Tagesmeditation

Jahreskreis
22. Sonntag (Lesejahr A)

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petrus und das Kreuz

Eine Belehrung und eine Zurechtweisung.
Stationen des Wachsens.
Das erlösende Kreuz und das eigene Leiden.

I. Auf das Bekenntnis des Petrus in Cäsarea Philippi1 hatte der Herr freudig geantwortet: Selig bist du, Simon Barjona… Und er hatte den Grund für dieses Lob genannt: nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Im Evangelium dieses Sonntags2 setzt sich das Gespräch unerwartet anders fort; denn gleich danach begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden: er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Es ist das erste Mal, daß Jesus davon redet, und zwar – wie Markus ergänzt – 3. Fängt diese Betonung des Evangelisten, in dem die Überlieferung den Chronisten der mündlichen Predigt des Petrus sieht, die Bestürzung des Apostels ein? Noch zweimal wird der Herr über seine Passion sprechen4, und auch hier ergänzt Markus die Bemerkung des Matthäus: 5, mit dem Hinweis: Sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.6

Jesus führt die Seinen Schritt für Schritt in das Kommende ein. Petrus hat sich im Namen aller zu ihm bekannt, der Herr hat seinen Willen bekundet, auf dem Fels Petri seine Kirche zu bauen. In den Augen Jesu ist die Ankündigung von Leiden, Tod und Auferstehung die folgerichtige Fortsetzung seiner Sendung, in den Augen der Apostel jedoch ein Bruch. Sie sind überfordert.

Petrus reagiert als erster. Wie menschlich ist seine Reaktion, wie erhellend für unser Gebet – und doch ist sie geradezu abwegig, wie sich zeigen wird. Es war wohl kein nur spontaner Ausbruch des Petrus, sondern er handelt mit Bedacht: Da nahm ihn Petrus beiseite, heißt es. Der Meister und sein künftiger Stellvertreter sprechen unter vier Augen. Petrus machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht geschehen! Warum war er so entsetzt? Aus Liebe zu Jesus – warum sonst? Wahrscheinlich auch aus einer besonderen Verantwortung; er war ja gerade eben erst unter allen Aposteln herausgehoben worden. In der Antwort des Herrn »kann man so etwas wie ein fernes Echo jener Versuchung in der Wüste erkennen, die Jesus zu Beginn seiner messianischen Tätigkeit bestanden hat, als der Satan ihn davon abbringen wollte, den Willen des Vaters bis zum Ende zu erfüllen«7. Er, der den Verräter Freund nennen wird, nennt den Freund SatanWeg mit dir Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. »Niemals ist ein Mensch schrecklicher gerügt worden für verkehrte Liebe als hier Petrus. Unsere Phantasie reicht kaum aus, uns vorzustellen, wie diese Worte Petrus ins Innerste und unglaublich schmerzlich getroffen, aber auch was sie in ihm im Hinblick auf die eigene und der Kirche Zukunft bewirkt haben müssen.«8

Unser Gebet richtet sich jetzt auf die Kirche und auf den Papst als »das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit«9. Die Schwachheit des Petrus macht offenbar, »daß die Kirche auf der unendlichen Macht der Gnade gründet«10. Der Herr hatte Petrus kurz vor seiner Passion gesagt: Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.11 Im Hinblick auf diese Stelle und die des heutigen Evangeliums schreibt Papst Johannes Paul II.: »Es ist gerade so, als würde vor dem Hintergrund der menschlichen Schwachheit des Petrus voll offenkundig werden, daß sein besonderes Amt in der Kirche vollständig seinen Ursprung aus der Gnade hat.«12 Und: »Als Erbe der Sendung des Petrus in der vom Blut der Apostelfürsten befruchteten Kirche übt der Bischof von Rom ein Amt aus, das seinen Ursprung in der vielgestaltigen Barmherzigkeit Gottes hat, die die Herzen bekehrt und mit der Kraft der Gnade erfüllt, während der Jünger den bitteren Geschmack seiner Schwachheit und seines Elends wahrnimmt. Die diesem Amt eigene Autorität steht ganz im Dienst des barmherzigen Planes Gottes und muß immer in dieser Perspektive gesehen werden. Aus ihm erklärt sich die Vollmacht dieses Amtes.«12

II. Nach der Zurechtweisung des Petrus hören wir im Evangelium dieses Sonntags ein Wort des Herrn über das Kreuztragen. Der Beter kann zwischen den beiden Stellen einen Zusammenhang herstellen, auch wenn dieser aus der Sicht des Fachmanns nicht zwingend ist und den Jüngern damals verborgen bleiben mußte: wie konnten sie, ahnungslos im Hinblick auf das Kreuz Christi, ein Wort über ihr eigenes Kreuz verstehen?

Petrus hatte seinen ganzen gesunden Menschenverstand aufgeboten – und war in eine Sackgasse geraten. Ihm fehlte noch die Perspektive Christi, dessen Worte zeigen, wie ein Jünger Jesu denken und fühlen muß, um mit seinem Meister eins zu werden. Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

Wie geschah im Leben der Jünger diese innere Wandlung? Wir kennen die Stationen nicht im einzelnen. Nur bei Petrus gibt es einige Anhaltspunkte, die uns ahnen lassen, wie ihm nach und nach die Logik Jesu Christi aufgeht, das Kreuz Christi zu tragen und das Leben um Christi willen zu verlieren. Wir wollen zwei entscheidende Situationen betrachten. Im Hof des Hohenpriesters zu Beginn der Passion erlebt er erstmals die Nähe des Kreuzes. Und die Schande läßt ihn, ängstlich wie er ist, zum Verräter werden, ihn, der doch zu lieben wußte: Ich kenne den Menschen nicht. Gleich darauf krähte ein Hahn, und Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.14 »Es gibt so etwas wie ein >Grab des Schmerzes<, in dem nichts mehr zu leben scheint, nichts tut mehr weh, nichts dringt herein, nichts hinaus. Dieses Grab lernte Petrus kennen. Seine Reue entsprach seiner Liebe, und da diese Liebe sehr groß war, war auch seine Reue sehr tief. Und das bedeutet: Die ja nur scheinbar, nicht existentiell lädierte Liebe zum Meister erblühte aus dem Vernichtungsgefühl des Ich - und das und nichts anderes ist der Reueschmerz.«15, So wird Petrus die Stunden durchlebt haben, als sein Meister am Kreuz hing. So begann er den Auferstehungstag, geläutert für sein Amt.

Eine zweite Schlüsselszene im Leben des Petrus können wir nach der Auferstehung beobachten.16 Jesus ließ ihn die Tiefe seiner Vergebung und seines Erbarmens erfahren, als er ihn gleichsam zwang, im dreimaligen Bekräftigen seiner Liebe auf jene dreimalige Verleugnung zurückzublicken. Jetzt ist es eine andere Traurigkeit: Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum drittenmal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, daß ich dich liebhabe. Der Herr bekräftigte nicht nur seinen Auftrag – Weide meine Schafe! -, sondern auch den Ruf des Anfangs: Folge mir nach! Jetzt weiß Petrus, daß Jesu Nachfolge und das Kreuz zusammengehören: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

Nach dem dreimaligen Bekenntnis des Petrus spricht Jesus rätselhaft: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Der Evangelist möchte die Stelle mit dem Hinweis verdeutlichen: Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Literarische Zeugnisse und archäologische Funde stützen die Annahme, daß Petrus in Rom unter Nero den Martyrertod starb. Über seinem Grab erhebt sich der Petersdom. Unter ihm sind Päpste aus allen Jahrhunderten begraben, Gestalten der Heiligkeit aber auch menschlicher Erbärmlichkeit. Wie Petrus erfährt auch heute sein Nachfolger das Kreuz. Am 17. Mai 1981, vier Tage nach dem Attentat, sagte Papst Johannes Paul II.: »Liebe Brüder und Schwestern! Ich weiß, daß ihr mir in diesen Tagen und besonders in dieser Stunde des Regina coeli verbunden seid. Tief bewegt danke ich euch für eure Gebete und segne euch alle. Besonders nahe bin ich den Pilgern, die mit mir verletzt wurden. Ich bete für den Bruder, der mich verwundet hat und dem ich aufrichtig verzeihe. Christus verbunden, der Priester und Opfer zugleich ist, opfere ich meine Leiden auf für die Kirche und für die Welt. Dir, Maria, verspreche ich wiederum: Totus tuus ego sum, Ganz dein bin ich.«

III. Petrus und das Kreuz… Der Papst und das Kreuz… Wie steht es mit unserer eigenen Bereitschaft, das Kreuz zu tragen? »Durch Christus und in Christus wird das Rätsel von Schmerz und Tod hell.«17 In ihm verbinden sich das Bedürfnis des Herzens und der Anspruch des Glaubens in besonderer Weise: »Das Bedürfnis des Herzens gebietet uns, die Furcht zu überwinden, und der Anspruch des Glaubens (…) gibt uns den Inhalt, in dessen Namen und Kraft wir wagen, an das zu rühren, was in jedem Menschen so sehr unberührbar zu sein scheint: denn der Mensch in seinem Leiden bleibt ein unberührbares Geheimnis.«18 Der Blick auf das Kreuz Christi entschleiert dieses Geheimnis nicht, denn der Herr gibt keine Erklärung ab; er weist aber auf die Sinnhaftigkeit des Leidens hin, indem er selbst in seine Tiefe hinabsteigt.

Eine beständige Liebe, Läuterung der Seele, Begegnung mit Gott, Streben nach Heiligkeit ohne Kreuz? »Es gibt keine Heiligkeit ohne Kreuz, ohne Abtötung. Am ehesten werden wir diese Abtötung in den normalen täglichen Angelegenheiten finden: in der angespannten Arbeit, die wir ausdauernd und ordentlich tun; weil wir wissen, daß der echte Opfergeist sich in der Beharrlichkeit zeigt, die begonnene Arbeit so vollkommen wie möglich zu vollenden; in der Pünktlichkeit, mit der wir den Tag über die >heroischen Minuten< meistern; in der Pflege der Gegenstände, die wir besitzen und benutzen; in dem Eifer zu dienen, der uns die kleinsten Pflichten mit Gewissenhaftigkeit erfüllen läßt; und in den winzigen Liebeserweisen, mit denen wir den Weg der Heiligkeit in der Welt für alle liebenswert machen; ein Lächeln kann manchmal der schönste Beweis unseres Bußgeistes sein.«19

Bitten wir den Herrn, er möge uns die Kraft schenken, große oder kleine Widrigkeiten, die kommen, gelassen zu akzeptieren und großzügig auch die freiwillige Abtötung zu suchen. »Darin besteht die große Revolution des Christentums: den Schmerz zu verwandeln in ein Leiden, das Frucht bringt, das Böse zu verwandeln in Gutes… Damit haben wir dem Teufel die stärkste Waffe entwunden – und mit ihr erobern wir die Ewigkeit.«20

Der Herr greift den Schmerz, das freiwillige Opfer, die unerwartete Krankheit auf, um uns zu läutern. Das Licht aufleuchten zu lassen, das aus der Passion kommt, ist Teil unseres christlichen Zeugnisses und wichtig gerade in unserer Zeit. »Zum Christsein gehört der Mut der Passion, in der die Verwandlung der Welt anhebt, in der Licht aufgeht. Und wo immer wir in sie hineintreten, Zeugen der Leiden Christi werden in der Gemeinschaft mit den Mitältesten, da werden wir auch getroffen werden von dem Licht des Evangeliums, von der großen Freude des Herrn, die gerade durch seine Passion mitten unter uns aufgegangen ist.«21 So verstehen wir auch den Ausruf des Herrn am Ende des heutigen Evangeliums: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? »Alles, was die Erde trägt, alles, was Verstand und Wille erstreben – was nützt es dem Menschen? Was ist es denn wert, wenn alles vergeht, alles versinkt, wenn alle irdischen Schätze nur Attrappe sind? Was nützt es, wenn dann die Ewigkeit anbricht, für immer – immer – immer?«22

Als für Petrus der Augenblick kam, da er als sichtbares Haupt der Kirche Zeugnis geben sollte, war er mit dem Kreuz vertraut. In der Apostelgeschichte heißt es von ihm und den übrigen Aposteln: Sie freuten sich, daß sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen – den Namen Christi – Schmach zu erleiden.23

Mt 16,17. – 2 Mt 16,21-27. – 3 Mk 8,32. – 4 vgl. Mt 17,22-23; 20,18-19. – 5 Mt 17,23. – 6 Mk 9,32. – 7 Johannes Paul II., Katechese, 4.3.1987. – 8 P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.44. – 9 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 23. – 10 Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, 91. – 11 Lk 22,32-33. – 12 Johannes Paul II., a.a.O. – 13 ebd., 92. – 14 Mt 26,74-75. – 15 P. Berglar, a.a.O., S.142. – 16 vgl. Joh 21,15-19. – 17 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 22. – 18 ebd., 4. – 19 J. Escrivá, Brief 24.3.1930. – 20 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.887. – 21 J. Ratzinger, Christlicher Glaube und Europa, München 1991, S.84. – 22 J. Escrivá, Freunde Gottes, 200. – 23 Apg 5,41.