Jahreskreis
19. Woche – Dienstag
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zeitenwenden im zeichen des erbarmens
Wie die
Kinder…
Lehr- und Hirtenamt in der Kirche.
Te Deum in unserer Zeit.
I. In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist im Himmelreich der Größte?1 Wäre es nicht logisch gewesen, daß die Jünger zuerst gefragt hätten, wie man ins Himmelreich gelangt? Doch wie es scheint, erübrigt sie sich für sie – sind sie doch in der Nachfolge Jesu, und Jesus ist der Weg. Trotz allem klingt ihre Frage eine Spur zu diesseitig, als ginge es um irdische Maßstäbe, um Größe und Leistung, Ansehen und Ehre. Markus präzisiert tatsächlich, die Jünger hätten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Uns käme es wohl kindisch vor, so unverhohlen zu reden, aber hegt man insgeheim nicht vielleicht doch solche Gedanken: mehr zu gelten als die anderen? Den Herrn kümmert es indessen nicht, auf banale Fragen tiefe Antworten zu geben. Diesmal mit einem lebendigen Bild: Da rief er ein Kind herbei und stellte es in ihre Mitte. Markus ergänzt: er 2. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. Wie dieses Kind soll der Jünger sein, das ist Christi Maßstab.
Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet… Was meint Jesus damit? Offenbar das Gegenteil von dem, was wir uns unter einem Erwachsenen vorstellen. Denken wir ein wenig über den Erwachsenen nach. »Der Erwachsene hat Zwecke, sucht danach seine Mittel und gebraucht sie. Er sieht die Dinge auf Nutzen und Verwendbarkeit an und macht dadurch alles unfrei. (…) Er steht sich selbst im Blick und im bewußten Gefühl; das verstellt ihm den Weg zu den Dingen, zum anderen Menschen, zur Welt. (…) Demgegenüber ist das Kind einfach und aufrichtig. Auch das bedeutet kein Verdienst. Es empfindet die Hemmungen noch nicht, welche es dem Großen schwer machen, wahr zu sein. Seine Wahrhaftigkeit ist noch unerprobt. Aber sie ist da und bildet einen lebendigen Vorwurf«3
In der Haltung des Kindes liegt Schlichtheit. »Es hat die Einfalt des Auges und des Herzens; wenn das Neue kommt, das Große und Erlösende, schaut es hin, geht darauf zu, tritt ein. Diese Einfalt, diese naturalis christianitas ist jene Kindlichkeit, die das Gleichnis meint. Jesus meint also nichts Sentimentales, nichts Rührendes, keine liebliche Wehrlosigkeit und sanftes Anschmiegen, sondern die Einfalt des Blickes; die Fähigkeit, ins Offene zu schauen, das Eigentliche zu fühlen und ohne Absichten aufzunehmen.«4
Wie lernt man dieses Kindsein? Johannes Chrysostomos erläutert es seinen Zuhörern mit dem Beispiel der Kinder in der Elementarschule, die Schritt für Schritt lernen: »Zunächst lernen sie die Gestalt der einfacheren Buchstaben kennen; dann beginnen sie die schwierigeren zu unterscheiden, und nach und nach lernen sie so zu lesen. Wenn wir uns auf ähnliche Weise den Tugenden nähern, lernen wir zum Beispiel als erstes, nicht schlecht über andere zu reden, dann – gewissermaßen zum nächsten Buchstaben übergehend – niemanden zu beneiden, niemals Sklave unseres Körpers zu sein, uns nicht der Völlerei hinzugeben und so fort. Dann werden wir zu den geistlichen Buchstaben fortschreiten und uns Mäßigung, Abtötung der Sinne, Keuschheit, Gerechtigkeit, Verzicht auf Ruhmsucht, Bescheidenheit und Herzensdemut aneignen. Sodann werden wir einige Tugenden mit anderen verbinden, um sie so in unsere Seele einzuprägen. Und all das gilt es im eigenen Hause zu üben: mit den Freunden, mit der Ehefrau, mit den Kindern.«5
II. Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters. Wie herzlich spricht der Herr über die Kleinen, wie geheimnisvoll über die Engel, wie unergründlich über den Vater im Himmel. Lassen wir diese Worte auf uns wirken, damit sich uns – jenseits des bloßen Nachdenkens – Verborgenes erschließt.
Die Belehrung der Jünger setzt sich mit einem den Zuhörern wohlvertrauten Bild fort: Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, läßt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück und sucht das verirrte? »Im Winter, wenn eine dünne Rasenschicht den fahlroten Hügeln einen leichten, grünen Schimmer gibt, treibt man die Herden in die Wüste – eines der Schafe läßt sich von einer reicheren Weide verlocken, und so hat man es aus den Augen verloren. Was wird der Hirt der Schafe tun? Er wird die neunundneunzig lassen, wo sie gerade sind – zweifellos wird er andere Hirten bitten, ein wenig achtzugeben, denn ohne Aufsicht kann eine so große Zahl nicht bleiben -, vor allem aber ist wichtig, daß er selbst jenes Schaf suchen geht, das verschwunden ist. Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es auf seine Schultern – das tut er sonst nur mit den ganz kleinen Lämmern -, denn es ist müde.«6
Auch dieses Bild will die Sorge um die Schwachen bekräftigen; aber das in einer feindlichen Umwelt gefährdete Geschöpf ist jetzt nicht das wehrlose Kind, sondern das verirrte Schaf. Jesus – er ist 7 – sieht in der orientierungslosen Menge 8. Er erwartet das gleiche Empfinden von jenen, die »authentische, das heißt mit der Autorität Christi versehene Lehrer«9 sind und »an Gottes Stelle der Herde vorstehen, deren Hirten sie sind, als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult, als Diener in der Leitung«10. Dies ist die Aulgabe des Lehramtes in der Kirche: »Das Volk vor Verirrungen und Glaubensschwäche schützen und ihm die objektive Möglichkeit gewährleisten, den ursprünglichen Glauben irrtumsfrei zu bekennen. Der pastorale Auftrag des Lehramtes ist es, zu wachen, daß das Gottesvolk in der befreienden Wahrheit bleibt.«11
Der göttliche Beistand für diese Aufgabe gilt »den Nachfolgern der Apostel, die in Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Petrus lehren, und insbesondere dem Bischof von Rom, dem Hirten der ganzen Kirche«12. Zum ersten von ihnen, Simon Petrus, sprach der Herr schon von Lämmern und Schafen: »Er sagte zu ihm: Weide meine Lämmer. Das sind die kleinen, die jungen, die noch taumeligen und schwachen Schafe. Sie nennt der Herr der Kirche als erste, denn sie bedürfen zuallererst des guten Futters, der regelmäßigen ausreichenden Nahrung, sonst gehen sie zugrunde. Noch einmal fragt Jesus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Und noch einmal die gleiche Antwort. Aber nicht die ganz gleiche Weisung Jesu, sondern: Hüte meine Schafe! Das heißt, nicht nur für ihre Ernährung sorgen, sondern auch für ihren Schutz vor den Wölfen und vor den Unbilden der Natur. (…) Es versteht sich, auch die ausgewachsenen Tiere der Herde brauchen Weidegrund. Weide meine Lämmer – hüte meine Schafe – weide meine Schafe. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig, sie bezeichnet genau die Lebensbedingungen und -gesetze für das Werden und Wachsen von Kirche, damals wie gestern, heute und alle Zeit.«13
Ein in unserer Zeit besonders wichtiger Aspekt dieser Aufgabe ist »die Verteidigung der Einfachen gegen die elitäre Anmaßung der Intellektuellen. Hier wird nun endlich das ganz demokratische Element sichtbar, das im Kern der Aufgabe des kirchlichen Lehramtes liegt. Ihm ist es aufgetragen, den Glauben der Einfachen gegen die Macht der Intellektuellen zu verteidigen. Seine Aufgabe ist es, dort zur Stimme der Einfachen zu werden, wo Theologie das Glaubensbekenntnis nicht mehr auslegt, sondern es in Besitz nimmt und sich über das einfache Wort des Bekenntnisses stellt. Insofern wird zwangsläufig das Tun des Lehramts immer den Ruch des Naiven an sich haben. (…) Das kirchliche Lehramt schützt den Glauben der Einfachen; derer, die nicht Bücher schreiben, nicht im Fernsehen sprechen und keine Leitartikel in den Zeitungen verfassen können.«14
Gottes Erbarmen – sagt der heilige Bernhard – ergießt sich über uns durch die Menschwerdung. In ihr kam Gott »von den Bergen herabgeeilt, um aus den hundert das eine Schaf zu suchen, das sich verirrt hatte. Unseretwegen ist er gekommen, damit sein Erbarmen und seine wunderbaren Taten den Menschenkindern sichtbarer das Lob des Herrn verkünden.«15 Lassen wir uns nicht entmutigen, weil wir schwach sind und oft straucheln. Wenn der Hirt das verirrte Schaf gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern. »Wunderbar ist die Herablassung Gottes, der uns sucht, groß die Würde des Menschen, der so gesucht wird! Wollte der Mensch sich dessen rühmen, wäre er kein Tor. Nicht als vermöchte er etwas aus sich selbst zu sein, sondern weil Gott ihn so hoch wertet, der ihn geschaffen hat. (…) Herr, was ist der Mensch, daß du ihn so groß machst? Warum hängst du dein Herz an ihn? «16
III. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat; der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt.17 Der Lobgesang auf Gottes Erbarmen ist ununterbrochen in der Geschichte des Volkes Israel präsent. An der Schwelle zum Neuen Bund – der einzig wirklichen Zeitenwende in der Geschichte – erklingt er gleichsam mit einer neuen Melodie. Zacharias preist Gott, der das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht18 hat. Elisabet preist die selig, in der sich Gottes Verheißung erfüllt, Maria preist Gottes Erbarmen, das sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten19, ergießt. »Wir dürfen mit vollem Recht glauben, daß auch unsere Generation in den Worten der Gottesmutter inbegriffen war, als sie das Erbarmen pries, welches von Geschlecht zu Geschlecht, von Generation zu Generation jenen zuteil wird, die sich von der Gottesfurcht leiten lassen. Wir alle, die heute auf dieser Erde leben, sind das Geschlecht, welches um das Herannahen des dritten Jahrtausends weiß und zutiefst die geschichtliche Wende fühlt, die im Gange ist.«20
Der Herr selbst zieht vor dir her. Er ist mit dir. Er läßt dich nicht fallen und verläßt dich nicht. Du sollst dich nicht fürchten und keine Angst haben. In Christus und durch Christus wird Gott »in seinem Erbarmen besonders sichtbar«22. Nach der Menschwerdung zieht der Herr nicht nur vor dir her, er geht uns auch nach und sucht uns auf. »Du mußt ihn nicht eigens suchen, weder dort noch hier. Er ist ja nicht weiter weg als vor der Tür des Herzens. Da steht er und wartet, wen er bereit findet, wer ihm auftut und ihn hineinläßt. Du brauchst ihn auch nicht erst von fernher zu rufen. Er kann es ja kaum erwarten, bis du ihm auftust. Ihn verlangt tausendmal dringlicher nach dir als du dich nach ihm sehnst.«23
Dennoch: Gott scheint sein Erbarmen uns gegenüber von unserem Erbarmen anderen gegenüber abhängig zu machen. Wir sollen uns vom Geist der Liebe zum Nächsten umwandeln lassen und lernen, selbst Erbarmen zu üben. »Der gekreuzigte Christus ist uns hierin im Höchstmaß Beispiel, Anregung und Aufruf. Auf dieses ergreifende Vorbild schauend, können wir in aller Demut den anderen Erbarmen erweisen, wohl wissend, daß es Christus als ihm selbst erwiesen annimmt.«24 Erbarmen ist »ein Lebensstil, ein wesentliches und immerwährendes Kennzeichen der christlichen Berufung. Er besteht in der ständigen Entdeckung und ausdauernden Verwirklichung der Liebe als einigender und zugleich erhebender Kraft – allen psychologischen oder sozial bedingten Schwierigkeiten zum Trotz.«25
Viele zeitgenössische Vorbehalte gegen das Erbarmen kommen daher, daß man darin »einen Akt oder Vorgang (sieht), der nur in eine Richtung geht und zwischen dem, der es übt, und dem, der damit beschenkt wird, zwischen dem, der das Gute tut, und dem, der empfängt, einen Abstand voraussetzt und aufrecht erhält. Aus dieser Sicht ergibt sich die Anmaßung, die zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen vom Erbarmen zu befreien und ausschließlich auf die Gerechtigkeit zu gründen. Solchem Denken über das Erbarmen entgeht das fundamentale Band zwischen Erbarmen und Gerechtigkeit, von dem die ganze biblische Tradition und noch mehr die messianische Sendung Jesu Christi spricht. Das echte Erbarmen ist sozusagen die tiefste Quelle der Gerechtigkeit.«26 Außerdem ist es »nie ein einseitiger Akt oder Prozeß. Selbst dort, wo allem Anschein nach nur ein Teil gibt und hingibt und der andere nur empfängt und nimmt (z.B. im Fall des Arztes, der behandelt; des Lehrers, der unterrichtet; der Eltern, die die Kinder ernähren und erziehen; des Wohltäters, der die Bedürftigen unterstützt), wird tatsächlich auch der Geber immer zum Beschenkten.«27 Läutern wir also unsere Handlungen und Absichten, damit uns aufgeht, »daß wir zugleich von denen Erbarmen empfangen, denen wir es erweisen« Sonst »sind weder unsere Handlungen echte Akte des Erbarmens, noch hat sich in uns die Bekehrung restlos vollzogen, deren Weg uns Christus mit seinem Wort und Beispiel bis zum Kreuz gewiesen hat, noch haben wir schon vollen Anteil an dem wunderbaren Quell der erbarmenden Liebe, den er uns erschlossen hat.«28
Die Beter des Alten Bundes hofften auf immerwährendes Erbarmen aufgrund der Großtaten Gottes an ihrem Volk. Die Beter an der Schwelle zum Neuen Bund erahnten aus den Worten der Schrift die Herabkunft des Erbarmens selbst. Sollten wir nicht – Beter an einer Zeitenwende – die Notrufe unserer Zeit in ein großes Te Deum der Hoffnung einmünden lassen?
»Du Gott deines Sohnes, großer Gott deines ewigen Erbarmens, großer Gott deiner verirrten Menschen, du Gott aller, die da leiden, du Gott aller, die da sterben, brüderlicher Gott auf unsrer dunklen Spur: Ich danke dir, daß du uns erlöst hast, Herr, ich danke dir bis an die Chöre deiner Engel, sei gelobt für unsre Seligkeit!«29
18,1-5.10.12-14. – 9,36. – R. Guardini, , Würzburg 1951, S.315. – ebd., S.316-317. – Johannes Chrysostomos, Homilien über die Psalmen, 11,8. – M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.391. – vgl. 5,4. – 6,34. – II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 25. – ebd., 20. – Katechismus der Katholischen Kirche, 890. – ebd., 892. – P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.166. – J. Ratzinger, Silvesterpredigt, München 1979. – Bernhard von Clairvaux, Predigt In adventu Domini. – ebd. – 103,2-4. – 1,72. – vgl. 1,42-56. – Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 10. – 31,8. – Johannes Paul II., a.a.O., 2. – Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.122. – Johannes Paul II., a.a.O., 14. – ebd. – ebd. – ebd. – ebd. – Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche, München 1924, S.50.
