Tagesmeditation

JAHRESKREIS
17. SONNTAG (LESEJAHR A)

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DAS NETZ

Das Reich Gottes: gegenwärtig und zukünftig.
Kirche der Sünder, in Christus heilig.
Die Mutter Kirche und die Heiligen.

I. Im heutigen Evangelium1 benutzt Jesus verschiedene Gleichnisse, um das Himmelreich mitten in der Welt zu verkünden: ein Mann entdeckt einen Schatz, der in einem Acker vergraben war, ein Kaufmann findet eine besonders wertvolle Perle und verkauft alles, um sie zu erwerben, Fischer werfen ihre Netze aus und ziehen sie voller Fische ans Land.

»>Reich Gottes< bedeutet im Munde Jesu nicht irgendeine Sache oder einen Ort, sondern das gegenwärtige Handeln Gottes. (...) Er selbst ist die Nähe Gottes. Wo er ist, ist das Reich.«2 Gleichzeitig aber bitten wir jeden Tag im Vaterunser Dein Reich komme und bezeugen damit, »daß das Reich Gottes auch immer noch vor uns liegt, daß wir ihm entgegengehen und dafür heranreifen inmitten der verschlungenen Wege, ja manchmal sogar der Irrwege unserer irdischen Existenz. Wir bezeugen mit diesen Worten, daß das Reich Gottes sich ständig verwirklicht und herannaht, auch wenn wir es so oft aus den Augen verlieren und seine vom Evangelium bestimmte Gestalt nicht mehr wahrnehmen. Es scheint oft, als ob die einzige und ausschließliche Dimension unserer Existenz diese Welt sei: >das Reich dieser Welt< mit seiner sichtbaren Gestalt, seinem atemberaubenden Fortschritt in Wissenschaft und Technik, in Kultur und Wissenschaft, atemberaubend und oft auch besorgniserregend! Wenn wir jedoch jeden Tag, oder wenigstens dann und wann, zum Beten niederknien, sprechen wir inmitten dieser Lebensumstände immer wieder dieselben Worte: >Dein Reich komme<.«3

Unter den verschiedenen Gleichnissen vom Reich Gottes muß das Gleichnis vom Netz die Apostel und viele Zuhörer des Herrn am Ufer des Sees von Gennesaret besonders angesprochen haben, denn sie wußten, was es heißt, ein Netz ins Meer werfen, um Fische aller Art zu fangen. Das Bild ist mehr als nur eine Konzession an schlichte Fischer: »Diese einfachen Worte verändern völlig das Bild der Welt: Das Bild unserer Menschenwelt, wie wir es uns durch Erfahrung und Wissenschaft formen. Erfahrung und Wissenschaft können ja nicht jene Grenzen der Welt und der menschlichen Existenz in ihr überschreiten, die mit dem >Meer der Zeit< notwendig verbunden sind: die Grenzen einer Welt, in welcher der Mensch geboren wird und stirbt. (...) Der Vergleich Christi dagegen spricht von der Überführung des Menschen in eine andere Welt, in eine andere Dimension seiner Existenz. Das Himmelreich ist genau diese neue Dimension, die sich über dem >Meer der Zeit< eröffnet und zugleich das >Netz< ist, das in diesem Meer für das endgültige Geschick des Menschen und aller Menschen in Gott arbeitet.«4

Das Bild vom Netz verweist auf das neue Gottesvolk, das Jesus sammelt: »Auch die Kirche ist ein Netz, verbunden durch den Heiligen Geist, verknüpft durch die apostolische Sendung, wirkungsmächtig durch die Einheit in Glaube, Leben und Liebe.«5 Wie im Netz des Gleichnisses gibt es in ihrem Schoß bis zum Ende der Zeiten gute und schlechte Fische: Menschen, die die Nachfolge ernstnehmen, und Menschen, die sie in den Wind schlagen. Alle bleiben als Getaufte und Gefirmte Glieder der Kirche: die einen am Leben des Leibes teilhabend, die anderen krank oder gelähmt, doch auch sie gehören zum Leib und können die Kraft des Gebetes und des Opfers der gesunden Glieder für sie erfahren.

Die Kirche – »zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig«6 – lebt auch in ihren Kindern, die sich der Gnade verschließen; sie möchte ihnen helfen, das Böse, das sie zu zerfressen droht, zu bekämpfen und sich neu dem Lebensrhythmus der Gemeinschaft in Christus anzuschließen. Die Kirche sieht solche verwundeten un= 6 – lebt auch in ihren Kindern, die sich der Gnade verschließen; sie möchte ihnen helfen, das Böse, das sie zu zerfressen droht, zu bekämpfen und sich neu dem Lebensrhythmus der Gemeinschaft in Christus anzuschließen. Die Kirche sieht solche verwundeten ud kranken Glieder nicht als Ballast, sondern als verwundete Schafe; sie hofft, sie durch Geduld, Milde und Vergebung zurückzuholen. Mit einem Wort: immer bleibt die Kirche eine geduldige, liebende Mutter voller Hoffnung. Unser Gebet und unser Opfer sollen deshalb auch jene erreichen, die zur Kirche gehören, sich aber innerlich von ihr getrennt haben, unter ihnen besonders jene, mit denen wir durch Verwandtschaft oder Freundschaft verbunden sind.

II. Was heißt, das Netz fange Fische aller Art, gute wie schlechte? Am Ende der Welt, sagt der Herr, werden die Engel (…) die Bösen von den Gerechten trennen. So lange das Reich Gottes noch in der Welt wächst, ist keiner so vollendet gut, daß er nicht von der Sünde bedroht, und keiner so unverbesserlich schlecht, daß er nicht für die Gnade zugänglich wäre. Die Kirche hat immer wieder Vorstellungen verurteilt, sie sei die Gemeinschaft der Vollkommenen. »Da die Kirche von Christus her rein sei, müßten auch ihre Glieder rein von Sünde sein. Nur die kleine Herde der Vollkommenen gehöre zur Kirche. Die Wirklichkeit aber ist eine andere, denn die Kirche hat immer wieder gerade jene >Vollkommenen< und Perfektionisten aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und immer wieder bekräftigt, sie sei die Kirche der >Unvollkommenen<, der Kranken und Suchenden.«7

Indem die Kirche diese Sicht ihrer selbst bekräftigt, »liefert sie sich ans Messer einiger Kritiker. Sie behaupten zum Beispiel: Kirchgänger seien nicht besser als nicht Praktizierende. Einige Kirchenmänner seien eitel und arrogant. Manche Sonntagschristen seien Alltagsheiden, ohne Gespür für eine tätige Nächstenliebe, ohne soziales Empfinden. Die Kirche wehrt sich kaum gegen diese Anklagen. Sie hält sie für ärgerlich und betrüblich – ja, auch in ihren Augen stimmen sie hier und da. Aber sie ergeben sich notwendig aus der eben genannten komplexen Wesensstruktur.«8 Denn der Glanz der Kirche – ihre Heiligkeit – ist verborgen und stammt von Gott in Christus: »= 8 Denn der Glanz der Kirche – ihre Heiligkeit – ist verborgen und stammt von Gott in Christus: Sie ist heilig in ihrem Gründer, in ihren Mitteln und in der Lehre, doch sie wird von sündigen Menschen gebildet.«9 Sie ist die Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und das Fundament der Wahrheit10 und Gott will sie herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler11.

Christus hat diese Kirche »als seine Braut geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26), er hat sie als seinen Leib mit sich verbunden und mit den Gaben des Heiligen Geistes reich beschenkt zur Ehre Gottes. (…) Diese Heiligkeit der Kirche tut sich aber in den Gnadenfrüchten, die der Heilige Geist in den Gläubigen hervorbringt, unaufhörlich kund und muß das tun. Sie drückt sich vielgestaltig in den Einzelnen aus, die in ihrer Lebensgestaltung zur Vollkommenheit der Liebe in der Erbauung anderer streben.«12

Entgegen einer spiritualistischen Überheblichkeit bleibt die Kirche für ihre verirrten Söhne und Töchter offen. Wir sollen für sie beten im Wissen, daß jene, die sich innerlich von ihr getrennt haben, auch weiterhin zu ihr gehören und zum Vaterhaus heimkehren können. Auch nicht die schlimmste Sünde kann das Siegel der Taufe tilgen.

III. Ein Netz, ans Land gezogen, ein Schatz, im Acker vergraben, eine Perle, für die man alles hergibt… Es sind Bilder für die Kirche als ein zu erwerbendes Gut. Diese Bilder deuten schon auf den Besitz. Die Kirche erscheint als die Mutter, in der wir zum neuen Leben in Gott wiedergeboren werden. Wie könnte es anders sein, als eine solche Mutter zu lieben! Nicht Kritik darf die Antwort sein, sondern das Bemühen, »positiv zu ihrer Besserung beizutragen und ihr zu einer immer neuen Treue zu verhelfen«13.

Die Heiligkeit der Kirche kommt von Christus: »Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter in ihren Sakramenten, durch die sie ihre Kinder gebiert und nährt; im Glauben, den sie jederzeit unversehrt bewahrt; in ihren heiligen Gesetzen, durch die sie alle bindet, und in den evangelischen Räten, zu denen sie ermuntert; endlich in den himmlischen Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt.«14

Die innige Beziehung zwischen dem Reich Gottes und Jesus ist so stark, daß das Reich Gottes auch Reich Christi genannt werden kann. Die Heiligen haben durch die Jahrhunderte dieses Reich sichtbar werden lassen. Deswegen schauen wir auf sie. Ihre Verehrung entzündete sich an den Märtyrergestalten der ersten christlichen Jahrhunderte. Man versammelte sich am Jahrestag ihres Martyriums an ihrem Grab und feierte die Eucharistie. Als der christliche Glaube aufhörte, Stein des Anstoßes zu sein, und das Christsein sozusagen gesellschaftsfähig wurde, trat an die Stelle des Martyriums eine andere Art von Zeugnis: die unverbrüchliche Treue zum Evangelium in einer Zeit wachsender Lauheit. Die Gunst des Kaisers und das öffentliche Ansehen zu verlieren, die Ehre aufs Spiel zu setzen, persönliche Nachteile in Kauf nehmen – auch das war Glaubenszeugnis. Solche Glaubenszeugen, die um des Evangeliums willen litten, ohne Märtyrer zu sein, wurden bald als »Bekenner« verehrt. Märtyrer wie Bekenner zeigen, daß die Nachfolge Christi in der je eigenen Zeit lebbar ist.

Heiligkeit – das heißt nicht ständig fromme Höchstleistungen zu erbringen, sie ist der ernste Wille, mitten in der Welt Christus persönlich nahe zu sein. Christliches Gelingen geschieht meistens auf unspektakuläre Weise, in der einem jeden von Gott aufgegebenen Situation in der Welt. Für unsere Zeit schrieb der selige Josemaría: »Manchmal habe ich mich gefragt, welches Martyrium wohl größer ist: um des Glaubens willen aus den Händen der Feinde Gottes den Tod zu empfangen oder sich Jahr für Jahr in Arbeit zu verzehren, das einzige Ziel vor Augen, der Kirche und den Seelen zu dienen – und so alt zu werden, still lächelnd und unbeachtet…

Mir will scheinen, daß jenes Martyrium in der Stille heroischer ist… Dieser ist dein Weg.«15

1 Mt 13,44-52. – 2 J. Ratzinger, Zur Gemeinschaft gerufen, Freiburg 1991, S. 20. – 3 Johannes Paul II., Ansprache in Köln, 15.11.1980. – 4 ebd. – 5 ebd. – 6 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 8. – 7 J. Arquer, Was ist die Kirche? in: Plädoyer für die Kirche, Aachen 1991, S. 37. – 8 ebd. – 9 Johannes Paul II., Ansprache in Barcelona, 7.11.1982. – 10 1 Tim 3,15. – 11 Eph 5,27. – 12 II. Vat. Konz., a.a.O., 39. – 13 Johannes Paul II., Ansprache in Barcelona. – 14 Pius XII., Enz. Mystici Corporis, 30. – 15 Josemaría Escrivá, Der Kreuzweg, VII,4.