Tagesmeditation

JAHRESKREIS
18. SONNTAG (LESEJAHR A)

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MESSIANISCHE FÜLLE

Das Wunder der Brotvermehrung.
Das Geschenk der Eucharistie.
Eins mit Christus.

I. Herr, du öffnest deine Hand und sättigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen.1 Der Psalmist preist Gottes Güte, seine allumfassende Fürsorge. Als Antwortpsalm dem heutigen Evangelium2 vorangestellt, erhält das Gebet des alttestamentlichen Beters zu Gott, der gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade ist und allen seinen Geschöpfen Speise zur rechten Zeit gibt, einen ihm damals unvorstellbaren Sinn. Denn im Evangelium erscheint die göttliche Fürsorge in Jesus verkörpert.

Der Herr war mit dem Boot in eine einsame Gegend gefahren, um allein zu sein. Es heißt dann, daß die Leute in den Städten davon hörten und ihm zu Fuß nachgingen. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren. Markus fügt noch hinzu: und er lehrte sie lange3. »Jesus hat den Titel Messias, auf den er Anspruch hatte, gelten lassen, aber nicht vorbehaltlos, denn dieser Titel war mißverständlich, wurde er doch von einem Teil seiner Zeitgenossen allzumenschlich, im Grunde politisch aufgefaßt.«4 Hier übt er sein messianisches Amt aus: Heilen und Lehren… und auch das Erbarmen: denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben5.

Die Jünger werden unruhig, denn der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Daher ihr Vorschlag: Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Die selbstsichere Antwort Jesu verwirrt sie: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Doch: nur fünf Brote und zwei Fische, das ist nichts für fünftausend. Aber Jesus genügt das Wenige, das die Seinen – ratlos, aber gehorsam – ihm bringen, um ein großes Wunder zu wirken.

Der Evangelist schildert Schritt für Schritt das Tun Jesu, als möchte er uns da hineinziehen. Er hieß die Leute sich ins Gras setzen. Dann nimmt Jesus die fünf Brote und die zwei Fische in seine Hände und tut, was zu Beginn eines Mahles der Hausvater tat: er blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote. Nun tritt aber das Wunderbare ein: er gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt.

Später werden die Jünger dieses Brotbrechen in einem tieferen Zusammenhang sehen: als messianisches Zeichen einer Fülle, die sich in der Eucharistie verwirklicht. Jetzt sind sie sprachlos und sehen wahrscheinlich nur das Naheliegende, das eindrucksvoll genug ist: Der lehrende Jesus vergißt das leibliche Wohl derer nicht, die sein Wort hören. Er schafft Abhilfe. Ist das nicht eine Aufforderung an uns, die Maßstäbe unseres Wohlstands nicht zu verabsolutieren und die Elendsquartiere dieser Welt nicht zu vergessen?

Aber uns wird auch deutlich, daß jenes Geschehen eine »Taktik« Gottes im spirituellen Leben zeigt: er will, daß wir mit ihm mitwirken, mag unser Mitwirken auch noch so winzig sein »Hilfst du ihm auch nur mit einer Kleinigkeit, wie die Apostel es getan haben, dann ist er bereit, Wunder zu wirken: Brote zu vermehren, den Willen eines Menschen zu verwandeln, einen verfinsterten Verstand zu erleuchten und durch eine besondere Gnade es möglich zu machen, daß unlautere Menschen fortan gerade Wege gehen.

All das und mehr noch tut er, wenn du ihm auch nur ein wenig mit deinem eigenen Einsatz zu Hilfe kommst.«6

II. Das Wunder der Brotvermehrung ist nicht nur ein Zeichen der Anteilnahme und des Erbarmens Jesu, es ist auch und vor allem ein Hinweis auf das größte Geschenk, das den Menschen zuteil werden wird: die Eucharistie. Schon der Gleichklang von Worten und Gesten am Ufer des Sees und im Abendmahlssaal7 – verständlich, weil es der jüdischen Sitte entspricht – verstärkt diesen Eindruck. Beide Male tut Jesus das Gleiche: er nimmt das Brot in seine Hände, erhebt die Augen danksagend, segnet das Brot und teilt es aus. Es sind die Worte und Gesten, die uns beim eucharistischen Hochgebet begegnen: Er nahm das Brot (…), erhob die Augen zum Himmel (…), sagte dir Lob und Dank, brach das Brot, reichte es seinen Jüngern…8

Eines aber ist entscheidend anders. Bei der Einsetzung der Eucharistie fügte Jesus die Worte hinzu: Das ist mein Leib… das ist mein Blut. Dieselbe Macht der Liebe, die ihn an jenem Abend am See zur Brotvermehrung bewegte, trieb ihn im Abendmahlssaal zu einer noch erstaunlicheren Tat: er vermehrt das Brot nicht, sondern verwandelt es in seinen Leib als Speise für uns Menschen. Thomas von Aquin hat es – dichterisch kraftvoll und theologisch präzise – in der Sequenz Lauda Sion Salvatorem verdeutlicht, die zur Liturgie des Fronleichnamsfestes gehört: Deinem Heiland, deinem Lehrer, deinem Hirten und Ernährer, Sion, stimm ein Loblied an! Wir werden ihn nie genug preisen können: Preis nach Kräften seine Würde, da kein Lobspruch, keine Zierde seinem Ruhm genügen kann. Und dann der Hinweis auf die allumfassende Wirksamkeit jener Gabe: Einer kommt, und tausend kommen, doch so viele ihn genommen, er bleibt immer, der er war.9

Das Wunder am Ufer des Sees war schon groß; aber es wird weit überboten, indem sich nun die dort enthaltene eucharistische Verheißung erfüllt. »Die Leute gerieten in Begeisterung und jubelten dir zu wegen ein bißchen Brot… Ja, die Brotvermehrung war ein großes Wunder – aber wie müßten wir dann erst reagieren angesichts so vieler Gaben, die du uns gewährt hast, und vor allem, weil du dich uns rückhaltlos hingibst in der Eucharistie?«10

Die Worte der zweiten Lesung11 aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer bekräftigen die Zuversicht, die in der Fürsorge Gottes für uns gründet. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat. Und in einer mächtigen Steigerung bekundet der Apostel seine Zuversicht: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

III. Die Gegenwart Christi in der Eucharistie »ist nicht etwas in sich Ruhendes, sondern sie ist eine Macht, die auf uns ausgreift, die uns aufnehmen, in sich hineinführen will. Augustinus hat dies in seiner Kommunionfrömmigkeit tief verstanden. In der Zeit vor seiner Bekehrung, in seinem Ringen um die Leiblichkeit des Christlichen, die ihm vom platonischen Idealismus her schwer zugänglich war, hatte er eine Art Vision, in der er eine Stimme hörte, die zu ihm sagte: >Ich bin das Brot der Starken, iß mich! Doch nicht du wirst mich in dich verwandeln, sondern ich werde dich in mich verwandeln.< Beim gewöhnlichen Essen ist es so, daß der Mensch der Stärkere ist. Er nimmt die Dinge auf und sie werden in ihn assimiliert, so daß sie Teil seiner eigenen Substanz werden. Sie werden in ihn umgewandelt und bauen seine leibliche Existenz auf. Aber im Zueinander mit Christus ist es umgekehrt; er ist die Mitte, er ist der Eigentliche. Wenn wir wahrhaft kommunizieren, heißt dies, daß wir aus uns herausgenommen werden, daß wir in ihn hineinassimiliert werden, daß wir eins werden mit ihm und durch ihn mit der Gemeinschaft der Brüder.«12

Wenn wir einem Menschen unsere Liebe zeigen wollen, schenken wir ihm etwas, widmen ihm Zeit, nehmen an seinen Freuden und Sorgen Anteil. Aber wir bleiben immer Außenstehende. Anders ist es mit Christus: Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.13 Wir werden nie verstehen können, wie dieses Ineinander möglich ist. Wir können nur versuchen, uns ein wenig dem Geheimnis zu nähern. Wir erfahren den Leib als »Grenze, die uns undurchsichtig, undurchdringlich füreinander macht, die uns nebeneinanderstellt und uns verwehrt, einander zuinnnerst zu sehen und zu berühren. Aber zugleich gilt ein Zweites: Der Leib ist auch Brücke. Denn durch den Leib hindurch begegnen wir uns, durch ihn kommunizieren wir in der gemeinsamen Materie der Schöpfung; durch ihn sehen wir uns, fühlen wir uns, werden wir einander nahe. In der Gebärde des Leibes wird offenbar, wer und was der andere ist. In der Weise, wie er sieht, blickt, handelt, sich gibt, sehen wir uns; er führt uns zueinander hin: Er ist Grenze und Kommunion in einem. (…) Kommunizieren heißt: mit Jesus in Kommunion eintreten; es bedeutet: durch ihn, der allein die Grenze überwinden konnte, ins Offene treten und so mit ihm, von ihm her selbst auferstehungsfähig werden.

Damit ergibt sich aber ein Nächstes. Was uns hier gegeben wird, ist nicht ein Stück Körper, nicht eine Sache, sondern es ist er selbst, der Auferstandene – die Person, die sich uns mitteilt in ihrer durch das Kreuz hindurchgegangenen Liebe.«14

Die Hauptfrucht der Kommunion ist, daß der Herr »uns an seinem Leib und seinem Blut teilhaben läßt, damit wir einen einzigen Leib bilden«15 und in unserem geistlichen Leben das geschieht, was die leibliche Speise im leiblichen Leben bewirkt. »Die Kommunion mit dem Fleisch des auferstandenen Christus, >das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft< (Presbyterorum ordinis, 5), bewahrt, vermehrt und erneuert das in der Taufe erhaltene Gnadenleben. Damit das christliche Leben wächst, muß es durch die eucharistische Kommunion, das Brot unserer Pilgerschaft, genährt werden bis zur Todesstunde, in der es uns als Wegzehrung gereicht wird.«16

Jede Kommunion stärkt die Liebe, die sonst im täglichen Leben zu erlahmen droht. »Wenn Christus sich uns schenkt, belebt er unsere Liebe und gibt uns Kraft, mit ungeordneten Anhänglichkeiten an Geschöpfe zu brechen und uns in ihm zu verwurzeln.«17 Mit Christus durch die Kommunion vereint, empfinden wir untereinander die Verbundenheit in der Kirche tiefer und die Verantwortung gegenüber den Armen stärker. Das Sakrament der Einheit läßt uns um so schmerzlicher die Spaltungen der Kirche empfinden, »die die gemeinsame Teilnahme am Tisch des Herrn abbrechen«18.

Die Teilhabe an den Früchten der heiligen Kommunion ist von der Art und Weise abhängig, wie wir uns auf sie vorbereiten und einstimmen. »Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie du dich auf den Empfang der Eucharistie vorbereiten würdest, wenn du nur ein einziges Mal im Leben kommunizieren könntest?

Danken wir Gott, weil er es uns so leicht macht, uns ihm zu nähern! Danken wir ihm, indem wir uns sehr gut darauf vorbereiten, ihn in der heiligen Kommunion zu empfangen.«19

1 Ps 145,16. – 2 Mt 14,13-21. – 3 Mk 6,34. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 439. – 5 Mk 6,33-34. – 6 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 675. – 7 vgl. Mt 26,26; Mk 14,22; Lk 22,19; 1 Kor 11,25. – 8 Erstes Hochgebet. – 9 Sequenz Lauda Sion Salvatorem. – 10 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 304. – 11 Röm 8,35.37-39. – 12 J. Ratzinger, Eucharistie – Mitte der Kirche, München 1978, S. 52. – 13 Joh 6,56. – 14 J. Ratzinger, a.a.O., S. 54. – 15 Katechismus der Katholischen Kirche, 1331. – 16 ebd., 1392. – 17 ebd., 1394. – 18 ebd., 1398. – 19 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 828.