JAHRESKREIS
11. SONNTAG (LESEJAHR A)
37
WEGBEREITER CHRISTI
Weite
Kornfelder.
Beten steht am Anfang.
Wegbereiter Jesu.
I. Bei seinen Wanderungen durch die Städte und Dörfer Israels wird der Herr viele Male zu seinen Jüngern so eindringlich wie im heutigen Evangelium1 gesprochen haben. Er ist erschüttert beim Anblick der Menschen: verwahrlost, sich selbst überlassen, orientierungslos, müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Im Vergleich zu heutigen Massenveranstaltungen war die Zuhörerschaft Jesu in jenem kleinen Land am Rande des römischen Weltreiches bescheiden. Und doch sieht Jesus ein weites Feld: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Er sieht die universale Kirche und seine Jünger durch die Jahrhunderte in ihr – wenige im Vergleich zur Größe der apostolischen Aufgabe. Der Herr hat Mitleid mit der Menge. Wie damals, fordert er auch heute die Seinen auf, zu beten und sich dann an die Arbeit zu machen. Diesmal spricht er nicht von Säleuten, sondern von Schnittern, bereit, die Ernte einzubringen.
Es sind immer nur wenige gewesen im Vergleich zu den unermeßlichen Kornfeldern. In unserer überinformierten Zeit wird das Mißverhältnis deutlicher als in früheren Zeiten, in denen man wenig voneinander wußte. »Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist, ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, daß diese Sendung noch in den Anfängen steckt und daß wir uns mit allen Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen.«2
Das Wort Jesu muß eine universale Mitverantwortung in uns wecken. Mit der ganzen Kirche beten wir viele Male am Tage: Dein Reich komme. Wir können die Arbeit in den entfernten Missionsländern für gewöhnlich nur durch Gebet und Geldspenden unterstützen. Zu tatkräftigem Tun dagegen sind wir in unserem beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld aufgerufen. Denn hierzulande haben viele den Glauben aufgegeben; auch hier ist die Ernte groß und könnte verderben, wenn niemand sie einholt. »Wie sehr braucht der heutige Mensch die bewußte Begegnung mit Christus! Wie sehr braucht er als Suchender, Zweifelnder und Fragender die Entdeckung der vollen Wahrheit der österlichen Wirklichkeit des Herrn, der vollen Wahrheit seines Lebens und Sterbens und seiner Auferstehung. Die Welt braucht dafür unser christliches Zeugnis.«3 Die Kirche braucht Christen, die es mit Leib und Seele sind: junge und alte Menschen, Männer und Frauen, einfache Arbeiter und angesehene Gelehrte, die Christus in ihr Milieu tragen: als gute Arbeiter mit der gewinnenden Kraft gelebten Glaubens und als einfühlsame Zeitgenossen. Die Kirche braucht das eingefleischte Glaubenszeugnis von Frauen und Männern, die gern mit anderen Menschen zusammen sind: im Skatclub, im Gesang- und Sportverein, in Nachbarschaftsinitiativen, in Wandergruppen oder Literaturclubs.
Unter der Asche der Gleichgültigkeit schwelt bei vielen eine heimliche Sehnsucht nach Gott: »Auch wenn Menschen oft leben, als gäbe es Gott nicht, so sehnen sie sich doch im Tiefsten auf ihrer Suche nach Glück und Geborgenheit ständig nach ihm.«4
Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bin ich mir bewußt, daß sich so mancher dem Herrn nähern würde, wäre ich nur kühner im Wort und beispielhafter in meinem Tun?
II. Kahl liegt das Feld, der Acker trauert; denn das Korn ist vernichtet, vertrocknet der Wein, das Öl ist versiegt. Die Bauern sind ganz geschlagen, es jammern die Winzer; denn Weizen und Gerste, die Ernte des Feldes ist verloren.5 Die dramatischen Worte des Propheten gelten bis heute: »Ganze Länder und Nationen, in denen früher Religion und christliches Leben blühten und lebendige, glaubende Gemeinschaften zu schaffen vermochten, machen nun harte Proben durch und werden zuweilen durch die fortschreitende Verbreitung des Indifferentismus, Säkularismus und Atheismus entscheidend geprägt. Es geht dabei vor allem um die Länder und Nationen der sogenannten Ersten Welt, in der der Wohlstand und der Konsumismus, wenn auch von Situationen furchtbarer Armut und Not begleitet, dazu inspirieren und veranlassen, so zu leben, >als wenn es Gott nicht gäbe<.«6
Gelegentlich sucht man Entschuldigungen für fehlendes apostolisches Engagement: mangelnde Vorbildung, zu wenig Zeit, die Anonymität der Großstadt oder die Dumpfheit des Dorfes. Und doch ist das Haupthindernis der »Mangel an Eifer, der um so schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt. Er zeigt sich in der Müdigkeit, in der Enttäuschung, der Bequemlichkeit und vor allem im Mangel an Freude und Hoffnung. (…) So hört man allzu oft in den verschiedensten Formen sagen: Eine Wahrheit auferlegen, und sei es die des Evangeliums, einen Weg aufdrängen, sei es der zum Heile, ist nichts anderes als eine Vergewaltigung der religiösen Freiheit. Im übrigen, so fügt man hinzu, wozu überhaupt das Evangelium verkünden, wo doch die Menschen durch die Rechtschaffenheit des Herzens zum Heil gelangen können. Außerdem weiß man doch, daß die Welt und die Geschichte erfüllt sind von >semina Verbi<: wäre es da nicht eine Illusion zu behaupten, das Evangelium dorthin zu bringen, wo es schon immer in diesen Samenkörnern anwesend ist, die der Herr selbst dort gesät hat? Wer sich einmal die Mühe macht, in den Konzilsdokumenten den Fragen auf den Grund zu gehen, welche diese >Alibis< hier allzu oberflächlich verwerten, der findet dort eine völlig andere Sicht der Dinge.«7
Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Der Herr beläßt es nicht bei dieser abstrakten Feststellung, er schließt eine sehr konkrete Aufforderung an: Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende.
Beten, ein beständiges, vertrauensvolles und demütiges Bitten um Arbeiter in seiner Ernte. »Da Christus, vom Vater gesandt, Quell und Ursprung des gesamten Apostolates der Kirche ist, kann es nicht anders sein, als daß die Fruchtbarkeit des Apostolates der Laien von ihrer lebendigen Vereinigung mit Christus abhängt.«8 In dem Maße, in dem wir uns an Gott mit der Bitte um Berufungen wenden, erkennen wir, daß wir selbst Berufene sind – berufen zu einem Werk, das unsere eigenen Kräfte übersteigt. Deshalb heißt es: »= 8 In dem Maße, in dem wir uns an Gott mit der Bitte um Berufungen wenden, erkennen wir, daß wir selbst Berufene sind – berufen zu einem Werk, das unsere eigenen Kräfte übersteigt. Deshalb heißt es: Das Gebet ist das wirksamste Mittel, Menschen zu gewinnen.«9
III. Das Evangelium berichtet, wie Jesus die Jünger in seine Sendung einbindet, indem er sie als seine Wegbereiter in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte10, sendet. Viele erfahren durch die Begegnung mit einem Freund oder Kollegen, der für sich die Reichtümer des Glaubens schon entdeckt hat, daß Gott sie ruft. Dies geschieht besonders dort, wo sonst die Botschaft Christi kaum vernehmbar ist. Deshalb ist die Pflicht der Laien zum Apostolat »noch dringender, wenn die Menschen nur durch sie das Evangelium vernehmen und Christus kennenlernen können«11.
Zwar kann Gott dieses Heil auch auf außerordentlichen Wegen wirken, die nur er allein kennt. »Und doch ist sein Sohn gerade dazu gekommen, um uns durch sein Wort und sein Leben die ordentlichen Heilswege zu offenbaren. Uns hat er aufgetragen, diese Offenbarung mit seiner Autorität an die anderen weiterzugeben.«12 Gerade in einer Zeit, da viele Menschen ohne Halt und ohne Hoffnung leben, muß uns deutlich werden, wie reich wir sind. »Sicherlich wäre es ein Irrtum, irgend etwas, was immer es auch sei, dem Gewissen unserer Brüder aufzunötigen. Diesem Gewissen jedoch die Wahrheit des Evangeliums und den Heilsweg in Jesus Christus in voller Klarheit und in absolutem Respekt vor den freien Entscheidungen, die das Gewissen trifft, vorzulegen – >ohne Zwang oder unehrenhafte oder ungehörige Überredung< (vgl. Dignitatis Humanae, 4) -, ist gerade eine Ehrung eben dieser Freiheit, der so die Wahl eines Weges angeboten wird, den selbst die Nichtglaubenden für ehrenvoll und erhebend halten. Ist es denn ein Vergehen gegen die Freiheit des anderen, voller Freude eine Frohbotschaft zu verkünden, die man selbst durch die Barmherzigkeit Gottes vernommen hat? Und warum sollten bloß die Lüge und der Irrtum, die Entwürdigung des Menschen und die Pornographie das Recht haben, dargelegt (...) und geradezu aufgedrängt zu werden? Die (...) respektvolle Verkündigung der Botschaft Christi und seines Reiches ist nicht nur ein Recht des Glaubensboten - sie ist mehr: sie ist seine Pflicht. Und die Menschenbrüder dieses Glaubensboten haben auch ein Recht darauf, von ihm die Verkündigung der Frohbotschaft und des Heils zu empfangen.«13
Der Herr der Ernte braucht viele Priester, die ihn verkünden und die Sakramente des Lebens spenden, viele Ordensleute, die Zeugnis von ihm geben. Und er braucht ebenso viele Laien, die mitten in der Welt ein Leben der Ganzhingabe führen. Besonders sie sind die Wegbereiter, die Christus in die Städte und Dörfer, Werkhallen und Universitäten vorausgehen: »Hilf mir rufen: Jesus, Menschen! … Apostolische Menschen! Für dich, für deine Verherrlichung.
Du wirst sehen, daß er uns schließlich erhört.«14
»Es wäre sicher nicht ohne Nutzen, wenn jeder Christ und jeder Verkündiger folgenden Gedankengang im Gebet vertiefte: Die Menschen können durch die Barmherzigkeit Gottes auf anderen Wegen gerettet werden, auch wenn wir ihnen das Evangelium nicht verkünden; wie aber können wir uns retten, wenn wir aus Nachlässigkeit, Angst, Scham – was der heiligePaulus >sich des Evangeliums schämen< nennt (Röm 1,16) - oder infolge falscher Ideen es unterlassen, dieses zu verkünden? Denn das heißt, Gottes Anruf zu verraten, der durch die Stimme der Diener des Evangeliums den Samen wachsen lassen will; es hängt von uns ab, ob dieser zu einem Baum heranwachsen und reiche Frucht bringen kann.«15
1 Mt 9,36-10,8. – 2 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 1. – 3 Johannes Paul II., Predigt in Augsburg, 3.5.1987. – 4 ebd. – 5 Joël 1,10-12. – 6 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 34. – 7 Paul VI., Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi, 8.12.1975, 80. – 8 II.Vat.Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 4. – 9 J.Escrivá, Der Weg, Nr.800. – 10 Lk 10,1. – 11 Katechismus der Katholischen Kirche, 900. – 12 Paul VI., a.a.O. – 13 ebd. – 14 J.Escrivá, Der Weg, Nr.804. – 15 Paul VI., a.a.O.
