ADVENT
SAMSTAG DER 2. WOCHE
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DIE GEWISSENSERFORSCHUNG
Wirkungen der täglichen Gewissenserforschung.
Gewissenserforschung als vorweggenommene Begegnung mit dem Herrn.
Vorgehensweise. Reue und gute Vorsätze.
I. Siehe, ich komme bald, und mit mir kommt mein Lohn; und ich werde jedem nach seinem Tun vergelten.1
Im Gesetz der Alten war festgelegt, daß das Recht auf den Zehnt zu erfüllen sei: man hatte den zehnten Teil des Getreides, des Mostes, des Öls für den Unterhalt des Tempels und für den Gottesdienst abzuliefern. Die Pharisäer, Eiferer ohne wahre Liebe, lieferten den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel ab, Pflanzen, die wegen ihres Aromas manchmal als Gewürz im Garten gezogen wurden.
Der heilige Matthäus überliefert uns die harten Worte, die der Herr ob ihrer Heuchelei und ihres zwiespältigen Verhaltens an die Pharisäer gerichtet hat: Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und laßt das Wichtigste im Gesetz außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muß das eine tun, ohne das andere zu lassen. Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.2
In der Lebensführung der Pharisäer ist einerseits eine pedantische Strenge, andererseits aber eine große Gleichgültigkeit den wirklich wichtigen Dingen gegenüber festzustellen: Sie lassen das Wichtigste im Gesetz außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Diese Männer waren unfähig zu verstehen, was der Herr wirklich von ihnen erwartete.
Um nicht an Nebensächlichem haften zu bleiben und das Wesentliche zu versäumen, sollten wir in diesen Adventstagen verstärkt unser Gewissen erforschen. Wenn wir uns eine kurze aber gründliche Gewissenserforschung zur täglichen Gewohnheit machen, werden wir nicht wie die Pharisäer zu Heuchlern, die ein Doppelleben führen. Diese Selbstprüfung wird unser Auge wach halten, um Fehler zu erkennen, die unser Herz von Gott entfernen, und um rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen.
Die Gewissenserforschung ist wie ein Auge, das in die verborgensten Winkel unseres Herzens zu blicken vermag und seine Wirrungen und Verstrickungen erkennt. »Durch sie sehe ich, bin ich erleuchtet, vermeide ich die Gefahren, lege ich Fehler ab, schlage ich wieder die rechten Pfade ein. Wie mit einer Fackel trage ich Licht in mein Inneres und erkenne deutlich jede Einzelheit; so löse ich mich von dem Bösen und fühle die Pflicht, der Wahrheit zu leben, das heißt auf dem Wege der Frömmigkeit voranzuschreiten.«3
Wenn wir aus Trägheit unsere Gewissenserforschung vernachlässigen, kann es geschehen, daß sich Irrtümer und schlechte Neigungen in unserer Seele festsetzen und wir dabei aus den Augen verlieren, wozu wir berufen sind. Wir werden dann nicht über Dill und Kümmel hinauskommen, jene kleinliche Gesinnung, die unser Herz einengt.
In der Gewissenserforschung werden wir die verborgenen Ursachen für unser offensichtliches Versagen – in der Nächstenliebe etwa oder in der Arbeit – entdecken, wir werden den eigentlichen Grund für unsere Traurigkeit oder üble Laune finden, für mangelnde Frömmigkeit: Symptome, die sich in unserem Leben möglicherweise öfters zeigen; für all das werden wir aber auch ein Gegenmittel haben. »Prüfe dich, ruhig und mit Mut. – Ist es nicht so, daß deine schlechte Laune und deine Traurigkeit, die grundlos, scheinbar grundlos sind, aus deiner mangelnden Entschlossenheit herrühren, die feinen, aber ganz >konkreten< Schlingen zu zerreißen, die deine Begehrlichkeit dir - mit raffinierten Entschuldigungen - gelegt hat?«4
Die tägliche Gewissenserforschung ist eine unverzichtbare Hilfe, um dem Herrn aufrichtig zu folgen.
II. Die tägliche Gewissenserforschung ist eine gründliche Nachbetrachtung dessen, was wir auf eine Seite unseres Lebensbuches geschrieben haben. Verkehrte Worte lassen sich durch Reue richten. Ein mißlungener Tag kann sich durch Reue in etwas Gutes verwandeln, wenn wir uns vornehmen, die neue Seite im Buch unseres Lebens rein und lauter zu beschriften. »Und diese weißen Seiten, die wir jeden Tag zu bekritzeln beginnen« so ein zeitgenössischer Autor, »diese weißen Seiten überschreibe ich gerne mit einem einzigen Wort: Serviam!, ich möchte dienen, zugleich ein Wunsch und eine Hoffnung.
Nach diesem Beginn – Wunsch und Hoffnung – bin ich bereit, Wörter und Sätze zu Papier zu bringen, Abschnitte zu bilden und das Blatt mit einer reinen und klaren Schrift zu füllen. All das ist nichts anderes als Arbeit, Gebet und Apostolat, alles was ich während meines Arbeitstages tue.
Ich bemühe mich, die Zeichensetzung sorgfältig zu beachten, was eine Übung ist, Gott im Bewußtsein zu behalten. Diese Pausen, die wie Kommata sind, wie Strich- oder Doppelpunkte, wenn sie länger dauern, versinnbildlichen die Ruhe der Seele und die kurzen Gebete, mit denen ich mich bemühe, dem, was ich schreibe, einen Sinn zu verleihen, der über das Irdische hinausweist.
Ich freue mich sehr über Punkte und noch mehr über jene, denen ein Absatz folgt. An diesen Stellen will es mir immer scheinen, als begänne ich neu zu schreiben: sie sind wie Gesten, durch die ich meine Absichten überprüfe und dem Herrn sage, daß ich erneut anfange – nunc coepi! – mit dem festen Willen, ihm zu dienen und ihm mein Leben zu weihen, jeden Augenblick, jede Minute.
Ich lege großen Wert auch auf die Akzente, die wie kleine Abtötungen sind, durch die mein Leben und meine Arbeit einen wahrhaft christlichen Sinn erhält.
Wenn ich einen Akzent vergesse, so ist es mir nicht gelungen, die Abtötung, die mir der Herr mit Liebe zugedacht hat, auf christliche Weise zu üben, die Abtötung, von der er wollte, daß ich sie finde und mit Freude auf mich nehme.
Ich bemühe mich, Verbesserungen, Fehler oder Tintenkleckse, auch unbeschriebene Stellen zu vermeiden – aber wieviel von all dem passiert dann doch! Und dies sind die Treulosigkeiten, die Schwächen, die Sünden … die Unterlassungen.
Es macht mich sehr traurig zu sehen, daß es kaum einmal eine Seite gibt, auf der meine Unzulänglichkeit und mein Ungeschick nicht ihre Spuren hinterlassen haben.
Ich tröste mich jedoch bald und beruhige mich damit, wenn ich daran denke, daß ich noch ein kleiner Junge bin, der noch nicht schreiben kann und der liniertes Papier braucht und einen Lehrer, der ihm die Hand führt, damit er keinen Unsinn schreibt – welch guter Lehrer ist doch Gott unser Herr!, welch unerschöpfliche Geduld übt er mit mir!«5
III. Sinn der Gewissenserforschung ist es, uns selbst besser kennenzulernen, damit wir die vielen Gnaden, die der Heilige Geist über uns ausgießt, mit größerer Bereitschaft aufnehmen und so Christus ähnlicher werden.
Möglicherweise sind erste Fragen, die uns entscheidend Aufklärung geben können: Wo bin ich mit meinem Herzen? Was nimmt in ihm den zentralen Platz ein? Christus? »Im selben Moment, da ich mir diese Frage stelle, fühle ich in mir bereits die Antwort. Sie läßt mich einen raschen Blick auf mein tiefstes Inneres werfen, und sogleich entdecke ich den springenden Punkt; ich lausche auf den Klang meiner Seele, und sogleich erkenne ich den dominierenden Ton. Es ist dies ein intuitiver Vorgang, der blitzartig abläuft, im Zeitraum eines Lidschlags, in ictu oculi. Manchmal werde ich sehen, daß der Wunsch nach Lob und Beifall oder die Angst mich gängelt, getadelt zu werden, ein andermal der Groll aufgrund eines Mißgeschicks, eines schlecht verlaufenen Gesprächs oder eines Verhaltens, das mich gekränkt hat, oder auch die Verärgerung über eine scharfe und harte Zurechtweisung; wieder ein andermal ist es die Verbitterung durch einen Verdacht oder ein dauerndes Unbehagen, weil man jemanden nicht leiden mag, vielleicht auch die durch Kreatürlichkeit ausgelöste Feigheit oder die Mutlosigkeit, die aus einer Schwierigkeit oder einem Fehlschlag entsteht; ein andermal ist es die Verflachung in der Gewohnheit, Ergebnis von Gleichgültigkeit, oder die Zerstreuung, Ergebnis von Neugier und Streben nach vordergründiger Freude; all dem steht die Liebe zu Gott gegenüber, die Opferbereitschaft, von einem Wink der Gnade entzündet, die Inbrunst, die rückhaltlose Unterwerfung unter den Willen Gottes, die Freuden der Demut. Ob gut oder schlecht, zu überprüfen ist in jedem Fall die vorherrschende Seelenstimmung. Hierbei ist, was gut ist, genauso zu sehen wie das Schlechte. Was allein es zu kennen gilt, ist der Zustand des Herzens: Es ist nötig, daß ich einen prüfenden Blick auf die große Triebfeder werfe, die alle Räder der Uhr bewegt.«6
Bei der Gewissenserforschung können wir uns fragen, ob wir den Tag über den Willen Gottes erfüllt, ob wir so gehandelt haben, wie er es von uns erwartete, oder ob wir eigenwillig unseren Dingen nachgegangen sind. Dabei sollten wir auch konkrete Einzelheiten unseres Umgangs mit Gott ins Auge fassen, unserer Pflichten ihm gegenüber in unserem Lebensplan, bei der Arbeit und in unseren Beziehungen zu den anderen. Wir werden überprüfen, mit welchem Nachdruck wir gegen unsere Neigung zur Bequemlichkeit angehen oder gegen unseren Hang, uns überflüssige Bedürfnisse zu schaffen; wieviel Mühe wir uns geben, im Essen und Trinken maßvoll oder im Umgang ausgeglichen zu sein, inwieweit wir uns enthalten haben, unser Glück ausschließlich in irdischen Gütern zu suchen. War es uns an diesem Tag wirklich um die Liebe zu Gott zu tun? Haben wir uns seiner Gnade geöffnet oder der Sünde preisgegeben? Es ist wie ein vorgezogener Gerichtsakt über uns selbst.
In solcher Selbstprüfung werden wir auf das eine oder andere stoßen, das wir in der nächsten Beichte zur Sprache bringen wollen. Und wir werden unsere Gewissenserforschung mit einem Reueakt beenden, denn ohne wirklichen Reueschmerz wäre die Prüfung umsonst. Wir wollen einen Vorsatz fassen und ihn am nächsten Morgen beim Verrichten der guten Meinung, im persönlichen Gebet oder während der heiligen Messe erneuern. Und zuletzt wollen wir dem Herrn Dank sagen für all das Gute an diesem verflossenen Tag.
Kommunionvers, Offb 22,12. – 2 Mt 23,23-24. – 3 J. Tissot, La vie interieure, Paris 1923. – 4 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 237. – 5 S. Canals, Ascética Meditada, Madrid 1980, S.130-137. – 6 J. Tissot, La vie interieure, Paris 1923.
