Tagesmeditation

JAHRESKREIS
18. WOCHE – DIENSTAG

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MENSCHEN, DIE GLAUBEN

Nur ein Schatten Christi.
Ein Ruf, der durch die Jahrhunderte hallt.
Im Kraftfeld Jesu Christi.

I. Es war Abend geworden. Wir sehen eine Menschenmenge, durch das Wunder der Brotvermehrung aufgewühlt in ihren irdischen und politischen Hoffnungen; die Jünger, nicht weniger erregt als das Volk; und Jesus, der sich nach Zwiesprache mit dem Vater sehnt. Das ist Hintergrund und Ausgangspunkt des heutigen Evangeliums1.

Der Herr ließ die Jünger in das Boot steigen und wieder zum Westufer des Sees zurückfahren. Er zog sich in die einsamen, höher gelegenen Berge zurück, um zu beten.

Wir folgen einem Autor, bei dem spürbar wird, daß er das Geschehen auch aus betender Erfahrung beschreibt.2 Matthäus und Markus »teilen mit, daß Jesus die Jünger mit den Booten fortgeschickt und zum anderen Ufer zu fahren geheißen habe, indes er selber >auf den Berg stieg<, um zu beten. >Für sich allein< heißt es bei Matthäus. Wie wunderbar ein solcher kurzer Satz. Unwillkürlich fragt man sich: Hast du schon einmal in deinem Leben nachts einen Berg bestiegen, um in der Einsamkeit zu beten? Und es erwacht die Sehnsucht danach, es wenigstens einmal zu tun. Wir wissen nicht, wie Jesus betete, was der Inhalt seines Gebetes war, aber daß es immer auch Gebet für die Seinen, für die Apostel und Jünger gewesen ist, kann nicht zweifelhaft sein.

Dann geht der Herr dem Boot nach. Es hatte sich schon weit vom Land entfernt, war mitten auf dem See, es herrschte heftiger Gegenwind, die Wellen gingen hoch und schlugen sicherlich über den Bordrand, die Ruderer waren schon durchnäßt, ziemlich erschöpft, sie mußten sich gewaltig anstrengen, das andere Ufer war noch weit… Da sehen sie eine Gestalt über den See, über die aufgepeitschten Wogen daherkommen, und sie halten sie für ein >Gespenst<, und sie >schreien< vor Angst. Jesus spricht sie an: >Mut, ich bin es, fürchtet euch nicht!< Soweit decken sich die beiden Evangelienberichte. Matthäus aber erzählt, was Markus verschweigt: Petrus, immer er, natürlich, er trägt nun mal das Herz auf der Zunge, gab ihm zur Antwort: >Herr, bist du es, so heiße mich zu dir über das Wasser kommen!< Sehr seltsam: >Herr, bist du es…< Was soll das heißen? Hat er zwar die Stimme Jesu gehört, aber ihn selbst doch nicht als Jesus erkannt? Ist ihm dieses >Über-das-Wasser-Wandeln<, diese Ungebundenheit an die Naturgesetze, dieser Erweis, daß der Meister, wenn er es nur will, ihnen nicht unterworfen ist, so unfaßlich, daß seine eigenen Sinne verdunkelt werden und er den Herrn nicht zu erkennen fähig ist? Es muß wohl so sein, denn er verlangt ja einen stärkeren Beweis als den Augenschein: >Wenn du es wirklich bist…< Petrus fordert hier also ein zweites Wunder, um das erste glauben zu können.«

Gegen drei Uhr in der Früh, bei Vollmond – das Osterfest war nahe, sagt der Evangelist – und inmitten eines aufgewühlten Sees, erleben diese Fischer eine entscheidende Erfahrung – für sie selbst und für die Kirche, deren Säulen sie werden sollen: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!

So tritt Christus ins Leben eines Menschen ein. Lassen wir diese Schilderung auf uns wirken: die Not, die Verheißung von Hilfe durch eine Gestalt, deren Züge nur schattenhaft erkennbar sind, und der beinahe vermessene Ruf eines Gefährdeten.

II. Der See Gennesaret liegt in einem auf drei Seiten von Steilwänden eingeschlossenen Kessel. »Der Ausgleich der hohen Temperaturen des Bergkessels mit den vom Gebirge kommenden kalten Strömungen verursacht gefährliche und plötzlich auftretende Winde, die gerade wegen ihrer Plötzlichkeit von den Fischern gefürchtet werden. Im östlichen Teil des Sees, am jenseitigen Ufer, steigen die Wellen am höchsten. Am Westufer bietet das Gebirge Schutz, und es ist auffällig, wie rasch ein Boot aus der windgeschützten Zone in den vom Sturm aufgepeitschten See gerät. Noch heute kann man es erleben, wie die Fischer bei ihrer Arbeit innehalten und lauschen, ob der Wind nicht schon in der Höhe vernehmbar ist, ehe er auf den See herabstürzt.«3 Es scheint, daß es sich diesmal nicht um einen jener Stürme handelt, die auch wettererprobten Fischern Angst und Schrecken einzujagen vermochten, anders als in jener Situation, da Jesus schlafend im Boot saß, das Boot überflutet wurde und die jünger schrien: Herr rette uns, wir gehen zugrunde!4 Diesmal war es mühsam, weil sie Gegenwind hatten, aber nicht lebensgefährlich. Der Grund des Entsetzens ist jene Gestalt, die die Jünger über den See kommen sahen.

War es Jesus? Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme. Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! »Das ist der Ruf des Petrus, der durch die Jahrhunderte hallt: Und auch die Vorgeschichte dieses Rufes sowie seine Beantwortung durch den Herrn wiederholen sich immerfort. (…) Der See Gennesaret ist immer. Mit häufigen Orkanen und aufgepeitschten Wassern, die Fischerboote vom Kentern bedroht, das Leben der Fischer in Gefahr. So ist auch die Geschichte der Kirche, das Herz der Menschheitsgeschichte. Und Gott läßt zu, daß Boote kentern und ihre Insassen umkommen. Nur ein Boot wird, wiewohl es in alleräußerste Seenot geraten kann, nicht kentern und untergehen: das Schiff Petri, die Kirche. Und wer sich in diesem Boot birgt, wird gerettet. Gerettet mit Petrus, dem Steuermann, dem die ausgestreckte Hand des >Bootseigners< Jesus niemals versagt bleibt. Und Jesus hat dies nicht nur versprochen, sondern, die Glaubensschwäche und Ängstlichkeit gerade auch des Petrus, der künftigen >Petrusse<, kennend und durch die Geschichte hin voraussehend und wissend, hat er es vorgemacht. Die Nußschale des Simon auf einem palästinensischen Binnengewässer in einer stürmischen Nacht nimmt die ganze Kirche Gottes auf den Weltmeeren der Weltgeschichte vorweg. Nie verliert Jesus Christus sie aus den Augen. Immer kommt er ihr zu Hilfe, in Sturm und bei Nacht. Freilich, er rettet nicht untätige Schlafmützen oder ungetreue Faulenzer. Er rettet die und schenkt den reichen Fischfang und das sichere Ufer denen, die in Treue und Gehorsam unermüdlich arbeiten und kämpfen. Und immer wieder ist es Petrus, der ihm entgegendrängt, der das Äußerste wagt, aus Liebe und Vertrauen; der dann, sich alleingelassen fühlend, das Unwetter >rein menschlich<, >rein natürlich< gewahrend oder erfahrend, eine schreckliche Angst bekommt, die vorübergehend sein liebendes Vertrauen lähmen oder verdunkeln kann; der aber nicht zurückzuschwimmen trachtet, sondern in höchster Not sein Urvertrauen wiederfindet: >Herr, rette mich!«<5

III. Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.

Was für die Kirche als ganzes gilt, gilt auch für jeden einzelnen. Papst Johannes Paul II. erinnerte zu Beginn seines Pontifikates an die alles überwindende Kraft des Vertrauens auf Christus: »Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen! Helft dem Papst und allen, die Christus und mit der Herrschaft Christi dem Menschen und der ganzen Menschheit dienen wollen! Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!«6

Die hohen Wellen und der starke Wind, das Milieu und die Schwierigkeiten des Lebens sollen Gelegenheiten sein, näher an Christus zu rücken. Er soll für uns immer eine überaus klare Gestalt sein. Wenn wir ihn im Gebet und in den Sakramenten aufsuchen, läßt er uns nicht im Stich. Aber der Glaube muß vital-lebendig sein, wir müssen uns im Kraftfeld Jesu aufhalten, ihn nicht aus dem Blick verlieren. Dies war die Erfahrung des Petrus, die sich bei uns im Kleinen – und gelegentlich im Großen – wiederholt: Solange Petrus die Augen auf das Antlitz des Herrn richtet, trägt ihn das Wasser. »Er glaubt, und glaubend steht er im Felde jener Kraft, die aus Christus wirkt. Christus selbst >glaubt< nicht; er existiert; als der, der er ist, Gottes Sohn. Glauben heißt Anteil haben an dem, was Christus - nicht glaubend, sondern seiend - ist. Petrus steht im Felde dieser Kraft und vollzieht darin mit, was Christus tut. Aber alles göttliche Wirken ist lebendig. Es schwingt; steigt und fällt. Solange Petrus den Blick im Blick des Herrn hält; solange sein Glaube mit dem Willen des Herrn einig bleibt, trägt ihn das Wasser. Dann läßt die Spannung seines Vertrauens nach; das menschliche Bewußtsein tritt vor, und er spürt die irdischen Mächte. Er hört den Sturm brausen; fühlt die Wellen schwanken. Der Augenblick der Probe ist da. Statt sich aber um so tiefer in den Blick da drüben hineinzuklammern, läßt er los. Da zergeht das Kraftfeld; er sinkt.«7

Wir können »versinken« wenn die Liebe erkaltet, wenn der Schwung erlahmt, Gott in den alltäglichen Situationen anzugehen. Es mag sein, daß wir uns in höchster Not dank des Erbarmens Gottes ihm wieder zuwenden; aber dies sollte uns nicht genügen. Wir können auch »versinken« wenn die übertriebene Sorge um unser Wohlbefinden, um Bequemlichkeit und Besitz uns so stark in Anspruch nimmt, daß wir in ihrem Strudel untergehen.»»Was macht es aus, wenn du die ganze Welt mit all ihrer Macht gegen dich hast? Du… geh vorwärts!

Sprich die Worte des Psalms: >Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich fürchten? – Si consistant adversum me castra, non timebit cor meum. Auch wenn die Feinde mich umringen, mein Herz wankt nicht.<«8

Dann werden die Gefahren zu Gelegenheiten, uns fester an Christus zu klammern. Ein Wort aus dem Brief an die Hebräer deutet es an: Laßt uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens.9

1 Mt 14,22-36. – 2 P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S. 80. – 3 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S. 204. – 4 vgl. Mt 8,23-27; Mk 4,35-41; Lk 8,22-25. – 5 P. Berglar, a.a.O., S. 81-83. – 6 Johannes Paul II., Ansprache, 22.10.1978. – 7 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 230. – 8 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 482. – 9 Hebr 12,1-2.