Jahreskreis
23. Sonntag (Lesejahr A)
37
in seinem namen versammelt
Von der
Verantwortung füreinander.
Gebet und Gemeinschaft der Heiligen.
Familie und Gebet.
I. Die drei liturgischen Lesungen1 dieses Sonntags verweisen darauf, daß wir auf unserem Weg zu Gott nicht allein sind und Verantwortung für die anderen tragen. In der zweiten Lesung unterstreicht Paulus einen grundsätzlichen Aspekt der besonderen Verantwortung füreinander und konkretisiert die wachsame Sorge, die aus dem neuen Gebot der Liebe erwächst: Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer. Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.
Vor diesem Hintergrund hören wir die Worte des Herrn im Evangelium. Was soll der Jünger tun, wenn dein Bruder sündigt? Eines ist den je nach den Umständen verschiedenen Verhaltensweisen gemeinsam: der Wille, den Bruder durch brüderliche Ermahnung zurückzugewinnen. Gleichgültiges Wegschauen ist sündhaft. Wir heiligen uns nicht allein, sondern in der geschwisterlichen Gemeinschaft der Glaubenden. Da gilt analog die Aussage des Katechismus der Katholischen Kirche über die Weitergabe des Glaubens: »Der Glaube ist ein persönlicher Akt: die freie Antwort des Menschen auf die Einladung des sich offenbarenden Gottes. Doch der Glaube ist kein isolierter Akt. Niemand kann für sich allein glauben, wie auch niemand für sich allein leben kann. Niemand hat sich selbst den Glauben gegeben, wie auch niemand sich selbst das Leben gegeben hat. Der Glaubende hat den Glauben von anderen empfangen: er muß ihn anderen weitergeben. Unsere Liebe zu Jesus und den Menschen drängt uns, zu anderen von unserem Glauben zu sprechen. Jeder Glaubende ist so ein Glied in der großen Kette der Glaubenden. Ich kann nicht glauben, wenn ich nicht durch den Glauben anderer getragen bin, und ich trage durch meinen Glauben den Glauben anderer mit.= 2 Im Kampf gegen unsere Schwächen und Verfehlungen brauchen wir den Bruder oder die Schwester an unserer Seite. Sie weisen uns – und wir sie – auf Fehlhaltungen hin, die wir vielleicht selbst nicht bemerkt haben. Das Unkraut der Sünde wächst mit der gutenSaat3 und verunstaltet das Antlitz der Kirche. Die Verantwortung für den Bruder oder die Schwester ist Teil der Verantwortung für die gesamte Kirche.
Im Roman Das Schweißtuch der Veronika spricht eine schlichte, tief gläubige und weise Hausdienerin eine Erfahrung aus, die wahrscheinlich eine Erfahrung der Dichterin selbst ist: »Die Einheit derer, die bestimmt sind, einander auf dem Weg zu Gott zu helfen, ist tief und geheimnisvoll wie nichts anderes auf Erden. Ich habe eine liebe Freundin, die mir viel Kummer gemacht hat, weil ich mir lange Zeit einbildete, ich sei dazu bestimmt, sie zu bekehren und ihre Seele zu retten. Eines Tages aber ist mir klar geworden, daß es vielmehr umgekehrt sein sollte. Denn wenn uns jemand geschenkt wird, von dem wir glauben, daß wir sehr viel für ihn beten müßten, so heißt das auch immer zugleich und an erster Stelle, daß wir die eigene Seele noch viel rückhaltloser an Gott hingeben sollen. Nun, von dem Augenblick an, wo ich das erkannt habe, nämlich daß meine Freundin zuerst das Werkzeug Gottes an mir sein sollte und nicht umgekehrt, von jenem Augenblick an also habe ich auch Ruhe um ihre Seele gefunden, denn das, was ich durch sie gelernt habe, ist so groß, daß mir scheint, sie muß schon um dessentwillen beständig von Gott gesegnet werden.«4
II. Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten.5 »Als Antwort auf diese Bitte vertraut Jesus seinen Jüngern und seiner Kirche das christliche Grundgebet an= 6, das Vater unser. Es ist das Gebet des Herrn, das Gebet der ganzen Kirche in der Liturgie, das Gebet eines jeden einzelnen, wenn er in seine Kammer geht und die Tür zuschließt7. Dennoch ist es immer Gebet in Gemeinschaft – auch dann, wenn ich nicht am hiligen Geschehen der Liturgie teilnehmen oder nicht mit anderen zusammen beten kann, denn auch dann bin ich nicht allein, sondern mit allen verbunden, die Vater unser sagen. Weil das so ist, »darf ich nicht nur um mein tägliches Brot, um die Vergebung meiner Schuld, um meine Rettung vor dem Verderben bitten. Vor Gott stehe ich immer in der Reihe der Brüder und Schwestern. Ihre Gefährdungen und Leiden sind unlösbar mit meinen eigenen verknüpft. Eine Gebetspraxis, die das nicht ernst nimmt, gleitet in einen religiös verkappten Egoismus ab.«6 Ich bete allein, und doch nicht allein; nicht nur, weil ich vor Gott stehe, sondern weil ich viele andere miteinbeziehe.
Die geheimnisvolle Wirklichkeit, die wir Gemeinschaft der Heiligen nennen, gilt auch für unser Beten. Dieses Wort hat »zwei Bedeutungen, die eng miteinander zusammenhängen: >Gemeinschaft an den heiligen Dingen< (sancta) und >Gemeinschaft zwischen den heiligen Personen< (sancti)= 9. Weil wir alles, was zum Leben in Gott gehört, gemeinsam haben, können wir uns - durch das Beten oder durch eine brüderliche Ermahnung - gegenseitig helfen: Wenn du für alle betest« predigt der heilige Ambrosius von Mailand im 4. Jahrhundert, »dann wird dir auch das Gebet aller nutzen, denn du bist Teil des Ganzen. Auf diese Weise wirst du eine große Wohltat erfahren, denn das Gebet jedes Gliedes des Volkes bereichert sich mit dem Gebet der anderen.«7 Es ist auch Ausdruck dieser Gemeinschaft, wenn wir uns die Gebetserfahrung anderer zunutze machen, etwa indem wir Gebete sprechen, die heiligmäßige Menschen uns überliefert haben: »Wenn also aus dem Herzen eines Menschen lebendige und gute Worte des Gebetes gekommen sind, ist es richtig und schön, daß die anderen sie gebrauchen, und daraus entsteht die Gemeinschaft im Heiligen.«8
Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind… Oft – in unserer Zeit öfter vielleicht als früher – ergibt sich die Gelegenheit, durch gemeinsames Beten im kleinen Kreis Menschen zum Gebet zu bewegen, deren persönliche Situation im Widerspruch steht zu einer christlichen Lebensführung und die sich deshalb des Empfangs der Eucharistie enthalten. Gemeinsames Beten kann in ihnen den Vorsatz wecken, sich am Gebet als einziger Stütze festzuhalten. Ein bekannter Theologe schreibt: »Wenn ich im Stande der Sünde bin, kann ich weder für mich, noch für die anderen verdienen, aber ich kann schon für mich und die anderen beten. Das Gebet ist nicht auf die Wahrheit des Lebens gegründet, es ist ein Ruf an die reine Barmherzigkeit Gottes. Selbst aus den Tiefen meiner Sünde kann ich zu Gott schreien; das Gebet ist eine Gnade, durch die er mich einlädt, mich ihm zu nahen, damit er mir schließlich verzeihen kann. Und selbst als Sünder kann ich für die anderen, die besser sind als ich, und für die Heiligen und für die Kirche und das Heil der Welt beten.«9
Wie vieles hängt vom Gebet mit oder für andere ab! Si Stephanus non orasset, Ecclesia Paulus non haberet. – »Hätte Stephanus nicht gebetet, hätte die Kirche Paulus nicht.«10
III. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Am ursprünglichsten verwirklicht sich dieses Wort in der Familie, der »Urzelle des gesellschaftlichen Lebens«11. Der Glaube läßt uns diese natürliche Gemeinschaft neu erfahren als ecclesia domestica, als Hauskirche.12 »Zeichen und Abbild der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist«13. Zugleich entdeckt man: »Die Kirche ist nichts anderes als die >Familie Gottes<. Von Anfang an wurde der Kern der Kirche oft von denen gebildet, die >mit ihrem ganzen Haus< gläubig geworden waren. Als sie sich bekehrten, wünschten sie auch, daß >ihr ganzes Haus< das Heil erlange. Diese gläubig gewordenen Familien waren Inseln christlichen Lebens in einer ungläubigen Welt.«17 Auch heute gilt: »Die Familien sind die ersten Schulen der Glaubenserziehung, und nur wenn diese christliche Einheit erhalten bleibt, wird es möglich, daß die Kirche ihre große Sendung in der Gesellschaft und in der Kirche selbst erfüllt«18. In unserer Zeit muß man diese Aufgabe gegen zersetzende Tendenzen verteidigen: Grundwerte werden in Frage gestellt, der Sinn von Freiheit und Bindung, Selbstverwirklichung und Dienst verkehrt, Ehen scheitern, Kinder wachsen verwahrlost auf, Abtreibung wird gleichgültig hingenommen, Kinderfeindlichkeit setzt sich rapide durch.
Was heißt da in seinem Namen versammelt sein? Es meint nicht nur gemeinsames Beten, sondern auch, daß die familiäre Atmosphäre insgesamt stimmen muß, daß »jeder gibt und empfängt«19, die Zuordnung von Autorität und Gehorsam, Freiheit und Dienen nicht in Frage gestellt wird. »Jede Familie weiß, wie Ichsucht, Zwietracht, Spannungen und Konflikte ihre Gemeinschaft schwer verletzen und manchmal tödlich treffen: daher die vielfachen und mannigfaltigen Formen von Spaltung im Familienleben. Aber gleichzeitig ist jede Familie immer vom Gott des Friedens gerufen, die frohe und erneuernde Erfahrung der >Versöhnung< zu machen, der wiederhergestellten Gemeinschaft, der wiedergefundenen Einheit.«20
Beten stiftet diese Einheit untereinander. Es gibt »ausgezeichnete, kurze und althergebrachte Frömmigkeitsübungen, die in den christlichen Familien immer gelebt worden sind: das Tischgebet, der gemeinsame Rosenkranz (…), die persönlichen Morgen- und Abendgebete. Je nach der Gegend werden die Gewohnheiten verschieden sein, aber ich denke, daß die eine oder andere einfach, schlicht und ohne Frömmelei gemeinsam verrichtete Frömmigkeitsübung in jeder Familie ihren Platz haben sollte.«21
Und wenn die Kinder groß geworden sind, wird aus dem Beten miteinander das Beten füreinander. »Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Geburten, Geburtstage und Hochzeitstage, Abschiede, Getrenntsein und Wiedersehen, wichtige und einschneidende Entscheidungen, Todesfälle im Kreis der Lieben und ähnliches mehr – all das sind Marksteine der Begegnung der Liebe Gottes mit der Geschichte der Familie, wie sie auch Anlaß zur Danksagung sein sollen, des Bittens, der vertrauensvollen Überantwortung der Familie an den gemeinsamen Vater im Himmel.22
Eine Mutter von sechs Kindern blickt auf ihre Kindheit zurück, dankbar und verwundert wegen ihrer prägenden Kraft; sie erzählt, »mit welch eigentümlichen Gefühlen ich Sonntag für Sonntag den Gang meines Vaters zu seiner Kirchbank verfolgte. Er mußte dabei das Kirchenschiff durchqueren und den Tabernakel, der damals noch im Zentrum des Altarraumes stand, passieren. Da er regelmäßig erst in letzter Sekunde erschien, wir Kinder aber immer schon frühzeitig zur Kirche geschickt wurden, wartete ich jeden Sonntag mit schwer zu erklärender Spannung darauf, ob der Vater wohl auch diesmal wieder in der Mitte des Ganges innehalten und eine tiefe Kniebeuge machen würde. Wenn dieser Vater, dessen Skeptizismus und Spötteln so locker daherkamen, vor irgendetwas oder irgendwem in der Kirche das Knie beugte, dann mußte hier das Wesentliche unseres Glaubens liegen.«23 In einer gottfernen Welt liegt darin – gestern wie heute – die »= 23 In einer gottfernen Welt liegt darin – gestern wie heute – die zersetzende« Kraft gläubigen Betens.
33,7-9; 13,8-10; 18,15-20. – Katechismus der Katholischen Kirche, 166. – vgl. 13,24-30. – Gertrud von le Fort, Das Schweißtuch der Veronika, München 1935, S.147. – 11,1. – Katechismus der Katholischen Kirche, 2759. – vgl. Mt 6,6. – F. Hengsbach, , Bd.2, Sankt Augustin 1977, S.23. – Katechismus der Katholischen Kirche, 948. – Ambrosius, Über Kain und Abel, 1. – R. Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.98. – Ch. Journet, Vom Geheimnis der Gnade, Fribourg 1962, S.86. – Augustinus, , 215. – Katechismus der Katholischen Kirche, 2207. – ebd., 2204. – ebd., 2205. – ebd., 1655. – Johannes Paul II., Ansprache in Guadalajara (Mexiko), 30.1.1979. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Familiaris consortio, 22.11.1981, 21. – ebd. – Gespräche mit Msgr.Escrivá de Balaguer, 103. – Johannes Paul II., a.a.O., 59. – M. Heeremann, Gotteserfahrungen sind keine Kuschelecken, in: Von der Lust, katholisch zu sein, Aachen 1993, S.100.
