Tagesmeditation

JAHRESKREIS
30. WOCHE – MONTAG

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DEN BLICK NACH OBEN GERICHTET

Christus und die gebeugte Frau.
Die Fesseln der dreifachen Begierde.
Menschenwürde, Kultur, Alltag.

I. Im heutigen Evangelium1 berichtet Lukas, wie Jesus seiner Gewohnheit entsprechend am Sabbat in einer Synagoge lehrte. Dort saß eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt, und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen.

Jesus wartet nicht, bis daß die Frau ihn anspricht. Unaufgefordert rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott.

Der Synagogenvorsteher reagiert empört. Weder das Leiden der Frau noch ihre Freude, geheilt worden zu sein, scheinen ihn besonders zu berühren. Sein Blick ist allein auf den Buchstaben des Gesetzes fixiert. Die Heilung verletzt das Sabbatgebot.2 Er sieht nur die Außenseite der göttlichen Anordnung und ist für die Innenseite – die Weite der göttlichen Barmherzigkeit – unzugänglich. Dennoch wagt er es nicht, Jesus zu beschuldigen. Er reagiert seinen Unmut an den Umstehenden ab: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und laßt euch heilen, nicht am Sabbat! Eine allgemeine Schelte, die Jesus ebenso allgemein zu erwidern scheint, denn sein Ihr Heuchler! meint alle, die in spießigem Denken gefangen sind. Der Herr verurteilt natürlich nicht das Sabbatgesetz, wohl aber die Sabbatpraxis als »widersinnig und unsittlich. Denn sie gewährt dem Tier, was sie dem Menschen, ja, einer Tochter Abrahams, einem Glied des auserwählten Volkes, verweigert. (…) Auch die Frau war, wie das an die Krippe gebundene Tier, gebunden, nämlich an die unheimliche Macht Satans, des letzten Urhebers allen Übels in der Welt. Einen Menschen aus der Gewalt Satans erlösen aber ist eine Heilandstat, die Gottes Heilswillen entspricht, und kann darum nicht am Sabbat verboten sein.«3 Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Tochter Abrahams aber, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hält, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?

Die gebeugte Frau kann sich aufrichten und nun Jesus, dem Barmherzigen, ins Antlitz schauen. »Dieses Feingefühl und diese Liebe bekundet Jesus (…) allen gegenüber: den frommen Frauen, den Vertretern des Hohen Rates wie Nikodemus und den Zöllnern wie Zachäus, den Kranken und den Gesunden, den Schriftgelehrten und den Heiden, einzelnen und Menschenmassen.

Das Evangelium berichtet uns (…) von seinem Mitleid mit den Kranken, von seinem Schmerz über die Unwissenden und Irrenden, von seinem Unwillen über die Heuchelei.«4 Wie befreit muß sich diese Frau gefühlt haben, nachdem sie von ihrem leiblichen Gebrechen geheilt worden ist! Wie hilfreich und tröstlich ist es, diese und ähnliche Stellen zu betrachten, in denen das Erbarmen des Herrn aufleuchtet.

Christi umfassendes Erbarmen gilt nicht nur der Krankheit des Leibes, es gilt auch den Gebrechen der Seele, ihrer »Gebeugtheit« wenn nämlich der Mensch nichts anderes mehr als nur noch das Irdische sieht, wenn er sich von den Plänen Gottes abwendet oder sich von der Last des Materiellen erdrücken läßt. Nicht selten nimmt er sich dann jegliches Gespür für das Leid der Mitmenschen» Ganz anders Jesus. Richten wir daher den Blick auf ihn wie jene Umstehenden, die zu Zeugen seines Mitgefühls und seiner befreienden Kraft wurden: Das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.

II. Nicht ohne Grund ist »der aufrechte Gang« ein umgangssprachlicher Ausdruck für die Menschenwürde. Anders als der Vierfßler, dessen Körper nur horizontal ausgerichtet ist, weist der Mensch nach »oben« das heißt von der Erde weg, zum Höheren hin. Einige Kirchenväter wie Augustinus und Gregor der Große greifen das sie konnte nicht mehr aufrecht gehen auf, um auf die Situation von Menschen zu verweisen, die das Irdische erdrückt: »Der Gebeugte heftet seinen Blick auf die Erde. Aber wer die Dinge von hienieden sucht, vergißt leicht, um welchen Preis er erlöst wurde.«5 Ein solcher sieht die Dinge der Schöpfung nicht mehr als Hinweise auf Gott und als Wege zu ihm; die Welt wird ihm als Spiegel der göttlichen Herrlichkeit trübe.

Es gibt schlimmere Fesseln als jene Krankheit, die achtzehn Jahre lang die Frau niedergedrückt hatte. Es gibt Fesseln, die einen Menschen ein ganzes Leben lang versklaven können. Nach dem Apostel Johannes sind es vor allem drei: die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und die »superbia vitae« das Prahlen mit dem Besitz6. Sie trüben den Blick für Gott, sie machen den Geist stumpf für die Dinge Gottes und verwüsten das Herz, das nur in Reinheit Gott schauen kann.7 Der selige Josemaría Escrivá verweist darauf, »daß die Begierde des Fleisches nicht auf eine ungeordnete Sinnlichkeit beschränkt bleibt; ihre Folgen sind auch die Bequemlichkeit, mangelnder Schwung, die Neigung, das Leichtere, das Angenehmere, den Weg des geringsten Widerstandes zu suchen, auch wenn es um den Preis eines Nachlassens in der Treue zu Gott geschieht«8.

Die Begierde der Augen, so der Selige, ist »eine abgrundtiefe Gier, die uns nur das schätzen läßt, was man betasten kann. Es sind Augen, die am Irdischen kleben, aber auch Augen, die eben deshalb unfähig sind, das Übernatürliche zu entdecken. Wir können also das Wort der Heiligen Schrift auch auf die Gier nach materiellen Gütern beziehen und darüber hinaus auf jene verzerrte Sicht, die uns alles, was uns umgibt – die anderen Menschen, unser Leben und unsere Zeit -, rein menschlich betrachten läßt.«9

Bei der superbia vitae fallen uns als erstes manche hochmütigen Reaktionen ein, etwa der Eitelkeit oder der Rechthaberei. Aber nicht sie sind die eigentliche Gefahr. Die Wurzeln liegen tiefer: »Es ist eine umfassende Aufgeblasenheit. (…) Es ist der Übermut des Pharisäers, und es widerstrebt Gott, ihn zu rechtfertigen, da er bei ihm auf eine Mauer der Selbstgerechtigkeit stößt. Es ist die Arroganz, die dazu führt, die anderen Menschen zu verachten, sie zu beherrschen und zu mißhandeln.«10

»Recht« und »richtig«, »aufrecht« und »aufrichtig= sind miteinander verwandt. Die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber erleichtert uns, die ersten – vielleicht noch winzigen – Anzeichen dieser Fesseln der Seele aufzuspüren. Dann können wir den Herrn bitten, er möge uns den aufrechten Gang lehren, damit w« sind miteinander verwandt. Die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber erleichtert uns, die ersten – vielleicht noch winzigen – Anzeichen dieser Fesseln der Seele aufzuspüren. Dann können wir den Herrn bitten, er möge uns den aufrechten Gang lehren, damit wir uns am Blick nach oben wieder erfreuen.

III. »Wer um eines vermeintlichen höheren Fortschritts willen den Glauben an Jesus Christus aufgibt, der gibt die Grundlage der Menschenwürde auf. (…) Wir erleben im Westen, wie die Anbetung des Konsums den Menschen würdelos macht. Er verfällt dem Egoismus. Aber der Verachtung des anderen Menschen folgt die Selbstverachtung fast notwendig nach. Wenn der Mensch nichts Höheres zu erwarten hat als nur materielle Dinge, dann wird ihm die ganze Welt ekelhaft und leer. Deshalb gilt in der christlichen Kultur der Vorrang der sittlichen Werte vor den materiellen Werten. Deshalb ist die Ehre Gottes für die christliche Kultur ein öffentlicher Wert.«11

Auf diesem Fundament ist es möglich, nicht nur die gesellschaftsprägende Wirkung der Kultur zu festigen, sondern auch »das Alltägliche im irdischen Leben so zu gestalten, daß man es versteht, auf den Himmel zu schauen, dies heißt: auf Gott, höchstes und endgültiges Ziel unserer Bemühungen und unserer Anliegen Wir erfassen dann die ganze Wahrheit unseres Daseins: den Sinn eines Ereignisses, das Warum eines Leidens, den übernatürlichen Wert einer kleinen alltäglichen Verrichtung, eines unscheinbaren Dienstes, einer winzigen Freude. »Die irdischen Dinge gedeihen nur dann, wenn wir das Höhere nicht vergessen: Wir dürfen den aufrechten Gang nicht verlieren, der den Menschen auszeichnet. Wir dürfen nicht nur nach unten schauen – wir müssen uns aufrichten, nur dann leben wir recht. Wir müssen auf der Suche nach dem Größeren bleiben, und wir müssen denen Helfer sein, die sich aufzurichten mühen, um das wahre Licht zu finden, ohne das alles in der Welt Finsternis ist.«13

Wenn der Christ seinen Blick nach oben richtet, verschließt er sich keineswegs den irdischen Wirklichkeiten. Vielmehr kann und muß er »die von Gott geschaffenen Dinge lieben. Von Gott empfängt er sie, er betrachtet und schätzt sie als Gaben aus Gottes Hand. Er dankt seinem Wohltäter für die Gaben; in Armut und Freiheit des Geistes gebraucht und genießt er das Geschaffene; so kommt er in den wahren Besitz der Welt als einer, der nichts hat und doch alles besitzt (2 Kor 6,10). Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus und Christus Gott (1 Kor 3,22-23).«14

Dies ist die Haltung, die Paulus den Christen von Philippi empfiehlt: Schließlich Brüder: was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!15 Tatsächlich weitet sich der Blick, wenn man sich daran gewöhnt, alle irdischen Wirklichkeiten und die Ereignisse des Lebens – groß oder klein – auf Gott hin zu betrachten. Sie werden zum Anlaß, Gott zu danken, seine Hilfe zu erbitten, die Arbeit des Augenblicks auf ihn zu beziehen. Dann vergessen wir nicht, daß wir zu jeder Stunde des Tages und in jeder Situation ein Sohn, eine Tochter Gottes sind. Das tägliche Geschehen verstellt dann nicht den Blick für den übernatürlichen Sinn des Lebens. Wir geraten nicht in die Gefahr, die »Der Weg« einprägsam schildert: »Hetzen, hetzen! – Schaffen, schaffen! – Fieberhafte Tätigkeit. – Wunderbauten der Technik … Übernatürlich gesehen: Attrappen, Pappmaché, bunte Kulissen … Hetzen, schaffen! – Die Leute rennen, kommen und gehen.

Weil sie bei ihrer Arbeit nur auf den gegenwärtigen Augenblick sehen: sie leben nur dem Jetzt. – Du aber sollst die Dinge unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit sehen, das Ziel und die Vergangenheit gegenwärtig haben.«16 Oder mit anderen Worten des seligen Josemaría: »Wir müssen immer (…) im Himmel und auf der Erde sein. Nicht zwischen Himmel und Erde, denn wir gehören dieser Welt an. Gleichzeitig in der Welt und im Paradies sein! Das wäre gleichsam die Formel, um auszudrücken, wie wir unser Leben gestalten sollen, so lange wir in hoc saeculo verbleiben.«17

Lk 13,10-17. – 2 vgl. Ex 20,8; Dtn 5,13. – 3 Regensburger Neues Testament, Bd.3, Regensburg 1955, S.236. – 4 J.Escrivá, Christus begegnen, 108. – 5 Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 31,8. – 6 vgl. 1 Joh 2,16. – 7 vgl. Mt 5,8. – 8 J.Escrivá, Christus begegnen, 5-6. – 9 ebd. – 10 ebd. – 11 J.Ratzinger, Christlicher Glaube und Europa, München 1981, S.10 f. – 12 Johannes Paul II., Ansprache beim Engel des Herrn, 8.11.1979. – 13 J.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.118 f. – 14 II.Vat.Konzil, Konst. Gaudium et spes, 37. – 15 Phil 4,4. – 16 J.Escrivá, Der Weg, Nr.837. – 17 S.Bernal, Msgr.Josemaría Escrivá de Balaguer, Aufzeichnungen über den Gründer des Opus Dei, Köln 1978, S.342.