JAHRESKREIS
12. SONNTAG (LESEJAHR A)
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FÜRCHTET EUCH NICHT!
Tausend
Ängste.
Nicht verordneter Optimismus, sondern Hoffnung.
Die heilige Gottesfurcht.
I. Fürchtet euch nicht! ist die Botschaft des Herrn im heutigen Evangelium1. Die Seinen sollen sich nicht vor denen fürchten, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, ebensowenig wie vor denen, die ihr Zeugnis bekämpfen; denn wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Der Herr schließt jedoch nicht jede Furcht aus: Fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann. Und er scheint auch anzudeuten: Fürchtet euch auch davor, mich vor den Menschen zu verleugnen; denn dann werde auch ich euch vor meinem Vater im Himmel verleugnen. Dies ist – knapp zusammengefaßt – der Kern des heutigen Evangeliums.
Sich nicht fürchten … Sich fürchten … Bei seiner Amtsübernahme rief Papst Johannes Paul II. den Menschen zu: »Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen! (…) Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!«2
Aber kann man heutzutage ohne Angst leben? Man begegnet heute gelegentlich einem blinden, irrationalen Optimismus: der Ansicht, »daß es keine schlimmere Sünde wider den Geist der Epoche gibt, als sich einen Mangel an Optimismus zuschulden kommen zu lassen«3.
Aber zugleich wuchern tausend irrationale Ängste »und nehmen vielfach schon die Form kollektiver Psychosen an: Furcht vor der Geißel der großen Krankheiten, die den Menschen zerstören; Angst vor den Folgen unserer technischen Macht; Angst vor der Leere und der Sinnlosigkeit des Daseins. (…) All diese Ängste sind Masken der Furcht vor dem Tod, des Erschreckens vor der Endlichkeit unseres Seins. Solche Art von Furcht und Erschrecken stellt sich ein, nachdem man dem Unendlichen statt mit Liebe mit Angst begegnet war und diese Angst durch seine Leugnung glaubte abgeschüttelt zu haben. Aber die Furcht vor der Endlichkeit ist erschreckender und trostloser, als die abgeworfene Furcht vor dem Unendlichen je sein könnte, in der immer das Geheimnis des Trostes verborgen auf uns wartet.«4
Eine besondere Art von Angst trifft man heute bei gläubigen Christen an: die Ängstlichkeit, freimütig von Gott zu sprechen und mit der größten Selbstverständlichkeit Zeugnis von ihm abzulegen, das die Macht der Öffentlichkeit, abfällige Bemerkungen, den Makel des Außenseiters nicht fürchtet.
Jesus nimmt uns die Sorge vor solchen öffentlichen Stigmatisierungen: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Er fordert uns zum Zeugnis auf: Was ich euch im Dunklen sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern. Wenn wir einmal schweigen, dann aus Klugheit und Nächstenliebe, aber niemals aus Furcht oder Feigheit.
Gerade heute ist es besonders notwendig, die Wahrheit klipp und klar auszusprechen, weil Lüge oder Halbwahrheiten viele Seelen verwirren und weithin nurmehr das kommerzielle Kalkül, unabhängig von Sitte und Anstand, die Szene bestimmt. Hier geht es darum, das Wort des Herrn zu beherzigen: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.
II. Die erste Lesung erinnert uns an den Propheten Jeremia, der im siebten Jahrhundert vor Christus in den Augen seiner Zeitgenossen als Defätist und Schwarzseher galt, weil er als Realist versuchte, den König von der Aussichtslosigkeit einer antibabylonischen Politik zu überzeugen. Jeremia wird daraufhin verurteilt und eingekerkert, erfährt den Haß und die Verfolgung – das Flüstern der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! – des Königs und seiner Landsleute, ja selbst seiner Verwandten: meine nächsten Bekannten warten alle darauf, daß ich stürze. Er geht durch eine tiefe Enttäuschung. »Der amtliche Optimismus der Militärs, des Adels, der Priester und der offiziellen Propheten verlangte die Überzeugung, Gott werde seine Stadt und seinen Tempel schützen. Gott wurde so zum Garanten des menschlichen Erfolgs erniedrigt und als Rechtfertigung für Irrationalismus mißbraucht. Die reale, empirisch faßbare und überschaubare Situation schloß einen militärischen Erfolg der Juden gegen die Babylonier aus. Das rationale Ergebnis einer nüchternen Situationsanalyse mußte also sein, einen ehrenvollen Kompromiß anzustreben, solange der Gegner dazu noch bereit war. Der offizielle Optimismus hingegen verlangte eine Fortführung des Kampfes und die feste Überzeugung von dessen siegreichem Ende.«5
Seine Hoffnung auf den Herrn ermöglicht Jeremia den Widerstand gegen einen opportunistischen Optimismus. Wenn das Lügengebäude zusammenbricht und das Volk ins Exil muß, erweist sich Jeremia als der wahre Träger von Hoffnung.
Der Mut des Jeremia, der – von seinen Feinden umringt – vor Blindheit warnt, ist von seiner Hoffnung her möglich: Der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und kommen nicht auf.6
Eine ungewisse Zukunft, Schwierigkeiten, Widerstände und Krankheiten: Alles können wir letztlich gelassen ertragen – nicht im blinden Optimismus, sondern weil der Herr uns sagt: Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.
Die Gotteskindschaft macht uns stark inmitten unserer persönlichen Schwächen und der Hindernisse, auf die wir stoßen, inmitten der Schwierigkeiten einer Umgebung, die oft weit weg ist von Gott und die sich, manchmal sehr aggressiv, den christlichen Idealen widersetzt.
Das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube7, verkündet der Apostel Johannes im Blick auf die heidnische Welt, in der die ersten Christen zu leben hatten. Auf dem sicheren Fundament ihres Glaubens gestalteten sie als gewöhnliche Bürger jene Welt um. Ihre Siegesgewißheit war nicht naiv, sondern gründete auf der Zuversicht, daß Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung den Sieg bereits errungen hatte.
Weder unerwartete Hindernisse noch die voraussehbaren Anfechtungen eines gottfernen Milieus, noch eine ungewisse Zukunft dürfen uns verunsichern – vorausgesetzt, wir tragen im Herzen die heilige Gottesfurcht, die uns – zusammen mit der Liebe – Gott nahesein läßt. Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten?8
III. Jesus ermahnt uns, außer der Sünde nichts zu fürchten, denn durch die Sünde kündigen wir Gott die Freundschaft auf. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.
Diese Furcht hängt eng mit der Liebe zusammen. Die klassische Theologie nennt sie timor filialis, eine »der Sohnschaft gemäße Furcht« Sie ist Menschen eigen, die sich von ihrem Vater beschützt wissen und ihn nicht beleidigen wollen. Der heilige Thomas sieht in ihr eine Folge der Weisheitsgabe: »Wenn nämlich der Mensch Gott fürchtet und ihm dient, so zeigt sich damit, daß er das rechte Urteil über die göttlichen Dinge hat.«9
Die heilige Theresia von Avila schreibt, der Herr habe uns zwei Heilmittel gegen die vielen Versuchungen und Prüfungen gegeben: »Liebe und Furcht. Die Liebe wird uns antreiben, unsere Schritte zu beschleunigen; die Furcht aber wird bewirken, daß wir aufschauen, wohin wir unsere Füße setzen, um auf einem Weg nicht zu fallen, auf dem es so viele Anlässe zum Straucheln gibt. Denn Wanderer sind wir alle, solange wir hienieden leben.«10
Wir brauchen ein empfindsames Gespür für die Sünde, den Nährboden aller beängstigenden Entwicklungen. Alle Ängste rühren von der Sünde her, vom Verlust oder vom Nachlassen der Gottesfurcht, der Ehrfurcht vor dem Schöpfer und seinem Werk. Und dies heißt: die einzig wirkliche Furcht des Menschen sollte die Furcht vor der Sünde, die Angst davor sein, die Freundschaft mit Gott nicht ernst genug zu nehmen.
»Wer Gott liebt, weiß, daß es nur eine wirkliche Bedrohung für den Menschen gibt, die Gefahr, Gott zu verlieren.«11 Gottes Hilfe aber ist uns gewiß: Meine Gnade genügt dir.12
Rufen wir den Herrn gläubig und demütig an: »Herr, verlaß dich nicht auf mich! Wohl aber will ich mich auf dich verlassen. Wenn wir dann in unserer Seele ahnen, mit welcher Liebe, welchem Mitgefühl, welcher Zartheit Jesus uns ansieht und wie er uns niemals aufgibt, dann begreifen wir die Worte des Apostels in ihrer ganzen Tiefe: Virtus in infirmitate perficitur (2 Kor 12,9), die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung. Im Glauben an den Herrn werden wir trotz unserer Armseligkeit – ja, gerade durch sie – Gott, unserem Vater, treu sein. Seine Kraft wird erstrahlen und uns in unserer Schwachheit tragen.«13
»In der Stunde der Schmach, unter dem Kreuz, ist Maria zur Stelle, ihrem Sohn nahe … bereit, sein Los zu teilen.
Überwinden wir die Angst davor, uns da, wo wir hingestellt sind, als verantwortliche Christen zu bekennen. Das mag unbequem sein – aber die Gottesmutter wird uns helfen.«14
1 Mt 10,26-33. – 2 Johannes Paul II., Homilie bei der Übernahme des obersten Hirtenamtes, 22.10.1978. – 3 J.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.46. – 4 ebd., S.84-85. – 5 ebd., S.52-53. – 6 Jer 20,11. – 7 1 Joh 5,4. – 8 Ps 27,1. – 9 Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II,q.45,a.1,ad3. – 10 Theresia von Avila, Weg der Vollkommenheit, 40,1. – 11 J.Ratzinger, a.a.O., S.85. – 12 2 Kor 12,9. – 13 J.Escrivá, Freunde Gottes, 194. – 14 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.977.
