erdreiches, das die Saat aufnimmt. Die Worte des Herrn weisen deutlich auf die Verantwortung des einzelnen hin.
II. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. Der Herr selbst erklärt, was damit gemeint ist. Immer, wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde, hier ist der Samen auf den Weg gefallen.
Auf dem Weg gibt es viel Kommen und Gehen, der Boden wird fest und hart. Er mag empfänglich sein, aber der Samen dringt nicht tief genug ein. So ist es bei jenen, die oberflächlich leben, unfähig, ins eigene Innere einzukehren. Äußere Eindrücke erreichen das Herz nicht; die Sinne sind begierig, die Gefühle richtungslos, die Phantasie auf törichte und schädliche Vorstellungen fixiert. Die Seele aber liegt brach und man gewöhnt sich daran, dem Herrn gegenüber abgestumpft zu leben, ohne ein Gespür für Sünde, Reue und Sühne, als hätte man nie etwas Böses getan. »Um die Stimme des Gewissens vernehmen und ihr folgen zu können, muß man in sich gehen. Dieses Streben nach Innerlichkeit ist um so nötiger, als das Leben uns oft in Gefahr bringt, jegliche Überlegung, Selbstprüfung und Selbstbesinnung zu unterlassen.«5
Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt, weil sie keine Wurzeln hatte. Felsiger Boden… Die Freude über die empfangene Gnade Gottes währt nur kurz. Es fehlt an Beharrlichkeit. Schon bei den ersten Hindernissen beginnt das Schwanken; am Ende fehlt der Mut, weil man nicht bereit war, Opfer zu bringen und geduldig um die Festigung der Vorsätze zu kämpfen. »Sie kommen mir vor« schreibt die heilige Theresia von Avila, »wie Menschen, die, von großem Durst gequält, in weiter Ferne Wasser sehen, und wenn sie hingehen wollen, Feinde finden, die ihnen am Anfang, in der Mitte und am Ende den Weg versperren. Mit großer Anstrengung überwinden sie die ersten Feinde, lassen sich aber überwältigen von den zweiten und wollen nun lieber vor Durst sterben als von dem Wasser trinken, das ihnen so teuer zu stehen käme. Die Kraft verläßt sie, der Mut entsinkt ihnen; und haben einige auch den Mut, die zweiten Feinde zu überwinden, so ermatten sie beim Zusammentreffen mit dem dritten, obwohl sie vielleicht keine zwei Schritte mehr zum Brunnen jenes lebendigen Wassers hätten, von dem der Herr zur Samariterin sprach.«6
Seitdem wir in der Taufe die heiligmachende Gnade empfingen, hat uns der Herr immer wieder neue Gnaden geschenkt. Sind nicht auch bei uns manchmal göttliche Anregungen und Eingebungen auf den Weg gefallen? Haben wir nicht andere zwar freudig aufgenommen, aber dann nicht weiter verfolgt? Jetzt, in der Stille des Gebetes, wollen wir dem Herrn sagen: »Jesus, obwohl ich so war, wie ich war – armselig und unwürdig -, hast du so viel an mir getan! Was würdest du erst tun, wenn mein Ja zu dir entschlossener wäre?
Diese Erkenntnis muß dich zu einer stetigen Großzügigkeit veranlassen. Weine und klage, sühnend und liebend, weil der Herr und seine heilige Mutter wahrhaftig ein anderes Verhalten deinerseits verdienen!«7
Bitten wir Jesus um Ausdauer, wenn es darum geht, unsere guten Vorsätze auch zu verwirklichen, um einen opferwilligen Geist, der vor Schwierigkeiten nicht zurückschreckt. Er sät immer wieder aufs neue – beginnen auch wir immer wieder, der Heiligkeit Schritt für Schritt näher zu kommen. Er ruft uns und schenkt uns die nötige Gnade.
III. Ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. »Diese werden auch durch das nachfolgende Umpflügen des Ackers nicht vollends ausgerottet. Ihre Wurzeln entfalten ein kräftigeres Wachstum als das gesäte Getreide (in Palästina Weizen oder Gerste), und die Folge ist, daß dieser Teil des Samens, der zwar zum Wachstum gelangt ist, schließlich von den Dornensträuchern erstickt wird und es nicht zum Fruchttragen bringt.«8 So ist es bei dem, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht. Wer ins Gestrüpp wuchernder Dornen und Disteln gerät, trachtet danach, »sich zu behaupten und sein Verlangen nach dem Unendlichen zu stillen, indem er sich der Dinge bedient: Reichtum, Macht und Vergnügen, unter Mißachtung der anderen Menschen«9. Alles wird dann zum Götzendienst10: Geld, Macht und Einfluß, Gesundheit und Wohlergehen. Man gerät nicht nur in die Fänge des Besitzes, sondern auch in die des Besitzenwollens. Immer stärker erscheint das Überflüssige als notwendig, immer weniger das Üb ernatürliche als erstrebenswert. Das Empfinden für die Notwendigkeit der Askese – des Geistes wie der Sinne – verkümmert zuerst, schließlich schwindet es ganz. Die Sinne registrieren nicht mehr Schönheit, sondern nur noch bloße Objekte: Es entsteht eine »abgrundtiefe Gier, die uns nur schätzen läßt, was man betasten kann. Es sind Augen, die am Irdischen kleben, aber auch Augen, die eben deshalb unfähig sind, das Übernatürliche zu entdecken.«11
Betrachten wir schließlich, wie es dem Samen ergeht, der auf guten Boden fällt: dies ist bei jenem der Fall, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach. Johannes Chrysostomos fragt sich: »Wenn das Erdreich und der Sämann gut, sowie der Samen bei allen der gleiche ist, warum trägt denn der eine hundertfache, der andere sechzigfache, der dritte nur dreißigfache Frucht? Dieser Unterschied liegt an der Natur des Erdreiches; denn auch wo dieses gut ist, weist es doch noch große Unterschiede auf. Siehst du also, daß nicht der Sämann die Schuld trägt, auch nicht der Same, sondern die Erde, die ihn aufnimmt; daß es nicht an der Natur liegt, sondern an der Gesinnung?«12
Jeder kann – mit der Gnade Gottes – zu einem wohlbestellten Acker werden. Was Wüste war, kann Oase werden, denn kein Boden ist für Gott zu hart, wenn Empfänglichkeit für seine Gnade da ist.
Prüfen wir also heute im Gebet, ob wir den Gnaden entsprechen, die der Herr uns gibt. Finden wir heraus, wo die Dornen und Disteln sind. Dabei hilft uns das von den Meistern der Spiritualität empfohlene Partikularexamen, das unser besonderes Augenmerk auf einen bestimmten Punkt richtet: eine schlechte Neigung, eine schädliche Angewohnheit… Die Reue und der Wunsch nach Läuterung und Vergebung werden uns zum öfteren Empfang des Bußsakramentes führen. Und dann werden wir Frucht bringen. Hundertfach? Sechzigfach? Dreißigfach?: »Was wir im Dienste Gottes tun, darf uns niemals zufriedenstellen; so wenig, wie ein Künstler je mit dem Gemälde oder der Statue, die er geschaffen hat, zufrieden ist. Alle sagen ihm: ein wunderbares Werk! Er aber denkt bei sich: Nein, das ist nicht, was ich eigentlich wollte. Ich wollte mehr. Auch wir sollten so denken.
Außerdem: Der Herr schenkt uns so viel… Er hat ein Recht darauf, daß wir dem entsprechen… Wir müssen mit ihm Schritt halten.«13
1 Mt 13,1-23. – 2 Regensburger Neues Testament, Bd. 2, Regensburg 1958, S. 92. – 3 P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S. 122. – 4 J. Kard. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1988, S. 13. – 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 1779. – 6 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 19,3. – 7 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 388. – 8 Regensburger Neues Testament, a.a.O., S. 92. – 9 Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die Gewissensfreiheit, 22.3.1986, 42. – 10 Kol 3,5. – 11 J. Escrivá, Christus begegnen, 6. – 12 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 44,4. – 13 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 385.
