JAHRESKREIS
30. WOCHE – DONNERSTAG
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CHRISTUSBEGEGNUNG IN DER EUCHARISTIE
Jesus
weint über Jerusalem.
»Kommt alle zu mir«: der Besuch beim Allerheiligsten.
Das Beispiel eines Heiligen: Glaube, Realismus, Gelassenheit.
I. Der Herr ist unterwegs zur heiligen Stadt, wo sich seine Sendung auf Erden vollenden soll. Jerusalem ist ja das Sinnbild der Vollendung, des ersehnten Zieles am Ende der irdischen Wanderung. Aber hier erscheint es uns als schicksalsträchtige Stadt: verschließen sich ihre Einwohner doch der Heilsbotschaft. Deshalb weint Jesus über sie: Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind.1 Der Herr sieht sich in der Reihe der Gesandten, die Umkehr gepredigt haben, weil Gott die Menschen liebt. Und im Messias verdichtet sich diese Liebe wie niemals zuvor. Jesus wirbt auch um jene, die ihn nicht annehmen wollen. Dies stellen wir heute in die Mitte unserer Betrachtung: gegen die Verschlossenheit der Menschen steht die Liebe Gottes allen gegenüber: Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt!
Jesu Wunsch von damals wird nach der Einsetzung der Eucharistie gleichsam greifbar für alle Menschen aller Zeiten: im Tabernakel ist er unter uns gegenwärtig. Vor dem Tabernakel betend, geht uns auf, daß er über uns wacht, uns vor Gefahren bewahrt, unsere Wunden in seinem Blut heilt, uns Zuflucht bietet. Oft haben wir zu ihm mit Worten des dem heiligen Thomas von Aquin zugeschriebenen Adoro te devote gebetet: Pie pelicane, Jesu Domine, me immundum munda tuo sanguine … Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein, wasch in deinem Blute mich von Sünden rein.2 Nach einer antiken Legende reißt sich der Pelikan die Brust auf, um mit dem eigenen Blut seine toten Jungen wieder zum Leben zu erwecken. Deshalb heißt es dann im liturgischen Hymnus weiter: Schon ein kleiner Tropfen sühnet alle Schuld, bringt der ganzen Erde Gottes Heil und Huld.
So wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt … In der Heiligen Schrift begegnen uns ähnliche Bilder, besonders in den Psalmen: Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel3, denn du bist meine Zuflucht, ein fester Turm gegen die Feinde. In deinem Zelt möchte ich Gast sein auf ewig, mich bergen im Schutz deiner Flügel.4 Beim Propheten Jesaja wird Gott wie ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln (…) Jerusalem schützen, es beschirmen und befreien, verschonen und retten.5
Jesu Weg nach Jerusalem, dem Ziel seiner Sendung, erinnert uns an unseren irdischen Weg, an dessen Ende wir ihm als dem Richter und Freund begegnen werden. Damals wie heute ist er der Heiland, von den einen abgelehnt, von den anderen angenommen. Damals wie heute will er allen die nötige Hilfe zum Heil geben. Wir, die wir glauben, sehen ihn als jenen, der uns vom Tabernakel aus beschützt. Aber auch wir erliegen manchmal der Versuchung, ihn als einen fremden Jesus zu sehen, der weit weg ist. Wie ist das nur möglich, Herr, der du in allen Tabernakeln der Welt gegenwärtig bist, damit jeder dich leicht finden und Heil und Hilfe erfahren kann?
Auf dieser Gegenwart Christi beruht die weitverbreitete Gewohnheit, den Herrn im Tabernakel aufzusuchen. Dieser Besuch, wenn auch nur kurz, ist Zeichen des Dankes, die Bekräftigung unserer Bedürftigkeit und das Bekenntnis des Glaubens an seine wirkliche Gegenwart unter uns. Der heilige Alfons von Liguori schreibt: »Ihr fragt manchmal: Aber was sollen wir vor dem Allerheiligsten tun? Ihn lieben, ihn loben, ihm danken, ihn bitten. Was tut ein Armer vor einem Reichen? Was tut ein Kranker vor einem Arzt? Was tut ein Durstiger vor einer erfrischenden Quelle?«6
II. Auch wenn wir unsere Erbärmlichkeit kennen, hoffen wir, alle Prüfungen, Gefahren und Widerwärtigkeiten auf unserem Weg überwinden zu können. Denn wir verlassen uns nicht auf unsere eigene Kraft, sondern auf den Schutz Gottes, der uns von Ewigkeit her geliebt und seinen Sohn zu unserem Heil hingegeben hat. Der Jesus, der damals über Jerusalem weinte, ist derselbe Jesus, der uns im Tabernakel nahe bleibt – geistlich und auch räumlich, vielleicht unweit unserer Wohnung oder unseres Arbeitsplatzes. Er ist im Allerheiligsten Sakrament der Freund, der uns stützt, der Arzt, der unsere Wunden heilt, der Lehrer, der uns den Weg zum himmlischen Jerusalem lehrt. Der heilige Paulus faßt in der heutigen Lesung vom Lesejahr I all dies zusammen: Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (…) Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?7
»Mit der Gnade angetan, werden wir die Gebirge durchqueren (vgl. Ps 103,10) und den steilen Weg der Erfüllung unserer christlichen Pflichten mit Beständigkeit zurücklegen. Wenn wir mit gutem Willen zu diesen Hilfen greifen und den Herrn bitten, er möge uns Tag für Tag eine stärkere Hoffnung schenken, dann werden wir die ansteckende Freude der Kinder Gottes besitzen: Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns? (Röm 8,31).«8
Nichts vermag uns von Jesus zu trennen. Ein kurzer, inniger Besuch beim allerheiligsten Sakrament kann den Willen bekräftigen, ihm alles anzuvertrauen, was uns auf unserem Weg bedrängt: klebrige Versuchungen, familiäre Schwierigkeiten, Sorgen um die Gesundheit … Der Herr reicht uns seine Hand, und wir machen uns die Worte des Apostels zu eigen: Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.9 Was alles heißt, erfahren wir in der Lesung: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.10
»Bedenke da« schreibt Johannes Chrysostomos, »wieviele gegen Paulus sind. Einmal rüsten sich Barbaren gegen ihn, dann ziehen Feinde gegen ihn zu Felde, dann wieder verschwört sich seine Leibwache gegen ihn, dann sind beständig viele seiner Untertanen gegen ihn aufständisch, und so bedrohen ihn hunderterlei Gefahren. Aber gegen den wahren Christen, der getreulich die Gebote Gottes erfüllt, vermag niemand aufzukommen (…). Wo gibt es ein Leben, so glücklich wie dieses, wo nichts gegen den Menschen sein kann, sondern wo auch selbst die, welche ihm übel wollen, ihm nicht weniger zum Nutzen sind als die, welche ihm wohlwollen?«11
Jesus ist im Tabernakel gegenwärtig. Seine Nähe schenkt uns die Kraft, alle Kämpfe zu bestehen – auch jene, die wir für verloren halten. Vom Tabernakel aus sagt uns der Herr Tag für Tag: Kommt alle zu mir.
III. Die Zeit der Anbetung vor dem Allerheiligsten kräftigt uns nicht nur. Im Glauben an die Eucharistie lernen wir, Gelassenheit gegenüber dem weltlichen Treiben zu üben. Unter den Heiligen, die uns dies lehren, ragt die Gestalt des Thomas Morus hervor. Sein Zeugnis ist selbst nach 500 Jahren ganz aktuell, denn – wie einer seiner Biographen schreibt – »in den freien und offenen Gesellschaften wächst die Tendenz zur Uniformität der artikulierten Meinungen; möge jeder >glauben<, was er will - sagen soll er, was gefällt. Die Zwänge, welche die Konformität der Äußerungen und der sichtbaren Verhaltensweisen ohne Rücksicht auf innere Überzeugungen und persönliche Wahrhaftigkeit herbeiführen sollen, nehmen ohne Zweifel weltweit zu und sie sind keineswegs nur physisch-machtmäßiger Art.«12
Jedoch wollen wir hier nicht die Glaubenstreue des englischen Lordkanzlers gegen die überwältigende Mehrheit der Opportunisten oder Furchtsamen betrachten, sondern ihre Verwurzelung in der Eucharistie. Sie ist die Mitte seines Betens, in dem er sich – bereits zum Tode verurteilt – seiner mangelnden Liebe anklagt: »Nimm von mir, o Herr, diese Lauheit, diese kalte Art der Betrachtung und diese Stumpfheit, in der ich zu dir bete. Gib mir Wärme, Freude und geistige Wachheit in meinen Gedanken an dich. Und gewähre mir die Gnade, nach deinen heiligen Sakramenten zu verlangen, vor allem aber, voller Freude zu sein in der Gegenwart deines heiligen Leibes, geliebter Retter Christus, im heiligen Sakrament des Altares.«13
Einige Jahre zuvor hatte er in einer Streitschrift die reale Gegenwart Christi im Sakrament verteidigt: »Hier auf Erden stillt er unseren Hunger nach dem Himmel, indem er uns auf die ewige Seligkeit hoffen läßt. Er hinterließ uns das sichere Zeichen seiner Erlösung, nämlich das heiligste Altarsakrament. So reicht er uns jetzt schon unter Brotsgestalt seinen Leib zur Nahrung. Wenn wir daran glauben, werden wir geistig mit ihm vereint und auch leiblich schon auf Erden mit ihm verbunden, als Vorbereitung auf das ewige Leben, in dem wir mit Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist vereint sein werden.« Der Heilige erganzt dann: »Solche Gedanken kann auch eine einfache Frau zum Gebet formen. Vielleicht wird der Stil desselben nicht gerade vollendet sein; aber vielleicht bietet sie dem Herrn in ihrer Einfachheit doch etwas Vollkommenes an.«14
Die Eucharistie spendet ihm Kraft und Trost, als er den tödlichen Ausgang des Prozesses ahnt. Am Sonntag nach Ostern des Jahres 1534 wird er für den nächsten Tag nach Lambeth vor die königliche Untersuchungskommission geladen; er »verabschiedete sich abends von seiner Familie, begab sich am nächsten Morgen früh zur Kirche, beichtete, wohnte der heiligen Messe bei, kommunizierte. Ihn zum Boot zu begleiten, so berichtet sein Schwiegersohn Roper, verwehrte er den Seinen, sondern er zog das Tor hinter sich zu und trennte sich von ihnen. Mit schwerem Herzen, wie sein Angesicht verriet, begab er sich mit mir und unseren vier Dienern zu Schiff nach Lambeth. Nachdem er eine Weile traurig und schweigend verharrt hatte, wandte er sich plötzlich zu mir und sprach: >Mein Sohn Roper, ich danke dem Herrn, daß der Kampf gewonnen ist.<«
Als Todgeweihter im Londoner Tower schreibt er an einen Freund: »Was mich selbst betrifft, bitte ich Gott, daß er mir die Gnade verleihe, mich geduldig seinen Wünschen zu fügen, damit seine Barmherzigkeit mich nach den beschwerlichen Stürmen eines wechselvollen Lebens an den sicheren Ort himmlischer Freuden kommen lassen möge. Seinem Willen gemäß führe er auch meine Feinde (sofern ich überhaupt welche habe) dorthin, wo wir uns in Liebe vereint wiederfinden können. Dafür möchte ich Gott jetzt schon von Herzen danken.«15
Glaube, Hoffnung, Liebe – und nicht zuletzt Gelassenheit, versetzt mit einem Schuß Humor: »Seid mir nicht böse« heißt es weiter in diesem Brief, »wenn ich Euch nicht in dieses Gebet einschließe. Ihr glaubt mir hoffentlich, daß ich für meine Freunde nichts Schlechteres erflehe als für meine Feinde.«
Thomas Morus lebte aus der Eucharistie. Bei einem Gottesmann unseres Jahrhunderts lesen wir: »Wieviele Früchte der Heiligkeit und des Apostolates wirst du ernten, wenn dein ganzes Denken und Hoffen auf den Tabernakel gerichtet ist!«16
Lk 13,34. – 2 Hymnus Adoro te devote. – 3 Ps 17,8. – 4 Ps 61,4-5. – 5 Jes 31,5. – 6 Alfons von Liguori, Besuche beim Allerheiligsten, 1. – 7 Röm 8,31-39. – 8 J.Escrivá, Freunde Gottes, 219. – 9 Phil 4,13. – 10 Röm 8,39. – 11 Johannes Chrysostomos, Homilien über den Römerbrief, 16. – 12 P.Berglar, Die Stunde des Thomas Morus, Frankfurt 1987, S.8. – 13 ebd. S.347. – 14 ebd. S.235-236. – 15 ebd. S.307. – 16 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.835.
