JAHRESKREIS
25. WOCHE – FREITAG
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DIE ZEIT UND DIE ZEITEN
Das
Gottesgeschenk der Zeit.
Innere Ordnung des Geistes: heute, jetzt.
Gott die Gegenwart darbringen.
I. Alles hat seine Stunde, heißt es in einer der Lesungen der heutigen Messe aus dem Buch Kohelet. Gott ist der Herr der Zeit, und er gibt sie uns als die Spanne, in der sich unser Leben nach dem göttlichen Plan zutragen soll. Aber gelingt es uns innerhalb dieser Zeitspanne, den Willen Gottes mit unseren Plänen in Einklang zu bringen? Kommt es nicht immer wieder zu einer mangelnden Synchronisierung von dem, was Gott will, und dem, was wir uns in den Kopf gesetzt haben? Man entzieht sich dem Anruf des Augenblicks und beschäftigt sich stattdessen mit angeblich wichtigeren Dingen. So kann es vorkommen, daß ein Familienvater seine Kinder zu Hause kaum wahrnimmt, weil er sich nur schwer vom Beruflichen lösen kann, oder daß ein Student die Vorbereitung auf die nächste Prüfung vernachlässigt, weil er schon von seinen Plänen nach bestandenem Examen träumt.
Von daher verstehen wir die Worte der Lesung besser: Alles hat seine Stunde: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, (…) eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, (…) eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden1
Die Zeit ist eine Gabe Gottes. Gott schenkt sie uns, damit wir in ihr seinem Anruf folgen. Die Zeit ausnutzen heißt nicht aktivistisch sein, sondern ein Gespür für das Richtige, das Gottgewollte, zu entwickeln. Dazu gehört die innere Kraft, eine interessante Aufgabe zugunsten einer dringenderen, weil wichtigeren, auf später zu verschieben. Wir vertun die Zeit, wenn wir Dinge, die zwar in sich sinnvoll sind, zur falschen Zeit tun – etwa die Zeitung zur Stunde der Arbeit lesen oder die Zeit, die eigentlich der Familie gehört, zusätzlich dem Beruf widmen.
Die Zeit nutzen bedeutet, das zu tun, was Gott von uns im gegenwärtigen Augenblick erwartet. Unser Leben ist Gegenwart – Augenblick für Augenblick. Nur sie können wir heiligen. Die Vergangenheit bleibt zwar in gewissem Sinne gegenwärtig, indem wir uns an Fehler erinnern, die wir dann vor Gott bereuen, an Wohltaten, die uns zu Dank bewegen, Erfahrungen, die uns klüger machen, und der Gedanke an die Zukunft spornt uns zu Hoffnung und Gottvertrauen an. Unsere reale Zeit aber ist die Gegenwart, der jetzige Augenblick, das »Heute und Jetzt«»
II. Manchmal sind wir versucht, uns der Pflicht des Augenblicks mit einem Hinweis auf später zu entziehen. Aus Erfahrung wissen wir, daß oft dann nichts daraus wird. Der Apostel Paulus mahnt die Galater zum beharrlichen Tun des Guten, solange die Zeit währt: Laßt uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Deshalb wollen wir, solange wir noch Zeit haben, allen Menschen Gutes tun Im Guten beharren ist nur möglich, wenn wir das Gute nicht allgemein-abstrakt verstehen, sondern ganz konkret als das, was jetzt zu tun ist. Das erfordert eine Geordnetheit des Geistes, die sich in einem Entwurf für den Alltag, in einer Art »Plan« äußert. Er enthält zum einen die Tätigkeiten, die Tag für Tag wiederkehren. So auch die festgesetzte Zeit, die wir dem Gebet widmen wollen, und zum anderen die Aufgaben, die uns eben heute zu beschäftigen haben. Ein solcher Plan ist keine geistlose Routine, sondern gegen Willkür oder Launenhaftigkeit die bewußte Gestaltung des Alltags.
Auf diese Weise entkommen wir leichter der Trägheit. Denn Trägheit ist nicht nur stumpfe Unbeweglichkeit; sie bedeutet vor allem, »daß der Mensch sich dem Anspruch versagt, der mit seiner eigenen Würde gegeben ist; daß er nicht das sein will, als was Gott ihn will.«3 Trägheit kann deswegen auch dann gegeben sein, wenn der Mensch sich hinter emsiger Geschäftigkeit versteckt und vieles tut, nicht aber das, was Gott will.
Der Träge neigt eher dazu, Grundsteine zu legen als Schlußsteine zu setzen; er beginnt vieles, aber bringt nur weniges zu Ende. Ganz anders jener, der Zeit und Arbeit als eine Gottesgabe sieht: »Der Arbeitsame nutzt die Zeit, denn sie ist mehr als Geld, sie ist Verherrlichung Gottes! Er tut, was er soll und ist gegenwärtig in dem, was er tut, aber nicht in einer Haltung gelangweilten Zeitvertreibs, sondern mit aufmerksamer, kluger Überlegung.«4
III. Das Gespür für das hodie et nunc – im Heute und Jetzt zu leben – richtet unsere Aufmerksamkeit auf den Anruf des Augenblicks. Und ihm zu folgen ist die Gabe, die wir Gott als wahren Gottesdienst darbringen können, und sei sie in den Augen der Menschen auch noch so geringfügig.
Dann gibt es weniger Raum für unnötige Zukunftssorgen. Die aktuellen Sorgen sehen wir im Licht der Hoffnung, im Vertrauen auf die göttliche Fürsorge. Und die anderen, die nicht selten nur eingebildet sind, erkennen wir als Versuchungen, die oft dadurch verstärkt werden, daß uns der Gedanke an sie lähmt und wir uns wie verlassen fühlen von Gott. Die Gnade Gottes jedoch kommt uns jeweils in der konkreten Gegenwart zu Hilfe, nicht aber in Situationen, die nur in unserer Phantasie existieren. Kommt Not, kommt Hilfe.
Ausnützung der Zeit heißt, in der Fülle des gegenwärtigen Augenblicks leben, als wäre er der einzige, der uns gegeben ist. Heute und jetzt können wir dem Herrn unsere Aufgabe darbringen. Er gibt uns einen befreienden, tröstlichen Rat, der uns erlaubt, ganz in der Gegenwart zu leben und uns nicht als Alibi für verweigerte Verantwortung heute auf die Zukunft herauszureden. Sorgt euch also nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.5
Hier treffen sich unser Bewußtsein der Gotteskindschaft und der gesunde Menschenverstand. Denn wie es im Buch Kohelet heißt: Wer ständig nach dem Wind schaut, kommt nicht zum Säen, wer ständig die Wolken beobachtet, kommt nicht zum Ernten6
Josemaría Escrivá gibt uns den Rat: »Verhalte dich >jetzt< richtig, und denke nicht an >gestern<, das schon vorüber ist, noch sorge dich um das >morgen<, von dem du nicht weißt, ob es für dich noch kommt.«7
Allen Menschen Gutes tun, solange wir noch Zeit haben, sagt uns der heilige Paulus. Und dann werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. Alles hat seine Stunde. Weder die Sehnsucht nach der himmlischen Vollendung noch die Vergänglichkeit des Irdischen dürfen uns davon abhalten, unsere Stunde – hier und jetzt – zu erkennen: jetzt ist für uns die Zeit zum Bauen.
3,1-11. – 6,10. – J.Pieper, Muße und Kult, München 1949, S.48. – J.Escrivá, Freunde Gottes, 81. – 6,34. – 11,4. – J.Escrivá, , Nr.253.
