JAHRESKREIS
14. WOCHE – DIENSTAG
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FALLEN UND AUFSTEHEN
Geistlicher Kampf.
Aufstieg zu Gott.
Gipfel und Niederungen.
I. Der nächtliche Kampf Jakobs mit einer geheimnisvollen Gestalt1 am Ufer des Jabbok, eines Nebenflusses des Jordan, gehört zu jenen Episoden des Alten Testaments, in denen dunkle Überlieferungen und nachträgliche Deutungen sich überlagern. In einem Kommentar dazu heißt es: »Dieses Ringen kann als Kampf mit einer Erscheinung oder als visionäres Erlebnis gedacht sein. Der Gegenkämpfer Jakobs wird mit Absicht in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. (…) Die Lähmung der Hüfte durch die Erscheinung soll für Jakob ein Beweis der Wirklichkeit seines nächtlichen Erlebnisses und damit eine Ermutigung sein, der darin erhaltenen Zusicherung fest zu trauen. Die Bitte des Engels, ihn vor Erscheinen der Morgenröte zu entlassen, knüpft an die allgemein menschliche Vorstellung an, die das geheimnisvolle Dunkel der Nacht als die gewöhnliche Zeit für das Erscheinen überirdischer Wesen betrachtet.«2 Jakob will sich den Segen der geheimnisvollen Gestalt sichern. Als Garantie dafür, daß dies geschehen ist, erhält er einen neuen Namen: Israel, Gottesstreiter. Der Name ist nach alttestamentlicher Auffassung schicksalsdeutend. Hier bürgt er dafür, daß auf Jakob, der im Ringen mit dem geheimnisvollen Wesen obsiegte, auch in künftigen Kämpfen der Segen und der Schutz Gottes ruhen werden. In einem anderen alttestamentlichen Buch wird Jakobs Sieg als eine Gabe der Weisheit gepriesen: In einem harten Kampf verlieh sie ihm den Siegespreis, damit er erkannte, daß Gottesfurcht stärker als alles andere ist3. Vielleicht lag Jakobs weise Einsicht darin, mehr auf Gottes Segen denn auf seine eigene Kraft zu bauen. Die Begegnung am Fluß Jabbok war der radikale Umbruch im Leben des Patriarchen.
Der geistliche Kern dieser Episode wird im Katechismus der Katholischen Kirche so gedeutet: »Bevor Jakob seinem Bruder Esau gegenübertritt, muß er eine ganze Nacht lang mit einem geheimnisvollen Mann ringen. Dieser weigert sich, seinen Namen bekanntzugeben, segnet aber Jakob, bevor er ihn in der Morgendämmerung verläßt. Die geistliche Überlieferung der Kirche hat darin ein Sinnbild des Gebetes gesehen, insofern dieses ein Glaubenskampf und ein Sieg der Beharrlichkeit ist.«4
Jakobs Ringen versinnbildet den geistlichen Kampf gegen alle dunklen Kräfte, die zur Sünde verführen wollen: Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs.5 Jeder Mensch muß in seiner Seele gegen die Nachstellungen der gefallenen Engel kämpfen; sie finden in unserer verwundeten Natur den Boden, auf dem alle bösen Begierden gedeihen können: Stolz und Geiz, Habsucht und Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, die Trägheit des Herzens… Trotzdem ist uns der Sieg zugesichert, wenn wir die Hilfen anwenden, die der Herr uns gibt: das Leben aus den Sakramenten und aus dem Gebet, den Geist der Abtötung und die Aufrichtigkeit in der geistlichen Leitung, der vertrauensvolle Umgang mit unserem Schutzengel und vor allem die kindliche Nähe zu Maria, unserer Mutter.
II. Das Ringen um Gottes Nähe ist in der geistlichen Überlieferung oft mit dem Besteigen eines hohen Berges verglichen worden. Berge sind Orte der Abgeschiedenheit, der Stille, der Weite. In der Heiligen Schrift ist der Berg eine besondere Stätte der Begegnung mit Gott: Mose erhält auf einem Berg das Gesetz, Jesus wird auf dem heiligen Berg verklärt, er erwählt auf einem Berg seine Apostel und verkündet auf einem Berg die Seligpreisungen.
Der Aufstieg zu einem Berggipfel erfordert Ausdauer. Wenn steile Pfade den Gang mühsam werden lassen, ist man versucht, vorzeitig aufzugeben. Oder die Berghütte auf halbem Wege erscheint plötzlich begehrenswerter als der Gipfel, das Ziel der Wanderung.
Das Ziel unseres Lebens ist die endgültige Begegnung mit Gott. Solange wir unterwegs sind, müssen wir in uns den Wunsch nähren, ihm immer näher zu kommen, immer höher zu steigen. Es ist das Streben nach Heiligkeit. Die Kirche lehrt, »daß alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges zur Fülle des christlichen Lebens und Vollkommenheit der Liebe berufen sind«6. Natürlich ist dieses Streben nicht von Armseligkeiten und Schwächen, von Stolpern und Stürzen frei. Aber sie hemmen uns nicht, bewirken vielmehr, daß wir uns noch mehr auf die Gnade stützen. Der Herr erwartet nicht die Makellosigkeit eines bereits Vollendeten, sondern die tagtägliche Mühe des Wanderers.
»Gottes Güte schenkt uns zwar alle Mittel, deren wir bedürfen, um zur Seligkeit zu gelangen; es entspricht jedoch unserer Natur, daß er uns die Freiheit läßt, diese Gnaden zu unserem Heil zu benützen oder sie zu verschmähen. Wir sollen unser Heil wollen, wie Gott es will. Wenn wir es aber wollen, dann müssen wir auch die Mittel annehmen, die Gott uns zur Erlangung dieses Zieles zur Verfügung stellt. Es geschieht zuweilen, daß diese Mittel unser Herz froh machen, wenn wir sie in ihrer Gesamtheit betrachten, daß sie uns jedoch erschrecken, wenn wir sie einzeln ins Auge fassen.«7 Wichtig ist nur, daß wir gegen die ungeordneten Leidenschaften kämpfen und niemals unsere Fehler und Schwächen verharmlosen oder gar mit ihnen paktieren.
Wichtiger noch ist, in der Liebe zum Herrn zu wachsen, denn sonst würde der asketische Kampf unentschlossen und trübsinnig: »Heiligkeit hat die lockere Art entspannter Muskeln. Wer heilig werden will, versteht es, unverkrampft zu sein: während er etwas, das ihm unangenehm ist, tut, unterläßt er in Freude und Dankbarkeit etwas anderes, das ihm auch schwerfällt – vorausgesetzt, es handelt sich dabei nicht um eine Beleidigung Gottes. Würden wir Christen uns anders verhalten, liefen wir Gefahr, starr und leblos wie Puppen zu werden.
Heiligkeit hat nicht die Starrheit von Pappmaché – sie vermag zu lächeln, ist biegsam und kann warten. Sie ist Leben: übernatürliches Leben.«8 Deshalb hat man dieses Streben mit der Leichtigkeit verglichen, mit der ein Sportbegeisterter sich seinem Sport widmet.
In einer solchen Haltung lassen sich nicht nur kleine Einbrüche verkraften, sondern auch größere Niederlagen. Durch sie lernen wir neue Pfade des Aufstiegs zu Gott: der Reue, Demut, Sühne.
Manche Berge sind von einer Marienkirche gekrönt. Die Wallfahrer hören dort Worte, die den Aufstieg zum Sinnbild der Hoffnung auf Vollendung des Lebensweges werden lassen: »Gott, du Spender alles Guten, der du diesen auserwählten Berg durch die besondere Verehrung der Mutter deines eingeborenen Sohnes verherrlichst, gewähre uns, daß wir durch die mächtige Hilfe der unbefleckten allzeit jungfräulichen Mutter Maria zum Berg, der Christus ist, sicher gelangen.«9
III. Im geistlichen Leben werden uns hin und wieder tröstliche und große Momente zuteil: vielleicht werden Glauben und Hoffnung einmal besonders herausgefordert, und wir spüren, daß sie uns tragen; vielleicht erhalten wir eine Eingebung im Gebet, die Licht in die Dunkelheit bringt; oder vielleicht ist es die jäh einbrechende Erfahrung des Kreuzes in einer schweren Krankheit oder einem Unglücksfall, die, statt niederzudrücken, uns Mut gibt. Wir lernen dann den scheinbar banalen Kleinkrieg in den Niederungen des Alltags schätzen, der uns unmerklich gestärkt hat. Denn Aufstieg und Fortschritt im christlichen Leben wurzeln in der tagtäglichen Treue: Treue im Bemühen um die Frömmigkeitsübungen, die unser inneres Leben tragen, ohne sie von augenblicklichen Launen abhängig zu machen; in der Art und Weise, wie wir Äußerungen eines sprunghaften Charakters aus Nächstenliebe auffangen, im Bestreben, freundlich zu bleiben gegenüber Übelgelaunten, und nicht zuletzt im Bemühen, die ganz gewöhnliche Arbeit wie ein Meisterstück anzugehen und zuende zu führen. Im trivialen Alltag mag man nichts von Fortschritt oder Aufstieg merken, und doch bringt uns gerade dieser sportliche Kampf in den alltäglichen Kleinigkeiten voran. Hören wir dazu einen Kirchenvater: »Wer aufsteigt, hört nie auf, durch endlose Anfänge von Anfang zu Anfang zu schreiten. Wer aufsteigt, hört nie auf, zu ersehnen, was er schon kennt.«10
Im Gegensatz zu diesem Streben nach dem schon Bekannten und immer mehr Ersehnten steht ein fahriges Glaubensleben, steht die Geringschätzung der Liebe zu Gott in Lauheit oder Überdruß: »Lauheit zögert oder unterläßt, die göttliche Liebe zu erwidern; in ihr kann die Weigerung liegen, sich dieser Liebe auszuliefern. Überdruß an geistlichen Dingen (acedia) oder geistige Trägheit kann so weit gehen, daß man die von Gott kommende Freude verschmäht und das göttliche Gut verabscheut.«11
Mit der Menschwerdung Gottes hat sich in der Geschichte der Menschheit die große Wende ereignet: »eine unaufhörliche und ständige Wende vom Fallen zum Wiederaufstehen, vom Menschen der Sünde zum Menschen der Gnade und Gerechtigkeit (…), die in einem gewissen Sinne unumkehrbar fortdauert: die Wende vom >Fallen< zum >Auferstehen<. Die Menschheit hat wunderbare Entdeckungen gemacht und aufsehenerregende Ergebnisse im Bereich von Wissenschaft und Technik erzielt, sie hat große Taten auf dem Weg des Fortschritts und der Zivilisation vollbracht, und in jüngster Zeit, so könnte man sagen, ist es ihr sogar gelungen, den Lauf der Geschichte zu beschleunigen; aber die grundlegende Wende, jene, die man >originell< nennen kann, begleitet den Weg des Menschen ständig, und durch alle geschichtlichen Ereignisse hindurch begleitet sie alle und jeden. Es ist die Wende vom >Fallen< zum >Auferstehen<, vom Tod zum Leben. Sie ist auch eine unaufhörliche Herausforderung an das menschliche Gewissen, eine Herausforderung an das ganze geschichtliche Bewußtsein des Menschen: die Herausforderung, den Weg des >Nicht-Fallens< auf immer zugleich alte und neue Weise zu gehen und den Weg des >Aufstehens< zu beschreiten, wenn man >gefallen< ist.«12
Die Kirche bittet Maria um ihren Beistand – besonders in der Adventszeit – in dem alten Hymnus Alma Redemptoris Mater. Diese Worte beziehen sich auf jeden Menschen, auf die Gemeinschaften, Nationen und Völker, auf die Generationen und Epochen der menschlichen Geschichte, auf unsere Epoche, auf diese letzten Jahre des Jahrtausends, das sich seinem Ende zuneigt: Erhabne Mutter des Erlösers, du allzeit offene Pforte des Himmels und Stern des Meeres, komm, hilf deinem Volk, das sich müht, vom Falle aufzustehen.13
1 Gen 32,23-33. – 2 Echter-Bibel, Bd. I, Würzburg 1955. S. 111. – 3 Weish 10,12. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 2573. – 5 Eph 6,12. – 6 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 40. – 7 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S. 123. – 8 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 156. – 9 vgl. Messformular Unsere Liebe Frau vom Berge Karmel und Unsere Liebe Frau von Montserrat. – 10 Gregor von Nyssa, Auslegung des Hohenliedes, 8. – 11 Katechismus der Katholischen Kirche, 2094. – 12 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 52. – 13 Antiphon Alma Redemptoris Mater.
