OSTERZEIT
5. WOCHE – SAMSTAG
35
DER ROSENKRANZ
Stationen
unserer Erlösung.
Der Rosenkranz in der Geschichte und heute.
Demütiges Beten. Realistische Vorsätze.
I. Unter den vielfachen Formen der Marienverehrung im Leben der Kirche und jedes einzelnen sind manche zeitgebunden, andere hingegen zeitlos. So der Rosenkranz. Die Kirche hat dieses Gebet immer wieder empfohlen, das die Kernwahrheiten unseres Glaubens auf eine allen zugängliche Art zusammenfaßt. Man hat ihn ein »marianisches Christusgebet«1 genannt. Denn im Rosenkranz betrachten wir an der Hand Marias das Leben ihres Sohnes von der Ankündigung Gabriels bis zur Himmelfahrt. Einige Male steht, eng vereint mit ihrem Sohn, die Mutter im Vordergrund; andere Male richtet sich der Blick direkt auf Christus. Ob wir das Geheimnis der Menschwerdung im freudenreichen, den Kreuzestod im schmerzensreichen oder die Auferstehung und Himmelfahrt im glorreichen Rosenkranz betrachten – immer stehen wir mit der Mutter nahe bei ihrem Sohn: freudig, betrübt oder jubelnd.
»Das Rosenkranzgebet ist – mit der Betrachtung der Geheimnisse, der Wiederholung des Vaterunser und Gegrüßet-seist-du-Maria, dem Lob der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der ständigen Anrufung der Mutter Gottes – ein andauernder Akt des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, der Anbetung und der Sühne.«2
Der Rosenkranz verbindet mündliches und betrachtendes Beten. Er lehrt uns »die wahre christliche Meditation: die liebende Vertiefung in die Geheimnisse Gottes, in seine fleischgewordene Liebe, die nur im Mitlieben aufgehen kann. Indem wir uns von Maria in solches Mitlieben hineinziehen lassen, wirken wir an der Veränderung der Welt auf Gottes Reich hin, das die vollendete Herrschaft seiner Liebe ist.«3
Das Beten des Rosenkranzes macht uns mit dem Evangelium besser vertraut. Denn die gesammelte Wiederholung der Worte schafft Raum für ein frommes Sich-Hineinversetzen in die biblischen Szenen. Das Geschehen von damals kann in unserem Geist neu erstehen: »Wir werden das Leben von Jesus, Maria und Josef leben. Jeden Tag werden wir ihnen aufs neue zu Diensten sein. Wir werden ihren Gesprächen zuhören, den Messias heranwachsen sehen, die dreißig Jahre seines verborgenen Lebens bewundern … Wir werden bei seinem Leiden und seinem Tod zugegen sein … und die Herrlichkeit seiner Auferstehung bestaunen … Mit einem Wort: Von Liebe fortgerissen (es gibt keine andere Liebe als die Liebe), werden wir jeden einzelnen Augenblick des Lebens Jesu Christi betrachten.«4
Dies heißt jedoch nicht, eine Welt gefühlig-subjektiver Religiosität zu suchen. Vielmehr fügt uns der Rosenkranz in das Gebet der ganzen Kirche ein. Paul VI. sagt, daß »der Rosenkranz gleichsam ein Reis ist, das aus dem Wurzelstock der christlichen Liturgie herausgewachsen und das deswegen Marienpsalter genannt worden ist, weil mit seiner Hilfe die einfachen Gläubigen sich dem Lobpreis und der Fürbitte der Gesamtkirche anschließen können.«5 Liturgie und Rosenkranzgebet werden von der Heiligen Schrift gespeist und kreisen ganz und gar um das Christusgeheimnis. »Und wenn auch beide Gebetsformen Ordnungen angehören, die ihrer Natur nach verschieden sind« sagt der Papst weiter, »so verweilen doch die liturgische Feier wie das kontemplative Verweilen bei den gleichen Heilstaten, deren Urheber Christus ist. Die Liturgie bewirkt, daß unter dem Schleier heiliger Zeichen die Mysterien unserer Erlösung gegenwärtig und wirksam werden, der Rosenkranz hingegen ruft dieselben durch fromme Erwägung dem Beter in Erinnerung und zieht daraus Richtlinien für das tägliche Leben.«6
II. Bis zu seiner heutigen Gestalt hat das Rosenkranzgebet verschiedene Stufen durchschritten. Es scheint, daß es an alte Traditionen anknüpft, »die durch andächtiges Wiederholen der Heilsworte (manchmal nur des Namens >Jesus<) die Heilswirklichkeit auch ins Gedächtnis und in das >Herz< als Wesensmitte des Menschen eindringen lassen wollten= 7. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts dann verbindet sich das gesprochene Avemaria mit der Betrachtung des Lebens Jesu. Adolf von Essen, Prior der Trierer Kartause, war es, der einem mutlos gewordenen Novizen - Dominikus von Preußen - den Rat gab, wenn er beim Chorgebet nicht folgen könne, möge er, wie die einfachen Leute es tun, die Mutter Gottes mit dem Ave Maria immer wieder und immer wieder grüßen. Die volkstümlichen 50 Ave würden Christus und seiner lieben Mutter besonders gefallen, wenn er das Leben Jesu dabei an sich vorüberziehen lasse, um zu erkennen, wie er persönlich Jesus ähnlicher werde.«7 In der 1475 gegründeten Kölner Rosenkranz-Bruderschaft setzte sich dann die Gliederung in jeweils zehn Ave, in die sogenannten »= 8 In der 1475 gegründeten Kölner Rosenkranz-Bruderschaft setzte sich dann die Gliederung in jeweils zehn Ave, in die sogenannten Gesätze«8 durch.
»Das Zweite Vatikanische Konzil mahnt uns, die Verehrung der seligen Jungfrau Maria »großmütig zu fördern, die Gebräuche und Übungen der Andacht zu ihr, die im Laufe der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzuschätzen.«9 Nach Papst Paul VI. »ist zweifellos der Rosenkranz unter die besten und wirksamsten Formen gemeinschaftlichen Betens zu rechnen, zu denen man eine christliche Familie einladen kann«10. Ist dies aber unter heutigen Lebensbedingungen ein realistisches Ziel? Ohne Zweifel gibt es auch dort, wo Bereitschaft vorhanden ist, praktische Schwierigkeiten. Aber warum nicht hin und wieder ein Geheimnis betend betrachten? An einem großen Marienfeiertag oder im Mai oder unterwegs zu einem Wallfahrtsort?
Der Rosenkanz in seiner heutigen Gestalt, die das wiederholte Marienlob und die Kontemplation von Christi Heilstaten verbindet, erscheint bereits vom historischen Ursprung her als Gebet einfacher Leute und als Stütze für Menschen in Not. Fragen wir uns heute in unserer Zeit des Gebetes, ob auch wir den Rosenkranz als das schätzen, was er ist: »eine mächtige Waffe (…) uns in unserem inneren Kampf siegreich sein zu lassen und allen Menschen zu helfen«11. Beten wir ihn regelmäßig? Halten wir inne und betrachten die einzelnen Geheimnisse? Verstehen wir es, andere für das Rosenkranzgebet zu erwärmen?
III. Wer den Rosenkranz bereitwillig und mit einer gewissen Regelmäßigkeit betet, wird über Anfangsschwierigkeiten hinwegkommen. Es sei schwer, ihn ohne Zerstreuungen zu beten? Ja, und doch ist dies kein Grund, darauf zu verzichten. Von Papst Johannes XXIII. wird erzählt, er habe einmal den »schlechtgebeteten Rosenkranz« mit der Bemerkung verteidigt: »Noch schlechter ist der Rosenkranz, den man nicht betet.« Das Rosenkranzgebet macht uns einfach. Auch eine Zeit unfreiwilliger Zerstreuungen können wir Gott schenken. Gelegentlich mag unser Beten wie Hintergrundmusik die geistliche Atmosphäre prägen, auch wenn wir uns nur schwer konzentrieren können. Immer schafft das Beten des Rosenkranzes einen »Zeit-Raum« in dem wir uns Gott nahe wissen.
»Mancher Vorbehalt gegenüber dem Rosenkranzgebet stützt sich auf den Grundsatz: entweder perfekt oder besser gar nicht. Ist das nicht zu kategorisch und stolz? Gibt Gott sich nicht auch mit der Armseligkeit unserer Zerstreuungen zufrieden?
Natürlich sollen wir Zerstreuungen nicht auf die leichter Schulter nehmen. Versuchen wir einfach unverkrampft, ihnen aus dem Weg zu gehen. Der aufrichtige Wille, Maria zu ehren, kann uns auf fruchtbare Einfälle bringen. Die Erfahrung zeigt, daß, wenn wir im Avemaria das eine, ein anderesmal ein anderes Wort betonen, wir geistlich reich beschenkt werden. Anliegen, die uns wirklich bewegen, können das bewußtere Beten stützen, indem wir in jedes Gesätz – und selbst in jedes Ave – die Kirche, den Papst, unseren Ortsbischof, die eigene Familie, den Frieden, Freunde, für die zu beten wir versprochen haben, einflechten: Dann wird es viel leichter, in der Gegenwart Gottes zu verharren.
Manch guter Vorsatz scheitert an praktischen Hindernissen. So ist es beispielsweise wichtig, einen passenden Zeitpunkt für das Rosenkranzgebet zu suchen. Zwei Beobachtungen des seligen Josemaría Escrivá weisen darauf hin: »Eine bedauerliche Art, das Rosenkranzgebet schließlich ganz zu unterlassen, ist, es auf die letzte Stunde des Tages zu verschieben.
Vor dem Zubettgehen betet man den Rosenkranz – wenn überhaupt – schlecht und ohne die Geheimnisse zu betrachten. Man verfällt dann leicht in bloße Routine, die die wahre, die einzig mögliche Frömmigkeit erstickt.«12 Und: »Du verschiebst den Rosenkranz so lange auf >später<, bis du ihn schließlich ganz unterläßt - denn es ist schon Zeit zum Schlafengehen. - Solltest du wirklich keine Zeit finden, dann bete ihn unauffällig auf der Straße. Das kann dir außerdem dazu verhelfen, die Gegenwart Gottes lebendig zu halten.«13
Den Rosenkranz kann man überall beten: in der Kirche oder auf der Straße, im Auto oder auf dem Fahrrad, allein, in der Familie oder mit einem Freund, im Wartezimmer oder schlangestehend vor einem Schalter.
Auch wenn wir von der Wirksamkeit des Rosenkranzgebetes überzeugt sind, seine Kraft bleibt uns hier auf Erden oft verborgen. Aber einmal – am Ende der Zeit – wird sie sichtbar werden: wo wir zur Bekehrung eines Freundes beigetragen, einen Notleidenden gestärkt, uns selbst der Gnade geöffnet haben.
Durch den Rosenkranz bitten und danken wir, vereint mit Maria auf Christus schauend. Geburt, Kreuz und Auferstehung führen uns auch zum Gebet der Sühne: »>Du Unbefleckte Jungfrau, ich weiß wohl, daß ich in meiner menschlichen Gebrechlichkeit nichts anderes tue, als Tag für Tag die Menge meiner Sünden zu vermehren …< Dies sei deine Art, mit Maria, unserer Mutter, zu sprechen, sagtest du mir vor ein paar Tagen.
Ich gab dir den Rat, den Rosenkranz zu beten: Gesegnet sei die Eintönigkeit des immer wiederholten >Gegrüßet seist du, Maria<, die die Eintönigkeit deiner Sünden wettmacht!«14
L.Scheffczyk, Maria in der Verehrung der Kirche, Wien 1981, S.32. – J.Escrivá, Der Rosenkranz, An den Leser. – Maria, die Mutter des Herrn. Hirtenwort der deutschen Bischöfe, 30.4.1979, 3. – J.Escrivá, a.a.O.. – Paul VI., Apost.Schreiben Marialis cultus, 2.2.1974, 48. – ebd. – L.Scheffczyk, a.a.O., S.30. – K.J.Klinkhammer, Die Entstehung des Rosenkranzes und seine ursprüngliche Geistigkeit in: 500 Jahre Rosenkranz, Köln 1975, S.38. – II.Vat.Konz. Konst. Lumen gentium, 67. – Paul VI., a.a.O., 54. – J.Escrivá, Der Rosenkranz. – J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.476. – ebd., Nr.478. – ebd., Nr.475.
