Tagesmeditation

Jahreskreis
21. Woche – Montag

22

paulus und die thessalonicher

In Sorge um die Neubekehrten.
Als Vater und Freund.
Der Segen der geistlichen Leitung.

I. Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt, so waren wir euch zugetan.1 Diese Worte der Lesung gelten den Christen in der Stadt, die heute Saloniki heißt, jenen Thessalonichern also, denen Paulus etwa um das Jahr 50 das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern auch mit Macht und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewißheit2 gepredigt hatte. Es war ihm nicht möglich, sich der Festigung der jungen Gemeinde zu widmen, weil die eifersüchtig gewordenen Juden einige nichtsnutzige Männer, die sich auf dem Markt herumtrieben, gegen ihn einsetzten und die Stadt in Aufruhr brachten.3 Jetzt ist der Apostel um die Glaubenstreue der jungen Gemeinde besorgt. Wie kann er sie stärken? Sobald es ihm möglich ist, schickt er ihnen einen Brief.

Der Apostel gibt Antwort auf grundsätzliche Fragen, die klärungsbedürftig sind. Als erstes aber will er das Herz der Thessalonicher bewegen: er erinnert sie an die Zeit, da er sie nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen wollte, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden. Paulus stellt ihnen die Vorgeschichte ihrer Berufung vor Augen. Alles hatte damit begonnen, daß ihm während seiner zweiten Missionsreise vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden. In einer nächtlichen Vision hatte er den Ruf eines Mazedoniers vernommen: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!4 Es war der Anfang der Evangelisierung Europas. Als er Philippi wegen eines öffentlichen Tumults verlassen mußte, schlug für die Thessalonicher die Stunde der Gnade. Auf der Via Egnatia, der Fortsetzung der Via Appia in den Osten des römischen Imperiums, erreichte Paulus ihre Stadt. Während der etwa drei Monate seines Wirkens bekehrten sich einige Juden und eine große Schar gottesfürchtiger Griechen5 zum Glauben. So war die junge Gemeinde entstanden. Jetzt macht ihnen der Apostel all dies mit einem zweimaligen ihr wißt von neuem bewußt: Ihr wißt selbst, Brüder, daß wir nicht vergebens zu euch gekommen sind. Wir hatten vorher in Philippi viel zu leiden und wurden mißhandelt, wie ihr wißt.

Die Lage der ungefestigten Gemeinde beunruhigt ihn. Er fürchtet, sie könnte dem Ansturm eines feindseligen Milieus nicht gewachsen sein. In Athen angekommen, handelt er: Darum hielten wir es nicht länger aus; wir beschlossen, allein in Athen zurückzubleiben, und schickten Timotheus, unseren Bruder und Gottes Mitarbeiter am Evangelium Christi, um euch zu stärken und in eurem Glauben aufzurichten, damit keiner wankt in diesen Bedrängnissen.6 Als er den inzwischen zurückgekehrten Timotheus in Korinth trifft, der ihm von der Treue der Thessalonicher berichtet, schreibt ihnen der Apostel. Die Sorge, seine Arbeit könnte zunichte gemacht werden, ist noch nicht unbegründet, aber der Bericht des Timotheus hat ihn mit Zuversicht erfüllt, so daß der Brief jetzt auch ein Lobgesang auf die Treue der schwer Geprüften sein kann: er nennt sie unsere Hoffnung, unsere Freude, der Kranz unseres Ruhmes vor Jesus unserem Herrn (…), unsere Ehre und Freude7.

Paulus war sich bewußt, mit der Verkündigung des Wortes nur einen Anfang gemacht zu haben. Er lehrt uns, sich für das spirituelle Wachsen jener mitverantwortlich zu wissen, die durch uns zum Glauben gekommen sind oder ihn wiederentdeckt haben. Er betet für sie, hält Kontakt zu ihnen und erinnert sie – bevor er Grundsätzliches klärt – an die Anfänge ihrer Berufung. Er spricht ihr Herz an. Wäre dies nicht eine weitere Anregung für uns? Manch trübe Stimmung und manche Krise würden schwinden, wenn man einen Blick zurücktäte in die eigene Lebensgeschichte. Dann erscheint alles, was war – erste Begegnungen und Gespräche, spätere Erfahrungen und Initiativen, gemeinsam erlebte Freude und Nöte – als ein Siegel, eine Bekräftigung, daß Gott uns berufen hat.

II. Den Brief durchzieht eine väterliche Sorge, die antike Briefform wird verinnerlicht, schon der Gruß wird zu einem Ruf des gemeinsamen Glaubens: Paulus, Silvanus und Timotheus an die Gemeinde von Thessalonich, die in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn, ist. Paulus wünscht ihnen einen Frieden, der mehr ist als der Wunsch eines höflichen Briefschreibers, denn er wurzelt in der Gnade Gottes: Gnade sei mit euch und Friede, heißt es in beiden Briefen. Und im zweiten Brief ergänzt er: von Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Der Apostel fühlt sich als Vater und Freund derer, die er für den Glauben an Christus gewonnen hat. Er verbirgt diese Gefühle nicht, als erstes – wie gesagt – will er ihr Herz ansprechen, er bekräftigt, in welcher Gesinnung er zu ihnen kam: nicht, um sie irrezuführen, in schmutziger Weise auszunutzen oder zu betrügen, sondern weil Gott uns geprüft und uns das Evangelium anvertraut hat, nicht also um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüft. Widrige Umstände hatten ihn gezwungen, sie zu verlassen, aber er vergißt sie nicht; aus der Ferne dankt er Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken; unablässig erinnern wir uns vor Gott, unserem Vater, an das Werk eures Glaubens, an die Opferbereitschaft eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus, unseren Herrn. Die Berufung steht am Anfang eines Weges, den der Mensch dann in Freiheit, offen für die Gnadenimpulse Gottes, weitergehen soll. Paulus sieht deshalb seine Aufgabe nicht als beendet an. Er will die Thessalonicher auf ihrem Weg zum endgültigen Ziel begleiten: daß unser Gott euch eurer Berufung würdig mache und in seiner Macht allen Willen zum Guten und jedes Werk des Glaubens vollende8.

Lassen wir uns im Gebet von der Haltung des Apostels anregen. Das heutige Evangelium9 liefert einen traurigen Kontrast dazu: denn die Schriftgelehrten und Pharisäer, eifersüchtige Hüter des Gesetzes und mit allen Spitzfindigkeiten der Kasuistik wohlvertraut, haben das Gespür für die Menschen verloren. Das Wehe euch! des Herrn ist kein Fluch und keine Verwünschung, eher ein Ausdruck des Schmerzes über die Abgestumpftheit dieser Heuchler, die blinde Führer und blinde Narren sind.

Wie anders ist die Haltung des Paulus! Er darf mit Recht schreiben: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müßt, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener!10 Aus seiner Sorge spricht nicht nur die Verantwortung eines Glaubenslehrers für die Integrität der geoffenbarten Wahrheit, sondern auch die Liebe des Freundes und die Klugheit des geistlichen Ratgebers. Die Treue zum Glauben, die ja Treue zur Person Christi ist, verschmilzt mit der Liebe zu jenen, die diesen Glauben in Leben verwandeln sollen. Er muß den Thessalonichern Orientierung geben, und er tut es; aber mit freundschaftlicher Anteilnahme. Ihr seid unserem Beispiel gefolgt und dem des Herrn11, schreibt er. Nun können ihn die Thessalonicher in ihrer schwierigen Situation darin nachahmen: Laßt euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen. Laßt euch durch niemand und auf keine Weise täuschen!

Während seines ersten Besuchs in Deutschland griff Papst Johannes Paul II. diese Worte auf. In München wandte er sich an die Jugend mit folgenden Worten: »Alle diese Nöte und Schwierigkeiten gehören zu jenen Widerständen, an denen wir unser Wachsen in der grundlegenden Wahrheit nähren und bewähren müssen. Ein wahrlich nicht geringer Trost liegt darin, daß es trotz vieler Schatten und Düsternisse auch sehr, sehr viel Gutes gibt. Es fehlt nicht deshalb, weil man zu wenig darüber spricht. Oft muß man das viele Gute, das im Verborgenen am Werk ist und vielleicht erst später einmal strahlend sichtbar wird, entdecken wollen und anerkennen. Was hat zum Beispiel eine Mutter Teresa von Kalkutta erst alles im Kleinen und Verborgenen tun müssen, ehe eine überraschte Welt auf sie und ihr Werk aufmerksam wurde? Laßt euch also nicht so schnell aus der Fassung bringen!«12

III. In einer gewissen Ähnlichkeit zum Glauben selbst, der 13, erfordert auch der geistliche Fortschritt das Hinhören auf einen erfahrenen Seelenführer. Es ist sehr menschlich und sehr übernatürlich zugleich, jemandem unsere Seele anvertrauen zu können. Paulus nimmt sich Zeit für die mündliche Unterweisung der Christen in Ephesus und Korinth, in Thessalonich und Rom – all jener, die er in seinen Briefen meine Kinder nennt, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt14.

Die Kirche hat immer die geistliche Leitung als ein erprobtes Mittel geistlichen Fortschritts empfohlen. Der Seelenführer »muß die Seele hinführen zum eigentlichen Seelenführer, zum Heiligen Geist«15. Er weckt in uns den Hunger und Durst nach Gott und die Sehnsucht, in Christus umgestaltet zu werden, nennt uns konkrete Schritte im asketischen Kampf, regt höhere Ziele für unser inneres Leben an und hilft uns, das Wort des Apostels Wirklichkeit werden zu lassen: Legt den alten Menschen ab. (…) Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes erschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.16

»Noverim te, noverim me…, daß ich dich erkenne, daß ich mich erkenne« betet der heilige Augustinus. Die wahre Selbsterkenntnis erwächst aus der Konfrontation mit Gott, jenseits augenblicklicher Stimmungen und subjektiver Wertungen. Keiner ist in der Lage, im inneren Leben sich selbst zu leiten, denn jeder sieht sich gerne»schon als den, der er sein möchte. Wo es einen beharrlichen Bekehrungswillen gibt, da hat der Hochmut, blind für guten Rat, keine Chance. Auch verstecktere Formen des Hochmuts können den Blick auf die eigene Lebenswirklichkeit verstellen: eine selbstgefällige Art, die zum Leichteren neigt, eine Naivität, die Gefahren übersieht… Ja, es kann sogar vorkommen, »daß man gerade den Rat sucht, der dem eigenen Egoismus Vorschub leistet, und unter dem Deckmantel einer >Autorität< die innere Stimme des eigenen Gewissens zum Schweigen bringt. Und unter Umständen wird dann solange immer wieder der Ratgeber gewechselt, bis man schließlich den >wohlwollendsten< gefunden hat.«17

Eine weitere Gefahr für den geistlichen Fortschritt ist die Resignation, uns nach mehrfachem Scheitern einzureden, alles sei umsonst. Die heilige Theresia schreibt: Gott »will und liebt beherzte Seelen, wenn sie nur in Demut wandeln und nicht auf sich selbst vertrauen (…). Ich staune darüber, wieviel auf diesem Weg darauf ankommt, daß man sich zu großen Dingen ermutige. Hat die Seele auch noch nicht die Kräfte, sie sogleich auszuführen, so macht sie doch schon einen Flug und kommt weit voran, wenn sie auch, einem Vöglein gleich, das noch zu wenig flügge ist, müde wird und ausruht.«18

Und was die Eigenart des geistlichen Leiters angeht, warnt die Heilige von Avila vor denen, »die uns den langsamen Krötengang lehren und sich schon damit zufrieden geben, wenn die Seele im Jagen nach Eidechsen sich tapfer erweist. (…) Es liegt also viel daran, daß der geistliche Führer klug sei, ich will sagen, daß er einen guten Verstand und Erfahrung besitze. Verbindet er mit diesen Eigenschaften auch noch Gelehrsamkeit, so ist dies von ungemein großem Vorteile. Kann man aber diese drei Stücke in einer Person nicht vereinigt finden, so ist an den zwei ersteren mehr gelegen; denn im Fall der Not kann man wohl sonst noch Gelehrte finden, um sich bei ihnen Rat zu holen. Ich behaupte sogar, daß Anfängern gelehrte Führer wenig nützen, wenn diese nicht selbst auch das innerliche Gebet üben.«19

Welche Voraussetzungen sind nötig, um die geistliche Leitung fruchtbar zu empfangen? Ein Gespür dafür, daß das geistliche Gespräch in Gottes Gegenwart geschieht. Manchmal wird es in eine Beichte einmünden, die uns nicht nur menschliche Zuversicht gibt, sondern die sakramentale Gnade schenkt und auch die klare Einsicht: »Das Streben nach Umkehr ist nicht nur eine Tat des Menschen. Sie ist die Regung eines >zerknirschten Herzens< (Ps 51,19), das durch die Gnade dazu gebracht und bewegt wird, der barmherzigen Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat, zu entsprechen.«20

Sodann ist Beharrlichkeit nötig. Das innere Leben lebt nicht von der Improvisation, es nimmt Gestalt an mit der Zeit. Es ist wie ein Gemälde, das Pinselstrich um Pinselstrich entsteht. Auch die Seele formt sich so, und für viele heißt das: Woche für Woche. Und nach und nach, durch Niederlagen und durch Siege, arbeitet der Heilige Geist an uns. Die geduldige Bereitschaft, immer wieder zu beginnen, macht uns frei von der Gier nach sofortigen Erfolgen. Die Beharrlichkeit läßt uns auch dann Zeit für das Gespräch finden, wenn die eigenen Termine dicht gedrängt sind.

Schließlich brauchen wir eine, wie der selige Josemaría Escrivá zu sagen pflegte, »wilde Aufrichtigkeit« gegen die eingefleischte Neigung, eine »gute Figur« zu machen. Aufrichtigkeit bedeutet, die ganze Wahrheit zu sagen, unverstellt, schnörkellos, mit Selbstverleugnung, und deshalb gerade das als erstes zu sagen, was uns besonders beschämt. Und dann ist Fügsamkeit vonnöten, damit wir wie der Ton in der Hand des des Töpfers sind.

Empfehlen wir uns Maria an. In Erwartung des Heiligen Geistes wird sie »zum Bild, ja sogar zum Urbild der das Heil empfangenden und an die Menschheit vermittelnden Kirche, aber auch zum Urbild aller heilsempfangenden Menschen.«22

2,1-8. – 1,5. – vgl. 17,5-10. – vgl. 16,6-10. – vgl. 17,4. – 3,1. – 2,19-20. – vgl. 1,1-5.11-12. – 23,13-22. – 4,1. – 1,6. – Johannes Paul II., Ansprache in München, 19.11.1980. – vgl. 10,17. – 4,19. – R. Graber, Die Gaben des Heiligen Geistes, Regensburg 1936, S.123. – 4,22.24. – J. Escrivá, Gespräche, Nr.93. – Theresia von Avila, , 13,2-3. – ebd. 13,16. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1428. – 18,6. – L. Scheffczyk, Maria im Glauben der Kirche, Wien 1980, S.59.