Tagesmeditation

JAHRESKREIS
10. WOCHE – DONNERSTAG

34

ASKESE

Hindernisse für das neue Leben in Christus.
Ins Geheimnis der Kirche eingebettet.
Motive für eine Askese im Geiste Christi.

I. Jesus rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.1

Der Herr hatte bereits gesagt, ihm zu folgen heiße Loslösung vom materiellen Besitz.2 Hier nun spricht er von einer Loslösung, die noch tiefer reicht: der Verleugnung des eigenen Ich. Doch ist nicht von einem Verlust die Rede, sondern von Gewinn. Denn wer das eigene Ich zurücknimmt, dem wird nach und nach die Erfahrung des heiligen Paulus zuteil: nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir3.

Bei Paulus begegnen uns immer wieder Ausdrücke, die um denselben Gedanken kreisen: den des neuen Lebens in Christus als geheimnisvolle Wirklichkeit der Gnade. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen4, heißt es im Brief an die Philipper. Und im zweiten Brief an die Korinther: Wenn jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.5

Die christliche Existenz ist durch und durch Bejahung des Lebens, ja sie ist der Beginn eines Lebens in Fülle. Christus ist gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben6. Angelpunkt dieses Lebens ist die Gotteskindschaft, sein Ziel die Teilhabe am innersten Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. »Wir sollen mit ihm eines Wesens werden; er läßt uns als die Glieder seines Leibes an dem teilnehmen, was er in seinem  Fleisch für uns und als unser Vorbild gelebt hat.«7

Die vielfältigen Formen der Ichsucht – Geltungstrieb, Gieren nach Wohlstand oder Erfolgsstreben – erschweren dieses neue Leben. Hier setzt die Askese an, um vom eigenen Ich Abstand nehmen zu können und so Raum entstehen zu lassen für das Leben Christi in uns. Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müßt ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die (sündigen) Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben.8 Der selige Josemaría Escrivá faßt es bündig zusammen: »Paradox: um zu leben, muß man sterben.«9

Wenn einer mir nachfolgen will … Ein Schritt allein ist noch keine Nachfolge. Die Einladung Jesu meint Fortschritt: Schritt für Schritt, einen ganzen Weg lang. Jeden Tag ein wenig sterben und – um ein anderes Bild des Apostels zu gebrauchen – den alten Menschen ablegen10. Und wie? Indem wir getrost alles abstreifen, was uns von Gott trennen oder die Nähe zu ihm erschweren könnte. Mit anderen Worten: die ungeordneten Neigungen und Leidenschaften müssen geläutert werden.

Wo das Gespür für diese Arbeit an sich selbst fehlt oder verlorengeht, kann es geschehen, daß »der Geist in beängstigendem Tempo schrumpft und immer weniger wird, bis er schließlich ganz minimal zu sein scheint« währenddessen »der Körper ständig an Bedeutung gewinnt, unverhältnismäßig stark in den Vordergrund tritt und am Ende alles beherrscht«11.

II. Der heilige Paulus schreibt: Ich züchtige und unterwerfe meinen Leib, damit ich nicht, nachdem ich anderen gepredigt habe, selbst verworfen werde.12 Im Brief an die Kolosser weitet sich diese Perspektive vom Individuellen in die Gemeinschaft des mystischen Leibes Christi aus. Denn nachdem er gesagt hat: Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage, fährt er fort: Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt.13 War das Leiden Christi nicht heilsmächtig genug? »Das Leiden Christi hat das Gut der Erlösung der Welt erwirkt. Dieses Gut ist in sich unerschöpflich und grenzenlos. Kein Mensch vermag ihm etwas hinzuzufügen. Zugleich jedoch hat Christus im Geheimnis der Kirche als seines Leibes gewissermaßen sein Erlöserleiden jedem anderen Leiden des Menschen geöffnet. Insofern der Mensch – an jedem Ort der Welt und in jeder Zeit der Geschichte – an den Leiden Christi teilhat, ergänzt er auf seine Weise jenes Leiden, durch das Christus die Erlösung der Welt vollbracht hat.«14 Wer mit Christus leidet – wer sein Kreuz trägt -, schöpft aus Christus Kraft und fügt sein individuelles Leiden in den mystischen Leib Christi, die Kirche, ein. Glaubend schließt er sich dem Erlöserleiden Christi an. Dies gilt nicht nur für Schmerz, Kra= 14 Wer mit Christus leidet – wer sein Kreuz trägt -, schöpft aus Christus Kraft und fügt sein individuelles Leiden in den mystischen Leib Christi, die Kirche, ein. Glaubend schließt er sich dem Erlöserleiden Christi an. Dies gilt nicht nur für Schmerz, Krnkheit und andere Formen des unerwarteten physischen oder moralischen Leidens, sondern auch für jene anderen Gestalten der Askese, die wir, frei gewählt, in Bußgesinnung Gott darbringen.

So betrachtet, weiß ein Christ, »daß er in der geistigen Dimension des Erlösungswerkes wie Christus dem Heil seiner Brüder und Schwestern dient. Damit ist er also nicht nur den anderen nützlich, sondern erfüllt zudem noch einen unersetzlichen Dienst. Im Leib Christi, der vom Kreuz des Erlösers her unaufhörlich wächst, ist gerade das vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden der unersetzliche Mittler und Urheber der für das Heil der Welt unerläßlichen Güter.«15

Dem dienen auch die kirchlichen Bußzeiten. In ihnen »suchen wir Christen, uns und unseren Lebensstil so zu ändern, daß durch Besinnung und Gebet, heilsamen Verzicht und neue Sorge füreinander, Christus wieder mehr Raum in unserem Leben gewinnt«16. Neben der österlichen Bußzeit erinnert der Freitag an den Tag, an dem unser Erlöser gestorben ist. Die Enthaltung von Fleischspeisen ist die traditionelle Form des Freitagsopfers, die auch durch andere Formen des Verzichts ersetzt werden kann: gewissenhafter arbeiten, bewußter den täglichen Umgang mit kleinen Aufmerksamkeiten beleben, gesammelter beten, uns um arme und kranke Menschen kümmern … Der Geist des Freitagsopfers gilt jeden Tag, denn die Passion Christi ist immer in unserem Leben wirksam, jeden Tag werden uns die Früchte seines Opfers zuteil, jeden Tag sind kleine Überwindungen die Gestalt der Askese, die das persönliche Anteilnehmen an Christi Erlösungswerk bezeugt. Das stärkt uns, verbindet uns mit der ganzen Kirche und macht unser apostolisches Zeugnis fruchtbar.

III. Askese »bedeutet, daß der Mensch sich entschließe, als Mensch zu bestehen. Daraus ergibt sich für ihn eine Notwendigkeit, die für das Tier nicht besteht, nämlich seine Triebe in freigewollter Ordnung zu halten und die Neigung zu Unmaß oder falscher Auswirkung zu überwinden. Nicht als ob die Triebe in sich böse wären. Sie gehören zum Wesen des Menschen und werden in allen Bereichen und Formen seines Lebens wirksam. Sie bilden seinen Energievorrat. Sie zu schwächen wäre so viel, wie das Leben zu schwächen; das Leben aber ist gut. (…) Nicht in einer Bekämpfung des Trieblebens liegt das Motiv für die echte Askese, sondern in der Notwendigkeit, es in die gemäße Ordnung zu bringen. (…) Jeder Tag stellt neue Anforderungen, sich selbst in Ordnung zu halten, und das ist Askese.«17

Sie kann einmal darin bestehen, daß wir uns in einer schweren Heimsuchung bewähren müssen. Für gewöhnlich jedoch ist uns die Askese im Alltag aufgegeben, in den sogenannten passiven Abtötungen: unerwarteten Unannehmlichkeiten wie Hitze oder Kälte, plötzlichen Zahnschmerzen, langen Wartezeiten, einer unfreundlichen Reaktion … Neben dieser Form von Abtötungen gibt es solche, die wir uns selbst auferlegen: Pünktlichkeit, aufmerksames Zuhören, Entgegenkommen auch dann, wenn uns innerlich nicht danach zumute ist, ein Wort des Dankes oder der Entschuldigung, auch wenn sie nicht unbedingt nötig sind. Andere Abtötungen tragen zu einer besseren Qualität unserer Arbeit bei: Ausdauer, Ordnung, mit dem Schwung des Anfangs eine Aufgabe auch beenden, anderen helfen, wenn sie sich überfordert fühlen oder nicht zurecht kommen.

Und vergessen wir nicht das Denken: eine überspitzte Kritik meiden, die Neugierde zügeln, nicht wahllos Wissen anhäufen, kein voreiliges Urteilen … Ohne die Zügelung des Geistes haben die Sinne die Neigung, sich zu verselbständigen und so den Menschen zu knechten; deshalb: Zügelung der Blicke, Mäßigung beim Genießen, das kleine Opfer bei jeder Mahlzeit. Zur inneren Abtötung gehört die innere Ordnung des Denkens, etwa indem man unnütze Vorstellungen zurückweist. Dies ist besonders wichtig, wenn sich solche Vorstellungen in Zeiten aufdrängen, die ausschließlich Gott vorbehalten sind, wie z. B. beim Gebet oder bei der heiligen Messe. Bei alledem geht es nicht darum, die menschliche Triebstruktur zu zerstören, sondern sie zu integrieren und zu läutern in ihrer Tendenz, die Vorherrschaft des Geistes zu brechen.

Wäre unsere Askese nicht von dem Wissen getragen, daß wir ohne sie nicht christusförmig werden können, würde sie sehr bald in sture Willensakrobatik ausarten und über kurz oder lang wohl ganz verschwinden. Sie wäre jedenfalls traurig, verbissen oder hochmütig. Die christliche Askese hingegen ist freudig, gutgelaunt und sportlich, denn sie weiß sich in der Vorfreude künftiger Vollendung aufgehoben. Das hilft nicht nur, sie mit großer Beharrlichkeit, sondern auch mit menschlicher Eleganz zu leben: Wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Antlitz18, sagt Jesus.

»Wenn du wirklich treu sein willst, dann halte dich ganz dicht an Maria. Von der Botschaft des Engels bis zu ihrem Leiden unter dem Kreuz hat unserer Mutter Herz und Seele ausschließlich Jesus gehört.

Wende dich an sie mit der zärtlichen Verehrung eines Kindes, und sie wird dir die Treue und die Hingabe erwirken, die du erstrebst.«19

1 Mk 8,34-35. – 2 vgl. Lk 14,33. – 3 Gal 2,20. – 4 Phil 3,8. – 5 2 Kor 5,17. – 6 Joh 10,10. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 521. – 8 Röm 8,13. – 9 J.Escrivá, Der Weg, Nr.187. – 10 Eph 4,22. – 11 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.841. – 12 1 Kor 9,27. – 13 Kol 1,24. – 14 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Salvifici doloris, 11.2.1984, 24. – 15 ebd., 27. – 16 Die deutschen Bischöfe, Kirchliche Bußpraxis, 24.11.1986. – 17 R.Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S.85. – 18 Mt 6,17. – 19 J.Escrivá, Der Kreuzweg, XII,4.