Tagesmeditation

JAHRESKREIS
9. SONNTAG (LESEJAHR A)

19

AUF FELSEN BAUEN

Beten: auf Felsen bauen.
Christus, der Fels.
Wir, lebendige Steine.

I. Die Worte des Herrn richten sich an alle: an die Jünger in seiner Nachfolge, an die Suchenden, die Ahnungslosen, die vielleicht einmal innerlich gepackt werden, an die Gleichgültigen, die Neugierigen … Auch an die Böswilligen, die ihm einen Fallstrick legen wollen, und an jene, die scheinheilig oder routiniert aus dem Beten ein folgenloses Hersagen von Worten machen.

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt, hören wir im Evangelium1 der heutigen Messe. Der Herr erinnert uns an ein Beten, das aus dem Herzen kommt und keine Spaltung zwischen Wort und Denken, Reden und Tun kennt. Unter Menschen gibt es unverbindliche Unterhaltungen, es gibt ebenso Unterhaltungen über wichtige Dinge, in denen indessen Wesentliches ungesagt bleibt, weil es an Vertrauen zum Gegenüber mangelt und man sich gleichsam versteckt hält; so etwa bei Verhandlungen, in denen es unklug wäre, alle Karten auf den Tisch zu legen. Diplomatie oder Geschäft nennt man das. »Wie die menschliche Erfahrung zeigt, ist es ein leichtes festzustellen, wann es sich um ein freundschaftliches und herzliches Gespräch und wann es sich um ein diplomatisches Geplauder handelt. Im ersten Fall ist man innerlich gelöst, man schaut sich in die Augen, man legt die Worte nicht auf die Goldwaage, man versteht sich auch mit wenigen Worten, selbst ohne Worte, allein durch den Blick. Im zweiten Fall weiß man nicht recht, wie man seine Verlegenheit verbergen soll: die Blicke meiden sich, die Worte sind einstudiert, man spricht zwar viel, ist aber darauf bedacht, möglichst wenig zu sagen, und man kann es kaum erwarten, daß die ganze Sache zu Ende geht. Der Unterschied, im Fall des Gebetes, liegt darin, daß der Mensch >auf die Fassade< schaut, während Gott >die Herzen erforscht<, und daher kann der Mensch sich täuschen.«2

Wie soll also unser Dialog mit dem Herrn sein? Weder diplomatisch noch geschäftsmäßig, noch heuchlerisch: »Dein Gebet – dein Ruf >Herr! Herr!< - wird sich im Verlauf des Tages in tausend Formen äußern und mit dem Wunsch und dem tätigen Willen zusammengehen, den Willen Gottes zu tun.«3

Im Alten Testament begegnen uns Menschen, die Gott segnet, weil sie ihr Tun mit dem göttlichen Willen in Einklang zu bringen suchen: Gott nennt David einen Mann nach meinem Herzen (…), der alles, was ich will, vollbringen wird4. »Seine Unterordnung unter den Willen Gottes, sein Gotteslob und seine Reue werden für das Volk zum Vorbild des Betens. Sein Gebet, das Gebet des von Gott Gesalbten, ist treues Festhalten an der göttlichen Verheißung (vgl. 2 Sam 7,18-29), liebendes und freudiges Vertrauen auf den, welcher der einzige König und Herr ist. Vom Heiligen Geist inspiriert, erweist sich David in den Psalmen als der erste Prophet des jüdischen und christlichen Gebetes.«5

Die Gestalt des Beters, die mit Abraham, Mose und David beginnt, findet ihre Vollendung in Christus. Er selbst sagt, daß er nichts anderes will, als den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat, und sein Werk zu vollenden. Wir in seiner Nachfolge finden in ihm die Maßstäbe für unser Beten und Tun: immer mehr das loslassen, was uns bindet, um eins zu werden mit dem, was Gott für uns vorgesehen hat.

»Sicherlich hast du schon einmal mit einem Anflug von >heiligem Neid< an jenen jugendlichen Apostel gedacht, >quem diligebat Jesus< - den Jesus liebte.

Würde es dir nicht gefallen, daß man auch dich etwa so charakterisieren könnte: >der den Willen Gottes liebt

Sorge täglich dafür, daß es so ist.«6

II. Nur nach außen den Namen Gottes anrufen oder im Herzen Ja sagen zum Willen des Vaters – das ist die Alternative, die Jesus seinen Zuhörern am Ende der Bergpredigt stellt. Er hat über das rechte Beten, über die Nächsten- und Feindesliebe, über die Vergebungsbereitschaft und vor allem über die Vorsehung Gottes, unseres Vaters, gesprochen. Nun faßt er, wie wir im heutigen Evangelium hören, alles im Bild der zwei Männer zusammen, die ein Haus bauen. Der eine baut auf Fels, der andere auf Sand. Jesus nennt den einen klug, den anderen unvernünftig; da letzterer sich von der Leichtigkeit der Aufgabe verführen läßt, ist er natürlich schneller mit dem Bau fertig, während der erste noch mit dem Ausschachten beschäftigt ist, weil es lange dauert, bis er auf felsigen Boden stößt.

Wer sich an Christi Worte hält, mag mitunter mehr Mühe haben. Aber es kommt die Stunde der Wahrheit, wenn alles ringsum in Aufruhr gerät. Zweimal schildert der Herr den Augenblick, als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten. Das auf festem Untergrund erbaute Haus bewährte sich, es blieb stehen, das auf Sand errichtete stürzte ein. Zur Zeit des Unwetters kommt es nicht auf die Schönheit einer Fassade oder auf den bezaubernden Vorgarten an, sondern auf das Fundament in der Tiefe. Und worin besteht es? »Die unmittelbar zutage liegende Bedeutung des Gleichnisses ist eine Mahnung Jesu, das eigene Leben auf sicheren Grund zu bauen. Der sichere Grund, der in allen Stürmen standhält, ist das Wort Jesu selbst.«7

Wir sind solchen Menschen begegnet, die fest in Gott gegründet leben: Menschen beispielsweise, die, obwohl ihre Gesundheit geschwächt ist oder ihre Lebensumstände schwierig sind, freudig ihre Schmerzen tragen, weil sie gläubig darin die segnende Hand Gottes erkennen. Sie haben ihr Haus – ihr Leben – auf die Ergebenheit in den Willen Gottes gegründet und gehen nicht zugrunde.

Das Gleichnis eröffnet uns eine noch tiefere Dimension, wenn wir es auf dem Hintergrund einer ähnlichen Stelle im Matthäusevangelium betrachten, an der ebenfalls von einem Felsen die Rede ist: Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen8. Diese Stelle verweist auf Christus selbst. »Auch hier spricht Jesus von einem Haus, das gebaut werden soll und das auf den Felsen gegründet wird, damit es nicht von den Mächten der Tiefe zerstört werde. Bild und Wortgebrauch sind hier wie dort gleich bis in Einzelheiten hinein, so daß ein Zusammenhang offenkundig ist. In diesem zweiten Text aber ist es Jesus selbst, der das Haus baut; er handelt als der kluge Mann, der Felsengrund wählt. (…)

Wenn wir allein bleiben mit unserer eigenen Kraft, gelingt es uns nicht, unser Leben als festes Haus zu bauen. Unsere Kraft und unsere Klugheit reichen dazu nicht aus. Ist das menschliche Leben also absurd, ist es Verzweiflung, sinnloser Weg zum Tode hin? Das Evangelium sagt uns: Es gibt den wahrhaft Klugen; er hat den Fels gefunden, und er selbst (sein Wort) ist der Fels; er hat selber das Fundament des Hauses gelegt. Wir sind klug, wenn wir aus der törichten Isolierung der Selbstverwirklichung heraustreten, die auf den Sand des Selberkönnens baut. Wir sind klug, wenn wir nicht jeder für sich und isoliert das bloß private Haus des eigenen individuellen Lebens zu bauen versuchen. Unsere Klugheit ist es, mit ihm zu bauen in und an dem gemeinsamen Haus, so daß wir selbst sein lebendiges Haus werden.«9

III. Im ersten Petrusbrief finden wir wie ein Echo der Mahnung des Herrn die Aufforderung: Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein (…). Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen10. Es ist ein poetisches, anregendes Bild, das die Starre des Felsenfundaments mit der Dynamik des wachsenden, sich entfaltenden Organismus verbindet. »Petrus geht aber noch weiter. Er bezeichnet diese >lebendigen Steine< als >eine heilige Priesterschaft<, deren Wesensmerkmal und Daseinssinn es ist, >durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen.< (...) Diese geistigen Opfer - die auch materielle einschließen können, ja sollen und müssen - sind die Anstrengungen, alle Gebote Jesu Christi zu erfüllen und den Herrn so in der eigenen Person, im eigenen Leben gegenwärtig zu machen. In diesem Sinne, so >opfernd<, ist jeder Christ auch ein Priester, potentiell heilig durch sein Hineingenommensein in Christi Leib, die Kirche, und mit dem einzigen Daseinsziel, diese in der Taufe erhaltene >Potenz< zur vollen Entfaltung zu bringen, zu Christusförmigkeit, die zwar immer nur annäherungsweise erreicht werden wird, aber doch nie als Endziel aus dem Blick geraten darf. Denn >in den Himmel kommen< heißt ja, als ein solcher lebendiger priesterlicher Stein in den Grundstein Jesus Christus, den ewigen Hohenpriester, nunmehr wissend, erkennend und schauend eingelassen zu sein.«11

Betend verlieren wir das uns Tragende, besonders in schwierigen Situationen, niemals aus dem Blick. »Das persönliche Ich ist im Innersten der Seele ganz eigentlich zu Hause. Wenn es hier lebt, dann verfügt es über die gesammelte Kraft der Seele und kann sie frei einsetzen. Dann ist es auch dem Sinn alles Geschehens am nächsten und aufgeschlossen für die Forderungen, die an es herantreten, am besten geeignet, ihre Bedeutung und Tragweite zu ermessen. Es gibt aber wenige Menschen, die so >gesammelt< leben: Bei den meisten hat das Ich seinen Standort vielmehr an der Oberfläche. (...) Aber wer gesammelt in der Tiefe lebt, der sieht auch die >kleinen Dinge< in großen Zusammenhängen; nur er vermag ihr Gewicht - an letzten Maßstäben gemessen - in der richtigen Weise einzuschätzen und sein Verhalten entsprechend zu regeln. Nur bei ihm ist die Seele auf dem Wege zur letzten Durchformung und zur Vollendung ihres Seins.«12

In den alltäglichen Situationen hilft uns die empfangene Kraft der Sakramente und des Gebetes: bewußt akzeptierte kleine oder große Widerwärtigkeiten im Beruf, im Familienleben oder im gesellschaftlichen Umgang werden dann zu »geistigen Opfern« Wir lernen dann, im Großen wie im Kleinen die Hand der göttlichen Vorsehung zu sehen: in Gesundheit und Krankheit, in Trockenheit und Trost, im beschaulichen Frieden und inmitten heftiger Versuchungen, zur Zeit der Arbeit wie der Entspannung. Denn wir e»fahren die Wahrheit des heutigen Antwortpsalms: Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet. Denn du bist mein Fels und meine Burg; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.13

»Bei seinem Eintritt in die Welt hat Jesus gesagt: Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun (Hebr 10,5ff). Jetzt sind wir an der Reihe. Das ganze Leben kann Tag für Tag im Zeichen des Wortes stehen: >Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun!< Wir wissen nicht, was dieser Tag, dieses Treffen, diese Arbeit uns bringen werden; wir wissen nur eins mit Sicherheit: daß wir in allem den Willen Gottes tun wollen. Wir wissen nicht, was die Zukunft für jeden von uns bereithält; aber es ist schön, ihr entgegenzugehen mit den Worten auf den Lippen: >Ja, ich komme, Gott, um deinen Willen zu tun<.«14

Und wir beten: »Herr, zieh deine Hand nicht von mir zurück, verlaß mich nicht, steh mir bei, der ich hilflos bin wie ein Kind! Führe mich immer an deiner Hand!«15

1 Mt 7,21-27. – 2 R.Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.203. – 3 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.358. – 4 Apg 13,22. – 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 2579. – 6 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.422. – 7 J.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.62. – 8 vgl. Mt 16,13-20. – 9 J.Ratzinger, a.a.O., S.62-63. – 10 1 Petr 2,4-5. – 11 P.Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.264. – 12 Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg 1987, S.39. – 13 Ps 31,3b-4. – 14 R.Cantalamessa, a.a.O., S.292. – 15 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.654.