Jahreskreis
19. Woche – Mittwoch
6
versöhnung und vergebung
Ein
Hoherpriester, der mit unseren Schwächen mitfühlt.
Vergeben, Zurechtweisen, Richten und nicht Richten.
Die sakramentale Vergebung.
I. Gestern betrachteten wir den Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht – ein bewegendes Bild, und doch nach menschlichen Maßstäben nicht sogleich einleuchtend. Warum verläßt der Hirt neunundneunzig Tiere, um einem einzigen Schaf nachzugehen? Und warum freut er sich mehr über das wiedergefundene Schaf als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben? Es muß mit jenem anderen Wort des Herrn zusammenhängen, er sei gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist1. Er liebt jeden Menschen so individuell, als gäbe es nur ihn auf der Welt. Mit anderen Worten: er sieht nicht die Menge, er sieht die einzelnen, die einen sicher geschützt im Gehege, die anderen eigensinnig und auf Abwegen. Allen gilt das Schlüsselwort des Gleichnisses: So will auch euer himmlischer Vater nicht, daß einer von diesen Kleinen verlorengeht. Und wir hatten gesehen: die Kleinen sind nicht nur die Einfachen, sondern auch die Gefährdeten.
Wo der Herr im Evangelium einem einzelnen Menschen begegnet, zeigt sich, daß er »sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt«, hat. Den Gelähmten verweist er auf sein eigentliches Elend: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.4 Die Ehebrecherin richtet er auf mit einem ermunternden Wort: Geh und sündige vonjetzt an nicht mehr!Jesu Mitleid reicht tiefer und ist durchdringender als unser Mitempfinden, denn nur er – der keine Sünde kannte und für uns zur Sünde gemacht wurde5 – vermag das Übel ganz zu ermessen, die Abgründe der Sünde, die von ihr verursachten inneren Verwundungen. Er, »der Arzt unserer Seelen und unserer Leiber= 6, hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben7. Er heilt unsere Gebrechen – menschliche Anteilnahme und göttliche Vollmacht verbindend – und ist der wahre und endgültige Hohepriester de Neuen Bundes: Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.8 Jeder kann sagen: er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben9. »Hier wurzelt eure tiefste Freude, hier eure Kraft und euer Halt. Wenn ihr leider einmal Bitternis oder Drangsal zu ertragen habt, Unverständnis erfahrt oder sündigt, richtet gleich eure Gedanken auf den, der euch immer liebt. Mit seiner grenzenlosen Liebe – der Liebe eines Gottes – läßt er alle Prüfungen bestehen, füllt die Leere in uns aus, vergibt uns alle unsere Sünden und schenkt uns einen neuen Schwung zum Weitergehen auf einem sicheren und freudigen Weg.«10
Die grenzenlose Liebe Christi gilt gleicherweise den neunundneunzig, die in seiner Obhut leben, wie dem einzelnen Schaf, das auf Irrwege geraten ist. Gehören wir zu ersteren? Dann seien wir für seine Nähe dankbar und gewöhnen wir uns niemals an sie, als sei das selbstverständlich. Oder gehören wir zu jenen, die vielleicht eine Zeitlang versucht haben, eigensinnig andere Wege zu gehen? Keiner wird sich anmaßen zu behaupten, er sei niemals vom Wege abgekommen. Danken wir jetzt dem Herrn für seine herzliche Zuwendung in solchen Situationen: »Wann immer wir an Christus denken, immer wollen wir beachten, von welcher Liebe er getrieben wurde, um so viele Gnaden und Wohltaten zu gewähren, und welche Liebe uns Gott gezeigt hat, daß er uns ein solches Pfand seiner Zuneigung schenkte, denn Liebe verlangt Gegenliebe. Darin wollen wir uns Mühe geben, das immer vor Augen zu haben und dadurch die Liebe in uns zu wecken. Denn wenn Gott uns die Gnade erweist, unseren Herzen diese Liebe tief einzuprägen, wird uns alles ganz leicht, und in kurzer Zeit bringen wir mit wenig Mühe sehr viel zustande.«11
II. In Jesus erfüllt sich die alttestamentliche Verheißung: Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle.12 Er »kommt nicht, um uns zu verdammen und uns unsere Bedürftigkeit und Bosheit vorzuhalten. Er kommt, um uns zu erretten, zu vergeben und zu entschuldigen, um uns den Frieden und die Freude zu schenken.«13 Unsere Sünden werden nicht bloß zugedeckt, wir werden weiß wie Schnee, »Während seines öffentlichen Lebens vergab Jesus nicht nur Sünden, sondern zeigte auch die Wirkung der Vergebung: Er gliederte die Sünder, denen er verziehen hatte, wieder in die Gemeinschaft des Gottesvolkes ein, aus der die Sünde sie entfernt oder sogar ausgeschlossen hatte. Ein offensichtliches Zeichen dafür ist es, daß Jesus Sünder an seinen Tisch lädt, ja daß er sich selbst an ihren Tisch setzt – eine Handlung, die auf ergreifende Weise zugleich die Vergebung durch Gott und die Rückkehr in den Schoß des Volkes Gottes zum Ausdruck bringt.«14
Die Kirche soll Christi Handeln damals auf den Straßen und in den Städten Palästinas überall in der Welt präsent werden lassen, indem sie »in der Kraft des Heiligen Geistes sein Heilungs- und Heilswerk«15 fortsetzt. Sie ist »als ganze in ihrem Gebet, ihrem Leben und Handeln Zeichen und Werkzeug der Vergebung und Versöhnung (…), die er uns um den Preis seines Blutes erworben hat«16. Dies geschieht vor allem im sakramentalen Geschehen der Buße. Dieses Sakrament steht jedoch nicht isoliert da, es ist in ein Klima der Versöhnung eingebettet, von dem ein Kirchenvater sagt, daß »nichts uns Gott so ähnlich macht wie die Bereitschaft, immer zu vergeben«17. Mit anderen Worten: Die Kirche ist nicht nur in der sakramentalen Vergebung durch den Priester präsent, sondern immer auch in der vergebenden Haltung der Christen im Umgang miteinander. Vergebung »soll nicht etwas Gelegentliches, Ungewöhnliches sein, sondern zum festen Bestandteil des Daseins, zur immerfort wirksamen Gesinnung des Einen gegen den Andern werden«18.
Versöhnung mit Gott ohne Versöhnung mit dem Bruder und der Schwester, das wäre undenkbar: Wenn ihr beten wollt und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt.19 Das Wort des Herrn im heutigen Evangelium20 lehrt uns, daß die Vergebung nicht in der eigenen Innerlichkeit verborgen bleiben darf, sondern sich als brüderliche Zuwendung äußern muß: Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. »Bedeuten dir die Wunden deines Bruders etwa nichts? Du siehst ihn zugrunde gehen oder siehst, daß er zugrunde gegangen ist, und zuckst nur mit den Schultern? Indem du schweigst, bist du schlimmer als er in seiner Sünde!21
Was also tun? Weder gleichgültig bleiben noch grollend die Angelegenheit für sich behalten, noch ihn an den Pranger stellen, stattdessen das Schriftwort beherzigen: Geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Das Wort des Herrn von der brüderlichen Zurechtweisung ergänzt jenes andere Wort: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. »Wie also wir den Anfang machen müssen, wenn wir Verzeihung unserer Sünden erlangen wollen, so ist auch bei diesem Richten das Ausmaß der Strafe in unsere Hand gegeben. Wir sollen eben nicht schmähen und beschimpfen, sondern mahnen, sollen nicht anklagen, sondern zureden, sollen uns nicht in anmaßender Weise zu Richtern aufwerfen, sondern in Liebe zurechtweisen. (…) Wer seinem Nächsten die Sünden verzeiht, befreit sich selbst schon vor dem andern von seinen Sünden, ohne daß er sich viel anzustrengen braucht. Wer mit Schonung und Nachsicht die Verfehlungen anderer prüft, sichert sich selbst durch ein solches Urteil überreiche Verzeihung.«22
Diese Aufforderung ist gerade heute sehr aktuell, da man ununterbrochen »aufdeckt« und »entlarvt« und das meistens, um grausam oder genießerisch bloßzustellen. Auch hier findet der heilige Augustinus im vierten Jahrhundert eine für das zwanzigste Jahrhundert exemplarische Formel: »Also, Brüder, mitten unter diesen Skandalen gibt es nur ein Heilmittel: nicht schlecht zu denken von deinem Bruder. Sei du in Demut, was du willst, daß er es sei, und du wirst nicht meinen, er sei, was du nicht bist!«23
III. Nach der Auferstehung sagte der Herr zu den Jüngern: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.24 Damit erfüllt sich die Verheißung des heutigen Evangeliums: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.25 »Indem der Herr den Aposteln seine eigene Vollmacht, Sünden zu vergeben, mitteilt, gibt er ihnen auch die Autorität, die Sünder mit der Kirche zu versöhnen.«26
Christus hat das Bußsakrament »für alle sündigen Glieder seiner Kirche eingesetzt, vor allem für jene, die nach der Taufe in schwere Sünde gefallen sind und so die Taufgnade verloren und die kirchliche Gemeinschaft verletzt haben. Ihnen bietet das Sakrament der Buße eine neue Möglichkeit, sich zu bekehren und die Gnade der Rechtfertigung wiederzuerlangen.«27 Die erste grundlegende Umkehr in der Taufe bleibt als Aufgabe während des ganzen Lebens fortbestehen und wird jedesmal vertieft und erneuert, wenn wir zur Beichte ehen; deshalb hat man sie baptismus laboriosus, eine »mühsame Taufe« und die »zweite Planke nach dem Schiffbruch genannt«28. Das Bußsakrament bedeutet »nicht nur von Gott her gesehen eine neue, größere Wohltat als das Taufsakrament, das in sich selbst schon etwas Gewaltiges bedeutet, sondern es ist auch in bezug auf den Menschen und für ihn eine Erneuerung der Taufwirklichkeit auf einer höheren Stufe oder eine Radikalisierung der Taufgnade in eine größere Existenztiefe hinein«29. Diese theologische Einsicht ist für die Praxis der regelmäßigen Beichte reich an Konsequenzen, denn sie vermag »das für die christliche Existenz grundlegende Taufbewußtsein, welches so selten aktualisiert wird, beständig zu verwirklichen und aus ihm heraus wie aus einer den Menschen dauernd umgebenden Atmosphäre zu leben«30.
Alle Sakramente sind »dramatische Christushandlungen, in die der Mensch mit seinem eigenen Handeln eingehen soll und darf«31. In allen wird auf eine je eigene Weise »das Gut Christi allen Christen mitgeteilt«32. Welche ist nun die dem Bußsakrament eigentümliche Weise? Der Empfänger vereinigt sich »mit dem Christus, der sich als Sühnender und Büßender dem Gericht über die Sünde unterstellte und der gerade dadurch zum Befreier und Erlöser von der Sünde wurde. Im sakramentalen Drama der Buße ereignet sich also nichts Geringeres, als daß der Sünder sich dem leidenden Christus anschließt, daß er in die Gesinnung und in das Werk des sühnenden Erlösers eingeht, auch wenn hier der nicht zu übersehende Unterschied besteht, daß er dies – anders als Christus – für seine höchst eigenen und persönlichen Sünden tut. Aber dieser Unterschied kann es doch nicht ungeschehen machen, daß hier tatsächlich eine mystische Vereinigung mit dem sühnenden Christus stattfindet, in deren Kraft der Sünder sogar eine gewisse erlöserische Funktion ausübt und an ihr teilhat, und dies nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Welt, weil die Tilgung von Sünde immer ein überindividuelles, soziales Ereignis ist.«33
Bei keinem Sakrament wird das eigene Handeln so stark veranschlagt wie bei der Buße, weil »die Loslösung und Abkehr von der Sünde nur unter einem vollen personalen Einsatz gelingen kann (…). Eine personale Entscheidung gegen Gott kann nicht aufgehoben werden ohne eine ebensolche ernste und ganzheitliche personale Rückwendung zu diesem Gott.«34 Deshalb gehören das persönliche Bekenntnis mit Reue und Vorsatz und das zu verrichtende Bußwerk zum Wesen dieses Sakramentes. Es ist ein Gericht, in welchem der Büßende vor dem gerechten, erbarmenden Gott steht: »Betrachte, wie Gottes Gerechtigkeit von Erbarmen überfließt! – Bei menschlichen Gerichten bestraft man den geständigen Täter, beim göttlichen Gericht wird ihm verziehen. – Gepriesen sei das Sakrament der Buße.«35
Das Bußsakrament demütigt oder entehrt nicht den, der es empfängt. Der reumütige Sünder wächst vielmehr zu einer Gestalt von einzigartiger Würde und innerer Größe empor.36 Die Worte des Priesters vor dem Erteilen der Absolution bekräftigen diese Sicht. Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es dazu: »Der Vater des Erbarmens ist der Ursprung aller Vergebung. Er wirkt die Versöhnung der Sünder kraft des Pascha seines Sohnes und der Gabe seines Geistes durch das Gebet und den Dienst der Kirche.«37
Lk 19,10. – 2 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 22. – 3 Mk 2,5. – 4 Joh 8,11. – 5 2 Kor 5,21. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 1421. – 7 Kol 2,14. – 8 Hebr 4,15. – 9 Gal 2,20. – 10 Johannes Paul II., Ansprache, 1.3.1980. – 11 Theresia von Avila, Leben, 22,14. – 12 Jes 1,18. – 13 J. Escrivá, Christus begegnen, 165. – 14 Katechismus der Katholischen Kirche, 1443. – 15 ebd., 1421. – 16 ebd., 1442. – 17 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 30,5. – 18 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.352. – 19 Mk 11,25. – 20 Mt 18,15-20. – 21 Augustinus, Predigt 82. – 22 Johannes Chrysostomos, a.a.O., 23,1. – 23 Augustinus, Erklärung der Psalmen, 30. – 24 Joh 20,23. – 25 Mt 18,18. – 26 Katechismus der Katholischen Kirche, 1444. – 27 ebd., 1446. – 28 Gregor von Nazianz, Rede, 39,17; Tertullian, Über die Buße, 12. – 29 L. Scheffczyk, Die spezifische Heilswirkung des Bußsakramentes, in: Erneuerung durch Buße, St. Augustin 1978, S.28. – 30 ebd., S.25. – 31 ebd., S.38. – 32 Thomas von Aquin, Erläuterung zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, 10. – 33 L. Scheffczyk, a.a.O., S.33. – 34 ebd., S.38. – 35 J.Escrivá, Der Weg, Nr.309. – 36 vgl. L. Scheffczyk, a.a.O., S.35. – 37 Katechismus der Katholischen Kirche, 1449.
