Tagesmeditation

JAHRESKREIS
13. SONNTAG (LESEJAHR A)

1

ANTWORTENDE LIEBE

Nur Gott ist eine bedingungslose Liebe wert.
Die Liebe, das neue Gesetz.
Gelebte Gottesliebe.

I. Jesus Christus »ist das endgültige Amen der Liebe des Vaters zu uns; er übernimmt und vollendet unser Amen an den Vater«1. Er lehrt uns, wie jede echte Liebe auf Erden sich der Liebe zu Gott verdankt und sich ihr unterordnen soll. Seine Worte im heutigen Evangelium2 verdeutlichen dies am Beispiel der Familienbande. Nicht einmal diese erhabene Liebe ist absolut: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.

Nur Gott – unser Schöpfer, Herr und Vater – verdient eine uneingeschränkte, bedingungslose Liebe. Alles, was nicht Gott ist, soll mit einer Liebe geliebt werden, die von Gott ausgeht und zu ihm hinführt. Wir dürfen nicht fürchten, diese Sehweise könnte unsere Liebesfähigkeit einengen; nein, das Herz weitet sich, wenn wir die Liebe zu Gott an die erste Stelle setzen. Alles andere erhält von hierher Schwung und Richtung und wird frei von der verunstaltenden Schlacke des Egoismus. Man nähert sich dann Menschen und Dingen auf eine lautere, edle Weise.

Das heutige Evangelium mahnt uns aber auch, daß ein liebendes Ja zu Gott ein Nein zur Lebensart des alten Menschen einschließen muß: Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen. Dies ist ein Nein zur Sünde und zu allem, was zur Sünde geneigt macht. Alles Gute, Wertvolle und Wohlgeordnete in der menschlichen Natur hingegen bleibt bestehen, ja es wird – durchdrungen vom Leben der Gnade – beständiger und mächtiger. Was sterben muß, ist der Egoismus und alles, was rücksichtslos das eigene Ich in die Mitte stellen möchte. Je mehr dies gelingt, um so menschlicher wird der Mensch.

Deshalb stehen die Worte des Herrn vom Verlieren des Lebens und von der Selbstverleugnung als notwendige Voraussetzung für die Nachfolge3 nicht im Widerspruch zu seiner Aufforderung, den Nächsten zu lieben wie dich selbst. »Wenn Jesus von Selbstverleugnung, vom Verlieren des eigenen Lebens usw. spricht, zeigt er den Weg rechter Selbstbejahung (>Selbstliebe<) auf, die immer ein Sich-Auftun, ein Sich-selbst-Überschreiten verlangt. Aber diese Notwendigkeit des Herausgehens aus sich, des Weggehens von sich selbst, schließt die wirkliche Selbstbejahung nicht aus, ganz im Gegenteil: Sie ist die Weise, sich selbst zu finden und zu >lieben<.«4

Selbstverleugnung – um meinetwillen – führt in Jesu Leben ein. Die Seele erhält in der Kraft der Gnade die Fähigkeit, Menschen und Dinge nach dem Maß Christi zu beurteilen, wie er zu reagieren. Sie wird von demselben Wunsch erfüllt, den Christus hegte: den Willen des Vaters zu tun. Gleichförmig mit Christus, geht die eigene Seinsweise nicht verloren; vielmehr öffnet sie sich jener großen Sehnsucht, die Paulus ausrufen ließ: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein5.

Die Liebe zu Gott muß – wie jede menschliche Liebe – gepflegt werden, sonst stirbt sie: Gebet, sakramentales Leben, Kampf gegen die eigenen Fehler, Gegenwart Gottes im Lauf des Tages und besonders bei der Arbeit… In besonderer Weise soll die heilige Eucharistie die Quelle sein, die unsere Liebe zum Herrn nährt und stärkt.

II. Zwei Tage vor seinem plötzlichen Tod verglich Papst Johannes Paul I. die Liebe zu Gott mit einer Reise: »Lieben heißt sich auf den Weg machen, mit dem Herzen auf das geliebte Objekt zulaufen. In der Nachfolge Christi heißt es: wer liebt, >läuft, fliegt und freut sich<. Gott lieben heißt sich zu Gott auf die Reise machen. Diese Reise ist schön.«6

Indem Gott den Menschen zur Ebene der Gnade erhebt und sich ihm schenkt, zeigt er ihm das Ziel dieser Reise, gibt ihm so etwas wie einen inneren Orientierungssinn: das neue Gesetz der Liebe, die er ins Herz des Menschen ausgießt.7

»Das neue Gesetz ist die Gnade des Heiligen Geistes, die den Gläubigen durch den Glauben an Christus geschenkt wird. Es wirkt durch die Liebe; es lehrt uns mit Hilfe der Bergpredigt des Herrn, was wir zu tun haben, und gibt uns durch die Sakramente die Gnade, dies dann auch wirklich zu tun.«8 Teilhabe am Leben Gottes; sie führt uns in das Innerste des dreifaltigen Lebens (…). Er empfängt das Leben des Geistes, der ihm die Liebe einhaucht.«9

Die Liebe, die der Christ in der Taufe empfängt, vergewaltigt die Regungen der Natur nicht, als wäre sie etwas Fremdes. Sie vervollkommnet den Willen und schafft eine Einheit des Wollens.

Je mehr man liebt, um so mehr wächst die Fähigkeit zu lieben. Dann erwachsen Taten aus der Liebe. »Das Glas Wasser oder das Stück Brot, das eine fromme Seele aus Liebe zu Gott einem Armen reicht, ist gewiß etwas Unbedeutendes, kaum der Rede wert; und doch vergilt es Gott und schenkt zum Lohn Wachstum in der Liebe. Ob er uns dieses Wachstum verleiht, hängt davon ab, wie wir seine Gnaden gebrauchen (…). Darum mahnt uns auch der Heiland: >Sammelt Schätze für den Himmel< (Lk 12,33), fügt zu euren früheren guten Werken neue hinzu.«10

Der Herr erwartet, daß wir ihn mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all unseren Gedanken lieben.11 Er stellt uns seine grenzenlose Liebe vor Augen, damit wir an ihr Maß nehmen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt.12 »Gott ist zu groß, wir schulden ihm zuviel, als daß wir ihm wie einem armen Lazarus nur das hinwerfen könnten, was wir an Zeit und Herz zuviel haben. Er ist ein unermeßliches Gut und wird unsere ewige Seligkeit sein: Geld, Vergnügen und Glück dieser Welt sind im Vergleich zu ihm nur Bruchstücke des Guten und flüchtige Augenblicke des Glücks. Es wäre nicht weise, so viel von uns an diese Dinge zu verschwenden und so wenig an Jesus.13 Bitten wir ihn, er möge uns fest einprägen, daß es nur eine uneingeschränkte Liebe gibt, die die Quelle aller anderen rechten und edlen Regungen der Liebe ist.

Aus Liebe zu Gott lieben wir unseren Nächsten. »Wir stehen hier den beiden Formen der Liebe gegenüber, die wie Zwillinge unzertrennlich sind. Bei manchen Menschen fällt es uns leicht zu lieben, bei anderen ist es schwieriger; sie sind uns nicht sympathisch, sie haben uns verletzt und etwas zuleid getan; nur wenn ich Gott ehrlich liebe, wird es mir gelingen, sie zu lieben, weil sie Kinder Gottes sind und er mich darum bittet.«14 Es ist kein Umweg, wenn wir den Nächsten in Gott lieben. Die Gottesliebe ist vielmehr der gerade Weg, unsere Brüder und Schwestern zu lieben. Denn nur in Gott können wir einen Menschen wirklich verstehen, ihm würdig begegnen, mit ihm fühlen und auch seine Fehler – wie unsere eigenen – akzeptieren.

III. Nicht darin besteht die Liebe, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat15, heißt es im 1. Johannesbrief. Der heilige Thomas begründet, weshalb unsere Liebe zu Gott immer Antwort, Erwiderung ist: »Die Liebe Gottes besagt etwas Ewiges; daher kann sie immer zuvorkommend, nie nachfolgend genannt werden.«16 Mit anderen Worten: Wir können Gott lieben, weil er seine Liebe in uns hineingelegt hat.

Die Liebe Gottes soll fruchtbar werden im Umgang mit den Mitmenschen. Ihre Würde gründet im Geschaffensein nach dem Bild und Gleichnis Gottes, sie sind dazu berufen, Gott auf ewig zu verherrlichen. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter deutet der Herr an, wie dieser Umgang sein soll. Der Samariter geht nicht am Verwundeten vorbei, er neigt sich zu ihm herab, goß Öl und Wein auf seine Wunden (…) und sorgte für ihn17. Jeden Tag begegnen uns verwundete Menschen – gezeichnet von leiblichem Schmerz, von seelischem Leid und manchmal von spiritueller Verwahrlosung, das Schwerste aller Übel und die Verwundung, die am meisten Aufmerksamkeit verdient. Deshalb ist die apostolische Sorge um den Nächsten ein untrügliches Zeichen dafür, daß wir Gott lieben, und zugleich läßt sie die Liebe Gottes in uns mehr und mehr wachsen.

Die Gottesliebe erweist sich auch in der Dankbarkeit. Der Herr deutet dies in seinem Gespräch mit dem Pharisäer Simon an. Weder der Schuldner von fünfhundert noch der von fünfzig Denaren konnte seine Schulden bezahlen. Da erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?18 Die Exegeten sagen, daß der Herr das Wort lieben als Synonym für dankbar sein benutzt; er enthüllt so einen neuen Aspekt der Liebe, die die Menschen ihrem eigentlichen Wohltäter, Gott, schulden.

Fragen wir uns am Ende unserer Betrachtung konkret: Was also heißt der Liebe Gottes entsprechen? Es heißt: Abwehr von allem, was uns von ihm trennt. Es muß ein tagtäglicher Kampf sein, meistens nur in Kleinigkeiten. Dafür müssen wir die Hindernisse kennen, die uns von Gott trennen können: eigene Armseligkeiten, egoistische Neigungen, Lauheit, mangelnde Entschiedenheit bei der Arbeit…

Stattdessen unablässig nach Gott suchen. Manchmal scheint es, als würde sich Gott verbergen: in einer leidvollen Situation vielleicht, die unseren ganzen Glauben herausfordert. Er will, daß wir ihn suchen. Würden wir doch nur die Liebe begreifen, die Gott zu uns hegt! Könnten wir doch wie der heilige Johannes sagen: Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen19: Alles erschiene uns dann leichter und einfacher.

Unser ganzes Leben kann zu einer beständigen Suche nach Jesus werden – in guten wie in schweren Stunden, wenn wir arbeiten oder wenn wir uns erholen, auf der Straße und zu Hause. Wenden wir uns an die Gottesmutter, und sagen wir ihr: »Verlaß mich nicht, Mutter! Gib, daß ich deinen Sohn suche, daß ich deinen Sohn finde, daß ich deinen Sohn liebe – aus ganzer Seele!

Gedenke meiner, Mutter Maria, gedenke meiner!«20

1 Katechismus der Katholischen Kirche, 1064. – 2 Mt 10,37-42. – 3 vgl. Mk 8,34. – 4 J. Kard. Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.97. – 5 Phil 1,23. – 6 Johannes Paul I., Ansprache 27.9.1978. – 7 vgl. Röm 5,5. – 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 1966. – 9 ebd., 1997. – 10 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S. 90. – 11 vgl. Mt 22,37. – 12 Jer 31,3. – 13 Johannes Paul I., a.a.O. – 14 ebd. – 15 1 Joh 4,10. – 16 Thomas von Aquin, Summa theologica, I-II, q.111, art.3, ad 1. – 17 vgl. Lk 10,30-37. – 18 Lk 7,42. – 19 1 Joh 4,16. – 20 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 157.