JAHRESKREIS
27. WOCHE – DONNERSTAG
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SEIN NAME UND SEIN REICH
Gott, der
Heilige.
Die Gottesheiligkeit, innere Form unseres Lebens.
Das Kommen des Reiches: in und um uns.
I. Die erste der sieben Bitten des Vaterunser lautet: Geheiligt werde dein Name. Gott ist der Heilige. »Was diese Heiligkeit sei, kann niemand aussprechen. Nicht, weil sie so schwer zu empfinden wäre oder so verwickelte Fragen mit sich brächte, sondern weil sie eine Urgegebenheit ist – genau genommen, die Urgegebenheit überhaupt. Sie ist der Grundcharakter Gottes. >Mit wem wollt ihr mich vergleichen, so daß ich ihm gleich wäre?, spricht der Heilige<, heißt es beim Propheten ( 40,25). In dem Wort richtet die Heiligkeit sich als Gottes Wesenseigenstes auf und unterscheidet sich von allem Geschaffenen. So kann man nicht aussprechen, was sie ist, sondern nur auf sie hinweisen: Siehe, höre, fühle! Man kann ja auch nicht mit Begriffen sagen, was das Licht ist. Wohl, wie es sich verhält und welche Gesetze es bestimmen; wie es wirkt und was geschieht, wenn es fehlt – nicht aber, was es selbst ist. Dazu kann man nur sagen: >Tu deine Augen auf und sieh!<= 1 Auf einer anderen Ebene geschieht dies auch im Umgang mit einem Menschen, den wir lieben. Wir k”nnen seine verschiedenen Eigenschaften beschreiben, nicht aber das Letzte, das in ihnen und hinter ihnen liegt und sich in allem brigen ausdrckt - so ist de Heiligkeit Gottes Eigenstes.
Indem wir, Gottes Geschöpfe, seine Heiligkeit anerkennen, verwirklichen wir das, wozu er uns erschaffen hat. Diese Bitte »ist die umfassendste und wesentlichste Bitte, die der Mensch an Gott richten kann. Es geht darin nicht um einzelne Güter, es geht vielmehr um ihn selbst als den höchsten Wert (…). Wir sollen auch die Einzelbitten auf dem Hintergrund und gleichsam im Horizont der ersten, wesentlichen Bitte vorbringen, daß Gottes Heiligkeit in dieser Welt und Zeit sich immer mehr durchsetze und offenbar werde; denn letztlich hängt das Heil der Welt wie auch das Gelingen des eigenen Lebens, das eigene Heilsein, von der Erfüllung dieser ersten Bitte ab, ohne die alle anderen einzelnen Erfüllungen leer und bedeutungslos dastehen müßten.«2
Geheiligt werde dein Name. Auch hier zeigt uns der menschgewordene Gottessohn den Weg. Als möchte er sein Heilswerk in einem einzigen Satz zusammenfassen, betet er am Ende seines öffentlichen Lebens zum Vater: Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart. Der Name sagt etwas über das Wesen aus. »Wer einen Namen trägt, ist kein Es, sondern ein Ich und ein Du, eine Person, die reden kann und die man anreden kann (…). Wenn wir jemand mit Namen nennen, geben wir zu erkennen, daß wir ihn kennen und ein Verhältnis zu ihm haben.«4 Gott ist kein anonymes Wesen, in seiner Erhabenheit ist er nicht unerreichbar, »er ist kein stummer, sondern ein sprechender und ansprechbarer Gott.«5
II. Die Bitte, der Name Gottes möge geheiligt werden, schließt den Willen ein, ihn in uns zu heiligen. »Man kann ja ernstlich um die Durchsetzung von Gottes Heiligkeit als Ziel des Heilsgeschehens nicht bitten, wenn man von dieser Wirklichkeit nicht selbst schon erfaßt und erfüllt ist.«6 Mit anderen Worten: Das, worum wir als Ziel bitten, muß irgendwie schon jetzt innere Form unseres Lebens sein. Gott, der Heilige, formt uns nach seinem liebenswerten Willen und gibt uns die Gnadenmittel, damit wir, durch sie gestärkt, Augen und Ohren öffnen. Das ist der erste Schritt zur Heiligung des Namens Gottes.
Auch den Mund öffnet er uns, damit wir seinen heiligen Namen in die Welt tragen. Dabei geht es nicht immer um ein ausdrücklich ausgesprochenes Zeugnis, sondern um die selbstverständliche Anerkennung seiner Herrschaft. Viele scheinen heute von einer Art Scheu erfaßt zu sein, wenn es um den Namen Gottes geht. Sie sparen ihn aus. Meistens ist es Unwissenheit, manchmal mangelndes Nachdenken, vielleicht auch der Wunsch, aufgeklärt zu erscheinen: es ist die Vorstellung vom »homo faber« der alles selbst »machen« und in der Hand haben will – sich selbst, seine Gesundheit, sein Heil. Er verschließt sich der Gnade – den Gaben – Gottes. In Büchern, im Fernsehen, im Gespräch läßt man »= und in der Hand haben will – sich selbst, seine Gesundheit, sein Heil. Er verschlieát sich der Gnade – den Gaben – Gottes. In Bchern, im Fernsehen, im Gespr„ch l„át man die Natur« dies oder jenes »planen« oder »ausführen« Dabei wäre es so leicht – ähnlich wie wir beim Sehen der Dinge das Licht, das unser Sehen ermöglicht, unwillkürlich erfassen -, in der Begegnung mit der Natur den Schöpfer zu erfassen oder zumindest zu erahnen und sein Werk als kostbares Geschenk zu sehen, nicht als bloße Gegebenheit. Aber viele wissen nicht, daß Gott einen Namen hat, sie fühlen sich inmitten eines anonymen Geschehens.
Das Gespür dafür, daß Gott einen Namen hat, den wir im Dank für die Gaben seiner Schöpfung heiligen, ist heute besonders aktuell. Christen können viel tiefere Begründungen für den Schutz von Natur und Umwelt finden, als manche kurzatmige, oft genug pantheistisch angehauchte Argumente es vermöchten.
Aus dem christlichen Menschenbild folgt das klare Bewußtsein, daß es einen grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Natur gibt. Der Christ weiß nicht nur, daß er nicht in der Natur aufgeht, er hat auch eine Stimme, um danken zu können. Er weiß sich unterwegs zu Gott – berufen zur vollen Teilnahme an seinem Leben.
Wieviele Anregungen finden wir in der Liturgie und im jahrhundertealten Gebetsgut der Kirche! Das »Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist« das »Gloria« das »Sanctus« und der Ruf »Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit« in der heiligen Messe … Auch die Alltagssprache gibt uns manche Anregungen, wie das »Gott sei Dank« das »Grüß Gott« oder das »Gott bewahre« Es sind Worte, die uns oft unbewußt über die Lippen gehen, gelegentlich wird es uns aber auch gelingen, sie als echte Stoßgebete zu benutzen. Vor allem das Beten des Vaterunser selbst gibt uns viele Anstöße zur Verherrlichung Gottes. Theresia von Avila schreibt: »Darum, meine Schwestern, wünsche ich, daß wir acht haben, wie wir das Vaterunser und alle übrigen mündlichen Gebete sprechen (…). Bedenket, daß ihr sonst einen großen Schatz verlieren würdet und viel mehr erreichet, wenn ihr von Zeit zu Zeit ein Wort des Vaterunser sprechet, als wenn ihr dieses Gebet oft und eilig hersagt. Der, zu dem ihr betet, ist ganz nahe bei euch; er wird euch gewiß hören. Ja, glaubt es mir, dies ist die wahre Art, seinen Namen zu loben und zu heiligen!«7
III. Dein Reich komme ist die nächste Bitte. Johannes Chrysostomos kommentiert sie so: »Ein gutgesinntes Kind Gottes hängt nicht am Sichtbaren, hält die irdischen Dinge nicht für etwas Großes, sondern fühlt sich hingezogen zum Vater und sehnt sich nach den zukünftigen Dingen«8 Der Ausdruck Reich Gottes hat eine dreifache Bedeutung: das Reich Gottes in uns, die Gnade; das Reich Gottes auf Erden, die Kirche; und das Reich Gottes im Himmel, unser Ziel und unsere ewige Vollendung.
Das Reich Gottes ist mitten unter euch, hat der Herr gesagt. In uns – in unserem Herzen – spielt sich ab, was der Herr in seinen Gleichnissen vom aufgehenden Samen, vom Sauerteig, vom Senfkorn sagte. Es wächst, bis daß es sich vollendet. Die Bitte um das Kommen des Reiches ist also eine Bitte um Treue bis zum letzten Augenblick unseres irdischen Lebens, wenn der Herr uns zu sich ruft. Gerade hier denken wir an die Verheißung des Herrn: Wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet?10
Die Bitte um das Kommen des Reiches ist schließlich eine Bitte um das Wachsen der Kirche: »Allen Christen ist also die ehrenvolle Last auferlegt, mitzuwirken, daß die göttliche Heilsbotschaft überall auf Erden von allen Menschen erkannt und angenommen wird.«11 Und wie? An erster Stelle wollen wir – besonders an jene, die uns nahestehen – die »= 11 Und wie? An erster Stelle wollen wir – besonders an jene, die uns nahestehen – die Heilsbotschaft« weitergeben, die gute Nachricht vom ewigen Heil. Vielleicht sind einige unserer Freunde auf dem Weg zu Gott schon weiter als wir. Jedoch haben sich viele von Gott entfernt und können durch uns den Weg zu ihm neu finden.
Zum Wachsen des Reiches Gottes tragen wir bei, wenn wir uns um die gottgewollte Ordnung bemühen: die Würde der Person, die Freiheit der Gewissen, das Recht auf ein menschenwürdiges Leben, das Recht auf Arbeit, die gerechte Verteilung der Güter, die Förderung des Friedens.
»Uns alle erinnert Jesus daran: Et ego, si exaltatus fuero a terra, omnia traham ad meipsum ( 12,32), wenn ihr mich an die Spitze aller menschlichen Tätigkeit stellt, wenn ihr in jedem Augenblick eure Pflicht erfüllt, wenn ihr meine Zeugen im Großen wie im Kleinen seid, omnia traham ad meipsum, dann werde ich alles an mich ziehen. Mein Reich wird unter euch Wirklichkeit sein! (…)
Dazu sind wir Christen berufen, das ist unsere apostolische Aufgabe, das ist der Eifer, der uns verzehren soll: das Reich Christi zu verwirklichen, Haß und Grausamkeit auszutilgen, den heilsamen und friedbringenden Balsam der Liebe auf der Erde auszubreiten. Bitten wir heute unseren König, er möge uns den demütigen und entschlossenen Willen geben, an diesem göttlichen Plan mitzuarbeiten: zusammenzufügen, was zerbrochen ist; zu retten, was verloren ist; zu ordnen, was der Mensch in Unordnung gebracht hat; wieder auf den rechten Weg zu bringen, was in die Irre gegangen ist, die Eintracht unter allen Geschöpfen wiederherzustellen.«12
R.Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.43-44. – L.Scheffczyk, Die Heiligkeit Gottes: Ziel und Form des Christenlebens, in: Scheffczyk/Schlier/Schnitzler, Gott der Heilige und das Heil, Sankt Augustin 1979, S.39. – 17,6. – Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.72. – ebd., S.73. – L.Scheffczyk, a.a.O. S.41. – Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 31,14 u.16. – Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 19,5. – 17,21. – 11,10-13. – II.Vat.Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 3. – J.Escrivá, Christus begegnen, 183.
