JAHRESKREIS
29. WOCHE – SAMSTAG
54
DER UNFRUCHTBARE FEIGENBAUM
Gottes
Erwartungen an uns.
Göttliche Geduld.
Frucht bringen heißt den Vater verherrlichen.
I. In Palästina war es üblich, Feigenbäume in Weinberge zu pflanzen. Der Weinstock konnte an ihm hochranken, der Baum an einem bevorzugten Ort gedeihen. Unser Herr hat einen solchen Weingarten vor Augen, wenn er das Gleichnis erzählt, das wir im heutigen Evangelium hören: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Der Besitzer ist enttäuscht, denn es war nicht das erste Mal, daß der Baum keine Früchte trug. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen.
Der Feigenbaum ist bei den Propheten des Alten Testaments ein Symbol für Israel. Jahwe hat ihn gepflanzt und gehegt, er erwartet von ihm reiche Frucht. Doch oft vergeblich: Will ich bei ihnen ernten – Spruch des Herrn -, so sind keine Trauben am Weinstock, keine Feigen am Feigenbaum, und das Laub ist verwelkt.3
Der Herr greift hier ein anregendes und vertrautes Bild auf. Es ist leicht, vor einem Baum – real oder in der Vorstellung – betend zu verharren. Der Baum, der einmal ein kleiner Sämling war; der Baum, dessen Wurzeln die Erde brauchen, dessen Äste Licht und Sonne suchen, der Baum – wie jetzt im Herbst, wenn die Blätter fallen – als Bild des Todes und der Vergänglichkeit, aber auch des Lebens, denn von Samen zu Samen erneuert sich das Leben über die Jahreszeiten hinweg. Im Winter wird der Baum gleichsam durchsichtig in seiner Struktur aus Stamm und Geäst und kann uns so zu Einsichten über unser eigenes Leben anregen. Jede Station seines Lebens kann zu einem Gleichnis unseres Lebens werden. Der Herr greift einen scheinbar belanglosen und dennoch dramatischen Augenblick im Leben des Baumes auf: den Moment des unfruchtbaren Dastehens auf fruchtbarem Boden, fürsorglich vom Weingärtner umhegt. Wie rührend der Rettungsversuch: Herr, laß ihn dieses Jahr noch stehen: ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte.
Der Gärtner im Gleichnis weiß, wieviel Mühe der Baum ihn gekostet hat. Gott weiß, wieviel Gnaden er uns geschenkt hat: das Geschenk des Lebens – nirgendwo wird das Unverdiente der Gaben Gottes deutlicher -, die Gnade des Glaubens, das Wirken des Heiligen Geistes durch die Taufe, die Speise der Eucharistie. Wir können uns wirklich das Wort des Propheten zu eigen machen, wenn er den Weinberg des Freundes preist: Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hieb eine Kelter darin aus Aber dann wechselt unvermittelt der Ton: Dann hoffte er, daß der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren. Erkennen wir uns darin wieder? Danke, Herr, für deine Geduld!
II. Herr, laß ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte … Wir sehen uns wie ein Feigenbaum im Weinberg des Herrn und gewahren, daß der Eigentümer des Weinbergs seinen Feigenbaum nicht als Schmuck ansieht, sondern als Element des Lebens und der Fruchtbarkeit. Gott will, daß wir diese Dimension – das Leben in Gemeinschaft mit ihm – erreichen. Die Bitte des Gärtners um eine Gnadenfrist erscheint uns im Gebet wie ein Ruf unseres Erlösers, unseres Mittlers, unseres Helfers Jesus Christus. Mit ihm ist Gott »in die Menschheitsgeschichte eingetreten; als Mensch ist er Subjekt dieser Geschichte geworden, einer von Milliarden und gleichzeitig dieser eine! Durch die Menschwerdung hat Gott dem menschlichen Leben jene Dimension gegeben, die er ihm von Anfang an zugedacht hat. Er hat dies auf eine so endgültige Weise getan, wie es nur ihm möglich ist: als Frucht seiner ewigen Liebe und seiner Barmherzigkeit, seiner vollen göttlichen Freiheit und einer solchen Freigebigkeit, daß es angesichts der Erbschuld und der langen Geschichte der Sünde in der Menschheit, angesichts der Irrtümer unseres Verstandes, der Verirrrungen unseres Willens und Herzens möglich ist, staunend die Worte der heiligen Liturgie zu wiederholen: >O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden! <«5
Staunend und dankbar hören wir das Wort: Laß ihn noch stehen! Vielleicht trägt er noch Früchte! Der Herr ist langmütig mit uns. Er wartet, daß wir auf seine Liebe eingehen. Lassen wir deshalb unser Beten in den Vorsatz einmünden: unser eigenes Tun enger mit seiner Hilfe zu verbinden, offen zu sein für seine Pläne und gewappnet gegen unsere Eitelkeit. Laß ihn dieses Jahr noch stehen, sagt der Gärtner zum Herrn des Weinbergs. »Vielleicht schenkt Gott uns noch ein Jahr, damit wir ihm dienen können. Aber denke jetzt nicht an fünf, nicht an zwei Jahre, sondern an dieses eine.«6
III. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, daß ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet. »Die Jünger werden diese Worte wohl kaum verstanden haben. Nicht umsonst verheißt er ihnen ja in ebendiesem Zusammenhang den Heiligen Geist! (…) Er wird erst den Sinn öffnen und die Worte verständlich machen. Aber die Jünger fühlen die Nähe und die aus Gott kommende Macht ihres Meisters.«8 Vor dem Hintergrund des unfruchtbaren Feigenbaums, dem eine Schonfrist zugestanden wird, sind diese Worte wie eine Aufmunterung für uns. Durch reiche Frucht in der Nachfolge verherrlichen wir den Vater. Oder, anders gewendet: Die Früchte unseres Tuns sollen so sein, daß wir durch sie den Vater, nicht uns verherrlichen. Eine kleine Abtötung beim Essen als Zeichen dafür, daß wir in der Gegenwart Gottes leben und über unseren Leib zu herrschen wissen, eine innere Überwindung, damit der Unmut nicht zu einer überreizten Reaktion führt, Ordnung im Materiellen und Übersicht in der Gestaltung unseres Arbeitstages … Das alles mag keine reiche Frucht sein; wenn es jedoch auf Gott hin getan wird – in Dankbarkeit, weil wir die Gelegenheit dazu haben, und in Demut, weil es so belanglos anmutet -, dann verherrlichen wir den Vater durch Christus.
Das Gleichnis vom Feigenbaum erzählt von der Geduld des Weinbergbesitzers und von der liebenden Sorge des Gärtners, der so viel Mühe auf den noch unfruchtbaren Baum verwendet hat. Genügt es, sich untätig auf die göttliche Geduld und Langmut zu verlassen? Wohl kaum. Unmittelbar bevor der Herr das Gleichnis erzählt, nimmt er eine wahre Begebenheit zum Anlaß für eine Mahnung zur Buße.9 Man hatte Jesus von den Galiläern erzählt, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ. Der Herr verweist dann auf den Einsturz des Turms am Schiloach, bei dem ebenfalls Menschen zu Tode gekommen sind. Er muß sich kurz vorher ereignet und die Menschen tief beeindruckt haben. Jesus sieht im Unglück dieser Menschen keine Strafe für eine besondere Schuld. Nein: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Dies ist gleichsam das Vorwort zum Gleichnis über die Langmut Gottes: Umkehr, Bekehrung.
Kann uns das Bild des Baumes auch hier helfen? Es geht darum, die Wurzeln tief in die Erde zu senken, bis in die Niederungen der eigenen Armseligkeit; und Geäst und Krone weit dem Himmel zu öffnen, dem Licht und der Sonne. Buße als Frucht von Demut und Hoffnung. An diesem Samstag im Oktober – im Rosenkranzmonat – bitten wir Maria um ihre Fürsprache.
13,6-9. – vgl. 9,10. – 8,13. – 5,1-3. – Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 1. – J.Escrivá, Freunde Gottes, 47. – 15,8. – R.Guardini, , Würzburg 1951, S.423. – vgl. 13,1-5.
