Tagesmeditation

JAHRESKREIS
15. WOCHE – MITTWOCH

24

DER SOHN OFFENBART uns DEN Vater

Die Menschwerdung: Höhepunkt der Gottesnähe.
Jetzt sind wir Kinder Gottes.
In Christus den Vater entdecken.

I. Als Mose die Herde seines Schwiegervaters Jetro nahe dem heiligen Berg Horeb weidete, erschien ihm Gott in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht.1 Mose erfuhr Gottes Gegenwart und empfing den Auftrag, das auserwählte Volk – mein Volk nennt es der Herr – aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit zu führen. Als Zeichen der Nähe und des Beistands offenbarte Gott ihm seinen Namen: »Der Name drückt das Wesen, die Identität der Person und den Sinn ihres Lebens aus. (…) Seinen Namen preisgeben heißt sich den anderen zu erkennen geben; es heißt gewissermaßen sich selbst preisgeben, sich zugänglich machen, um tiefer erkannt und persönlich gerufen werden zu können.«2 Die Offenbarung des Namens verweist auf die Treue Gottes von jeher – er ist der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, – und die für immer bleiben wird: lch bin mit dir3. »= 2 Die Offenbarung des Namens verweist auf die Treue Gottes von jeher – er ist der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs3 – und die für immer bleiben wird: Ich bin mit dir4. Gott, der sich >Ich-bin< nennt, offenbart sich als der Gott, der immer da ist, immer bei seinem Volk, um es zu retten.«4

Das überwältigende Erlebnis ließ Mose die Nähe Gottes inmitten der Seinen sozusagen hautnah, durchdringend spüren. Gott »ist der treue und mitfühlende Gott, der sich an die Väter und an seine Verheißungen erinnert. Er kommt, um ihre Nachkommen aus der Sklaverei zu befreien. Er ist der Gott, der dies unabhängig von Zeit und Raum kann und tun will. Er verwirklicht diesen Plan durch seine Allmacht.«5

Nähe und Intensität Gottes erreichen ihren Höhepunkt in der Menschwerdung Jesu Christi. Dies »ist ein so gewaltiges Ereignis, daß es Gott durch Jahrhunderte hindurch vorbereiten wollte«7. Jesus, vollkommener Gott und vollkommener Mensch, spricht immer wieder von dieser Nähe Gottes im Leben der Menschen und von Gottes liebevoller Vaterschaft, so auch im heutigen Evangelium.8 Er tut es eindringlicher als Mose, denn niemand kennt den Vater, nur der Sohn. »Jesus kommt nicht, um der Reihe der bisherigen Menschheitserkenntnisse eine neue hinzuzufügen; um eine Höhe zu erobern über jene hinaus, die bereits erschaut sind; um ein neues Ideal, eine neue Wertordnung aufzurichten, für die es nun an der Zeit wäre. Nein, sondern aus der Gott vorbehaltenen Fülle des Himmels trägt Jesus eine heilige Wirklichkeit vor. Aus Gottes Herzen führt er einen Lebensstrom in die dürstende Welt.«9 Dieser Lebensstrom ergießt sich aus der Quelle der Dreifaltigkeit über die gesamte Schöpfung, vor allem aber über jene, die Jesus folgen: deshalb ergänzt der Herr die Aussage darüber, daß nur er den Vater kennt, mit dem Wort: und der, dem es der Sohn offenbaren will10. Diese Kenntnis ist eine Offenbarung, die den Weisen und Klugen verborgen bleibt und den Unmündigen gilt.

Niemand kennt den Vater, nur der Sohn… Jesus nimmt für sich eine Gotteserkenntnis in Anspruch, »die vollkommen der Erkenntnis gleich ist, die der Vater von ihm besitzt, die also göttlicher Art ist und infolgedessen auch göttliche Wesenheit voraussetzt«11. Alle Gotteserkenntnis eines Propheten oder eines Heiligen ist, verglichen mit der Gotteserkenntnis Jesu, ein Nichterkennen. Er, und nur er, kennt als Sohn den Vater. »Die Einzigartigkeit des Sohnesverhältnisses Jesu Gott gegenüber ist darin mit einer Klarheit ausgesprochen, die jede Umdeutung ausschließt. Denn seine Erkenntnis des Vaters ist deshalb der Erkenntnis, die der Vater von ihm besitzt, an Vollkommenheit, Weite und Tiefe gleich, weil er der Sohn ist, und er wird nicht umgekehrt dadurch zum >Sohn Gottes<, daß er Gott wie kein anderer frommer Mensch erkannt und >erlebt< hat.«12 Dieses Wort unseres Herrn entkräftet jeglichen Versuch, ihn dadurch »menschlicher« zu machen, daß man ihm die Gottheit abspricht und zu einem »gottbegnadeten Menschen« macht.

II. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.13 Unser Herr Jesus Christus offenbart uns den Vater und – vor seinem Pascha – den Heiligen Geist. So vollendet er die göttliche Verkündigung an die Menschen: mit dem Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Gabe der Gotteskindschaft und der Berufung zur Teilnahme am Leben des dreieinigen Gottes. »Der Mensch und seine höchste Berufung werden in Christus durch die Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe offenbar.«14

Der Herr hat immer wieder gezeigt, wer – oder besser: wie – der Vater ist: Er ist gut, sieht auch das Verborgene und vergilt alles15, er läßt seine Sonne über Bösen und Guten aufgehen16, er weiß, was wir brauchen17. Er ist uns immer nahe: »Wenn du den Willen Gottes wirklich liebst, wirst du auch in Zeiten stärkster innerer Erschütterung nicht aus dem Auge verlieren, daß unser Vater im Himmel dir immer nahe, sehr nahe ist; mit seiner ewigen, unendlichen Liebe ist er bei dir.«18

Der Gott, der uns Christus offenbart, ist nicht nur Schöpfergott, sondern er ist Vater, der auf geheimnisvolle und übernatürliche Weise den Menschen an der göttlichen Natur Anteil erhalten19 läßt.

Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.20 Wir haben es uns nicht erkämpft, es ist eine unaussprechliche Gabe, für die wir nie genügend danken können. Denken, Fühlen und Tun sollen getragen sein von der Gotteskindschaft, und so auch Freuden und Hoffnungen, Ängste und Nöte, Erfolge und Mißerfolge. »Nenne ihn Vater oftmals während des Tages. Sage ihm – du allein, in deinem Herzen -, daß du ihn liebst, ihn anbetest, daß du dich stolz und stark fühlst, weil du sein Sohn bist.«21

Die Teilnahme an der Gotteskindschaft verwirklicht sich in dem Maße, wie wir uns bemühen, Christus gleichförmig zu werden, der der Eingeborene des Vaters und doch auch der Erstgeborene unter vielen Brüdern ist. Dies äußert sich in vielen kleinen Dingen im Laufe des Tages: wie Christus handeln, wie Christus barmherzig sein, wie Christus sühnen und wie Christus zum Vater beten: beständig und dankbar: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde.

Wie viele Anläße zu danken haben wir doch! Ein schönes Erlebnis in der Familie, das Glück einer Freundschaft, das Gelingen einer Arbeit… – aber auch das Kreuz, lobe den Herrn, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt.22 Wie anders sieht die Welt, sehen die Menschen aus, wenn wir sie mit den Augen Christi betrachten! Wie dunkel und wie trostlos dagegen kann sie uns erscheinen, wenn uns der übernatürliche Bezugspunkt einmal verloren geht.

III. Die Enzyklika Dives in misericordia Papst Johannes Pauls II. setzt ein mit den Worten: »>Gott…, der voll Erbarmen ist<, wurde uns von Jesus Christus als Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und kennengelehrt.« Der Papst sieht es als ein »gewichtiges Erfordernis unserer ernsten und keineswegs leichten Zeit« an, sich »in das Geheimnis Christi zu versenken, um in ihm das Antlitz des Vaters zu entdecken, der der >Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes< ist. (...) Sich diesem Geheimnis zuzuwenden, wird von vielfachen Erfahrungen der Kirche und des zeitgenössischen Menschen nahegelegt; es wird auch von den notvollen Rufen so vieler Menschenherzen, von ihren Leiden und Hoffnungen, ihren Ängsten und Erwartungen gefordert.«23

In unserer Zeit tun sich viele Menschen schwer, schlicht »Abba, Vater« zu sagen. »Es gibt einen Widerstand gegen das Vater-Sagen in uns, der unserem Verlangen nach Mündigkeit entspringt. Der Vater erscheint uns nicht mehr, wie Paulus, als Garant der Freiheit, sondern als ihr Widerspruch. Nur der Partner gilt, der Vater erinnert an >Herrschaft<. Wir bewegen uns in der Marschrichtung des jüngeren Sohnes, der sich sein Erbe auszahlen läßt und keinen Vater mehr kennen will, sondern nur die Zukunft, die er sich selber schaffft.«24

Vor diesem Hintergrund eines übertriebenen Behauptungswillens könnte sogar die Menschwerdung als ein unstatthafter Eingriff in das eigene Leben erscheinen. Aber sie ist der Höhepunkt der göttlichen Barmherzigkeit: Das Wort Gottes »wurde Mensch, damit wir vergöttlicht werden«25.

Unsere Teilnahme am Leben Gottes geschieht durch die heiligmachende Gnade, die uns zu Gliedern des mystischen Leibes Christi werden läßt, so daß wir mit Paulus sagen können: nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir26. Wenn wir zum Vater beten, ist es Christus, der in uns betet; wenn wir ein Opfer bringen, ist es Christus, der opfert. Und auch unser apostolisches Zeugnis – wenn wir jemanden zu den Sakramenten hinführen wollen – ist ein Widerschein des Eifers Jesu um die Seelen. Dank des göttlichen Wohlwollens ergänzen unsere Arbeiten und Mühen die Arbeiten und Mühen, die der Herr für seinen mystischen Leib, der die Kirche ist, auf sich nahm. Wie wertvoll werden dann unsere Leiden und Schmerzen, wenn wir sie so betrachten! Das Ringen um Vollkommenheit erscheint dann nicht mehr mühsam, sondern als freudiges Streben nach Gleichgestaltung mit Christus: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.27

In dem Maße, in dem wir uns mit dem Herrn identifizieren, wächst die Intensität der Gotteskindschaft; wir werden sozusagen mehr und mehr Kinder Gottes. Im menschlichen Leben kann man nicht »mehr Sohn oder weniger Sohn= eines irdischen Vaters sein, man kann sich nur als guter oder als schlechter Sohn verhalten. Im übernatürlichen Leben jedoch ist eine wachsende Intensität möglich. Je mehr wir uns um die Heiligkeit bemühen, um so mehr – um so inniger – sind wir Kinder Gotes. Dies soll das große Ziel unseres christlichen Lebens sein: beständig in der Gotteskindschaft zu wachsen.

Maria ist das vollkommene Beispiel für die Wirksamkeit der Gnade, wenn ihr ein Mensch ganz entspricht. Kein Geschöpf steht Gott näher als Maria. Bitten wir sie, sie möge in uns immer den Wunsch schüren, Christus stets besser nachzuahmen und den Geist, der ruft: Abba, Vater28.

1 Ex 3,1-6.9-12. – 2 Katechismus der Katholischen Kirche, 203. – 3 Ex 3,6. – 4 Ex 3,12. – 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 207. – 6 ebd., 205. – 7 ebd., 522. – 8 vgl. Mt 11,25-27. – 9 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 79. – 10 Mt 11,27. – 11 Regensburger Neues Testament, Bd.1, Regensburg 1959, S. 198. – 12 ebd. – 13 Joh 17,6. – 14 Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 1. – 15 vgl. Mt 6,3-4. – 16 vgl. Mt 5,45. – 17 vgl. Mt 6,32. – 18 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 240. – 19 2 Petr 1,4. – 20 1 Joh 3,1. – 21 J. Escrivá, Freunde Gottes, 150. – 22 Ps 103,1-4. – 23 Johannes Paul II., a.a.O., 1. – 24 J. Ratzinger, Mitarbeiter der Wahrheit, Würzburg 1992, S. 9. – 25 Athanasius, Rede über die Fleischwerdung des Wortes, 54,3. – 26 Gal 2,20. – 27 Phil 2,5. – 28 Gal 4,6.