Tagesmeditation

JAHRESKREIS
11. WOCHE – MITTWOCH

42

wie beten?

Was ist Beten.
Wie beten?
Ringen um das Gebet.

I. »Unsere Antwort auf das Wort Gottes, in dem er uns das innerste Geheimnis seiner Liebe offenbart, ist nicht in erster Linie das Denken, sondern das Danken – das Gebet. An Gott glauben bedeutet ja nicht nur die Überzeugung, daß Gott existiert, sondern vielmehr die persönliche Hinwendung zu Gott, dem letzten Grund und Ziel, dem Halt und Inhalt unseres Lebens. Das Gebet ist der wichtigste und wesentlichste Ausdruck des Glaubens an Gott; es ist antwortender Glaube, sozusagen der Ernstfall des Glaubens.«1

Im heutigen Evangelium2 hören wir Worte des Herrn über das Wie des Betens: Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden (…). Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.

Die Jünger lernen das Wie nicht allein aus der Belehrung Jesu, sondern auch aus seiner Art und Weise, selbst zu beten. Der Herr betet jeweils vor den entscheidenden Schritten seiner Sendung.3 »Im Beten des Herrn vor den Heilsereignissen, die der Vater ihm zu vollbringen aufträgt, überläßt sich sein menschlicher Wille demütig und vertrauend dem liebenden Willen des Vaters.«4

Nur betend lernen wir Gott kennen. Zudem hält uns das tägliche Gebet wach gegenüber den Anfechtungen des Feindes, stärkt uns in den Bedrängnissen des Alltags und gibt uns einen Blick für die Nöte unserer Mitmenschen. Das Gebet ist wie ein helles Leuchtfeuer, das auf dem Weg Licht spendet und uns hilft, Gefahren zu erkennen. Betend sammeln wir Kraft, damit wir dann besser arbeiten, unsere Pflichten gegenüber Familie und Gesellschaft erfüllen können. Vor allem aber schenkt uns das Gebet Umgang mit dem Meister.

Die Art, wie wir beten, wird immer mitgeprägt von der Situation, in der wir uns gerade befinden: ob nun Freude oder Kummer, Begeisterung oder Trockenheit, Trauer oder Überschwang vorherrschen.

Oft wird uns die Betrachtung einer Stelle aus dem Evangelium helfen, den Gott und Menschen Jesus besser kennenzulernen. »Ich rate dir für dein Gebet, daß du dich in die Berichte des Evangeliums so hineinversetzt, als ob du ein weiterer Teilnehmer wärest. Zuerst stellst du dir das Geschehen vor, das du in Sammlung betrachten möchtest. Dann wird dein Geist tätig, und du bedenkst einen bestimmten Zug im Leben des Meisters: sein liebendes Herz, seine Demut, seine Reinheit, die Art, wie er den Willen des Vaters erfüllt. Erzähle ihm, wie es bei dir in solchen Fällen ist, was dich im Augenblick bewegt, was in dir vorgeht. Bleib aufmerksam, denn vielleicht will er dich auf etwas hinweisen; und so regen sich Eingebungen, zeigen sich Entdeckungen, hörst du einen Tadel.«5

Dies ist das eigentliche Wesen des Gebetes: mit dem Herzen zu Gott sprechen, seine Stimme in unserer Seele vernehmen. Daher ist es so wichtig, unseren Entschluß, Gott die vorgesehene Zeit des Beisammenseins im Gebet zu widmen, nicht leichtfertig umzustoßen. Auch wenn wir Trockenheit verspüren oder es uns scheint, wir erreichten nichts, ist das Gebet immer fruchtbar. Niemals läßt Jesus uns ohne seine Gnade für den Tag leer ausgehen. Er belohnt uns großzügig für die kleine Weile, die wir ihm vorbehalten.

II. Das Wie des Gebetes steht in der Mitte des heutigen Evangeliums. Eine wesentliche Voraussetzung ist die Sammlung, die keine »Vorübung« ist, sondern schon Gebet. »Die geistlichen Lehrer sprechen immer wieder von der Zerstreuung, dem Zustande, in welchem der Mensch nicht Mitte noch Einheit hat, seine Gedanken von diesem zu jenem Gegenstand schweifen, sein Fühlen unbestimmt und sein Wille der eigentlichen Möglichkeiten nicht mächtig ist. Hier gibt es eigentlich keinen richtigen >Jemand<, der redet und angeredet werden kann, sondern ein Gewirre von Gedanken, einen Fluß von Empfindungen, einen Durchgang von Eindrücken. So heißt Sammlung, daß der Betende sich >zusammennimmt<, wie das Wort sehr anschaulich sagt.«6

Wichtig dabei ist, wie wir uns in die eigentliche Zeit des Gebetes begeben. Wenn wir bereits die allerersten Augenblicke aufmerksam pflegen, ist es leichter, später Zerstreuungen aus dem Weg zu gehen, weil wir die innere Sammlung schon gekostet haben.

Damit sind wir nach dem ersten Schritt der Sammlung beim zweiten Schritt: »Die Vergegenwärtigung von Gottes Wirklichkeit und der innere Vollzug des Geschaffenseins.«7 Mit anderen Worten: Sich bewußt werden, daß wir – Geschöpfe und Gotteskinder – in Demut und Dankbarkeit vor unserem Schöpfer und Vater stehen. Der selige Josemaria Escrivá faßt diese Empfindungen in die Worte, die er als Auftakt des Gesprächs mit dem Her= 7 Mit anderen Worten: Sich bewußt werden, daß wir – Geschöpfe und Gotteskinder – in Demut und Dankbarkeit vor unserem Schöpfer und Vater stehen. Der selige Josemaría Escrivá faßt diese Empfindungen in die Worte, die er als Auftakt des Gesprächs mit dem Hern anrät: »Mein Herr und mein Gott, ich glaube fest, daß du hier zugegen bist, daß du mich siehst, daß du mich hörst. Ich bete dich in tiefer Ehrfurcht an …« Glaube, Anbetung, Demut.»Der dritte Schritt ist »das Suchen seines heiligen Angesichts« Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.8»Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht9, sagt der Herr zu der Samariterin. Heilige wissen, worin die Gabe Gottes besteht, und weisen uns mit ihrer Erfahrung den Weg. Das Gebet ist nach dem Kirchenvater Johannes von Damaskus »die Erhebung der Seele zu Gott oder eine an Gott gerichtete Bitte um die rechten Güter«10. Für Theresia vom Kinde Jesu ist das Gebet »ein Aufschwung des Herzens, ein schlichter Blick zum Himmel, ein Ausruf der Dankbarkeit und Liebe inmitten der Prüfung und inmitten der Freude«11.

Gebet »ist Handeln Gottes und Handeln des Menschen. Es geht aus dem Heiligen Geist und aus uns hervor«12. Es erfordert Geduld, Demut, Ausdauer: »Es gibt aktive Naturen, denen in der Betrachtung eine Fülle von Gedanken kommen. Andere wieder denken viel über sich selbst nach und wollen unbedingt alles genau prüfen, was in ihnen vorgeht; sie wollen jeden Fortschritt registrieren. Solche Menschen sind im Gebet gewöhnlich sehr zerstreut. Denn schenkt ihnen Gott den Frieden seiner Gegenwart, so verlassen sie ihn freiwillig, um zu untersuchen, wie sie sich in dieser Lage verhalten und ob sie große Freude empfinden. Sie beunruhigen sich, weil sie gern wissen möchten, ob ihre Ruhe auch ruhig ist. Statt ihren Willen sanft auf die beglückende Gegenwart Gottes zu richten, strengen sie ihren Verstand an, um die Gefühle zu analysieren, die sie gerade haben. Es ist aber ein großer Unterschied, ob wir uns mit Gott beschäftigen, der uns Freude schenkt, oder ob wir uns mit der Freude beschäftigen, die Gott uns gibt.

Eine Seele, der Gott die Fähigkeit zum liebeerfüllten Ruhen im Gebet geschenkt hat, soll darauf verzichten, sich selbst zu beobachten. Wer diese Ruhe allzusehr liebt, verliert sie. Doch Gott entzieht sie uns nicht wegen unfreiwilliger Zerstreuungen. Sofern wir nur ernstlich gewillt sind, in der Gegenwart Gottes zu verharren, werden die Gedanken, die von ihm abgeschweift sind, bald zu ihm zurückkehren und sich an ihm erfreuen.«13

III. Beten heißt sich Gottes Wirklichkeit vergegenwärtigen – den lebendigen Gott, der sich uns in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat und uns zur Heiligkeit ruft.

Das Gebet muß man wollen, lernen wollen, bereit, Widerstände zu überwinden: Prüfungen bleiben niemandem, der das Gebet ernst nimmt, erspart. Dann trotzdem zu beharren ist Ausdruck unserer Treue zu Gott. Gelegentlich wird uns ein Gefühl der Trockenheit überkommen, andere Male Entmutigung, weil Tröstungen ausbleiben, und der Kampf gegen Zerstreuungen bleibt uns selten erspart. Auch kann sich Enttäuschung einstellen, weil wir nicht erhört worden sind.

Da das Gebet »ein Geschenk der Gnade und eine entschlossene Antwort unsererseits« ist, gehört Kampf dazu: »Es verlangt immer ein Bemühen. Die großen Beter des Alten Bundes vor der Zeit Christi wie auch die Mutter Gottes und die Heiligen lehren uns zusammen mit Jesus, daß Beten Kampf bedeutet. Gegen wen? Gegen uns selbst und die List des Versuchers, der alles unternimmt, um den Menschen vom Gebet, von der Vereinigung mit Gott abzuhalten. (…) Wer nicht stets im Geist Christi zu handeln gewillt ist, kann auch nicht gewohnt sein, in seinem Namen zu beten. Der >geistige Kampf< des neuen Lebens des Christen läßt sich nicht vom Kampf des Betens trennen.«14

Das Gebet ist etwas Persönliches und deshalb etwas äußerst Vielfältiges. »Jeder Gläubige kann und muß aus den verschiedenen Formen und dem Reichtum des christlichen Gebetes, wie es die Kirche lehrt, seinen eigenen Weg und seine eigene Gebetsmethode herausfinden; doch fließen alle diese persönlichen Wege am Ende in jenen Weg zum Vater zusammen, als den sich Jesus Christus bezeichnet hat. Beim Suchen nach dem eigenen Weg soll sich der einzelne daher nicht so sehr von seinem persönlichen Geschmack als vielmehr vom Heiligen Geist leiten lassen, der ihn durch Christus zum Vater führt.«15

Beherzigen wir den Rat eines erfahrenen Beters: »Wenn ihr euch einmal nicht in der Lage fühlt, den Spuren Jesu Christi zu folgen, dann tauscht Worte der Freundschaft mit denen, die ihn während seines Lebens auf Erden gut gekannt haben; vor allem mit Maria, die uns Jesus geschenkt hat, aber auch mit den Aposteln. Einige Heiden wandten sich an Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: >Herr, wir möchten gern Jesus sehen.< Philippus ging hin und sagte es Andreas, worauf Andreas und Philippus sich an Jesus wandten, um es ihm auszurichten. Ist das nicht ermutigend? Jene Fremden wagen es nicht, selbst zum Meister zu gehen, und suchen sich einen guten Fürsprecher.«16

1 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S.86. – 2 Mt 6,1-6.16-18. – 3 vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2600. – 4 ebd. – 5 J.Escrivá, Freunde Gottes, 253. – 6 R.Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.21. – 7 ebd., S.30. – 8 Ps 27,8. – 9 Joh 4,10. – 10 Johannes von Damaskus, Darlegung des orthodoxen Glaubens, 3,24. – 11 Theresia vom Kinde Jesu, Autobiographische Schriften, C 25r. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 2564. – 13 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S.111. – 14 Katechismus der Katholischen Kirche, 2725. – 15 Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der christlichen Meditation, 15.10.1989, 29. – 16 J.Escrivá, Freunde Gottes, 252.