Jahreskreis
20. Woche – Montag
13
ein junger mann fragt nach dem sinn
Der
Dekalog als Lebensweisung.
Jesu Einladung zur Nachfolge.
Von sich absehen.
I. Die drei Synoptiker schildern in gleich langen, aber in Nuancen verschiedenen Berichten1 die Begegnung des Herrn mit dem reichen Jüngling, die uns das heutige Evangelium nach Matthäus2 vor Augen führt. Wir werden in unserer Meditation auch die Fassung nach Markus heranziehen, damit wir uns besser in das Geschehen hineinversetzen können – »als ob du ein weiterer Teilnehmer wärest«3. Bei Markus tritt der junge Mann ungestüm auf – er fiel vor ihm auf die Knie -, redet Jesus als guter Meister an und fragt geradewegs: Was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? In einem klassischen Werk heißt es dazu: »= 3. Bei Markus tritt der junge Mann ungestüm auf – er fiel vor ihm auf die Knie -, redet Jesus als guter Meister an und fragt geradewegs: Was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? In einem klassischen Werk heißt es dazu: Nicht oft war Jesus einem Menschen begegnet, der ähnlich bildsam war, wirklich ganz mit dem beschäftigt, was auch den Kern des Evangeliums ausmachte: mit der Sorge um das Heil der Seele. Indes aus so ehrlichem Herzen hier die religiöse Leidenschaft auch hervorbrach, es war eine gewisse Übertreibung darin. Jesus, der als wahrer Mensch immer darauf bedacht war, den Sinn der Menschen auf Gott zu lenken, antwortet: >Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein!<«4
Die Antwort des Herrn ist allen Juden wohlbekannt: Halte die Gebote. Zwar nichts Neues, die Antwort Jesu jedoch fordert den jungen Mann – und uns mit ihm – auf, tiefer über den Sinn der Gebote nachzudenken. Die ersten drei »beziehen sich vor allem auf die Liebe zu Gott, die sieben weiteren auf die Liebe zum Nächsten«5. Jesus hatte schon mit seiner Bemerkung: Nur einer ist »der Gute« den Blick des Fragenden auf die erste Tafel der Gebote gelenkt und darauf, »daß Gott, der >allein Gute<, als Inbegriff und Quell alles Guten anzuerkennen sei= 6. Dies ist dem jungen Mann wohl zu allgemein; wir sind froh - und auch den Herrn wird dies nicht gewundert haben -, daß er nachfragt: Welche? Nun nennt ihm Jesus die Gebote der zweiten Tafel des Dekalogs, die sich auf den Nächsten beziehen, und bekräftig damit, daß der Dekalog ein unteilbares Ganzes ist: »Jedes seiner >Worte< verweist auf alle anderen; sie bedingen einander. Die beiden Tafeln erhellen einander; sie bilden eine Einheit. Wer ein Gebot übertritt, verstößt gegen das ganze Gesetz. Man kann den Mitmenschen nicht ehren, ohne Gott, seinen Schöpfer, zu preisen. Man kann Gott nicht anbeten, ohne die Menschen, seine Geschöpfe, zu lieben. Der Dekalog bringt das gottbezogene und das gesellschaftliche Leben des Menschen in eine Einheit.«6
Papst Johannes Paul II. nennt zu Beginn seiner Enzyklika Veritatis splendor das Gespräch Jesu mit dem reichen Jüngling »eine nützliche Spur (…), umseine Morallehre in lebendiger, eindringlicher Weise neu zu hören«7. Möge uns diese Zeit des Gebetes dazu anregen, in den Geboten des Dekalogs die von Christus erneuerte Wegweisung für unser Leben zu sehen. »Aus dem Mund Jesu, des neuen Mose, werden den Menschen die Gebote des Dekalogs wiedergeschenkt; er selbst bestätigt sie endgültig und stellt sie uns als Weg und Bedingung des Heils8 vor. Das Gebot verbindet sich mit einer Verheißung: im Alten Bund war Gegenstand der Verheißung der Besitz eines Landes, in dem das Volk ein Dasein in Freiheit und Gerechtigkeit führen können sollte (vgl. Dtn 6,20-25); im Neuen Bund ist Gegenstand der Verheißung das >Himmelreich<, wie Jesus zu Beginn der Bergpredigt - der Rede, die die umfassendste und vollständigste Darlegung des Neuen Gesetzes enthält (vgl. Mt 5-7) – in offenkundiger Bezugnahme auf die Mose von Gott am Berg Sinai übergebenen Zehn Gebote sagt. Auf dieselbe Wirklichkeit des Himmelreiches bezieht sich der Ausdruck ewiges Leben, das Teilnahme am Leben Gottes selbst ist: es findet seine vollkommene Verwirklichung erst nach dem Tod, ist aber im Glauben schon jetzt Licht der Wahrheit, Sinnquelle für das Leben, beginnende Teilhabe an einer Fülle in der Nachfolge Christi.«9
II. Der junge Mann steht vor Jesus: Unbefangen und ein wenig zu selbstsicher nimmt er Stellung: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Und wieder fragt er: Was fehlt mir jetzt noch? Ihn treibt »die Sehnsucht nach einer Fülle, die über die legalistische Auslegung der Gebote hinausgeht«10. Er ist das Bild jedes Menschen, »der, bewußt oder unbewußt, an Christus, den Erlöser des Menschen herantritt und ihm die moralische Frage stellt. Für den jungen Mann ist es nicht zuerst eine Frage nach den Regeln, die befolgt werden müssen, als vielmehr eine Frage nach Sinnerfüllung für das Leben. Und in der Tat liegt dem Menschen bei jeder Entscheidung und jeder Handlung dieses Verlangen am Herzen; es ist die stille Suche und der innere Anstoß, der die Freiheit in Bewegung setzt. Diese Frage ist letzten Endes ein Appell an das absolute Gute, das uns anzieht und uns zu sich ruft, sie ist der Widerhall einer Berufung durch Gott, Ursprung und Ziel des Lebens des Menschen.«11
Gelegentlich erfahren wir im Umgang mit Freunden, Bekannten und Kollegen, wie treffend diese Worte des Papstes die heutige Situation vieler Menschen charakterisiert – gutwillig, aber ratlos; für Christus empfänglich, aber gegenüber der Kirche skeptisch, weil sie ihr wahres Gesicht nicht kennen. Vielleicht ließ sich Papst Johannes Paul II. beim Niederschreiben dieser Worte von einem Erlebnis bei der Begegnung mit der französischen Jugend im Jahre 1980 inspirieren: »An dem turbulenten und großartigen Abend im Parc des Princes zu Paris stieg plötzlich ein junger Mann mit einem Zettel in der Hand auf die Tribüne und stellte dem Heiligen Vater mit fieberhafter Hast eine Reihe von Fragen in jenem ehrerbietig herausfordernden Ton, den die Jugend gern Respekt-Personen gegenüber anschlägt. Er sagte, daß er Atheist sei, aber die Gelegenheit des Papstbesuches nicht versäumen wolle, um den Glauben zu finden. Als er seinen Zettel vorgelesen hatte, tauchte er im Tumult der Gesänge und Hochrufe unter. Es folgten weitere Fragen, und die seinen blieben unbeantwortet. Noch Monate später warf sich Johannes Paul II. vor, daß er sein verlorenes Schaf in den Brunnen der Anonymität hatte fallen lassen: (…) >Wie konnte es nur geschehen, daß ich auf die Frage, oder vielmehr auf die Reihe der Fragen des jungen Mannes nicht eingegangen bin? Kann man so wichtige Fragen einfach vergessen? (…) Erst als ich wieder in Rom war, erinnerte ich mich an die unbeantwortete Frage. Ich habe sofort an Kardinal Marty geschrieben, um ihn zu bitten, diesen jungen Mann ausfindig zu machen und mich bei ihm zu entschuldigen<.«12
Kehren wir zum heutigen Evangelium zurück. Der Herr sieht nicht einen Theoretiker vor sich, sondern einen Fragenden, der mit viel gutem Willen und der Bereitschaft zum Engagement Orientierung sucht. Markus skizziert es knapp: Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er… Matthäus konzentriert sich mehr auf die Antwort: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz (…), dann komm und folge mir nach. Jesus ruft ihn also – aber dem Ruf geht ein Wenn du willst… voraus. Keine Forderung, eher ein Angebot, vielleicht eine Bitte? Jetzt muß der Fragende selbst eine Vorleistung erbringen: das Herz frei machen. Wieder erfahren wir Entscheidendes für uns. »Das Entscheidungsrecht über sich selbst steht der Seele zu. Es ist das große Geheimnis der persönlichen Freiheit, daß Gott selbst davor Halt macht. Er will die Herrschaft über die geschaffenen Geister nur als ein freies Geschenk ihrer Liebe.«13
Geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen… Ist das möglich? »Kein Besitz darf den Besitzer besitzen. Das ist leichter gefordert als erfüllt. Wie leicht und wie oft >hängt das Herz< an kleinen Götzen! Wer ichhaft um sein Eigentum kreist, sei es ein Haus, Grund und Boden, eine Bibliothek, eine Sammlung, was auch immer, verstößt gegen das erste Gebot: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben…«14
Komm und folge mir nach… »Dieses Komm und folge mir nach ist der zentrale Höhepunkt der ganzen Episode. Diese Worte machen deutlich, daß man das Christentum nicht als eine aus vielen verschiedenen Kapiteln bestehende Lektion lernen kann, sondern es immer mit einer Person, mit einem lebendigen Menschen verbinden muß: mit Jesus Christus. Jesus Christus ist der Führer: er ist das Vorbild. Man kann ihn auf verschiedene Weise und in verschiedenem Ausmaß zur >Regel< seines eigenen Lebens machen. Jeder von uns ist gleichsam ein besonderes >Material<, aus dem - in der Nachfolge Christi - die eine, konkrete und absolut einmalige Lebensform gewonnen werden kann, die sich als christliche Berufung bezeichnen läßt.«15
III. Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Welch erbärmlicher Rückzug! »Die Traurigkeit des jungen Mannes gibt uns zu denken. Wir könnten versucht sein zu glauben, daß ein großes Vermögen, die Fülle der Güter dieser Welt uns glücklich machen. Am Beispiel des jungen Mannes im Evangelium sehen wir jedoch, daß sein großes Vermögen zu einem Hindernis geworden war, den Ruf Jesu, ihm zu folgen, anzunehmen. Er war nicht bereit, zu Jesus ja zu sagen und nein zu sich selbst, ja zur Liebe und nein zur Ausflucht. Wahre Liebe ist fordernd. Denn Jesus – unser Jesus selbst – hat gesagt: >Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage< (Joh 15,14). Liebe verlangt Anstrengung und eine persönliche, verpflichtende Bindung an den Willen Gottes. Liebe bedeutet Disziplin und Opfer, aber sie bedeutet auch Freude und menschliche Erfüllung.«16 Deshalb sagt der heilige Thomas, die Freude sei »keine von der Gottesliebe unterschiedene Tugend, sondern Akt oder Wirkung der Gottesliebe«17, Frucht einer hochherzigen Antwort auf den Ruf zur Nachfolge. Der junge Mann »verlor die Freude, weil er sich weigerte, seine Freiheit Gott hinzugeben«18.
Freude und innerer Frieden sind mit Krankheit, Erschöpfung oder Schmerz vereinbar, nur mit der abgründigen Traurigkeit oder dem Zwiespalt des Herzens nicht. Meister Eckhart schreibt: »Ob dir’s bewußt oder unbewußt ist – nie steht ein Unfriede in dir auf, der nicht vom Eigenwillen kommt, ob man es merkt oder nicht. Nicht das ist schuld, daß dich die Umstände oder die Dinge hindern; sondern du selbst bist es in den Dingen, der dich hindert. Denn du verhältst dich in ungeordneter Weise zu den Dingen. Darum beginne zuerst bei dir und laß dich! (…) Die Leute, die Frieden suchen in äußeren Dingen, es sei an bestimmten Stätten oder in bestimmten Verhältnissen, bei Leuten oder in Werken, in der Fremde, Armut oder Schmach – wie groß oder was immer es sei, es ist dennoch alles nichts und verleiht keinen Frieden.
Sie suchen auf unrechte Weise, die so suchen. Je weiter sie hinausgehen, desto weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der seinen Weg verfehlt; je weiter er geht, desto mehr geht er in die Irre. Doch was soll er nun tun? – Zuerst soll er sich selber lassen, dann hat er alle Dinge gelassen.
Wahrhaftig, ließe ein Mensch von einem Königreich ab oder von der ganzen Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er noch nichts gelassen. Läßt der Mensch von sich selbst und behält dann etwas, sei es Reichtum, Ehre oder sonst etwas, so hat er dennoch alle Dinge gelassen.
Wahrhaftig, ließe ein Mensch von einem Königreich ab oder von der ganzen Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er noch nichts gelassen. Läßt der Mensch von sich selbst und behält dann etwas, sei es Reichtum, Ehre oder sonst etwas, so hat er dennoch alle Dinge gelassen.«19
Von sich lassen… von meiner Gesundheit, meiner Zukunft, meinen Hobbys… So wird man für Gottes Anregungen hellhörig und hört auf, Gott gegenüber bloß korrekt zu sein. Ein Blick in unsere Gegenwart genügt: »Das Leben ohne Gott und gegen Gott, das zunächst so verlockend und befreiend erscheint, hat in Wirklichkeit nur eine große Traurigkeit und einen wachsenden Zorn geschaffen. Der Mensch ist wütend gegen die Gesellschaft, gegen die Welt, gegen sich und gegen die anderen; sein Leben erscheint ihm als eine Fehlkonstruktion. (…) Er hat sein Lebenselement verloren, und alles schmeckt ihm nach Salz – nach Tod und nach Bitterkeit.«20
Hellhörig müssen wir sein, damit wir die Bitte des Herrn, von uns selbst zu lassen, bis in die winzigen Kleinigkeiten des Alltags hinein wahrnehmen. Dann werden wir die vorgesehene Zeit des Gebetes einhalten, Ordnung in einer üppig wuchernden Phantasie schaffen, einen kleinen Freundschaftsdienst gern leisten…: »Man muß fähig sein, sich hinzugeben, sich vor Gottes Angesicht brennend zu verzehren, gleich der Kerze, die man auf den Leuchter stellt, damit die Menschen nicht im Dunkeln bleiben; gleich der Öllampe, die vor dem Altar brennt und sich verzehrt, bis sie erlischt.21
Der junge Mann ging traurig weg. »Er vermochte den letzten Schritt nicht zu tun, er brachte die Kraft zur Ganzhingabe nicht auf. Vielleicht – es ist ein schöner Gedanke – hat er das später, nach Jesu Tod und Auferstehung, doch noch geschafft. Denn es ist anzunehmen, daß der Blick Jesu ihn nie mehr losließ. Wir wissen es nicht.«22
vgl. 19,16-30; 10,17-31; 18,18-30. – 19,16-22. – J. Escrivá, Freunde Gottes, 253. – M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.420. – Katechismus der Katholischen Kirche, 2067. – ebd., 2052. – ebd., 2069. – Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 6. – ebd., 12. – ebd., 16. – ebd., 7. – A. Frossard, Fürchtet euch nicht!, München 1982, S.49-51. – Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg 1989, S.87. – P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.76. – Johanes Paul II., Ansprache im Parc des Princes in Paris, 1.6.1980. – Johannes Paul II, Predigt an die Jugend im großen Park von Boston, 1.10.1979. – Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II, q.28, a.3. – J. Escrivá, Freunde Gottes, 24. – Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.37. – J. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1982, S.67. – J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.44. – P. Berglar, a.a.O., S.77.
