Tagesmeditation

JAHRESKREIS
31. WOCHE – DONNERSTAG

16

FREUND DER ZÖLLNER UND SÜNDER

In Jesus erscheint das Erbarmen Gottes.
Die Freude Gottes über unseren Neubeginn.
Jesu Feingefühl gegenüber den Sündern.

I. Zöllner und Sünder kommen zu Jesus, und er nimmt sie mit bereitwilliger Heilandsliebe auf, wie uns das heutige Evangelium berichtet1. »Der Grundsatz der pharisäischen Rabbiner lautete dagegen: >Der Mensch geselle sich nicht zu einem Gottlosen, selbst nicht, um ihn dem Gesetzesstudium zuzuführen.< Nach ihrer Lehre ist der Sünder als solcher niemals Gegenstand der göttlichen Liebe, sondern erst nach seiner Bekehrung.«2 Deshalb nehmen die Pharisäer und Schriftgelehrten Anstoß an Jesus: sie empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen. Es scheint, daß die Kritiker sich hier noch nicht an den Herrn wagen. Esfolgten ihm schon viele, sagt uns Markus. Vielleicht wollen sie mit ihrer verwunderten Frage diese vielen in Verlegenheit bringen: wie eigenartig, eine solche Gemeinschaft mit Sündern!

Auch wer das Leben des Herrn nur oberflächlich kennt, ist von der Reinheit und Klarheit seines Wesens beeindruckt – Worte und Taten lassen eine Heiligkeit durchschimmern, die ganz anders geartet ist als die angestrengte Kunst der »Vollkommenen« seiner Zeit. Viele ahnen diese Tiefe, Jesus selbst deutet sie an, wenn er fragt: Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen? »Die Reinheit seiner Gesinnung geht nicht aus einem sittlichen Kampfe gegen das Böse, aus Überwindung der Furcht, aus natürlicher Lauterkeit des Triebes, aus angeborenem Adel des Geistes, aus schöpferischer Hingabe der Liebe hervor – sondern was in ihm lebt, ist die Gesinnung des Sohnes Gottes. Sie tritt von oben her in die Welt ein. Sie ist der Welt gegenüber reiner, neuer Beginn.«5 In Jesus erscheint das Erbarmen Gottes, er ist die Güte selbst und der Maßstab des Guten.

Jesu Kampf gegen die Sünde entfremdet ihn nicht dem Sünder, im Gegenteil, gerade weil er die Sünde niederringen will, sucht er die Nähe der Sünder. Seine besondere Zuneigung gilt jenen, die nach pharisäischer Auffassung als »Gesetzlose« galten oder im Volk tatsächlich als Sünder bekannt waren. Deshalb nennt man ihn einen Freund der Zöllner und Sünder. Er sucht jeden einzelnen auf, wie er Zachäus aufsuchte: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein. Kein Mensch ist in den Augen des Herrn so gottfern, daß er ihn nicht wieder aufrichten könnte. Deshalb sucht er nicht nur die privaten Begegnungen, sondern auch die Chancen des Gesellschaftslebens: Einladungen zum Mahl, Begegnungen in Privatwohnungen … Markus schildert die eigenartige Atmosphäre im Hause des Matthäus: Dort aßen viele Zöllner und Sünder zusammen mit ihm und seinen Jüngern8. Jesus begegnet der Kritik der Pharisäer mit einem plausiblen und zugleich nachdenklich machenden Wort: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.9 »So ernst ist das Kommen Gottes zu den Menschen, daß er sie nimmt, wie sie sind. Und Sünde ist leider zum allgemeinen Kennzeichen der >Menschlichkeit< geworden. Was nützte ein Kommen Gottes, wenn es nur den Gerechten allein gälte?«10

Man kann die Meinung finden, Jesus habe seine Vorliebe nur den Ausgestoßenen und Randfiguren der Geselllschaft zeigen wollen. In der Tat nimmt sich Jesus besonders jener an, die verachtet oder in Not sind. Aber er liebt alle, jeden in seiner Situation und entsprechend seiner Eigenart: die Jünger, den begüterten jungen Mann, der sich dann zurückzog, die Geschwister aus Betanien. Jesu Maßstab ist das Verhältnis des Menschen zu Gott. Weder ist ihm gesellschaftliche Achtung als solche ein Wert noch bürgerliche Ordnung ein Unwert. »Worauf es Jesus ankommt, sagt das Wort: >Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.< Hier ist ein >Kranker<, ein Mensch, der Hilfe braucht; also sucht der Arzt ihn auf. Dann aber, vielleicht mit einer sehr ernsten Ironie, das Wort: >Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder<. Also prüfet euch wohl, ob ihr >Gerechte< sein wollt! In diesem Falle bin ich nicht zu euch gekommen! Soll ich zu euch gekommen sein, so erkennt, daß ihr Sünder seid - und worin ist dann noch ein Unterschied zwischen euch und jenen?«11

Diese Zeit des Gebetes kann uns helfen, gerade dann zu Jesus zu gehen, wenn wir unsere Not – unsere Sünden – als besonders drückend empfinden. Besonders dann ist Christus uns nahe. Dabei können wir auch für jene beten, denen ihre Gottferne gleichgültig ist und die deshalb um so verschlossener auf unser Bemühen reagieren, sie Gott näher zu bringen. So empfand es die heilige Theresia, als sie zum Herrn betete: »Um was für ein starkes Stück bitte ich dich, mein Gott: daß du den liebst, der dich nicht liebt, daß du dem öffnest, der dich nicht ruft, daß du den heilst, der sich in der Krankheit wohlfühlt und sie sogar fördert!«12

II. Beim Betrachten des Evangeliums erkennen wir, wie intensiv Jesus sich den Menschen zuwendet. Er erlaubt, daß ihn das Volk umlagert, so daß er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten13. Seinen Brüdern und Schwestern erweist er 14. Wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt15, um uns einen Platz vorzubereiten, fuhr er in den Himmel auf16 und sandte seinen Geist, weil er uns nicht als Waisen zurücklassen wollte17. Stets zeigt Christus Gottes Erbarmen, selbst im Augenblick seiner tiefsten Not, wenn er dem Mitgekreuzigten zu seiner Rechten verheißt: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.18

Christus »spricht nicht nur vom Erbarmen und erklärt es mit Hilfe von Gleichnissen und Parabeln, er ist vor allem selbst eine Verkörperung des Erbarmens, stellt es in seiner Person dar. Er selbst ist in gewissem Sinne das Erbarmen.«19

Ein besonders schönes Gleichnis vom göttlichen Erbarmen hören wir im Anschluß an die Bemerkung des heutigen Evangeliums, daß die Pharisäer über ihn gemurrt hatten: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, läßt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Dazu Gregor der Große: »Die höchste Barmherzigkeit verläßt uns auch dann nicht, wenn wir sie verlassen.«20

Die Freude Gottes über die Bekehrung eines Sünders übersteigt menschliche Logik: Ich sage euch: ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.21 Gregor der Große nimmt einen Feldherrn zum Vergleich, der einen zunächst zurückweichenden, dann aber um so mutiger angreifenden Soldaten mehr schätzt als den, der nicht zurückweicht, aber auch nicht beherzt kämpft22. Beherzt kämpfen, wenn vielleicht nach einer von Versuchungen unbehelligten Zeit plötzlich der Weg steil und rauh wird. Wir entdecken dann von neuem, wie wertvoll eine kleine Abtötung sein kann – im Ausnützen der Zeit in Studium oder Beruf. Wir kämpfen um mehr Geduld zuhause, um mehr Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit, gegen Unstetigkeit, die uns Zerstreuungen suchen läßt. Wir versuchen, eine frisch entdeckte kleine Abtötung zur guten Gewohnheit werden zu lasssen … All dies – mag es auch unwichtig erscheinen – trägt zur Freude Gottes über unseren Wunsch bei, ihn ernstzunehmen.

Immer, wenn wir neu beginnen, erfüllt sich unser Herz mit Freude. Unsere Freude ist wie ein Echo der himmlischen Freude bei den Engeln Gottes. Sie wird zum Zeugnis der Freude Gottes an seinen Geschöpfen in der Welt. Freut euch mit mir, sagt uns der Herr mit den Worten des Gleichnisses. Mit ihm freuen wir uns jedesmal, wenn wir neu beginnen, und jedesmal, wenn es uns gelingt, einen Freund, Kollegen oder Verwandten zu überzeugen, wieder neu anzufangen – durch das Sakrament der Vergebung, durch den erneuten Willen zu beten.

III. Ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. »In Palästina lebte man vom Schaf. Es lieferte dem Menschen Milch und Käse, die Wolle für seine Kleider, das Leder für seine Sandalen und das Fleisch für die festlichen Mahlzeiten. Die auf das Religiöse und Sittliche übertragenen Bilder von den Hirten und ihren Herden sind alle aus dem Alltag genommen. Die Geschichten des Alten Testaments, die Psalmen und die Gleichnisse des Herrn erhalten ein anderes Gewicht, wenn man weiß, was das Schaf den Menschen bedeutete.«23

Davon ausgehend sagt uns der Herr in seinem Gleichnis, was das Schaf als Bild des Menschen für Gott bedeutet. Der gute Hirt hegt und pflegt es: Wenn er das verlorene Schaf gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern…

Oft macht sich Jesus auf den Weg, uns nachzugehen. Er kennt das Ausmaß unserer Verirrungen, er weiß, was eine Gott zugefügte Beleidigung wirklich bedeutet, und deswegen nähert er sich uns – nicht erzürnt, sondern aufmunternd, um die Liebe neu zu entfachen. »Die göttliche Dimension der Erlösung beschränkt sich nicht auf das Gericht über die Sünde, sondern sie erneuert in der Liebe jene schöpferische Kraft im Menschen, die ihm wieder die von Gott kommende Fülle des Lebens und der Heiligkeit zugänglich macht.«24

Jesus will in jedem Sünder die schlummernde Kraft des Guten wecken. Er tut es mit unendlichem Feingefühl, mit Worten, die gewinnen, die Vertrauen schaffen wollen. Wie schlicht beginnt das Gespräch mit der Samariterin! Der Herr kennt ihr bewegtes Leben, doch zuerst sucht er ihr Vertrauen zu gewinnen: Gib mir zu trinken!25 Jesus weiß, was aus jener Frau noch werden kann, denn er weiß auch um die Spuren des Guten in ihrem Leben. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr26, sagt er zu der Ehebrecherin, nachdem er ihre Ankläger beschämt hat. Im Gelähmten weckt der Herr die Zuversicht, die ihm vielleicht gefehlt hatte: Hab Vertrauen, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!27

Er ist der gute Hirt, der nicht wartet, bis das verirrte Schaf zum Stall zurückfindet. Er geht ihm nach, lädt es auf seine Schultern und läßt ihm die Fürsorge angedeihen, die es braucht – mehr als den wohlbehüteten, gesunden Schafen. Wer die Gemeinschaft mit dem Herrn wiederfindet, erfährt nicht bloß eine Art göttliches »Vergessen der Schuld« sondern zärtliche Zuwendung. Gottes Vergebung schenkt der Seele Glauben, Hoffnung und Liebe wieder. Was tot war, wird zum Quell des Lebens. Was verdorrt war, wird zu einem üppigen Garten.»Kehren wir zum heutigen Evangelium zurück. Jesus, der Gerechte, tadelt die Selbstgerechtigkeit jener, die das Verlorene verloren sein lassen. Jesus sucht jeden einzeln auf, er läßt sich auf jeden sündigen Menschen ein, um ihn zu gewinnen.

Lk 15,1-10. – 2 Regensburger Neues Testament, Bd.3, Regensburg 1955, S.250. – 3 Mk 2,15. – 4 Joh 8,46. – 5 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.359. – 6 Mt 11,19. – 7 Lk 19,5. – 8 Mk 2,15. – 9 Mk 2,17. – 10 J.Dillersberger, Markus, Bd.1, Salzburg 1937, S.129. – 11 R.Guardini, a.a.O., S.58. – 12 Theresia von Avila, Rufe der Seele zu Gott, 8. – 13 Mk 3,20. – 14 Joh 13,1. – 15 Röm 4,25. – 16 vgl. Joh 14,2. – 17 Joh 14,18. – 18 Lk 23,43. – 19 Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 2. – 20 Gregor der Große, 36. Homilie über die Evangelien. – 21 Lk 15,7. – 22 vgl. Gregor der Große, 34. Homilie über die Evangelien. – 23 G.Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.161. – 24 Johannes Paul II., a.a.O., 7. – 25 Joh 4,7. – 26 Joh 8,11. – 27 Mt 9,2.