Tagesmeditation

JAHRESKREIS
14. WOCHE – MONTAG

13

Christus berühren

Die heiligste Menschheit Jesu.
Teilnahme an Christi Leben in der Kirche.
Die Kirche lieben.

I. Im heutigen Evangelium1 begegnen uns zweimal Menschen, die den Wunsch haben, Jesus zu berühren oder von ihm berührt zu werden. Leg ihr deine Hand auf, dann wird sie wieder lebendig, bittet ihn ein Synagogenvorsteher, dessen Tochter soeben gestorben ist. Und auf dem Weg zu dessen Haus trat eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt, von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes, denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Die Krankheit dieser Frau machte sie und alles, was sie berührte, vor dem Gesetz unrein. Deshalb versucht sie, so unauffällig wie möglich in die Nähe des Herrn zu kommen. Der heilige Ambrosius faßt ihre Scheu und das ganze Geschehen so zusammen: »Züchtig nun berührte sie den Saum, zuversichtlich trat sie hinzu, gottesfürchtig glaubte sie, einsichtsvoll erkannte sie, daß sie geheilt sei.«2

Alle Leute versuchten, ihn zu berühren3, heißt es im Lukas-Evangelium. Dieses Verhalten läßt sich menschlich erklären und ist auch heute durchaus üblich: man will eine berühmte Persönlichkeit nicht nur sehen, sondern ihr die Hand reichen, womöglich ein Autogramm ergattern. Aber der Evangelist gibt einen tieferen Grund an als bloße Schaulust beim Auftritt eines Prominenten: es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte. Die Menschen in Jesu Nähe ahnten: in ihm ist Heil. Es war ein dunkles Wissen, noch nicht das eindeutige Bekenntnis des Glaubens an den menschgewordenen Sohn Gottes, dessen ganzes Leben »Offenbarung des Vaters« und »Erlösungsgeheimnis« ist.4 Wir bekennen im Glauben an die Menschwerdung, daß die heiligste Menschheit unseres Herrn gleichsam der Kanal ist, durch den uns die göttliche Barmherzigkeit erreicht: »Durch seine Taten, seine Wunder, seine Worte wurde offenbar, daß in ihm >die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig< wohnt (Kol 2,9). Sein Menschsein erscheint so als das >Sakrament<, das heißt als Zeichen und Werkzeug seiner Gottheit und des Heils, das er bringt.«5

Durch die Menschwerdung ist Gott gleichsam »berührbar« geworden. Wie nahe ist uns der menschgewordene Jesus, wenn wir das Evangelium aufmerksam lesen! Wir betrachten seine Wunder, sein Leiden und Kreuz, seine Auferstehung und Himmelfahrt. Seine Worte damals sind auch an uns heute gerichtet: die Gleichnisse, die Seligpreisungen, der Ruf zur Nachfolge, die Mahnungen zur Wachsamkeit, die Worte der Vergebung. Daraus ist eine Frömmigkeit entstanden, die Herz und Gemüt anspricht, der Kreuzweg, die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu, der Rosenkranz. Sie bringen uns Jesus in seinem Menschsein nahe.

Vor allem aber ist Christus uns nahe in der Kirche, die er gestiftet, und in den Sakramenten des Heils, die er ihr anvertraut hat. Der Herr wollte uns nicht nur in Gedanken und in der Erinnerung gegenwärtig sein, sondern real greifbar, berührbar bleiben. In der Kirche und in ihren Sakramenten begegnen wir mit der Gewißheit des Glaubens demselben Christus, den die Menschen damals ahnungsvoll berühren wollten.

Dies war die Erfahrung des Paulus auf dem Weg nach Damaskus: Warum verfolgst du mich? Ich bin Jesus6. Er erfuhr damals: die Kirche verfolgen heißt Christus verfolgen. Deshalb verkündete er später so bestimmt, daß wir, die vielen, ein Leib in Christus7 sind: Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.8

Wer Christus liebt, muß die Kirche lieben. Wer Christus folgen will, muß auf die Kirche hören. Wer Christus »berühren« will, muß seine Gegenwart in der Kirche suchen.

II. Die Menschen wollten einen Jesus sehen und berühren, der von sich sagte: Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat9. Heute Jesus berühren heißt zuerst, ihn mit den Ohren »berühren« auf ihn hören, gemäß dem Zeugnis des himmlischen Vaters am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu: Das ist mein geliebter Sohn (…), auf ihn sollt ihr hören10.»Die Menschen, die damals von überallher zu Jesus kamen, hörten seine Worte und mußten sich entscheiden. Viele fanden in ihm den Meister und Lehrer, der mit Autorität sprach. Sie sahen in ihm außerdem den Heiler ihrer Gebrechen, ohne ihn schon den Erlöser von unseren Sünden nennen zu können, wie wir es im Glauben tun. Wir bekennen, daß Jesus, Lehrer und Vorbild, gleichzeitig Priester und Opfergabe ist: unser einziger Hoherpriester, der sich selbst als Gabe für unsere Sünden darbringt und sich nicht selbst die Würde eines Hohenpriesters verliehen hat, sondern der, der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du11. Die höchste Form der »Berührung« Christi geschieht im sakramentalen Leben: Denn »Christus, der >zur Rechten des Vaters sitzt< und den Heiligen Geist in seinem Leib, der Kirche, ausbreitet, handelt jetzt durch die Sakramente, die er zur Mitteilung seiner Gnade eingesetzt hat. Die Sakramente sind durch die Sinne wahrnehmbare Zeichen (Worte und Handlungen), die unserer Menschennatur zugänglich sind. Kraft des Wirkens Christi und des Waltens des Heiligen Geistes bewirken sie die Gnade, die sie bezeichnen.«12 Wenn wir sie empfangen, gewinnen wir an Christi Leben. Da »wird das Gut Christi allen Christen mitgeteilt, so wie die Kraft des Hauptes allen Gliedern, und diese Mitteilung geschieht durch die Sakramente der Kirche«13. In ihnen fließen die unendlichen Verdienste Christi den Menschen aller Zeiten zu - auch uns heute. Durch die Taufe in die Gemeinschaft mit Jesus eingetreten, vereinigen wir uns mit dem Herrn in der Eucharistie und werden Kirche. »= 13. In ihnen fließen die unendlichen Verdienste Christi den Menschen aller Zeiten zu - auch uns heute. Durch die Taufe in die Gemeinschaft mit Jesus eingetreten, vereinigen wir uns mit dem Herrn in der Eucharistie und werden Kirche. Es ist eine grundlegende Wahrheit, nicht nur lehrmäßiger, sondern auch existentieller Natur, daß die Eucharistie die Kirche aufbaut; sie baut diese auf als die wahre Gemeinschaft des Volkes Gottes, als Versammlung der Gläubigen.«14

Bei der Feier der Eucharistie teilt sich jenes Leben mit, das der Herr ankündigte, als er sagte: Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt.15 Und wenn unsere Sünden uns von diesem Leben in Gott trennen, dann ist es ebenfalls die Kirche – im Bußsakrament -, die uns wieder lebendige Glieder des Herrn werden läßt. Denn es ist auch ein Wort des Herrn: Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert16. Nur im Glauben der Kirche und teilnehmend an ihrem Leben können wir dem Christus begegnen, der über diese Erde gewandelt ist: »Es ist eine Frage der Ehrlichkeit – nicht nur des Glaubens – zuzugeben, daß ein Ja zu Christus ohne die Kirche unmöglich ist; denn die Echtheit des Neuen Testaments kann nur durch die Kirche verbürgt werden. Ohne sie wüßten wir kaum etwas über ihn. Nur durch die Kirche haben wir Christus. Ohne Kirche würde Christus zu einem farblosen oder die Farbe wechselnden >Jesus von Nazaret<, der der jeweiligen Zeitströmung angepaßt wird: Vom >germanischen< Christus der dreißiger Jahre bis zum pazifistischen und simultan revolutionären Christus unserer Zeit.

Christsein ohne Kirche wird unverbindlich und ist letzten Endes eine Selbsttäuschung, die ein wenig Humanismus retten will. Glauben wird zu einem harmlosen Gefühl, inhaltslos, ohne Aussagen. Glauben wird zu Laune.«17

III. »Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend ausschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei.«18

Wo ist aber diese Kirche, die Gott zusammengerufen hat? Sie ist dort, wo Petrus, der Fels, ist: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen19. Hier, wo der Grund unseres Vertrauens und unserer Liebe zur Kirche liegt, liegen ebenso die Wurzeln heutiger Vorurteile. Meine Kirche – das heißt: Teilhabe am Geheimnis der Menschwerdung Gottes, Überschreiten irdischer Maßstäbe: »Die Kirche Christi ist keine Partei, keine Vereinigung, kein Club; ihre tiefe und unaufhebbare Struktur ist nicht demokratisch, sondern sakramental, folglich hierarchisch; denn die auf der apostolischen Sukzession gegründete Hierarchie ist unabdingbare Bedingung, um zur Kraft, zur Wirklichkeit des Sakramentes zu gelangen. Die Autorität hier gründet sich nicht auf Mehrheitsvoten; sie gründet sich auf die Autorität Christi selbst, der sie Menschen weitergeben wollte, die seine Repräsentanten sein sollten bis zu seiner endgültigen Wiederkunft.«20

Ein Kirchenvater sagt: »Der kann nicht Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat.«21 Die schlichte Verehrung eines Kindes für seine Mutter mag vielen Zeitgenossen fragwürdig erscheinen. Doch dies darf uns nicht verunsichern, denn Glaube, Hoffnung und Liebe lassen uns in der Kirche tatsächlich die Mutter erkennen, die uns das Leben schenkt, das von Christus kommt.

Der Umgang mit der Kirche ist nicht wie der Umgang mit einer Behörde, sondern wie der mit der eigenen Mutter. Wir lieben sie, uns schmerzen die Wunden, die ihr nicht nur Fremde, sondern auch ihre eigenen Kinder zufügen, die Gebrechen und Krankheiten, die sie erleidet, das menschliche Elend, das sie zu tragen hat. Aber wir wissen: diese Mutter ist heilig, nicht ihrer Kinder, sondern der Heiligkeit Christi wegen, ihres Hauptes. Wie könnten wir von ihr schlecht, kalt oder distanziert sprechen? Wir wollen ihr gegenüber keine Richter sein, sondern wie Kinder reagieren, wenn es um ihre Mutter geht.

Am Ende des irdischen Wirkens Jesu steht ein Auftrag an die Jünger, den er begründet, weil ihm alle Macht gegeben ist im Himmel und auf der Erde. Er lautet: Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.22 Alle Tage – heute und immer bis ans Ende der Zeiten.

1 Mt 9,18-26. – 2 Ambrosius, Auslegung des Evangeliums nach Lukas, 5,56. – 3 Lk 6,19. – 4 Katechismus der Katholischen Kirche, 516 und 517. – 5 ebd., 515. – 6 Apg 9,5. – 7 Röm 12,5. – 8 1 Kor 12,27. – 9 Joh 12,45. – 10 Mt 17,5. – 11 Hebr 5,5. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 1084. – 13 Thomas von Aquin, Erläuterung zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, 10. – 14 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 20. – 15 Joh 6,51. – 16 Joh 20,23. – 17 J. Arquer, Was ist die Kirche? in: Plädoyer für die Kirche, Aachen 1991, S. 43. – 18 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 9. – 19 Mt 16,19. – 20 J. Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, München 1985, S. 49. – 21 Cyprian, Über die Einheit der katholischen Kirche, 6. – 22 Mt 28,19.