JAHRESKREIS
26. WOCHE – SAMSTAG
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DER GRUND UNSERER FREUDE
Auch
irdische Freude wird zum Gotteslob.
Freude als Frucht der Liebe.
Sie wurzelt in der Menschwerdung.
I. In jener Zeit kehrten die Zweiundsiebzig zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen. So beginnt das heutige Evangelium. Der Herr freut sich mit den Jüngern: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Aber er lenkt ihre Freude auf das Eigentliche: Freut euch nicht darüber, daß euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind.
Der Herr schätzt die Freude der Seinen nicht gering. Doch er geht über sie hinaus: In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geiste erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Es muß für die Jünger ein unvergeßlicher Augenblick gewesen sein. Sie kehrten zu Jesus heim mit dem Wunsch, sich auszusprechen, ihm alles zu erzählen, was sie als seine Wegbereiter erlebt hatten. Nun hören sie Jesus sagen: freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind. Den Jüngern wird diese Korrektur ihres Meisters nicht entgangen sein. Aber auch das überraschende Gelingen ihres Unternehmens bleibt ein Grund zur Freude: ein natürlicher, sehr menschlicher Grund.
Die natürliche Freude ist eine Gabe Gottes. Es gibt vielfache Anläße, sagt Papst Paul VI., die »Freude zu verkosten, welche der Schöpfer schon auf unseren Weg gelegt hat: überschäumende Freude am Dasein und am Leben; Freude der lauteren und geheiligten Liebe; Freude, die Frieden schenkt, über die Natur und die Stille; manchmal herbe, aber echte Freude über gut geleistete Arbeit; Freude und Genugtuung über die Erfüllung einer Pflicht; die lichte und klare Freude des Reinen, des Dienenden und dessen, der brüderlich Anteil nimmt; die anfordernde Freude des Opfers. Der Christ kann sie noch läutern, sie vervollkommnen und erhöhen; aber er sollte sie nicht verschmähen. Die christliche Freude setzt einen Menschen voraus, der zu natürlichen Freuden fähig ist.«2
Der Herr hat solche natürlichen Freuden geschätzt. Nicht selten ist er von diesen Freuden bei der Verkündigung des Reiches Gottes ausgegangen. Wie oft spricht er in seinen Gleichnissen von Menschen, die sich freuen: Der Sämann und der Schnitter, der Entdecker eines verborgenen Schatzes und der Hirt, der das verlorene Schaf wiederfindet, die Hochzeitsgäste, der barmherzige Vater bei der Heimkehr des verlorenen Sohnes, die gebärende Frau …
Die Jünger lernen von Jesus, die Freude in Gotteslob zu verwandeln. Der Jünger Christi ist kein stoisch-apathischer Zuschauer des Weltenlaufs. Er sieht darin nicht den Zufall am Werk, sondern die Güte des Schöpfers.
II. »Freude ist Ausruhen und Entfaltung des Wesens im gesicherten Besitz der geliebten Sache. Diese beiden Dinge sind also nötig, um Freude zu haben: Man muß , und man muß irgendwie das , was man liebt, oder wenigstens die Gewißheit haben, daß man es früher oder später besitzen wird, was in der Tat einem vorweggenommenen Besitz gleichkommt.«3
Je stärker die Liebe ist, um so tiefer die Freude. Gott ist die Liebe, lehrt der heilige Johannes. Er schenkt sie uns und gibt uns die Fähigkeit, darauf zu antworten. Darin besteht ja die Heiligkeit: Gott lieben, auf die Liebe Gottes antworten. Dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude – ist auch inmitten aller Bedrängnisse die Erfahrung des Christen.
Im ersten der zehn Gebote trägt uns der Herr auf, ihn aus ganzem Herzen, mit der ganzen Kraft unseres Seins zu lieben. Mit diesen Worten ruft er uns zur Freude auf. Ohne diese Freude, die aus der Erfüllung des ersten Gebotes erwächst, wären die anderen Gebote auf Dauer kaum lebbar. Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen, sagt uns der Herr. Es stimmt, daß »ein Heiliger, der traurig ist, ein trauriger Heiliger ist« Ein solcher Heiliger wäre ein Heiliger ohne Gottesliebe, und somit ein Widerspruch. Deswegen kann man die Freude auch als das unterscheidende Merkmal von echter und unechter Tugend ansehen. »Im Bereich der menschlichen Wirklichkeiten gibt es Fälle, wo es vollkommen vergeblich und selbst grausam wäre, jemanden zur Freude ermahnen zu wollen. Die menschliche Freude läßt sich nicht befehlen. Sie ist Frucht der Liebe, und eine menschliche Liebe, die fähig ist, eine ständige Freude zu unterhalten, wird nicht jedermann gegeben. Nicht nur das, sondern die menschliche Liebe ist von Natur aus öfter Quelle der Traurigkeit als der Freude. Sie zieht nicht notwendigerweise den Besitz dessen nach sich, was man liebt; und selbst wenn man das besitzt, was man liebt, weiß man, daß es nur für eine gemessene Zeit gilt. Im menschlichen Bereich ergäbe eine vorgeschriebene Freude nur eine gekünstelte, anempfundene Freude. Im christlichen Bereich verhält es sich nicht so. Ein Christ, der Gott nicht liebt, ist unentschuldbar, und ein Christ, dem die Gottesliebe keine Freude schenkt, hat nicht begriffen, was ihm eine solche Liebe bringt. Für einen Christen ist die Freude selbstverständlich, weil sie wesentliche Eigenschaft der wesentlichsten Tugend des Christentums ist, nämlich der Liebe.«7
III. Der Herr freut sich mit den Zweiundsiebzig, die voller Freude heimkehren. Und er freut sich und jubelt vor dem Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Schließlich wendet er sich an die Jünger: Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.
Wieder einmal verweist er sie auf einen tieferen Grund für ihre Freude. Freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind, hatte er ihnen gesagt. Nun gibt er ihnen einen weiteren Grund: schon jetzt seid ihr selig, weil ihr seht, wie sich die alttestamentlichen Erwartungen erfüllt haben. Allerdings meint Jesus nicht primär das leibhaftige Sehen. Denn viele hatten ihn gesehen und gehört, ohne sich ihm zu öffnen. Er meint vor allem die Offenbarung des Vaters, die nur in der Schlichtheit des Herzens aufgenommen werden kann.
Lebensfreude ist möglich, weil Gott Mensch geworden ist. Was können wir tun, damit diese Freude, die in der Menschwerdung wurzelt, in unserem Alltag wirksam wird? Unsere Aufmerksamkeit schärfen und im Gebet läutern. Wir schätzen dann alle Dinge der Schöpfung als Geschenk, wir vernachlässigen die kleinen Freuden des Alltags nicht, wir erkennen hinter einer schweren Prüfung die väterliche Hand Gottes. Und sogar mitten in einem tiefen Schmerz – etwa beim Tod eines geliebten Menschen – ist uns die Freude nicht fern, weil das Weinen zum Erweis unserer Liebe wird.
Als erste erlebte die Mutter unseres Herrn die in der Menschwerdung wurzelnde Freude. Sie tat es überschwenglich mit dem Lobgesang des Magnifikat: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.8
»Die Kirche, die auch in Prüfungen und Bedrängnissen unablässig mit Maria die Worte des Magnifikat wiederholt, wird durch die machtvolle Wahrheit über Gott gestärkt, wie sie damals in einer so außerordentlichen Schlichtheit verkündet worden ist, und möchte zugleich mit dieser Wahrheit über Gott die schwierigen und manchmal verschlungenen Wege der irdischen Existenz der Menschen erhellen.«9
Weil die christliche Freude in der Menschwerdung wurzelt, dürfen wir Maria als Causa nostrae laetitiae, als den Grund unserer Freude anrufen. Als jene, die uns den Weg erhellt auch dann, wenn wir »trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen«11 wandeln.
10,17-24. – Paul VI., Apost.Schreiben Gaudete in Domino, 9.5.75. – P.A.Reggio, Vergiß die Freude nicht, Freiburg 1959, S.24. – 4,8. – 16,22. – 14,23. – P.A.Reggio, Vergiß die Freude nicht, Freiburg 1959, S.27-28. – 1,46-49. – Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 37. – Lauretanische Litanei. – Salve Regina.
