JAHRESKREIS
32. SONNTAG (LESEJAHR A)
19
DAS GLEICHNIS von DEn ZEHN JUNGFRAUEN
In
Erwartung des Kommenden.
Christus, der Richter.
Die tägliche Gewissenserforschung.
I. Den Zuhörern Jesu war – anders als uns – der Hintergrund des heutigen Evangeliums1 wohlbekannt. Ein Jahr nach der Verlobung wurde in Israel die Braut heimgeführt. »Der Bräutigam zog mit seinen Familienangehörigen und Freunden in festlichem Gewande und mit dem Turban auf dem Haupt zum Hause der Braut. Dort wurde er von den Freundinnen der Braut, die dem nahenden Bräutigam entgegengingen, empfangen.«2
Erwartung und Ankunft des Bräutigams bilden die Mitte des heutigen Gleichnisses. Der Bräutigam läßt darin lange auf sich warten, er trifft – spät und plötzlich – erst um Mitternacht ein, deshalb wurden sie alle müde und schliefen ein. Einige der Wartenden hatten sich darauf eingestellt, andere aber traf die Ankunft unvorbereitet: Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Unter den im Gleichnis erwähnten »Lampen« müssen wir uns Fackeln vorstellen, »lange Stangen, um deren oberes Ende große, ganz mit Olivenöl gesättigte Lappen gewickelt sind. Da diese Fackeln nur eine geringe Brenndauer haben, müssen sie immer neu mit Öl getränkt werden; darum wird in einem kleinen Krug das Öl zum Nachgießen mitgeführt. Mit den lodernden Fackeln zogen die Jungfrauen in feierlichem Festzug bis zum Hochzeitshause, wo sie Tänze und Reigen mit den Fackeln in der Hand aufführten, bis diese erloschen.«3
Der Herr selbst gibt uns die entscheidenden Hinweise, wie das Geschehen auf das spirituelle Leben zu übertragen ist. Er vergleicht es mit dem Himmelreich und fordert uns auf: Seid also wachsam, denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde. Der Bräutigam ist der Herr, die Wartenden die Menschen. In den Händen tragen die einen Taten der Liebe, die anderen Werke ohne Verdienste. »Die Kirche erwartet gemäß der Heiligen Schrift >die Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit< (Dei Verbum I,4), die nach ihrem Glauben jedoch als unterschieden und abgesetzt zu verstehen ist von der Situation des Menschen unmittelbar nach seinem Tod.«4 Sicher verweist Jesus in einem umfassenden Sinne auf das Ende der Zeiten, aber der Betende findet darin auch seine endlich bemessene Lebenszeit, die endgültige Begegnung mit dem Herrn und den Eintritt jener Endgültigkeit nach dem Tod, die das Buch Kohelet so andeutet: Wenn ein Baum nach Süden oder Norden fällt – wohin ein Baum auch fällt, da bleibt er liegen.5
»Die Kirche glaubt, indem sie am Neuen Testament und an der Überlieferung treu festhält, an die Seligkeit der Gerechten, die einmal bei Christus sein werden. Ebenso glaubt sie, daß eine ewige Strafe den Sünder so trifft, daß er der Anschauung Gottes beraubt wird und daß die Auswirkung dieser Strafe das ganze Sein des Sünders erfaßt. Was aber die Auserwählten betrifft, so glaubt sie, daß vor der Anschauung Gottes eine Reinigung stattfinden kann, die jedoch von der Strafe der Verdammung völlig verschieden ist.«6
Das Warten der zehn Jungfrauen ist nicht als rein passiv zu verstehen, sondern war Teil des Auftrags. Während fünf von ihnen sich von Anfang an auf das Wesentliche konzentrieren und auch die Zeit des Wartens bedacht haben – sie nehmen Öl in ihren Lampen mit -, meinen die anderen fünf – vielleicht nur unterschwellig: »Es hat noch Zeit.« Ist das nicht die Versuchung vieler: den Tag und die Stunde durch tausend unwichtige Dinge zu verdrängen?
Wie läßt sich das Gleichnis auf unser eigenes Leben anwenden? Indem wir das Entscheidende fest im Auge behalten: wir sind zum Hochzeitsmahl geladen. Das gibt allem anderen – Erfolg oder Mißerfolg, Gesundheit oder Krankheit, Armut oder Reichtum – seinen Stellenwert. Das Hier und Heute soll auf die Vollendung des Lebens hin ausgerichtet sein.
Was aber heißt brennendes Licht in Händen tragen denn anders als innere und äußere Werke der Liebe? Dieses Licht ist Zeugnis: im Tun oder im Erleiden, im Großen wie im Kleinen. Aber nur das Öl – die Liebe – läßt die Fackel brennen und leuchten.
Prüfen wir in der Gegenwart des Herrn, ob wir heute und jetzt in dieser Spannung einer hoffenden Liebe leben. Käme Christus uns heute entgegen – fände er uns wachend und bereit?
II. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! »Die noch verschleierte Braut erwartete den Bräutigam festlich geschmückt im Hause. Nachdem der Vater der Braut als Abschiedsgruß ein kurzes Segenswort gesprochen, setzte sich der Hochzeitszug, begleitet von den Jungfrauen mit den brennenden Fackeln, unter Musik und Paukenschlag in Bewegung. (…) Singend und tanzend, mit einem Myrtenzweig in der Hand, gelangten die Hochzeitsgäste zum Haus des Bräutigams. An der Hochzeitstafel erreichte der Jubel seinen Höhepunkt.«7
Der Höhepunkt naht, wenn die Leute rufen: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Die Bilder, die wir in der Heiligen Schrift verwandt finden, verdienen unsere Ehrfurcht. »Man muß ihren tieferen Sinn verstehen und die Gefahr vermeiden, sie allzu sehr abzuschwächen, weil das oft die Wirklichkeit selbst verflüchtigt, die in diesen Bildern angedeutet wird.«8
So ist es mit dem heutigen Gleichnis. Gleich nach dem Tod wird die Seele im besonderen Gericht mit einem gottgeschenkten Licht augenblicklich und bis in ihre tiefsten Verästelungen Tun und Lassen, Verdienste und Verfehlungen während ihres irdischen Lebens gewahren. Manche kleinen Bezeugungen des Glaubens werden in ihrer echten Größe erscheinen: nicht nur das Stoßgebet beim Vorbeigehen an einer Kirche oder inmitten der Arbeit, sondern auch die Mühe eines der Ermüdung abgetrotzten Lächelns, das Glaubensgespräch mit dem Freund, der Krankenbesuch, die großzügige Unterstützung eines apostolischen Werkes, die entschiedene Zurückweisung einer Versuchung oder die aufrichtige, beschwerliche Beichte …
Ebenso werden wir im Lichte Gottes vieles bereuen: manch verpaßte Gelegenheit, Nächstenliebe zu üben, manche Ängstlichkeit, Zeugnis zu geben, manche Situation, in der die Gnade keinen bereiten Boden fand! Manch schlechtes Beispiel, das andere vom Guten abgehalten, ja zum Bösen verführt hat!
Christus ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten9. Der Apostel Paulus ermahnt die Korinther: Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.10
All dies ist Anlaß, Tag für Tag die Glaubenstreue zu erneuern, die Dinge des Alltags im Blick auf Gott zu verrichten. Dann empfinden wir nicht Furcht, sondern Freude und Frieden, wie die heilige Theresia sagt: »Ein großer Trost wird für uns in der Stunde des Todes der Gedanke sein, daß wir von dem gerichtet werden, den wir über alles geliebt haben. Wir werden dann mit Zuversicht zum Gericht über unsere Schulden gehen können. Unsere Reise wird uns nicht in ein fremdes Land, sondern in unser eigenes Heimatland führen, weil es dem gehört, den wir so innig lieben und der auch uns so sehr liebt.«11
Gleich nach dem Tode wird die Seele zum ewigen Hochzeitsmahl geladen oder für immer davon ausgeschlossen. Jetzt haben wir diese Entscheidung in der Hand. Prüfen wir im Lichte der brennenden Fackeln unsere Handlungen und fragen wir uns, ob sie vor dem göttlichen Richter Bestand haben können. Im Antwortpsalm der heutigen Messe heißt es: Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.12 Ich weiß gut, Herr, daß dies das einzig Sinnvolle ist: sie gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen.
III. Vom seligen Josemaría Escrivá ist ein nachdenkenswertes Wort überliefert: Manche Dinge vergißt man nicht wegen mangelnden Gedächtnisses, sondern wegen mangelnder Liebe. Es kann sein, daß Nachlässigkeit, Lauheit oder eine ungezügelte Anhänglichkeit an Irdisches daher kommen, daß jemand die Dinge Gottes unterschwellig geringschätzt.
Anders, wenn einer wirklich liebt. Er vergißt den Geliebten nicht, und auch nicht, was mit ihm zu tun hat. Daher ist das Seid also wachsam! des Gleichnisses weder Bangigkeit noch seelischer Streß, sondern die selbstverständliche innere Gespanntheit dessen, der auf den Vater und Schöpfer blickt und Gott in allem zu finden vermag.
Wie können wir uns auf die endgültige Begegnung mit dem Herrn vorbereiten? Wie das vorübergehende Heute vom ewigen Heute Gottes her gestalten? »Am Abend unseres Lebens werden wir nach unserer Liebe gerichtet werden« schreibt der heilige Johannes vom Kreuz13. Es gilt, schon jetzt zu einer tieferen Selbsterkenntnis zu gelangen, um, wo immer nötig, unser Handeln zu läutern. Dies geschieht unter anderem durch die tägliche Gewissenserforschung. Dort prüfen wir im Lichte»der Gnade und im Blick auf das Eigentliche unser Tun und Lassen, unser Denken und Fühlen. Paulus weist diesen Weg, wenn er an die Korinther schreibt: Gingen wir mit uns selbst ins Gericht, dann würden wir nicht gerichtet.14
Die tägliche Gewissenserforschung ist etwas anderes als ein routinemäßiges Bilanzieren. Sie schließt Zurechtrücken, Läuterung, Dank und Reue ein und mündet in Vorsätzen für den nächsten Tag. Und immer bringt sie die Einsicht, daß Gottes Gnade mächtiger ist als die stärkste willentliche Anstrengung.
Auf vielen alten Darstellungen erscheint Christus als der segnende Herr, dessen Linke das Buch des Lebens mit den Buchstaben Alpha und Omega hält. Er – Anfang und Ende allen Lebens – soll Anfang und Ende unseres Tages sein, bis wir das Buch des eigenen Lebens Seite um Seite zu Ende geschrieben haben. Wieviele Seiten fehlen noch? Nur Gott weiß es.
Am Ende unseres Gebetes wollen wir uns unserem Schutzengel anempfehlen. Er »begleitet uns ständig, er ist ein Kronzeuge unseres Tuns. Im persönlichen Gericht nach deinem Tode wird er all die kleinen Aufmerksamkeiten bezeugen, die du im Laufe deines Lebens dem Herrn aus Liebe erwiesen hast. Mehr noch: Wenn du wegen der furchtbaren Anklage des Feindes befürchtest, verloren zu gehen, dann wird dein Engel all jene tiefen Regungen deines Herzens – die du vielleicht schon vergessen hattest – und all die Zeichen der Liebe bezeugen, die du Gott dem Vater, Gott dem Sohn, Gott dem Heiligen Geist gewidmet hattest.Vergiß also deinen Schutzengel niemals! Und dieser machtvolle Himmelsfürst wird auch dich niemals vergessen, weder jetzt noch in jener entscheidenden Stunde.«15
Mt 25,1-13. – 2 G.Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.181. – 3 ebd. S.182. – 4 Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Eschatologie, 17.5.1979, 5. – 5 Koh 11,3. – 6 Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Eschatologie, 7. – 7 G.Kroll, a.a.O., S.182. – 8 Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Fragen der Eschatologie, 7. – 9 Apg 10,42. – 10 2 Kor 5,10. – 11 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 40,8. – 12 Ps 63,2. – 13 Johannes vom Kreuz, Dichos de luz y amor, 57. – 14 1 Kor 11,31. – 15 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.693.
