JAHRESKREIS
12. WOCHE – FREITAG
53
Treue
In Gott
gegründet.
Lebendige Festigkeit.
Die Treue des heiligen Josef.
I. »Die Heilige Schrift spricht uns davon, wie Gott, um Erlösung zu schaffen, ein Volk beruft; wie er mit diesem einen Bund schließt, der ganz auf seiner ewigen Treue ruht, und wie aus ihr – die sich immer wieder gegen die Untreue des Menschen >bewährt< - die Geschichte des Alten Testaments erwächst. Wie schließlich Gottes Treue das Unfaßliche vollbringt, selbst die Verantwortung für die Schuld des Menschen auf sich zu nehmen, durch die Menschwerdung in die Geschichte einzutreten und aus ihr Schicksal zu empfangen.«1
Gott hatte zu Abraham gesagt: Halte meinen Bund, du und deine Nachkommen, Generation um Generation2. Wenngleich das Volk versagt, hält Gott ihm die Treue, denn sie ist Treue zu sich selbst: Nicht euretwegen handle ich, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen3. Der barmherzige Gott läßt dich nicht fallen und gibt dich nicht dem Verderben preis und vergißt nicht den Bund mit deinen Vätern4.
Das Evangelium überliefert uns zahlreiche Worte und Gleichnisse des Herrn über die Treue – der zuverläßige Knecht, der Diener, der auch im Kleinen treu ist, der rechtschaffene Verwalter – auf dem Hintergrund eines Gottes, der langmütig, reich an Huld und Treue5, treu in all seinen Worten6 ist.
Die Treue, gründend in unserer Ebenbildlichkeit Gottes7, ist deshalb etwas Lebendiges: »Treu ist man allein einer Person gegenüber. Die >Ausdauer< auf dem Weg des christlichen Lebens ist nichts anderes als Treue: nicht Treue zu Doktrin, Dogma oder Moral, sondern zur lebendigen Person Christi in einem Band der Liebe, das die tiefste Lebendigkeit des Daseins erweckt. Treu sein bedeutet biegsam, folgsam, geduldig zu werden, bedeutet die Geduld der Liebe annehmen, die versucht und tausendmal wieder versucht; die Geduld dessen, der seine Schwäche im Lauf der Zeit entdeckt hat und gerade deshalb das größte, unenttäuschbare Vertrauen auf den lebendigen Gott setzt, der nie versagen kann.«8
Eine Sicht von Treue, die sich die Reglosigkeit eines Steines zum Vorbild nähme, verfehlte das Wesen dieser Tugend. Bloßes Beharrungsvermögen ist nicht der höchste Wert im Leben, kann sie doch echte Lebendigkeit ersticken: »Der Stein ist von Dauer, nicht die Rose; die anmaßende Hartnäckigkeit behauptet sich, die Sanftmut dagegen ist biegsam; die Starre des Dummen ist verkrampft, und die Intelligenz des Weisen ist höchst beweglich.«9 Treue ist ein lebendiges Festhalten an der Liebe, sie kommt aus der vitalen Mitte des Menschen. Deshalb spiegelt das Leben eines treuen Menschen »in seinem Ablauf die objektive Rangordnung der Werte wieder, während das der Unbeharrlichen eine Beute der zufällig an sie herantretenden Situationen und Eindrücke ist«10.
In einer an junge Menschen gerichteten Predigt fordert Papst Johannes Paul II. sie zur Treue auf: »Christus braucht euch und ruft euch, damit ihr Millionen eurer Brüder helft, voll Mensch zu sein und sich zu retten. (…) Öffnet euer Herz Christus, seinem Gesetz der Liebe; ohne Bedingungen für eure Bereitschaft zu stellen, ohne Furcht vor entschiedenen Antworten, denn die Liebe und die Freundschaft vergehen nicht.«11
II. Unsere Zeit scheint nicht viel von Treue zu halten. Nach einer gängigen Meinung ist der Mensch viel zu schwach im Willen und wechselhaft im Gemüt, um sich für ein ganzes Leben binden zu können. »Täglich wird uns ins Ohr geflüstert: >Laßt euch nicht täuschen, denn alles geht vorüber, nichts ist sicher und zuverlässig, nichts verdient unser Vertrauen, nichts und niemanden auf der Welt gibt es, bei dem man ausruhen kann.<«12
Was heißt denn menschliche Treue? »Man kann sie als eine Kraft beschreiben, welche die Zeit, das heißt Wandel und Vergehen überwindet – aber nicht, wie die Härte des Steins, in starrer Festgelegtheit, sondern lebendig wachsend und schaffend.«13
Der Gedanke der Treue durchdringt das christliche Leben tief. Der Apostel Paulus faßt im Angesicht des Todes sein Leben zusammen mit einem Verweis auf die Treue, die er der jungen Generation der ersten Christen als sein Vermächtnis verkündet: Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten.14
Andererseits finden wir schon im Urchristentum traurige Beispiele der Untreue: »Die Stelle aus dem zweiten Brief an Timotheus, wo der Apostel beklagt, daß Demas nach Thessalonich entflohen und den Verlockungen dieser Welt verfallen sei, macht mich schaudern: Ein Mensch, den Paulus in anderen Briefen unter den Heiligen erwähnt, verriet einer Bagatelle wegen und aus Angst vor Verfolgungen die Sache Gottes.
Ja, ich zittere, wenn ich das lese – denn ich kenne meine eigene Hinfälligkeit … Und es veranlaßt mich, von mir selbst auch in scheinbar unbedeutenden Angelegenheiten dem Herrn gegenüber die äußerste Treue zu fordern. Wenn mir etwas nicht dazu dient, mich noch enger mit ihm zu verbinden, dann will ich es nicht!«15
Der Herr hat jedem Menschen, jedem einzelnen, einen spezifischen Ruf, eine besondere Bestimmung, eine Berufung zugedacht. Er hat versprochen, diesen Ruf ergehen zu lassen, und hat sich gleichsam festgelegt: Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht.16 Diese Liebe rettet aus allen Gefahren, vergibt die Sünden, erfüllt ihre Verheißungen trotz der menschlichen Untreue: Ich will ihre Untreue heilen und sie in Großmut wieder lieben17, heißt es bei Hosea.
Die lebendige Festigkeit der Treue kann nur von Gott her kommen, von seiner Liebe zu uns. Der Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt, schenkt jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk18, auch die Kraft, den Weg der je eigenen Berufung nicht zu verlassen, und das heißt, Hingabe, Opfer und Anstrengung nicht zu scheuen.
III. Eine eindrucksvolle Gestalt der Treue zu Gott steht am Anfang des Bundes mit dem auserwählten Volk: Abraham. Ebenso steht auch am Anfang des neuen, endgültigen Bundes in Christus neben Maria eine hehre Gestalt der Treue: Josef. »Gott hat ihn als treuen und klugen Diener an die Spitze seiner Familie gestellt, damit er als Vater seinen eingeborenen Sohn behüte.«19 Er schließt die Reihe der Patriarchen ab, die voll Glauben starben, ohne das Verheißene erlangt zu haben, das sie nur von fern geschaut und gegrüßt,20 hatten. Josef darf es sehen: »Er ist gewiß der einzige, der leibhaftig besitzen durfte, was die Güte Gottes den Patriarchen und Propheten versprochen hat.« So beeindruckend Josefs physische Nähe zum Erlöser auch ist, ohne seinen Glauben hätte sie nichts bewirkt: »Während seines ganzen Lebens, das ein Pilgerweg im Glauben war, blieb Josef wie Maria bis zum Ende dem Ruf Gottes treu. Das Leben Mariens war die äußerste Erfüllung jenes ersten fiat, das sie bei der Verkündigung gesprochen hatte, während Josef (…) bei seiner >Verkündigung< kein Wort hervorbrachte: er >tat< einfach, >was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte< (Mt 1,24). Und dieses erste Tun wurde der Anfang von >Josefs Weg<. Entlang dieses Weges berichten die Evangelien nicht ein Wort, das von Josef gesprochen worden wäre. Aber Josefs Schweigen hat eine besondere Bedeutung: man kann die Wahrheit ablesen, die in dem Urteil des Evangeliums über ihn enthalten ist: er war >gerecht< (Mt 1,19).«21 Mit anderen Worten: er tat das Rechte, weil er innerlich ganz auf Gott ausgerichtet war. Dies erlaubte ihm, in einer demütigen, reifen Art dienend am Hellsplan Gottes mitzuwirken.
Der heilige Josef verkörpert »die Grundhaltung der ganzen Kirche (…), >Gottes Wort voll Ehrfurcht zu hören<, das heißt die absolute Bereitschaft, dem in Jesus geoffenbarten Heilswillen Gottes in Treue zu dienen.«22 Er verkörpert ebenso die Grundhaltung des Christen: auf das Wort Gottes hören, daraus leben, sich heili gen, Frucht bringen.
Treue bedeutet nicht, wie wir schon sahen, ein versteinertes Beharrungsvermögen, sondern immer wieder eine Synchronisierung mit den Plänen Gottes inmitten aller Schwächen und Armseligkeiten und manchmal auch nach einem schmerzhaften Versagen. Die Treue hat verschiedene Gestalten – gegenüber Gott, unter Eheleuten, zwischen Freunden, jedem Menschen gegenüber – und verleiht allen Äußerungen des Lebens ein spezifisches Kolorit: Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?23
»Nächstenliebe und Gebet sind Herzklopfen und Ausatmen dieser Treue.«24 In Treue lebt man die Frömmigkeitsübungen, die man sich vorgenommen hat, aus Treue weist man Gedanken und Träume, Pläne und Vorstellungen zurück, die uns vom gottgewollten Weg wegführen. Die Treue in den viel en kleinen Dingen bereitet auf die größte Gna de vor, die Gott verleiht: die Beharrlichkeit bis zum Ende des Lebens.
Josef hat sein Amt »mit größter Treue verwaltet. Darum spricht der Herr zu ihm: >Du bist ein tüchtiger und treuer Diener … Komm herein in die Freude deines Herrn< (Mt 25,21). (...) Obwohl die Freude der ewigen Seligkeit in das Herz des Menschen kommt (vgl. 1 Kor 2,9), sagte der Herr ihm doch lieber: >Komm herein in die Freude<, um geheimnisvoll anzudeuten, daß die Freude nicht allein in seinem Innern ist. Sie umgibt ihn vielmehr von allen Seiten und taucht ihn unter wie in einen unendlichen Abgrund. So denke denn an uns, heiliger Josef, und tritt mit deiner Fürbitte beim Herrn ein, der für deinen Sohn gehalten wurde.«25 Und denke auch du an uns, getreue Jungfrau, virgo fidelis.
1 R.Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S.73. – 2 Gen 17,9. – 3 Ex 36,22. – 4 Dtn 4,31. – 5 Ex 34,6. – 6 Ps 145,13. – 7 vgl. Gen 1,27. – 8 J.B.Torelló, Psychologie des Alltags, Linz 1993, S.74. – 9 ebd., S.70. – 10 D.v.Hildebrand, Sittliche Grundhaltungen, Regensburg 1969, S.32. – 11 Johannes Paul II., Predigt in Javier (Spanien), 6.11.1982. – 12 J.B.Torelló, a.a.O., S.69. – 13 R.Guardini, a.a.O., S.68. – 14 2 Tim 4,7-8. – 15 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.343. – 16 Jes 49,15. – 17 Hos 14,5. – 18 Jak 1,17. – 19 Präfation am Hochfest des heiligen Josef. – 20 Hebr 11,13. – 21 Bernhardin von Siena, Predigt 2 über den heiligen Josef. – 22 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Redemptoris custos, 15.8.1989, 30. – 23 Ps 116,12. – 24 J.B.Torelló, a.a.O., S.74. – 25 Bernhardin von Siena, a.a.O.
