JAHRESKREIS
17. WOCHE – DIENSTAG
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FREUNDE GOTTES
Das
Offenbarungszelt des Alten Bundes.
Ehrfurcht vor der Eucharistie.
Der Dienst der Freundschaft.
I. In jenen Tagen – heißt es in der heutigen Lesung aus dem Buch Exodus – nahm Mose das Zelt und schlug es für sich außerhalb des Lagers auf, in einiger Entfernung vom Lager. Er nannte es Offenbarungszelt. Es war die heilige Stätte, wo der Herr und Mose miteinander redeten Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden1.
Auge in Auge… ein kühner und inniger Ausdruck der Freundschaft. Solche Redeweisen sind in der Heiligen Schrift nicht selten. Gott nennt Israel seinen Liebling und Nachkomme meines Freundes Abraham2, und die Propheten heben immer wieder Gottes Nähe hervor. Aber das Gleichheit suggerierende Auge in Auge geht mit einem tiefen Empfinden für die Majestät dieses nahen Gottes einher, der unendlich über seinen Geschöpfen steht. Nicht weniger eindringlich als seine schützende Nähe schildert die Schrift die Erhabenheit und Allmacht des Schöpfers: Er entsendet das Licht, und es eilt dahin; er ruft es zurück, und zitternd gehorcht es ihm. Froh leuchten die Sterne auf ihren Posten. Ruft er sie, so antworten sie: Hier sind wir. Sie leuchten mit Freude für ihren Schöpfer.3
Nähe und Abstand, Vertrauen und Ehrfurcht begründen das Verhältnis des Menschen zu Gott, dem Schöpfer, Gesetzgeber, Vater und Richter. »In der Zeit nach den Patriarchen machte Gott Israel zu seinem Volk. Er befreite es aus der Sklaverei in Ägypten, schloß mit ihm den Sinaibund und gab ihm durch Mose sein Gesetz, damit es ihn als den einzigen, lebendigen und wahren Gott, den fürsorglichen Vater und gerechten Richter anerkenne, ihm diene und den verheißenen Erlöser erwarte.«4
Die Propheten kündigen in ahnungsvollen Bildern die Menschwerdung des Sohnes Gottes an, die dann in der Fülle der Zeiten5 geschieht – nicht nur für das Volk Israel, sondern für alle Menschen aller Zeiten. Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes verringerte sich der unendliche Abstand zwischen Gott und Mensch; denn nunmehr war in Christus – Mensch unter Menschen – eine gewisse Gleichheit und Lebensgemeinschaft gegeben: »Weil uns der eingeborene Sohn Gottes Anteil an seiner Gottheit geben wollte, nahm er unsere Natur an, wurde Mensch, um die Menschen göttlich zu machen.«6 Gott schenkt uns in Christus eine Liebe, die uns fähig macht, ihn zu lieben, weil er uns zuerst geliebt hat7 und weil durch ihn diese Liebe ausgegossen ist in unsere Herzen8.
Jesus erinnerte die Seinen in der entscheidenden Stunde vor seinem Tod an eine geheimnisvolle Verkettung der Liebe: sie stammt vom Vater, erreicht den Sohn, weitet sich aus auf die Jünger des Sohnes und erwartet unsere Antwort: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!9 Er wendet sich an den Vater, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in ihnen bin10. Darin wurzelt die Zuversicht, daß wir dieser Liebe entsprechen können.
Von diesen Worten Jesu her ist die Lektüre der Evangelien besonders aufschlußreich. Wie oft ergreift Jesus die Initiative, wenn es um Freundschaft geht. Er »hat zu allen Menschen, auch zu den Sündern, unendliche Liebe gehabt; aber einigen Personen hat er besondere Freundschaft erwiesen: den Aposteln, vor allem dem Lieblingsjünger, Josef von Arimathäa, Nikodemus und Lazarus. Judas wollte er sogar noch in dem Augenblick als Freund anreden, als dieser ihn in die Hände seiner Feinde überlieferte. Als Freund seiner Jünger ließ Christus sie an seinen Sorgen und Freuden teilnehmen, er ermutigte und förderte sie, wo sie es brauchten, er war als Freund allseits um sie besorgt.«11 Das heutige Evangelium berichtet von der schlichten, vertrauensvollen Art, wie die Jünger auf diese Liebe Jesu reagierten: Erkläre uns das Gleichnis.12 Ein guter Ansporn für unser Gebet: Zeige mir, Herr, was du von mir erwartest.
II. Das Buch Exodus schildert die ehrfürchtige Scheu des Volkes, wenn es sieht, wie Mose sich zum Offenbarungszelt begibt, um dort Auge in Auge mit Gott zu sprechen. Da erhob sich das ganze Volk. Jeder trat vor sein Zelt, und sie schauten Mose nach, bis er in das Zelt eintrat, der von Jahwe berufene Mittler, durch den Israel Freiheit, Bund, Gesetz und Kult erhält.
Was Mose tut, findet in Christus seine endgültige Erfüllung; er befreit uns von der Sünde, vollendet das Gesetz, stiftet den neuen, ewigen Bund und einen immerwährenden Kult. Die heutige Lesung zeigt, wie »im Alten Testament die Offenbarung des Reiches häufig in Vorbildern geschieht«13: in Mose ahnen wir den künftigen Erlöser. Aber auch das Offenbarungszelt weist auf Christus hin. Wenn wir lesen: da erhoben sich alle und warfen sich vor ihren Zelten zu Boden, kann man darin einen Hinweis sehen auf die Ehrfurcht vor der Eucharistie. »Gott ist nah in diesem Zeichen: knieet hin und betet an. Das Gesetz der Furcht muß weichen, da der neue Bund begann; Mahl der Liebe ohnegleichen: nehmt im Glauben teil daran.«14
Jesus, von der Jungfrau empfangen und geboren und für uns am Kreuz gestorben, ist hier gegenwärtig: »Die eucharistische Gegenwart Christi beginnt im Zeitpunkt der Konsekration und dauert so lange, wie die eucharistischen Gestalten bestehen. (…) Wir bringen in der Meßliturgie unseren Glauben, daß Christus unter den Gestalten von Brot und Wein wirklich zugegen ist, unter anderem dadurch zum Ausdruck, daß wir zum Zeichen der Anbetung des Herrn die Knie beugen oder uns tief verneigen.«15 Deshalb erweist die Kirche diesem Sakrament der Liebe Gottes »nicht nur während der heiligen Messe, sondern auch außerhalb der Meßfeier den Kult der Anbetung, indem sie die konsekrierten Hostien mit größter Sorgfalt aufbewahrt, sie den Gläubigen zur feierlichen Verehrung aussetzt und sie in Prozession trägt.«16
Unser Mittler und Erlöser hat unter uns in den heiligen Gestalten bleiben wollen. Vor dem Tabernakel verweilend können wir mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen. Und die Zuwendung, die der Herr während seines Erdenwandels allen entgegenbrachte, die sich ihm näherten, wird auch uns zuteil werden. Ihn betrachtend und uns betrachtend können wir die Worte des heiligen Bernhard nachvollziehen: »Solange ich auf mich selbst schaue, weilt mein Auge in Bitterkeit (Ijob 17,2). Wenn ich aber aufblicke und meine Augen zu dem erhebe, der mir in göttlichem Erbarmen hilft, dann mildert alsbald der fröhliche Anblick meines Gottes meinen bitteren Blick, und ich sage zu ihm: Meine Seele ist angesichts meiner selbst bedrückt, und deshalb denke ich hier im Jordanland an dich (Ps 41,7). Gott so erblicken zu dürfen, ist nicht unerheblich: erfahren zu dürfen, wie zugeneigt und ansprechbar er ist, wie wirklich gütig und barmherzig und wie unerschütterlich er trotz meiner Schlechtigkeit ist. Das liegt daran, daß seine Natur Güte ist und daß es seine Art ist, sich immer zu erbarmen (…). Gott erneuert in dir sein Bild, in dem du ihn selbst sehen kannst, wenn du mit enthülltem Angesicht voll Zuversicht die Herrlichkeit des Herrn suchst und durch den Geist Gottes von Klarheit zu Klarheit in das gleiche Bild umgeformt wirst (2 Kor 3,18).«17
Nicht anders als damals in der nächtlichen Unterhaltung mit Nikodemus, sucht der Herr auch heute vom Tabernakel aus das Gespräch mit einem jeden, der sich ihm nähert. Damals pflanzte der Herr in die Seele des Gelehrten einen Samen ein, der erst später zu keimen begann, gehegt durch Gebet und Nachdenken: »Was Gott von dir will, das mußt du schon Auge in Auge mit ihm zu erfahren suchen.«18
III. In der Stunde des Abschieds wollte der Herr, der die Seinen, die in der Welt waren, liebte, diese Liebe bis zur Vollendung erweisen.19 Er tat es im Zeichen und im Wort. Zeichenhaft wusch er seinen Jüngern die Füße – wie ein Knecht. Im Wort belehrte er sie: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? (…) Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen. Nachdem er sie gelehrt hatte, Knechte zu sein, nannte er sie seine Freunde: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.(…) Dies trage ich euch auf: Liebt einander!20 »Dieser Liebesbund ist jetzt klein und verborgen. Nur die Wenigen um Jesus ahnen ihn wohl, wenn sie auch sein Wesen noch nicht verstehen: sie, die nicht mehr, in dem großen und zugleich fernen Sinne des Alten Testaments >Knechte Gottes<, sondern >Freunde< sind; in der Innigkeit der Gottesnähe stehen, welche Jesus gebracht hat. Denn >Freund< sein, wie sie, können nur die, denen der Vater kundgeworden ist, und das wird er durch Christus.«21 So fällt es einem Christen leicht, die tieferen Gründe zu entdecken, die eine Freundschaft entstehen lassen. Wer wirklich in der Nachfolge Christi zu leben sucht, lernt, sich anderen Menschen zu öffnen. Johannes Chrysostomos erläutert diese umfassende Liebesfähigkeit des Christen am Beispiel des heiligen Paulus: »Er liebte um Christi willen. Mochte ihm darum auch seine Liebe nicht in dem Maße, wie er liebte, erwidert werden, sie erkaltete trotzdem nicht, weil sie eben aus einer kräftigen Wurzel hervorging. (...) Die Liebe um Christi willen ist fest, unzerreißbar, unzerstörbar; nichts ist imstande, sie zu ersticken, weder Verleumdungen, noch Gefahren, noch der Tod, noch sonst etwas Derartiges. Wer aus solchem Grunde liebt, könnte alles mögliche Ungemach erleiden und würde doch nicht aufgeben, da er immer die Ursache seiner Liebe vor Augen hat. Denn wer nur liebt, weil er Gegenliebe findet, gibt die Liebe auf, sobald ihm etwas Unangenehmes widerfährt; wer aber durch ein übernatürliches Band verbunden ist, wird niemals untreu.«22
Jenen gegenüber, die mit uns in Freundschaft verbunden sind, wird alles zum freundschaftlichen Dienst nach dem Beispiel Christi. Und kraft der Freundschaft können wir ihnen das höchste Gut vermitteln, das wir besitzen: den Umgang mit Jesus, dem Freund.
Die Freundschaft gilt auch innerhalb der Gemeinschaft der Heiligen; sie umfaßt jene, mit denen wir auf Erden verbunden waren und die jetzt – wie wir von Gottes Barmherzigkeit erhoffen – im Himmel sind. Sie umfaßt die Heiligen und auch unseren Schutzengel. »Wir alle haben Begleitung nötig: Begleitung des Himmels und der Erde. Verehrt die heiligen Engel! Eine Freundschaft besitzen, das ist sehr menschlich, aber auch sehr göttlich, genauso wie unser Leben göttlich und menschlich zugleich ist.«23
1 Ex 33,7-11. – 2 Jes 41,8. – 3 Bar 3, 32-35. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 62. – 5 vgl. Eph 1,10. – 6 Thomas von Aquin, Opusc. 57 in festo Corporis Christi, 1. – 7 1 Joh 4,19. – 8 Röm 5,5. – 9 Joh 15,9. – 10 Joh 17,26. – 11 J. Stöhr, Christliche Freundschaft, St.Ottilien 1988, S. 3. – 12 Mt 13,36. – 13 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 6. – 14 Hymnus Pange lingua. – 15 Katechismus der Katholischen Kirche, 1377-1378. – 16 Paul VI., Enz. Mysterium fidei, 56. – 17 Bernhard von Clairvaux, Weil mein Herz bewegt war, Freiburg 1990, S. 49. – 18 Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg 1987, S. 117. – 19 vgl. Joh 13,1. – 20 Joh 15,14-15.17. – 21 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 422. – 22 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 60,3. – 23 J. Escrivá, Freunde Gottes, 315.
