Tagesmeditation

JAHRESKREIS
11. WOCHE – DONNERSTAG

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Mündliches gebet

Heidnisches Geplapper und Dialog der Kinder Gottes.
Das Vaterunser.
Mündliches und inneres Beten gehören zusammen.

I. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.1 Nicht wie die Heiden, denn sie kannten keine echte Zwiesprache mit Gott. Sie lebten in der Ungewißheit, ob man unter den vielen Göttern und Geistern den zuständigen mit seinen Gebeten auch wirklich herbeiruft. Durch Zaubergebete versuchten sie, sich die Gottheit gefügig zu machen. Der heidnische Dichter Horaz nennt das wortreiche Geplapper fatigare deos – die Götter ermüden2.

Der veräußerlichte Wortschwall war – trotz des Glaubens an den Gott der Offenbarung – auch für die Juden eine Gefahr, vor der die Heilige Schrift häufig warnt: Wiederhol nicht die Worte beim Gebet!3 Sei nicht zu schnell mit dem Mund, ja selbst innerlich fiebere nicht, vor Gott das Wort zu ergreifen. Gott ist im Himmel, du bist auf der Erde, also mach wenig Worte!4 Jesus will seine Jünger davor bewahren. Er verurteilt natürlich nicht das gesprochene Wort, denn in ihm – wie in den Gesten – verleiblicht sich das Empfinden des Herzens. Aber Jesus will ein echtes, innerliches Sprechen, einen Dialog mit dem Vater. Er lehrt die Seinen, den schlichten Umgang von kleinen Kindern mit ihrem Vater auf den Umgang mit Gott zu übertragen.

Das mündliche Gebet ist Gott wohlgefällig, wenn es wirklich Gebet ist, gesprochene Worte als Echo des Herzens. Der heilige Cyprian von Karthago mahnt um die Mitte des dritten Jahrhunderts die Christen: »Auch wenn wir uns mit den Brüdern versammeln und mit dem Priester Gottes das heilige Opfer feiern, sollen wir auf Ehrfurcht und Zucht bedacht sein und dürfen unsere Gebete nicht in nachlässigen Worten wahllos hervorstoßen. Wir dürfen unsere Bitte, die Gott bescheiden anheimzustellen ist, nicht mit lärmender Geschwätzigkeit aussprechen. Denn Gott hört nicht auf die Stimme, sondern auf das Herz, und uns steht es nicht zu, ihn, der die Gedanken sieht, mit Geschrei zu mahnen.«5

Das mündliche Gebet ist ein einfaches, wirksames und unverzichtbares Mittel, um die Gegenwart Gottes den Tag über zu bewahren und unserer Liebe und unseren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Es zu vernachlässigen würde eine große Verarmung des geistlichen Lebens bedeuten. Am Anfang stehen kurze mündliche Gebete, »Stoßgebete – iaculatoria – wie Pfeile – iaculata – zum Herrn gesandt, Worte, die wir aus der aufmerksamen Lektüre des Lebens Christi lernen: Domine, si vis, potes me mundare, Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen; Domine, tu omnia nosti, tu scis, quia amo te, Herr, du weißt alles, du weißt auch, daß ich dich liebe; Credo, Domine, sed adiuva incredulitatem meam, ich glaube Herr, aber hilf meinem Unglauben, stärke meinen Glauben; Domine, non sum dignus, Herr, ich bin nicht würdig! Dominus meus et Deus meus, mein Herr und mein Gott! … oder andere Gebete, kurz und liebevoll, die aus der Tiefe der Seele hervorbrechen und aus der Situation eines Augenblicks aufsteigen.«6

II. Im Evangelium der heutigen Messe hören wir, wie Jesus das mündliche Gebet par excellence, das Vaterunser, seine Jünger und in ihnen uns alle lehrt. In ihm »lehrt der Heilige Geist die Kinder Gottes durch das Wort Gottes zu ihrem Vater beten, wie dies bei jedem gesprochenen Gebet der Fall ist«7. Das Vaterunser faßt in wenigen Worten alle Grundanliegen und -bedürfnisse des menschlichen Lebens zusammen. Der Herr hinterläßt uns also nicht eine mechanisch zu wiederholende Formel, er »= 7. Das Vaterunser faßt in wenigen Worten alle Grundanliegen und -bedürfnisse des menschlichen Lebens zusammen. Der Herr hinterläßt uns also nicht eine mechanisch zu wiederholende Formel, er gibt uns nicht nur die Worte zu unserem kindlichen Gebet, sondern gleichzeitig den Geist, durch den sie in uns >Geist und Leben< (Joh 6,63) werden«8.

Wir nennen das Vaterunser das Gebet des Herrn, weil uns in ihm Jesus selbst, unser Herr, das Gebet zu unserem Vater lehrt, und zwar auf einzigartige Weise. Denn »zum einen gibt der eingeborene Sohn in den Worten dieses Gebetes uns die Worte, die der Vater ihm gegeben hat (vgl. Joh 17,7): er ist der Lehrer unseres Betens. Zum anderen kennt er als fleischgewordenes Wort in seinem Menschenherzen die Bedürfnisse seiner menschlichen Brüder und Schwestern und offenbart sie uns: er ist das Vorbild unseres Betens.«9 Das Vaterunser ist nicht nur »die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums«,10 wie Tertullian es zwischen dem zweiten und dem dritten Jahrhundert genannt hat, sondern auch Maßstab für die Art und Weise des mündlichen Gebetes überhaupt.

Der Name »Vater« schreibt Reinhold Schneider, sei die geoffenbarte Antwort auf das tiefe Bedürfnis des Menschen nach Erlösung. »Der Name >Vater< läßt sich nur aussprechen in Demut Ehrfurcht und Zuversicht; es ist der Name der Liebe. Wer Gott als seinen Vater erkennt, dessen Handeln ist bestimmt wie das des Kindes, das sich einen jeden Augenblick unter den Augen des Vaters fühlt. Und wie vom ganzen Gebete her, so könnte und müßte sich schon von seinem ersten Worte her die Welt verändern. Der Vater ist; es gibt für ihn keine Zeit; sein Sein währt unveränderlich im Himmel, über dem Geschehen der Erde. So wußte es schon der Sohn, der allein den Vater geschaut hat; so hat er es uns verkündet; wir sprechen diese Worte aus der Kraft des Wissens, das der Sohn uns geoffenbart hat, und im Glauben an ihn. Der Sohn war die Wahrheit selbst; wenn er sich an den Vater wandte, so geschah es nicht aus dem Glauben, der unser Teil ist; es geschah aus der Wirklichkeit göttlichen Lebens, in der Gegenwart des Vaters, im Einssein mit ihm. Das Gebet des Sohnes ist Offenbarung, Zeugnis der Wahrheit aus dem Munde der Wahrheit. Wir dürfen Gott nicht anders nennen, als er ihn genannt hat. Und es ist kein Name Gottes gültig, der den Vaternamen nicht einschließt.«11

 Das Geheimnis eines lebendigen Christenlebens liegt in der Qualität seines Gebetslebens. Man hat das Gebet mit dem Atmen der Seele verglichen. Das betrachtende wie das mündliche Gebet lassen uns die Atmosphäre des Göttlichen atmen und uns in ihr Freude und Nöte, Hingabe und Versagen, Großes und Kleines vor Gott tragen. Dieses Leben vor Gottes Angesicht ist auch dann wirksam, wenn wir nicht ausdrücklich daran denken, etwa weil eine schwierige Arbeit uns ganz in Anspruch nimmt. Mehr als einmal haben wir uns sicherlich dabei ertappt, wie – ohne ausdrücklich ein Stoßgebet zu formulieren – unser Blick auf das Kreuz oder auf das Marienbild vor uns fiel. Auch dies meint das Betet ohne Unterlaß!12 des Apostels.

III. Von einem alttestamentlichen Patriarchen heißt es, er ging seinen Weg mit Gott13. Damit ist nicht nur angedeutet, daß Gott stets bei ihm war, sondern auch, daß er in allem, was er tat, Gott im Blick hatte. Da drängt sich die Frage auf, ob der eigentliche Bezugspunkt unserer Gedanken wirklich der Herr ist oder nicht doch so oft noch wir selbst?

Die mündlichen Gebete helfen uns, diesen Bezug immer wieder neu herauszustellen. »Manche Gebete kommen sogar von Gott selbst und bilden einen Teil der Offenbarung. Diese Texte sagen uns nicht nur, wer Er ist, sondern auch, wie man zu Ihm gelangt; aber nicht in der Form einer Unterweisung über das Beten, sondern indem sie selber Gebet sind. Sie nehmen den Hörenden an die Hand und führen ihn. Die Psalmen zum Beispiel sind nicht nur wichtig und kostbar, sondern notwendig. Sie sind aus betenden Herzen entstanden, aber nicht nur aus deren sozusagen privatem Erleben, sondern stellvertretend für alle. Der Geist Gottes hat sie entstehen lassen, damit sie den anderen zu einer Schule des Gebetes würden.«14 Das gleiche gilt von den großen Gebeten im Evangelium, dem Lobgesang Mariens im Magnificat15, dem des Zacharias, dem Benedictus16, oder dem Dankgebet des greisen Simeon17. In ihnen allen finden wir Anregungen, die wir leicht unserer persönlichen Situation anpassen können.

Die Art und Weise der Aufmerksamkeit kann sich auf die Worte selbst richten, andere Male wird sie sich auf die angesprochene Person – Gott – konzentrieren. Es kann auch sein, »daß der Mensch nicht bloß Bestimmtes sagen, sondern auch im Gebet weilen, darin atmen und sich bewegen will. Man kann einen Weg gehen, um zum Ziel zu kommen; dann tut man es rasch und hält sich nicht auf. Man kann sich aber auch ergehen wollen; dann läßt man sich Zeit und bleibt bei dem, was man Bemerkenswertes findet.«18

In manchen Situationen scheint es sogar unmöglich, ein genügendes Maß an Aufmerksamkeit aufzubringen, und doch kann es sinnvoll sein, sie betend auszufüllen: Aufgaben im Haushalt, Arbeiten in der Werkstatt oder auch Autofahren erlauben normalerweise nicht die für das innere Gebet erforderliche Sammlung. In solchen Situationen ist das mündliche Gebet sehr geeignet, so daß selbst sie in einer betenden Atmosphäre verrichtet werden können. Dies ist die Lage einer Mutter, die den Rosenkranz betet, während sie Hausputz macht oder im Garten arbeitet. Demütig werden wir dann die ungewollten Zerstreuungen dem Herrn aufopfern als Ausdruck unseres Willens, seinen Auftrag zu beherzigen: Allezeit beten und darin nicht nachlassen19.

Mündliches und inneres Beten gehören zusammen. »Weil das mündliche Gebet nach außen gerichtet und so vollkommen menschlich ist, ist es in erster Linie ein Gebet des Volkes. Aber auch das innerliche Beten darf das mündliche Gebet nicht vernachlässigen.= 20 Die Seele braucht beides, und das mündliche Gebet führt – wie wir gesehen haben – zum betrachtenden oder inneren Gebet. Die Wahl der Zeit und die Dauer des inneren Gebetes beruhen auf einem entschlossenen Wollen, in dem sich das Verborgene des Herzens offenbart. Man betet nicht, wenn man Zeit hat, sondern man nimmt sich die Zeit, um für den Herrn da zu sein. Man tut dies mit dem festen Entschluß, ihm diese Zeit nicht wieder wegzunehmen, auch wenn die Begegnung mühevoll und trocken sein mag.«20 So gelingt es uns, »unseren ganzen Tag mit Natürlichkeit und ohne Besonderheiten in ein ständiges Gotteslob zu verwandeln. Wir werden in seiner Gegenwart bleiben, so wie Liebende in Gedanken beieinander sind, und alle unsere Werke – auch die unscheinbarsten – werden sich mit übernatürlicher Wirksamkeit erfüllen.«21

1 Mt 6,7-15. – 2 Horaz, Oden, I,2,26. – 3 Sir 7,14. – 4 Koh 5,1. – 5 Cyprian von Karthago, Über das Gebet des Herrn, 4. – 6 J.Escrivá, Christus begegnen, 119. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 2766. – 8 ebd. – 9 ebd., 2765. – 10 Tertullian, Über das Gebet, 1. – 11 R.Schneider, Das Kreuz in der Zeit, Freiburg 1947, S.12. – 12 1 Thess 5,17. – 13 Gen 5,21. – 14 R. Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.99. – 15 Lk 1,46-55. – 16 Lk 1,68-79. – 17 Lk 2,29-32. – 18 R. Guardini, a.a.O., S.102. – 19 Lk 18,1. – 20 Katechismus der Katholischen Kirche, 2704. – 21 ebd., 2710. – 22 J.Escrivá, Christus begegnen, 119.