JAHRESKREIS
10. WOCHE – MITTWOCH
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HELFENDE GNADEN
Die Gnade
ist notwendig, um das Gute zu tun.
Die helfenden Gnaden.
Unsere Antwort.
I. Die menschliche Natur verlor durch die Erbschuld den Stand der Heiligkeit, zu dem Gott sie erhoben hatte. In der Folge blieb sie der Unversehrtheit und der innneren Ordnung, die sie zuvor besaß, beraubt. Seither entbehrt der Mensch der ständigen Willensstärke, die Gebote, die er kennt und die seiner Vervollkommnung dienen, zu erfüllen. Das Gute zu tun erweist sich als schwierig, seitdem es die Sünde in der Welt gibt. »So ist der Mensch in sich selbst zwiespältig. Deshalb stellt sich das ganze Leben des Menschen, das des einzelnen wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar als einen dramatischen, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. Ja, der Mensch findet sich unfähig, durch sich selbst die Angriffe des Bösen wirksam zu bekämpfen, so daß ein jeder sich wie in Ketten gefesselt fühlt.«1 Die Hilfe Gottes ist absolut notwendig, damit wir unser Handeln auf das Übernatürliche hin ausrichten können. Denn wir sind dazu nicht von uns aus fähig, als ob wir uns selbst etwas zuschreiben könnten; unsere Befähigung stammt vielmehr von Gott2.
»Niemand wird durch sich selbst und aus eigener Kraft von der Sünde erlöst und über sich hinausgehoben, niemand vollends von seiner Schwachheit, Einsamkeit oder Knechtschaft frei gemacht, vielmehr brauchen alle Christus als Beispiel, Lehrer, Befreier, Heilbringer, Lebensspender.«3 Ohne ihn vermögen wir nichts; mit ihm aber alles.
Auch wenn die menschliche Natur durch die Erbschuld nicht gänzlich verdorben, sondern nur verwundet wurde, spüren wir auch nach der Taufe »eine Neigung zur Sünde, die von der Tradition als Konkupiszenz (Begierlichkeit) oder, bildhaft, als >Herd der Sünde< (fomes peccati) bezeichnet wird.«4 Im Licht dieser Lehre verstehen wir die Notwendigkeit des geistlichen Kampfes. Wir erkennen, daß das Gute und alle Früchte unseres Bemühens um Heiligkeit und Apostolat in erster Linie Geschenke Gottes sind; erst in zweiter Linie sind sie das Ergebnis unserer Entsprechung als schwache Instrumente gegenüber der mächtigen Gnade Gottes. Es ist gut, sich hin und wieder darauf zu besinnen, damit wir nicht den Gefahren der Eitelkeit oder des Aktivismus erliegen. König David, auf seine Herrschaft zurückblickend und im Begriff, seinem Sohn Salomo alles für den Bau des Tempels bereitzustellen, richtet an Gott das Dankgebet: Wer bin ich, und was ist mein Volk, daß wir die Kraft besaßen, diese Gaben zu spenden? Von dir kommt ja alles; und was wir dir gegeben haben, stammt aus deiner Hand.5
Dies kann auch unser Gebet sein, jedesmal wenn wir an unsere Siege und Niederlagen im geistlichen Kampf denken. Alles kommt von Gott, alles ist Gnade.
II. Das Evangelium berichtet von zahlreichen persönlichen Begegnungen des Herrn mit Menschen seines Landes, jeder einmalig und unwiederholbar in seiner Eigenart: Nikodemus, Zachäus, die Ehebrecherin, der gute Schächer, die Apostel … Das Wirken Gottes hatte sie bereits dafür vorbereitet, sich dem Herrn in dem für jeden einzelnen entscheidenden Moment zu öffnen. Für die einen war die erste Begegnung wegweisend für das ganze weitere Leben, für andere anscheinend nur eine Episode, die nichts weiter bewirkte.
Anders als jene Leute, die Jesus in den Landstrichen von Galiläa und Judäa, am See Gennesaret, in Jerusalem oder in einem Dorf begegneten, erleben wir den Herrn nicht in seiner physischen, sichtbaren Gestalt. Aber er kommt und geht nicht mehr wie damals, Jesus ist immer gegenwärtig in unserem Leben. Einmalig sind unsere Begegnungen in dem Sinne, daß jedes Mal seine anders geartete Färbung und seine besondere Gnade hat. Die Nähe des Herrn ist vielfältig: mitten in der Arbeit mag uns eine innere Regung an ihn erinnern; im Laufe des Tages werden wir kleine Überwindungen oder größere Widerwärtigkeiten als Ansporn sehen, dem leidenden Herrn nahe zu sein; in einer Situation der Not werden wir einen Glaubensakt verrichten oder uns für einen Erfolg bei ihm bedanken. All dies sind helfende Gnaden, wiederkehrende Geschenke, gleichsam ein Vorübergehen Gottes wie damals, als Jesus durch Städte und Dörfer zog und auf die Menschen zuging.
Wie oft beschenkt uns der Herr mit solchen Gnaden! Und wir würden noch viel mehr erhalten, hielten wir nur die Pforten der Seele weiter geöffnet für das stille Wirken Gottes in uns!
Die Gnade »ist das Wohlwollen, die ungeschuldete Hilfe, die Gott uns schenkt, um seinem Ruf zu entsprechen= 6. Sie macht uns überhaupt erst fähig, das Gute zu tun. Ohne sie wären wir – auf uns gestellt – nicht in der Lage, die Gebote zu erfüllen oder heilswirksame Werke zu tun: getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen7, sagt der Herr. Der heilige Paulus grift dies auf: Also kommt es nicht auf das Wollen und Streben des Menschen an, sondern auf das Erbarmen Gottes.8 Der Heilige Geist erleuchtet uns, damit wir die Wahrheit erkennen, er kommt unserem Tun zuvor, begleitet es und gibt uns die Kraft zur Vollendung: Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus.9
Wir müssen den Herrn um die Weisheit bitten, uns immer auf ihn zu stützen, nicht auf uns selbst, die Stärke bei ihm zu suchen, nicht in unserer vermeintlichen Klugheit. Wir müssen im praktischen Leben immer für die liebevollen Hinweise des Meisters empfänglich sein: ohne mich könnt ihr nichts tun. Der heilige Franz von Sales schreibt: »Wie eine liebevolle Mutter, die ihr kleines Kind führt, ihm hilft und es stützt, wo es notwendig ist; es auf ungefährlichem und ebenem Weg ein paar Schritte allein tun läßt; es bald an der Hand faßt, dann wieder es trägt – so sorgt der Herr ständig für seine Kinder.«10 Und so sind und bleiben wir vor Gott: kleine Kinder, die nie auslernen werden.
An uns liegt es, uns der Gnade zu öffnen, bereit, immer wieder neu zu beginnen. In der geistlichen Aussprache läßt sich dies konkretisieren. Es ist auch eine bewährte Gewohnheit im geistlichen Leben, auf einem konkret umschriebenen Gebiet eine Zeitlang konzentriert zu kämpfen; man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Partikularexamen. Das kann beispielsweise heißen, immer wieder im Laufe des Tages, während wir mitten in der Arbeit sind, in Gedanken Jesus im Tabernakel aufsuchen, damit ihm, der dort auf uns wartet, menschlich gesprochen, die Zeit nicht lang werden muß.
III. »Die Gnade entspricht den tiefen Erwartungen der menschlichen Freiheit; sie ruft diese auf, mit ihr mitzuwirken und vervollkommnet sie.«11 Wir können uns der Gnade öff nen oder ihr widerstehen, das göttliche Angebot aufgreifen oder unwirksam bleiben lassen. »Die Gnade ist keine Gewalt, sondern Freiheit. Zum Leben wird der Mensch gezwungen, und zum Sterben wird er gezwungen, und zwischen diesen beiden ist er in fast allen Stücken gebunden an dieses oder jenes. Nur allein zu Gott wird niemand gezwungen, hier hat Gott die Seele des Menschen völlig freigemacht.«12 Denn »Gott geht mit einer Seele immer nur bis hart an die Grenze, wo kein Widerstreben mehr möglich ist; aber diese Grenze überschreitet Gott nie, sondern diese Grenze muß die Seele selbst überschreiten.«13 Gelegentlich spüren wir deutlich, daß wir uns einer göttlichen Anregung versagt haben. Ebenso deutlich merken wir auch, wie ein »Ja« Selbstsucht, Hochmut oder Gleichgültigkeit hinter sich läßt.
Die freie Antwort auf die Gnade Gottes beginnt im Herzen und muß Worte und Taten prägen. Dem Herrn genügt nicht ein Glaube, dem keine Werke folgen. Sein Tod am Kreuz hat uns einen unermeßlichen Schatz an Gnaden erwirkt, die uns in höherem oder geringerem Maße erreichen, je nachdem wie wir uns ihnen in den vielfältigen Situationen eines jeden Tages öffnen. Bereits das morgendliche Aufstehen kann ein erstes, handfestes Ja sein: ohne Zögern und mit einem Stoßgebet, das die mehr oder weniger mühsame Überwindung auf ihn ausrichtet. Die erste Begegnung mit den Familienangehörigen zu früher Stunde kann ebenfalls ein Ja sein – durch ein freundliches, aufmunterndes, optimistisches Wort. Das gilt auch für die Arbeitskollegen und alle Menschen, denen wir oder die uns im Laufe des Tages über den Weg laufen. Bei allen Meinungsverschiedenheiten und Gegensätzen, die auftreten und zu Spannungen führen können, zählt schließlich die innere Kraft, sich niemals jemandem zu verschließen.
Nach außen unterscheidet sich unser Alltag nicht vom Alltag der anderen Menschen – und doch ist er anders: vom Bemühen um die Nähe Gottes erfüllt. In seiner unendlichen Barmherzigkeit sorgt der Herr stets und in vielfältiger Weise für uns. Manchmal ähneln wir dem verlorenen Sohn, der mit seinem Erbteil fortzieht. Und Gott ist der barmherzige Vater, der Tag für Tag hinauseilt, um den Heimkehrer zu erwarten.
Es kann sein, daß die Heimkehr zum Vater einmal mehr Mühe kostet. Dann sollten wir diesen Rat befolgen: »Sprich dich mit Unserer Lieben Frau aus, sage ihr: Du, meine Herrin! Wenn ich das Ideal verwirklichen soll, das Gott in mein Herz gelegt hat, muß ich hoch, sehr hoch fliegen!«14
Nahe bei Maria finden wir auch stets den heiligen Josef. Gerade er lehrt uns, was es heißt, hellhörig für die göttlichen Eingebungen zu sein und entschlossen, sie rasch zu verwirklichen. Auch er möge uns helfen, im Alltag die Stimme Gottes klar zu vernehmen.
1 II.Vat.Konz., Konst. Gaudium et spes, 13. – 2 2 Kor 3,5. – 3 II.Vat.Konz., Dekret Ad gentes, 8. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 1264. – 5 1 Chr 29,14. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 1996. – 7 Joh 15,5. – 8 Röm 9,16. – 9 Phil 2,13. – 10 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S.91. – 11 Katechismus der Katholischen Kirche, 2022. – 12 Gertrud von Le Fort, Das Schweißtuch der Veronika, München 1990, S.361f. – 13 ebd., S.361. – 14 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.994.
