JAHRESKREIS
18. WOCHE – MONTAG
49
CHRISTLICHER REALISMUS
Die
Ohnmacht der Jünger.
Vertrauen auf die Macht Gottes.
Im Blick auf die Eucharistie.
I. Wir haben den Bericht bei Markus von der ersten Brotvermehrung Jesu erst vor wenigen Tagen betrachtet. Jesus kann sich vor der Menge nicht retten. Sie verfolgt ihn, und als guter Hirte nimmt er sich ihrer aufs neue an: Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.1 Markus ergänzt noch, Jesus habe die Menschenmenge lange und ausführlich gelehrt. Doch inzwischen ist es spät geworden. Deshalb werden die Jünger unruhig: die Leute müssen – wie sie selbst – hungrig geworden sein und haben noch einen langen Nachhause-Weg vor sich. Was also tun? Am besten kurzen Prozeß machen und sie entlassen. Schick doch die Menschen weg, raten sie dem Herrn. Der indes scheint unwillig und so die heikle Situation nur noch zu verlängern. Gebt ihr ihnen zu essen, fordert er sie auf. Wie unpragmatisch angesichts der aufgetriebenen ganzen fünf Brote und zwei Fische.
Wir wissen, wie es weitergehen wird. Aber bevor wir das Staunen der Jünger über die wunderbare Brotvermehrung betrachten, verharren wir betend bei ihrem unschlüssigen Zaudern, das nicht selten das unsere ist. Wieviel erwartet der Herr von uns! Wie gerne möchten wir alles tun, was er uns nahelegt! Wir überblicken unsere Möglichkeiten, und wie begrenzt erscheinen sie uns, im Geistigen wie im Materiellen! Und dazu noch die Erschwernisse eines gleichgültigen oder manchmal auch aggressiven Milieus, dem wir ausweichen möchten!
Wir betrachten die Apostel in einem Augenblick, da sie noch nicht wissen, was Jesus tun wird. Sie wissen nur: da sind fünftausend Menschen, fünf Brote, zwei Fische und eine rätselhafte Bitte Jesu. Auch wir erleben solche Situationen. Wir denken an alles, nur nicht an die Macht des Herrn. Ist da ein Anflug von Pessimismus verwunderlich? Wir verlieren dann leicht die freudig-gelassene Haltung, die zum Christsein gehört. Aber sobald wir uns darauf besinnen, daß der Herr bei uns ist – und wir bei ihm – ändert sich die Lage: »Bei apostolischen Unternehmungen empfiehlt es sich, ist es sogar Pflicht, deine irdischen Hilfsmittel nüchtern einzuschätzen: 2+2= 4.
Aber vergiß nicht, niemals, daß du glücklicherweise noch mit einem weiteren Posten rechnen mußt: Gott+2+2…«2
Aber manchmal scheint es so, daß uns nicht nur die Kräfte verlassen, wir haben einfach keine mehr. Wir sind überfordert. Was dann? Ganz schlicht: mit der Gnade Gottes rechnen – sie ist ganz real; denn er hat den Seinen gesagt: Ich bin bei euch alle Tage3.
Dies ist die Grundeinstellung, die wir christlichen Realismus nennen könnten – offen für die Wirklichkeit mit all ihren Tücken, Gefahren und Hindernissen, und doch im freudigen Vertrauen. Deshalb heißt es: »Wirf diese Hoffnungslosigkeit, die aus der Erkenntnis deiner Erbärmlichkeit stammt, weit von dir. – Es ist wahr: nach deinem wirtschaftlichen Ansehen bist du eine Null…, nach deinem gesellschaftlichen Ansehen wieder eine Null…, nach deinen Qualitäten noch eine Null und noch eine nach deiner Begabung… Aber links von all diesen Nullen steht Christus… Was für eine unermeßliche Zahl ergibt das!«4
II. Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Die Antwort Jesu muß für die Apostel unwirklich geklungen haben: Doch der Herr kennt eine höhere Wirklichkeit, was die Jünger übersehen. Zuerst aber müssen sie ein wenig spüren, daß sie in einer Sackgasse sind: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.5 Dann wird Jesus ein großes Wunder wirken. Sie sollen nur das wenige bringen, das sie auftreiben konnten. Aus der Verlegenheit wird Freude werden, Staunen – und eine Lektion für die Zukunft.
Das ist christlicher Realismus: er sieht nüchtern die Umstände, aber er sieht sie im Glauben. Sein Ausgangspunkt ist die Einsicht, daß Gott alles zum Guten gerichtet hat und daß er es versteht, uns auch aus scheinbaren Engpässen zu befreien und aus einem Scheitern einen Erfolg zu machen. Diese Einsicht befreit uns nicht von der Anstrengung, alle Mittel und Möglichkeiten einzusetzen, die einem gegeben sind. Der Herr brauchte ja im Grunde die fünf Brote und die zwei Fische gar nicht, und doch läßt er sie herbeibringen. Das konnten die Jünger eben beisteuern; verschwindend wenig, und doch verzichtet der Herr nicht darauf. Und noch eines ist nötig: daß die Jünger auf ihn schauen.
Was unseren innereren Kampf um die Heiligung unfruchtbar machen kann, ist nicht die Begrenztheit der Mittel und Möglichkeiten, sondern das Unterlassen, die Weigerung, dem Herrn das wenige zu geben, worüber wir verfügen, ist die Kurzsichtigkeit zu meinen, das wenige könne doch nichts ausrichten.
Christlicher Optimismus gründet und festigt sich im Gebet: »Christlicher Optimismus – das ist weder der Blick durch die rosarote Brille noch das rein menschliche Vertrauen darauf, daß alles gut geht.
Christlicher Optimismus wurzelt im Bewußtsein unserer Freiheit und in dem Vertrauen auf die Macht der Gnade. Er verlangt von uns, daß wir in jedem Augenblick bereit sind, dem Ruf Gottes zu folgen.= 6 Es ist ja nicht der Optimismus des Egoisten, der die Augen vor den Schwierigkeiten einer Situation verschließt und – um nicht gestört zu werden – meint, alles wird sich schon finden« Es ist die gläubige Sicht, die offenen Auges die Schwierigkeiten anzugehen versteht. Diese gläubige Sicht lehrt uns, daß Gott wirklich unser Vater ist, der uns niemals verläßt und jede Situation zum Guten wenden kann. Nur die Sünde ist unfruchtbar. Unse»e Schwächen, Fehler und Armseligkeiten zeigen uns die Grenzen des Geschöpfes, aber sie sind für Gott kein Hindernis, wenn wir uns nur seiner Hand überlassen. »Gott hat uns befohlen, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um Vollkommenheit zu erlangen. Unterlassen wir also nichts, was uns darin fördern kann. Haben wir dann das Unsere getan, müssen wir den Erfolg unseres Strebens und Mühens von Gott erwarten. Sehen wir, daß wir nicht so große Fortschritte machen, wie wir es wünschen, so beunruhigen wir uns nicht. Bleiben wir im Frieden. An uns ist es, das Erdreich unserer Seele getreulich zu bearbeiten. Das Ausmaß der Ernte müssen wir Gott anheimstellen. Der Bauer ist nicht tadelnswert, wenn er keine gute Ernte einbringen kann, wohl aber, wenn er seinen Acker nicht sorgfältig bestellt hat.«6
III. Alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übriggebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder. Jesus wirkte das Wunder nicht zugunsten neugieriger Zuschauer, sondern Menschen zuliebe, die ihn wirklich suchten – zwar ohne genau zu wissen, wer er war, aber doch interessiert genug, daß sie seinetwegen so lange Wege zurücklegten.
Wie natürlich müssen die Menschen es empfunden haben, mit Jesus und miteinander Mahl zu halten! Man kann sich gut vorstellen, daß jene Zeit bei Jesus auch dazu diente, daß Menschen sich näherkamen, Freunde wurden.
Der Herr hat angefangen, sein Volk zu sammeln. Die Apostel sind als seine Helfer bei ihm, sind Austeiler seiner Gaben. Die Fünftausend erhalten eine Speise, von der sie noch nicht wissen, daß sie auf die heilige Speise der Eucharistie hinweist. Dennoch haben wir in einem gewissen Sinne in dieser Versammlung am Ufer des Sees schon den Keim der zukünftigen Kirche. Nur: was Jesus da anbietet, ist erst noch ein Mahl. Bald wird er in der Synagoge von Kafarnaum ankündigen, daß er ein Brot geben wird, das sein Fleisch ist8: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.9
Wenn Jesus die Eucharistie stiftet, übernimmt er die Symbolik des Mahles. Wir nennen sie »Brechen des Brotes, denn dieser dem jüdischen Mahl eigene Ritus wurde von Jesus verwendet, wenn er als Vorsteher der Tischgemeinschaft das Brot segnete und austeilte; er tat dies vor allem beim Letzten Abendmahl. An dieser Handlung erkennen ihn die Jünger nach seiner Auferstehung wieder. Mit dem Ausdruck >Brechen des Brotes< bezeichnen die ersten Christen ihre eucharistischen Versammlungen. Sie wollen damit sagen, daß alle, die von dem einen gebrochenen Brot, von Christus, essen, in Gemeinschaft mit ihm treten und in ihm einen einzigen Leib bilden.«10
»Es ist eine grundlegende Wahrheit, nicht nur lehrmäßiger, sondern auch existentieller Natur, daß die Eucharistie die Kirche aufbaut; sie baut diese auf als die wahre Gemeinschaft des Volkes Gottes, als Versammlung der Gläubigen, die von demselben Merkmal der Einheit gekennzeichnet ist, das schon die Apostel und die ersten Jünger des Herrn ausgezeichnet hat. Die Eucharistie baut immer wieder neu diese Gemeinschaft und Einheit auf; sie baut diese stets auf und erneuert sie in der Kraft des Opfers Christi, weil sie seines Todes am Kreuze gedenkt, durch dessen Preis wir von ihm erlöst worden sind.«11
Bei der Eucharistie nehmen wir Anteil an demselben Mahl mit dem einem Brot, das nach der Wandlung Christus ist. Wir sind lebendige Reben am Weinstock Christi und Glieder seines Leibes, da der Herr »uns an seinem Leib und seinem Blut teilhaben läßt, damit wir einen einzigen Leib bilden«12.
Dies ist die Grundlage der Gemeinschaft der Heiligen, die uns untereinander verbindet, weil wir mit Christus verbunden sind. Auch dies stärkt unser Vertrauen: Jetzt betet jemand für mich, jetzt kann ich für jemanden beten. Wir sind nie allein.
Fassen wir unsere Gedanken mit dem Rat des seligen Josemaría Escrivá zusammen: »Bitte, dränge, ohne Angst! Erinnere dich an den Bericht des Evangeliums über die wunderbare Brotvermehrung. Bedenke, wie freigiebig der Herr auf die Not der Apostel eingeht: Wie viele Brote habt ihr? Fünf?… Und was möchtet ihr?… Der Herr gibt ihnen sechs, hundert, tausende… Warum? Weil Christus unsere Not im Lichte seiner göttlichen Weisheit sieht. Seine Allmacht kann und will alle unsere Wünsche übertreffen.
Der Herr sieht weiter als wir mit den schwachsichtigen Augen der simplen Logik… und er ist unendlich großzügig.«13
1 Mk 6,30-44. – 2 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 471. – 3 Mt 28,28. – 4 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 473. – 5 Mt 14,13-21. – 6 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 659. – 7 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S. 146. – 8 vgl. Joh 6,51. – 9 Joh 6,35. – 10 Katechismus der Katholischen Kirche, 1329. – 11 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 20. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 1331. – 13 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 341.
