JAHRESKREIS
15. WOCHE – DONNERSTAG
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das milde joch des herrn
Sein
Kreuz und unsere Not.
Auf das Kreuz schauen.
Aus dem Leben einer großen Heiligen.
I. Manche Worte aus dem Evangelium sind uns so vertraut, daß man sich vorsehen muß, sie nicht zu überhören: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.1
Vielleicht gelingt es uns jetzt im Gebet, dieses Wort so zu vernehmen, als hörten wir es das erste Mal. Es faßt den Kern der Nachfolge zusammen: Sich Christus mit allem nähern – auch mit den eigenen Plagen und Lasten; und dann entdecken, daß die Lasten zwar nicht verschwinden, aber doch aufhören, zu drücken, weil sie Christi Joch werden. Nehmt mein Joch auf euch… Was ist das, sein Joch? Sein Kreuz und unsere Not.
Dem Herrn ist das Joch, von dem er spricht, nicht unbekannt, ihm waren die Nöte der Menschen nur zu vertraut. Wenn er mit der Menge Mitleid empfindet, dann blickt er tiefer: sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben2.
Jesus schafft das Leiden derer, die ihm folgen, nicht ab, er sagt auch nicht, man solle es doch vergessen oder so tun, als existiere es nicht. Er »fühlt das Leiden der Menschen. Das Erbarmen erschüttert ihm das Herz. Er läßt die Not an sich heran und ist doch stärker als sie. Wir kennen kein Wort des Herrn, das ihn als Idealisten zeigte, der meint, er könne das Leiden zum Verschwinden bringen. Er überschwingt es nicht in Rührung oder Begeisterung, sondern sieht es in seiner ganzen, schlimmen Wirklichkeit. Aber nie verliert er den Mut; nie wird er müde oder enttäuscht. Sein Herz, das fühlendste und wissendste, das je geschlagen, ist stärker als alles Menschenleid.«3 Und der Herr lehrt uns, daß zur Nachfolge gehört, mit seinem Herzen mitzuschwingen: Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig.
Die Güte Jesu wird im Alten Testament im Lied vom Gottesknecht angekündigt. Er ist das Lamm, das man zum Schlachten führt4, das Lamm Gottes5, wie es an der Schwelle zum Neuen Bund der Täufer sagt. Güte, Milde und Barmherzigkeit sind »keineswegs ein Zeichen von Schwäche, sondern immer verbunden mit der notwendigen Stärke und Festigkeit: ein Lamm, das aber manchmal zum Löwen werden kann«6, wenn es sich um die Sache des Vaters und um das Heil der Seelen handelt. Auch dafür gibt es im Evangelium zahlreiche Beispiele. Und im heutigen Evangelium wird uns nicht gesagt, Jesus erspare denen, die in seiner Nachfolge stehen, Härten, sondern daß er sie auf seine Schultern nimmt; deshalb kann er sagen: mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.
Nur in einem Fall können wir unsere Last nicht die Last Christi nennen: wenn wir sündigen. Aber gerade von dieser Last befreit er uns, indem er sie in der Kraft seines Leidens vergibt. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Es ist die Ruhe und der Frieden des Versöhntseins mit Gott in der befreienden Beichte, die uns die Last der Sünden nimmt, die Last des übermächtigen Ich: Hochmut, Geltungssucht, Eitelkeit, hoffnungsarme Ängstlichkeit.
Nehmt mein Joch auf euch. Indem wir in den Beschwernissen des Lebens sein Kreuz erkennen; dann werden wir geläutert und – nahe dem Kreuz – am Werk der Erlösung mitwirken.
II. Bei einem steinernen Wegekreuz war der Korpus Christi der Verwitterung oder dem Vandalismus zum Opfer gefallen. Die zwei Gestalten rechts und links starrten mit schmerzvollen Gebärden in die leere Mitte, ohne Gekreuzigten, der nicht mehr da war. Versinnbildet die verstümmelte Gruppe nicht das Trachten vieler Menschen nach einem Leben ohne Kreuz? Gelegentlich hört man auch aus dem Munde gläubiger Christen die Klage: Wie mühsam ist doch das Leben! »Du stimmtest dem lächelnd zu, denn du dachtest an das Wort vom Kreuz als dem sicheren Zeichen des wahren Weges… Aber dein Freund hat nur das steile Stück des Weges vor Augen und nicht die Verheißung Jesu: >Mein Joch ist sanft<. Erinnere ihn daran: Vielleicht gibt er sich hin, wenn er es erfährt...«7
Jeder weiß, daß es ein Leben ohne Schmerz und Krankheit, ohne Sorgen und Beschwernisse nicht gibt. Aber ein Christ in der Nachfolge des Herrn weiß auch, daß Herausforderungen die Tugend stärken. Gregor der Große schreibt: »Einige möchten demütig sein, aber niemals übergangen werden; sie möchten genügsam sein, aber niemals etwas entbehren müssen; sie möchten keusch sein, aber ohne den Leib abzutöten, geduldig, aber ohne Kränkung zu erfahren. Indem sie die Tugenden zu erlangen suchen und gleichzeitig jede Überwindung meiden, die das Tugendstreben mit sich bringt, ähneln sie jenen, die dem Schlachtfeld entfliehen und bequem in der Stadt den Krieg gewinnen möchten.«8
Bestimmte Augenblicke können sehr mühevoll erscheinen – aber auch dann gibt Jesus die Kraft, sie zu bestehen. Die kleinen oder großen Widerwärtigkeiten drücken nicht nieder, wenn man sie wirklich akzeptiert; sie machen die Seele geneigter zum Gebet und lassen uns die göttliche Vorsehung in den Wechselfällen des Lebens erkennen. Der Herr läßt nicht zu, daß ein Schmerz oder eine Notlage unsere Kräfte übersteigt. In dem Maße, wie die Not wächst, wächst auch Gottes Beistand: »Wenn Gott dir eine Last auferlegt, so gibt er dir auch die Kraft, sie zu tragen.«9 Oder wie es in einer alten Volksweisheit heißt: Wenn Gott Wunden zuläßt, dann schickt er auch Salbe.
Petrus schreibt den ersten Christen: Liebe Brüder, laßt euch durch die Feuersglut, die zu eurer Prüfung über euch gekommen ist, nicht verwirren, als ob euch etwas Ungewöhnliches zustoße.10 Der Herr selbst sagt, daß die Widrigkeiten hinweisen auf die Sorge des Vaters um jene, die er besonders liebt: Jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.11
Der Herr schenkt uns die Kraft, die Widerwärtigkeiten des Lebens mit Starkmut und Vertrauen anzunehmen: »Menschlichen Trost gibt es freilich nicht, aber der das Kreuz auflegt, versteht es, die Last süß und leicht zu machen.«12 Er schenkt uns dann seinen Frieden und seine Freude.
Ein Blick auf das Kreuz, ob in einer Kirche oder in unserem Zimmer, erinnert uns daran, daß Gott jene, die ihn lieben, mit dem Kreuz segnet. »Gut ist es, den Gekreuzigten im Bild zu verehren und Bilder zu verfertigen, die zu seiner Verehrung anspornen. Aber besser als Bilder aus Holz oder Stein sind lebendige Bilder.«13
III. Ruhe für eure Seele… Die Gelassenheit, die aus der Gotteskindschaft stammt, nimmt allen Beschwernissen und Ungewißheiten ihre Härte. Das Leben der Heiligen lehrt uns, wie untrennbar Kreuz und Frieden zusammengehören. Lassen wir eine große Heilige – Theresia von Avila – selbst zu Wort kommen, und diesmal etwas länger als sonst. Lebhaft wie immer berichtet sie über eine ihrer zahlreichen Klosterstiftungen.14 Sie war sich zunächst unschlüssig, ob sie selbst reisen sollte: »Ich empfahl diese Angelegenheit unserem Herrn (…). Denn selbst zu reisen bei den vielen Krankheiten, die die damalige große Kälte noch verschlimmern konnte, schien mir nicht statthaft.« Aber der Herr sagte ihr: »Achte diese Kälte nicht, denn ich bin die wahre Wärme. Der Teufel bietet alle seine Kräfte auf, um diese Stiftung zu verhindern; setze du die deinen für mich ein, damit sie zustande komme, und unterlasse nicht, selbst hinzureisen, weil dies von großem Nutzen sein wird.« So machte sich die Heilige auf den Weg, zusammen mit dem Provinzial des Ordens, einigen Brüdern und sieben für die neue Gründung vorgesehenen Nonnen. Witzig und gelassen berichtet sie über die Beschwernisse: »Unser Herr hatte zu mir gesagt, wir könnten gehen, ich sollte mich nicht fürchten, er würde bei uns sein. (…) Man wollte unterwegs für meine Gesundheit Sorge tragen, weil das Wetter sehr schlecht war und ich so alt und kränklich bin; denn man meinte, es liege etwas an meinem Leben. (…) Die Wege waren wegen des vielen Regens in einem solchen Zustand, daß seine (des Provinzials) und seiner Begleiter Anwesenheit überaus nötig war, um achtzugeben, wie man durchkommen konnte, und um die Wagen aus den Sümpfen mit herausheben zu helfen. (…) Ich empfand Trost bei den großen Beschwerden und Gefahren, in die wir beim Übergang der sogenannten Schiffbrücke bei Burgos gerieten. Der Regen war so reichlich gefallen und hatte so lange angehalten, daß die Wasser die Brücke überfluteten und man sie nicht mehr sah und auch nicht wußte, wo man fahren sollte. Alles war unter Wasser und auf beiden Seiten eine große Tiefe. Kurz, es war eine große Vermessenheit, sich dort besonders mit Fuhrwerk hinüberzuwagen. Bei der geringsten Abweichung wäre alles verloren gewesen, wie denn auch einer der Wagen in Gefahr geriet. Dort befiel uns überaus große Furcht. Denn sich gleichzeitig in einem Meer ohne Weg und ohne Nachen zu sehen, das war furchterregend sogar für mich, die ich von unserem Herrn doch so sehr gestärkt worden war. Wie möchte da wohl meinen Gefährtinnen zu Mute gewesen sein?« Später ergänzt sie: »Alle Schwestern waren vergnügt auf der Reise; wenn wir eine Gefahr überstanden hatten, machte es uns Freude, davon zu sprechen. Es ist etwas Großes, aus Gehorsam zu leiden, wenn dieser so zur Gewohnheit geworden ist wie bei diesen Schwestern.« Die beschwerliche Reise ist nur der Anfang der Schwierigkeiten. Der Erzbischof hatte gegenüber Theresia nur mündlich zugestimmt und war jetzt »unwillig und erzürnt darüber, daß ich ohne seine Erlaubnis gekommen sei, gleich als ob er mir nicht dazu den Auftrag gegeben hätte und mit ihm über die Sache gar nicht verhandelt worden wäre. (…) Wenn er auch zugab, mich selbst hierher befohlen zu haben, so habe er doch (wie er bemerkte) nur gemeint, ich sollte allein kommen, um mit ihm zu verhandeln, und nun käme ich mit so vielen Nonnen.« Er drohte damit, »wir könnten dann wieder hingehen, woher wir gekommen… Denn dazu waren ja die Wege recht schön und das Wetter geeignet!« Die Heilige ist sich sicher, »daß Gott sein Werk vollenden werde« und schließt: »Ach, mein Herr, wie wahr ist es doch, daß du jene, die dir einen Dienst erweisen, alsbald mit einer großen Trübsal belohnst! Welch unschätzbarer Lohn wäre dies für jene, die dich wahrhaft lieben, wenn sie gleich deren Wert begreifen würden!«
Vor dem Tabernakel erfahren wir – wie Theresia und wie so viele Heilige -, daß der Herr uns nahe ist: Adoro te devote, latens deitas – Gottheit tief verborgen, betend nah‘ ich dir… Jesus hilft uns, Geduld zu haben und die Hindernisse gelassen und sogar gutgelaunt ins Auge zu fassen.
Gelassenheit und Freude, Einfachheit, Demut und Geduld… Und nicht zuletzt Vertrauen zur Gottesmutter, refugium nostrum et virtus, unsere Zuflucht und Stärke.
1 Mt 11,28-30. – 2 Mt 9,36. – 3 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 53. – 4 Jes 53,7. – 5 Joh 1,36. – 6 A. Luciani, Das Beispiel des Samariters, Graz 1982, S. 114. – 7 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 198. – 8 Gregor der Große, Moralia, 7,28,34. – 9 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 325. – 10 1 Petr 4,12. – 11 Joh 15,2. – 12 Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg 1987, S. 76. – 13 ebd., S. 71. – 14 Theresia von Avila, Das Buch der Klosterstiftungen 31,8,12-19.
