Tagesmeditation

JAHRESKREIS
17. WOCHE – MONTAG

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DIE KRAFT DES SAUERTEIGS

Wachsen des Gottesreiches in der Welt und in uns.
Zeugnis im Alltag.
Wie ein Sauerteig die Welt verwandeln.

I. Die Gleichnisse vom Himmelreich oder – nach Markus und Lukas – vom Reich Gottes, geben einen »eschatologischen Ausblick der menschlichen Geschichte. (…) Gemäß der Lehre und Bitte Jesu muß das Reich Gottes in den Herzen der Jünger >in dieser Welt< wachsen, aber es wird in der zukünftigen Welt seine Vollendung finden.«1

Heute hören wir das Gleichnis vom Sauerteig, den eine Frau in einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war2. Dieser Vorgang war den Frauen unter den Zuhörern wohlbekannt: Teig vom letzten Backen aufzuheben, damit er sauer wird, und ihn am nächsten Tag unter das Mehl kneten, so daß er sich in dessen ganzer Masse auflöst.

In einer wörtlichen Übersetzung heißt es, die Frau verbarg den Sauerteig in drei Sat Mehl. Das »sind etwa vierzig Liter. Das ergäbe (mit Wasser und Sauerteig nach dem Backen) fünfzig Kilo Brot – eine ganz außergewöhnliche Menge. (…) Ohne Zweifel liegt dem Gleichniserzähler daran, dem Hörer eine riesige Menge Brot vor Augen zu führen: denn es wird ja ein Bild für die Welt gesucht. Beabsichtigt ist auch der ungewöhnliche Ausdruck: sie verbarg (nämlich den Sauerteig im Mehl). Denn der Sache nach geht es ja um Kneten und Vermengen. Das Wort >verbergen< ist sicher gewählt, um die gegenwärtige Unsichtbarkeit und Nicht-Aufweisbarkeit des Gottesreiches in der großen Welt anzuzeigen. Der Sinn des Gleichnisses dürfte daher sein: (...) Das Reich Gottes ist Ergebnis eines Prozesses, der unsichtbar und unerkannt sich bereits jetzt vollzieht. (...) Der Endpunkt des Prozesses ist so etwas wie die >Vollendung der Herrschaft Gottes<. Tröstend und ermahnend zugleich ist das Gleichnis: Tröstend, weil auch Sauerteig wenig ist im Verhältnis zur Masse, die er durchdringen muß, weil er sein >Ziel< aber mit >innerer Zielstrebigkeit< und absoluter Sicherheit erreichen wird. Ermahnend, weil Christentum, das nicht mehr expansiv, missionarisch und in diesem Sinne >erobernd< ist, keines mehr ist.3

Auch wenn der Herr vor allem das Wachsen des Reiches Gottes in der Welt bis ans Ende der Zeit meint, können wir das Gleichnis auf unser Leben anwenden. Der Sauerteig ist dann die Gnade, die im Leben des einzelnen wirkt – sich um die Dinge und Aufgaben der Welt kümmern und nach Gott streben sollen zu einer starken Einheit des Lebens verschmelzen.

Die ersten Verkünder des Glaubens haben es nicht leicht gehabt. Einer der großen Prediger des Altertums, der nicht ohne Grund Chrysostomos, »Goldmund« hieß, erinnerte seine Zuhörer daran, um sie wachzurütteln: »Ja, sagst du, jene waren eben Apostel. Und was verschlägt das? Haben sie dir nicht vom gleichen Sauerteig mitgeteilt? Haben nicht auch sie in Städten gelebt? Waren sie nicht in derselben Lage wie du? Haben nicht auch sie Handwerke ausgeübt? Oder waren sie vielleicht Engel? Sind sie etwa vom Himmel herabgekommen? – Dafür hatten sie die Gabe, Wunder zu wirken. – Nein, nicht die Wunderzeichen machten sie bewundernswert. Wie lange noch werden wir diese Wunder als Vorwand für unsere Trägheit gebrauchen? (…) Wären sie Sklaven der Leidenschaften gewesen, so hätten sie tausend Tote auferwecken können, es hätte ihnen nicht nur nichts genützt, man hätte sie sogar für Betrüger gehalten. Also das tugendhafte Leben ist es, das überallhin seinen Glanz verbreitet, das auch die Gnade des Heiligen Geistes auf sich zieht.«4 Die Neuevangelisierung des alten Europa ist heute ein wichtiges Anliegen der Kirche; schauen wir auf die ersten Glaubensboten, um von ihnen zu lernen.

II. Es ist keine nostalgische Verklärung, wenn wir das Bild vom Sauerteig auf die Christen der Urzeit anwenden. Wenn Tertullian gegen Ende des 2. Jahrhunderts sein Apologeticum verfaßt, das er an die Provinzstatthalter des römischen Reiches richtet, um die Anschuldigungen gegen die Christen zu widerlegen, kann er sich die spöttische Bemerkung erlauben: »Gestern sind wir erschienen, und schon haben wir alles, was euer ist, überflutet: Städte und Inseln, Garnisonen, Gemeinden, Ortschaften, Heerlager sogar, Stadtbezirke und Dekurien, Palast, Senat und Forum; gelassen haben wir euch allein die Tempel.«5

Auch wenn es hier und dort das außerordentliche Zeugnis des Martyriums gab, wurde das Leben im Alltag die normale Form des Zeugnisses: »Erstaunlich an den Christen des 2. Jahrhunderts ist ihre Präsenz im Leben der Menschen, in den Läden und Werkstätten, in den Lagern und auf den öffentlichen Plätzen. Sie nehmen am wirtschaftlichen und sozialen Leben teil, sie sind in den Alltag verwoben und leben wie jedermann. (…) In diesem Miteinander des gemeinsamen Lebens bereiten sich die Bekehrungen vor.«6

Auch heute dürfen wir die Kraft eines normalen christlichen Zeugnisses nicht unterschätzen: »Wenn die anderen sehen, daß wir ihnen in allem gleichen, werden sie sich gedrängt fühlen zu fragen: Woher kommt eure Freude? Woher nehmt ihr die Kraft, den Egoismus und die Bequemlichkeit zu überwinden? Wer lehrt euch, dieses Verständnis aufzubringen, wer lehrt euch dieses selbstlose Zusammenleben, diese Hingabe, diese Dienstbereitschaft gegenüber den anderen?

Dann ist der Augenblick gekommen, ihnen das göttliche Geheimnis des christlichen Lebens aufzudecken, mit ihnen über Gott zu sprechen, über Christus, den Heiligen Geist, über Maria; dann ist der Augenblick gekommen, mit unseren armseligen Worten die Torheit der Liebe Gottes weiterzugeben, die der Heilige Geist in unsere Herzen ausgegossen hat.«7

Geben wir Zeugnis in der Familie, im Beruf, in der Gesellschaft? Oder meinen wir, wir könnten im Grunde nur wenig ausrichten, weil wir doch nicht besser als die anderen seien? Mit Worten, die stark von Kindheitserinnerungen geprägt sind, nimmt der selige Josemaría Escrivá zu solchen skeptischen Bemerkungen Stellung, wenn er sich fragt: »Ist die Hefe von sich aus besser als der Teig? Sicher nicht. Und doch ist sie das Mittel dafür, daß der Teig gerät und zu eßbarer, gesunder Nahrung wird.

Halten wir uns kurz die Wirkung des Sauerteiges vor Augen, der zur Bereitung einer so einfachen und allen zugänglichen Grundnahrung wie des Brotes dient. Vielleicht habt ihr es selbst einmal gesehen, wie man mancherorts das Backwerk zubereitet: es ist ein richtiges Zeremoniell, und am Ende kommt etwas Gutes, Schmackhaftes und auch Schönes dabei heraus. Sie nehmen gutes Mehl, nach Möglichkeit von der besten Sorte. In einer langen Prozedur, die Geduld erfordert, bereiten sie den Teig im Backtrog zu und mischen die Hefe darunter. Dann lassen sie ihn ruhen; das ist nötig, damit die Hefe wirkt und den Teig aufgehen läßt.

Unterdessen brennt schon das Feuer im Backofen. Immer mehr Holz wird eingelegt. Das Backgut wird durch die Wärme des Feuers zum weichen, lockeren Brot von großer Qualität. Dies wäre nicht möglich gewesen, wenn das kleine Stück Sauerteig sich nicht in das Ganze hinein aufgelöst hätte, wirksam und unauffällig.«8

Der Sauerteig versinnbildet die verborgene Kraft des christlichen Zeugnisses, den apostolischen Elan der Kirche bis ans Ende der Zeit. Ohne die verwandelnde Kraft des Glaubens wäre das Leben nur Ungewißheit und Beschwernis. Aber die kleine Menge wirkt nur, wenn sie sich nicht absondert – auch dies eine Anregung für unser Gebet.

III. Wie können wir heute Sauerteig sein? In der schon zitierten Predigt will Johannes Chrysostomos seine Zuhörer aufrütteln, indem er sie an die Apostel erinnert: »Wenn zwölf Männer den ganzen Erdkreis zu durchsäuern vermochten, so erwäge, wie schlecht wir sein müssen, wenn wir trotz unserer großen Anzahl diejenigen nicht zu bekehren vermögen, die noch übrig geblieben sind, während wir doch für tausend Welten genügen und als Sauerteig dienen sollten.«9 Aufmunternd weist er dann einen Weg; denn auch die Apostel waren keine Genies, aber in ihnen wohnte die Kraft Gottes: »Er ist ja derjenige, der dem Sauerteig seine Kraft verleiht. Darum hat er seine Gläubigen unter die große Menge gemischt, auf daß wir den anderen von unserer Erkenntnis mitteilen. Niemand soll sich also über die geringe Anzahl beschweren. Groß ist ja die Kraft des Evangeliums; und was einmal durchsäuert ist, wird auch seinerseits zum Sauerteig.«10

Im Grunde hat sich seit damals nichts geändert. Wie damals die Umwelt von Hedonismus geprägt war, ist unsere heutige Zivilisation »durch die fortschreitende Verbreitung des Indifferentismus, Säkularismus und Atheismus entscheidend geprägt. Es geht dabei vor allem um die Länder und Nationen der sogenannten Ersten Welt, in der der Wohlstand und der Konsumismus, wenn auch von Situationen furchtbarer Armut und Not begleitet, dazu inspirieren und veranlassen, so zu leben, >als wenn es Gott nicht gäbe<.«11 Die Christen der Urzeit waren - wir haben es von Tertullian gehört - in allen Lebenssituationen und Berufen präsent. Und genau dies ist die Forderung unserer Zeit: »= 11 Die Christen der Urzeit waren - wir haben es von Tertullian gehört - in allen Lebenssituationen und Berufen präsent. Und genau dies ist die Forderung unserer Zeit: Sache der Laien ist es, kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen. Sie leben in der Welt, das heißt in all den einzelnen irdischen Aufgaben und Werken und den normalen Verhältnissen des Familien- und Gesellschaftslebens, aus denen ihre Existenz gleichsam zusammengewoben ist. Dort sind sie von Gott gerufen, ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt gewissermaßen von innen her beizutragen und vor allem durch das Zeugnis ihres Lebens, im Glanz von Glaube, Hoffnung und Liebe Christus den anderen kund zu machen.«12

Von Christus kommt die innere Wirkkraft des Sauerteigs, also ein Leben im Bewußtsein der Gotteskindschaft, aus dem Gebet und den Sakramenten. Nur so meidet man einen sterilen Aktivismus: »Wenn der Sauerteig nicht in Gärung gerät, verfault er. Er kann sich dadurch auflösen, daß er den Teig aufgehen läßt, aber auch dadurch, daß er sich in Nutzlosigkeit und Egoismus verliert.«13

Mit einem Blick auf Unsere Liebe Frau, die Königin der Apostel, schließen wir diese Zeit des Gebetes: »Während sie auf Erden ein Leben wie jeder andere verbrachte, voll von Sorge um die Familie und von Arbeit, war sie doch immer innigst mit ihrem Sohn verbunden und arbeitete auf ganz einzigartige Weise am Werk des Erlösers mit.«14

1 Johannes Paul II., Ansprache, 27.4.1988. – 2 Mt 13,31-35. – 3 K. Berger, Manna, Mehl und Sauerteig – Korn und Brot im Alltag der frühen Christen, Stuttgart 1993, S. 57-58. – 4 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 46,3. – 5 Tertullian, Apologeticum, 37. – 6 A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, S. 79. – 7 J. Escrivá, Christus begegnen, 148. – 8 J. Escrivá, Freunde Gottes, 257. – 9 Johannes Chrysostomos, a.a.O., 46,2. – 10 ebd. – 11 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 34. – 12 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 31. – 13 J. Escrivá, Freunde Gottes, 258. – 14 II. Vat. Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 4.