Tagesmeditation

JAHRESKREIS
9. WOCHE – DIENSTAG

23

DEM KAISER, WAS DES KAISERS IST

Das Apostolat der Laien.
Einheit des Lebens und Autonomie des Irdischen.
Gott geben, was Gott gehört.

I. Das heutige Evangelium1 berichtet, wie die national gesinnten Pharisäer und die Anhänger des römischen Günstlings Herodes, die sonst in ständiger Rivalität leben, sich diesmal verbünden, um Jesus eine Falle zu stellen. Etwa zwanzig Jahre zuvor war das Land von den Römern in Besitz genommen worden – daher die Gefährlichkeit der Frage: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Sagt Jesus, man habe Steuer zu zahlen, dann steht er da als Freund der Besatzungsmacht; sagt er, man dürfe nicht, dann kann man ihn als Aufrührer vor dem römischen Statthalter anklagen. Der Herr läßt sich die Steuermünze zeigen. Die Steuer – ein Silberdenar – mußte in römischer Münze bezahlt werden, da das jüdische Volk nur für Kupfergeld, nicht für Silber und Gold das Münzrecht besaß. Die Fragenden müssen ihm also eine Münze zeigen, deren Vorderseite mit dem Brustbild des gottähnlichen römischen Kaisers geschmückt ist. Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Da sagte Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

»Also gebt ihm, was er zu beanspruchen hat … Jesus sagt mithin gar nichts darüber, ob man Steuern zahlen solle oder nicht; ob die römische Herrschaft zu Recht bestehe oder nicht. Er scheint nicht einmal zu sagen: Da die römische Herrschaft besteht und eingerichtet ist, tut, was sie verlangt. Gar nichts von alledem, sondern: Urteilt selbst, wie die Dinge liegen, und tut, was Rechtens ist. (…) Dafür haben sie selbst Verstand und Urteil. Sie sollen entscheiden und die Verantwortung dafür vor dem Gewissen wie vor den Trägern der Macht auf sich nehmen.«2

Jesus stellt also die Frage in ihren wahren Zusammenhang und unterscheidet klar die zwei Bereiche, in denen sich das Leben eines Menschen abspielt. Der Staat darf sich nicht die Ebene des Göttlichen anmaßen, die Kirche sich nicht in rein weltliche Fragen einmischen. »Die politischen Gemeinschaften und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen.«3

Die Kirche sagt wie ihr Meister: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.4 Es gehört nicht zu ihrer Aufgabe, politische Tagesfragen zu lösen, sondern inmitten der wechselnden Zeiten das alle Zeiten überragende Heilswerk Jesu Christi allen Menschen zugänglich zu machen. Es sind die einzelnen Christen – und besonders die Laien -, die die überzeitliche Sendung der Kirche durch ihr Apostolat in der Gesellschaft verwirklichen. Das tun sie »vor allem durch jene Einheit von Leben und Glauben, durch die sie zum Licht der Welt werden; durch die Rechtschaffenheit in all ihrem Tun, in der sie alle für die Liebe zum Wahren und Guten und schließlich für Christus und die Kirche gewinnen; durch eine brüderliche Liebe, die sie am Leben, Arbeiten, Leiden und Sehnen ihrer Brüder teilnehmen läßt und in der sie die Herzen aller allmählich und unaufdringlich für das Wirken der Heilsgnade vorbereiten; endlich durch jenes volle Bewußtsein ihres Anteils am Aufbau der Gesellschaft, in dem sie ihre häusliche, gesellschaftliche und berufliche Tätigkeit auszuüben trachten.«5

Salz, Licht und Sauerteig in der Gesellschaft sein erfordert nicht selten, über die bloße Erfüllung der gesetzlichen Normen hinauszugehen. Da rechtliche und sittliche Ordnung nicht immer übereinstimmen, wird man sich fragen müssen, ob die Maßstäbe des Gesetzes nicht manchmal zu weitmaschig sind für das neue Gesetz der Liebe Christi. Es gibt Unrechtssituationen, die das Gesetz nicht erfaßt. Nicht nur ein Unternehmer gegenüber seinen Mitarbeitern oder ein Arzt gegenüber seinen Patienten werden mit solchen Situationen konfrontiert, sondern jeder, der mitten in der Welt lebt.

II. Die zwei unterschiedlichen Lebensbereiche, auf die der Herr hinweist, begründen keine menschliche Doppelexistenz. Zum christlichen Zeugnis gehört gerade, daß die Einheit der Person, durchdrungen von der Lehre Christi, sich im öffentlichen wie im privaten Leben ausdrückt.

Als Staatsbürger haben die Christen die Pflicht, »dem Staat jene materiellen und persönlichen Dienste zu leisten, die für das Gemeinwohl notwendig sind«6. Dieses persönliche, Bemühen ist auch ein Dienst an der Gesellschaft: »Für den Aufbau eines wirklich menschenwürdigen politischen Lebens ist nichts so wichtig wie die Pflege der inneren Einstellung auf Gerechtigkeit, Wohlwollen und Dienst am Gemeinwohl sowie die Schaffung fester Grundüberzeugungen über das wahre Wesen politischer Gemeinschaft und über das Ziel, den rechten Gebrauch und die Grenzen der öffentlichen Gewalt.«7

Ein Christ, der die Probleme unserer Gesellschaft realistisch sieht, weiß, daß es für viele zeitbedingte Fragen nicht nur »eine einzige christliche Antwort= gibt. Und er weiß sich in vielen grundlegenden Fragen – wie Familie oder Erziehung – im Vorteil gegenüber anderen, denn er kennt im Lichte des kirchlichen Lehramtes die rechte Ordnung der Dinge.Die eigene Option in politischen, gesellschaftlichen oder beruflichen Fragen muß getragen sein von einem christlichen, von den Kardinaltugenden geformten Gewissen: »Die Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß (…) sind mehr als nur etwa Stichworte in einem Verhaltenskatalog für den fairen, edlen oder humanen Bürger. Sie sind tiefer gegründet als die Prinzipien eines bürgerlichen Wohlverhaltens, das allein besorgt ist, die Spielregeln des gesellschaftlichen Lebens zu beachten. Sie sind verankert in der menschlichen Natur. Wir finden diese Tugenden nicht selten auch bei Menschen, die Jesus Christus nicht kennen oder erkennen. Doch Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei von Gott dem Menschen geschenkten Fähigkeiten – darum werden sie >göttliche Tugenden< genannt - sind ihre eigentliche Quelle der Kraft.«8

Im Lichte der drei göttlichen Tugenden erkennen wir unsere Verantwortung für das Gemeinwohl als Bestandteil der gottgewollten Berufung zur Heiligkeit inmitten der Welt: »Es ist nicht wahr, daß ein Leben als guter Katholik und als loyales Glied der bürgerlichen Gesellschaft sich widersprechen. Ebensowenig können Kirche und Staat zusammenstoßen, wenn sie ihre legitime, jeweilige Autorität zur Erfüllung der ihnen von Gott aufgetragenen Sendung ausüben.

Die das Gegenteil behaupten, lügen – ja, sie lügen. Es sind die gleichen Leute, die uns Katholiken im Namen einer angeblichen Freiheit >freundlicherweise< in die Katakomben zurückverbannen möchten.«9

Johannes Paul II. sagt: »Ihr sollt der zeitlichen Ordnung den Lebenssaft des Glaubens an Christus einflößen im Bewußtsein, daß dieser Glaube nichts wahrhaft Menschliches zerstört, sondern es stärkt, läutert und erhöht.

Zeigt diesen Geist durch die Aufmerksamkeit, die ihr den entscheidenden Problemen widmet. Im Bereich der Familie, indem ihr die Unauflöslichkeit und die anderen Werte der Ehe lebt und verteidigt und für die Achtung vor jedem Leben vom Augenblick der Empfängnis an eintretet. In der Welt von Kultur, Erziehung und Unterricht, indem ihr für eure Kinder eine Schule wählt, in der das Brot des christlichen Glaubens vorhanden ist.

Seid auch stark und hochherzig, wenn es darum geht, zur Lösung der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen beizutragen; wenn ihr euch an dem positiven Bemühen um Vermehrung und gerechte Verteilung der Güter beteiligt. Strengt euch an, damit die Gesetze und Sitten nicht dem transzendenten Sinn des Menschen und den moralischen Aspekten des Lebens den Rücken zukehren.«10

III. Gott geben, was Gottes ist. »Das ist das Eigentliche: Über dem Kaiser, mag er gelten, was er will, mag ihm zukommen, was immer, steht Gott (…). Das ist die eigentliche Antwort.«11

Diese Antwort weist auf die übergeordneten Rechte Gottes hin. Es gehört zu den Pflichten eines guten Staatsbürgers, für das Gemeinwohl zu sorgen: die Steuern zu bezahlen, zur Wahl zu gehen, für das Gemeinwohl initiativ zu werden. Aber im Menschen gibt es nicht nur die Hinordnung auf den Mitmenschen, sondern – alles begründend – die Hinordnung auf Gott. Auch die tiefere Begründung der Menschenwürde ist in der religiösen Dimension des Menschen verankert. Deswegen wird ein Christ in seinem Wirken in der Gesellschaft diese religiöse Dimension zur Geltung bringen. Christus unterscheidet zwischen Gott und Kaiser, aber dies bedeutet nicht, daß man die Religion ins Gotteshaus verbannen darf noch daß die Regelung der zeitlichen Dinge am Rande der gottgewollten Ordnung geschehen darf. Besonders die Laien können nicht darauf verzichten, sich einzuschalten »in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und systematischen Förderung des Allgemeinwohls dienen«12.

Gott geben, was Gott gehört. Dies heißt an erster Stelle Anbetung und Lobpreis, Dank und Reue. Aber wir können dies erweitern und sagen: Auch dann, wenn wir als Staatsbürger in eigener Verantwortung dem Kaiser geben, was dem Kaiser gehört, sind wir dabei, Gaben Gottes zu gebrauchen. Der Herr hat uns fähig gemacht, zum Wohl unserer Mitmenschen beizutragen: in einer Elternversammlung, im politischen Geschehen, am Stammtisch unter Freunden, im Gespräch mit den Kindern. Überall können wir Salz, Licht und Sauerteig sein.

Im Apostolischen Schreiben Christifideles laici heißt es: »Die Bilder des Evangeliums: das Salz, das Licht und der Sauerteig, treffen unterschiedslos auf alle Jünger Jesu zu, aber in besonderer Weise auf die Laien. Sie haben eine wundersame tiefe Bedeutung für sie, denn sie bringen nicht nur die tiefe Verankerung und die volle Teilhabe der Laien auf der Erde, in der Welt, in der Gemeinschaft der Menschen zum Ausdruck, sondern auch und vor allem das Neue und Originelle einer Verankerung und einer Teilhabe, die ihren Sinn in der Verbreitung des heilbringenden Evangeliums findet.«13

Jeder ist gemäß der eigenen Berufung Salz, Licht und Sauerteig: ob als Krankenschwester oder Journalist, Jugendlicher oder Greis. Maria und Josef folgten, als sie sich im Gehorsam gegenüber einem Befehl der weltlichen Obrigkeit nach Betlehem begaben, damit dem für sie bestimmten Weg Gottes. Der selige Josemaría Escrivá bemerkt dazu: »Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie der Herr sich der gewissenhaften Befolgung eines Gesetzes bedient, damit seine prophetische Verheißung in Erfüllung geht?

Habe Wertschätzung für die Normen und Regeln eines ehrenhaften Zusammenlebens und beachte sie; denn deine loyale Pflichterfüllung kann zweifellos dazu beitragen, daß auch andere den lauteren Gemeinschaftssinn von Christus als eine Frucht der Gottesliebe erkennen und auf diesem Wege zu ihm finden.«14

1 Mk 12,13-17. – 2 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.374. – 3 II.Vat.Konz., Konst. Gaudium et spes, 76. – 4 Joh 18,36. – 5 II.Vat.Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 13. – 6 II.Vat.Konz., Konst. Gaudium et spes, 75. – 7 ebd. – 8 Hirtenschreiben der deutschen Bischöfe, 22.9.1977. – 9 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.301. – 10 Johannes Paul II., Ansprache in Barcelona, 7.11.1982. – 11 R. Guardini, a.a.O., S.374. – 12 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.88, 42. – 13 ebd., 15. – 14 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.322.