JAHRESKREIS
25. WOCHE – MITTWOCH
15
KRANKE BESUCHEN
Christus
nimmt sich der Leidenden an. Dienst am Leidenden ist Dienst an Christus.
Durch Anteilnahme erfahren wir selbst Gutes.
Sich fremder Not öffnen weitet das Herz.
I. Unter den leiblichen Werken der Barmherzigkeit hat die Kirche von Anfang an die Sorge um die Kranken besonders hochgeschätzt. Die Evangelien stellen die Barmherzigkeit des Herrn mit den Leidenden heraus. Man brachte Kranke mit den verschiedensten Gebrechen und Leiden zu ihm, und er heilte sie alle Der Apostel Petrus kann das Leben Jesu mit einem einzigen Satz zusammenfassen: er sagt, Jesus zog umher, tat Gutes und heilte . »Er heilte die Kranken, tröstete die Trauernden, sättigte die Hungernden, befreite die Menschen von Taubheit und Blindheit, vom Aussatz, von bösen Geistern und von körperlichen Gebrechen. Dreimal gab er Toten das Leben zurück. Er war empfänglich für jedes menschliche Leiden, für das des Leibes ebenso wie das der Seele.= 3 Der Herr weicht dem Leiden nicht aus, er geht darauf zu. Er wartet nicht, bis der Gelähmte am Betesda-Teich, der schon achtunddreißig Jahre krank war, ihn anspricht. Er sagt ihm: Willst du gesund werden?4 Zum römischen Hauptmann, dessen Diener krank war sagt er: Ich will kommen und ihn gesund machen Nach dem Evangelium der heutigen Messe gab Jesus seinen Jüngern die Kraft und die Vollmacht, (…) die Kranken gesund zu machen. Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen.
»Mit dem Auftrag: >Heilt die Kranken< ( 10,8) hat Jesus seine Sorge für die Kranken seinen Jüngern übertragen. Die Kirche versteht dieses Wort als an sich gerichtet und bemüht sich, diesen Auftrag zu erfüllen.= 7 Sie ermuntert die Christen, in jedem Kranken den Menschen zu sehen, den Gott als sein Abbild schuf8, ja, im Leidenden den Herrn selbst zu sehen, der sprach: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, (…) ich war krank, und ihr habt mich besuch Dienst am Leidenden ist Dienst an Christus in den Gliedern seines mystischen Leibes. »Kind. Kranker. Seid ihr nicht versucht, diese Worte ganz in großen Buchstaben zu schreiben?
Für einen in ihn verliebten Menschen sind die Kinder und die Kranken wirklich er.«10
II. Nach Augustinus ist das Erbarmen »eine Art von Mitleiden, das unser Herz fremdem Elend gegenüber ergreift und uns antreibt, zu helfen, wenn wir können.«11 Wer im christlichen Geist einen Kranken besucht, verrichtet nicht bloß eine Geste der Höflichkeit, sondern trägt an dessen Leiden mit. Dies geschieht schon dadurch, daß er ihm Zeit widmet und dem verfänglichen Gedanken nicht nachgibt, er hätte Wichtigeres zu tun. Manchmal werden wir nur einen kleinen materiellen Dienst leisten oder eine schlichte Unterhaltung führen können. Aber schon dies ist für den Kranken ein Zeichen, daß er uns nicht gleichgültig ist. Oft wird es auch möglich sein, gemeinsam zu beten oder ein aufmunterndes Wort des Glaubens zu sprechen. Andere Male werden wir erkennen, daß ein stilles Dabeisein die glaubwürdigste Form der Anteilnahme ist. Immer handelt es sich um Hilfen, die wir in Christi Namen und deshalb mit dem Wunsch leisten, es möge etwas von seiner Liebe spürbar werden. Papst Johannes Paul II. schreibt: »Das Leiden, welches unter so vielen verschiedenen Formen in unserer Menschenwelt vorhanden ist, soll auch dazu dienen, im Menschen die Liebe zu wecken, eben jene uneigennützige Hingabe des eigenen >Ich< zugunsten der anderen, der leidenden Menschen. Die Welt des menschlichen Leidens fordert sozusagen unaufhörlich eine andere Welt: die Welt der menschlichen Liebe; und jene uneigennützige Liebe, die in seinem Herzen und in seinem Handeln erwacht, verdankt der Mensch in gewissem Sinne dem Leiden.«12
Als Gesunde können wir oft nicht ermessen, wieviel Gutes wir durch die Anteilnahme an fremdem Leiden bewirken können. Doch wir können ahnen, daß wir selber dadurch viel Gutes empfangen. Der Herr weitet uns das Herz und läßt uns die Wahrheit seines Wortes kosten: Geben ist seliger als nehmen.13
III. Ein weiteres Wort des heiligen Augustinus sagt, daß das Erbarmen »der Glanz der Seele«14 ist. Es ist eine Form der Liebe, die viele Sünden zudeckt15; denn »wer beginnt, sich des Elends eines anderen zu erbarmen, ist auf dem Weg, die Sünde zu verlassen.«16 Deshalb kann es sinnvoll sein, daß wir auch anderen helfen, den Sinn eines Krankenbesuches zu entdecken. Wer kaum ein Auge für die Not anderer hat, läuft Gefahr, egoistisch zu werden. Und Egoismus verhärtet das Herz. Das Gespür hingegen für die Nöte anderer Menschen läßt die Seele feinfühliger für die Liebe zu Gott werden. Man lernt, das Irdische zu relativieren und die Verheißungen Gottes als das Eigentliche zu verstehen. Im ersten Johannesbrief heißt es: Wir wissen, daß wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Die Nächstenliebe schärft den Blick für Gott und für die Wohltaten, die wir von ihm empfangen. Sie macht uns dankbarer.
»So stark deine Liebe auch ist, nie wird sie groß genug sein. – Des Menschen Herz vermag sich wunderbar zu weiten. Wenn es liebt, dann sprengt es, in einem crescendo der Liebe, alle Fesseln. – Wenn du Gott liebst, dann findet jedes Geschöpf in deinem Herzen einen Platz.«18
Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, daß in einem wohlgeordneten Staatswesen die Hilfe des einzelnen nicht mehr nötig wäre. In den großen Altersheimen und Krankenhäusern verbirgt sich oft viel Not: die Not des Alleinseins, des Sich-überflüssig-Fühlens, des Nicht-mehr-gebraucht-Werdens kann nur durch die Zuwendung einzelner im Geiste Christi gelindert werden. Es scheint, daß die Zahl der Leidenden in unserer Gesellschaft immer größer wird. Sie brauchen unsere Anteilnahme.
Die Kirche betet zu Maria, Consolatrix afflictorum, zur Trösterin der Betrübten. Mit ihr wollen wir andere trösten.
4,24. – 10,38. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Salvifici doloris, 11.2.84, 16. – 5,6. – 8,7. – 9,1-6. – Die Feier der Krankensakramente, Einführungswort, S.19. – vgl. 1,27. – 25,34.36. – J.Escrivá, , Nr.419. – Augustinus, Gottesstaat, 9,5. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Salvifici doloris, 11.2.84, 29. – 20,35. – Augustinus, in: Catena aurea, 6. – vgl. 4,8. – Augustinus, in: Catena aurea, 6. – 3,14. – J.Escrivá, Der Kreuzweg, VIII, 5.
