Tagesmeditation

JAHRESKREIS
9. WOCHE – FREITAG

26

DER SCHUTZENGEL

Die Engel in der Schöpfung.
Der Herr sendet seine Engel.
Umgang mit unserem Schutzengel.

I. Wenn wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis beten, daß Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde1 ist, gewahren wir neben der Welt um uns den sichtbaren Himmel über uns, den Zauber von Sonne und Mond und allen anderen Gestirnen. Im Großen Glaubensbekenntnis heißt es, Gott habe Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt2 erschaffen. Wir ahnen, daß der Himmel mehr ist als das Gewölbe über uns. Denn Gott »schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht.«3

Das Wort »Himmel« bezeichnet also auch »den >Ort< der geistigen Geschöpfe - der Engel -, die Gott umgeben«4. Schrift und Überlieferung bezeugen einmütig, »daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die >Engel< genannt werden«5. Sie sind reine Geister, ohne Leib, personale und unsterbliche Wesen, die alle sichtbaren Geschöpfe an Verstand und Willen weit überragen. Sie leben schon in der himmlischen Glückseligkeit; der Herr sagt, daß sie beständig das Antlitz meines Vaters sehen6.

Die Existenz der Engel ist für uns Menschen ein Geheimnis, das wir nur durch die Offenbarung kennen. Ihr Dasein indessen erscheint plausibel, denn uns erschließt sich die Schöpfung als ein Stufenbau, der vom bloß stofflichen über das stofflich-geistige zum unsichtbaren, rein geistigen Sein aufsteigt.

Ihrer Bestimmung nach sind die Engel Diener und Boten Gottes: »>Engel< bezeichnet das Amt, nicht die Natur. Fragst du nach seiner Natur, so ist er ein Geist; fragst du nach dem Amt, so ist er ein Engel: seinem Wesen nach ist er ein Geist, seinem Handeln nach ein Engel«7, heißt es bei Augustinus. Der Name »Bote«, »Gesandter« wie die Heilige Schrift sie nennt - weist darauf hin, daß Gott uns vor allem ihre Aufgabe im Verhältnis zu den Menschen hat offenbaren wollen.»Engel begegnen uns häufig im Alten und Neuen Testament, als Wesen, die untrennbar mit dem Heilswirken Gottes am Menschen verbunden sind: »Sie sind da, seit der Welterschaffung und im Laufe der ganzen Heilsgeschichte; sie künden von ferne oder von nahe das Heil an und dienen dem göttlichen Plan, es zu verwirklichen.«8

Ein ganzes Buch des Alten Testaments – das Buch Tobit – berichtet von Gottes Hilfe in schwerer Not durch seinen Engel Raphael. Dieser begleitet unerkannt Tobias, den Sohn Tobits, auf einer gefahrvollen Reise. Er ist der helfende Ratgeber und Freund, der beim Werben um Sara als Tobias’ Frau behilflich ist und schließlich den alten Tobit von seiner Blindheit heilt. Erst am Ende gibt er sich zu erkennen: Ich bin Raphael, einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen emportragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.9 Und er lobt die Frömmigkeit jener Familie: Als ihr zu Gott flehtet, (…) da habe ich euer Gebet vor den heiligen Gott gebracht. Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen, als du die Toten begraben hast.10

Das Buch Tobit ist ein Lehrbuch, ein geistlicher Reiseführer gleichsam auf unserem Lebensweg. Es zeigt uns, daß wir Menschen nicht die einzigen sind, die Gott loben und preisen. Und es regt uns an, über die Rolle der heiligen Engel in unserem Leben nachzudenken. Auch für uns gilt das Wort des Herrn an Mose: Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht, er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe.11

II. Die Apostelgeschichte berichtet an zahlreichen Stellen von der Fürsorge der Engel für die Menschen. Betend wollen wir uns etwas länger bei der wunderbaren Befreiung des Petrus aus dem Kerker aufhalten, weil sie manche Anregung für unser geistliches Leben enthält. Der Apostel selbst faßt die Begebenheit so zusammen: Nun weiß ich wahrhaftig, daß der Herr seinen Engel gesandt und mich der Hand des Herodes entrissen hat.12

König Herodes hatte Petrus ins Gefängnis werfen lassen, gefesselt zwischen zwei Soldaten und mit Wachposten vor der Tür. Plötzlich trat ein Engel des Herrn ein, und ein helles Licht strahlte in den Raum. Er stieß Petrus in die Seite, weckte ihn und sagte: Schnell, steh auf! Da fielen die Ketten von seinen Händen (…). Gürte dich, und zieh deine Sandalen an (…). Wirf deinen Mantel um, und folge mir! »Klare, genaue und zweckmäßige Anweisungen. Petrus folgt in allem. Er weiß nicht, daß Wirklichkeit ist, was geschieht, er wähnt zu träumen. (…) Petrus geht im fahlen Licht des von fern heraufdämmernden Morgens durch die menschenleeren Gassen zum Haus der Maria, der Mutter des Markus. Dort sind zahlreiche Glaubensschwestern und -brüder im Gebet für ihr Oberhaupt versammelt. Petrus pocht an das Außentor. Eine Magd kommt, um zu öffnen. Ihr Name, Rhode, ist der Nachwelt aufbewahrt worden, und zu Recht. Denn ihr verdanken wir nicht nur eine köstliche, sondern auch eine tiefsinnige Szene. Petrus wird gesagt haben: >Ich bin’s.< Das treue Wesen, das unzählige Male den Kephas im Haus erlebt hat, ist natürlich fassungslos vor Überraschung, und man sollte denken, daß die Rhode nun das Tor aufreißt und den so ganz und gar Unerwarteten freudig begrüßt - aber nein, >sie erkannte<, schreibt Lukas, >die Stimme des Petrus, doch vor Freude machte sie das Tor nicht auf, sondern sie lief hinein und berichtete: Petrus steht vor dem Tor.< Sie bekommt die Antwort: Du redest Unsinn! Sie erwidert: Doch, doch! Er ist es! Die anderen: Es ist sein Engel! Lukas ist ein gewissenhafter und nüchterner Berichterstatter der Wirklichkeit und des wirklichen Verhaltens normaler Menschen in ihr. Er erfindet nichts. Den gläubigen Juden war die Existenz und das tätige Eingreifen von Engeln im Auftrag Gottes geläufig. Auch die im Elternhaus des Markus versammelten Judenchristen halten es durchaus für möglich, daß, falls Rhode nicht Opfer einer Sinnestäuschung geworden sein sollte, der Engel des Petrus vor dem Tor steht, um eine Botschaft zu bringen, sind doch Engel eben ganz wesentlich Gottesboten. Mit anderen Worten: Sie vermuten das Näherliegende vor dem Fernerliegenden, und der engelgleiche Bote am Tor ist ihnen das Wahrscheinliche, wahrscheinlicher als der auf wunderbare Weise durch den Engel Gottes gerettete Petrus selbst.«13

Der Umgang mit den heiligen Engeln ist keine schwärmerische Attitüde schlichter Gemüter, sondern tief im Bewußtsein der Kirche verankert. Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es: »Von der Kindheit an bis zum  Tod umgeben die Engel mit ihrer Hut und Fürbitte das Leben der Menschen. >Einem jeden der Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen.<«14 Heilige und große Gestalten des Glaubens haben den selbstverständlichen Umgang, mit den Engeln gepflegt. Papst Johannes XXIII. erwähnt einmal in einer Ansprache, er habe angesichts der vielen Menschen, die sich zum Papstsegen auf dem Petersplatz versammelt hatten, an ihre unsichtbar anwesenden Schutzengel denken müssen.15 Auch vom heiligen Franz von Sales wird überliefert, er habe vor Beginn seiner Predigt den Blick über die Anwesenden schweifen lassen, um ihre Schutzengel zu begrüßen und anzurufen. Und vom seligen Josemaría Escrivá wissen wir, daß er bei jeder Begegnung zuerst den Schutzengel seines Gegenübers begrüßte. Als Mutter Teresa einmal feststellte, daß vielen ihrer Novizinnen, die aus wohlhabenden Ländern stammten, die Verehrung der Engel unbekannt war, schickte sie keine großartige Abhandlung über die Engel, sondern bat sie ganz schlicht in einem Brief, die Engel zu verehren.

III. Der freundschaftliche Umgang mit unserem Schutzengel kann in uns das Bewußtsein der Einheit des Lebens stärken und vielem Gestalt geben, was unsere Unbeholfenheit nicht zu gestalten vermag. Er kann uns belebende Gebetsanstöße geben oder sinnvolle Vorsätze zuflüstern, der geistlichen Aussprache die nötigen Worte verleihen und unserer Gewissenserforschung zur Klarheit verhelfen.

Es wird uns auch nichts ausmachen, unseren Schutzengel in aller Einfachheit selbst in alltäglichen Dingen um Hilfe zu bitten: weil wir einen verlorenen Gegenstand wiederfinden müssen oder einen wichtigen Termin nicht verpassen dürfen.

Damit sie uns helfen können, bedürfen die Engel sozusagen unserer Hilfe – unseres aufrichtigen Wunsches, daß es so sei. Denn trotz ihrer Vollkommenheit als geistige Wesen können sie nicht in unser Gewissensinnere schauen, sie brauchen unsere Kommunikation, da Rückschlüsse aus unserem äußeren Tun allein nicht genügen.

Wichtig ist unser Beten im Bewußtsein ihrer Nähe. Da können uns manche schlichten Gebete helfen, die wir aus Kindertagen kennen . Solche Gebete sind uns gerade heute – schutzbedürftig, wie wir auch als Erwachsene sind – eine Hilfe. Wer kennt nicht das schlichte Gebet: »Heiliger Schutzengel mein, laß mich dir empfohlen sein; in allen Nöten steh mir bei und halte mich von Sünden frei. An diesem Tag (in dieser Nacht), ich bitte dich, beschütze und bewahre mich. Amen.«

Jeder Umgang mit dem Schutzengel nähert uns Christus, denn »Christus ist das Zentrum der Engelwelt. Es sind seine Engel: >Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm …< (Mt 25,31). Sie sind sein, weil sie durch ihn und auf ihn hin erschaffen sind: (...) Sie sind erst recht deshalb sein, weil er sie zu Boten seines Heilsplanes gemacht hat: >Sind sie nicht alle nur dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen?< (Hebr 1,14)«16.

Daher die Empfehlung, eine tiefe Freundschaft mit dem Schutzengel zu pflegen. Sie ist nicht so erfahrbar wie der Kontakt etwa zu einem Freund, aber wirksamer, denn die Fähigkeit des Engels, uns zu verstehen, ist unvergleich größer als die des besten Freundes, weil der Engel tiefer in uns eindringen kann und seine Ratschläge ganz übernatürlich sind: »Schon auf dieser Erde hat das christliche Leben im Glauben an der glückseligen Gemeinschaft der in Gott vereinten Engel und Menschen teil.«17

Der Herr befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen18. Der Schutzengel beginnt auf Erden eine Aufgabe, die erst im Himmel vollendet ist: »Im persönlichen Gericht nach deinem Tode wird er all die kleinen Aufmerksamkeiten bezeugen, die du im Verlauf deines Lebens dem Herrn aus Liebe erwiesen hast. Mehr noch: Wenn du wegen der furchtbaren Anklage des Feindes befürchtest, verloren zu gehen, dann wird dein Engel all jene tiefen Regungen deines Herzens – die du vielleicht schon vergessen hattest – und all die Zeichen der Liebe bezeugen, die du Gott dem Vater, Gott dem Sohn, Gott dem Heiligen Geist gewidmet hattest.«19

Wenn die Kirche den Tag mit dem Abendgebet der Komplet beschließt, dann betet sie jedesmal: Herr und Gott, kehre ein in dieses Haus und halte alle Nachstellungen des Feindes von ihm fern. Deine heiligen Engel mögen darin wohnen und uns im Frieden bewahren. Und dein Segen sei über uns allezeit.20

1 Apostolisches Glaubensbekenntnis. – 2 Das Große Glaubensbekenntnis. – 3 4. Laterankonzil, DS 800. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 290. – 5 ebd., 328. – 6 Mt 18,10. – 7 Augustinus, Erklärung der Psalmen, 103,1,15. – 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 332. – 9 Tob 12,15. – 10 Tob 12,12-14. – 11 Ex 23,20. – 12 Apg 12,7-17. – 13 P.Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.241-244. – 14 Katechismus der Katholischen Kirche, 336. – 15 vgl. Johannes XXIII., Ansprache, 12.12.62. – 16 Katechismus der Katholischen Kirche, 331. – 17 ebd., 336. – 18 Ps 91,11. – 19 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.693. – 20 Komplet am Sonntag.