JAHRESKREIS
9. WOCHE – DONNERSTAG
25
DAS ERSTE GEBOT
Wenn alle
so aufrichtig gefragt hätten.
Götzen unserer Zeit.
Tausend Gründe, um Gott zu lieben.
I. Das heutige Evangelium1 berichtet von einem Gespräch, das sich kurz vor der endgültigen Absage der Führer des Volkes an Jesus zuträgt. Die Begegnung mit dem aufrichtig fragenden Gesetzeslehrer hebt sich wohltuend von anderen Begegnungen ab, die mehr auf Konfrontation aus sind. Er will wissen, welches das Hauptgebot des Gesetzes ist. »Dieser hat richtig gefragt und darum auch die Antwort vernommen. Er hat aus der Tiefe heraus gefragt, welche der Höhe Gottes zugeordnet ist; aus dem Verlangen, welches dem Sprechen der Offenbarung entspricht – so hat er auch die Antwort verstanden, die aus dem Raum der Offenbarung kam. Hier wird deutlich, wie es hätte sein können. So hätten alle fragen und hören müssen. Wenigstens so viele, daß sie den geschichtlichen Augenblick hätten bestimmen können. Denn das ist ja das Erschütternde dieses Augenblicks, daß alles darauf ankommt, ob dieser oder jener gläubig wird! Hier geht es nicht um eine jederzeit wiederholbare Verkündigung, sondern um jetzt sich zutragende, nie wiederkehrende Geschichte. Es geht darum, ob der, der das Wort Gottes bringt, am Leben bleiben darf oder nicht. Es geht um die schreckliche, armselige und zugleich den ewigen Ernst der Gottesgeschichte in sich tragende Sache, ob sich jetzt genug glaubende Herzen finden, um die Katastrophe verhindern zu können.«‘ Uber diesen letzten Stunden schwebt – mit menschlichen Augen gesehen – die Tragik der Ablehnung. Bald wird Jesus ausgeliefert werden und sterben – aber der Glaube sagt uns: um unseres Heiles willen. Es ist keine theoretische Spekulation, sich zu fragen, = 2 Über diesen letzten Stunden schwebt – mit menschlichen Augen gesehen – die Tragik der Ablehnung. Bald wird Jesus ausgeliefert werden und sterben – aber der Glaube sagt uns: um unseres Heiles willen. Es ist keine theoretische Spekulation, sich zu fragen,was geschehen wäre, wenn alle, die damals Christus begegneten, so reagiert hätten; es führt zum Nachdenken über das eigene Leben und über unsere eigene Art und Weise, Gottes Wort zu vernehmen und in die Tat umzusetzen.
Jesus antwortet auf die Frage des Gesetzeslehrers mit den Worten des wichtigsten jüdischen Gebetes, des Schema, das jeder erwachsene männliche Jude täglich morgens und abends betete: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Der Gesetzeslehrer reagiert ergriffen, wir hören ihn förmlich die ihm so vertrauten Worte wiederholen, die Jesus gesprochen hat. »Der Nachsatz, den er noch anfügt, zeigt doch, daß ihm auch vom großen Sinn dieses Doppelgebotes etwas aufgegangen ist. Denn es ist seine, des Schriftgelehrten, Entdeckung, daß dieses Gebot, wie es nunmehr der Herr gegeben, Gottes- und Menschenliebe zusammenfassend, größer sei als alle Opfer des Alten Bundes.«3
In diesem Gebot sind das Gesetz und die Propheten zusammengefaßt. »Das Bekenntnis der Einzigkeit Gottes, das in der göttlichen Offenbarung des Alten Bundes wurzelt, läßt sich vom Bekenntnis des Daseins Gottes nicht trennen und ist ebenso grundlegend. Gott ist der Eine; es gibt nur einen Gott.«4 Die Kirche »hält fest und lehrt, daß Gott, Ursprung und Ziel aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen gewiß erkannt werden kann.«5 Der Mensch besitzt diese Fähigkeit, weil er nach dem Bild Gottes erschaffen ist.6 Aber unter den geschichtlichen Bedingungen ist es für ihn schwierig, Gott einzig mit dem Licht seiner Vernunft zu erkennen. Deshalb hat sich Gott in der Offenbarung »seinem Volk Schritt für Schritt und unter verschiedenen Namen zu erkennen gegeben zu erkennen gegeben«7, und »deshalb ist es nötig, daß der Mensch durch die Offenbarung Gottes nicht nur über das erleuchtet wird, was sein Verständnis übersteigt, sondern auch über >das, was in Fragen der Religion und der Sitten der Vernunft an sich nicht unzugänglich ist<, damit es >auch bei der gegenwärtigen Verfaßtheit des Menschengeschlechtes von allen ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums erkannt werden kann<.«8
II. Es gibt keinen anderen außer ihm. Das Volk Israel war seit der Landnahme der Gefahr ausgesetzt, Jahwe, der es in freier Gnadenwahl zu seinem Volk gemacht hatte, untreu zu werden und einem synkretistischen Götzendienst zu verfallen. Dagegen erheben sich immer wieder die Propheten. Bei Jeremias heißt es: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.9
Die mächtigen Nachbarvölker ringsum waren Israel in vieler Hinsicht weit überlegen. Das auserwählte Volk Gottes vermochte oft nicht zu erkennen, daß es im Schatz des geoffenbarten Glaubens viel größere Reichtümer besaß als die Nachbarvölker mit ihrer überlegenen Kultur und ihrer Streitmacht.
Auch heutzutage halten sich hochkultivierte Menschen ihre Götzen: »Die Menschen, von der Erbschuld belastet, erlagen oft mannigfachen Irrtümern über das Wesen Gottes, die Natur des Menschen und die Grundforderungen des Sittengesetzes. Das führte zum Verfall der Sitten und der menschlichen Einrichtungen, ja die menschliche Person selbst wurde nicht selten mit Füßen getreten. Auch in unseren Tagen setzen nicht wenige ein allzu großes Vertrauen auf den Fortschritt der Naturwissenschaften und der Technik und neigen zu einer gewissen Vergötzung der zeitlichen Dinge, mehr deren Sklaven als deren Herren.«10
Auch modernen Götzen mit so wohlklingenden Namen wie »Fortschritt«, »Wohlstand« oder auch unverblümt »Lust« gilt das Wort des Paulus an die Philipper: Ihr Ende ist das Verderben 11.
In der Enzyklika Papst Pius’ XI. »Mit brennender Sorge« heißt es über die Götzen von damals: »Wer in pantheistischer Verschwommenheit Gott mit dem Weltall gleichsetzt, Gott in der Welt verweltlicht und die Welt in Gott vergöttlicht, gehört nicht zu den Gottgläubigen (…), der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge«12. Die deutschen Bischöfe griffen später diese Gedanken auf: »Fremde Götter, das sind aber nicht nur die groben, handgeschnitzten Götter der kulturlosen Naturvölker, sondern auch die feinen Phantasie-Götzen der wahrheitsüberdrüssigen Kulturmenschen. Diese Wahn- und Wunschbilder ihres mythischen Dichtens nennen sie dann >das Göttliche<, um nicht an den wirklichen, persönlichen Gott glauben zu müssen und doch den Schein der Gottgläubigkeit wahren zu können.«13
Diese Gefahren drohen auch uns: »Die Abgrenzung von der Vielgötterei ist auch heute, da es keine Götter im religionsgeschichtlichen Sinne mehr gibt, keineswegs überholt. Denn Götter und Götzen sind alles, was wir an Stelle Gottes zu Letztwerten machen. Götzen können sein: Geld, Ansehen, Arbeit, Macht, Fortschritt, Lust, aber auch: Volk, Rasse, Klasse, Staat, schließlich: Weltanschauungen, Ideologien, Prinzipien u.a. Jeder an sich gute, aber endliche Wert kann zum Götzen werden, der uns fesselt, wenn wir ihn verabsolutieren und wenn wir ihn neben oder gar über Gott und seinen Willen stellen.«14
Eine aktuelle Gefahr liegt in der Verbreitung esoterischer Lehren, die meistens in der Preisgabe des Offenbarungsglaubens enden und zu einer Selbsterlösungslehre werden. Der Mensch ist dann nicht mehr das Geschöpf unterwegs, von Gott und auf ihn hin erschaffen, aus Gnade erlöst und zur vollen Teilnahme am göttlichen Leben berufen, er ist bloß noch Teil der Natur. Alte Mythen kehren zurück, und alte Verkrustungen, die Christus aufgebrochen hatte, bilden sich aufs neue, blinde Mächte bestimmen das Dasein. Gläserrücken und Kartenlegen, Radionik und Pendeln, Schamanen und Pharaonenkult wären lächerlich, gähnte da nicht der Abgrund des »Nebengöttlichen« die Verführung des »Diabolos« des Durcheinanderbringers. Der Mensch erliegt aufs neue der Urversuchung: ihr werdet wie Gott sein15.
III. »Im Glauben an die Liebe Gottes liegt die Aufforderung und die Pflicht, die göttliche Liebe aufrichtig zu erwidern. Das erste Gebot befiehlt uns, Gott über alles und seinetwegen sämtliche Geschöpfe zu lieben (vgl. Dtn 6,4-5).«16 Gott soll wirklich das höchste Gut sein, seine Gebote der Maßstab unserer Entscheidungen.
Es gibt tausend Gründe, Gott zu lieben. Alle lassen sich in dem einen zusammenfassen: »Liebe ist das Wesen Gottes. Indem er in der Fülle der Zeit seinen einzigen Sohn und den Geist der Liebe sendet, offenbart Gott sein innerstes Geheimnis (vgl. 1 Kor 2,7-16; Eph 3,9-12): Er selbst ist ewiger Liebesaustausch – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und hat uns dazu bestimmt, daran teilzuhaben.«17
Glaube, Hoffnung und Liebe geben dem Leben nicht nur seine Richtung, sondern auch Festigkeit und Fülle. Denn dann wissen wir um Gottes Größe und Majestät, leben wir in Danksagung, wissen wir um die Einheit und die wahre Würde aller Menschen, gebrauchen wir die geschaffenen Dinge richtig, vertrauen wir auf Gott in jeder Lage.18
Jede wahre Liebe läßt uns dem Schöpfer ähnlicher werden. Wahrscheinlich hat jeder in seinem Leben erfahren, in wie engem Zusammenhang der innere Frieden damit steht, Gott zu geben, was ihm gebührt. Wer sein Leben außerhalb der gottgewollten Ordnung des ersten Gebotes stellt und auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt, und dessen Herz sich abwendet vom Herrn19, liefert sich dunklen Mächten aus, die der Prophet eindringlich schildert: Er ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen Land, wo niemand wohnt.20 Der Weg dessen, der dem Trieb seines bösen Herzens folgt, ohne auf mich zu hören21, führt von Nachlässigkeit zu Nachlässigkeit, von Versagen zu Versagen, von Sünde zu Sünde auf die abschüssige Bahn, die in Versklavung endet: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.22
Aber wenn euch der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei23. Jeder Akt der Anbetung, der Liebe oder der Reue, jede Kniebeuge vor dem Allerheiligsten, jedes Kreuzzeichen im Laufe des Tages, aufrichtig vollzogen, trägt zu dieser Befreiung bei.
»Das erste Gebot verlangt von uns, unseren Glauben zu nähren, ihn umsichtig und wachsam zu behüten und alles zurückzuweisen, was ihm widerspricht.«24 Gegen das erste Gebot sündigt, wer den Glauben freiwillig gefährdet, die Hoffnung pessimistisch abwertet.
Ob ihr also eßt oder trinkt oder etwas anderes tut, tut alles zur Verherrlichung Gottes!25 Dies ist der Kern des ersten Gebotes: Anbetung und Verherrlichung Gottes werden gleichsam zur Seele jedes Tuns – vor allem natürlich des Betens selbst. Adoro te devote, latens Deitas – Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir26.
1 Mk 12,26-34. – 2 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.377. – 3 J.Dillersberger, Markus, Bd.5, Salzburg 1938, S.37. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 200. – 5 I.Vat.Konz., Konst. Dei Filius, DS 3004. – 6 vgl. Gen 1,26. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 204. – 8 ebd., 38. – 9 Jer 2,13. – 10 II.Vat.Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 7. – 11 Phil 3,19. – 12 Pius XI., Enz. Mit brennender Sorge. – 13 Hirtenbrief der deutschen Bischöfe, Die zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker, 12.9.1943. – 14 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.68. – 15 Gen 3,5. – 16 Katechismus der Katholischen Kirche, 2093. – 17 ebd., 221. – 18 vgl. ebd., 223-227. – 19 Jer 17,5. – 20 Jer 17,6. – 21 Jer 16,12. – 22 Joh 8,34. – 23 Joh 8,36. – 24 Katechismus der Katholischen Kirche, 2088. – 25 1 Kor 10,31. – 26 Hymnus Adoro te devote.
