JAHRESKREIS
10. SONNTAG (LESEJAHR A)
28
DIE TUGEND DER HOFFNUNG
Was wir
in Hoffnung erwarten.
Harte Zeiten, Zeiten der Hoffnung.
Wie sollen wir hoffen.
I. Das Leben des Menschen ist mit einer Wanderung verglichen worden. Wir sind unterwegs zur endgültigen Heimat, zur Glückseligkeit des Himmels.
Es ist die Hoffnung, die die Schritte des Reisenden trägt. Wer unterwegs die Hoffnung aufgibt, sein Ziel erreichen zu können, kehrt um oder bleibt auf halbem Wege stehen. »Wir müssen uns einen guten Vorrat an Hoffnung beschaffen, wenn wir auf dem mühseligen Weg, der vor uns liegt, aufrecht und kräftig ausschreiten wollen.«1
Was ist die Hoffnung? Sie ist »jene göttliche Tugend, durch die wir uns nach dem Himmelreich und dem ewigen Leben als unserem Glück sehnen, indem wir auf die Verheißungen Christi vertrauen und uns nicht auf unsere Kräfte, sondern auf die Gnadenhilfe des Heiligen Geistes verlassen.«2 Es ist also anders als bei irdischen Zielen – im Beruf oder im Sport etwa -, wo das Gelingen von Erfahrung, Tüchtigkeit oder Training abhängt. Wenn es um das übernatürliche Ziel des Lebens geht, zählen all diese Eigenschaften nicht, sondern ausschließlic= 2 Es ist also anders als bei irdischen Zielen – im Beruf oder im Sport etwa -, wo das Gelingen von Erfahrung, Tüchtigkeit oder Training abhängt. Wenn es um das übernatürliche Ziel des Lebens geht, zählen all diese Eigenschaften nicht, sondern ausschließlih das Sichverlassen auf Gott, den Allmächtigen, den treuen Freund; seine Liebe ist nicht wie die begrenzte Liebe eines Menschen, wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht3, sondern sie ist beständig.
Getragen von der uns gnadenhaft verliehenen, übernatürlichen Hoffnung, erwarten wir die Vollendung dessen, was hier auf Erden mit der Taufe schon begonnen hat: das ewige Leben, das Gott jenen verheißen hat, die ihn lieben. Aus der realistischen Sicht des Glaubens, Grundlage der Hoffnung, dürfen wir von Gott jegliche Hilfe erwarten, um die Versuchungen zum Bösen bekämpfen zu können und die Keime des Heiligen in uns sich entwickeln zu lassen. Je größer die Anstrengungen und je bedrängender die Armseligkeiten sind, um so stärker muß die Hoffnung auf den Herrn sein.
In der zweiten Lesung der Messe4 erinnert uns Paulus an die Hoffnung Abrahams: Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt. Johannes Paul I. kommentiert diese Worte so: »Wie kann es das geben? Das kann es geben, denn es stützt sich auf drei Wahrheiten: Gott ist allmächtig, Gott liebt mich über die Maßen, Gott bleibt seinen Verheißungen treu. Und er, der Gott des Erbarmens, entzündet in mir die Zuversicht; darum fühle ich mich weder einsam noch unnütz, noch verlassen, sondern in den Heilsplan einbezogen, der eines Tages im Paradies mündet.«5
Abraham war schon hochbetagt, seine Frau unfruchtbar, und doch zweifelte er nicht; Gott hatte ihm verheißen, daß er der Vater vieler Völker werde, nach dem Wort: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Und er war fest davon überzeugt, daß Gott die Macht besitzt zu tun, was er verheißen hat. »Die christliche Hoffnung übernimmt und erfüllt die Hoffnung des auserwählten Volkes, die ihren Ursprung und ihr Vorbild in der Hoffnung Abrahams hat.«6 Um wieviel mehr werden wir dann auf Christus hoffen, von dem es heißt: Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt. Wie könnte es sein, daß er, der uns zu seiner Nachfolge berufen hat, uns im Stich ließe. Der Herr reicht uns immer wieder seine helfende Hand: wenn wir aufrichtig beten, uns treu um unseren geistlichen Lebensplan bemühen, die Sakramente regelmäßig und mit Andacht empfangen oder wenn wir uns im geistlichen Gespräch einen Rat holen.
II. »Weder meine irdischen Gebrechen noch die Versuchungen des Feindes können mich ängstigen, quoniam tu mecum es – denn du bist bei mir.«7 Dieses Wort des seligen Josemaria Escrivá greift den Ruf auf, der sich im Alten Bund immer wieder gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation, Traurigkeit, Bitternis und Ermüdung erhebt. Die Patriarchen und Propheten verkünden einen Gott, der sein Volk wie auf Adlerflügeln8 trägt. Er ist »kein Gott, der in seliger Ruhe unberührt über den Geschicken der Menschen und dem Lauf der Geschichte thront. Er ist ein lebendiger Gott, der das Elend der Menschen sieht und ihr Schreien hört.«9 Im Evangelium der Messe betrachten wir, wie dieser Gott der Hoffnung sich in Jesus besonders jener annimmt, die in einer Not Hilfe brauchen. Der Herr sagt: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.10
Ganz gesund sind wir wohl niemals. Auch dann, wenn wir Gottes Nähe besonders intensiv erfahren und unser Weg mühelos erscheint, wissen wir, daß tausend Krankheitserreger unsere innere Kraft schwächen können. Es gibt Zeiten, in denen wir deutlicher als sonst diese Anfälligkeit erfahren. Der Herr trennt sich niemals vom Kranken, selbst dann nicht, wenn er aus schuldhaftem Leichtsinn krank geworden ist. Nur wir selbst können seine Hilfe unwirksam machen, wenn wir seine heilende Hand zurückweisen.
Die Widrigkeiten des Lebens sind Teil des göttlichen Heilsplanes für uns, denn wir sind weder dem Strudel des Zufalls noch den Fängen eines blindwütigen Schicksals ausgeliefert, sondern in Gottes Händen geborgen. Und Gott will uns gelegentlich dadurch stärken, daß er Prüfungen zuläßt, die uns neue Kraft schenken: ein größeres Vertrauen zu ihm, ein tieferes Bewußtsein der Gotteskindschaft, mehr Loslösung von irdischen Gütern wie Gesundheit oder Fortkommen. Und wie von selbst entdecken wir dann aufs neue den Wert von Buße und Sühne für die eigenen wie die Sünden aller Menschen.
Die christliche Hoffnung ist wesenhaft übernatürlich; sie übersteigt jeden natürlich-menschlichen Wunsch, Glück zu haben oder glücklich zu sein. Ihr Ziel ist das ewige Leben, die Seligkeit in Gott. Die Hoffnung »ruft den Einsatz all unserer Kräfte für die vollständige Öffnung unseres Seins hervor, für die Entfaltung all seiner Möglichkeiten«11. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn anstelle forschen Zupackens einmal geduldiges Ertragen vonnöten sein wird. Wenn die letzten Gründe für Schmerz und Leid uns oft auch dunkel bleiben, so sind sie doch immer in seiner unergründlichen Liebe aufgehoben. Gerade harte Zeiten sind Zeiten der Hoffnung. Die heilige Theresia von Avila wundert sich im Rückblick auf ihre Krankheit, daß, als sie um Gesundheit bat, gerade die Krankheit sie Gott näherte: »Da ich mich in so jugendlichem Alter des Gebrauchs aller Glieder beraubt und durch die Behandlung der irdischen Ärzte so übel zugerichtet sah, entschloß ich mich, zu den himmlischen Ärzten meine Zuflucht zu nehmen, damit diese mich heilen möchten; obschon ich meine Leiden mit großer Freude trug, so wünschte ich doch die Gesundheit wieder zu erlangen. Manchmal war mir freilich der Gedanke gekommen, die Gesundheit könnte Ursache der Verdammnis für mich werden und es wäre darum besser, wenn ich in meinem kranken Zustande verbliebe; dennnoch aber meinte ich, Gott weit mehr dienen zu können, wenn ich wieder gesund würde. So betrügen wir uns selbst dadurch, daß wir uns nicht in allem gänzlich der Führung des Herrn überlassen, der doch am besten weiß, was uns nützlich ist.12
III. Wie sollen wir also hoffen? Der heilige Bonaventura sagt in einer Adventspredigt, die Bewegung der Hoffnung gleiche dem Flug des Vogels, der, um zu fliegen, seine Flügel so weit wie möglich ausspannt und alle seine Kräfte für das Bewegen der Flügel verwendet, gleichsam sich selbst ganz zur Bewegung macht und damit Höhe erreicht – eben fliegt. Hoffnung ist Fliegen, sagt Bonaventura: Hoffnung erfordert von uns einen radikalen Einsatz; sie verlangt von uns, daß all unsere Glieder Bewegung werden, um abzuheben von der Schwerkraft der Erde, um aufzusteigen zur wahren Höhe unseres Seins, zu den Verheißungen Gottes.13
Diese Spannkraft der Seele entfaltet sich gerade inmitten größter Widerwärtigkeiten, denn Gott führt bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten14. Es gibt im inneren Leben Zeiten, da einem scheint, daß man auf der Stelle tritt. Müde und niedergeschlagen stellt man fest, daß die Erbärmlichkeiten nicht verschwinden und die Verfehlungen sich wiederholen, die Heiligkeit scheint in weite Ferne gerückt. Vielleicht haben wir die Konfrontationen, Prüfungen und Hindernisse unterschätzt, war unser Kampf nur halbherzig, das Selbstvertrauen nicht in Gott verankert. Man möchte heilig werden, aber ohne Demütigungen. Verfehlungen, Rückfälle und Stolpern dürfen uns aber nie zu dem Fehlschluß verleiten, der Kampf lohne sich nicht; nunc coepi, jetzt auf der Stelle beginne ich von neuem und konkretisiere die Stoßrichtung meines Kampfes: im geistlichen Gespräch, in der täglichen Gewissenserforschung, im demütigen Erkennen eines Versagens, in der dankbaren Annahme einer neuen Gnade.
Sonst läuft man Gefahr, der Lauheit, Lustlosigkeit und inneren Trägheit zu erliegen, was die klassische Theologie acedia nennt. Sie ist die Traurigkeit der Welt, die nach Paulus den Tod wirkt15. Sie »will sich das Große nicht zumuten, das der Natur des Christen gemäß ist. Sie ist eine Art von angsthaftem Schwindelgefühl, das den Menschen befällt, wenn er der Höhe inne wird, zu der ihn Gott erhoben hat. (…) Sie will die übernatürlichen Güter nicht annehmen, weil sie ihrem Wesen nach verbunden sind mit einem Anspruch an den Empfänger.«16
Diese bleierne innere Beschwerung, dieser Widerwille gegen Ansprüche und Gnadengaben Gottes lähmt und entmutigt den Menschen. Ihre Ursache sind nicht reale Hindernisse, sondern der mangelnde Wunsch, wirklich heilig werden und zu Gott gelangen zu wollen.
Wir schließen unsere Weile des Gebetes mit Worten des großen Mystikers Bernhard von Clairvaux, der im herzlichen Überschwang Mariä Namen preist: »Wenn du erfährst, daß dieses Erdenleben mehr ein Dahintreiben in Wellen, Wind und Wetter ist als ein Dahinschreiten auf festem Land: wende deine Augen nicht ab vom Licht dieses Sternes, damit du nicht untergehst in den Stürmen. Wenn die Sturmwinde der Versuchungen daherbrausen, wenn du zwischen die Klippen der Drangsale verschlagen wirst, blick auf zum Stern, ruf zu Maria! Wenn dich emporschleudern Wogen des Stolzes, des Ehrgeizes, der Verleumdung, der Eifersucht – blick auf zum Stern, ruf zu Maria! Wenn Zorn, Habsucht oder die Begierde des Fleisches deine Seele erschüttern – blick auf zu Maria! Wenn dich die Last der Sünden drückt und die Schmach des Gewissens beschämt, wenn dich die Strenge des Gerichtes schreckt, wenn du drohst von abgrundtiefer Traurigkeit und Verzweiflung verschlungen zu werden – denk an Maria!
In Gefahren, in Ängsten, in Zweifeln – denk an Maria, ruf zu Maria! Ihr Name weiche nicht aus deinem Munde, weiche nicht aus deinem Herzen! Damit du aber ihre Hilfe und Fürbitte erlangest, vergiß nicht das Vorbild ihres Wandels! Folge ihr, und du wirst nicht vom Wege weichen. Bitte sie, und niemals bist du hoffnungslos. Denk an sie, dann irrst du nicht. Hält sie dich fest, wirst du nicht fallen. Schützt sie dich, dann fürchte nichts. Führt sie dich, wirst du nicht müde. Ist sie dir gnädig, dann kommst du ans Ziel.«17
1 Paul VI., Ansprache, 10.12.1975. – 2 Katechismus der Katholischen Kirche, 1817. – 3 Hos 6,4. – 4 Röm 4,18-25. – 5 Johannes Paul I., Ansprache, 20.9.1978. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 1819. – 7 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.194. – 8 Ex 19,4. – 9 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.61. – 10 Mt 9,9-13. – 11 J.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.67. – 12 Theresia von Avila, Leben, 6,6. – 13 vgl. Bonaventura, Predigt 16. – 14 Röm 8,28. – 15 vgl. 2 Kor 7,10. – 16 J.Pieper, Lieben, Hoffen, Glauben, München 1986, S.228-229. – 17 Bernhard von Clairvaux, Homilie De Laudibus Virginis Matris, 2,17.
