Tagesmeditation

JAHRESKREIS
27. SONNTAG (LESEJAHR A)

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SÜSSE TRAUBEN ODER SAURE BEEREN

Das Gleichnis vom Weinberg.
Die bitteren Früchte unseres Lebens.
Alles echt Menschliche kann geheiligt werden.

I. In der ersten Lesung der heutigen Messe hören wir das Lied vom Weinberg: Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten. Der Weinberg erscheint oft in der Sprache des Alten Testaments als Bild für das auserwählte Volk und für das Wirken Gottes an ihm: Ich aber hatte dich als Edelrebe gepflanzt Deine Mutter war ein Weinstock im Garten, der am Wasser gepflanzt ist. Der Text des Jesaja, der »eine Perle biblischer Dichtung«3 genannt worden ist, bildet in seinem klaren Aufbau und in seiner treffenden Darstellung den Höhepunkt solcher Vergleiche. Als der Herr das Gleichnis von den bösen Winzern erzählte, das wir im heutigen Evangelium hören, gab er dieser alttestamentlichen Erzählung den neuen, entscheidenden Hintergrund.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den edelsten Reben. Er baute mitten darin einen Turm und hob eine Kelter darin aus. Dann hoffte er, daß der Weinberg süße Trauben brächte, doch er brachte nur saure Beeren.

Die sorgfältige Bearbeitung des Weinbergs ist umsonst gewesen. Wer ist schuld? Sicher nicht sein Besitzer: Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren? Schuld daran ist der Weinberg selbst, das heißt Jerusalems Bürger und ihr Männer von Juda, die nun aufgefordert werden, selbst das Urteil zu sprechen. Im Gleichnis Jesu wird die Schuld der Betroffenen durch ihre Reaktion noch anschaulicher. Denn der Herr des Weinbergs hatte seinen geliebten Sohn selbst geschickt: Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

Der Weinberg – das ist das auserwählte Volk, das die Verheißung eines Erlösers bis zu seiner Ankunft durch die Geschichte trug; und das ist auch das neue Volk Gottes, die Kirche, die das Werk des Erlösers durch die Zeiten weiterträgt; das sind schließlich wir selbst, die wir mit Christus verbunden sind. In einem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: »Der wahre Weinstock aber ist Christus, der den Rebzweigen Leben und Fruchtbarkeit gibt, uns nämlich, die wir durch die Kirche in ihm bleiben und ohne den wir nichts tun können ( 15,1-5).«6 Fragen wir uns deshalb im Gebet: Sind unsere Werke süße Trauben oder saure Beeren?

II. Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Der Kirchenvater Ambrosius kommentiert diese Stelle: »Er zog ringsherum einen Zaun, dies heißt: er bewehrte den Weinberg mit der Mauer des göttlichen Schutzes, damit er von den Einfällen geistlichen Ungeziefers verschont bliebe (…) und er hob eine Kelter aus, dies heißt einen Ort, worin der geistliche Ertrag der göttlichen Trauben zusammenfließen könnte.«7 Gott hat den Weinberg mit liebender Fürsorge gehegt: Warum brachte er nur saure Beeren?

Die Sünde ist die bittere Frucht unseres Lebens. Die Geschichte der Menschheit und die persönliche Lebensgeschichte eines jeden von uns zeugen davon. In einem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: »Niemand wird durch sich selbst und aus eigener Kraft von der Sünde erlöst und über sich hinausgehoben, niemand vollends von seiner Schwachheit, Einsamkeit oder Knechtschaft frei gemacht, vielmehr brauchen alle Christus als Beispiel, Lehrer, Befreier, Heilbringer, Lebensspender.«8

Damit unser Weinberg süße Trauben trägt, ist es nötig, ihn – der ausnehmenden Fürsorge Gottes entsprechend – sorgsam zu pflegen. Lieblosigkeiten, voreiliges Urteilen, unterschwelliges Nachtragen, träge Pflichterfüllung mögen nur läßliche Sünden sein. Aber: »Die läßlichen Sünden richten in der Seele großen Schaden an. Deshalb sagt der Herr im Hohenlied: >Capite nobis vulpes parvulas, quae demoliuntur vineas<. Fangt die kleinen Füchse, die den Weinberg verwüsten.«9 Dies ist der Weg, feinfühliger im Umgang mit dem Meister zu werden. Dann bedauern wir auch kleine Lieblosigkeiten und verspüren den Wunsch, sie mit mehr Liebe wiedergutzumachen. So wird das, was Anfang einer Trennung von Gott sein könnte, zum Anlaß einer tieferen Begegnung mit ihm. »Bitte den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist und deine Mutter, sie mögen dir Selbsterkenntnis schenken. Und damit zugleich Schmerz über all den Schmutz, der dich berührt und - leider! - auch reichlich seine Spuren hinterlassen hat. Und sage weiter, ohne die Augen vor deinem Elend zu verschließen: Gib mir, Jesus, eine Liebe, die wie ein reinigendes Feuer mein armes Fleisch, mein armes Herz, meine Seele und meinen Leib verzehrt und sie von allem irdischen Elend läutert. Ist dann mein Ich ganz >leer< und frei geworden, so fülle du es ganz aus, damit ich mich an nichts Irdisches mehr hänge, sondern von deiner Liebe allein getragen werde.«10

III. In der zweiten Lesung ermuntert uns der Apostel Paulus, auf all das Gute zu achten, das es in der Welt gibt: Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht.11

Die irdischen Wirklichkeiten sind ein Weg zu Gott, denn er ist ihr Schöpfer. Und außerdem, wie der Kirchenvater Irenäus Ende des 2. Jahrhunderts schrieb, »steht durch das Wort Gottes alles unter dem Einfluß des Erlösungswerkes, und der Sohn Gottes – für alle gekreuzigt – hat alles mit dem Zeichen des Kreuzes gezeichnet.«12 Alles, was unseren Alltag ausmacht, gehört dazu: die berufliche Arbeit, das Familienleben, der Umgang mit Freunden, die kleinen Nöte und Freuden … Alles kann die Süße der Trauben gewinnen, die der Herr des Weinbergs erwartet. Denn wir können nicht behaupten, »es gäbe Wirklichkeiten – seien sie nun gut, edel oder auch nur indifferent -, die ausschließlich profan sind, nachdem einmal das Wort Gottes unter den Menschen geweilt, Hunger und Durst verspürt und mit seinen Händen gearbeitet hat, nachdem es Freundschaft und Gehorsam, Leiden und Tod erfuhr.«13 Alles echt Menschliche kann geheiligt und Gott dargebracht werden.

Die Gelegenheiten, dem Herrn köstliche Früchte darzubringen, sind oft nach außen hin recht banal, haben jedoch das Aroma einer inneren Überwindung: pünktliches Aufstehen, das gelassene Ertragen einer Erkältung, Beeinträchtigungen durch das Wetter. Oft beziehen sie sich unmittelbar auf unsere Mitmenschen: indem wir ihnen Dank wissen, ihnen behilflich sind, sie aufmuntern; oder auf unsere Arbeit: ihre Intensität oder das Bemühen, Begonnenes nicht unnötig auf die lange Bank zu schieben. Nur scheinbar sind all diese Dinge lediglich sachliche Verrichtungen. In der Gegenwart Gottes gewinnen sie eine neue Dimension. Ein Stoßgebet, ein Blick auf das Kreuz oder auf ein Bild Unserer Lieben Frau, ein Gruß an das Allerheiligste, wenn unser Blick einen Kirchturm streift, werden uns helfen, das Wort des Herrn Wirklichkeit werden zu lassen: Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen (…). Mein Vater wird dadurch verherrlicht, daß ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet14

Wir vertrauen uns Maria an, damit in unserem Weinberg Früchte wachsen, die den Herrn erfreuen.

5,1-7. – 2,21. – 19,10. – vgl. Echter-Bibel, Bd. von J.Ziegler, Würzburg 1948, S.22. – 21,33-43. – II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 6. – Ambrosius, Auslegung des Evangeliums nach Lukas, 20,9. – II.Vat.Konz., Dekret , 8. – J.Escrivá, , Nr.329. – ders., Im Feuer der Schmiede, Nr.41. – 4, 8. – Irenäus von Lyon, Erweis der apostolischen Verkündigung. – J.Escrivá, Christus begegnen, 112. – 15,5.8.