Tagesmeditation

JAHRESKREIS
16. WOCHE – MONTAG

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mit dem herzen die zeichen wahrnehmen

Das Zeichen des Propheten Jona.
Offen für die Wahrheit.
Leidenschaft für Christus.

I. Wenn wir im heutigen Evangelium1 von den Schriftgelehrten und Pharisäern hören, die wieder einmal von Jesus die Beglaubigung seiner Sendung durch ein Zeichen verlangen, wundern wir uns nicht – leicht lassen sich Parallelen zu unserer von Skepsis geprägten Zeit finden. An sich war es legitim, ein Zeichen zu verlangen; es ist sogar eine Pflicht der Vernunft und der Klugheit. Aber Jesus hatte schon viele Wunder gewirkt – und hier beginnt das Unheimliche: denn obgleich sie deren Wirklichkeit nicht leugnen können, sind sie nicht zufriedenzustellen: »Sie fordern ein noch eindeutigeres und wollen selbst bestimmen, ob es ihnen genügend beweiskräftig ist. Jesus hat oft der Bitte um wunderbare Heilung gegenüber seine Bereitwilligkeit bewiesen. Aber einer solch überheblichen Forderung eines Wunderzeichens, die selbst bestimmen will, von wann ab man an ihn glauben soll (vgl. Joh 6,30), stellt er ein entschiedenes Nein eintgegen.2

Mit dem geheimnisvollen Hinweis verbindet Jesus die Klage über diese böse und treulose Generation. Da stehen sie vor ihm – mit gierigen Augen und spitzfindigem Geist, taub angesichts der Aufforderung umzukehren. Die Einwohner Ninives verhielten sich Jona gegenüber anders, sie bekehrten sich.3 Und hier ist einer, der mehr ist als Jona, einer, für den Jona nur ein Bild und Gleichnis war. Und der Herr verstärkt seine Klage, indem er an die Königin des Südens4 erinnert, die von weither – vom Ende der Erde – kam und sich vor Salomos Weisheit verbeugte. Auch hier eine alttestamentliche Gestalt, und auch sie nur Bild und Gleichnis für die menschgewordene Weisheit. Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo.

Was im Alten Bund verborgen lag, tritt im Neuen ans Licht: Bilder und Zeichen, Geschehnisse und Worte erhalten in Jesus »einen neuen Sinn, denn er selbst ist die Bedeutung all dieser Sinnbilder«5. Auch die machtvollen Taten, Wunder und Zeichen6, die er wirkt, »bezeugen, daß Jesus der angekündigte Messias ist«7 und »daß der Vater ihn gesandt hat. Sie laden ein, an ihn zu glauben«8. Dort wo der Herr auf verstockte Herzen und einen verblendeten Geist stößt, wirkt er keine Wunder, denn die Wunder sind für Jesus keine Machtdemonstration, sondern eine Aufforderung zu glauben. Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber wollen nur seine Macht testen, nicht die Güte Gottes erfahren. Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur, lautet eine alte philosophische Sentenz – alles, was einer aufnimmt, wird nach Art des Empfangenden aufgenommen. Eine Botschaft der Umkehr und Besinnung stößt ins Leere, wo jene, die sie hören, voreingenommen und argwöhnisch sind.

An einer anderen Stelle des Evangeliums heißt es: Obwohl Jesus so viele Zeichen vor ihren Augen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn.9 Jetzt und hier können wir den Herrn um ein offenes, schlichtes Herz bitten, fähig, ihm aufs Wort zu glauben.

II. Besonders der Evangelist Johannes unterstreicht, daß die Wunder Zeichen sind10, die Jesu Herrlichkeit offenbaren und den Glauben wecken sollen. Der Herr ging nicht auf die Forderung seiner Widersacher ein, die ein spektakuläres Zeichen verlangten, stattdessen verwies er auf ein anderes Zeichen, still und tief. Ähnlich – und doch aus ganz anderen Gründen – verfährt der Herr mit den Jüngern, die Johannes der Täufer zu ihm geschickt hatte: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?11 Auch hier antwortet Jesus nicht direkt: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Sämtlich messianische Zeichen, Zeichen, daß Gott auf eine neue Art unter den Menschen gegenwärtig ist, Zeichen der Fülle der Offenbarung. Die Jünger des Johannes müssen dies gespürt haben.

Eine andere Situation aus dem Johannes-Evangelium macht eine Voreingenommenheit gegenüber Christus bei Menschen deutlich, die eine offensichtliche Tatsache aus der Welt schaffen möchten. Es handelt sich um die Szene mit dem Blindgeborenen. Der Blinde wird einer ausführlichen Befragung unterzogen: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet?12 Und der Geheilte kann nur schlicht feststellen, wie es gewesen ist: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören?

Manchmal besteht das Hindernis nicht in aggressiver Feindseligkeit, sondern in Desinteresse. Jesus hatte zu Pilatus gesagt: Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.13 Dem römischen Prokurator waren diese Worte zu hoch: Was ist Wahrheit? entgegnet er. Die rhetorische Frage will wohl nur Distanz schaffen, eine lästige Angelegenheit loswerden.

Solcher »Pilatismus« ist eine sehr aktuelle Haltung. Warum in die Tiefe gehen, warum nach der Wahrheit forschen, wenn sich ohne sie doch auch und viel bequemer leben läßt? »Sie ist eine Haltung des Denkens und Handelns, die nicht nur nicht mehr die überlieferte Wahrheit des Glaubens akzeptiert und festhält oder doch wenigstens ehrlich um sie ringt, sondern die der >Wahrheitsfrage< achselzuckend kaum noch Interesse entgegenbringt. (...) Die Frage, die Pilatus, im Unterschied zu seiner Verletzung der Richterpflichten, nicht als Sünde angerechnet werden wird, kann so von Getauften nicht mehr gestellt werden. Sie ist bei diesen, aufgrund von Umwissenheit durch schlechte Unterweisung und mangelnde Eigenbemühung, mehr oder minder schwerwiegende Sünde. Das Heilswerk der Erlösung ist das Gegenteil von Beliebigkeit. In ihm werden nicht >Möglichkeiten< zur Auswahl gestellt, sondern dem Menschen durch den Heiligen Geist - in der Taufe - die Fähigkeiten eingegossen, zu erkennen und zu tun, was heilsnotwendig ist; nämlich das, was ihm die Kirche durch die vom Heiligen Geist gewiesenen Petrus-Nachfolger und Konzilien als unbedingt, ohne Wenn und Aber, zu glauben und zu tun vorstellt.«14

Hochmut, Argwohn, Gleichgültigkeit, Beliebigkeit… All das macht blind für das Heilige, das in Jesus am Werk ist. Wie nahe liegt dann das unheimliche Wort: Mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.15

Schauen wir – mit schlichtem Glauben und empfindsamem Geist – auf die Zeichen Gottes, jene Spuren in der Schöpfung, im Makrokosmos des Weltalls wie im Mikrokosmos eines Insekts, in der Größe und Einzigkeit des Menschen, seinen Fähigkeiten und seiner Bestimmung, auch auf ganz konkrete Ereignisse in unserem Leben: eine »zufällige« Begegnung, die doch entscheidende Folgen in unserem Leben hatte; ein »belangloses« Wort, das uns innerlich getroffen hat. So bleiben wir für die »Wellenlänge Gottes« aufnahmefähig: »Ich hörte, wie einige Bekannte sich über Radioapparate unterhielten. Unwillkürlich übertrug ich, was sie sagten, auf unsere religiöse Haltung: Viel zu sehr >geerdet< und ohne die >Antenne< des inneren Lebens, die einfach vergessen wird... Daher kommt es, daß so wenige Menschen Umgang mit Gott haben.

Möge uns niemals die >Antenne< für den Himmel fehlen!«16

III. Einer, der mehr ist als Jona… Einer, der mehr ist als Salomo… »Wir glauben und bekennen: Jesus von Nazaret, ein Jude, zur Zeit des Königs Herodes des Großen und des Kaisers Augustus von einer Tochter Israels in Betlehem geboren, von Beruf Zimmermann und während der Herrschaft des Kaisers Tiberius unter dem Statthalter Pontius Pilatus in Jerusalem am Kreuz hingerichtet, ist der menschgewordene ewige Sohn Gottes.«17 Jene Pharisäer, die zu Jesus gingen, weil sie seine Zeichen zuerst beobachten und dann von ihrer Warte aus beurteilen wollten, prüften alles und übersahen das Wichtigste: ihn selbst.

Von Anfang an bezeugen die Jünger Christi ihren Glauben an sein Mehr sein. Die Märtyrer der Urzeit bekennen schlicht: »Jesus Christus ist der Herr« und trotzen dem Standbild des als Gott verehrten Kaisers. »Mein Begehr ist, in Christus zu leben; die Liebe zum Leben läßt mich den Tod nicht fürchten«18, antwortet der Patrizier und Philosoph Apollonius auf die verwunderte Frage des Richters, ob er denn tatsächlich sterben wolle. Als die Verfolgungen nachließen, trat an die Stelle des Martyriums eine andere Art von Zeugnis: das Ernstnehmen des Evangeliums in einer Zeit wachsender Lauheit und die entschlossene wie mutige Abwehr von Häresien. Die Gunst des Kaisers und das öffentliche Ansehen zu verlieren, die Ehre aufs Spiel zu setzen, persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen – auch dadurch bekennen glaubensstarke Zeugen, daß Christus mehr ist als…

In Christus wirbt Gott um die Liebe der Menschen. Es ist eine Konsequenz erwiderter Gottesliebe, sich nicht vor inniger Herzlichkeit zu fürchten. Große Gottliebende betrachten die Menschwerdung als eine Gabe Gottes an sie ganz persönlich, gleichsam an sie allein. Franz von Assisi baut 1223 – drei Jahre vor seinem Tod – die Krippe bei Greccio; er möchte »die Geburt des göttlichen Kindes so veranschaulichen, wie sie einst in Betlehem geschah. Man soll es greifbar nah mit eigenen Augen schauen, welch bittere Not es schon als kleines Kind zu leiden hatte (…). Der Heilige Gottes steht an der Krippe; er (Franz) seufzt in tiefem Weh, von Andacht durchschauert, von wunderbarer Freude überströmt.«19 Im Geist des heiligen Franz schreibt der selige Ramon Llull einige Jahrzehnte später sein Buch vom Freunde und vom Geliebten: »So sehr weinte und schrie der Freund nach seinem Geliebten, daß dieser die erhabenen Höhen des Himmels verließ und hinabkam zur Erde, um dort zu weinen, zu leiden und aus Liebe zu sterben. So lehrte er die Menschen, ihn zu erkennen, zu lieben, zu ehren und zu preisen.«20 Auch Bernhard-von Clairvaux läßt sich leidenschaftlich auf die Liebe zum menschgewordenen Gott ein: »Mit seinen Augen hat Christus meine Augen berührt und hat mein inneres Antlitz mit hellem Leuchten geziert, mit Glaube und Verstand. Mit meinem Mund hat er den seinen verbunden und so meinem toten Mund das Zeichen des Friedens eingedrückt; denn als wir noch Sünder waren, tot für die Gerechtigkeit, hat er uns schon mit Gott versöhnt. Sein Mund hat sich an meinen Mund gelegt und bläst mir wieder neuen Lebensatem ins Angesicht, den Atem eines heiligeren Lebens als das erste war. Denn durch den ersten Atem schuf er mich zu einem lebendigen Wesen, durch den zweiten Atem formte er mich um zu einem lebengebenden Geist. Seine Hände hat er auf meine Hände gelegt und gibt mir so das Vorbild guter Werke, die Form der Gehorsamkeit.«21

Christus leidenschaftlich lieben ist die Lehre der Heiligen. Christus in die Mitte des eigenen Lebens stellen und sich auf ihn einlassen – so finden wir in jeder Station unseres Lebens zur Ähnlichkeit mit ihm. Wie Maria, die alles in ihrem Herzen bewahrte.22

1 Mt 12,38-42. – 2 Regensburger Neues Testament, Bd. 1, Regensburg 1959, S. 213. – 3 vgl. Jon 3,6-9. – 4 vgl. 1 Kön 10,1-10. – 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 1151. – 6 Apg 2,22. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 547. – 8 ebd., 548. – 9 Joh 12,37. – 10 vgl. Joh 2,11. – 11 Mt 11,3. – 12 Joh 9,26-27. – 13 Joh 18,38. – 14 P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S. 192. – 15 Mt 9,34. – 16 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 510. – 17 Katechismus der Katholischen Kirche, 423. – 18 A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, S. 100. – 19 Thomas von Celano, Erste Lebensbeschreibung, in: Franz von Assisi, Geliebte Armut, Freiburg 1977, S. 120. – 20 Ramon Llull, Die Kunst, sich in Gott zu verlieben, Freiburg 1985, S. 87. – 21 Bernhard von Clairvaux, Weil mein Herz bewegt war, Freiburg 1990, S. 35. – 22 vgl. Lk 2,52.