Tagesmeditation

JAHRESKREIS
32. WOCHE – SAMSTAG

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BITTGEBET UND GOTTES ERBARMEN

Ausdauer der Witwe vor dem ungerechten Richter.
Gebet im Namen Jesu.
Die Fürbitte Mariens.

I. Die Evangelien überliefern uns nicht nur Worte des Herrn über das Gebet – sie zeigen uns Jesus, wie er zum Vater betet und uns damit den Weg weist. »Das Gebet Christi so zu verstehen, wie seine Zeugen es uns im Evangelium verkünden, bedeutet, sich Jesus, dem Herrn, als dem brennenden Dornbusch zu nähern: Zunächst betrachten wir, wie er betet, dann hören wir, wie er uns beten lehrt, und schließlich erkennen wir, wie er unser Gebet erhört.«1

Das heutige Evangelium2 gibt uns Gelegenheit, das Bittgebet zu betrachten. Die Bedürftigkeit des Geschöpfes und die unendliche Liebe Gottes zu ihm werden darin sichtbar. Und indem wir die göttliche Güte betrachten, die uns – Tag für Tag, Augenblick für Augenblick – im Dasein erhält, festigt sich der Wille, ihm immer nahe zu bleiben.

»Bitten bedeutet nicht nur, daß wir zu Gott gehen, wenn wir aus eigenem nicht mehr weiterkönnen. Seine Hilfe füllt nicht nur die Lücken unseres Vermögens aus. Genauer gesagt: das, was wir bittend anrufen, ist im Letzten gar nicht >Hilfe<, die ja immer etwas Hinzukommendes, Ergänzendes bedeutet, sondern unser ganzes Leben ist auf Gott hin gebaut. Alles, was wir tun, geschieht von Gott her und auf Gott hin. Es gibt kein fertiges, in sich abgeschlossenes Menschenwesen, keinen Menschen auf eigene Faust; sondern Mensch-Sein heißt, aus Gott her und auf ihn hin bestehen. In der Schrift kommt diese Tatsache immer wieder zum Ausdruck; wir brauchen bloß die Psalmen aufzuschlagen, um zu sehen, wie sie zu lebendiger Haltung wird. So ist die Bitte nicht bloß Ruf um Hilfe, sondern vor allem Ausdruck der Tatsache, daß der Mensch nur durch Gott existiert; daß er Wesen und Sein, Leben und Sinn, Kraft und Freiheit aus Gottes schöpferischer Macht empfängt. (...) Indem Gott alles schenkt, wird es dem Menschen innerlichst zu eigen. So richtet sich die tiefste Bitte nicht auf Hilfe in irgendeinem einzelnen Anliegen, sondern auf die Gnade im weiteren und engeren Sinne des Wortes. Diese Bitte muß immerfort erfolgen, weil wir immerfort aus dem göttlichen Wirken leben und handeln. Sie ist so wesentlich wie das Atemholen.«3

Im heutigen Evangelium lehrt uns der Herr, daß wir allezeit beten und nicht nachlassen sollen. Von der Witwe, die immer wieder zum ungerechten Richter kommt und auf ihr Recht pocht, lernen wir, was Beharrlichkeit heißt – zumal der Herr deutlich macht, daß sich unser Bitten nicht an einen despotischen Richter wendet, sondern an Gott, unseren Vater. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Wenn sogar ein Ungerechter schließlich Gerechtigkeit übt, um wieviel mehr der schlechthin Gerechte, Gute und Barmherzige?

Daß Gott sich unserer Bitten annimmt, liegt in seinem Wesen begründet: Gottes Liebe drückt sich in seiner Barmherzigkeit aus. Der Richter dagegen führt nur oberflächliche Gründe an, um der Witwe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihm geht es nicht um Gerechtigkeit, er will seine Ruhe haben: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie läßt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht. Jesus schließt das Gleichnis: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt. Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?

Deshalb dürfen wir niemals müde oder mutlos werden in unserem Gebet zu Gott: »Mein Gott, lehre mich lieben! – Mein Gott, lehre mich beten!«4

II. Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten.5 Nicht allein Ausdauer, sondern die Verwurzelung in Christus verleiht dem Gebet Mächtigkeit: »Es gibt keinen anderen Weg christlichen Betens als Christus. Unser Gebet hat nur dann Zugang zum Vater, wenn wir >im Namen Jesu< beten, in Gemeinschaft oder allein, in gesprochener oder innerlicher Weise. Die heilige Menschheit Jesu ist der Weg, durch den der Heilige Geist uns zu Gott, unserem Vater, beten lehrt.«6 Wer den Fußspuren Christi folgt, verbindet sein eigenes Beten mit dem Gebet Jesu, unseres einzigen Mittlers. Der Priester, der jemandem sagte: »Ich werde für dich in der heiligen Messe beten« fügte hinzu: »Ich bilde mir nicht ein, mein Gebet wäre etwas Besonderes, aber in der Messe wird dieses Gebet gleichsam zum Gebet Christi selbst.«

Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Wir wissen nicht nur nicht, wie wir beten sollen, sondern auch nicht, was wir wirklich brauchen, worum wir also bitten sollen. Wenn wir uns dem Geist überlassen, dann betet er in uns und bittet mit uns. Dann erfahren wir, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt8 und versehen unsere Bitten mit dem Vorbehalt: Dein Wille geschehe, gerade dann, wenn meine Bitte nicht dein Wille ist.

Der Herr ist voll Erbarmen und Mitleid mit uns, mit unseren Armseligkeiten und Fehlern. Nur unser begrenztes Aufnehmenkönnen engt Gottes Geben ein. Die Heilige Schrift stellt uns mit bewegenden Worten die Barmherzigkeit des Herrn vor Augen. Zu Mose sagt der Herr: Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.10 Der Prophet Joël greift diese Worte auf, wenn er das Volk zur Buße aufruft: Kehrt um zum Herrn, euerem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte.11 Altes und Neues Testament verschmelzen im Gebet des Zacharias: Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in der Finsternis sitzen.12 Und Maria jubelt über Gott, denn er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten13. Sie greift damit den Ruf des Psalmisten auf: Die Huld des Herrn währt immer und ewig für alle, die ihn fürchten und ehren.14

Das immer wieder im Alten Testament verkündete Erbarmen Gottes findet seine Erfüllung in Christus. Er »ist vor allem selbst eine Verkörperung des Erbarmens, stellt es in seiner Person dar. Er ist in gewissem Sinne das Erbarmen.= 15 Und der Gipfelpunkt der Offenbarung und Verwirklichung dieses Erbarmens ist der gekreuzigte Herr, dessen Leid jedes menschliche Leid aufnimmt und – durch die Auferstehung – gleichsam verwandelt. Der österliche Christus ist die endgültige Inkarnation des Erbarmens, dessen lebendiges, heilsgeschichtliches und zugleich endzeitliches Zeichen.«15 Wir gehen zum gekreuzigten und auferstandenen Herrn mit den eigenen Nöten und denen jener, die uns nahestehen und denen wir vielleicht unser fürbittendes Gebet versprochen haben.

Die christliche Gebetspraxis kennt viele Ausdrucksformen: das Stoßgebet, das schlichte Niederknien vor dem Kreuz, die Fürbitten innerhalb der Meßliturgie, bis hin zu jenem Pilgergang durch die Nacht, bei dem Jugendliche Glaslaternen in ihren Händen trugen, in die sie ihre Gebetsanliegen eingeritzt hatten: neben den eigenen Bitten für eine kranke Freundin, den arbeitssuchenden Freund, solche für die anonym Leidenden, nur aus Zeitung und Fernsehen bekannt. Ihre Laternen hatten sie nach stiller Anbetung vor dem Allerheiligsten an der Osterkerze neben dem Altar angezündet und trugen sie nun bis zu dem Waldstück, wo die heilige Messe bei Sonnenaufgang gefeiert wurde. Lauter Bittgebete – an der Osterkerze entzündet und in das Opfer Christi hineingenommen.

III. Maria ist unsere Fürsprecherin bei Gott, sie, Jesu und unsere Mutter. Sie kennt ihn und kennt uns. »Im öffentlichen Leben Jesu erscheint seine Mutter ausdrücklich am Anfang, da sie bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa durch ihr Mitgefühl den Anfang der Zeichen Jesu als des Messias durch ihre Fürbitte veranlaßt hat (vgl. Joh 2,1-11).«17 In einem aus der Not des Dreißigjährigen Krieges stammenden Lied rufen wir zu ihr: »Maria breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus; laß uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm vorübergehn. Patronin voller Güte, uns allezeit behüte.«18 Das Unter deinen Schutz und Schirm, dessen Urform ins 2. oder 3. Jahrhundert zurückgeht, wird in den Schutzmantelmadonnen gleichsam visualisiert, die an einen alten, weitverbreiteten Rechtsbrauch des Mittelalters anknüpften, demzufolge ein Übeltäter, dem es gelang, sich unter den Mantel einer hochstehenden Frau zu flüchten, Anspruch auf Begnadigung hatte.

Unsere marianischen Gebete und Lieder, unsere Bilder und Bräuche werden aus der Ahnung gespeist, Jesus habe bei der Hochzeit zu Kana seine Stunde dem Walten der Mutter überlassen. »Das Evangelium offenbart uns, wie Maria gläubig betet und Fürbitte einlegt.«19 Es war am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu. Eigentlich hätte sie sich mit dem Hinweis Jesu begnügen müssen, jene Panne gehe ihn nichts an und seine Stunde sei noch nicht gekommen. Aber Maria besitztjene Intuition, wie nur Mütter sie haben können.

Sie gibt die gleichsam autoritative Anweisung: Was er euch sagt, das tut. Wie gut sind unsere Sorgen und Nöte bei Maria aufgehoben, selbst jene, wie diese Begebenheit zeigt, deren wir uns kaum oder gar nicht bewußt sind, Gefährdungen für Leib und Seele, die wir blind Maria anvertrauen können! Wie eine gute Mutter wird sie weitsichtig Vorsorge treffen.

Der Bericht des Evangeliums schließt: So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.20 Mit ihrer Anweisung in Kana verbindet Maria die großen Pläne Gottes mit den kleinen Anliegen konkreter Menschen: ein materieller Mangel und eine peinliche Situation werden behoben, der Glaube der Jünger entzündet. Die Mutter selbst gibt dem Sohn das Zeichen zum Aufbruch und denen, die ihm nachfolgen wollen, das Schlüsselwort: Was er euch sagt, das tut.

Wie weiß man aber, was er sagt? Verweilend in Gebet und Kontemplation, entdecken wir den Willen Gottes. Lukas erwähnt zweimal21, Maria habe alles im Herzen bewahrt und darüber nachgedacht: wir brauchen eine Nähe zu Gott, die sich nicht im Sprechen eines Morgen- oder Abendgebetes erschöpft, sondern alles, das Zuhause, die Arbeit, frohe und trübe Stunden vor ihn bringt.

Im Tagesgebet einer der Marienmessen am Samstag beten wir: »Herr und Gott, auf die Fürsprache der jungfräulichen Mutter Maria schenke uns die Gesundheit des Leibes und das Heil der Seele. Nimm von uns die Traurigkeit dieser Zeit und führe uns zur ewigen Freude.«

Katechismus der Katholischen Kirche, 2598. – 2 Lk 18,1-8. – 3 R.Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.66-67. – 4 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.66. – 5 Jak 5,16. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 2664. – 7 Röm 8,26. – 8 Röm 8,28. – 9 Jak 5,11. – 10 Ex 34,6. – 11 Joël 2,13. – 12 Lk 1,78-79. – 13 Lk 1,50. – 14 Ps 103,17. – 15 Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 2. – 16 ebd., 8. – 17 II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 58. – 18 Gotteslob 595. – 19 Katechismus der Katholischen Kirche, 2618. – 20 Joh 2,11. – 21 Lk 2,19; 2,51.