Tagesmeditation

Jahreskreis
19. Woche – Montag

4

Als christen die Gesellschaft mitprägen

Lehrstunde für Petrus.
Inmitten der Gesellschaft.
Das öffentliche Leben mitprägen.

I. Am Anfang des heutigen Evangeliums1 steht die zweite Leidensankündigung Jesu: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert werden, und sie werden ihn töten; aber am dritten Tag wird er auferstehen. Den Jüngern wird die wachsende Feindseligkeit der Machthabenden nicht entgangen sein, insofern konnten sie den ersten Teil der Aussage noch fassen: Da wurden sie sehr traurig, schreibt Matthäus. Nach Markus und Lukas waren sie eher perplex: sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen. In der Tat: Wie hätte ihnen der Herr seine Worte am dritten Tag wird er auferstehen auch erklären können? Erst das Ereignis selbst wird Klarheit bringen. Was geschehen wird, ist jetzt noch schwer vermittelbar, dennoch gilt es, die Jünger darauf vorzubereiten. Jesus tut es, Schritt für Schritt, in Wort und Tat, aufmunternd und zurechtweisend.

Dabei scheint Jesu besondere Aufmerksamkeit seinem künftigen Stellvertreter auf Erden zu gelten, wie nicht nur die heutige Episode mit den Steuereintreibern ahnen läßt. Kurz zuvor hat der Evangelist von jener Lehrstunde über Demut und Vertrauen berichtet, da Petrus sich ins aufgewühlte Meer geworfen, dann Angst bekommen und schließlich vom Herrn vernommen hatte: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?2 Am eigenen Leib Erlebtes prägt sich tief ein, tiefer als ein bloßes Lehrwort. Der Apostel wurde aus jener existenzbedrohenden Not gerettet – gedämpft in seinem Übermut, gestärkt in seinem Glauben. Bald darauf folgte ein weiteres Erlebnis, und auch dies war Erhebung und Demütigung zugleich: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen; aber dann: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.3 Der Vorgang im heutigen Evangelium reiht sich in die Folge solcher Lehrstunden ein, die Jesus dem Petrus zuteil werden läßt.

Was war geschehen? Jeder erwachsene Israelit war verpflichtet, jährlich eine Abgabe für Tempel und Tempeldienst zu leisten, als Zeichen und selbstverständliche Bekundung der Zugehörigkeit zum Gottesvolk. So gingen in Kafarnaum die Männer, die die Tempelsteuer einzogen, zu Petrus und fragten: Zahlt euer Meister die Doppeldrachme nicht?

»Es ist nicht schwer, sich in die Situation des Petrus hineinzuversetzen. Er geriet in Verlegenheit. Hatte Jesus eigentlich früher, und wenn ja, bis wann, die Doppeldrachme entrichtet? Und wie hielt er es jetzt damit? Petrus konnte sich nicht entsinnen, daß die Tempelsteuer schon einmal ein Thema im Jüngerkreis gewesen wäre. Und wie stand es denn bei ihm selbst, Simon Bar Jona, damit? Ihm wurde es heiß; seit wann eigentlich hatte er die Abgabe nicht bezahlt? Nun, zum Glück wurde er danach nicht gefragt. Jesu genaue Einstellung in dieser Sache wußte er nicht, aber er war sich der korrekten Gesetzestreue Jesu auch in rechtlichen und sogar in fiskalischen Fragen sicher.«4 So antwortete Petrus mit einem kurzen Doch! und nahm sich wahrscheinlich vor, mit Jesus später darüber zu sprechen. Aber als er dann ins Haus hineinging, kam ihm Jesus mit der Frage zuvor: Was meinst du, Simon, von wem erheben die Könige dieser Welt Zölle und Steuer? Von ihren eigenen Söhnen oder von den anderen Leuten? Wie beiläufig schimmert hier das alles durchdringende Wissen Jesu durch. Petrus fragt nicht, wieso der Meister Kenntnis von dem Vorfall habe, sondern antwortet schlicht: Von den anderen!

»Da im damaligen Orient die öffentlichen Einkünfte gleichermaßen für die Bedürfnisse der königlichen Familie wie für die des Staates verwendet wurden, wäre es unsinnig gewesen, wenn die Könige von ihren eigenen Angehörigen Abgaben erhoben hätten. Diese genossen also das Privileg der Steuerfreiheit, das ja auch bei den europäischen Dynastien bis tief ins 20. Jahrhundert hinein bestanden hat. Indem Jesus den Schluß zieht: >Also sind die Söhne frei<, transponiert er den Hinweis auf eine bestimmte historisch-politische Gegebenheit in eine zeitlos gültige Parabel von der Vaterschaft Gottes und seiner eigenen einzigartigen Sohnschaft. Da, was für den Tempel gezahlt wird, ohnehin auch dem Sohn des Herrn des Tempels, nämlich dem Sohn Gottes, gehört, ist dieser Sohn selbstverständlich und logischerweise von der Unterhaltszahlung für den Tempel befreit. Wiederum bezeugt sich Jesus hier, wiewohl in einer indirekten und verdeckten Form, als der Sohn Gottes, und zwar nicht >symbolisch<, sondern real verstanden, auch als leiblicher Sohn, entsprechend den leiblichen Söhnen irdischer Fürsten.«5 Die Lehrstunde galt Petrus allein. Er soll allmählich verstehen, wer Jesus ist.

II. Und wie so oft will Jesus die Unterweisung mit einem konkreten Tun abschließen: Geh an den See und wirf die Angel aus; den ersten Fisch, den du heraufholst, nimm, öffne ihm das Maul und du wirst ein Vierteldrachmenstück finden. Das gib den Männern als Steuer für mich und für dich. Die gemeinsame Steuerabgabe war für Petrus sicher nicht bloß eine bürokratische Prozedur, sondern ein starkes persönliches Erlebnis, wichtiger auch als jedes Nachdenken über die Problematik der Tempelsteuer.

Wir können – anders als Petrus – unsere Aufmerksamkeit auf den Vorgang selbst richten und uns fragen, was wir aus ihm lernen können. Wie umsichtig handelt Jesus, um Mißverständnisse zu vermeiden! Damit wir aber bei niemand Anstoß erregen… Das Volk soll nicht den Eindruck gewinnen, er schätze die treue Pflichterfüllung eines guten Israeliten gering. Der Kirchenvater Ambrosius sieht darin eine Aufforderung, die gesellschaftlichen Rechte, Pflichten und Aufgaben ernstzunehmen. Durch das Verhalten des Herrn sollen »die Christen« zur Pflichterfüllung gegenüber der Obrigkeit angeleitet werden. Ambroslus redet seinen Zuhörern drastisch ins Gewissen: »Du aber, der du weltlichem Gewinn nachjagst: warum willst du dich weltlichen Verpflichtungen entziehen? Warum willst du dich gleichsam in geistiger Anmaßung über die Welt erhaben dünken, nachdem du doch in kläglicher Habsucht ihr Sklave bist? «7

Zu der Zeit, da Ambrosius seine Mailänder Diözesanen ermahnt, sich in die Gesellschaft zu integrieren, besitzt das Christentum bereits eine stark prägende Kraft in der Öffentlichkeit. »Erstaunlich an den Christen des 2. Jahrhunderts ist ihre Präsenz im Leben der Menschen, in den Läden und Werkstätten, in den Lagern und auf den öffentlichen Plätzen. Sie nehmen am wirtschaftlichen und sozialen Leben teil, sie sind in den Alltag verwoben und leben wie jedermann.= 7 Die Christen – heißt es im Diognetbrief – sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Kleidung von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben (…). Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat, und fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag.8 Besonders bekannt ist die selbstbewußte Äußerung des Tertullian um dieselbe Zeit: »Wir besuchen euer Forum, euren Markt, eure Badestuben, eure Bazare, eure Werkstätten, eure Gasthöfe, eure Messen und eure sonstigen Handelsplätze. Auch fahren wir mit euch zusammen zur See, sind wie ihr Soldaten und Bauern, und ebenso treiben wir mit euch Handel; unser Können, unsere Erzeugnisse stellen wir allen zur Verfügung.«9

Jesus hatte in seiner Abschiedsstunde für die Seinen zum Vater gebetet: Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen.10 Nicht, daß du sie aus der Welt nimmst, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrst11. Denn die Jünger sind in der Welt (…), und die Welt hat sie gehaßt, weil sie nicht von der Welt sind12. Der Christ muß die Spannung zwischen seinem In-der-Welt-Sein und seinem Nicht-von-der-Welt-Sein austragen. Nur so kann er – damals wie heute – den Auftrag des Herrn erfüllen, Salz, Licht und Sauerteig zu sein. Als Salz geben sie dem Irdischen sozusagen den Geschmack des Transzendenten und bewahren es vor Verwesung; als Sauerteig sind sie fähig, die irdischen Dinge mit dem Geist Christi zu durchsäuern; als Licht verweisen sie auf den Vater im Himmel und verherrlichen ihn. Aber gleichzeitig wissen sie, daß Scheidung und Klärung nottun; nicht alles kann gesalzen, durchsäuert, erleuchtet werden; es gibt Verhaltensweisen, die heillos heidnisch sind und sich mit einem Leben aus dem Glauben nicht vertragen. Was für die Urchristen damals galt, gilt auch für uns heute: Wir müssen sie souverän zurückweisen.

III. Die menschliche Person bedarf des gesellschaftlichen Eingebundensein. »Dieses stellt für sie nicht etwas Zusätzliches dar, sondern ist ein Anspruch ihrer Natur. (…) Manche Gesellschaften, so die Familie und der Staat, entsprechen unmittelbar der Natur des Menschen; sie sind für ihn notwendig.= 13 Der Auftrag des Herrn, in ihnen Salz, Sauerteig und Licht zu sein, wirft viele grundsätzliche Fragen auf über Staat und Gesellschaft, über Arbeits- und Berufsethik, über Politik, Wirtschaft, Kultur und Erziehung. Sie sind Gegenstand der kirchlichen Sozallehre. Schon in den Briefen des Apostels Paulus finden wir ansatzweise diese Soziallehre, wenn er die Christen in Rom ermahnt, loyale Staatsbürger zu sein: Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt (…). Deshalb ist es notwendig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt.14 Etwas später – um die Mitte des zweiten Jahrhunderts – verteidigt Justin der Märtyrer die Christen gegen die Vorwürfe ihrer Verfolger, indem er gerade darauf verweist, daß sie ihre Bürgerpflichten treu erfüllen: »Abgaben und Steuern suchen wir überall vor allen anderen euren Beamten zu entrichten, wie wir von ihm (Christus) angeleitet worden sind. (…) Wir beten zwar Gott allein an, euch aber leisten wir im übrigen freudigen Gehorsam, indem wir euch als Könige und Herrscher der Menschen anerkennen und beten, daß ihr nebst eurer Herrschermacht auch im Besitze vernünftiger Einsicht erfunden werdet.«15

Das Ernstnehmen der staatsbürgerlichen Pflichten gehört zur Normalität unseres Daseins als »Bürger beider Gemeinwesen«16. Der selige Josemaria Escrivä schreibt: »Habe Wertschätzung für die Normen und Regeln eines ehrenhaften Zusammenlebens und beachte sie; denn deine loyale Pflichterfüllung kann zweifellos dazu beitragen, daß auch andere den lauteren Gemeinschaftssinn von Christen als Frucht der Gottesliebe erkennen und auf diesem Wege zu ihm finden.«17 Es genügt jedoch nicht, die Gerechtigkeitspflichten in der Familie, als Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Steuerzahler treu zu erfüllen: Um die zeitliche Ordnung »christlich zu inspirieren, können die Laien nicht darauf verzichten, sich in die >Politik< einzuschalten, das heißt in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und systematischen Förderung des Allgemeinwohls dienen. (...) Alle und jeder einzelne haben die Pflicht und das Recht, sich an der Politik zu beteiligen, wenn auch auf verschiedene und komplementäre Weise und aufgrund verschiedener und komplementärer Aufgaben und Verantwortungen. Die Anklage des Arrivismus, der Idolatrie der Macht, des Egoismus und der Korruption, die nicht selten gegen Regierungsleute, Abgeordnete der Parlamente, dominierende Klassen und politische Parteien erhoben werden, sowie die verbreitete Meinung, die Politik sei ein Bereich unbedingter moralischer Gefährdung, rechtfertigen auf keine Weise den Skeptizismus oder die Abwendung der Christen von den öffentlichen Angelegenheiten.«18 Das Lehramt der Kirche hat gerade in den letzten Jahrzehnten immer wieder die Pflicht der Christen bekräftigt, sich den entscheidenden gesellschaftlichen Fragen zuzuwenden: »im Bereich der Familie, indem ihr die Unauflöslichkeit und die anderen Werte der Ehe lebt und verteidigt und für die Achtung vor jedem Leben vom Augenblick der Empfängnis an eintretet. In der Welt von Kultur, Erziehung und Unterricht, indem ihr für eure Kinder eine Schule wählt, in der das Brot des christlichen Glaubens vorhanden ist«19, schreibt Johannes Paul II., und er weitet dies auf Fragen aus, die über den intimen Kreis der eigenen Umgebung hinausgehen: «Seid auch stark und hochherzig, wenn es darum geht, zur Lösung der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen beizutragen; wenn ihr euch an dem positiven Bemühen um Vermehrung und gerechte Verteilung der Güter beteiligt.«20

Der Glaube an den, der sich Petrus als Königssohn zeigt, ist das Fundament dieser Bemühungen. Aus diesem Glauben sollen wir die Kraft schöpfen, um der Gesellschaft selbstlos und wirksam zu dienen. »Es werden Herolde des Evangeliums gebraucht, die Experten im Umgang mit den Menschen sind, die das Herz des heutigen Menschen gründlich kennen, seine Freuden und Hoffnungen, Ängste und Sorgen teilen und zugleich beschauliche Freunde Gottes sein wollen. Dazu bedarf es neuer Heiliger. Die großen Evangelisatoren Europas waren die Heiligen. Wir müssen den Herrn bitten, daß er den Geist der Heiligkeit in der Kirche vermehre und uns neue Heilige sende, um die Welt von heute zu evangelisieren.«21

17,21-26. – 14,32. – 16,18-23. – P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.102. – ebd., S.104. – Ambrosius, Auslegung des Evangeliums nach Lukas, 4,73. – A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, S.75. – Brief an Diognet, 5-6. – Tertullian, Apologeticum, 42,2. – 17,11. – 17,15. – 17,11.14. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1879, 1882. – 13,1.5. – Justin, , 1,17. – II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 43. – J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.322. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 42. – ders., Ansprache in Barcelona, 7.11.1982. – ebd. – ders., , 11.10.1985.