Tagesmeditation

JAHRESKREIS
17. WOCHE – FREITAG

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ZEUGNIS IN SCHWIERIGER ZEIT

Bewunderer und Widersacher.
In einer gottfernen Welt.
Mutiges Bekenntnis zu Christus.

I. Lob, Bewunderung, Staunen wegen der Großtaten Jesu: Wie oft haben wir solche Szenen aus dem Evangelium betrachtet und uns dabei mit einer Gestalt damals aus der Menge identifiziert – ergriffen wie sie. Als Glaubenden sind für uns die Worte des Petrus in seiner Pfingstpredigt nur zwingend: Natürlich mußte es die Leute staunen machen, ist doch Jesus jener, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat1. Dennoch begegnet uns im Evangelium auch eine andere Sehweise. Es gibt Menschen, die in Jesus einen Widersacher sehen, ja einen Feind: Vorbehalte, Mißgunst, Neid und Feindschaft nehmen ihren tragischen Lauf.

Die Bewunderer werden einzeln kaum sichtbar; aus der Menge taucht nur hin und wieder jemand auf: die Frau, die Maria lobpreist, der Blindgeborene, der die Vorurteile der Pharisäer widerlegt – die meisten sind wie Sternschnuppen, die Lichtspur ihres Lobpreises verliert sich im Dunkel. Einige unter ihnen haben sich wohl – wie der vornehme Josef aus Arimathäa und der gebildete Nikodemus – abseits vom großen Lärm mit der Gestalt Jesu beschäftigt, bis es ihnen wie Schuppen von den Augen fiel – oder sie blieben unschlüssig. Unter den Geheilten werden viele in passiver Dankbarkeit, angewidert vom Jerusalemer Spektakel, gehört, andere ihren Wohltäter einfach vergessen oder vielleicht die Begeisterung von damals für einen Fehler gehalten haben. Wer weiß. Dankbarkeit ist nicht selbstverständlich, auch heute nicht.

Ganz anders kommen die Widersacher Jesu daher. Man spürt deutlich die Drahtzieher im Hintergrund, die nur ein Ziel haben – Jesus loszuwerden – und jede Gelegenheit nutzen, diesem Ziel näherzukommen. Auch dort, wo sie loben, wittert man eine List: Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen, denn du siehst nicht auf die Person.2 Oft ist es peinlich, aber am Ende schaffen sie es. Es gelingt ihnen, die Masse für sich zu mobilisieren. Ob auch ehemalige Bewunderer Jesu zu denen gehörten, die Kreuzige ihn! schrien?

Von Anfang an mußte Jesus Mißgunst und Argwohn ertragen. Es beginnt mit den Nachbarn und Verwandten: sie sagten, er ist von Sinnen3. Bei seinem ersten Besuch in Nazaret, berichtet das heutige Evangelium4, weigern sich seine Landsleute, in ihm etwas Außergewöhnliches zu sehen. Ihr nivellierender Kleingeist ist offensichtlich: Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? (…) Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Verdächtigungen und Vorbehalte überschatten jenen Besuch. Es ist wie ein Vorspiel der entfesselten Feindschaft, die auf Golgota endet.

Im Leben Jesu zeigen sich Erfahrungen der Menschheitsgeschichte: er hat Bewunderer und Widersacher, und am Ende schlägt auf irrationale Weise die Begeisterung in Haß um.

II. Wie ist es möglich, daß Jesus solche Entrüstung hervorrufen konnte? Woher der Widerspruch gegen ihn? »Eine objektive Prüfung des Evangeliums zeigt uns Jesus Christus vor allem als Meister der Wahrheit und Diener der Liebe. Diese beiden Wesenszüge erklären den Sinn seines Wirkens und seiner Sendung. So erklären sich der Widerspruch, der in seiner Sendung und seiner Tätigkeit liegt, und auch der Widerspruch, den die Lehre und das Verhalten des Meisters von Nazaret wecken (vgl. Joh 1,45).

Jesus nahm Stellung gegen die irrige und verfälschende Auslegung des Gotteswortes und der Überlieferung des auserwählten Volkes durch die Pharisäer und Sadduzäer. Er widersetzte sich allem, was nicht dem ursprünglichen grundlegenden Sinn des Schriftwortes entsprach. Er widersetzte sich allem, womit die menschliche Kleinlichkeit das Gesetz und das größte Gebot, das Gebot der Liebe, entstellte. Er widersetzte sich nicht nur in Worten, sondern auch in Taten.«5

Als er warnte, der Weg des Heiles sei nicht breit und bequem, sondern eng und schmal6, deutete er an, daß seine Jünger bereit sein müßten, Anstoß zu erregen gegenüber solchen, die sich bewußt seiner Lehre widersetzen oder die in seiner Nachfolge lau geworden sind. Die Liebe zur Wahrheit steht nicht selten im Widerspruch zu handfesten Interessen oder zu träger Bequemlichkeit. Die wachsende religiöse Gleichgültigkeit während der letzten Jahrzehnte läßt dies deutlich werden. Viele christliche Verhaltensweisen und Bezeugungen von Gottes Gegenwart in der Welt sind aus dem Lebensalltag verschwunden: »Die gesamte geistige >Luft<, die wir einatmen, ist - bildlich gesprochen - religiös >keimfrei< geworden: die Luft der Arbeitswelt, der Schule, der Ausbildung, der Öffentlichkeit (in der man sich höchstens über eine fragwürdige Fernsehsendung über die Kirche erhitzt) - ja bis in die Art und Weise unserer Gespräche untereinander hinein.«7

In dem Maße, wie die Gesellschaft christliche Maßstäbe und Werte ignoriert, wächst die Verantwortung des einzelnen Christen. Die Worte des Herrn werden immer aktueller: Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.8 »Je tiefer ein Mensch Christ wird, desto tiefer unterscheidet sich sein Dasein von den anderen, die nicht Christen sein wollen oder soweit sie es nicht sein wollen.«9

Eine entchristlichte Gesellschaft muß auf Dauer an sich selbst zugrunde gehen. Es gibt leider immer mehr Menschen, die in einer areligiösen Umgebung aufgewachsen sind, also eine echt christliche Atmosphäre nie kennengelernt haben. Wir können dazu beitragen, daß sie den Reichtum christlicher Lebensweise entdecken. Die Worte des Paulus an Timotheus gelten auch heute: Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Schäme dich also nicht, dich zu unserem Herrn zu bekennen.10

Es bleibt indes wahr, das Leben eines Christen, der mit seinem Glauben konsequent sein will, gerät in Kontrast zu einer Lebensweise, die sich nur treiben läßt. Wer heute Zeugnis gibt, hat in der Regel nicht physische Gewalt zu befürchten, wohl aber psychologische Einschüchterung: ein ironisches Lächeln, höhnische Bemerkungen, eine diskriminierende Behandlung am Arbeitsplatz oder materielle Nachteile.

Unsere jüngste Geschichte bietet zahlreiche Beispiele, wo Menschen beträchtliche berufliche oder gesellschaftliche Nachteile in Kauf genommen haben um der Treue zum Glauben willen. Es ist viel leichter, in solchen Situationen den bequemeren Weg zu gehen, indem man gleichsam wegtaucht. Denn immer bietet sich eine eingängige Begründung. Es ist die Versuchung der Menschenfurcht: aus Angst vor unliebsamen Reaktionen verbirgt man die eigene Identität als Jünger des Herrn.

III. Es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt.11 Die Mahnung an Timotheus meint sicher nicht nur bestimmte historische Phasen und Epochen, sondern eine ständige Bedrohung des Glaubens mit je spezifischen Merkmalen. Ein charakteristisches Merkmal heute ist der Einfluß der Massenmedien, ihr Anspruch und der menschliche Drang, sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer12 zu suchen. »Noch schlimmer sieht es aus, wenn sich Theologen und besonders Moraltheologen mit den Medien zusammentun, die natürlich allem, was sie Gegensätzliches zur >gesunden Lehre< zu sagen oder zu schreiben haben, große Resonanz entgegenbringen. In der Tat, wenn die wahre Lehre unpopulär ist, ist es nicht erlaubt, eine leicht zu erreichende Popularität zu suchen. Die Kirche muß aufrichtig auf die Frage antworten: >Was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?< (Mt 19,16)«13

Zeittrends und fragwürdigen Propheten nachzulaufen ist eine beständige Versuchung. »Sie sprechen die Sprache unserer Zeit, und jeder versteht sie«14, schrieb ein Journalist.

»Josef aus Arimathäa und Nikodemus hörten nicht auf die Stimmen der Zeit, sie nahmen die Gefahr einer Zurückstellung in Kauf. Sie waren lange Zeit nur im Verborgenen Jünger des Herrn – vielleicht aus Kleinmut, vielleicht aus Klugheit, im entscheidenden Augenblick helfen zu können. Zur Zeit der Feigheit aber zeigen sie Mut und bezeugen gegenüber der Obrigkeit ihre Liebe zu Christus, >audacter<, voller Kühnheit.«15 Als alles verloren schien - denn Jesus hing tot am Kreuz - fragten sie sich nicht, was opportun sei oder was die Mehrheit meine. Sie handelten in aller Öffentlichkeit.

= 15 Als alles verloren schien – denn Jesus hing tot am Kreuz – fragten sie sich nicht, was opportun sei oder was die Mehrheit meine. Sie handelten in aller Öffentlichkeit.Es sind nicht wenige, die – vielleicht unbewußt – ein klares christliches Zeugnis erwarten. Eine in Diskussionen erprobte Frau machte ihrer Verwunderung so Luft: »Niemand kam mir zu Hilfe. Doch am Ende der Veranstaltung standen, wie so oft, viele um mich herum, um mir zu sagen, wie gut und wie richtig meine Ansichten seien. Auch zwei Nonnen waren dabei. Warum nur war niemand zum Saalmikrophon gegangen, um dies zu sagen? (…) Dieses mutlose Nicht-öffentlich-Einstehen-wollen für eigene Überzeugungen ist mir immer und immer wieder begegnet. Ich habe nie verstanden, warum dieser Mut fehlt. Es geht doch heute nicht mehr um Leib und Leben, es ist doch vollkommen gefahrlos, mutig und heiter ein Mikrophon im Saal zu ergreifen, auch wenn man hin und wieder unterzugehen droht. Wenn schon untergehen, dann doch lieber mit fliegenden Fahnen!«16

Wie sehr braucht die Welt Christen, die für ihre Überzeugungen eintreten! Wie sehr braucht der heutige Mensch – ein Suchender, Zweifelnder und Fragender – die Begegnung mit Christus! »Auch wenn Menschen oft leben, als gäbe es Gott nicht, so sehnen sie sich doch im Tiefsten auf ihrer Suche nach Glück und Geborgenheit ständig nach ihm. (…) Alle Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft können in ihm wahrer und reicher werden. Durch das gläubige Zeugnis der Christen könnte es gelingen, nach manchen tragischen Brüchen zwischen Kirche und Welt, zwischen Glaube und Vernunft zu einer neuen Begegnung von Evangelium und Kultur zu kommen, gerade auch in diesem offensichtlich gealterten Europa.«17

Kehren wir zum heutigen Evangelium zurück und betrachten wir, wie Christus entschlossen seinen Weg geht. Allen Nöten der Menschen galt sein tiefes Mitempfinden und sein Erbarmen, aber er unterwarf sich niemals ihrem Wankelmut, er handelte einzig und allein nach dem Willen des Vaters.

1 Apg 2,22. – 2 Mt 22,16. – 3 Mk 3,21. – 4 Mt 13,54-58. – 5 K. Wojtyla, Zeichen des Widerspruchs, Freiburg 1979, S. 102. – 6 vgl. Mt 7,13-14. – 7 J. Wanke, Last und Chance des Christseins, Leipzig 1992, S. 304. – 8 Mt 10,33. – 9 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 343. – 10 2 Tim 1,7-8. – 11 2 Tim 4,3. – 12 ebd. – 13 Johannes Paul II., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, Hamburg 1994, S. 199. – 14 Gustav Seibt in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.9.1992. – 15 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 841. – 16 G. Plettenberg, Weder rechts noch links, in: Von der Lust, katholisch zu sein, Aachen 1993, S. 42. – 17 Johannes Paul II., Ansprache in Augsburg, 3.5.1987.