Jahreskreis
19. Woche – Samstag
9
das evangelium der kinder
Mütter,
Großmütter und Kinder um Jesus.
Dank für die Gaben der Kindheit.
Abba, Vater: geistliche Kindschaft.
I. Man hat das gestrige Evangelium 1 genannt, weil Jesus darin die Frauen gegen die Willkür und die Herzenshärte der Männer in Schutz nimmt. Ihm folgt heute 2: In jener Zeit brachte man Kinder zu Jesus, damit er ihnen die Hände auflegte und für sie betete. Man kann sich gut vorstellen, wie die Mütter und Großmütter, die von der Ankunft Jesu gehört haben, sich zu ihm aufmachen, die Kleinen vor sich herschiebend, bis sie ganz nahe beim Herrn sind. Denn Jesus soll sie berühren und segnen. Sie wissen nicht so genau, wer dieser Jesus ist; sie ahnen nur, daß etwas Gutes von ihm ausgehen muß. Das Tun dieser Frauen erscheint in unseren Augen wie eine Vorwegnahme der geheimnisvollen Berührung mit dem Herrn in der Taufe.
Der heilige Thomas vergleicht die erzieherische Verantwortung christlicher Eltern mit dem priesterlichen Amt: »Einige vermitteln und schützen das geistige Leben durch ein Amt, das rein geistiger Natur ist: Es ist dies die Aufgabe des Weihesakraments; andere tun dies hinsichtlich des leiblichen und geistigen Lebens zugleich: und das geschieht durch das Ehesakrament, in welchem Mann und Frau sich verbinden, um Kinder zu zeugen und zur Gottesverehrung zu erziehen.«3 Die Eltern sollen den Kindern aufzeigen, »zu welcher Tiefe und welchem Reichtum der Glaube und die Liebe zu Jesus Christus sie zu führen vermögen. Ferner wird das Bewußtsein, daß der Herr ihnen das Heranwachsen eines Gotteskindes, eines Bruders, einer Schwester Christi, eines Tempels des Heiligen Geistes, eines Gliedes der Kirche anvertraut, die christlichen Eltern in ihrer Aufgabe bestärken, in der Seele ihrer Kinder das Geschenk der göttlichen Gnade zu festigen.«4 Deshalb erinnert die Kirche die Eltern an die Pflicht, »dafür zu sorgen, daß ihre Kinder innerhalb der ersten Wochen getauft werden«5. Anders als in früheren Zeiten erscheint heute der Auftrag, »das Leben, das Gott ihnen anvertraut hat, zu fördern«6, nicht mehr als selbstverständlich. Neben einer mangelhaften Glaubensbildung fördert ein emanzipatorisches Klima die Meinung, man müsse die Taufe des Kindes hinausschieben, damit es selbst entscheiden kann.
Man beruft sich dabei auf eine fehlende Praxis der Kindertaufe im Neuen Testament. Natürlich geht es zunächst am Anfang der Evangelisierung primär um die Erwachsenen; aber die uralte und seit dem 2. Jahrhundert ausdrücklich bezeugte Tradition der Kindertaufe dürfte an den zahlreichen Stellen mitgemeint sein, an denen von der Taufe ganzer Häuser, ganzer Familien, die Rede ist.7 Die Frauen, die ihre Kinder zu Jesus brachten, suchten die physische Berührung mit ihm; die Eltern, die heute ihre Säuglinge zur Taufe bringen, suchen die gnadenhafte Berührung im Sakrament: wir werden »von der Sünde befreit und als Söhne Gottes wiedergeboren; wir werden Glieder Christi, in die Kirche eingefügt und an ihrer Sendung beteiligt«8.
Die Eltern treffen in allem, was das allmähliche Heranreifen der Persönlichkeit ermöglicht, Entscheidungen zum Wohl des Kindes. Die Taufe gehört wesentlich dazu, ist sie doch die Mitteilung des höchsten Gutes des göttlichen Gnadenlebens. Christliche Eltern, die ihren persönlichen Glauben stellvertretend für den Neugeborenen einsetzen, stehen in der Tradition jener Mütter, die ihre Kinder zu Jesus brachten, damit er sie gnadenhaft berühre.
II. Wir haben das Evangelium der Kinder aus der Sicht der Mütter und Großmütter betrachtet. Die Jünger dagegen wiesen die Leute schroff ab, heißt es knapp. Störte sie die Zudringlichkeit? Womöglich dachten sie: Es sind doch nur Kinder! Weder krank noch in Not, noch mit Sorgen auf dem Herzen! Nur Lärm und Gedränge! Wieviele Gründe – damals wie heute -, die Kinder nicht ernst zu nehmen – nur, weil sie noch nicht erwachsen sind.
Laßt die Kinder zu mir kommen… Was siehst du, Herr, in den Kindern, da du uns sagst: Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich? Er preist die Kinder, weil sie ungekünstelt, offen und empfänglich sind.
Geht es uns nicht ähnlich, wenn wir ein schlummerndes Kind oder spielende Kinder beobachten? Bewegt uns nicht manchmal der Wunsch, wie sie zu sein, damit uns das Himmelreich gehört? Aus solchen Ahnungen kann sehr wohl Gebet werden – vorausgesetzt, sie verlieren sich nicht in verklärende Nostalgie, sondern werden für das Heute fruchtbar. Die meisten von uns empfingen als Kind die ersten Hinweise auf Gott, begegneten in Bildern Jesus als Neugeborenem in der Krippe und als Sterbendem am Kreuz und beteten zu ihm im Tabernakel. Wir lernten den vertrauten Umgang mit der Mutter Gottes und unserem Schutzengel. Hoffentlich sind uns manche dieser kindlichen Reichtümer erhalten geblieben – als Grundwasser sozusagen, das den Boden befeuchtet und hin und wieder emporsprudelt. Danke Herr, für diese Gnadengaben.
Aber warum gehört gerade Menschen wie ihnen das Himmelreich? »Der Demut Bild hast du also, unser König, in der kindlichen Gestalt uns vorgehalten, als du sagtest: Ihrer ist das Himmelreich.«9 Kleine Kinder vertrauen nicht auf eigenes Können, sondern lassen sich gern helfen und beschenken; sie sind fähig, ohne Rücksicht auf eigene Verdienste zu bitten und ohne den Druck, gleichwertig vergelten zu müssen. Wieviel Stoff für unser Gebet!
Der heilige Augustinus preist Gott, während er auf den Säugling, der er war, zurückschaut: »Damals wußte ich nur zu saugen und wohlig zu genießen, wenn es meinem Körper gut ging, zu weinen aber, wenn er Schmerz empfand – sonst nichts. Danach begann ich auch zu lächeln, zuerst im Schlafe, dann im Wachen. So ist mir wenigstens über mich berichtet worden, und ich glaube es, sieht man’s doch auch bei andern Kindern.« Zugleich mit den Gaben Gottes entdeckt er auch die ersten Spuren der Selbstsucht: Ich verlangte, mein Verlangen denen beizubringen, die es erfüllen sollten, und ich konnte es nicht, weil es doch innen war, jene andern aber draußen, und mit keinerlei Fühlung vermochten sie sich in meine Seele zu versetzen. Also rührte ich mich kräftig mit meinen Gliedern und mit Schreien, den Zeichen für mein Begehren, den wenigen, die ich vermochte und wie ich sie eben vermochte: denn deutliche Zeichen waren sie ja nicht.« Er schaut dann auf die Gegenwart und lobpreist Gott »für meinen Lebensanfang und meine mir unbewußte Kinderzeit«. »Dank dir, Herr, dir, dem erhabensten und besten Schöpfer und Lenker des Weltalls, dir, unserem Gott, Dank, auch wenn ich nach deinem Willen nur das Alter eines Knaben gelebt hätte. Denn auch damals war und lebte und empfand ich, und als Nachbild der tiefgeheimen Einheit, der ich entstammte, war ich auf das unversehrte Heil meines Daseins bedacht. Mein inneres Empfinden wachte über die Gesundheit meiner Sinne, und schon bei meinen kleinen Gedanken über meine kleinen Dinge entzückte mich die Wahrheit – irren wollte ich mich nicht. Ich hatte ein treffliches Gedächtnis und lernte, mich gut auszudrücken; Freundschaft tat mir wohl, dem Schmerz, der Erniedrigung, der Unwissenheit floh ich. Was ist doch nicht alles an so einem Lebewesen wunderbar und preiswürdig?
Aber das alles ist Geschenk meines Gottes, nicht ich hab mir’s gegeben; und gut ist das alles, und das alles – das war ich. So ist er gut, er, der mich erschaffen hat, und er selber ist für mich das Gut, und ihm juble ich zu wegen all der Güter, die er schon dem Knaben verliehen. (…) Dank dir für deine Geschenke, mein Gott; aber erhalte sie mir auch.«
III. Am Karsamstag des Jahres 387 spendete Bischof Ambrosius von Mailand dem dreiunddreißigjährigen Nordafrikaner Augustinus die Taufe. Die Predigten des Ambrosius hatten im Leben des Suchenden die Wende herbeigeführt. Vielleicht hat er ihn einmal erklären hören, weshalb uns der Herr gerade ein Kind vor Augen stellt: »Weil sie nichts von Bosheit wissen, sich nicht auf Trug verstehen, einen Schlag nicht zu erwidern wagen, kein Grübeln kennen, nicht nach Reichtum, Ehre und Gunst haschen«9. Wenden wir uns jetzt dem zu, was im Bild vom Kind eigentlich verborgen liegt: die Gotteskindschaft.
In dem Maße, wie wir die Gotteskindschaft als das Fundament unseres christlichen Lebens entdecken, lassen wir die Maske des sich autonom Dünkenden fallen: »Das Kindsein, das Jesus meint, ist die Entsprechung zu Gottes Vaterschaft. Für das Kind hängt ja alles mit Vater und Mutter zusammen. Durch diese kommt alles heran. Sie stehen überall. Sie sind Ursprung, Maßstab und Ordnung.«10 Die Gotteskindschaft offenbart sich uns – jenseits des vordergründigen Gefühls – als eine seinshafte Wirklichkeit: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.11 »= 11 Die Gotteskindschaft offenbart sich uns – jenseits des vordergründigen Gefühls – als eine seinshafte Wirklichkeit: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.12 Die Leute brauchten nicht so viel nachzudenken, was sie tun sollen, sondern sie sollten nachdenken, was sie seien. (…) Sofern wir sind und am Sein teilhaben, in dem Maße heiligen wir alle unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was es sonst sei. Die aber nicht am großen Sein teilhaben, welche Werke sie auch wirken mögen, aus denen wird nichts.«13
Der selige Josemaría Escrivá faßt in einem schlichten Beispiel zusammen, wie geistliche Kindschaft Einfachheit, Demut und Sich-Überlassen mit Reife im Denken und Fühlen zu verbinden weiß: »Das unverständige Kind heult und stampft mit den Füßen, wenn die Mutter ganz zart mit einer Nadel in seinen Finger sticht, um einen Splitter herauszuziehen… Das verständige Kind mag die Augen voller Tränen haben – das Fleisch ist schwach -, aber es schaut dankbar auf die gute Mutter, die ihm ein wenig Schmerz zufügt, damit ihm größere Leiden erspart bleiben.«14 Und er schließt mit der Bitte: »Jesus, ich möchte ein verständiges Kind sein.« Geistliche Kindschaft hat nichts mit Infantilismus zu tun, sie führt zur Abwägung der Lebensrealität im Licht des Glaubens und entscheidet entsprechend.
Viele Menschen haben begonnen, ein wahrhaft innerliches Leben zu führen, indem sie entdeckten, was es heißt: Abba, Vater, sagen zu können. Es gibt aber auch manchen, dem diese Erfahrung versagt bleibt, vielleicht weil das Bild vom Vater in unserer Gesellschaft unscharf geworden ist. Hier zeigt sich von neuem die Verantwortung christlicher Eltern, von der anfangs die Rede war. »Wo es Vaterschaft nicht mehr gibt, wo wirkliche Vaterschaft in ihrem Ineinander von männlicher Kraft, Gerechtigkeit, Verlässigkeit und von herzlicher Güte nicht mehr erfahrbar wird, da wird auch die Rede von Gott dem Vater leer: (…) Wenn wir hinzunehmen, daß die Bibel ganz bewußt in das Bild des Vaters auch die Idee >Mutter< mithineinnimmt, einen Vater vorstellen will, in dem auch das wahre Wesen der Mutterschaft verwirklicht ist, dann zeigt sich hier eine ebenso persönliche wie soziale Forderung der Taufe: von diesem Vater her selbst Vater oder Mutter zu werden und ihn damit schaubar und erkennbar zu machen in der Welt.«15
Unser Abba, Vater, ist Antwort auf die Taufgnade, die uns zu Kindern Gottes gemacht hat.
Vgl. J. Dillersberger, Markus, Bd.I, Salzburg 1937, S.113. – 2 Mt 19,13-15. – 3 Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles, IV,58. – 4 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Familiaris consortio, 22.11.1981, 39. – 5 Codex des kanonischen Rechtes, c. 867,1. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 1251. – 7 vgl. Apg 10,44-48; 16,15; 16,33; 1 Kor 1,16. – 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 1213. – 9 Augustinus, Bekenntnisse, I,19 und I,6.20. – 10 Ambrosius, Auslegung des Evangeliums nach Lukas, 8,6. – 11 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.318. – 12 1 Joh 3,1. – 13 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.39. – 14 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.329. – 15 J. Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München 1973, S.103.
