JAHRESKREIS
14. SONNTAG (LESEJAHR A)
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EIN LIEBENSWERTES JOCH
Die
Herzensgüte Christi.
Jesus identifiziert sich mit den Bedrückten.
Die Last der Unwissenheit.
I. Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch…1 Mit dem »Joch der Thora« oder dem »Joch der Gebote« meinten die frommen Juden das Gesetz und die Verpflichtung zum Halten der Gebote. Es war »ein nicht mit Murren und Stöhnen, sondern mit Liebe, Stolz und Freude getragenes Joch; denn das Gesetz galt als Israels kostbarster Besitz, das Pfand und Kennzeichen seiner Auserwählung. (…) Trotzdem war aber das Gesetz in seiner kasuistischen Ausgestaltung durch die Rabbiner ein drückendes Joch für die Frommen und eine unerfüllbare Aufgabe für die große Masse der Gesetzesunkundigen.«2
Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht. Jesus ist nicht gekommen, um die Menschen von Beschwernissen überhaupt zu befreien, sondern um ihnen das Tragen zu erleichtern, weil er sie selbst auf seinen eigenen Schultern trägt. Durch Leiden bewirkt er die Erlösung, durch Leiden nehmen wir Anteil an seinem Erlösungswerk und überwinden die Sünde.
Nahe bei Christus ist ein Leben nach dem Gesetz Gottes keine drückende Last mehr, die Beschwernisse des Daseins werden dann liebenswert. Denn in seiner Nachfolge bekommt das Opfer einen Sinn, man bringt es trotz der Mühsal willig, ja gern dar, nicht aufsässig oder widerspenstig.
Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Das ganze Evangelium ist ein einziges Beispiel für die Herzensgüte Jesu Christi. »Überall hat er Beispiele seines Erbarmens hinterlassen«3, sagt Gregor der Große. Er nimmt die Schmerzen und die Lasten derer, denen er begegnet, auf sich und heilt sie: Er weckt Tote auf, heilt Blinde, Aussätzige und Taubstumme, befreit Besessene von ihrer Qual… und er tröstet die Seinen, als er in der Stunde seines Todesleidens sein Opfer vollendet als Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt4.
Nachfolge Christi schließt Zuwendung zu den Mitmenschen ein. Dies ist nur möglich, wenn man vor ihrer Not nicht die Augen verschließt. Was können wir für die anderen tun? Oft nur einen unscheinbaren Dienst: »Wenn du deine Arbeit beendet hast, dann tu die deines Bruders, hilf ihm um Christi willen mit so viel Takt und Natürlichkeit, daß der, dem du hilfst, gar nicht bemerkt, daß du mehr tust, als du von Rechts wegen tun müßtest. Das ist wirklich das feine Verhalten eines Kindes Gottes« sagt der selige Josemaría Escrivá.5»Manchmal werden wir ihnen nur still beistehen und die Hand drücken können. Andere Male kann ein Wort zur rechten Zeit vor Einsamkeit bewahren und helfen, daß einer den Blick auf Christus richtet und den im Glauben verborgenen Sinn der eigenen Last entdeckt. Der Besuch bei einem alten, alleinstehenden Menschen kann ihn aufrichten und in ihm neue Lebenskraft wecken.
Jedoch nicht alles besteht im Tun: Auch das Lassen kann angebracht und vielleicht ein Opfer sein: denn es gibt manches, das – wenn auch unbeabsichtigt – die anderen beschwert: Launenhaftigkeit oder mangelnde Rücksichtnahme, vorschnelles Urteilen, negative Kritik, ein verletzendes Wort…
II. Die Liebe Jesu zu uns läßt ihn das Joch tragen, das auf Golgota zum Werkzeug seines erlösenden Opfers wird. Wir sind nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft worden, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi6. »Das auf Golgota errichtete Kreuz, an dem Christus sein letztes Zwiegespräch mit dem Vater führt, erwächst aus dem innersten Kern jener Liebe, die dem nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffenen Menschen gemäß dem ewigen Plan Gottes geschenkt worden ist. (…) Wer liebt, den drängt es ja, sich selbst zum Geschenk zu machen.«7
Ich habe Mitleid mit diesen Menschen.8 Dieses Wort birgt mehr als unsere Art, Mitleid zu empfinden, die manches Mal an der Oberfläche bleibt. Weil Jesus wie kein anderer liebt, leidet er mit den Menschen wie kein anderer, wenn er auf seinen Wanderungen durch Israel dem Leid begegnet. Er sagt ja zu den Seinen, daß er sich mit jedem Leidenden identifiziert: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.9
Der Herr will, daß wir im leidenden Menschen ihn selbst sehen. In dem Maße, in dem uns dies gelingt, erhält das Mitleid eine Dimension, die es von einer oberflächlichen Betroffenheit wesentlich unterscheidet. Soziales Engagement findet darin seine tiefste Begründung. Denn »der Glaube ist nicht irgendein zusätzliches ideologisches Gepäck, das wir neben den eigentlich drängenden sozialen Aufgaben auch noch mit uns herumschleppen: er ist die Grundlage dafür, daß wir Menschen lieben können, daß wir sozial zu handeln vermögen. Er ist der Ausgangspunkt dafür, daß eine neue Dimension der Menschlichkeit in dieser Welt in Erscheinung trat, eine neue Einheit und Gleichheit. Er ist die Grundlage dafür, daß dies auch bleiben kann.«10
Wenn wir den Mitmenschen in der Gesinnung Christi begegnen, wird seine erbarmende Liebe fühlbar, und wir tragen nach einem Wort Papst Pauls VI. »die Kultur der Liebe« in die Welt: »Der Krankheitszustand der menschlichen Gesellschaft ist das erste Betätigungsfeld für uns Christen. Wir müssen einfühlsam sein und Liebe haben zu einer Menschheit, die physisch, sozial und sittlich leidet. (…) Ist das wirklich bloß ein Traum, wenn wir von einer Kultur der Liebe sprechen? Nein, wir träumen nicht. Wenn Ideale echt und menschlich sind, sind sie keine Träume, sondern Pflichten, zumal für uns Christen. Die Verpflichtung wird um so dringender und einleuchtender, je mehr sich am Horizont unserer Geschichte Gewitter drohend ankündigen. Die Ideale sind zugleich Energien und Hoffnungen.«11
Jesu barmherziges Handeln setzt sich durch die Jahrhunderte im Handeln der Glieder seines mystischen Leibes fort. Durch uns sagt er so den Menschen unserer Zeit: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Wenn wir uns Jünger Christi nennen wollen, müssen wir in unserem Herzen dieselben Gefühle der Barmherzigkeit hegen wie der Meister.
Wir können nur treue Jünger des Herrn sein, wenn wir ihn inständig bitten, er möge unser Herz nach seinem Herzen bilden. Krieg und Hungersnöte, Grausamkeit und Gewalt, Mißachtung der Menschenwürde und viele Übel mehr, die die Menschheit heimsuchen, lassen uns dann nicht länger mehr gleichgültig.
Bitten wir den Herrn in unserem persönlichen Gebet um die Gnade des Mitfühlens mit den Leidenden. Bitten wir ihn auch um die Fähigkeit, jene, die fern von Gott leben, die Liebe Gottes spüren zu lassen.
III. Der Herr hatte Mitleid mit ihnen, denn sie waren wie Schafe ohne Hirten12. »Dies ist ein Wort, das der Evangelist aus dem Alten Testament übernimmt. Es kommt dort an sechs Stellen vor, quer durch den Verlauf der heiligen Geschichte. Immer wieder tritt es auf, wenn Israel versucht hatte, sich selbst seine Welt zu bauen, und wenn es mit solchen Versuchen gescheitert ist, dann zerschlagen und hoffnungslos daliegt und Ausschau hält nach dem, der es retten kann. Dieses Wort kehrt in der Geschichte immer wieder. Denn immer geschieht das Gleiche, wo Menschen versuchen, ohne Gott oder gegen Gott sich selbst die Welt einzurichten.«13
Gebrechen und Krankheiten, Mißerfolge und Schicksalsschläge können sehr bedrückend sein, der Glaube indes vermag all dem einen Sinn zu geben. Viel schlimmer ist es, wenn Menschen orientierungslos und verwirrt werden, weil sie die grundlegenden Wahrheiten des Glaubens nicht kennen. Unwissenheit in Glaubensdingen ist das große Übel unserer Zeit. Viele fallen ihm zum Opfer – unschuldig oder schuldhaft. Die einen sind niemals im Glauben unterwiesen worden, andere meinen zu wissen, aber ihr Bild vom Glauben ist verzerrt, aus getrübten Quellen gewonnen. Viele meinen, ohne die Stimme der Kirche auskommen zu können, und sagen sich los von Glauben und Moral. »Viele, allzu viele Menschen denken und leben, >als ob es Gott nicht gäbe<. Wir stehen einer Mentalität gegenüber, die oft auf tiefgreifende, weitreichende Weise und bis in die letzten Winkel der Gesellschaft hinein die Haltungen und Verhaltensweisen sogar der Christen beeinflußt, deren Glaube dadurch entkräftet wird und seine Ursprünglichkeit als eigenständiger Maßstab für das eigene Selbstverständnis und das Handeln im persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leben verliert. (...) Es ist nun dringend notwendig, daß die Christen die Eigenständigkeit ihres Glaubens und ihrer Urteilskraft gegenüber der herrschenden, ja sich aufdrängenden Kultur wiederentdecken. (...) Es ist dringend notwendig, das wahre Antlitz des christlichen Glaubens zurückzugewinnen und wieder bekannt zu machen.«14 Dies ist ein sehr zeitgemäßes Werk der Barmherzigkeit und ein Stück Neu-Evangelisierung.
= 14 Dies ist ein sehr zeitgemäßes Werk der Barmherzigkeit und ein Stück Neu-Evangelisierung.Wer Christus nachfolgt, empfindet wie der Herr die Sorge um jene, die müde und erschöpft sind, weil sie den wahren Weg nicht kennen. Gleichzeitig weiß er, daß auch er der Hilfe anderer bedarf, um seine eigene Bürde zu tragen. Ohne gegenseitige Hilfe kämen wir im täglichen Zusammenleben nur schwerlich voran. Denn wie Thomas von Kempen schreibt: »Ohne Fehler ist keiner; keiner ohne Bürde, keiner sich selbst genug; keiner weiß sich in allem selbst zu raten; einer muß den andern ertragen, einer den andern trösten, stützen, belehren, ermahnen.«15
Am Anfang und am Ende des öffentlichen Wirkens Jesu steht Unsere Liebe Frau. Zu Kana in Galiläa zeigt sie, wie das Gespür für die Not des Nächsten zu Christus führt. Dort »wird nur ein konkreter Aspekt der menschlichen Bedürftigkeit gezeigt, scheinbar klein und nur von geringer Bedeutung (>Sie haben keinen Wein mehr<). Aber er hat symbolischen Wert: Jene Hinwendung zu den Bedürfnissen der Menschen bedeutet zugleich, sie in den Bereich der messianischen Sendung und erlösenden Macht Christi zu führen. Es liegt also eine Vermittlung vor: Maria stellt sich zwischen ihren Sohn und die Menschen in der Situation ihrer Entbehrungen, Bedürfnisse und Leiden.«16
1 Mt 11,28-30. – 2 Regensburger Neues Testament, Bd.1, Regensburg 1959, S. 204. – 3 Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 25,6. – 4 1 Joh 2,2. – 5 J. Escrivá, Der Weg, Nr. 440. – 6 1 Petr 1,19. – 7 Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 7. – 8 Mk 8,2. – 9 Mt 25,40. – 10 J. Ratzinger, Christlicher Glaube und Europa, München 1981, S. 88. – 11 Paul VI., Ansprache, 31.12.1975. – 12 Mt 6,34. – 13 J. Ratzinger, a.a.O., S. 113. – 14 Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 88. – 15 Thomas von Kempen, Nachfolge Christi, 1,16. – 16 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 21.
