Tagesmeditation

JAHRESKREIS
15. WOCHE – MONTAG

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Die Eltern und die Berufung ihrer Kinder

Die familiären Bindungen und der Ruf Gottes.
Das Schwert der höchsten Liebe.
Das Gottesgeschenk der Berufung.

I. Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Diese Worte des heutigen Evangeliums1 stehen im Zusammenhang mit den Unterweisungen, die Jesus den zwölf Aposteln vor ihrer Aussendung gibt. Wer in Jesus nur den Verkünder eines harmonischen Menschenbildes sehen möchte, muß sie rätselhaft finden. Wer an Jesus als den menschgewordenen Sohn Gottes glaubt, bekennt, daß er durch das Schwert des Leidens die Sünde bezwungen hat. Und wer die Nachfolge ernst nimmt, erfährt am eigenen Leib, daß dazu Kämpfen und Sichwidersetzen gehören: gegen dunkle Regungen, Lauheit und Feigheit im Inneren und gegen Gleichgültigkeit und Konformismus nach außen.

Es ist wahr: Jesu Wort ruft die Menschen zur Eintracht im heiligen Willen Gottes auf; dennoch wirkt es zunächst nicht Einheit, sondern Trennung. Wer am Frieden Anteil haben will, soll das Schwert nehmen: »Je tiefer ein Mensch Christ wird, desto tiefer unterscheidet sich sein Dasein von den anderen, die nicht Christen sein wollen, oder soweit sie es nicht sein wollen. Dieses Anderssein läuft durch die nächste Verbundenheit; denn das wirkliche Christwerden ist keine Sache natürlicher Veranlagung oder geschichtlicher Entwicklung, sondern innerste Entscheidung des Einzelnen.«2 Alles ist von der umwälzenden Kraft seiner Botschaft betroffen, und die Scheidung kann bis in den Ort tiefster menschlicher Bindungen hineinreichen – bis in die Familie.

= 2 Alles ist von der umwälzenden Kraft seiner Botschaft betroffen, und die Scheidung kann bis in den Ort tiefster menschlicher Bindungen hineinreichen – bis in die Familie.In der Familie spiegelt sich die schöpferische Liebe Gottes am deutlichsten wider, und dennoch können sich in ihr Konflikt und Entzweiung als Folge einer konsequenten Entscheidung zur Nachfolge einstellen. Wer die Liebe Gottes, durch die Menschwerdung anschaulich gemacht, ernst nimmt, findet in Jesus das Maß dieser Liebe. Er stellt alles in seinem Leben unter die Nachfolge Jesu: nicht nur Sachentscheidungen, sondern auch die Menschen und die innigsten familiären Bindungen. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.

Die Worte des Herrn schränken das vierte Gebot nicht ein, sie stellen es an seinen gebührenden Platz unter das erste. »Gott hat uns zuerst geliebt. An diese Liebe des einen Gottes erinnert das erste der >zehn Worte<. Die darauf folgenden Gebote erläutern die liebende Antwort, die der Mensch seinem Gott geben soll.«3 Das erste Gebot ordnet die Hierarchie der Liebe nach der seinsmäßigen Wirklichkeit, die beim vierten Gebot heißt: »Die Vaterschaft Gottes ist die Quelle der menschlichen Elternschaft.«4

Die Liebe zwischen Eltern und Kindern kennt im Laufe des Lebens verschiedene Phasen. »Unterscheidendes Merkmal der Elternliebe ist die Selbstlosigkeit, ihr Gratis-Charakter. Darin liegt die Abbildhaftigkeit von Vater- und Muttersein mit der Liebe des Vatergottes zu seinen Geschöpfen. Er will, daß sie leben, und eben dieses wollen auch die Eltern für ihre Kinder. Darum haben und erziehen sie diese Kinder nicht etwa für sich, sondern für deren eigenes Leben.«5 Weitsichtige Eltern erziehen ihre Kinder daraufhin, daß sie eines Tages ihren eigenen Weg gehen können, und sie sehen das Verlassen des Elternhauses – meistens um eine neue Familie zu gründen – nicht als Katastrophe, sondern als Gesetz des Lebens. Gläubi= 5 Weitsichtige Eltern erziehen ihre Kinder daraufhin, daß sie eines Tages ihren eigenen Weg gehen können, und sie sehen das Verlassen des Elternhauses – meistens um eine neue Familie zu gründen – nicht als Katastrophe, sondern als Gesetz des Lebens. Gläubge Eltern wissen außerdem, daß sie »Mitarbeiter Gottes« sind und »daß Christus niemals Seelen auseinanderreißt«6.

Diese normale Entwicklung zu erschweren oder zu verhindern kann Quelle der Spaltung und Sünde sein – dann nämlich, wenn die Liebe ihren Bezugspunkt verliert und zum egoistischen Besitzenwollen oder Nicht-loslassen-Können wird.

Anders ist es indes, wenn die gegenseitige Liebe zwischen Eltern und Kindern unter dem Gesetz der Nachfolge steht. Dann bleibt sie für die Hingabe an Gott empfänglich und gegen egoistische Ansprüche gefeit. Und die Eltern sehen es als Gottesgeschenk, wenn eines ihrer Kinder die Hingabe an Gott in Ehelosigkeit um Christi willen wählt.

II. Als der zwölfjährige Jesus im Tempel zurückblieb, ohne daß seine Eltern es merkten7, und diese ihn nach dreitägigem Suchen wiederfanden, sagte Maria zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Jesus – ein Kind noch – antwortet: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?8

Es ist die erste Lehre, die uns aus dem Mund des Herrn erreicht. Die ungenierte und zugleich gewichtige Antwort des Kindes gilt Kindern wie Eltern; sie verweist auf eine Grenzscheide in den familiären Bindungen. Wenn Jesus später von dem Schwert spricht, das er zu bringen gekommen sei, »dann ist damit die scharfe Schneide gemeint, die den zur Nachfolge berufenen und in sie einwilligenden Christen von den Anhänglichkeiten löst, die im Wege stehen. Es ist das Schwert der höchsten Liebe, das die Fesseln durchtrennt, die das Herz gefangenhalten und an der Ganzhingabe hindern. In dem so befreiten Herzen aber finden auch die nachgeordneten Anhänglichkeiten ihren rechten Platz, ja sie werden um vieles tiefer und reicher und fruchtbarer. Christus fordert nicht, Vater und Mutter, Sohn und Tochter nicht zu lieben, sondern sie nicht mehr zu lieben als ihn, den menschgewordenen Gott. Und das bedeutet keine Schwächung oder Abwertung der natürlichen Bindungen und Neigungen, vielmehr ihre Intensivierung durch die Hineinnahme in die vollkommenere Christusliebe.«9

Maria hat damals die Worte, die sie im Tempel vernahm, wohl nicht verstanden, doch im Herzen bewahrt. Später, als Jesus das Zuhause von Nazaret verließ, wird sie sich an sie erinnert und sie so verstanden haben, wie viele Mütter sie heute verstehen können. Den Eltern sagen diese Worte, daß sie nicht an die Stelle Gottes treten dürfen; ihre Kinder gehören vor allem Gott, und er hat das Recht, sie zur Ganzhingabe zu rufen. Den Kindern sagen sie, daß die Liebe zur Familie kein Hindernis sein soll, um diesem Ruf zu folgen. Und für alle – Eltern wie Kinder – sind sie eine Erinnerung daran, daß die familiären Bindungen nicht absolut sind. Es wäre betrüblich, wenn ein Sohn oder eine Tochter sich dem klar erkannten Ruf Gottes versagte, nur um die Eltern nicht zu vergrämen; und noch betrüblicher wäre es, hätten die Eltern solch falsches Verhalten ihres Kindes durch ihr Aufbegehren mitverschuldet.

Eltern tun sich manchmal mit der Entscheidung eines Kindes zur Nachfolge Christi in Ehelosigkeit schwer. Dabei können einsichtige Gründe eine Rolle spielen, wenn sie etwa plausible Pläne aufgeben müssen. Manchmal sind es freilich egoistische Motivationen, die womöglich im Verlust des Glaubenssinnes liegen oder in rein diesseitigen Lebensvorstellungen: »Ohne Scheu bekämpfen sie mit allen möglichen Mitteln den göttlichen Ruf, auch mit Mitteln, die nicht bloß die Berufung gefährden, sondern selbst das Gewissen und das ewige Heil jener Seelen, die ihnen doch so teuer sein müßten.«10

Solche Schwierigkeiten dürfen für die Berufenen kein Grund sein, die Treue zur eigenen Berufung in Frage zu stellen. Sie ist das höchste Gut für den einzelnen und ein Segen für die ganze Familie. Und ihr liebevolles Verhalten soll den Eltern helfen, nach und nach gewahr zu werden, wie eine Berufung zur Ganzhingabe an Gott die familiären Bindungen läutert und nicht löst. So werden sie irgendwann einmal begreifen: »Es ist für die Eltern kein >Opfer<, wenn Gott sie um ihre Kinder bittet; und es ist für die von Gott Berufenen kein Opfer, wenn sie ihm folgen. Vielmehr ist der Ruf eine unermeßliche Ehre, ein Grund zum heiligen, erhabenen Stolz, ein Erweis der Auserwählung und ein Zeichen der großen Liebe, die Gott zwar in einem ganz bestimmten Augenblick wahrnehmbar werden läßt, die aber von Ewigkeit her in ihm beschlossen war.«11

III. Das Evangelium schildert an vielen Stellen die Sorge von Eltern um ihre Kinder. Die kananäische Frau, die mit bewegender Ausdauer den Herrn bestürmt, bis er ihre Tochter heilt12, der Vater, der um Erbarmen für seinen vom Teufel gequälten Sohn bittet13, der Synagogenvorsteher, der Jesus zu Füßen fällt, weil seine Tochter im Sterben liegt14… Und wir hören sogar vom irgendwie sympathischen Ehrgeiz einer Mutter, die befürchtet, ihre Söhne würden sich nicht genügend zur Geltung bringen15: die Mutter des Jakobus und Johannes legt sich mächtig für die beiden ins Zeug.

All diese Menschen verbindet ein großes Vertrauen zu Jesus: Gute Eltern wünschen stets das Beste für ihre Kinder. Die Opfer, die sie bringen, betrachten sie in der Regel als selbstverständlich, und sie bringen sie von der Geburt bis zu dem Augenblick, da die Kinder das elterliche Haus verlassen, und auch noch darüber hinaus. Wenn sie gläubige Menschen sind, wissen sie: »Die Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe beschränkt sich nicht darauf, Kinder zu zeugen; sie muß sich auch auf ihre sittliche Erziehung und ihre geistliche Bildung erstrecken.«16

Dies im Blick zu haben ist besonders für Eltern wichtig, deren Kinder noch klein sind. Gerade weil sie »die ersten und wichtigsten Erzieher ihrer Kinder«17 sind, müssen sie an sich selbst arbeiten. »Die entscheidenden und wertvollsten menschlichen Eigenschaften und Tugenden sollen nicht gelernt, sondern ganz natürlich >ausgeatmet< werden. Eine auf die Erziehung der Kinder völlig unvorbereitete Frau kann ja, innerlich von allzuviel Sorgen und Ängsten bewegt, die notwendige Ansteckungskraft dieser edelmütigen, bereit-offenen Eigenschaften und Tugenden gar nicht besitzen und ausstrahlen. Deshalb beschränkt sie ihre im Jammerton vorgetragenen, langweiligen Ermahnungen oft auf den Bereich kleiner - kleinlicher - Verhaltensweisen und Umgangsformen.

Sie kann zwar manchmal wie eine verwundete Löwin brüllen, aber sie predigt nur Kleinigkeiten: Sparsamkeit – nicht Großzügigkeit dem Geld gegenüber, Vorsicht – nicht Mut und Kühnheit, Schlauheit – nicht Liebe zur Wahrheit, Gemütlichkeit – nicht Opfergeist und frohe Ideale, Erfolgssucht – nicht Verlangen nach Wissen und Dienen!«18

Andererseits: wie oft schenkt Gott Kindern wegen der Großzügigkeit, der klugen Umsicht und des langmütigen Betens ihrer Eltern die Berufung zur Ganzhingabe! Mehr noch, der Herr bedient sich für gewöhnlich der Eltern, um das geeignete Klima zu schaffen, in dem eine Berufung gedeihen kann.

Eine Berufung zur Ganzhingabe an Gott ist ein Gottesgeschenk für alle in der Familie und ein Zeichen göttlichen Vertrauens: »Es ist kein >Opfer<, die Kinder hinzugeben, damit sie Gott dienen - es ist Ehre und Glück.«19

1 Mt 10,34-11,1. – 2 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 343. – 3 Katechismus der Katholischen Kirche, 2083. – 4 ebd., 2214. – 5 I. Vermehren, Wie wird mein Kind Christ?, Eltern-Forum 2/87. – 6 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 23. – 7 vgl. Lk 2,41-50. – 8 Lk 2,49. – 9 P. Berglar, Opus Dei – Leben und Werk des Gründers Josemaría Escrivá, Köln 1992, S. 115. – 10 Pius XI., Enz. Ad catholici sacerdotii. – 11 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.18. – 12 vgl. Mt 15,21-28. – 13 vgl. Mt 17,14-18. – 14 vgl. Mk 5,21-24. – 15 vgl. Mt 20,20-21. – 16 Katechismus der Katholischen Kirche, 2221. – 17 ebd., 1653. – 18 J.B. Torelló, Psychologie des Alltags, Linz o.J., S. 63. – 19 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 22.