Tagesmeditation

Jahreskreis
19. Woche – Freitag

8

zwei wege der nachfolge

Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe.
Symbol des neuen Bundes.
Ehe und um des Himmelreiches willen Ehelosigkeit.

I. Die Fangfrage der Pharisäer an Jesus1 ist gut gewählt, denn auch unter den erfahrenen Gesetzeslehrern war die Antwort auf die Frage umstritten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? »Sie fragten nicht: Ist die Scheidung erlaubt? – so wie die Frage heute gestellt wird, wo man der Frau die gleichen Rechte wie dem Manne zuerkennt. In Rom war das Recht schon weiter fortgeschritten, aber bei den Juden, wie heute noch bei den orthodoxen Mohammedanern, hatte allein der Mann das Recht, sich scheiden zu lassen. Daß der Mann seine Frau entlassen konnte, stand klar im Gesetz des Moses, man mußte die Unwiderruflichkeit seines Willens nur in einem Schreiben festlegen, da sonst der zweite Gatte eine peinliche Zurückforderung hätte gewärtigen müssen. War die Frau nach den geltenden Bestimmungen entlassen, so konnte sie eine zweite Ehe eingehen und hatte einige Aussicht, einen Gatten zu finden. Dennoch war ihre Lage schwierig, und selbst wenn die öffentliche Meinung auf ihrer Seite stand, so war eine entlassene Frau nicht sehr angesehen. Infolgedessen sollte der Gatte von seinem Recht nur aus schwerwiegenden Gründen Gebrauch machen.«2 Die undeutliche Formulierung des Gesetzes – wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat ( … ), sie ihm dann aber nicht gefdllt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt3 – eröffnete den Auslegern ein weites Feld der Kasuistik: »= 2 Die undeutliche Formulierung des Gesetzes – wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat (…), sie ihm dann aber nicht gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt3 – eröffnete den Auslegern ein weites Feld der Kasuistik: Die Schule Schammais erklärte das streng wörtlich; die Anhänger Hillels dagegen ließen der Willkür des Mannes freien Lauf, nach ihnen war schon das Anbrennenlassen eines Gerichtes ein Scheidungsgrund. Später gestattete der große Akiba dem Mann, seine Frau zu entlassen, wenn er eine hübschere heiraten wollte. Die alte Polygamie, die es praktisch nicht mehr gab, hätte für eine verlassene Frau weniger Unrecht mit sich gebracht.«4

Jesus läßt sich in derlei Rechtsstreitigkeiten nicht ein, er geht an die Wurzel: Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer den Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat und daß er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Der Herr entkräftet den Einwand der Gegner, Mose habe doch vorgeschrieben, daß man der Frau eine Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will, indem er die mosaische Bestimmung neu deutet: Nur weil ihr so hartherzig seid… »Jesus bestreitet nicht, daß wirklich Moses die Erlaubnis zur Ehescheidung gegeben hat, noch tastet er seine Autorität als Gesetzgeber an. (…) Er bestreitet aber, daß darin Gottes eigentliche Forderung uneingeschränkt zum Ausdruck komme.«5

Es gibt viele natürliche Gründe für die Unauflöslichkeit des Ehebandes: das Wesen der ehelichen Liebe selbst, das Wohl der Kinder, das Wohl der Gesellschaft… Aber die tiefste Wurzel liegt im Willen des Schöpfers selbst: Die zwei werden ein Fleisch sein. Damit ist mehr als nur ein physischer Vorgang gemeint. »Das Wort bezeichnet im Hebräischen auch das Band, das die nächsten Verwandten vereint. Dieses Band, welches für die Nomaden und die einfachen sozialen Verhältnisse das heiligste ist, wird von nun an das Band zwischen den beiden Gatten. Die Vereinigung von Mann und Frau schafft eine neue Familie. Sie sind jetzt untrennbar durch den Willen Gottes, gegen den sich kein menschliches Recht erheben kann.«6

Christus stellt die Ehe in ihrem Wesen und in ihrer ursprünglichen Würde wieder her, indem er ihre Einheit und Unauflöslichkeit bekräftigt. Er erhebt die natürliche Einrichtung zur Würde eines Sakramentes. Die Kirche bleibt dieser Lehre treu, denn sie »sucht, indem sie Christus folgt, die Wahrheit, welche sich nicht immer mit der Meinung der Mehrheit deckt. Sie horcht auf das Gewissen und nicht auf die Macht. (…) Aufgabe des apostolischen Amtes ist es, das Bleiben der Kirche in der Wahrheit Christi zu gewährleisten und sie immer tiefer darin einzuführen«7.

II. Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer den Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat? Die Ehe ist keine menschliche Erfindung, Gott ist ihr Urheber. Er ist die Liebe8 und hat den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen: »Den er aus Liebe ins Dasein gerufen hat, berief er gleichzeitig zur Liebe.«9 Gott prägt der Menschennatur die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein. »Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er bleibt für sich selbst ein unbegreifliches Wesen; sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm die Liebe nicht geoffenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er sie nicht erfährt und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen Anteil an ihr erhält.«10 Dies ist der verborgene Sinn jener schlichten Erzählung, in der Adam zunächst allen Tieren ihren Namen gibt, aber allein und unerfüllt bleibt; denn er findet nichts, was ihm entspricht, er bleibt einsam und ohne Antwort. Erst als Gott ihm ein ebenbürtiges Wesen zugesellt, jubelt er: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.11

Die Liebe kommt aus Gott und zielt hin auf Gott: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken. Im menschlichen Leben nimmt sie tausend Facetten an: als Elternliebe, Freundesliebe, Nächstenliebe und als Liebe zwischen Mann und Frau: »Als Geist im Fleisch, das heißt als Seele, die sich im Leib ausdrückt, und als Leib, der von einem unsterblichen Geist durchlebt wird, ist der Mensch in dieser geeinten Ganzheit zur Liebe berufen. Die Liebe schließt auch den menschlichen Leib ein, und der Leib nimmt an der geistigen Liebe teil.«12

Die Liebe ist die schönste Gabe Gottes an den Menschen, aber sie ist eine gefährdete Gabe; der Mensch – von der Sünde verwundet – kann sie mißbrauchen. »Heute wissen viele Menschen über nichts so gut Bescheid wie über ihre Ansprüche. Auf die Frage: >Warum wollen Sie heiraten?< pflegen manche zu antworten: >Ich brauche Geborgenheit<; >Ich sehne mich nach Zärtlichkeit<; >Ich will nicht allein sein<; >Ich will ein gepflegtes Heim haben<; >Ich brauche die Ehe zu meiner Selbstverwirklichung.< Immer nur: >Ich<. Das kann leicht dazu führen, daß der andere sich als Mittel zum Zweck, als abhängig und benachteiligt empfindet.«13 Dagegen steht die Ehe zwischen zwei Getauften als Sakrament. jeder der beiden soll nicht für sich allein die Mitte sein, sondern beide sollen die gemeinsame Mitte suchen: Jesus Christus. »Durch die Taufe wurden Mann und Frau endgültig in den neuen und ewigen Bund, in den bräutlichen Bund Christi mit seiner Kirche, hineingenommen, und aufgrund dieses unzerstörbaren Hineingenommenseins wird die vom Schöpfer begründete innige Lebens- und Liebesgemeinschaft der Ehe erhoben und mit der bräutlichen Liebe Christi verbunden - bestärkt und bereichert von seiner erlösenden Kraft. Dank des sakramentalen Charakters ihrer Ehe haben sich Mann und Frau auf zutiefst unlösbare Weise aneinander gebunden. Ihr gegenseitiges Sichgehören macht die Beziehung Christi zur Kirche sakramental gegenwärtig.«14

Schon im Alten Testament war die Ehe ein Bild für den Bund Gottes mit seinem Volk: »In diesem Bund hat sich der Sohn Gottes in seiner Menschwerdung und der Hingabe seines Lebens gewissermaßen mit der ganzen durch ihn geretteten Menschheit verbunden.«15 »Die Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen findet ihre endgültige Erfüllung in Jesus Christus, dem liebenden Bräutigam, der sich hingibt als Erlöser der Menschheit und sie als seinen Leib mit sich vereint. Er offenbart die Urwahrheit über die Ehe, die Wahrheit des Anfangs, und macht den Menschen fähig, sie vollends zu verwirklichen, indem er ihn von seiner Herzenshärte befreit. (…) Die Ehe der Getauften wird so zum Realsymbol des neuen und ewigen Bundes, der im Blut Christi geschlossen wurde. Der Geist, den der Herr ausgießt, macht das Herz neu und befähigt Mann und Frau, einander zu lieben, wie Christus sie geliebt hat. Die eheliche Liebe erreicht dadurch jene Fülle, auf die sie von innen her ausgerichtet ist, die übernatürliche Gattenliebe, in welcher die Vermählten auf die ihnen eigene und spezifische Art an der sich am Kreuz schenkenden Liebe Christi teilnehmen und sie zu leben berufen sind«16

III. Wie elektrisierend müssen die Worte ihres Meisters, die weit über die rabbinischen Schulkontroversen hinausgingen, auf die Jünger gewirkt haben. Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten… Jesus nimmt die Äußerung der Apostel zum Anlaß, noch über eine andere Form und Berufung christlichen Lebens zu sprechen: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht um des Himmelreiches willen. Beide Weisen christlicher Hingabe haben es heute nicht leicht, denn das hedonistisch überreizte Klima in Film, Illustrierten und Werbung läßt das Skandalöse als normal und die christliche Ehe als die Ausnahme erscheinen. Das Niveau ist »nicht selten so tief, daß sich Sexualisierung und Verblödung die Hand reichen. Ein raffiniert geführter Angriff gegen jede Art von Scham, gegen die seelische, besonders aber gegen die geschlechtliche, ist im Gang. Diese skandalöse Bloßstellung und Indiskretion, die sich als Emanzipation zu tarnen sucht, gefährdet besonders den jungen Menschen und reißt Mauern ein, die als Schutzwall um Ehe und Familie gebaut sind.«17

Die meisten sind zur Ehe berufen. Manche gehen den Weg der ehelosen Ganzhingabe um des Himmelreiches willen. Auch Laien, gewöhnliche Gläubige mitten in der Welt, gehören zu ihnen. Beide Wege »kommen vom Herrn selbst. Er gibt ihnen Sinn und schenkt die unerläßliche Gnade, sie so zu leben, wie es seinem Willen entspricht. Die Hochschätzung der Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen und der christliche Sinn der Ehe lassen sich nicht voneinander trennen; sie fördern einander.«18 Denn »die Jungfräulichkeit und die Ehelosigkeit für das Reich Gottes stehen in keinem Widerspruch zum hohen Wert der Ehe, sondern setzen ihn voraus und bekräftigen ihn. Ehe und Jungfräulichkeit sind die beiden Weisen, das eine Geheimnis des Bundes zwischen Gott und seinem Volk darzustellen und zu leben.«19

Wer auf leibliche Fruchtbarkeit um Christi willen verzichtet, wird »geistlich fruchtbar, wird Vater oder Mutter vieler, hilft mit bei der Verwirklichung der Familie nach dem Plan Gottes. Die christlichen Eheleute haben daher das Recht, sich von den jungfräulichen Menschen das gute Beispiel und das Zeugnis der Treue zu ihrer Berufung bis zum Tod zu erwarten. Ebenso wie für die Eheleute die Treue manchmal schwierig wird und Opfer, Abtötung und Selbstverleugnung verlangt, so kann dies auch für die jungfräulich Lebenden zutreffen. Die Treue der letzteren, auch in eventueller Prüfung, muß der Treue der ersteren dienen.«20

Es ist gesagt worden, daß beide Berufungen, die eheliche wie die zölibatäre, »grundsätzlich von der Bevorzugung und nicht vom Verzicht leben. Frau oder Mann verzichten bei der Eheschließung nicht auf alle anderen möglichen Partner, die es ja für sie auch noch geben könnte, sondern sie ziehen den erwählten Partner allen anderen möglichen Partnern vor. Die Ehe ist also in erster Linie eine Bevorzugung und dann in zweiter Linie erst ein Verzicht auf die anderen möglichen Partner.

Das gleiche gilt für die zölibatäre Lebensform. Wer als Eheloser in der Nachfolge Christi berufen ist, zieht die direkte Partnerschaft mit Gott allen anderen menschlichen Partnerschaften vor. Das heißt, der Zölibat ist zuerst immer eine Bevorzugung und dann erst – wie die Ehe – in zweiter Linie ein Verzicht. Wäre Ehe oder Zölibat nur Verzicht, dann könnten sie nicht menschlich gelebt werden. In einer Welt, in der Gott kaum noch anwesend erscheint, versteht man sehr schwer die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Die Erfahrung der Heiligen, daß Gott allein genügt, wirkt heute eher fremd. Deshalb ist eine solche Lebensform für die Kirche unverzichtbar.«21 Die Kirche sieht in der Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen »eine Entfaltung der Taufgnade, ein mächtiges Zeichen des Vorrangs der Verbindung mit Christus, des sehnsüchtigen Harrens auf seine Wiederkunft, ein Zeichen, das auch daran erinnert, daß die Ehe der Weltzeit angehört, die vorübergeht.«22

Schauen wir am Ende unserer Zeit des Gebetes auf Maria und bitten wir sie, uns die Augen zu öffnen für die Reichtümer Gottes in seiner Kirche und für den Weg, den Christus einem jeden weisen will.

Mt 19,3-12. – 2 M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.415-416. – 3 Dtn 24,1. – 4 M.-J. Lagrange, a.a.O., S.416. – 5 Regensburger Neues Testament, Bd.2, Regensburg 1958, S.186. – 6 M.-J. Lagrange, a.a.O., S.416. – 7 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Familiaris consortio, 22.11.1981, 5. – 8 1 Joh 4,8. – 9 Johannes Paul II., a.a.O., 11. – 10 ders., Enz. Redemptor hominis, 10. – 11 Gen 2,23. – 12 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Familiaris consortio, 11. – 13 J. Höffner, Nur Du – und Du für immer, Köln 1980, S.14. – 14 Johannes Paul II., a.a.O., 13. – 15 Katechismus der Katholischen Kirche, 1612. – 16 Johannes Paul II., a.a.O., 13. – 17 J. Höffner, a.a.O., S.13. – 18 Katechismus der Katholischen Kirche, 1620. – 19 Johannes Paul II., a.a.O., 16. – 20 ebd. – 21 J. Meisner, Fastenhirtenbrief 1992. – 22 Katechismus der Katholischen Kirche, 1619.