Tagesmeditation

JAHRESKREIS
16. SONNTAG (LESEJAHR A)

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DAS UNKRAUT auf dem acker

Der Acker ist die Welt.
Wachsam sein und sich einmischen.
Liebe zu Christus und Selbstbewußtsein.

I. Wir hören im heutigen Evangelium1 das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Es ist nicht verwunderlich, daß die Jünger auch diesmal Jesus um eine Verstehenshilfe bitten: Herr, erkläre uns das Gleichnis. Denn es enthält einen rätselhaften Zug: Wieso läßt der kluge Bauer das Unkraut nicht gleich beseitigen?

Der Herr meint nicht die bunte Vielfalt von Blüten am Ackersaum und auch nicht die schönen Blumen inmitten des Ackers selbst. Bei ihnen besteht keine Gefahr der Verwechslung. Anders ist es mit dem im Orient sehr verbreiteten Taumellolch, der dem Weizen ähnelt und erst spät an der schmalen Ähre und den kleineren Körnern deutlich vom Weizen unterscheidbar ist. Dieser ist im Gleichnis gemeint, sagen die Exegeten. Schlimm an diesem Unkraut ist, daß es einen giftigen Pilz trägt; daher die Furcht der Bauern vor solchen Plagen, die eine ganze Ernte verderben konnten. Aus zeitgenössischen Quellen wissen wir, daß das Säen von Unkrautsamen unter den frisch gesäten Weizen im Orient nicht selten persönliche Rache war. Der Eigentümer des Ackers errät es deshalb auch sofort: Das hat ein Feind von mir getan. Er teilt also die Überraschung der Knechte nicht. Er ahnt, wie es gewesen ist: Während nun die Leute schliefen, kam der Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg.

Wie ist das Gleichnis gemeint? Der Acker ist die Welt. In ihr sät Gott den Samen seines Wortes aus. Er soll in der Seele Wurzeln schlagen und Früchte der Heiligkeit bringen. Ja, man kann das Gleichnis so verstehen, daß er selbst – der menschgewordene Sohn Gottes – der Samen ist, der in die Erde fällt: »Christus selber ist das Weizenkorn Gottes, das Gott in den Ackerschoß dieser Welt gesenkt hat. Christus selber ist das Wort der ewigen Liebe, das Gott aussät auf Erden.«2 Er ist in unsere Niederungen herabgestiegen und »hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt. (…) Als unschuldiges Opferlamm hat er freiwillig sein Blut vergossen und uns Leben erworben.«3 Wir wollen hier in unserem Gebet innehalten: Mit wieviel Liebe schenkt uns Gott seine Gnade! Wieviel ist ihm jeder einzelne Mensch wert!

Ein nicht unwichtiger Zug im Gleichnis ist der Übereifer der Knechte, die ihre mangelnde Sorgfalt wiedergutmachen möchten: Sollen wir gehen und es ausreißen? Das Nein des Herrn hat einen klaren Grund: Sonst reißt ihr zusammen mit dem Umkraut auch den Weizen aus. Laßt beides wachsen bis zur Ernte. Und die Zeit der Ernte – sagt er später – ist das Ende der Welt. Das Gleichnis hat also im Kern eine eschatologische Bedeutung. Die endgültige Aussonderung bleibt Gott im Letzten Gericht vorbehalten. Mit anderen Worten: Die Jünger des Herrn müssen wissen, daß sie bis zum Ende der Zeiten in einer Welt leben werden, in der Gutes und Böses nebeneinander vorkommen. Wieviele gescheiterte Utopien im Laufe der Geschichte erinnern daran! Alle Illusionen von Fortschritt und Entwicklung, die von einer perfekten Welt träumen, sind Surrogate der christlichen Hoffnung.

Ein Christ läßt sich davon nicht blenden. Doch vor einer Gefahr muß er sich hüten: der Neigung, das Gericht Gottes vorwegzunehmen und – selbstherrlich und blind für die Geheimnisse des Herzens – die Menschen schon jetzt in Gute und Böse auszusondern. Der Herr mahnt im Gleichnis, daß nicht wir, sondern er dies tun wird.

II. Einige Kirchenväter sehen im Unkraut ein Sinnbild der verderblichen Lehre und des giftigen Irrglaubens, die der Vater der Lüge4 von Anfang an aussät. Satans Wesen »ist voll und ganz in den Worten enthalten: >Durch Täuschung existiere ich und habe ich Bestand<. Er hält sich durch Betrug an der Macht. Er läßt gut erscheinen, was böse ist, oder als kleines, unvermeidliches Übel, dem alle unterliegen, was in Wahrheit ein schweres Vergehen ist.«5 Er ist der Diabolos, der Durcheinanderbringer, der die Wahrheit verzerrt, den Irrtum verbrämt und beides vermischt. Er kann unbestraft den schlechten Samen säen, weil Christen schlafen, die hätten wachsam sein müssen. Dabei bedient er sich nicht des offe nen Kampfes gegen die Wahrheit, sondern ist darauf aus, sie in ihrer Substanz allmählich auszuhöhlen: hier wird etwas relativiert, dort uminterpretiert, an anderer Stelle vorsichtig hinterfragt. In Schriften, Sendungen und Magazinen werden Lebensentwürfe verbreitet, in denen Gott, wie ein abgelegtes Modell, passé ist.

Es gilt also, wachsam zu sein: unseret- und der Menschen wegen, die sich auf uns verlassen oder uns anvertraut sind. Ein Stück dieser Wachsamkeit ist das Bemühen um eine gründliche Glaubensbildung. Und ebenso brauchen wir ein feinfühliges Herz und einen aufmerkenden Verstand, damit wir – wie es im heutigen Tagesgebet heißt – immer wachsam sind und auf dem Weg deiner Gebote bleiben6.

Ein entstellter Glaube und eine verdrehte Moral richten große Verheerungen an und stürzen viele Menschen ins Elend. Wie leicht ist es im Zeitalter der allgegenwärtigen Medien geworden, Denken und Handeln anderer zu beeinflussen! Nicht nur die Überwältigung von außen, auch die dunklen Triebe im eigenen Inneren bahnen dem undifferenzierten Konsum von verwerflichen Bildern und Ideen leicht den Weg.

Der Feind Gottes und der Seelen setzt immer die jeweils zeitgemäßen Mittel ein. Wie könnte er es sich heute entgehen lassen, Film und Fernsehen für seine Zwecke zu nutzen. Freuen wir uns an dem Guten, das sie uns bieten; aber seien wir nicht naiv. Wie oft wird die Information zur Desinformation, der Bildungsanspruch zur Verrohung. Eheliche Untreue gilt als pfiffig, Keuschheit als hinterwäldlerisch und verklemmt, Abtreibung als harmlos, Euthanasie als Liebesdienst. Die Glaubenswahrheiten sollen dem Zufall von Mehrheitsentscheidungen unterworfen werden. Wieviel Ignoranz und wieviel Arroganz herrschen gegenüber Christus, unserem Erlöser!

Wer in einer solchen Situation Christus folgen will, muß bereit sein, sich einzumischen. Gott hat uns die Freiheit gegeben, die Geschichte mitzugestalten. Nichts ist unvermeidlich, nichts schicksalhaft. Jeder kann, nach seinen Möglicheiten, den guten Samen säen: gewinnend, liebenswürdig und im passenden Augenblick das klare Wort finden, das in der eigenen Familie, unter den Freunden und Kollegen zeigt, wie liebenswert die Wahrheit und wie zerstörerisch der Irrtum ist. Ein Leserbrief, der Plausch mit dem Nachbarn über die Erziehung der Kinder, das Mitwirken in einem Verein, die entspannte, anregende Kaffeepause am Arbeitsplatz: diese und andere Anläße werden wir mit Einfühlungsvermögen zu nutzen wissen. Nicht zuletzt auch solche, die zur Stärkung des Glaubens beitragen: einen Freund zu Tagen der Besinnung einzuladen, ihm die Chancen der geistlichen Leitung zu eröffnen, ein wegweisendes Buch zu empfehlen… All dies – und die feste, gelassene Art unseres Verhaltens – kann helfen, im Dickicht willkürlicher Lebensentwürfe Schneisen zu öffnen auf Christus hin.

III. Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.7 Dieser Rat des Apostels Paulus galt den Christen im heidnischen Rom, und er gilt den Christen aller Zeiten, die Christus lieben und mit der Kirche leiden. Eine Art zu kapitulieren besteht darin, daß man auf das Böse fixiert ist, klagt und lamentiert. Das allein aber ist unfruchtbar. Das Böse kann nur durch das natürliche, konsequente Beispiel und durch die gute Lehre bezwungen werden. Weil wir dazu berufen sind, die Heiligkeit mitten in der Welt zu suchen, müssen wir in der Welt auch wirklich präsent sein, uns sozusagen bemerkbar machen: »Wir können nicht einfach die Hände in den Schoß legen, während eine subtile Art der Verfolgung die Kirche zu einer tödlichen Regungslosigkeit verurteilen möchte. Am liebsten brächte man ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit zuwege, um so vor allem zu verhindern, daß sie in Fragen der Erziehung, des kulturellen Lebens oder der Familie Stellung nimmt.

Es geht nicht um >unsere Rechte

Dies erfordert manchmal energischen Widerstand gegen die Verhöhnung unserer Glaubensüberzeugungen. Abwehr ist nur ein kleiner Teil christlichen Zeugnisses, aber nicht unwichtig: Sich wehren nicht als überempfindlicher Kirchgänger, der sich in seiner Subjektivität gekränkt fühlt, sondern als dankbarer Freund Jesu.

Der christliche Glaube ist kein Ideensystem, er ist lebendiger Umgang mit dem menschgewordenen Sohn Gottes, der das Letzte für die Menschen hingegeben hat. Glaube ist also Treue zu einer Person. Es wäre für einen gläubigen Christen grotesk, die Treue gegenüber anderen Menschen hochzuschätzen und bei Jesus ungerührt zu bleiben. Das Phlegma beiseite zu lassen, wenn es um Treue geht, ist keine hemmungslose Aufgeregtheit, sondern urmenschliche, konsequente Reaktion.

Die Worte der ersten Lesung in der heutigen Messe stellen Gottes Milde als Erweis seiner Stärke und seiner Macht dar und fordern uns zum Vertrauen auf: Deine Herrschaft über alles läßt dich gegen alles Nachsicht üben. Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht.9

Es liegt nicht in unserer Macht, alles Unkraut auszujäten. Aber dank der Gnade können wir doch immer Zeugnis dafür geben, »daß nicht die Angst, sondern die Suche nach Christus und der Anschluß an ihn entscheidend sind für das Leben und Wachsen der Menschen sowie für das Entstehen neuer Lebensmodelle, die seiner Würde entsprechen«10.

Bitten wir den Herrn, er möge allen, die ihn lieben, zweierlei schenken: die sakramentale Verbundenheit mit ihm und ein Selbstbewußtsein, das die eigene Glaubensatmosphäre ganz natürlich in seine Umgebung trägt. »Dann bin ich überzeugt, daß du mir mit der Verblüffung der Jünger, als sie die ersten im Namen Christi vollbrachten Wunder sahen, sagen wirst: Wie stark wir auf das Milieu einwirken!«11

1 Mt 13,24-43. – 2 J. Kard. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1988, S. 21. – 3 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 22. – 4 Joh 8,44. – 5 R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S. 47. – 6 Tagesgebet. – 7 Röm 12,21. – 8 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 310. – 9 Weish 12,17. – 10 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 34. – 11 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 376.