JAHRESKREIS
29. SONNTAG (LESEJAHR A)
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GOTT GEBEN, WAS GOTT GEHÖRT
Der
Christ als Staatsbürger.
Gewissen, Kardinaltugenden und göttliche Tugenden.
Salz, Licht und Sauerteig.
I. Es mag überraschen, daß in der ersten Lesung der heiligen Messe von einem heidnischen Herrscher die Rede ist. Der Perserkönig Kyros eroberte Babylon im Jahre 538 v. Chr.und beendete damit das babylonische Exil des Volkes Israel. Er erhält einen Ehrennamen – der -, ohne daß du mich kanntest, spricht der Herr durch den Propheten. Es ist der Name, der sonst nur dem israelitischen König und dem Messias beigelegt wird. Kyros‘ Königtum wird zu einem Werkzeug des Heils, ohne daß der König darum wissen könnte. Gott ist der Herr der Geschichte. Der Mensch macht sie, aber niemals ohne ihn: auch dann nicht, wenn er ihn nicht kennt.
Das heutige Evangelium gibt uns einen Hinweis auf die Autonomie und zugleich auf die dienende Funktion staatlicher Gewalt. Da ist, allerdings nur indirekt, vom römischen Kaiser die Rede. Die Fragenden gehören zwei rivalisierenden Gruppen an, den nationalgesinnten Pharisäern und den Anhängern des römischen Günstlings Herodes. Sie tun sich zusammen, um die konkrete historische Situation zu nutzen – seit zwanzig Jahren war das Land in Besitz der Römer – und Jesus eine Falle zu stellen: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Die Frage ist nicht unheikel: Sagt Jesus, man habe Steuern zu zahlen, dann steht er vor dem Volk als Freund der Besatzungsmacht da; sagt er, man dürfe es nicht, dann kann man ihn vor dem römischen Statthalter als Aufrührer belangen. Der Herr läßt sich die Steuermünze zeigen. Die Steuer mußte in römischer Münze, dem Silberdenar, bezahlt werden, da das jüdische Volk nur Kupfergeld, nicht Silber- und Goldmünzen prägen durfte. Die Fragenden müssen ihm also eine Münze zeigen, deren Vorderseite das Brustbild des gottähnlichen römischen Kaisers trägt. Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. »Also gebt ihm, was er zu beanspruchen hat (…). Jesus sagt mithin gar nichts darüber, ob man Steuern zahlen solle oder nicht; ob die römische Herrschaft zu Recht bestehe oder nicht. Er scheint nicht einmal zu sagen: Da die römische Herrschaft besteht und eingerichtet ist, tut, was sie verlangt. Gar nichts von alledem, sondern: Urteilt selbst, wie die Dinge liegen, und tut, was Rechtens ist. (…) Dafür haben sie selbst Verstand und Urteil. Sie sollen entscheiden und die Verantwortung dafür vor dem Gewissen wie vor den Trägern der Macht auf sich nehmen. Dann aber, und das ist das Eigentliche: Über dem Kaiser, mag er gelten, was er will, mag ihm zukommen, was immer, steht Gott (…). Das ist die eigentliche Antwort.«3
Als Staatsbürger haben die Christen die Pflicht, »dem Staat jene materiellen und persönlichen Dienste zu leisten, die für das Gemeinwohl notwendig sind.«4 Die staatliche Gewalt ist verpflichtet, die sittlichen Grundwerte anzuerkennen und die Voraussetzungen für eine menschenwürdige Entfaltung der Person zu schaffen. Im übrigen gilt: »Für den Aufbau eines wirklich menschenwürdigen politischen Lebens ist nichts so wichtig wie die Pflege der inneren Einstellung auf Gerechtigkeit, Wohlwollen und Dienst am Gemeinwohl sowie die Schaffung fester Grundüberzeugungen über das wahre Wesen politischer Gemeinschaft und über das Ziel, den rechten Gebrauch und die Grenzen der öffentlichen Gewalt.«5
II. Die Antwort des Herrn schafft der weltlichen Gewalt Spielraum. Ein Christ wird als Staatsbürger seine Pflichten innerhalb der verschiedenen Organisationsformen des Gemeinwohls gewissenhaft beachten und durch Mitarbeit fördern. Das Entrichten gerechter Steuern, die Teilnahme an Wahlen, das Mitwirken an offiziellen oder privaten Initiativen – das sind Bereiche, die das Gewissen betreffen. Aber der Mensch ist nicht nur auf den Mitmenschen hingeordnet, sondern – alles begründend – zuallererst auf Gott. Die Menschenwürde ist zutiefst in der religiösen Dimension des Menschen verankert. Deswegen wird ein Christ in seinem gesellschaftlichem Wirken diese religiöse Dimension zur Geltung bringen. Christus unterscheidet zwischen Gott und Kaiser, aber dies bedeutet nicht, daß man die Religion in den Tempel – in die Sakristei – verbannen sollte noch daß die Regelung der zeitlichen Dinge am Rande des Gesetzes Gottes geschehen sollte. Besonders die Laien können nicht darauf verzichten, sich einzuschalten »in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und systematischen Förderung des Allgemeinwohls dienen.«6
Das eigene Urteil richtet sich nach einem christlich geformten Gewissen, das wesentlich von den Kardinaltugenden geprägt ist: »Die Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß (…) sind mehr als nur etwa Stichworte in einem Verhaltenskatalog für den fairen, edlen oder humanen Bürger. Sie sind tiefer gegründet als die Prinzipien eines bürgerlichen Wohlverhaltens, das allein besorgt ist, die Spielregeln des gesellschaftlichen Lebens zu beachten. Sie sind verankert in der menschlichen Natur. Wir finden diese Tugenden nicht selten auch bei Menschen, die Jesus Christus nicht kennen oder erkennen.« Im Hirtenschreiben der deutschen Bischöfe heißt es dann weiter: »Doch Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei von Gott dem Menschen geschenkten Fähigkeiten -, darum werden sie >göttliche Tugenden< genannt - sind ihre eigentliche Quelle der Kraft.7
Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt den Beitrag der Laien zur Sendung der Kirche durch ihr Apostolat in der Gesellschaft: »Diese Sendung der Kirche in der Welt erfüllen die Laien vor allem durch jene Einheit von Leben und Glauben, durch die sie zum Licht der Welt werden; durch die Rechtschaffenheit in all ihrem Tun, in der sie alle für die Liebe zum Wahren und Guten und schließlich für Christus und die Kirche gewinnen; durch eine brüderliche Liebe, die sie am Leben, Arbeiten, Leiden und Sehnen ihrer Brüder teilnehmen läßt und in der sie die Herzen aller allmählich und unaufdringlich für das Wirken der Heilsgnade vorbereiten; endlich durch jenes volle Bewußtsein ihres Anteils am Aufbau der Gesellschaft, in dem sie ihre häusliche, gesellschaftliche und berufliche Tätigkeit auszuüben trachten.«8
III. Im Apostolischen Schreiben »Christifideles laici« heißt es: »Die Bilder des Evangeliums: das Salz, das Licht und der Sauerteig, treffen unterschiedslos auf alle Jünger Jesu zu, aber in besonderer Weise auf die Laien. Sie haben eine wundersame tiefe Bedeutung für sie, denn sie bringen nicht nur die tiefe Verankerung und die volle Teilhabe der Laien auf der Erde, in der Welt, in der Gemeinschaft der Menschen zum Ausdruck, sondern auch und vor allem das Neue und Originelle einer Verankerung und einer Teilhabe, die ihren Sinn in der Verbreitung des heilbringenden Evangeliums findet.«9
Ein Christ, der realistisch die Probleme unserer Gesellschaft sieht, weiß, daß es für viele zeitbedingte Fragen nicht nur »eine einzige christliche Antwort« geben kann. Und er weiß auch, daß er in wesentlichen Bereichen wie Familie oder Erziehung gegenüber anderen im Vorteil ist; denn er sieht komplexe Gegenstände im klaren Licht des Glaubens, er kennt durch das Lehramt der Kirche die gottgewollte Ordnung der Dinge. Er sieht dies nicht als ein Hindernis oder eine Einschränkung seines Suchens nach menschengerechten Lösungen, sondern als Hilfe, die er den Menschen, der Gesellschaft, der Wissenschaft leisten kann.
Christen sind Salz, Licht und Sauerteig, jeder nach seiner Eigenart. Der spätere Papst Johannes Paul I. schrieb als Kardinal von Venedig: »In dieser unserer Gesellschaft herrscht eine erschütternde moralische und religiöse Leere. Alle scheinen krampfhaft auf materiellen Erwerb aus zu sein: verdienen, investieren, neuen Komfort anschaffen, gut leben. Wenige denken daran, Gutes zu tun. Gott, der unser Leben erfüllen müßte, ist uns sehr fern, nur in wenigen Momenten schaut man auf ihn. Man glaubt, religiös zu sein, weil man in die Kirche geht; man bildet sich ein, außerhalb der Kirche ein Leben führen zu können wie viele andere, mit kleinen oder großen Betrügereien, Ungerechtigkeiten und Verfehlungen gegen die Liebe; man ist nicht konsequent.«10
Gott geben, was Gott gehört: damit beginnt das Konsequentsein. Dies heißt an erster Stelle, ihm Anbetung, Lob und Dank zu erweisen. Aber wir können dies erweitern und sagen: Auch dann, wenn wir als Staatsbürger dem Kaiser geben, was dem Kaiser gehört, handeln wir nach dem Willen Gottes: in einer Elternversammlung, im politischen Geschehen, unter Freunden am Stammtisch, im Gespräch mit dem Sohn oder mit der Tochter, überall können wir Salz, Licht und Sauerteig Christi sein.
45,1.4-6. – 22,15-21. – R.Guardini, , Würzburg 1951, S.374. – II.Vat.Konz., Konst. Gaudium et spes, 75. – ebd., 73. – Johannes Paul II., Apost.Schreiben Christifideles laici, 30.12.88, 42. – Hirtenschreiben der deutschen Bischöfe, 22.9.1977. – II.Vat.Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 13. – Johannes Paul II., Apost.Schreiben Christifideles laici, 30.12.88, 15. – Johannes Paul I., Ihr ergebener Albino Luciani, München 1978, S.184.
