Tagesmeditation

JAHRESKREIS
18. WOCHE – MITTWOCH

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DEMUT

Die kanaanäische Frau.
Realismus und Wahrheit.
Die Großtaten Gottes.

I. Matthäus erzählt im Evangelium vom Tage1, wie Jesus sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurückzog, in eine heidnische Gegend also. Der Evangelist verwendet ein griechisches Zeitwort, das ein Entweichen, eine Flucht bedeutet. Markus fügt weitere Einzelheiten hinzu: er verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis2. »Die Dekapolis – Zehnstadt – bestand aus einer Reihe von Städten, die seit der Zeit Alexanders des Großen zu Orten mit vorwiegend griechischer Bevölkerung und hellenistischer Kultur geworden waren. (…) Sie lagen alle mit einer Ausnahme östlich des Jordan und waren der Oberhoheit des Statthalters von Syrien unterstellt.«3

Jesu Verhältnis zum Hohen Rat war zunehmend gespannter geworden. Abgesandte legten es darauf an, ihn in eine Diskussion zu verwickeln. Nach einer dieser Auseinandersetzungen verließ Jesus also das von Juden bewohnte Gebiet. Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus hört den Ruf der Frau, gibt aber keine Antwort. Der heilige Augustinus kommentiert, daß der Herr – der ja wußte, was er der Frau schenken wollte – sie lange bitten ließ, damit sie durch demütige Beharrlichkeit die Wohltat erlange.4

Die Frau muß durch ihr Flehen schließlich den Jüngern so auf die Nerven gegangen sein, daß sie zum Meister sagten: befreie sie von ihren Sorgen, denn sie schreit hinter uns her. Der Herr erklärt ihr, daß er zuerst für die Juden gekommen sei. Aber die Frau drängt weiter: Herr, hilf mir! Weil sie so beharrlich bittet, wiederholt der Herr, diesmal mit einem anschaulichen Bild: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Aber die Frau läßt sich nicht beirren, sie stimmt den Worten des Herrn zu und weiß gleichzeitig verblüffend zu kontern: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Der Herr ist bewegt. Er sieht nicht nur Demut und Vertrauen, sondern einen mächtigen Glauben und gewährt ihr das so dringend Gewünschte: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Wir, weit weg von der Demut und dem Glauben dieser Frau, bitten jetzt den Herrn: »Jesus, (…) schenke mir die Torheit deiner Demut. Das waren ihre Früchte: eine Geburt in Armut, ein unscheinbares Arbeitsleben, der Tod in Schande, angenagelt am Kreuz, die äußerste Selbsterniedrigung durch die Gegenwart im Tabernakel… Gewähre mir, Herr, daß ich mich erkenne! Daß ich mich erkenne und daß ich dich erkenne…

Dann werde ich meine Nichtigkeit niemals aus den Augen verlieren.«5

Nur so werde ich dir folgen können, wie du willst und wie ich möchte: mit Glauben, Liebe, ohne alle Bedingungen.

Wie so viele andere Gestalten aus dem Evangelium, verliert sich diese Frau im Dunkel. Wir erfahren nichts mehr von ihr. Vielleicht war sie eine der ersten unter den Heiden, die den Glauben annahmen.

II. Wenn wir Gott dienen wollen, müssen wir inständig um die Tugend der Demut bitten. Aber was ist Demut? Sie ist »eine zwar nicht vergessene, aber auf vielerlei Art mißdeutete und mißkannte Tugend«6. Ein Blick auf die Muttergottes läßt uns gewahr werden, daß das Eigentliche dieser Tugend nicht darin besteht, ungeordnete Regungen des Hochmuts, des Ehrgeizes, der Eitelkeit niederzuringen – denn Maria war von solchen Regungen frei, und doch war sie unv= 6. Ein Blick auf die Muttergottes läßt uns gewahr werden, daß das Eigentliche dieser Tugend nicht darin besteht, ungeordnete Regungen des Hochmuts, des Ehrgeizes, der Eitelkeit niederzuringen – denn Maria war von solchen Regungen frei, und doch war sie unergleichlich demütig.

Das lateinische Wort für Demut, humilitas, ist mit humus – Erde, Boden – verwandt. Demut weist also auf Erdnähe, Bodennähe, Sinn für die augenscheinliche Realität hin. Die Kanaanäerin erkennt unumwunden diese Wirklichkeit an. »Demut ist die Erkenntnis und die bejahende Anerkennung des unaussprechbaren Abstandes zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sie ist also in einem ganz präzisen Sinn >die dem Menschen eigentümliche Würde vor Gott< (Gertrud von le Fort). Die Würde des Menschen als eines geistbegabten Wesens liegt nämlich in nichts anderem als darin, seinsgerecht - das heißt: wahr - zu erkennen und aus freier Entscheidung wirklichkeitsgemäß zu handeln.«7 In der Realität des Lebens führt die Demut dazu, daß wir uns im Einklang mit der Wahrheit befinden. Das war eine der großen »Entdeckungen« der heilige Theresia von Avila: »Ich dachte einmal über den Grund nach, warum unser Herr ein so großer Liebhaber der Demut ist. Da kam mir, wie ich glaube, plötzlich und wie von selbst der Gedanke: Gott ist die höchste Wahrheit, und die Demut ist ein Wandeln in der Wahrheit. Denn es ist ganz gewiß wahr, daß wir von uns selbst nichts Gutes, sondern nur Armseligkeit und das Nichtssein haben. Wer dies nicht erkennt, der wandelt in der Lüge; je mehr wir aber dies erkennen, um so mehr entsprechen wir der höchsten Wahrheit, weil wir dann in der Wahrheit wandeln.«8

Grundlage der Demut ist also die Anerkennung der Wirklichkeit, daß zwischen Schöpfer und Geschöpf ein unendlicher Abstand liegt. Je deutlicher wir uns dieses Abstandes bewußt sind, um so dankbarer werden wir für Gottes Hinneigung zu seinen Geschöpfen. »Wer von oben empfangen will, der muß notwendigerweise ganz unten sein in rechter Demut (…). Sieh zu, daß du dich hinab begibst in rechter Demut unter Gott und daß du (andererseits) Gott erhebst in deinem Herzen und in deinem Erkennen.«9

Die kanaanäische Frau fühlt sich nicht gedemütigt, als Jesus auf den Unterschied zwischen Juden und Heiden hinweist. Und weil sie demütig ist, vermag sie es, beharrlich zu bleiben, trotz der anfänglichen Zurückweisung. Ihre Demut und ihre Beharrlichkeit – und ebenso auch ihr anmutiges Eingehen auf ein schwieriges Wort Jesu – ermöglichten ihr, die ersehnte Gnade zu erlangen.

III. Verbirgt sich hinter der Haltung der Frau nicht auch, daß Demut nichts mit Kleinmut zu tun hat, mit Mediokrität oder falscher Anspruchslosigkeit? Ein Mensch, der um die Demut weiß, ist kühn im Bitten, weil er weiß, daß er ohne die göttliche Hilfe nichts vermag. Er läßt sich in Gottes Hände fallen und freut sich, daß Gott durch ihn Großes tun will. Er wagt also viel und zieht sich nicht zurück, sondern öffnet sich weit, weil er mit der Gnade Gottes rechnet und weiß: Gott wird es wirken, der alles vermag. So wird er großmütig, hochherzig, offen für große Unternehmungen, weil sie zur Ehre Gottes gereichen.

Demütig öffnet sich die Seele für hohe Ziele. Auch hier kann uns das Verhalten Mariens helfen, nachdem sie ihre göttliche Auserwählung erfahren hat. Zum Engel sagt sie schlicht, sie sei die Magd des Herrn10. Wenn sie von Elisabet vernimmt – gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen11 -, macht sie sich bereit, ihr zu dienen. Die Begnadete12 enthüllt nicht einmal dem heiligen Josef das Geheimnis ihrer Auserwählung: sie überläßt Gott die Erklärung und den Zeitpunkt. Ihr Jubel richtet sich auf die Großtaten des Allmächtigen. Sie bekennt dem Herrn ihre Niedrigkeit und bietet ihm ihre Hingabe an, fähig, sich selbst zu vergessen und Gott die Mitte ihres ganzen Lebens sein zu lassen. In ihr erkennen wir die Eigenart des Geschöpfes: bedürftig und geborgen zugleich, weil es nicht aus sich selbst existiert, sondern von Gott kommt und von ihm getragen wird. Maria sucht die Ehre Gottes, nicht das Lob anderer Menschen, nicht das Brillieren vor der Welt. Sie, die Magd des Herrn, feiern wir als Regina, Königin aller Engel und Heiligen.13

Mutter Teresa schreibt: »Jesus hat gesagt: >Lernt von mir<. In unseren Betrachtungen sollten wir immer sagen: >Jesus, mache aus mir einen Heiligen nach deinem Herzen, sanft und demütig.< Wir sollen in dem Geist antworten, in dem Jesus sich unsere Antwort wünscht (...). Haben wir ihn in seiner Demut wirklich verstanden? Finden wir an dieser Demut Geschmack, zieht sie uns an?«14

Um Demut bittend, müssen wir gleichzeitig bereit sein, Demütigungen anzunehmen, nach einem überlieferten Wort von Don Bosco: »Um Gutes zu tun, muß man bereit sein, jede Verdemütigung auf sich zu nehmen, selbst aber keinem Menschen eine solche zumuten und immer liebevoll sein.« Ständig bieten sich solche Situationen: wenn uns eine Arbeit nicht gelingt, wenn ein Kollege seine schlechte Laune nicht beherrschen kann, wenn wir unsere Grenzen spüren, unsere Fehler, unsere Gebrechen… Das Bemühen um Demut macht uns frei von übertriebenen Sorgen um Lob oder Tadel.

Hauptschule der Demut ist das Betrachten des bitteren Leidens unseres Herrn. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt15. Maria hat dies unter dem Kreuz erfahren. Möge sie uns diesen Weg der Demut zeigen, der ein Weg der stillen Freude und der inneren Stärke ist.

1 Mt 15,21-28. – 2 Mk 7,31. – 3 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S. 256. – 4 vgl. Augustinus, Predigt 154. – 5 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 273. – 6 J. Pieper, Lieben, Hoffen, Glauben, München 1986, S. 206. – 7 ebd., S. 207. – 8 Theresia von Avila, Seelenburg, 6,10,7. – 9 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S. 90. – 10 Lk 1,38. – 11 Lk 1,42. – 12 vgl. Lk 1,28. – 13 Lauretanische Litanei. – 14 Mutter Teresa, Beschaulich inmitten der Welt, Einsiedeln 1990, S. 28. – 15 Jes 53,7.