Tagesmeditation

JAHRESKREIS
26. SONNTAG (LESEJAHR A)

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DIE TUGEND DES GEHORSAMS

Der Gehorsam gründet in der Liebe.
Gehorsam und Demut.
Hingabe unserer selbst.

Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute in meinem Weinberg! Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht. Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn, und er ging doch. Wer von beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?1

Zwei Fragen des Herrn rahmen diese Geschichte ein. Die Antwort ist klar. Die Angesprochenen merken noch nicht, daß der Herr sie meint. Natürlich hat der zweite Sohn den Willen des Vaters erfüllt, sagen sie. In einer raschen Wendung erhält die an sich unkomplizierte Geschichte eine Tiefe, in der sich das Drama der Liebe Gottes und der Halsstarrigkeit des Geschöpfes widerspiegelt. Die Adressaten des Gleichnisses sind selbstgerechte Menschen. Sie halten sich für treue Beobachter des Gesetzes, die die Mahnungen des Johannes nichts angehen: Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt. Sie kultivieren ihr rhetorisches Ja und bringen sich damit um die Chance der Reue und Bekehrung. Sie sind wie der Sohn, der zwar Ja sagt, aber nicht sie, sondern Zöllner und Dirnen – Menschen also, die nicht auf den Gedanken kommen könnten, gerecht zu sein – haben ihm geglaubt. Deshalb gelangen eher in das Reich Gottes als ihr, sagt ihnen der Herr. Denn sie sind wie der andere Sohn, der zuerst Nein sagt, dann aber doch den Willen des Vaters tut. Weder der eine noch der andere Sohn steht zum gegebenen Wort. Und doch will uns Christus sagen, daß der »Wortbruch« des zweiten etwas Gutes an sich hat, ja, die Pointe der Geschichte enthält. Wir kennen aus eigener Erfahrung die Kluft, die sich zwischen Denken, Reden und Tun öffnet, und daß manch guter Vorsatz Vorsatz bleibt, bis er am Ende vergessen wird. Vor allem aber kennen wir den inneren Widerspruch, der sich meldet, wenn wir uns mit dem Gott geschuldeten Gehorsam konfrontiert sehen. Doch trotz des anfänglichen Aufbegehrens gehorcht schließlich der widerspenstige Sohn.

Die vollendete Form des Gehorsam zeigt sich uns in Christus. »Um den Willen des Vaters zu erfüllen, hat Christus das Reich der Himmel auf Erden begründet, uns sein Geheimnis offenbart und durch seinen Gehorsam die Erlösung gewirkt.«2 Die zweite Lesung der Messe preistjesu Liebe zum Gehorsam: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.3

Christus gehorcht aus Liebe. Auch dort, wie in Getsemani, wo sich die menschliche Natur dagegen sträubt, gehorcht er vollkommen, weil er vollkommen liebt. Unsere unvollkommene Liebe bringt uns gelegentlich in die Nähe des widerspenstigen Sohnes aus dem Gleichnis. Doch wie tröstlich: Der aufsässige Sohn entdeckt die Liebe zum Vater wieder. Er korrigiert das falsche Wort mit dem richtigen Tun. Er gehorcht.

II. Der Apostel Paulus lehrt uns, daß sich Jesus nicht bloß passiv dem Willen seines Vaters unterwarf. Er wurde aus freien Stücken gehorsam, machte sich die Ratschlüsse des Vaters zu eigen und nahm freiwillig das Kreuz auf sich.

Im Kreuz gipfelt der Gehorsam Christi. Das Kreuz ist Liebe zum Vater, Demut, Lauterkeit und Gehorsam. Johannes Tauler, Prediger und Mystiker des 14. Jahrhunderts, deutet es so: »Dieses Kreuz setzt sich aus vier Teilen zusammen: ein Teil oben, einer unten, zwei nach beiden Seiten. Der obere Teil bedeutet die wahre Liebe zu Gott, der linke Balken tiefe Demut. An ihn wird ein Mensch geheftet durch Geringschätzung seiner selbst und aller Dinge, die ihm zufallen können. Der rechte Kreuzesarm mag wahre Lauterkeit bedeuten. An ihn wird man geheftet durch rechte, bereitwillig ertragene Armut. Der Fußteil, an den die Füße geheftet sind, versinnbildet wahren, vollkommenen Gehorsam. Er bedeutet wahre, willige Gelassenheit gegenüber allem, womit du verbunden bist nach eigenem Willen. Die Teile des Kreuzes werden in der Mitte zusammengefaßt durch das >fiat voluntas tua<, das heißt, da ein Holzstück in das andere eingefalzt wird, ein wahres und vollkommenes Ende deines eigenen Willens.«4

Das fiat voluntas tua – dein Wille geschehe – ist Mitte des Kreuzes und Mitte unseres Gehorsams. Die Demut macht uns zum Gehorsam geneigt, während der Hochmut den eigenen Willen zum Gesetz erheben möchte, nicht nur für sich selbst, sondern auch – despotisch – für die anderen.

Der Gehorsam entspringt einer Freiheit, die in der Liebe fest verankert ist. Wer seinen Willen im liebenden Gehorsam hingibt, festigt in sich den Entschluß, immer dem Wahren und Guten zu folgen. Kein Wanderer fühlt sich durch Wegweiser eingeschränkt, im Gegenteil, er begrüßt sie dankbar als Orientierung. Kein Bergsteiger empfindet das Seil, das ihn an seinen Kameraden bindet, als Fessel. Die Liebe ist Wegweisung und Halt für den Gehorsam, sie macht ihn frei. Ist es denkbar, daß Christi Gehorsam unfrei war, eine widerwillig akzeptierte Zumutung? Nein, denn er umfängt ihn in vollkommener Liebe. Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten5

Der Herr, dessen Gebetbuch, wie man gesagt hat, die Psalmen waren, wird oft gebetet haben: Herr, weise mir den Weg deiner Gesetze! Ich will ihn einhalten bis ans Ende. Gib mir Einsicht, damit ich deiner Weisung folge und mich an sie halte aus ganzem Herzen. Führe mich auf den Pfad deiner Gebote! (…) Nach deinen Befehlen habe ich Verlangen. Gib mir neue Kraft durch deine Gerechtigkeit6

III. Gehorsam ist besser als Opfer, heißt es im ersten Buch Samuel.7 Der heilige Gregor der Große schreibt dazu: »Mit Recht wird der Gehorsam den Opfern vorgezogen, denn im Opfer wird fremdes Fleisch dargebracht, im Gehorsam aber bringt man den eigenen Willen dar.«8 Das ist oft nicht leicht, denn es reicht tief in unser Wesen hinab, doch es ist kein Verlust an Persönlichkeit, sondern Bereicherung. Durch das Loslassen des eigenen Ich kommen wir der Freiheit näher, die aus der Wahrheit stammt9: »Freiheit ist Wahrheit. Ein Mensch ist frei, wenn er ganz das ist, was er seinem Wesen nach sein soll. Freiheit ist die Weise, wie einer ganz er selbst ist und zu allen Dingen im rechten Verhältnis steht. Zu dieser Freiheit aber führt der Weg durch den Gehorsam«.10

Gehorchen ist ein Horchen auf unseren Ursprung aus Gott und auf unsere Abhängigkeit von ihm. Gegenüber Selbstsetzung und Selbsterlösung erkennt der Mensch an, daß er nichts sich selbst verdankt, sondern einem anderen, von dem er auch weiterhin abhängt. Die Annahme der Geschöpflichkeit entlastet ihn von der Überanstrengung permanenter Selbstbehauptung. Durch diese Entäußerung wird der Mensch wirklich er selbst. Er tritt in die Fußstapfen Christi, das Wort des Paulus beherzigend: Seid untereinander so gesinnt wie es dem Leben in Christus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave11

»Gehorche ohne viel unnützes Grübeln (…). Mißmut oder Unlust gegenüber einer Anweisung zu äußern, ist eine bedeutsame Verfehlung; sie zu empfinden ist jedoch keine Schuld, sondern kann sogar Gelegenheit bieten, durch kraftvolle Selbstüberwindung einen heroischen Tugendakt zu setzen (…). Nicht ich habe das erfunden. Erinnerst du dich? Das Evangelium berichtet von dem Familienvater, der seinen beiden Söhnen den gleichen Auftrag gab (…). Und Jesus freut sich über den, der trotz anfänglichen Widerspruchs ihn dann doch erfüllt! Der Herr freut sich, weil der Gehorsam Frucht der Liebe ist«12, schreibt Josemaria Escrivá.

Wahrscheinlich hatte der Sohn, der ja sagte und dann doch nichts tat, das Gespür für die Liebe zum Vater verloren. Die Nähe zum Vater war ihm selbstverständlich geworden, sein Wort alltäglich, und deshalb die Antwort unverbindlich. Das Ja war mehr Routine als bewußte Entscheidung – keine ehrliche Antwort, sondern nur folgenloses Gerede.

Anders der zweite Sohn. Erinnert er uns nicht an Situationen in unserem eigenen Leben, in denen treu zu sich selbst und zum Vater zu stehen nur durch Verzicht auf störrisches Selbstbehaupten möglich ist? Auch Begradigen ist menschlich, nicht nur Irren. Wir können ein mehr oder weniger deutliches Nein gegenüber Gott rückgängig machen. Dazu gehört Einsicht, Demut, Verantwortung. Und der Wille, gehorsam zu sein. Wer eher könnte uns diesen Gehorsam lehren als Maria.

21,28-32. – II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 3. – 2,6-8. – Johannes Tauler, (Kreuzerhöhung), Nr.60. – 14,15. – 119,33-40. – 15,22. – Gregor der Große, , 14. – vgl. 8,32. – R.Guardini in: Neue Jugend und katholischer Geist 20; zitiert nach H.B.Gerl, Romano Guardini, Mainz 1985, S.172. – 2,5-7. – J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.378.