JAHRESKREIS
28. SONNTAG (LESEJAHR A)
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GELADEN ZUM KÖNIGLICHEN HOCHZEITSMAHL
Die
Vollendung im Himmel als Gottes Geschenk.
Freigebigkeit Gottes und Gleichgültigkeit vieler.
Unseren Mitmenschen die Augen öffnen.
I. Die Liturgie dieses Sonntags stellt mit einem gewaltigen prophetischen Bild die Vollendung des Heils als ein Festmahl dar, das Gott auf dem heiligen Berg allen Völkern bereitet: Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben (…). Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt (…). Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht.1 Wir merken, daß der Prophet die endzeitliche Vollendung im Blick hat: Tod und Trauer sind vom Himmel – der endgültigen Gemeinschaft mit Gott – verbannt. Im Antwortpsalm betrachten wir Gott selbst als den Hirten, der uns durch alle Fährnisse des Lebens zu unserem endgültigen Ziel führt: Der Herr ist mein Hirte (…). Er führt mich zum Ruheplatz am Wasser (…). Er leitet mich auf rechten Pfaden (…). Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht (…). Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit.2
Ja, der Herr ist unser Hirt. Er ruft uns zur Nachfolge, aber er will uns nicht zwingen. Es gehört zum Geheimnis des Bösen, daß der Mensch das göttliche Angebot, wie im Evangelium der Messe3 angedeutet, zurückweisen kann. Wie im Alten Testament wird auch hier das Bild von einem Festmahl aufgegriffen, doch nun schärfer konturiert. Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete. Der König schickt seine Diener, um die Gäste zum Fest zu bitten, doch umsonst, sie reagieren nicht. Stattdessen geht jeder weiter seinen Alltagsgeschäften nach. Das Gleichnis betont, wie eindringlich der Gastgeber die Gäste ruft: Er schickte noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Doch die Gäste reagieren nicht nur gleichgültig, sondern bösartig. Es geschieht etwas ähnliches wie im Gleichnis von den bösen Winzern: einige fielen über seine Diener her, mißhandelten sie und brachten sie um. Während in jenem Gleichnis der Herr von den Pächtern das ihm Zustehende einfordert, werden sie jetzt zu Fülle und Überfluß geladen. Aber die Angesprochenen sind dafür unzugänglich, sie bleiben lieber ihrem kümmerlichen Alltag verhaftet: der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden. Sie verschmähen die Liebe Gottes.
Unschwer sehen wir in ihnen jene, die, damals wie heute, in ihren irdischen Beschäftigungen aufgehen, blind dafür, wie reich die Entdeckung der Gaben Gottes sie machen könnte. Doch solche Gedanken sind ihnen nur lästig, sie reagieren unwillig, ja, aggressiv darauf. Unser Zeugnis ihnen gegenüber mag schwieriger sein als bei den vielen Ahnungslosen, die sich freuen, wenn man ihnen die Augen öffnet. Natürlich können wir ihre Aufgeschlossenheit nicht erzwingen, aber wir können ihnen nahe bleiben und für sie beten. »Sei dir deiner Pflicht bewußt, auf die Menschen zuzugehen, die in deiner Nähe sind: Du sollst sie aufrütteln, ihrem bequemen, engen und egoistischen Dasein weite Horizonte öffnen; du sollst ihnen auf eine liebenswerte Art >das Leben schwermachen<, damit sie lernen, sich selbst zu vergessen und für die Sorgen der anderen offener zu sein.
Sonst bist du kein guter Bruder deiner Menschenbrüder. Denn sie brauchen das >gaudium cum pace<, die Freude und den Frieden, die sie vergessen oder vielleicht nie gekannt haben.«4
II. Das Bild des Mahles ist ein Inbegriff für Gemeinschaft, Freigebigkeit, Schenken und Genießen. »Nahrungsaufnahme wird im festlichen Mahl aus einem bloß biologischen Vorgang zu einem lebendigen Vollzug der Gemeinschaft der Menschen untereinander. Der Mensch erlebt die Köstlichkeit der Dinge und erlebt sie erst voll in der Gemeinschaft derer, die sich mit ihm freuen; ja, er spürt die Festlichkeit des Daseins selbst, das ihm so oft feindselig-störrisch begegnet, in der Stunde des Mahles aber gleichsam mit offenen Händen dasteht, mit der Geste des verschwenderischen Schenkens, der ausgelassenen Freude.«5 Es ist verständlich, daß dieses Bild uns in der Heiligen Schrift oft und in vielfachen Varianten begegnet, vielleicht am bewegendsten in der Offenbarung des Johannes: Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.6 Hier kehren sich die Rollen um: der Herr ist gleichsam unser Gast – wenn wir seine Stimme hören und ihm die Tür öffnen.
Beide Male – im heutigen Gleichnis wie in der Offenbarung des Johannes – geht es um die Teilnahme an einem Mahl, die man durch mangelnde Aufmerksamkeit versäumen kann. Der Herr ruft die Seele auf vielfache Weise. Betend fragen wir uns, wie wir die vielen Anregungen aufnehmen, die er uns eingibt, damit wir in eine tiefere Gemeinschaft mit ihm eintreten. Genügt uns die bloße Korrektheit der Lebensführung? Werden unsere notwendigen Beschäftigungen – der Acker, der Laden … – zu Alibis und Ausreden, wenn der Herr uns eine engere Gemeinschaft mit sich anbietet? Sind sie ein Hindernis für unser Gebet?
Die Verbohrtheit der Menschen ist nur ein Teil der Aussage im Gleichnis. Es will uns außerdem die unumschränkte Weite des göttlichen Heilswillens vor Augen stellen: Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.
Der Kirchenvater Augustinus greift diese Szene in einer Predigt auf und betet: »Hilf uns, Herr, böse und eitle Ausreden beiseite zu lassen, damit wir zum Hochzeitsmahl kommen (…). Nichts soll unsere Teilnahme verhindern: weder der Stolz soll uns ruhmsüchtig erheben, noch die böse Neugierde uns an die Erde drücken und von Gott abwenden, noch die Sinnlichkeit die Freuden des Herzens verderben (…). Kamen zum Mahl nicht auch die Bettler, die Kranken, die Krüppel, die Blinden? (…) Auch wir werden dort als Bettler erscheinen, denn uns lädt einer ein, der reich ist, aber um unseretwillen arm wurde, damit er mit seiner Armut die Armen bereichere. Wir werden als Kranke erscheinen, denn nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern jene, die krank sind. Wir werden als Krüppel erscheinen und dir sagen: >Festige meine Schritte, wie du es verheißen hast< (Ps 119,133). Wir werden als Blinde kommen und dich bitten: >Erleuchte meine Augen, damit ich nicht entschlafe und sterbe< (Ps 13,4).«7
III. Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. Diese Worte richten sich an uns alle, denn der Heilswille Gottes umfaßt alle Menschen aller Zeiten. Christus liebt jeden und sucht mit unendlicher Geduld die Bekehrung jedes einzelnen. Sein Sterben am Kreuz gilt jedem. Jeder kann, wie Paulus, ihn als den ansprechen, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat8. Wir, die wir seine Jünger sein wollen, nehmen infolgedessen an seiner Heilssorge für alle teil. In einem gewissen Sinne erkennen wir uns in den Dienern wieder, die auf die Straßen hinausgingen und alle zusammenholten, die sie trafen: »Führe es dir immer wieder vor Augen: Es gibt viele Männer und Frauen in unserer Welt – und unter ihnen gibt es keinen einzigen Mann und keine einzige Frau, die der Meister nicht ruft.
Er ruft sie zu einem christlichen Leben, zu einem Leben in Heiligkeit, zu einem Leben der Auserwählung, zum ewigen Leben.«9
Der Herr drängt uns Christen, daß wir die Menschen zu ihm hinführen, indem wir ihnen neue Perspektiven erschließen und sie aus der Enge rein irdischer Betrachtungsweisen befreien. Wir können ihnen entdecken helfen, daß es sich lohnt, jeden Tag erneut auf Gott zuzugehen, die eigene Arbeit auf ihn auszurichten, die innere Leere mit den Gaben Gottes zu füllen, die Reichtümer eines Lebens aus dem Glauben zu erfahren: »Wenn der eine Herr, der reich ist für alle, geben soll, so müssen die Dürftigen wohl annehmen, was ihnen dargereicht wird. Wer nun seine Sünden, sein Elend, seine Armut nicht erkennt oder dem Namen des Herrn nicht die Ehre geben und lassen will, durch ihn reich zu werden, der ruft den Herrn nicht als seinen Herrn an; er verschmäht also die Gabe seiner Hände, bleibt arm und elend, bleibt ein Sünder und behält den Fluch der Sünde, bleibt ohne Liebe und ohne Seligkeit. Dagegen wer seine Sünde und seine Armut an Liebe und Seligkeit erkennt, wer in Christus seinen Herrn, der reich ist für alle, erkennt, der spricht wohl auch zu ihm: Der du reich bist für alle, sei es auch für mich! Lehre mich lieben, wie du geliebt hast. Sei auch mein Heil und mache mich in Liebe selig! Er spricht’s und empfängt eine Gabe nach der andern, kann seinen Herrn lieben und liebend in ihm selig sein.«10
25,6-10. – 23,1-6. – 22,1-14. – J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.900. – J.Kard.Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München/Freiburg 1973, S.309. – 3,20. – Augustinus, Predigt 112, 8. – 2,20. – J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.13. – Johann Michael Sailer, Blick des heiligen Paulus in die Tiefen der Weisheit, Gesammelte Reden Teil 3, Grätz 1820, S.97.
