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JAHRESKREIS
12. WOCHE – SAMSTAG

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Mutter und mittlerin

Mittlerin in der Stille.
Zu Füßen des Kreuzes.
Marienverehrung.

I. »Vieles, was menschliche Wißbegierde von Jesus erfahren möchte, findet sich in den Evangelien nicht. Über sein Leben in Nazaret wird fast nichts gesagt, und selbst von einem großen Teil seines öffentlichen Lebens ist nichts berichtet.«1

Dasselbe gilt für die Mutter des Herrn. Hellhörig für Gottes heiligen Willen, gab sie ihrem Sohn liebevoll alles, was eine gute Mutter geben kann. Aber das Evangelium gewährt uns nur hier und dort einen kurzen Einblick, als möchte es andeuten, der Lichtstrahl der Verkündigung genüge, um auch die lange Zeit eines verborgenen Lebens zu erhellen.

Mit Beginn seines öffentlichen Lebens erfahren wir mehr über das Leben des Herrn, aber auch da bleibt Marias Leben im Schatten – nur gelegentlich eine kurze Erwähnung. Und doch erhellt auch hier – wie bei der Verkündigung – der Lichtschein zu Beginn des öffentlichen Wirkens bei der Hochzeit zu Kana2 alles andere.

Jesus hatte schon die ersten Jünger berufen. Sie mögen dort seine Mutter kennengelernt und dabei gleich als Fürbitterin erfahren haben. Die Stunde Jesu, die noch nicht gekommen war, brach an. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. Der Evangelist berichtet noch, daß Jesus und seine Jünger zusammen mit Maria nach Kafarnaum zogen. Dort blieben sie einige Zeit.3

War Maria bei weiteren Wundern Jesu zugegen? Wir wissen es nicht. Sie wird während der Zeit seines öffentlichen Wirkens ihren Sohn nur selten bei sich gehabt, doch wohl das Echo seines Wirkens vernommen und die Aufenthalte Jesu in Nazaret zum Austausch genutzt haben.

Wir wollen dieses lautlose Wirken Mariens in die Mitte unserer heutigen Betrachtung stellen. Das Wort, das sie im abgelegenen Nazaret gesprochen hatte, leitete die Menschwerdung ein. Das Wort, das sie in Kana sprach, leitete den Anfang der Machtzeichen und des Glaubens der Jünger an Jesus ein. Es ist »ein erstes Aufleuchten der Wahrheit von der mütterlichen Sorge Mariens«4.

Gott, der auf einzigartige Weise sein Wohlgefallen über Maria ausgegossen hat, ersparte ihr nicht die bitteren Stunden auf Golgota. Sie steht in mütterlicher Anteilnahme unter dem Kreuz. »Ihr werdet sie nicht beim Einzug in Jerusalem finden, noch – mit Ausnahme von Kana – zur Stunde der großen Wunder. Aber sie flieht nicht vor der Verachtung auf Golgota, sie steht da, >iuxta crucem Jesu<, unter dem Kreuz Jesu, seine Mutter.«5 Und im Gebet erkennen wir, daß auch dieses Teilnehmen am Leiden des Sohnes zu den Gnadengeschenken Gottes an Maria gehört. Mit dem Sohn solidarisch, bringt sie dem Vater ihre mütterliche Liebe dar, einsgeworden mit dem Leiden des Sohnes.

Einige Kirchenväter haben dieses Geschehen so gedeutet, »daß Maria als Mutter Jesu hier das Heil von ihrem Sohne bei der Vollendung der Erlösung gleichsam nochmals annimmt und empfängt, und zwar in Ausweitung ihrer ersten Annahme bei der Verkündigung«6. Maria steht am ersten Opferaltar des Neuen Bundes nicht passiv ertragend, sondern im Geiste mit der Hingabe des Sohnes eng vereint. Unter Christus wirkt sie in einzigartiger Weise am Werk der Erlösung mit.

II. »Wenn der Abschnitt des Johannesevangeliums über das Geschehen in Kana die Muttersorge Marias zu Beginn des messianischen Wirkens Christi darstellt, bestätigt eine andere Stelle desselben Evangeliums diese Mutterschaft in der Heilsordnung der Gnade an ihrem Höhepunkt, das heißt, als sich das Kreuzesopfer Christi, sein österliches Geheimnis, vollendet.«7 Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!8 Maria, so deutet man dieses Herrenwort, erhält von ihrem sterbenden Sohn den Auftrag, in der Person des Johannes für Christi mystischen Leib, die Kirche, zu sorgen. Dies war die letzte Gabe Jesu an uns vor seinem Tod: er gibt uns seine Mutter zu unserer Mutter. Jene Stunde des Heils eröffnet eine neue Ära, in welcher der Schutz der Mutter über die Kirche niemals fehlen wird: »Die Heilige Schrift (…) und auch die Erfahrung der Gläubigen sehen in der Mutter Gottes diejenige, die mit der Kirche in den schwierigsten Momenten ihrer Geschichte, wenn die Angriffe besonders gefährlich werden, auf ganz besondere Weise verbunden ist. Dies trifft sich zutiefst mit dem Bild der Frau, wie es uns im Buch Genesis und in der Offenbarung des Johannes geoffenbart worden ist. Gerade in den Perioden, in denen Christus und somit seine Kirche, der Papst, die Ordensleute und alle Gläubigen zu einem Zeichen werden, das den hartnäckigsten und vorsätzlichen Widerspruch hervorruft, erscheint Maria der Kirche besonders nahe, denn die Kirche ist immer gleichsam ihr Jesus, der zuerst Kind war und sodann der Gekreuzigte und Auferstandene.«9

»All das, was sein Vermächtnis darstellt – sein Heilswerk, der Mystische Leib Christi, das ganze Gottesvolk und die Kirche – wird von ihr behütet und weiterhin behütet werden mit der gleichen Treue und Kraft, mit der sie ihren Erstgeborenen behütet hat, vom Stall zu Betlehem (vgl. Lk 2,7) über den Kalvarienberg (vgl. Joh 19,25-17) bis zum Abendmahlssaal am Pfingsttag (Apg 1,14;3,1-3), wo die Kirche geboren wurde. Maria ist in allen Schicksalen dieser Kirche zugegen.«10

Die Mutter Gottes legt Fürbitte beim Sohn für die ganze Kirche und für jeden Gläubigen ein: »Die Mutterschaft Mariens in der Gnadenökonomie dauert unaufhörlich fort, von der Zustimmung an, die sie bei der Verkündigung gläubig gab und unter dem Kreuz ohne Zögern festhielt, bis zur ewigen Vollendung der Auserwählten. Deshalb wird sie in der Kirche unter dem Titel Mittlerin angerufen.«11 Das Konzil fügt aber hinzu: »Das aber ist so zu verstehen, daß es der Würde des einzigen Mittlers nichts abträgt und nichts hinzufügt.«12

Als Mutter, Mittlerin und Fürbitterin ist Mariens Aufgabe einmalig, gleichzeitig ist sie für jeden Christen das Urbild der Christusnachfolge. Sie lehrt uns, in den Alltagssituationen den Willen Gottes zu entdecken – auch wir haben unser Betlehem, unser Ägypten, unser Nazaret. Sie lehrt uns ebenso, in außergewöhnlichen Situationen nahe beim Kreuz auszuharren – auch wir haben unser Golgota. Und sie lehrt uns schließlich das wache Gespür dafür, daß das Erlösungswerk alle Menschen erreichen muß. Maria »umfing den Heilswillen Gottes mit ganzem Herzen und von Sünde unbehindert und gab sich als Magd des Herrn ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin und diente so unter ihm und mit ihm in der Gnade des allmächtigen Gottes dem Geheimnis der Erlösung«13.

Wie Maria können wir im Namen Christi Mittler des Heiles sein: durch unser Gebet, unser gewissenhaftes Arbeiten, unsere Hingabe an die Familie, unser passendes Wort im richtigen Augenblick.

III. Siehe, dein Sohn … Der Jünger wird Maria anvertraut: Sie ist »Mutter des ganzen christlichen Volkes, sowohl der Gläubigen als auch der Hirten«14. Papst Paul VI. bekräftigt im Credo des Gottesvolkes: »Wir glauben, daß die heiligste Gottesmutter, die neue Eva, Mutter der Kirche, für die Glieder Christi ihre mütterliche Aufgabe im Himmel fortsetzt, indem sie bei der Geburt und Erziehung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten mitwirkt.«15 Indem sie unter dem Kreuz das Opfer ihres Sohnes glaubend annnimmt, zeigt sie der Kirche ihren Weg.

Aber auch Maria wird dem Jünger anvertraut, der sie von jener Stunde annahm16. Dieses Annehmen der Mutter Christi ist ein selbstverständliches Merkmal der Christusnachfolge. Origenes äußert im 3. Jahrhundert den mystischen Gedanken, daß Maria in jedem Christen Jesus sieht; denn der Herr habe nicht gesagt: Dieser ist auch dein Sohn, sondern: Siehe, dein Sohn.

Die besondere Verehrung der Kirche für Maria gründet in ihrem Auftrag und in ihrer Stellung innerhalb der Heilsgeschichte. Sie drückt sich durch die Jahrhunderte bis heute in Gebeten, Liedern und Bildern aus. Das älteste uns bekannte Gebet ist auf einem alten Papyrusstück aus dem Ende des dritten Jahrhunderts überliefert: Sub tuum praesidium. »In der erweiterten mittelalterlichen Form hat sich dieses Unter deinen Schutz und Schirm als eines der strengsten und kraftvollsten Mariengebete durch die Zeiten erhalten. (…) In seiner Urform, die wie ein Aufschrei der Bedrängten zur >Mutter Gottes<, zur einzig >reinen< und >begnadeten Jungfrau< wirkt und wie ein Ruf um Befreiung aus >allen Gefahren< (vielleicht in schwerer Verfolgungszeit), kommt gleichsam etwas vom Urgestein einer kernhaften Marienverehrung zum Vorschein.«17

Viele Mariengebete zielen auf die künftige Vollendung, wie die schlichte Bitte aus dem Salve Regina: »Zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes.« Aber sie enthalten ebenso den Wunsch, auf dem Weg zum Ziel Jesus nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir bitten sie: Lehre uns heute Jesus so sehen, wie du ihn damals sahst. Das geschieht besonders im Rosenkranz: ob nun als Kind in der Krippe, als Verlassenen in Getsemani, als Gekreuzigten oder Auferstandenen: im Beten verbinden sich Schauen und Bitten, Glauben im Heute und Hoffnung auf den Himmel.

Maria wurde nach Pfingsten zur Lehrmeisterin des Gebetes für die ersten Jünger. Der Heilige Geist, der sie zur Mutter Gottes erkoren hatte, stimmte sie auf die neue Aufgabe ein, Mutter der Kirche und Mutter jedes Christen zu sein. Überall läßt der Heilige Geist neues Streben nach Heiligkeit entstehen, überall öffnet er Wege der Nachfolge Christi und erweckt neue Formen, ihn – den Erstgeborenen unter vielen Brüdern – nachzuahmen. Unsere Liebe Frau unterstützt dieses Wirken des Heiligen Geistes in den Seelen, in Ausübung ihrer mütterlichen Aufgabe. Alles, was die Volksfrömmigkeit im Laufe der Jahrhunderte entfaltet hat, faßt die Liturgie im Tagesgebet einer Marienmesse zusammen: Herr und Gott, auf die Fürsprache der jungfräulichen Mutter Maria schenke uns die Gesundheit des Leibes und das Heil der Seele. Nimm von uns die Traurigkeit dieser Zeit und führe uns zur ewigen Freude.18

1 Katechismus der Katholischen Kirche, 514. – 2 vgl. Joh 2,1-12. – 3 vgl. Joh 2,12. – 4 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris mater, 22. – 5 J.Escrivá, Der Weg, Nr.507. – 6 L.Scheffczyk, Maria im Glauben der Kirche, Wien 1980, S.57. – 7 Johannes Paul II., a.a.O., 23. – 8 Joh 19,26-27. – 9 K.Wojtyla, Zeichen des Widerspruchs, Freiburg 1979, S.233. – 10 ebd., S.234. – 11 II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 62. – 12 ebd. – 13 ebd., 56. – 14 Paul VI., Ansprache an das Konzil, 21.11.1964. – 15 Paul VI., Credo des Gottesvolkes. – 16 vgl. Joh 19,27. – 17 L.Scheffczyk, Maria in der Verehrung der Kirche, Wien 1981, S.10. – 18 Tagesgebet, Commune-Texte für Marienmessen.