JAHRESKREIS
31. WOCHE – DIENSTAG
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GLIEDER DES EINEN LEIBES
Die
übernatürliche Solidarität.
Die Liebe, das wichtigste Charisma.
Verantwortung für Glauben und Gemeinwohl.
I. Der Herr hat uns so eng mit sich verbunden, wie die Glieder eines Leibes untereinander verbunden sind. Wir, die vielen, sind ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören1, schreibt der Apostel Paulus an die Römer. »Die Kirche versteht sich als ein lebender Organismus, dessen lebenspendendes Haupt Christus ist und dessen Glieder in gegenseitiger Abhängigkeit stehen: verschieden in ihren Funktionen, gleich in ihrem Gliedsein. Kein einzelner steht isoliert da. Jeder ist Kirche, aber niemals er allein und für sich allein. Jeder lebt aus der Kirche und trägt zum Leben der Kirche bei, aber indem er zuerst empfängt. Leben durchströmt alle und teilt sich auf unscheinbare Weise mit. Jedes Glied in diesem Leib empfängt das Leben von Christus.«2
Der Zusammenhalt im mystischen Leib Christi ist weit mehr als eine enge Geschlossenheit unter Menschen. Denn er verdankt sich dem Leben schlechthin – dem göttlichen Leben. Mit Christus als Haupt sind wir alle Glieder untereinander. Dies heißt, daß wir voneinader abhängig sind: Der geringste Schmerz eines Gliedes trifft den ganzen Leib und ebenso wirkt der ganze Leib mit an der Heilung einer Wunde. »Die Paulusworte sind eine treue Wiedergabe der Lehre Jesu, der die geheimnisvolle Einheit der Jünger mit sich selbst und unter sich geoffenbart hat und sie als Bild und Fortsetzung jener unlöslichen Einheit dargestellt hat, die den Vater mit dem Sohn und den Sohn mit dem Vater im Band der Liebe des Geistes eint (vgl. Joh 17,21). Es ist dieselbe Einheit, die Jesus im Gleichnis vom Weinstock und den Reben anspricht: >Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben< (Joh 15,5). Dieses Bild erhellt nicht nur die tiefe Einheit der Jünger mit Jesus, sondern auch die lebensmäßige Verbundenheit der Jünger untereinander, die alle Reben des einen Weinstocks sind.«3
Jeder Christgläubige, der sich der Gnade öffnet und sie mit guten Werken fruchtbar werden läßt, macht sich den gemeinsamen Reichtum zu eigen und bereichert die ganze Kirche. »Diese ist die >Gemeinschaft der Heiligen<, die wir im Credo bezeugen: das Wohl aller wird zum Wohl eines jeden und das Wohl eines jeden wird zum Wohl aller.«4
Das persönliche Streben nach Heiligung ist also kein isoliertes Geschehen. Es trägt auf eine geheimnisvolle, aber höchst reale Weise zur Ausbreitung der von Christus ausströmenden Heiligkeit in unseren Brüdern und Schwestern bei. Wer betet, wer auf Gott hin seine Pflichten erfüllt, wer seine Krankheit geduldig und eine Versuchung standhaft erträgt, spendet den anderen übernatürliche Energie. »Wenn du für alle betest, dann wird dir auch das Gebet aller nutzen, denn du bist Teil des Ganzen. Auf diese Weise wirst du eine große Wohltat erfahren, denn das Gebet jedes Gliedes des Volkes bereichert sich mit dem Gebet der anderen«5, sagt der heilige Ambrosius. Könnte uns dies nicht Ansporn sein, die kleinen oder größeren Herausforderungen beherzter anzunehmen, und das am besten schon ab heute?
II. Jeder einzelne Christ führt den anderen Gliedern des Leibes Christi und der ganzen Menschheit neue Energie zu, indem er sich bemüht, die ihm geschenkten Gnadengaben fruchtbar werden zu lassen. Jeder trägt die anderen, und die anderen tragen ihn – Tag für Tag. Deshalb sind auch die sogenannten sozialen Tugenden persönliche Tugenden, die nur im einzelnen gedeihen. Denn »keine Tugend begünstigt Egoismus, jede gereicht notwendigerweise zum Wohl des einzelnen wie der Mitmenschen. Wir müssen uns alle solidarisch fühlen – ja, wir sind alle auf der Ebene der Gnade durch das übernatürliche Band der Gemeinschaft der Heiligen miteinander verbunden.«6
Im Anschluß an seine Worte über die Einheit des Leibes und die Vielheit der Glieder nennt Paulus die verschiedenen Charismen, die Gott einzelnen zum Wohl aller gewährt hat: Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Dann wendet er sich der Liebe zu, »die das eigentliche Maß der Charismen ist«7. Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung! Laßt nicht nach in eurem Eifer, laßt euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet! Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft!8
Manche Charismen sind außerordentliche Gnadengaben; doch die meisten sind schlicht und bescheiden. Jeder besitzt einige, und er erkennt sie, wenn er seine Gaben im Lichte Gottes sieht. Vor allem aber ist jedem in der Nachfolge Christi gegeben, das Hauptcharisma der Liebe zu üben. Sie ist Teilhabe an der Liebe Christi zu seinen Brüdern und Schwestern. Jeden Tag sind wir, in ständigem Austausch, Geber und Empfänger, menschlich wie übernatürlich. Jeden Tag können wir den Heiligen, wenn sie in Not sind, helfen und damit manche Risse, die die Lieblosigkeit im feinen Gewebe der Kirche reißt, mit Taten der Liebe – und nicht selten mit der Bereitschaft zur Sühne – beseitigen helfen.
Die Solidarität untereinander erweist sich nicht nur in den Schwächen, sondern auch in den Tugenden. Wer entschlossen auf Christus zugeht, ermutigt die ihm Nahestehenden, ihr Zögern zu überwinden. Wer nur halbherzig Christus folgt, kann den Schwung anderer lähmen. »Was nur immer Frommes und Heiliges von einem unternommen wird« heißt es im Römischen Katechismus, »das gehört allen zu, und die Liebe, welche nicht das Ihrige sucht (1 Kor 13,5), bewirkt, daß es auch ihnen zugute kommt.«9 Wir haben unzählige Gelegenheiten, Gutes auszusäen und damit die anderen Glieder im mystischen Leib Christi zu bereichern. Warten wir jedoch nicht auf die große Stunde, die vielleicht niemals kommt, sondern nehmen wir die Gelegenheiten wahr, die uns der Alltag bietet, hier und jetzt.
III. »Die gegenseitige Abhängigkeit der Geschöpfe ist gottgewollt. Die Sonne und der Mond, die Zeder und die Feldblume, der Adler und der Sperling – all die unzähligen Verschiedenheiten und Ungleichheiten besagen, daß kein Geschöpf sich selbst genügt, daß die Geschöpfe nur in Abhängigkeit voneinander existieren, um sich im Dienst aneinander gegenseitig zu ergänzen.«10 Unter uns Menschen – als Gottes Geschöpfe Brüder und Schwestern – besteht ein »= 10 Unter uns Menschen – als Gottes Geschöpfe Brüder und Schwestern – besteht ein Gesetz der Solidarität und Liebe«11. Nicht nur Ehe, Familie und Erziehung zeugen davon, sondern auch das dichte Geflecht der Beziehungen innerhalb eines Gemeinwesens.
Das aufeinander Angewiesensein gilt nicht weniger, wenn es um das übernatürliche Ziel des Menschen geht. »Das persönliche Heil verwirklicht sich nicht in einer privaten Beziehung des einzelnen zu Gott, es schließt die anderen mit ein, in der Gemeinschaft.«12 Die Verbreitung des Glaubens geschieht ganz besonders durch das individuelle Apostolat innerhalb des eigenen Lebenskreises – manchmal an scheinbar bedeutungsloser Stelle, manchmal in einer gesellschaftlich wichtigen Position. »= 12 Die Verbreitung des Glaubens geschieht ganz besonders durch das individuelle Apostolat innerhalb des eigenen Lebenskreises – manchmal an scheinbar bedeutungsloser Stelle, manchmal in einer gesellschaftlich wichtigen Position. Das individuelle Apostolat schließt einen großen Reichtum ein, der um der Intensivierung der missionarischen Kraft eines jeden Laien willen freigelegt werden muß. Dieses Apostolat ermöglicht eine kapillare Ausstrahlung des Evangeliums, die bis zu den Orten und Milieus, in denen sich das konkrete und alltägliche Leben der Laien vollzieht, durchdringt. Es gewährleistet zudem eine dauernde Ausstrahlung, weil die Laien, wenn sie die Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Kämpfe und Hoffnungen ihrer Brüder und Schwestern teilen, zu den Herzen ihrer Nachbarn, Freunde und Kollegen vordringen und ihnen den ganzen Horizont der Sinnfülle ihres Lebens erschließen können: die Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen.«13
Jeder ist ein Glied im Ganzen und soll zur Lebendigkeit des Ganzen beitragen. Nichts sollte uns wichtiger sein als das Bemühen, Menschen dem Glauben zu nähern oder sie zu überzeugen, ihr Christsein konsequenter zu leben.
Die Sorge um den Glauben der anderen läßt sich nicht von der Verantwortung für die Linderung geistiger oder materieller Not trennen. Wer betet, fühlt sich gedrängt, wie Christus barmherzig zu sein und im Rahmen seiner Möglichkeiten die materiellen Nöte beseitigen zu helfen, die oft mit der Menschenwürde unvereinbar sind: Krankheit, Elend, Armut. Betend werden wir offener für das Teilen: Wir können durch Almosengeben teilen, wir können aber auch unsere Zeit, unsere Fähigkeiten, ja sogar unsere Freude mit anderen teilen. Auch wenn wir uns angesichts so vieler Not oft wie ohnmächtig fühlen, dürfen wir nicht aufhören, uns um einzelne Menschen zu kümmern: um Kranke und Behinderte, um Niedergedrückte. Manchmal ist es möglich, in Zusammenarbeit mit anderen Christen und Menschen guten Willens Initiativen ins Leben zu rufen, die in einem bestimmten Umkreis manches für das Gemeinwohl bewirken können – im eigenen Stadtviertel vielleicht oder auf regionaler Ebene. Wir können auch die Arbeit jener unterstützen, die mehr Einfluß haben und sich im Sinne der Worte Johannes Pauls II. bemühen, auf ungerechte wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen einzuwirken: »Wir alle wissen, daß die Gebiete, in denen auf der Erde Elend und Hunger herrschen, in kurzer Zeit hätten fruchtbar gemacht werden können, wenn die ungeheueren Geldsummen anstatt für Waffen, die dem Krieg und der Zerstörung dienen, zur Nahrungsmittelproduktion eingesetzt worden wären, die dem Leben dient.«14
Den ersten Christen gelang die Umgestaltung einer Gesellschaft, die heidnisch war, indem sie das neue Gebot ernstnahmen. »Seht, wie sie sich lieben!« riefen die Heiden aus. Auch für uns soll am Anfang das neue Gebot stehen: Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine jünger seid: wenn ihr einander liebt. Die Liebe ist einfallsreich. Je entschlossener wir lieben, um so leichter wird es uns fallen, Wege und Mittel zu finden, um anderen zu helfen.
Röm 12,5-16. – 2 J.Arquer, Was ist die Kirche? in: Plädoyer für die Kirche, Aachen 1992, S.41. – 3 Johannes Paul II., Apost.Schreiben Christifideles laici, 30.12.88, 12. – 4 ebd., 28. – 5 Ambrosius, Über Kain und Abel, 1. – 6 J.Escrivá, Freunde Gottes, 76. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, 800. – 8 Röm 12,10-13. – 9 Catechismus romanus I,10,25. – 10 Katechismus der Katholischen Kirche, 340. – 11 ebd., 361. – 12 J.Arquer, a.a.O., S.42. – 13 Johannes Paul II., a.a.O., 28. – 14 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 16. – 15 Joh 13,34-35.
