JAHRESKREIS
17. WOCHE – DONNERSTAG
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GEGENWÄRTIG im Sakrament
Altar und
Tabernakel.
Reale Gegenwart.
Anbetung des Allerheiligsten.
I. Gott, der in unzugänglichem Licht wohnt1, will den Menschen an seinem göttlichen Leben teilnehmen lassen. In seinem Offenbarungsratschluß »liegt eine eigenartige göttliche >Erziehungsweisheit<: Gott teilt sich dem Menschen stufenweise mit; er bereitet ihn etappenweise darauf vor, seine übernatürliche Selbstoffenbarung anzunehmen, die in der Person und Sendung des fleischgewordenen Gottes Jesus Christus gipfelt= 2. Die heutige Lesung3 aus dem Buch Exodus schildert, wie Mose - ihm von Gott so befohlen - die Wohnstätte aufbaute und einrichtete, in welcher die Bundeslade aufbewahrt wurde. Dann verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt, und die Herrlichkeit des Herrn rfüllte die Wohnstätte. Es war die Zeit der Wüstenwanderung, und das tragbare Heiligtum war das Zeichen, daß Gott sein Volk durch die Wüste geleitete. Die Wolke ist das Zeichen von Gottes Herrlichkeit und Majestät - sinnfällig und verhüllend zugleich.
Als später Israel seßhaft wurde, errichtete man den Tempel in Jerusalem. David wollte ihn bauen, aber der Prophet Natan ließ ihn wissen, Gott habe anderes vor: nicht David wird Jahwe ein Haus (einen Tempel) bauen, sondern Jahwe wird David ein Haus (eine Dynastie) bauen.4 Salomo vollbrachte das Werk, und die Wolke erfüllte das Haus des Herrn5. Als im Exil der Tempelbesuch unmöglich geworden war, wuchs in den frommen Israeliten die Sehnsucht nach dem heiligen Ort: Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn. Mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu, ihm dem lebendigen Gott.6 Weit vom Tempel weilen bedeutete fern sein vom wahren Glück: Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?7
Zelt und Tempel und Wolke waren nur Hinweise auf die Fülle der Zeit, in der das Wort Mensch wurde. Mit der Menschwerdung erfüllen sich die Verheißungen, die Gott Abraham und seinen Nachkommen gegeben hatte. Maria ist ein lebendes Zelt Gottes. Die Wolke senkt sich nun auf sie nieder: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.8 Und: das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt9 oder wie es, wörtlich übersetzt, im griechischen Text heißt: und hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen.
Jetzt, da Gott inmitten seines Volkes ist, hat sich die Offenbarung erfüllt: Jesus – vollkommener Gott und vollkommener Mensch – ist der Immanuel – Gott mit uns10. »An die Stelle des Tempels tritt die Eucharistie, denn Christus ist das wahre Osterlamm; in ihm ist alles erfüllt, was je im Tempel geschehen war.«11
Der heilige Bernhard betrachtet das wunderbare Geschehen der Menschwerdung und schreibt: »Hier soll der Mensch begreifen lernen, wie sehr sich Gott um ihn sorgt; hier soll er erfahren, was Gott von ihm denkt und was er fühlt. Mensch, du sollst nicht danach fragen, was du leidest, sondern was er gelitten hat. An dem, was er für dich getan hat, erkenne, wieviel du ihm wert bist. Dann wird seine Güte dir aus seiner Menschenliebe entgegenleuchten. Je tiefer er sich in seinem Menschsein erniedrigte, um so größer erwies er sich in seiner Güte. Je armseliger er für mich geworden ist, desto lieber ist er mir.«12
II. Gott zeigte nicht nur seine Weisheit, sondern, so möchte man sagen, auch seine unermeßliche Phantasie, als er die Gegenwart des Sohnes unter den Menschen über die kurze Zeit seines irdischen Wandelns hinaus fortdauern lassen wollte in den Sakramenten, besonders in der heiligen Eucharistie. Warum hat Christus in dieser einzigartigen Weise in seiner Kirche gegenwärtig bleiben wollen? »Weil Christus seiner sichtbaren Gestalt nach die Seinen verließ, wollte er uns seine sakramentale Gegenwart schenken; weil er sich am Kreuz darbrachte, um uns zu retten, wollte er, daß wir das Zeichen des Gedächtnisses der Liebe bei uns haben, mit der er uns >bis zur Vollendung< liebte (Joh 13,1), bis zur Hingabe seines Lebens. In seiner eucharistischen Gegenwart bleibt er geheimnisvoll in unserer Mitte als der, welcher uns geliebt und sich für uns hingegeben hat, und er bleibt unter den Zeichen gegenwärtig, die diese Liebe zum Ausdruck bringen und mitteilen.«13 Von nun an sind Altar und Tabernakel die Bezugspunkte unseres Lebens.
Wir können uns das schon erwähnte Gebet des Psalmisten zu eigen machen, der – vielleicht in der Zeit des Exils – seine Sehnsucht nach dem Tempel so anschaulich-bildhaft ausdrückt: Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr der Heerscharen, mein Gott und mein König. Und weit mehr als für ihn ist für uns der Altar die Mitte: der Ort, wo das Kreuzesopfer unter sakramentalen Zeichen gegenwärtig wird, und der Tisch des Herrn, an dem das Volk Gottes in der gemeinsamen Meßfeier Anteil hat.
Wir Christen haben deshalb in einem ganz neuen Sinn »Heimat und Zuflucht und Geborgenheit am Altare Christi, beim lebendigen, für uns dahingegebenen menschgewordenen Sohn Gottes, der uns von hier aus immer von neuem umfängt und nährt und tränkt und hineinzieht in die Hingabe an seinen und unseren Vater. Es gibt so viele Menschen heute, die nicht wissen, wo sie hingehören: sie sind wie Vögel, die in Dunkel, Sturm und Regen ihren Weg verloren haben. Aber wir wissen, daß es mitten in dieser eisigen Welt Wärme gibt, so wie sie Sperling und Schwalbe, aus der Kälte heimkommend, in ihrem Nest finden. Wir wissen eine Stätte, an der wir uns bergen können, eine Zuflucht, die uns immer offensteht: die Altäre des Herrn der Heerscharen.«14
Die Freude Israels über seine Erwählung im Geheimnis des Bundes findet in dem Wort Ausdruck: Wo wäre noch einmal eine große Nation, der ihre Götter so nahe sind wie uns unser Gott?15 Dieses Wort des Alten Bundes findet in der Kirche, im neuen Volk Gottes, seine volle Erfüllung. »Wenn in Israel Gott sich durch sein Wort zu Mose herabgebeugt hatte und so seinem Volk nahe geworden war, dann hat er jetzt selbst Fleisch angenommen, ist Mensch unter Menschen geworden und geblieben, so sehr geblieben, daß er sich im Geheimnis des verwandelten Brotes in unsere Hände und in unsere Herzen legt.«16
Früher sagten die Israeliten, daß Gott mit ihnen war; jetzt können wir dies im Hinblick auf Altar und Tabernakel im präzisen Sinne sagen. Der Jesus, der damals durch Palästina zog, ist hier unter uns. Der Priester setzt ihn gegenwärtig, wenn er Brot und Wein konsekriert. Und diese Gegenwart setzt sich fort, so lange die heiligen Gestalten fortdauern. »Die Weise der Gegenwart Christi unter den eucharistischen Gestalten ist einzigartig (…). Im heiligsten Sakrament der Eucharistie ist wahrhaft, wirklich und substanzhaft der Leib und das Blut zusammen mit der Seele und Gottheit unseres Herrn Jesus Christus und daher der ganze Christus enthalten.«17
Papst Johannes Paul II. sagt es so: »Die Kirche und die Welt haben die Verehrung der Eucharistie sehr nötig. In diesem Sakrament der Liebe wartet Jesus selbst auf uns. Keine Zeit sei uns dafür zu schade, um ihm dort zu begegnen: in der Anbetung, in einer Kontemplation voller Glauben, bereit, die große Schuld und alles Unrecht der Welt zu sühnen. Unsere Anbetung sollte nie aufhören.«18
III. Es ist nur logisch, daß im Glauben an die Realpräsenz die Christen den im Tabernakel gegenwärtigen Herrn ehren und anbeten. Von Anfang an wurden die heiligen Gestalten aufbewahrt, um sie den Kranken und Gefangenen zu bringen. Diese Praxis führte zu einer immer reicheren Entfaltung der eucharistischen Frömmigkeit: »Denn nicht nur zur Zeit, da das Opfer dargebracht und das Sakrament vollzogen wird, sondern auch nach der Darbringung des Opfers und nach Vollzug des Sakramentes, wenn die heilige Eucharistie in den Kirchen oder in Oratorien aufbewahrt wird, ist Christus der wahre Emmanuel, das heißt der >Gott mit uns<. Tag und Nacht weilt er in unserer Mitte und wohnt in uns, voll der Gnade und Wahrheit (vgl. Joh 1,14).«19 Deshalb erweist die Kirche der heiligen Eucharistie »nicht nur während der heiligen Messe, sondern auch außerhalb der Meßfeier den Kult der Anbetung, indem sie die konsekrierten Hostien mit größter Sorgfalt aufbewahrt, sie den Gläubigen zur feierlichen Verehrung aussetzt und sie in Prozession trägt.«20
Besonders seit dem 13. Jahrhundert entfalten sich mannigfache Formen der Anbetung des Allerheiligsten. Es ist die Zeit der ersten Fronleichnamsprozession und die Zeit, in der der heilige Thomas von Aquin das Adoro te devote verfaßt.
Gottheit, tief verborgen, betend nah‘ ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier. Sieh, mit ganzem Herzen schenk‘ ich dir mich hin, weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.
Anbetung ist die angemessene Haltung vor dem Allerheiligsten. Wenn schon die Israeliten die geheimnisvolle göttliche Gegenwart im Offenbarungszelt und später im Tempel mit Zeichen großer Ehrfurcht umgaben, um wieviel mehr müssen wir dann demütig und dankbar das Geheimnis verehren. Der heilige Thomas dichtet und betet: Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir. Das Johannes-Evangelium berichtet, wie schon bei der ersten Ankündigung der Eucharistie die Menschen murrten und sich auflehnten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?21 Aber es gab auch die kleine Schar jener, die an ihm nicht irre wurden. Staunend vor Gottes Allmacht und Erbarmen, bekennen auch wir, was unser begrenzter Verstand nicht erfaßt: Was Gott Sohn gesprochen, nehm‘ ich glaubend an; er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann – wie tröstlich angesichts der Anwandlungen des intellektuellen Hochmuts, der nur das gelten lassen will, was man verstehen kann.
Die ganze Herablassung Gottes kommt dann beim heiligen Thomas in den Blick: Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz, hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz. Vor dem Tabernakel denken wir an das Kreuz und an die Hingabe Jesu um unseres Heiles willen. Wir hatten unseren Verstand vor Gottes Weisheit gebeugt, jetzt beugen wir auch den Willen, der allzuoft selbstmächtig sein möchte, und bekennen, daß nur seine Gnade die Kraft des Ausharrens schenken kann: Wie der Schächer ruf‘ ich, Herr, um Gnad‘ zu dir. Und wir verbinden die Bitte des guten Schächers mit den Worten, die der Apostel Thomas in sein Bekenntnis einschließt: Mein Herr und Gott! Und noch einmal folgen wir Thomas von Aquin: Fac me tibi semper magis credere, in te spem habere, te diligere. – Laß mich wachsen, Herr, im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe! Und: Laß die Schleier fallen einst in deinem Licht, daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.
1 1 Tim 6,16. – 2 Katechismus der Katholischen Kirche, 53. – 3 Ex 40,16-21.34-38. – 4 vgl. 2 Sam 7,5-17. – 5 1 Kön 8,10. – 6 Ps 84, 2-3. – 7 Ps 42,3. – 8 Lk 1,35. – 9 Joh 1,14. – 10 Jes 7,14. – 11 J. Ratzinger, Eucharistie – Mitte der Kirche, München 1978, S. 39. – 12 Bernhard von Clairvaux, Predigt am Fest der Erscheinung des Herrn. – 13 Katechismus der Katholischen Kirche, 1380. – 14 B. Fischer, Dich will ich suchen von Tag zu Tag, Freiburg 1985, S. 93. – 15 Dt 4,7. – 16 J. Ratzinger, a.a.O., S. 50. – 17 Katechismus der Katholischen Kirche, 1374. – 18 Johannes Paul II., Brief Dominicae cenae, 14.2.1980, 3. – 19 Paul VI., Enz. Mysterium fidei. – 20 ebd. – 21 Joh 6,60.
