Tagesmeditation

Jahreskreis
20. Sonntag (Lesejahr A)

10

eine FRAU aus kanaan

Jesus, der Zufall und die Unwägbarkeiten des Alltags.
Die Not gläubiger Mütter.
Bittgebet als Einübung in Glauben und Vertrauen.

I. Matthäus berichtet im heutigen Evangelium1, daß Jesus sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurückzog. Dieses Gebiet reichte weit nach Osten in das Binnenland hinein. Vom See Gennesaret bis zur Grenze waren es etwa 50 Kilometer. Wir haben in einer früheren Meditation schon einmal diese Stelle von Markus her betrachtet2 und auf die unterschiedliche Erzählweise beider Evangelisten hingewiesen. Die göttliche Inspiration hebt ja die Eigenart der menschlichen Verfasser nicht auf, denn Gott »handelt in ihnen und durch sie«,. So erlaubt gerade der Unterschied in der Berichterstattung ein umfassenderes Verständnis des Geschehens.

Im Bericht des Matthäus »steht ein griechisches Verbum, das ein Entweichen, eine Flucht bezeichnet«,. Wahrscheinlich wollte sich Jesus eine Zeitlang den Nachstellungen seiner Gegner entziehen, um sich ungestört in einer Gegend, wo er leichter unerkannt bleiben konnte, denjüngern zu widmen. Aber da kam eine kananäische Frau aus jener Gegend zu ihm. Matthäus verwendet den alten Namen, den die Israeliten den Urbewohnern des Landes gegeben hatten. Markus nennt sie eine Syrophönizierin nach dem Namen der römischen Provinz. Diese Frau steht in der Mitte des heutigen Evangeliums. Wir werden sehen, wieviele Anregungen sich aus ihrem Verhalten für uns ergeben. Aber zuerst wollen wir auf einen Aspekt im Verhalten Jesu achten, der nicht minder lehrreich ist. Es war ihm wichtig, mit den Seinen allein zu sein. So hatte er es geplant. Und doch ging sein Wunsch nicht in Erfüllung. Wir kennen das aus unserem Alltag: irgend etwas Unvorhergesehenes zwingt uns umzudisponieren. Gelegentlich kann es um entscheidende Dinge gehen, die unserem Leben eine neue Richtung geben, meistens handelt es sich dabei um Kleinigkeiten: einen Termin zu verlegen, eine Arbeit vorzuziehen…

Im heutigen Evangelium beobachten wir, daß Unwägbarkeiten auch im Leben Jesu ihren Platz haben. Naiv fragt man sich: Wußte er – der allwissende Gott – denn nicht, daß es so kommen würde? Und wenn er es wußte, warum richtete er sich nicht danach? Aber die hypostatische Union – der Gott und Mensch Jesus Christus in der Einheit der göttlichen Person – ist nicht nur in sich ein Geheimnis, sondern auch im Hinblick auf die zu gewahrenden Folgen seines Handelns. Gottes Sohn, der Mensch Jesus hat in allem uns gleich sein wollen außer der Sünde5. Er hat sich auch dem Unverhofften, Überraschenden, Zufälligen im menschlichen Leben ausliefern wollen. Ähnliches läßt sich über seine Macht sagen, Wunder zu wirken. Wäre es für ihn – den Allmächtigen – nicht ein leichtes gewesen, sich dem Hunger, der Müdigkeit und allen Widrigkeiten des Daseins zu entziehen? Und doch sehen wir in den Evangelien immer wieder, daß er »des Wunders fähig ist, es aber nie gebraucht, um aus der entsetzlichen Enge seines Daseins herauszukommen«6.

Jesus teilt unser Leben – und doch bleibt uns sein Leben ein Geheimnis. »Die Fülle der neutestamentlichen Christus-Wirklichkeit sprengt jede Art Psychologie.«7 Es ist unmöglich, nach unseren Maßstäben zu verstehen, »was die Länge und die Breite und die Höhe jenes göttlichen Geschehens sei, welches das Leben unseres Herrn und Heilandes heißt. Jenes Geschehens, das sich zunächst in der kurzen Zeit zwischen Jesu Geburt und Tod offenbart – dann aber, wie der Kolosserbrief und der Beginn des Johannesevangeliums zeigen, hinter die Geburt in die Ewigkeit zurückreicht.«8 Nur der gläubige Sinn erfaßt die Gestalt des menschgewordenen Sohnes Gottes, der an Weisheit und Alter und Gnade zunehmen wollte und »das erfragen wollte, was man als Mensch durch Erfahrung lernen muß«9. Jesus, den Widrigkeiten und Unwägbarketten des Alltags unterworfen: wie viele Anregungen für unser Gebet!

II. Wahrscheinlich wußte die Frau aus Kanaan nur, daß Jesus jenseits der Grenzen Wunder gewirkt hatte, und sonst nichts. Jetzt fleht sie ihn an: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Warum würdigt er sie keiner Antwort? Sogar die Jünger setzen sich für sie ein: Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her. Doch der Herr erwidert: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Ist der Jesus, der so spricht, nicht derselbe, der alle an sich ziehen will?10 Hat er nicht gesagt: Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören11? Jesus geht es doch um eine Sendung, die keine Barrieren kennt. Weshalb also auf einmal die Zurückweisung? Nicht die Psychologie erklärt das Rätsel, nur der Glaube: »Alle Menschen sind berufen, in das Reich einzutreten. Dieses messianische Reich wird zunächst den Kindern Israels verkündet, ist aber für die Menschen aller Völker bestimmt.«12 Erst der Tod des Herrn wird die ganze Welt seinem Evangelium öffnen.

In der kurzen Spanne seines irdischen Wirkens richtet sich sein Ruf an das eigene Volk: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Die harsche Antwort erschüttert indes nicht das Vertrauen der Frau. Sie fiel vor ihm nieder, sie bat immer wieder: Herr, hilf mir! Diese Mutter kämpft um ihr Kind: Weder ist sie gekränkt noch maßt sie sich an, Jesus zu widersprechen; sie läßt das Wort über den Vorrang der Kinder Israels gelten, greift es aber schlagfertig auf und legt es zu ihren Gunsten aus: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. »In dieser erleuchteten Antwort eines geängstigten Herzens sieht Jesus nur den Glauben, der ihn immer zu einem Wunder zu bewegen vermochte.«13

Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt. Jesus rückt von seinem Wort ab, weil eine Mutter in Not ihn bittet, bedrängt, beschwört. Viele gläubige Mütter unserer Zeit werden sich in dieser Frau wiedererkennen, weil auch ihre Not die Not eines Sohnes oder einer Tochter ist, die sich vom Glauben abgewandt haben oder fragwürdige Wege gehen. Sie ringen um ihr Kind und folgen damit einer heiligen Tradition betender Mütter, die mit der Kanaanäerin einsetzt und sich durch die Geschichte fortsetzt. Wieviele Mütter tragen durch ihr Gebet ihre erwachsenen Kinder.

Eine der imponierendsten Gestalten in dieser Kette ist die heilige Monika. Sie war eine einfache Frau, ihr Sohn Augustinus ein brillanter Geist und ein glänzender Rhetoriker, aber über viele Jahre verblendet von der intellektuellen Mode des Manichäismus: ein »Verführter und Verführer, Betrogener und Betrüger in allerlei Leidenschaften« »hier eingebildet, dort abergläubisch« »als Rhetor dem nichtigen Ruhm bei der Menge« nachjagend, süchtig nach »Beifallsklatschen des Theaters, Streitgedichten, Kampf um verwelkende Lorbeerkränze, in Schauspielpossen und zügelloser Sinnlichkeit«14, schreibt er von sich. Und weiter: »Du strecktest deine Hand aus und rissest meine Seele aus dieser tiefen Finsternis; denn es weinte zu dir meine Mutter, deine Getreue, weinte um mich mehr, als Mütter Leichname beweinen. Sie sah meinen Tod durch den Glauben und den Geist, den sie durch dich besaß. Und du, Herr, hast sie erhört. Du hast sie erhört und hast ihre Tränen nicht verachtet.= 15 Monika hatte einen Bischof – wahrscheinlich den heiligen Ambrosius – gebeten, Augustinus über die manichäische Irrlehre aufzuklären; der Bischof habe es aber abgelehnt, und zwar, wie ich später sah, aus kluger Überlegung. Er gab nämlich zur Antwort, ich sei vorerst unbelehrbar, weil der Reiz der Neuheit, den jene Irrlehre für mich habe, mir zu Kopf gestiegen sei. (…) Aber laß ihn dabei, sagte er, nur bete für ihn zum Herrn; durch Studium wird er selbst dahinterkommen, welch ein Irrtum das ist, welche Gottvergessenheit. (…) Als sich die Mutter von diesen Worten nicht beruhigen ließ, sondern mit Bitten und reichlich Weinen noch weiter in ihn drang, er möge mich kommen lassen und sich mit mir besprechen, da sagte er etwas unwillig: Nun geh und laß mich! So wahr du lebst, es ist unmöglich, daß ein Sohn solcher Tränen verlorengeht.«15 Es mußten noch neun Jahre vergehen, bis die Mutter vom Himmel aus die Bekehrung ihres Sohnes erwirkte.

III. Unsere tägliche Gebetserfahrung läßt uns ahnen, daß jedes echte Bittgebet von Ausdauer und Demut getragen sein muß: »Wer von oben empfangen will, der muß notwendigerweise ganz unten sein in rechter Demut (…). Sieh zu, daß du dich hinab begibst in rechter Demut unter Gott und daß du Gott erhebst in deinem Herzen und in deinem Erkennen.«17 Dem Herrn, sagt die heilige Theresia von Avila, »gefällt die Einfalt eines demütigen kleinen Hirten besser als die wohlgeordnete Theologie von minder Demütigen«18.

»Harre aus im Gebet. – Harre aus, wenn auch dein Mühen fruchtlos scheint. – Das Gebet bringt immer Frucht.«19 Allerdings nicht immer die Frucht, die wir uns erhoffen. Denn manchmal schenkt der Herr statt des Erbetenen die viel wertvollere Gnade des inneren Wachsens durch die Einübung in Vertrauen. »Wenn wir einen großen Künstler hören, der meisterhaft sein Instrument beherrscht, dann bewegt uns die Leichtigkeit, das scheinbar Selbstverständliche und Gelöste, das einfach die Schönheit des Werkes selber sprechen läßt. Aber gerade damit es am Ende diese Leichtigkeit gebe, in der sich das Große rein und unverstellt ausdrückt, muß eine lange zuchtvolle Arbeit vorangehen. Das innere Leben darf uns nicht weniger wert sein als die äußeren Verrichtungen, als Sport und technisches Können. Das Wachsen des inneren Menschen ist unseres ganzen Einsatzes wert: Die Welt braucht Menschen, die innerlich reif und reich geworden sind.«20

Wieviele Worte des Herrn stärken unser Vertrauen: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, daß ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.22 Und: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch in meinem Namen geben.23 Schweigt Gott, wenn er uns nicht das gibt, worum wir bitten? Die heilige Theresia sagt: »Die göttliche Majestät weiß viel besser, was uns ansteht; es gibt daher keinen Grund, dem Herrn zu raten, was er uns gewähren soll, mit Fug wird er uns sagen können, daß wir nicht wissen, worum wir bitten? Die heilige Theresia sagt: »Wir wissen nicht, ob das, worum wir in der Not bitten, gut ist. Wir wissen nicht, ob die Richtung, die wir einer Situation geben möchten, zum Rechten führt. Unser Leben gleicht nicht der Arbeit eines Kaufmanns oder eines Baumeisters, die ihre Pläne machen und danach handeln. Nur zu einem Teil kommt es aus dem, was wir sehen und verstehen; zum anderen und größeren aus dem Geheimnis Gottes. Dahinein geht die Bitte; so muß sie bereit sein, zu empfangen, was von dorther richtig ist.«24

Im Glauben erkennen wir: »Gott erhört jedes Gebet in einer all unser Hoffen übertreffenden Weise. Wenn er deshalb ein Gebet nicht in der Weise erhört, wie wir es wünschen, dann deshalb, weil dieser Wunsch noch nicht unserem wahren Besten entspricht. Der heilige Augustinus drückt diesen Gedanken so aus: >Gut ist Gott, der oftmals nicht gibt, was wir wollen, auf daß er uns gebe, was wir lieber wollen sollten.< Die heilige Theresia von Lisieux sagt deshalb: >Und wenn du mich nicht erhörst, liebe ich dich noch mehr<.«26 In diesem Vertrauen können wir dem Herrn sagen: »Herr, ich will nichts anderes als das, was du willst. Wenn die Bitten, die ich in diesen Tagen an dich richte, mich auch nur einen Millimeter von deinem Willen entfernen würden, so erfülle sie mir nicht! «27

Die kanaanäische Frau hat etwas gemeinsam mit Maria. Auch ihre Bitte in Kana schien erfolglos zu sein. Und doch wandte sie sich gleich an die Diener: Was er euch sagt, das tut.28

Mt 15,21-28. – 2 vgl. Mk 7,24-30; vgl. Bd 4, S. 324. – 3 Katechismus der Katholischen Kirche, 136. – 4 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.256. – 5 vgl. Hebr 4,15. – 6 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.533. – 7 ders., Das Bild von Jesus dem Christus im Neuen Testament, Freiburg 1961, S.14. – 8 ebd., S.13. – 9 Katechismus der Katholischen Kirche, 472. – 10 vgl. Joh 12,32. – 11 Joh 10,16. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 543. – 13 M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.260. – 14 Augustinus, Bekenntnisse, 4,1. – 15 ebd., 3,12. – 16 ebd. – . – 17 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.90. – 18 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 37,4. – 19 J. Escrivá, Der Weg, Nr.101. – 20 J. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1988, S.79. – 21 Lk 11,9-10. – 22 Mk 11,24. – 23 Joh 16,23. – 24 Theresia von Avila, Die innere Burg, 11,8. – 25 R. Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.71. – 26 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.105. – 27 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.512. – 28 Joh 2,5.