Tagesmeditation

JAHRESKREIS
31. SONNTAG (LESEJAHR A)

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ein einziger lehrer, ein einziger vater

Christus verkündet die Vaterschaft Gottes, die sich in der menschlichen Elternschaft widerspiegelt.
Vaterschaft im Geiste.
Die Liebe als caritas.

I. Der Titel Rabbi, der ursprünglich »mein Herr«

 

Aber erst mit vierzig Jahren wurde ein Schüler in den Stand der Schriftgelehrten aufgenommen. Er durfte nun den Ehrentitel Rabbi führen und war in der Öffentlichkeit am langen Talar, der mit vier Quasten versehen war, zu erkennen. Dem Schriftgelehrten öffneten sich die führenden Stellungen in Rechtspflege, Verwaltung und Unterricht (…). So wird verständlich, daß die Schriftgelehrten – wie einst die Propheten – als Lehrer und Verkünder des göttlichen Willens im Volke mit unbegrenzter Achtung und ehrfürchtiger Scheu verehrt wurden. Ihre Worte waren absolute Autorität.(…). Wer fromm sein wollte, mußte sich nach allgemeinem Urteil nach ihnen richten Wohl gab es unter ihnen vorbildliche Menschen, die sich Jesus öffneten, wie Nikodemus. Aber ihnen drohte »die Gefahr, das Äußere für das Innere zu nehmen; die Gefahr des Widerspruchs zwischen der Gesinnung und dem Wort; die Gefahr, von dem her, was gilt und was Rechtens ist, auf Gottes Freiheit Hand zu legen.«2

Vor diesem Hintergrund verstehen wir die Worte Jesu im heutigen Evangelium: Bei jedem Festmahl möchten sie den Ehrenplatz und in der Synagoge die vordersten Sitze haben, und auf den Straßen und Plätzen lassen sie sich gern grüßen. Jesus tadelt die eitle Art, sich von den Leuten Rabbi (Meister) nennen zu lassen.3 Jesu Jünger sollen diesen Ehrentitel nicht erstreben, denn alle, die ihm folgen, haben einen einzigen Lehrer und Meister: Jesus selbst. »Es gibt keine Autorität, außer von Gott. Er hat die Fülle der Sendung auf seinen Sohn gelegt; so ist Jesus die Autorität schlechthin. Die Träger der Macht waren aufgerufen, ihn anzuerkennen und ihm das Volk zuzuführen. Sie haben das abgelehnt.«4

Christus ist der einzige Lehrer. »Das ganze Leben Christi war ein beständiges Lehren: die Momente seines Schweigens, seine Wunder, seine Taten, sein Beten, seine Liebe zum Menschen, seine Vorliebe für die Kleinen und Armen, die Annahme des letzten Opfers für die Erlösung der Welt am Kreuz und seine Auferstehung. (…) All diese Überlegungen, die sich an die großen Überlieferungen der Kirche anschließen, sollen in uns die Begeisterung für Christus kräftigen, für den Meister, der rettet, heiligt und führt, der lebt, spricht, aufrüttelt und erschüttert, zurechtweist, richtet und verzeiht, der täglich den Weg durch die Geschichte mit uns geht; für den Meister, der kommt und kommen wird in Herrlichkeit.= 5 Jede Form des echten Lehrer- und Meisterseins im Menschlichen muß an der Art Christi Maß nehmen und sie widerspiegeln. Dies gilt besonders für Vater- und Mutterschaft.Christus, der einzige Lehrer, verkündet: nur einer ist euer Vater, der im Himmel6. Die irdische Elternschaft ist Teilhabe an der Fülle Gottes, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden benannt wird7. »Gott ist Vater. Das Erlebnis menschlicher Vaterschaft darf hier eine Ahnung dessen geben, was Gott selber ist und wie er zu uns ist. Mit der menschlichen Sprache ist so zugleich die ganze Wirklichkeit des Menschen selbst in Anspruch genommen für die Erkenntnis Gottes. Wo es Vaterschaft nicht mehr gibt, wo wirkliche Vaterschaft in ihrem Ineinander von männlicher Kraft, Gerechtigkeit, Verlässigkeit und von herzlicher Güte nicht mehr erfahrbar wird, da wird auch die Rede von Gott dem Vater leer: Das ist vielleicht die eigentliche Krise unseres Gottesbildes, daß weithin das Analogon nicht mehr besteht, das ihn sagbar machen soll.(…) Wenn wir hinzunehmen, daß die Bibel ganz bewußt in das Bild des Vaters auch die Idee >Mutter< mithineinnimmt, einen Vater vorstellen will, in dem auch das wahre Wesen der Mutterschaft verwirklicht ist, dann zeigt sich hier eine ebenso persönliche wie soziale Forderung der Taufe: von diesem Vater her selbst Vater oder Mutter zu werden und ihn damit schaubar und erkennbar zu machen in der Welt.«8

II. Auch jene, die uns zum Glaubensleben hingeführt haben, haben an der von Gott kommenden Vaterschaft teil. Paulus schreibt an die Christen von Korinth, um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch ungezählte Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden. Darum ermahne ich euch, haltet euch an mein Vorbild.9 Jene ersten Christen waren sich bewußt, daß die Nachahmung Christi in der Nachahmung seines Verkünders geschah. Sie sahen im Apostel eine Widerspiegelung des Geistes Christi und der liebenden Fürsorge Gottes um sie. Auch die geistliche Vaterschaft – nicht nur die physische – ist echte Vaterschaft. So nennen wir den Papst den gemeinsamen Vater aller Christen.

Wenn wir unseren Eltern, die uns das Leben geschenkt und uns zum Glauben geboren haben, die Ehre geben, geben wir Gott die Ehre, denn in ihnen wird die Vaterschaft Gottes greifbar. Wollen wir treue Söhne und Töchter Gottes sein, dürfen wir die Verehrung gegenüber jenen, die Gott zu unseren Eltern berufen hat, nicht vernachlässigen.

Auch die Christen von Galatien erfahren die väterliche und mütterliche Sorge des Paulus um sie, wenn dieser von den Gefährdungen erfährt, denen ihr Glaube ausgesetzt ist. Der Apostel – betrübt, weil er aus der Distanz nicht so wirksam helfen kann, wie er möchte – nennt sie seine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt10.

An der geistlichen Vaterschaft nehmen auch jene teil, die anderen helfen, Christus zu finden. Je vollkommener die Hingabe an diese Aufgabe ist, um so erfüllter ist die Vaterschaft. Gott erweist sein Vatersein in den Christen »als ein Lehrer, der nicht nur seine Jünger lehrt, sondern sie auch befähigt, andere zu lehren«11.

Jenen, die, von Gott berufen, ihm in Ganzhingabe folgen, schenkt der Herr in der geistlichen Vaterschaft einen Teil ihres Lohnes schon auf Erden. »Er ist großzügig. Er gibt hundert für eins, das stimmt sogar in Hinblick auf Kinder. Viele verzichten auf sie um seiner Herrlichkeit willen und haben tausende Kinder im Geiste. Kinder, wie wir Kinder unseres Vaters sind, der im Himmel wohnt.«12

Papst Johannes Paul II. erinnert in seiner Enzyklika Dives in misericordia daran, »daß die erbarmende Liebe auch jene herzliche Zärtlichkeit und Empfindsamkeit in sich schließt, die uns im Gleichnis vom verlorenen Sohn so eindrucksvoll vor Augen geführt wird (vgl. Lk 15,11-32) oder auch in denen vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme (vgl. Lk 15, 1-10). Am wenigsten darf die erbarmende Liebe zwischen denen fehlen, die einander am nächsten sind: Ehegatten, Eltern und Kinder, Freunde.«13

Die Muttergottes ist »uns in der Ordnung der Gnade Mutter«14. Von ihr lernen wir, jenen gegenüber ein empfindsames Gespür zu entwikkeln, die wir zu ihrem Sohn hinführen wollen.

»Wenn wir mit Maria gleichförmig werden und ihre Tugenden nachahmen, werden wir dazu beitragen, daß Christus durch die Gnade in die Seele vieler Menschen hineingeboren wird, die dann durch das Wirken des Heiligen Geistes mit ihm eins sein werden. Die Ausrichtung an Maria läßt uns irgendwie an ihrer geistigen Mutterschaft Anteil haben; und dies geschieht, wie bei ihr selbst, ganz im stillen, unbemerkt und ohne viele Worte, durch das Zeugnis eines bedingungslos konsequenten christlichen Verhaltens und durch die großzügige Erneuerung eines fiat – es geschehe! -, das die Verbundenheit mit Gott ständig aufrechterhält.«15

III. Mit seinem Herrn und Lehrer gleichgestaltet, weiß sich der Apostel Paulus als guter Hirt, der sein Leben hingibt für die Schafe16. Seine Sorge für alle Gemeinden17 umfaßt all jene, die durch seine Verkündigung zum Glauben kamen. Er will sie – nicht selten unter Schmerzen – auf dem Weg des Glaubens stärken und voranbringen: Wer leidet unter seiner Schwachheit, ohne daß ich mit ihm leide? Wer kommt zu Fall, ohne daß ich von Sorge verzehrt bin?18 Diese Haltung des Apostels ist in erster Linie ein Vorbild für alle, die eine besondere Verantwortung als Leiter für das geistliche Wohl anderer tragen, aber auch für alle Christen, die sich apostolisch engagieren und durch ihr Zeugnis andere Menschen Gott näherbringen.

Denn die Liebe zu jenen, die durch uns Gott nähergekommen sind, reicht über eine rein menschliche Freundschaft hinaus und hat Anteil an der Liebe, mit der der menschgewordene Sohn Gottes die Menschen liebt. Die Liebe um Christi willen zu unseren Brüdern und Schwestern setzt »nichts von dem außer Kraft, was uns aus eigenem an Liebe und Bejahung möglich und oft genug auch selbstverständlich ist; vielmehr begreift sie alle Gestalten menschlicher Liebe in sich ein.= 19 So lieben wir einen Freund, der – vielleicht durch uns – den Weg des Glaubens mit uns zusammen geht, sofern er unser Gefährte in der Glückseligkeit sein wird (oder sein soll). Natürlich könnte man skeptisch fragen, was es denn in concreto besagen solle, den anderen als den möglichen Gefährten künftiger Glückseligkeit zu lieben. Was eigentlich könnte sich dadurch ändern? Ich glaube, es würde sich in der Tat sehr viel ändern, wenn ich es zustande brächte, einen anderen Menschen (sei dies der Freund, die Geliebte, der Sohn, der Nachbar, der Gegner und Konkurrent oder auch ein Unbekannter, der meiner Hilfe bedarf) wirklich als einen, ebenso wie ich selbst, zur Vollendung in der Glückseligkeit Berufenen (…) zu betrachten; der andere träte damit, für mein Bewußtsein, einfach in eine neue Dimension der Realität.«20

Wir sollen bedenken, daß andere auf ihrem Weg zur Heiligkeit unsere Hilfe brauchen: durch das Beispiel, durch eine brüderliche Ermahnung, durch ein aufmunterndes Wort, durch einen weisen Rat … und natürlich – dies ist immer das wichtigste – durch Gebet und Abtötung für sie.

Die Liebe, die in der caritas – in der Gottesliebe – gründet »enthält eine besondere Bereitschaft, sich all jener anzunehmen, die in ihrem Umkreis leben. In der Ehe besteht diese Bereitschaft, obwohl offen für alle, insbesondere in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern. In der Jungfräulichkeit ist diese Bereitschaft offen für alle Menschen, die von der Liebe des Bräutigams Christus umfangen sind.«21 Die Hingabe an Gott in der Jungfräulichkeit und im Zölibat um des Himmelreiches willen weitet das Herz: Vaterschaft und Mutterschaft verwirklichen sich in einer tieferen Dimension. Dieser Gedanke kann dem um des Himmelreiches willen ehelos Lebenden helfen, die eigene Treue zum Herrn zu festigen und dadurch – nach der Art des guten Hirten – den ihm Anvertrauten »voranzugehen«»Der heilige Josef lehrt uns eine Fürsorge, in der menschliche Liebe und Gottesliebe zusammenfallen. Papst Johannes Paul II. schreibt: »Wie soll man, da die >väterliche< Liebe Josefs nicht ohne Einfluß auf die >kindliche< Liebe Jesu und umgekehrt die >kindliche< Liebe Jesu nicht ohne Einfluß auf die >väterliche< Liebe Josefs bleiben konnte, in die Tiefgründigkeit dieser einzigartigen Beziehung vordringen? Die für die Anregungen der göttlichen Liebe empfänglichsten Seelen sehen mit Recht in Josef ein leuchtendes Beispiel des inneren Lebens.«22 Lernen wir von ihm, aus dem Umgang mit Jesus Anregungen für den Umgang mit jenen zu bekommen, die mit uns den Weg des Glaubens gehen.

G.Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.188. – 2 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.196. – 3 Mt 23,1-12. – 4 R.Guardini, a.a.O., S.204. – 5 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Catechesi tradendae, 16.10.1979, 9. – 6 Mt 23,9. – 7 Eph 3,15. – 8 J.Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München 1973, S.103. – 9 1 Kor 4,14-16. – 10 Gal 4,19. – 11 Thomas von Aquin, Summa theologica, I,q.103,a.6. – 12 J.Escrivá, Der Weg, Nr.779. – 13 Johannes Paul II., Enz. Dives in Misericordia, 14. – 14 II.Vat.Konz., Konst. Lumen Gentium, 61. – 15 J.Escrivá, Freunde Gottes, 281. – 16 Joh 10,11. – 17 2 Kor 11,28. – 18 2 Kor 11,29. – 19 J.Pieper, Über die Liebe, München 1972, S.178. – 20 ebd., S.179. – 21 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Mulieris dignitatem, 15.8.1988, 21. – 22 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Redemptoris custos, 15.8.1989, 27.