JAHRESKREIS
31. WOCHE – MONTAG
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DIENEN UND TEILEN, OHNE GEGENLEISTUNG
»Lade
Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.«
Die Wurzeln großherzigen Dienens.
In der Nachfolge Christi allen dienen.
I. Mahlgemeinschaft ist ein sinnfälliges Zeichen der Zusammengehörigkeit; schon im Profanen wird sie festlich begangen. Als Ausdruck von Lebensgemeinschaft transzendiert sie die bloße physische Notwendigkeit. Sie gipfelt im kultischen Mahl, wie es das Paschamahl der Juden war, das Jesus am Abend vor seinem Sterben in den Neuen Bund münden läßt.
Jesus hat oft mit Pharisäern Mahl gehalten. Er läßt sich gern einladen. Wir betrachten ihn heute im Hause eines angesehenen Pharisäers, und – wie immer – lehrt er, was wir für die anderen und wie wir es tun sollen. Zuerst wendet er sich an den Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reichen Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten.1 Natürlich will der Herr freundschaftliche Zusammenkünfte nicht verbieten. Er zielt höher, und wir erfahren die Pointe erst, wenn er dem Gastgeber sagt, wen er einladen soll: Lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Und warum gerade solche? Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. Das Mahl wird zum Zeichen einer Herzensweite, die frei von Hintergedanken ist. Freunde, Verwandte und begüterte Nachbarn werden uns mit einer Gegeneinladung beehren wollen. Das ist gut so. Dadurch entsteht ein Geflecht von Beziehungen, das sinnvolle Bindungen entstehen läßt oder die Freundschaft festigt. Aber in der Perspektive Christi ist dieser allgemein-menschliche Zug noch zu wenig: Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder.2
Die Liebe eines Christen soll die Liebe Gottes widerspiegeln. Auf Gott blickend verströmt sie sich, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Wenn wir jene beschenken, die sich nicht erkenntlich zeigen können, ahmen wir Christus nach, der uns unverdient reich macht, und ehren ihn, der gesagt hat: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.3 Das Bild des Gastmahls schließt alles ein, was ein Mensch einem anderen schenken kann. Es bedeutet auch Anteilnahme und Gespür für die große oder die kleine Not des Mitmenschen.
Die Bewunderung für Menschen, die diesen ureigenen Zug des Christlichen vorbildlich verwirklicht haben, ist in der Volksfrömmigkeit tief verankert. Nicht selten vermischen sich darin Geschichte und Legende, als hätte das Volk bei Martin, Nikolaus oder Elisabet das Bedürfnis empfunden, die Taten ihrer Nächstenliebe aus besonderer Zuneigung auszuschmücken. Jeder kennt die Geschichte des heiligen Martin, der am Stadttor von Amiens seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Seine Tat geht uns auch heute noch unter die Haut: nicht achselzuckend vorbeigehen, sondern teilen können und Augen für die Not anderer haben, auch die geistig-geistliche Not. Es wird erzählt, ihm sei in der Nacht Christus erschienen, der – mit der Hälfte des Mantels angetan – zu den ihn begleitenden Engeln sagte: »Martin, der Katechumene, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.«
Ebenso Elisabet Jahrhunderte später. Sie war eine Königstochter. Früh vermählt, wurde sie mit zwanzig Jahren bereits Witwe und begann, eigene Wege zu gehen. Ihre Sorge um die Armen schien vielen übertrieben, ihr neuer Lebenswandel erregte Anstoß. Sie fand ihre Selbstverwirklichung, indem sie sich selbst vergaß und sich den Bettlern und Verlassenen widmete. In ihnen sah sie Christus.
Das Leben dieser Heiligen spiegelt das Wort des heiligen Paulus wider: die Liebe sucht nicht ihren Vorteil4. Der Herr sagt es dem gastgebenden Pharisäer und uns: sei freigebig und offen für alle und freue dich, wenn du Menschen beschenkst, von denen du keine Gegenleistung erwarten kannst. Gott besorgt schon den Lohn.
II. Die Heiligen der Nächstenliebe erschließen uns die Weite und Tiefe christlichen Lebens: »Ihre Wege sind Zugehen auf Jesus Christus, Wege zu ihm und mit ihm. Aber zugleich zeigt sich darin, daß der Weg nach innen auch der Weg nach außen ist, daß gerade der Weg nach innen Offenheit, Weite, Entgrenzung, Einheit wirkt. Denn nur in der Tiefe ist Begegnung, nur dort tun sich die Türen des Menschseins auf.«5 Geben weitet das Herz, verjüngt es und steigert seine Liebesfähigkeit. Der Egoismus dagegen engt es ein. So paradox es klingt: Je mehr wir geben, um so reicher werden wir.
Es kann einmal wehtun, wenn man uns keinen Dank weiß. Aber gerade das macht uns um so deutlicher, an wem wir Maß nehmen sollen: an Christus selbst. Mutter Teresa rät ihren geistlichen Töchtern: »Die Zärtlichkeit Gottes zu uns ist groß. Wir empfangen so viel! Die Leute beschenken uns so reich! Unsere Antwort auf Gottes erschreckend große Liebe kann allein restlose Hingabe sein. Er kann mit uns alles machen, was er will Einem Priester, der sie einmal darum gebeten hatte, schrieb sie folgende Worte in sein Brevier: »Laß zu, daß Jesus sich deiner bedient, ohne dich zu fragen.« Eines Tages wandte sich dieser Priester an sie: »Sie wissen gar nicht, was Sie mir angetan haben. Jeden Tag erforsche ich mein Gewissen und frage mich: Habe ich Jesus erlaubt, sich meiner zu bedienen, ohne mich vorher zu fragen?« Selbstlose Liebe erschlafft nicht, nur weil die Mühen nicht zu fruchten scheinen, sie ist geduldig und verläßt sich darauf, daß nichts von dem verloren geht, was wir anderen zuliebe tun.
Die Großzügigkeit entspricht einem vitalen, urmenschlichen Verlangen. Ein Herz, das es nicht versteht, sich für andere zu öffnen und sich für die Anliegen der Gesellschaft zu interessieren, erkaltet. Anders ein Herz, das sich freudig zu schenken weiß: es nähert sich immer mehr dem Vorbild Christi, der kam, um sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele7. Der heilige Paulus bedankt sich bei den Christen von Philippi für ihre Hilfe, sagt ihnen aber, er freue sich nicht so sehr wegen der erhaltenen Wohltat wie wegen der fruchtbaren Wirkungen des Almosengebens für sie: Es geht mir nicht um die Gabe, es geht mir um den Gewinn, der euch mit Zinsen gutgeschrieben wird.8 Ebenso ermutigt er die Christen von Korinth, freudigen Herzens großzügig zu sein, denn Gott liebt einen fröhlichen Geber9. Deswegen empfiehlt Leo der Große: »Wer Almosen spendet, tue es unbesorgt und freudig, denn je weniger er für sich behält, um so größer wird der Gewinn sein.«10 Außerdem: Wer wird einen unwillig oder traurig geleisteten Dienst dankbar entgegennehmen? Es kann helfen, diese menschliche Empfindung auf Gott zu übertragen: der Herr erwartet einen Dienst und eine Hingabe, die froh, spontan und ohne Hintergedanken sind.
Mutter Teresa sagt: »Die Liebe, um fruchtbar zu sein, muß etwas kosten. Zur Zeit hören wir viel über die Liebe reden. Doch messen wir dem wenig Bedeutung zu. Gott stellt das Gebot der Nächstenliebe auf diesselbe Ebene wie das erste Gebot. Die Liebe Gottes ist unendlich.«11
III. »Was ist Caritas? Nun, zunächst einmal bedeutet sie, in einer Welt, die im argen liegt, Notverbände anzulegen. Im endgültigen Paradies wird sie in dieser Form nicht mehr gebraucht. Aber, wie sehr auch die Zustände in der Welt auf und ab gehen, nie wird die Welt so sein, daß sie nicht des Blickes der Liebe bedürfte, daß sie nicht die spontane Gebärde der Liebe nötig hätte, die von keinem Gesetz geregelt ist – nie wird die Welt so sein, daß sie der Caritas, der Liebe, entraten könnte, die über alle Organisation hinaus sich des Menschen annimmt.«12 Spontanes Handeln ist auch dort möglich, wo wir gemeinschaftlich an der Hebung des kulturellen oder sozialen Niveaus benachteiligter Menschen arbeiten. Auch dadurch lassen wir die Talente, die wir von Gott erhalten haben, im Dienste anderer fruchtbar werden: »Es ist eine dringende Aufgabe, die Gewissen von Gläubigen wie Nichtgläubigen aufzurütteln – viele Gutwillige zu mobilisieren -, damit sie mitarbeiten und die materiellen Mittel aufzubringen helfen, die für das Mühen um die Seelen erforderlich sind.«13
Das heutige Evangelium will uns auch zu verstehen geben, daß großzügiges Sichverschenken selbst Teil unseres Lohnes ist, schlicht zu helfen, dabei frei von nachträglichen Gedanken darüber, ob die anderen auch dankbar reagieren. So ist es im allgemeinen besser, wenn Eltern ihre Kinder nicht an die vielen Wohltaten erinnern, die diese von ihnen empfangen haben; wenn die Ehefrau nicht auf die kleinen Hilfen hinweist, mit denen sie ihrem Mann in schwierigen Augenblicken beigestanden hat; wenn der Ehemann sich nicht damit brüstet, er strenge sich »draußen« zum Wohl der Familie an. Besser ist es, alles Wiegen und Werten Gott zu überlassen. Manchmal werden wir sogar still in Kauf nehmen, daß manche guten Werke mißverstanden werden. »Ich sah diesen einfachen Mann rot werden, er war dem Weinen nahe. Mit seinem eigenen, ehrlich verdienten Geld unterstützte er großzügig gute Werke … Und nun hatte er erfahren, daß Ehrenmänner ihn seines Einsatzes wegen der Heuchelei verdächtigten.
Da er ein Neuling in den Schlachten Gottes war und noch ganz naiv, meinte er fassungslos: Sie sehen, daß ich Opfer bringe … und machen mich nun auch noch zum Opfer ihres Spotts!
Ich sprach mit ihm, ruhig und eingehend. Er küßte mein Kruzifix … Seine so verständliche Empörung verwandelte sich in Frieden und Freude.«14
In der Nachfolge Christi sollen wir uns bemühen, auch jene zu verstehen, die uns nicht verstehen können oder wollen, und auch jenen einen Dienst zu erweisen, die ihn uns vorher verweigert haben. Herzensweite ist mit dem Aufrechnen von Leistungen und Gegenleistungen unvereinbar. Wenn jemand sich darüber beklagt, daß man seine guten Taten nicht herausstreicht, dürfen wir annehmen, daß seine Großzügigkeit nicht ganz lauter war. Wer von Herzen gibt, empfindet nicht Enttäuschung oder Verdruß, sondern Freude und Dankbarkeit, weil er Gott gefolgt ist. »Je weiter dein Herz wird, aus Liebe zu Gott, desto glücklicher wirst du sein.«15
Unsere Liebe Frau gab mit ihrem Fiat dem Herrn Sein und Leben hin, für uns, ihre Kinder. Erbitten wir ihre Hilfe, damit wir es verstehen, die erhaltenen Gaben gerne weiterzugeben, dankbar und selbstlos auch dort, wo Egoismus herrscht.
Lk 14,12-14. – 2 Lk 6,32. – 3 Mt 25,40. – 4 1 Kor 13,5. – 5 J.Ratzinger, Christlicher Glaube und Europa, München 1981, S.36. – 6 Mutter Teresa, Beschaulich inmitten der Welt, Einsiedeln 1990, S.34. – 7 Mt 20,28. – 8 Phil 4,17. – 9 2 Kor 9,7. – 10 Leo der Große, Predigt 10 über die Fastenzeit. – 11 Mutter Teresa, a.a.O., S. 135. – 12 J.Ratzinger, a.a.O., S.71. – 13 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.24. – 14 ebd., Nr.28. – 15 ebd., Nr.18.
