Jahreskreis
21. Woche – Mittwoch
24
glaubensbildung
In einer
säkularisierten Welt.
Nicht Schwärmertum, sondern gefordert im Alltag.
Die Würde der Arbeit.
I. In der heutigen Lesung1 und in den Lesungen bis zum Dienstag der kommenden Woche hören wir Ermahnungen des heiligen Paulus an die Christen in Thessalonich. Der Apostel pflegt hier keine systematische Katechese, sondern behandelt in einer dem familiären Brief entsprechenden Weise ganz konkrete Fragen. Er verbindet Grundsätzliches mit praktischen Empfehlungen und Geboten für jene Christen, die er ungefestigt hatte zurücklassen müssen.
Auch heute sorgen wir uns um den Schwund christlichen Grundwissens in einer Welt, »die weithin Gott nicht kennt oder in religiösen Dingen, statt einen anspruchsvollen, brüderlichen, für alle anregenden Dialog zu führen, sich allzuoft in einen alles nivellierenden Indifferentismus abgleiten läßt. (…) Um in dieser Welt fest zu bleiben, um allen einen >Dialog des Heiles< anzubieten, bei dem jeder sich in seiner fundamentalsten Würde als Sucher nach Gott ernst genommen fühlt, brauchen wir eine Katechese, die Jugendliche und Erwachsene in unseren Gemeinschaften lehrt, in ihrem Glauben klar und konsequent zu bleiben, unbefangen ihre christliche und katholische Identität zu bekräftigen, den Unsichtbaren zu sehen (vgl. Hebr 11,27) und dem absoluten Gott derart verbunden zu sein, daß sie seine Zeugen werden in einer materialistischen Zivilisation, die ihn leugnet.«2
Wie hilft Paulus den jungen Christen in Thessalonich? Wir merken beim Lesen der beiden Briefe an die Tessalonicher, wie er sie nicht nur zurechtweist, sondern ihnen auch zeigt, daß sie ihm viel bedeuten und er sie ernstnimmt. Er erinnert sie an die Zeit, da wir, wie ein Vater seine Kinder, jeden einzelnen von euch ermahnt, ermutigt und beschworen haben zu leben, wie es Gottes würdig ist, der euch zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit beruft3. Wieviel Zeitaufwand, wieviel Anteilnahme, wieviel Zuwendung entdeckt man – zwischen den Zeilen – in diesem Jeden einzelnen von euch! Aber der Apostel beeilt sich auch, ihnen zu erklären, sie hätten nicht nur empfangen, sondern auch gegeben: Wir wurden beim Gedanken an euch in all unserer Not und Bedrängnis durch euren Glauben getröstet.
Können wir vom Umgang des Paulus mit den Thessalonichern lernen? Als Freund wollte er sie dem heidnischen Milieu der spätantiken Gesellschaft entreißen und ihnen weit die Augen für den Glauben an Christus öffnen. In unserer Gesellschaft sind die meisten wenigstens dem Namen nach Christen. Aber vielleicht ist dieser oder jener Freund vom Glauben abgekommen, weil er ihn eh nur oberflächlich kannte oder in einen Umgang geraten ist, der sich mit seinem Glauben nicht vereinbaren läßt. Lassen wir sie allein, vielleicht mit dem fragwürdigen Argument: Er ist doch alt genug? Er weiß doch, was er zu tun hat?
Der Apostel will, daß euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater. Er setzt an den Anfang seiner Ermahnungen Gefühle aufrichtiger Zuneigung: Bei Tag und bei Nacht bitten wir inständig darum, euch wiederzusehen und an eurem Glauben zu ergänzen, was ihm noch fehlt. Seine Forderungen sind nicht trockene Belehrungen oder lästige Zumutungen. Er bittet und ermahnt im Namen des Herrn als der Freund, der sagen kann: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müßt, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! Selbst erfüllt von diesem Geiste, gibt er ihnen Auskunft über die Hoffnung der Christen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben, und er spornt sie an, einander zu trösten und zu ermahnen, einer richte den anderen auf, wie ihr es schon tut4.
II. Der selige Josemaría Escrivá nannte in Anspielung auf das Pfingstgeschehen die einfühlsame Art, die Glaubenslehre zu vermitteln, Sprachengabe, eine wirksame Art, Menschen zu helfen, »auf das Wirken des Heiligen Geistes und auf den stets überfließenden Reichtum des göttlichen Herzens antworten zu können. Uns Christen fällt in unserer Zeit die Aufgabe zu, der Welt, in der wir sind und leben, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden, die alt und zugleich immer neu ist.«5 jede Katechese bedarf dieser geistgeschenkten Gabe, denn der Glaube ist nichts Abstraktes. Was wäre mit einem Sprechen getan, das den Verstand überfordert und das Herz nicht erreicht?
Es scheint, daß das junge Christentum in Thessalonich stark charismatisch geprägt war. Die Hauptsorge des Apostels war nicht – wie anderswo -, sie könnten sich anpassen oder lau werden, vielmehr fürchtete er einen Gefühlsüberschwang aus Schwärmertum. Paulus wußte um die Gefahren einer dogmatisch ungefestigten Begeisterung. Wo die Lehre unklar ist, können ihre Grundsätze trotz besten Willens, treu zu bleiben, mißverstanden werden und dann im täglichen Leben absonderliche Blüten treiben; dann ist der Glaube kein echter Sauerteig mehr. Aus der falschen Deutung richtiger Grundsätze ergeben sich unweigerlich irrige Verhaltensweisen. Der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg hat es – in einer anderen historischen Situation – auf den Punkt gebracht: »Die Taten eines Menschen sind die Konsequenzen seiner Grundsätze. Sind die Grundsätze falsch, werden die Taten nicht richtig sein. Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen.«6
Am auffälligsten schien sich das Schwärmertum einiger Thessalonicher in der Einstellung zur täglichen Arbeit niederzuschlagen. Wozu arbeiten, sagten sie sich, wenn der Herr doch bald wiederkommt? In der gestrigen Lesung hörten wir, wie der Apostel sich bemüht, das grundsätzliche Mißverständnis über die Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, zurechtzurücken: Laßt euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen, wenn (…) behauptet wird, der Tag des Herrn sei schon da. Laßt euch durch niemand und auf keine Weise täuschen!7
Es scheint, daß seine freundlichen Worte nicht fruchteten, denn im zweiten Brief schlägt Paulus einen härteren Ton an: Im Namen Jesu Christi, des Herrn, gebieten wir euch, Brüder: Haltet euch von jedem Bruder fern, der ein unordentliches Leben führt und sich nicht an die Überlieferung hält, die ihr von uns empfangen habt. Ihr selbst wißt, wie man uns nachahmen soll. Wir haben unter euch kein unordentliches Leben geführt und bei niemand unser Brot umsonst gegessen; wir haben uns gemüht und geplagt, Tag und Nacht haben wir gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Auf welche Überlieferung spielt der Apostel hier an? Auf die Lehre von der zeitlichen Ungewißheit der Wiederkunft Christi. Sie sollen deshalb ein ganz normales Arbeitsleben führen. Lapidar schreibt er: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.
Statt einer mißverstandenen Endzeiterwartung geht es darum, im Hier und Jetzt Gott zu finden. Paulus schreibt: alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott8. Darin gründet »jene aufsteigende Bewegung, die der Heilige Geist, der in unseren Herzen wohnt, in der Welt hervorrufen will; eine Bewegung, die von der Erde aufsteigt bis zur Herrlichkeit Gottes. Und damit es ganz klar bleibt, daß diese Bewegung selbst die scheinbar prosaischsten Wirklichkeiten umfaßt, schreibt der heilige Paulus an anderer Stelle: >Möget ihr also essen oder trinken oder sonst etwas tun, tut alles zur Ehre Gottes< (1 Kor 10, 31).
Diese Lehre der Heiligen Schrift, die, wie ihr wißt, zum Kern der Spiritualität des Opus Dei gehört, muß euch dazu führen, eure Arbeit so vollkommen wie möglich zu verrichten, Gott und eure Mitmenschen gerade dadurch zu lieben, daß ihr in die Kleinigkeiten des Alltags Liebe hineinlegt. So werdet ihr die Spur des Göttlichen entdecken, die in den kleinen Dingen verborgen liegt. (…) Ich versichere euch, wenn ein Christ die unbedeutendste Kleinigkeit des Alltags mit Liebe verrichtet, dann erfüllt sich diese Kleinigkeit mit der Größe Gottes. Das ist der Grund, warum ich immer und immer wieder betone, daß die christliche Berufung darin besteht, aus der Prosa des Alltags epische Dichtung zu machen. Himmel und Erde scheinen sich am Horizont zu vereinigen, aber nein, in euren Herzen ist es, wo sie eins werden, wenn ihr heiligmäßig euren Alltag lebt.«9
III. Paulus ist nicht nur Missionar, der Menschen gewinnt, sondern auch Seelsorger, der diese Menschen auf ihrem Glaubensweg begleitet. Wir haben gesehen, wie er einen überspannten Mystizismus tadelt. Als Realist weiß er, daß die Einstellung zur gewöhnlichen Arbeit ein entscheidender Prüfstein für ein christliches Leben mitten in der Welt ist: Wir hören aber, daß einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen.
Anders als zur Zeit des Paulus liegt heute die Gefahr nicht in einer den Beruf geringschätzenden Endzeitstimmung, sondern in der Überschätzung der Berufswelt. Die einen meinen, das alles habe mit Gott nichts zu tun, und allmählich wird er ihnen fremd. Andere fühlen sich wie gespalten zwischen Gott und Welt; sie möchten gerne fromm sein, sehen aber ihre Welt als Hindernis. Hier ist wirklich Pionierarbeit vonnöten, Freunden und Kollegen klar zu machen, daß die Arbeit ein »Mitwirken mit Gott an der Vervollkommnung der sichtbaren Schöpfung«10 ist. Wie anders sähe unsere Welt aus, wenn uns das gelänge!
Johannes Paul II. schreibt: »Der Mensch ist unter anderem deshalb Abbild Gottes, weil er von seinem Schöpfer den Auftrag empfangen hat, sich die Erde zu unterwerfen und sie zu beherrschen. Indem er diesen Auftrag erfüllt, spiegelt der Mensch und jeder Mensch das Wirken des Weltenschöpfers selber wider.«11
Seit der Ursünde ist die Arbeit ein »bonum arduum« ein »mühsames Gut«12: im Schweiße deines Angesichts…, Dornen und Disteln…13 Dennoch bleibt die Arbeit ein »würdiges« das heißt der Würde des Menschen entsprechendes Gut.»Wie kann uns diese Lehre in Fleisch und Blut übergehen? Indem wir auf Jesus schauen, denn er »ist unser Herr und unser Vorbild. Er wuchs auf und lebte wie wir alle. Dadurch hat er uns offenbart, daß das konkrete menschliche Leben – auch deines – mit all seinem Kleinkram und seinen normalen Pflichten eine göttliche, auf die Ewigkeit hinzielende Bestimmung hat.«14 Der Blick auf ihn offenbart uns jenseits aller Theorie , »daß das menschliche Dasein, das gewöhnliche und alltägliche Tun einen göttlichen Sinn hat. Sooft wir diese Wahrheit auch betrachtet haben mögen, immer wieder sollte uns der Gedanke an die dreißig Jahre seines verborgenen Lebens in Staunen versetzen, jene dreißig Jahre, die den größten Teil seines Wandels unter uns Menschen, seinen Brüdern, ausmachen. Jahre im Schatten, für uns aber klar wie Sonnenlicht.«15 Das Mitwirken am Schöpfungswerk erhält durch Christus eine neue Würde, denn »indem der Mensch in Vereinigung mit Jesus, dem Handwerker von Nazaret und dem Gekreuzigten von Golgotha, die Mühen der Arbeit auf sich nimmt, arbeitet er gewissermaßen mit dem Sohn Gottes an dessen Erlösungswerk mit. Er erweist sich als Jünger Christi, indem er bei der Tätigkeit, die er auszuführen hat, Tag für Tag sein Kreuz auf sich nimmt. Die Arbeit kann ein Mittel der Heiligung sein und die irdische Wirklichkeit mit dem Geist Christi durchdringen.«16
Eine solche Sichtweise bewahrt vor der Versuchung, »eine Art Doppelleben zu führen: auf der einen Seite das Innenleben, der Umgang mit Gott, und auf der anderen Seite, säuberlich getrennt davon, das familiäre, berufliche und soziale Leben, ein Leben voll irdischer Kleinigkeiten«17. Gott ruft uns, »ihm gerade in den materiellen, weltlichen Aufgaben des menschlichen Lebens und aus ihnen heraus zu dienen. Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist es aufgegeben, das zu entdecken«“, schreibt der selige Josemaria Escrivá. Es ist »jenes göttliche Leuchten (…), das selbst aus den ganz alltäglichen Wirklichkeiten hervorbricht«19, dasselbe Leuchten, das uns mit dem Psalmisten beten läßt: Es komme über uns die Güte des Herrn, unseres Gottes. Laß das Werk unserer Hände gedeihen, ja, laß gedeihen das Werk unserer Hände.20
vgl. 1 Thess 2,9-13; 2 Thess 3,6-10;16-18. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Catechesi tradendae, 16.10.1979, 57. – 1 Thess 2,11-12. – 1 Thess 4,1.13; 5,11. – J. Escrivá, Christus begegnen, 132. – Johannes Paul II., Ansprache in Berlin anläßlich der Seligsprechung, 23.6.1996. – 2 Thess 2,1-3. – 3,22-23. – J. Escrivá, Gespräche, 116. – Katechismus der Katholischen Kirche, 378. – Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 4. – Thomas von Aquin, Summa theologica, I-II, q.40, a.1 c; I-II, q.34, a.2, ad 1. – vgl. 3,18-19. – J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.688. – J.Escrivá, Christus begegnen, 14. – Katechismus der Katholischen Kirche, 2427. – J. Escrivá, Gespräche, 114. – ebd. – ebd., 119. – 90,17.
