JAHRESKREIS
9. WOCHE – MITTWOCH
24
WIR ERWARTEN DIE AUFERSTEHUNG DER TOTEN
Der
Glaube an die Auferstehung.
Die Auferstehung betrifft den ganzen Menschen.
Auferstehung ist Vollendung.
I. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt1, bekennen wir im Credo. Dieser Glaube ist mit der fortschreitenden Offenbarung im Alten Testament zunehmend deutlich geworden. Bei Jesaja heißt es: Deine Toten werden leben, die Leichen stehen wieder auf; wer in der Erde liegt, wird erwachen und jubeln2. Und die Mutter der Makkabäer stärkt ihre Söhne im Augenblick des Martyriums mit den Worten: Der Schöpfer der Welt (…) gibt euch gnädig Atem und Leben wieder, weil ihr jetzt um seiner Gesetze willen nicht auf euch achtet.3 Auch Ijob findet inmitten seiner Not Trost in dieser Wahrheit: Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als letzter erhebt er sich über dem Staub. Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen.4
Zur Zeit Jesu wurde der Glaube an die Auferstehung nur von den Sadduzäern in Frage gestellt. Sie meinten, in den fünf Büchern Mose – den einzigen, die sie als Heilige Schrift gelten ließen – stünde nichts darüber. Einige von ihnen treten heute im Evangelium5 auf und versuchen, Jesus lächerlich zu machen.
Nach dem Leviratsgesetz war der Bruder eines ohne Nachkommenschaft Verstorbenen verpflichtet, die Witwe zu heiraten, um dem Toten Nachkommenschaft zu sichern und den Namen der Familie nicht aussterben zu lassen. Wie ist es dann – so fragen sie Jesus – im Falle der sieben Brüder, die der Reihe nach die Frau heirateten, ohne Nachkommenschaft zu zeugen? Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Aus einer absurden Situation ergibt sich in ihren Augen die Absurdität des Auferstehungsglaubens.
Der Herr verweist auf die Andersartigkeit des ewigen Lebens, das keine bloße Fortsetzung irdischer Zustände ist, und auf die andere Beschaffenheit des Auferstehungsleibes: Wenn nämlich die Menschen von den Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden sein wie die Engel im Himmel.
Mit Worten aus dem Buch Exodus6 zeigt der Herr seinen Widersachern, daß ihr rationalistisches Vorurteil zu kurz greift: Gott habe zu Mose gesprochen: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Er ist doch nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Die Patriarchen – dem Leibe nach längst gestorben – sind also mit ihrer unsterblichen Seele Lebende bei Gott.
Der Glaube an die Auferstehung beflügelt unsere Hoffnung. »Wenn es keine Auferstehung gibt, dann fällt das ganze Glaubensgebäude zusammen, wie der heilige Paulus nachdrücklich betont (vgl. 1 Kor 15). Wenn für die Christen nicht sicher feststeht, welches der Inhalt der Worte >ewiges Leben< ist, dann zerrinnen die Verheißungen des Evangeliums und die Bedeutung von Schöpfung und Erlösung, und selbst das irdische Leben wird jeglicher Hoffnung beraubt (vgl. Hebr 11,1).«7
In dem Maße, wie wir uns der göttlichen Liebe öffnen, wächst unsere Hoffnung auf die endgültige Begegnung mit ihm. »Die sich lieben, wollen sich sehen. Verliebte haben nur Augen für den, den sie lieben. Es ist nur natürlich, daß es so ist. Das menschliche Herz spürt dieses Verlangen. Ich würde lügen, wollte ich leugnen, daß es mich drängt, das Antlitz Jesu Christi zu betrachten. Vultum tuum, Domine, requiram! Dein Antlitz, Herr, begehre ich zu schauen!«8
Der theoretische wie praktische Materialismus, eine der Irrlehren unseres Jahrhunderts, kann anstelle der christlichen Hoffnung nur irdisches Wohlergehen oder einen künftigen Glückszustand der Gesellschaft versprechen. Im unüberbrückbaren Gegensatz dazu bekennen wir Christen, daß das, wodurch der Mensch »am meisten nach dem Bild Gottes ist« »das geistige Lebensprinzip im Menschen«9, nicht stirbt. Die Seele »geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen.«10
II. Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches11. Ich erwarte die Auferstehung der Toten12. Die beiden Formeln ergänzen sich. »Darin, daß alles Fleisch aufersteht, zeigt sich also Gottes Treue zu dieser seiner Schöpfung. Der Ausdruck >Auferstehung allen Fleisches< schlägt somit eine Brücke zwischen der Schöpfung und ihrer endgültigen Vollendung. (...) Meint >alles Fleisch< in erster Linie >alles Geschaffene<, so liegt darin doch auch schon der Gedanke, daß nichts Geschaffenes von Gottes Heilswillen und von seinem Gericht ausgenommen ist, nicht einmal >dieses Fleisch<, das wir tragen, das heißt: dieser unser Leib. >Auferstehung des Fleisches< bekommt damit einen neuen Akzent, (...) den der konkreten und realen Leiblichkeit der Auferstehung.«13
Das Lehramt betont: »Die Kirche glaubt an die Auferstehung der Toten (…). Die Kirche versteht diese Auferstehung so, daß sie den ganzen Menschen betrifft«14, also auch den Leib.
»Christus, der Erstgeborene der Toten (Kol 1,18), ist der Urheber unserer eigenen Auferstehung, schon jetzt durch die Rechtfertigung unserer Seele und dereinst dadurch, daß er unseren Leib lebendig machen wird.«15 Denn: wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferwecki worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und unser Glaube sinnlos.16
Was aber heißt >Auferstehen Der Katechismus der katholischen Kirche antwortet: »Im Tod, bei der Trennung der Seele vom Leib, fällt der Leib des Menschen der Verwesung anheim, während seine Seele Gott entgegengeht und darauf wartet, daß sie einst mit ihrem verherrlichten Leib wiedervereint wird. In seiner Allmacht wird Gott unserem Leib dann endgültig das unvergängliche Leben geben, indem er ihn kraft der Auferstehung Jesu wieder mit unserer Seele vereint.«17
Thomas von Aquin sieht in der Seele die forma corporis, dazu bestimmt, mit dem Leib verbunden zu sein: »Homo non est anima tantum«18: der Mensch, das ist nicht die Seele allein. Deswegen sagt er: »Die Seele besitzt nicht die Vollkommenheit ihrer eigenen Natur, außer in der Vereinigung mit dem Leibe.«19 In einer kühnen Absage an alle übersteigerten Spiritualismen verneint Thomas die Ansicht, nach dem Tode werde die Seele, im Stande der Glückseligkeit, endgültig vom Leibe befreit sein und ebendarin Gott, dem reinen Geist, ähnlich. Nein, die Seele ist nicht allein menschlicher, sondern auch gottähnlicher, wenn sie mit dem Leibe verbunden ist.
Das letzte Wort auf Erden angesichts des Todes ist ein Wort der Hoffnung und des Trostes. Wir werden Gott im Himmel begegnen und in ihm denen, die wir in der Welt geliebt haben – in Leib und Seele am Ende der Zeit. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden, und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten.20 Der Leib ist für die Seele weder Kerker noch Ballast, er hat Anteil an unserer Berufung und Sendung. Gott hat Leib und Seele füreinander geschaffen.
Da auch der Leib zur Verherrlichung Gottes berufen ist, gründet die Würde des Menschen nicht allein in der Geistigkeit und Freiheit der Seele, sondern auch in seinem Leibe. Wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt?21
III. Paulus schreibt an die Römer, daß Jesus Christus, den wir als Retter erwarten, unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann22. Der heilige Thomas kommentiert diese Worte in dem Sinne, daß die bereits durch die Gnade begonnene Gotteskindschaft in der Seele durch die Verherrlichung des von Verwesung und Tod erlösten Leibes vollendet werden wird.
Auferstehung ist Vollendung, »die Wiedereinsetzung der menschlichen Leiblichkeit in ihr wahres Leben, das auf Erden dem Tod unterworfen war«23. Auferstehung ist auch eine, neue Seinsweise, eine Vergeistigung: sie werden sein wie die Engel im Himmel. »Man könnte auch von einem vollkommenen Kräfteverhältnis zwischen der geistigen und der körperlichen Komponente des Menschen sprechen. Der historische Mensch erfährt infolge der Erbsünde immer wieder die Unvollkommenheit dieses Verhältnisses, wie es in den bekannten Worten des heilige Paulus zum Ausdruck kommt: >Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft im Streit liegt< (Röm 7,23).
Der eschatologische Mensch wird von diesem Widerstreit frei sein. In der Auferstehung kehrt der Körper in die vollkommene Einheit und Harmonie mit dem Geist zurück: der Mensch erfährt nicht mehr den Widerstreit zwischen dem, was an ihm geistig, und dem, was leiblich ist. Vergeistigung bedeutet nicht nur, daß der Geist den Körper beherrschen wird, sondern, ich möchte sagen, daß er den Körper vollkommen durchdringt und daß die Kräfte des Geistes die des Leibes vollkommen erfüllen werden.«24
Im gegenwärtigen Zustand ist es dem Menschen durch beharrliche Arbeit an sich selbst möglich, daß der Geist im gegenseitigen Widerstreit dennoch dem Leib, der auf Erden bleiben wird, gebietet. Als Auferstehungsleib wird er dereinst einen ganz anderen Zustand annehmen. »Dieser Zustand, der sich – ganz offenkundig – wesentlich und nicht nur graduell von dem unterscheidet, was wir im irdischen Leben erfahren, bedeutet jedoch kein Fleischloswerden des Leibes noch – in der Folge – eine Entmenschlichung des Menschen. Er bedeutet, im Gegenteil, seine vollkommene Verwirklichung. Denn in dem leib-geistigen Wesen, das der Mensch ist, kann die Vollkommenheit nicht im Widerstreit von Geist und Leib bestehen, sondern in einer tiefen Harmonie zwischen beiden unter gewahrtem Vorrang des Geistes. In der anderen Welt wird dieser Vorrang ganz spontan und frei von jedem Widerstreit des Leibes hervortreten. Das ist jedoch nicht als totaler Sieg des Geistes über den Körper zu verstehen. Die Auferstehung besteht in der vollkommenen Teilhabe alles dessen, was am Menschen leiblich ist, an dem, was an ihm geistig ist. Zugleich besteht sie in der vollkommenen Verwirklichung der menschlichen Persönlichkeit.«25
Der Leib ist also nicht bloßes Werkzeug der Seele. Er ermöglicht den Kontakt zu den Dingen und die Kommunikation mit den Menschen. Selbst die Gnade hat Gott verleiblichen wollen, als Christus die Sakramente einsetzte. Freilich dürfen wir ihn nicht so behandeln, als wäre das Körperliche – Gesundheit und Wohlergehen – die einzige menschliche Wirklichkeit. Als Faustregel können uns dabei die Worte des seligen Josemaría Escrivá leiten: »Dem Körper muß man etwas weniger geben als notwendig. Sonst übt er Verrat.«26
Unser Leib, jetzt schwach und gebrechlich, gezeichnet von Verfall und Tod, wird einmal verherrlicht werden. Dies ist der tiefere Grund für die Achtung vor dem Leib und gleichzeitig auch das beste Regulativ gegen jede Art heidnischer Selbstverherrlichung des Körpers, wie es heute vielerorts üblich geworden ist. Ist Gesundheit das wichtigste? Natürlich ist sie wichtig – aber wichtiger als physisches Wohlbefinden ist offen zu sein für alles, was Verantwortung und Liebe uns auferlegen. Sie weisen den Leib in seine Schranken und befähigen uns, die körperliche Hinfälligkeit als menschliches Los zu akzeptieren und dabei gegen Fatalismus, Weinerlichkeit oder Selbstüberschätzung auf der Hut zu sein.
Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet.27 Gott hat uns erschaffen, damit wir – in Leib und Seele – einmal bei ihm sind: mit Maria, den Engeln und Heiligen und jenen, die wir lieben und die – so dürfen wir hoffen – schon bei Gott sind.
1 Das Große Glaubensbekenntnis. – 2 Jes 26,19. – 3 2 Makk 7,23. – 4 Ijob 19,25-26. – 5 Mk 12,18-27. – 6 Ex 3,2.6. – 7 Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Eschatologie, 17.5.1979. – 8 J.Escrivá, in: Informationsblatt Nr.1, S.5. – 9 Katechismus der Katholischen Kirche, 363. – 10 ebd., 366. – 11 Apostolisches Glaubensbekenntnis. – 12 Das Große Glaubensbekenntnis. – 13 Ch.Schönborn, »Auferstehung des Fleisches= im Glauben der Kirche, in: Credo. Ein theologisches Lesebuch, Köln 1992, S.327-328. – 14 Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Eschatologie, 17.5.1979. – 15 Katechismus der Katholischen Kirche, 658. – 16 1 Kor 15,13-14. -17 Katechismus der Katholischen Kirche, 998. – 18 Thomas von Aquin, Summa theologica, I,q.75,a.4. – 190 ders., Quaest. disp. de spiritualibus creaturis 2, ad 5. – 20 Offb 7,16. – 21 1 Kor 6,19. – 22 Phil 3,20-21. – 23 Johannes Paul II., Ansprache, 2.12.1981. – 24 Johannes Paul II., Ansprache, 9.12.1981. – 25 ebd. – 26 J.Escrivá, Der Weg, Nr.196. – 27 Präfation von den Verstorbenen.
