JAHRESKREIS
29. WOCHE – FREITAG
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DIE ZEICHEN DER ZEIT
Auf die
Zeichen der Nähe Gottes achten.
Ein offenes und demütiges Herz.
Jesus Christus, das herausragende Zeichen Gottes.
I. Wie gerne reden wir Menschen vom Wetter. Das Thema hilft über manch sonst peinliches Schweigen hinweg. Für Bauern und Seeleute ist es anders. Der Wind, die Gestalt der Wolken am Horizont, das Aussehen des Himmels …, das alles hat mit ihrer Arbeit zu tun. Die Witterung ist für sie ein Stück unverfügbarer Wirklichkeit, auf die sie sich einstellen müssen.
Der Herr nimmt im heutigen Evangelium1 Bezug auf solch äußere Gegebenheiten der Natur: Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Die Menschen können die Zeichen der Natur interpretieren. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Die Zeichen, die anzeigen, daß mit dem Auftreten Jesu das Gottesreich gekommen ist? In dieser Frage schwingt der Vorwurf mit, daß sie nicht sehen, weil sie nicht sehen wollen, nicht weil sie es nicht könnten. Denn die Zeichen, daß das Gottesreich mitten unter ihnen ist, sind deutlich genug. Das Gottesreich, heißt es in einem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils, »leuchtet im Wort, im Werk und in der Gegenwart Christi den Menschen auf (…). Auch die Wunder Jesu erweisen, daß das Reich schon auf Erden angekommen ist (…). Vor allem aber wird dieses Reich offenbar in der Person Christi selbst.«2
Der Herr ist uns nahe. In jedem menschlichen Leben gibt es Zeichen, die, im Lichte des Glaubens gedeutet, auf die Nähe Gottes hinweisen. Uns nahestehende Menschen – Verwandte, Freunde, Kollegen – können Zeichen auf Gott hin sein, Hinweise darauf, daß der Herr jetzt eine Geste der Geduld oder einen Akt der Freundlichkeit von uns erwartet.
Glaubend läßt sich die Hand Gottes aus vielen Gegebenheiten herausspüren. Wären wir uns ihrer bewußter, könnten wir manche Situationen meistern, die sonst leicht Unmut, Gleichgültigkeit oder Oberflächlichkeit bewirken. »Wieviele Sorgen, wieviel Kummer blieben uns erspart, wenn wir – stark im Glauben! – mehr Vertrauen auf die göttliche Vorsehung und eine tiefere Gewißheit des göttlichen Beistandes hätten, der uns niemals fehlen wird. Uns bedrängten dann die vielen Sorgen nicht mehr, die nach einem Wort des Herrn den Menschen der Welt (Lk 12,30) eigen sind, denen also, die keinen Sinn für das Übernatürliche haben.«3
II. Die innere Kraft des Glaubens ist eng an das sich bereitwillige Öffnen des Willens geknüpft. Daher das klassische Wort des heiligen Augustinus: »Niemand glaubt, es sei denn freien Willens«4.
Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat, spricht der Herr zu den vielen, die sich über ihn wundern. Er erläutert dann, daß die Anerkennung der Göttlichkeit seiner Sendung nicht allein vom Nachdenken, sondern ganz besonders von der inneren Bereitwilligkeit der Menschen abhängt: Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott ist, oder ob ich in meinem Namen spreche6.
Hier liegt ein Problem vieler Menschen unserer Zeit. Sie sehen nicht, »daß der Mensch dem sich offenbarenden Gott gegenüber schlechterdings nicht in der Situation eines gleichrangigen, unabhängigen Partners ist, dem es freistünde, sich zu >interessieren< oder nicht.«7 Es ist ihnen ziemlich gleichgültig, nach welchen Grundsätzen sie ihr Leben ausrichten, wenn es nur ohne Zumutungen geschieht. Nicht mehr die vier Kardinaltugenden, auf denen das Leben wie die Tür auf den Angeln aufruht und schwingt, prägen Verstand und Willen, stattdessen werden die Verhaltensmaßstäbe von Fall zu Fall strategisch neu bestimmt.
Demgegenüber nennt der Herr jene selig, deren Herz rein ist.8 »Das >reine< Herz ist das offene und demütige Herz. Das unreine Herz ist demnach umgekehrt das anmaßende und verschlossene Herz, das ganz mit sich selbst angefüllt und ausgefüllt ist, unfähig, der Majestät der Wahrheit Raum zu geben, die Verehrung und letzlich Anbetung verlangt.«9 Ein Christ, der glaubt, stützt seine Hoffnung auf den Geist, der in den Menschen wirkt: »Gotteserkenntnis verlangt innere Wachheit, Verinnerlichung, das geöffnete Herz, das persönlich in schweigender Sammlung seiner Direktheit zum Schöpfer innewird.«10
Mit anderen Worten: Um aus der klaren Sicht des Glaubens leben zu können, »ist die demütige Haltung nötig, die einer christlichen Seele eigen ist: nicht das Bestreben, die Größe Gottes auf die ärmliche Ebene menschlichen Begreifens und Deutens zu beschränken, sondern die Einsicht, daß dieses Geheimnis in seiner Dunkelheit Licht ist, das das Leben der Menschen erhellt. (…) In dieser Haltung werden wir begreifen und lieben lernen, und das Geheimnis wird für uns eine eindringliche Lehre sein, überzeugender als jedes menschliche Argument.«11
III. Das heutige Evangelium schließt mit einer Mahnung des Herrn, die auf eine andere Situation zu verweisen scheint, jedoch auch im Zusammenhang mit dem Thema unseres Gebetes betrachtet werden kann. Wenn du mit deinem Gegner vor Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen. Sonst wird er dich vor den Richter schleppen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis werfen. Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.
Das herausragende Zeichen der Zeit ist seit dem Augenblick, daß die Zeit erfüllt war und Gott seinen Sohn sandte12, Jesus Christus selbst. In ihm wird Gott sichtbar: der verzeihende Gott, der Gott, der barmherzig ist und will, daß wir seine Barmherzigkeit erfahren. Vergeben, Nicht-Nachtragen, Versöhnen und Friedenstiften – das sind Zeichen der Nähe Gottes. Wer sich in seinem Alltag um solche Haltungen bemüht, kann vielen Menschen helfen, ihr falsches Bild von Gott zu revidieren. Denn »das, was viele bekämpfen, ist nicht der wahre Gott, sondern eine falsche Vorstellung von Gott: Ein Gott, der die Reichen schützt; der nur fordert und verlangt; der neidisch auf unsern wachsenden Wohlstand schaut; der andauernd nach unseren Sünden Ausschau hält und sich ein Vergnügen daraus macht, uns zu bestrafen! (…) Gott ist nicht so. Er ist gut und gerecht. Er ist auch Vater der verlorenen Söhne. Er will sie nicht erbärmlich und armselig, sondern groß und frei, fähig, ihr eigenes Schicksal zu meistern. Unser Gott ist so wenig Rivale des Menschen, daß er ihn sogar zum Freund haben will. Er läßt ihn teilhaben an seiner eigenen, göttlichen Natur und an seinem ewigen Glück. Es stimmt auch nicht, daß er übertriebene Anforderungen stellt: im Gegenteil, er begnügt sich mit wenig, denn er weiß wohl, wie wenig wir haben.« Der spätere Papst Johannes Paul I. schreibt diese Worte in einem seiner fiktiven Briefe, den er so beendet: »Ich bin davon überzeugt, daß dieser Gott einmal von allen erkannt und geliebt wird. Auch von denen, die ihn heute zurückweisen. Denn nicht weil sie schlecht sind, weisen sie ihn zurück (…), sondern weil sie ihn nicht richtig erkannt haben. Auch wenn sie weiterhin nicht an ihn glauben, so sagt er doch zu ihnen: >Ich aber glaube an euch.<.«13
Bitten wir Maria um ein feines Gespür für die Zeichen Gottes in unserer Zeit: in der Geschichte der Völker, in der Gesellschaft, im Leben jener, die uns nahestehen, und in unserem eigenen Leben.
12,54-59. – II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 5. – J.Escrivá, Freunde Gottes, 116. – Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium, 26,2. – 7,16. – 7,17. – J.Pieper, Lieben, Hoffen, Glauben, München 1986, S.318. – vgl. 5,8. – J.Kard.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.25. – ebd., S.33. – J.Escrivá, Christus begegnen, 13. – vgl. 4,4. – Johannes Paul I., Ihr ergebener Albino Luciani, München 1978, S.22-23.
