Tagesmeditation

JAHRESKREIS
16. WOCHE – DIENSTAG

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Die neue Familie Jesu

Die Bande der Nachfolge.
Die Eltern und die Hingabe der Kinder.
Mutter Christi und Mutter der Menschen.

I. Von neuem zeigt uns das heutige Evangelium1 den Herrn, den viele Menschen umdrängen. Er hält sich in einem Haus in Kafarnaum auf, die Menschen stehen bis weit zur Tür hinaus. Da kommen seine Angehörigen, doch nicht einmal seiner Mutter gelingt es, hineinzugelangen. Jemand informiert Jesus: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Doch der Herr reagiert sonderbar: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er beantwortet selbst seine Frage: Er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Nicht nur die Unverständigen, auch die Jünger müssen gestaunt haben. Und Jesus fügt hinzu: Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Jesus ignoriert die familiären Bindungen, ähnlich wie damals, als eine Frau aus der Menge ihm zurief: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat.2 Diese Frau rühmt die leibliche Mutter Jesu. Der Herr antwortet rasch, abweisend nach dem Klang der Worte und doch bestätigend: Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen. »Er will die Aufmerksamkeit von der als leibliche Bindung verstandenen Mutterschaft ablenken, um auf jene geheimnisvollen geistigen Bande hinzuweisen, die sich im Hören und Befolgen des Wortes Gottes bilden.«3 Jesus steht jetzt in der öffentlichen Verkündigung des Reiches Gottes. Sein Wort über die Mutter verdeutlicht jenes Wort aus der Zeit des verborgenen Lebens, da der Zwölfjährige zu Maria und Josef, als sie ihn schließlich im Tempel von Jerusalem gefunden hatten, sagte: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?4

»>Reich Gottes< und >Dinge des Vaters< sind eine neue Dimension und eine neue Sinngebung für all das, was das menschliche Leben ausmacht. In dieser neuen Dimension bedeutet auch eine Bindung wie jene der >Brüderlichkeit< etwas anderes als das >Brudersein nach dem Fleische<, das durch die gemeinsame Abstammung von denselben Eltern bestimmt wird. Und sogar die >Mutterschaft< erhält in der Dimension des Reiches Gottes, im Licht der Vaterschaft Gottes selbst, einen anderen Sinn.«5 Der heilige Augustinus deutet dies an: »Seliger ist Maria dadurch, daß sie den Glauben an Christus vollzog, als daß sie das Fleisch Christi empfing. Die mütterliche Nähe hätte ihr nichts genützt, wenn sie nicht glücklicher Christus im Herzen als im Leibe getragen hätte.«6

Der Herr will uns lehren, daß der Ruf zur Nachfolge über jeder menschlichen Bindung und jeder menschlichen Autorität stehen muß, einschließlich der familiären Bande. Wer sich Jesus – der Berufung folgend – ganz hingibt, kommt in eine Nähe zu ihm, die tiefer ist als jede naturgegebene Bindung. Die Bande des Blutes sind sehr eng, aber noch fester sind die Bande der Nachfolge. Keine menschliche Beziehung ist der Verbundenheit mit Jesus und mit jenen, die ihm folgen, vergleichbar. In der Klarheit seines von der Sünde ungetrübten Menschseins sieht Jesus, wie feinfühlig seine Mutter dies verwirklicht und die Botschaft aufnimmt, in der er »das die Ansprüche von Fleisch und Blut übersteigende Reich predigte«7.

II. Wie unvergeßlich ist die Gestalt der eigenen Mutter, über die Jahre und den Tod hinaus! Wie wandelt sich die Liebe zu ihr im Verlauf der Zeit! Am Anfang ist sie instinktive Bedürftigkeit, später einsichtige Dankbarkeit für ungezählte Wohltaten, schließlich Verehrung, in der sich die Rolle umkehrt, da nicht mehr der Sohn oder die Tochter die Mutter brauchen, sondern die altgewordene Mutter sie.

Jesus – der vollkommene Mensch – muß in jedem Moment seines Lebens unüberbietbar und tief seine Mutter geliebt haben. Er konnte wie kein anderer die Würde und den Wert der natürlichen Kindschaft erfassen. Als »exemplarischer Mensch= hat er die Liebe zur Mutter im Höchstmaß verwirklicht. Nur den letzten Dienst auf Erden – die Sorge um die bedürftige Mutter – konnte er nicht selbst leisten. Deshalb sprach er vom Kreuz herab zur Mutter: Siehe, dein Sohn, und zu Johannes: Siehe, deine Mtter. »Die Väterzeit hat dieses Geschehen in einem typischen Sinne weiterhin so gedeutet, daß Maria als Mutter Jesu hier das Heil von ihrem Sohne bei der Vollendung der Erlösung gleichsam nochmals annimmt und empfängt, und zwar in Ausweitung ihrer ersten Annahme bei der Verkündigung.«8

Vor diesem Hintergrund ahnen wir die Tiefe der Frage Jesu im heutigen Evangelium: Wer ist meine Mutter…? »Entfernt er sich damit von derjenigen, die seine Mutter, seine leibliche Mutter ist? Will er sie etwa im Schatten der Verborgenheit lassen, die sie selber gewählt hat? Wenn es auch nach dem Klang der Worte so scheinen könnte, so muß man doch feststellen, daß die neue und andere Mutterschaft, von der Jesus zu den Jüngern spricht, in einer ganz besonderen Weise gerade auf Maria zutrifft. Ist nicht gerade Maria die erste unter denen, >die das Wort Gottes hören und danach handelnFrau aus der Menge< ausgesprochen wird?«9

Menschliches und Übernatürliches verschmelzen in der Liebe des Sohnes zur Mutter und der Mutter zum Sohn. Wir lernen daraus, daß das natürliche Band zwischen Eltern und Kindern durch die übernatürliche, gottgewollte Berufung nicht zerrissen wird. Gott schenkt dem Herzen Weite und Sensibilität und zugleich eine befreiende Klarheit, damit natürliche Bindungen nicht zu einem Hindernis werden, wenn Gott jemanden auf den Weg der Ganzhingabe ruft, der das Verlassen des Elternhauses erfordert. Die heilige Theresia erinnert sich im Buch ihres Lebens an den Augenblick, da sie als Einundzwanzigjährige das väterliche Haus verließ, um in das Kloster der Menschwerdung einzutreten: Es war ihr so zumute, daß sie meinte, »der Tod könnte nicht furchtbarer für mich sein; denn es kam mir vor, als würden mir alle Gebeine aus den Gelenken gerissen« Sie spürt den Ansturm der natürlichen Liebe zum Vater und zu den Verwandten und beklagt, all ihre guten Erwägungen hätten nicht geholfen: »Aber der Herr schenkte mir Mut, um gegen all das anzugehen, so daß ich es tat.«10

Es kann sein, daß Eltern eine wohlbedachte Entscheidung des Sohnes oder der Tochter, einen Weg der Ganzhingabe zu gehen, nicht gleich verstehen; wenn sie gläubig sind und in ihrer Familie Gott Raum lassen, werden sie sich an Maria – voll der Gnade – und an Josef – den Gerechten – erinnern; auch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte11. Anders ist es, wenn das Nichtverstehen aus einem Mangel an Gespür für die Wege der Gnade und für den Wert der Hingabe herrührt.

III. Er streckte seine Hand über seine Jünger aus… Es ist eine klärende und zugleich schützende Geste, die vor einer Verabsolutierung der natürlichen Bindungen bewahren soll und die neue, übernatürliche Familie seines Jüngerkreises, der jenseits natürlicher Bindungen entsteht, umfängt. Die Geste Jesu schließt auch seine Mutter ein, denn sie war die erste in dieser Jüngerschaft. »Ja, die heilige Maria handelte nach dem Willen des Vaters, sie tat es in vollem Umfang. Darum ist es von größerer Bedeutung, daß sie Jüngerin Christi, als daß sie seine Mutter war. Mehr und seliger war es, Jüngerin Christi zu sein als seine Mutter.«12

Vielleicht hörte Maria selbst die Worte ihres Sohnes, vielleicht wurden sie ihr mit einer Geste des Bedauerns überbracht. Der Evangelist sagt uns nichts über ihre Reaktion. Seit Beginn des öffentlichen Lebens Jesu wird sie beobachtet haben, wie sich die neue Familie Jesu allmählich bildete, ja sie löste diesen Anfang aus, als sie den Augenblick herbeiführte, da Jesu Jünger in Kana an ihn glaubten13.

Glaubend hatte sie dem Ruf Gottes entsprochen, die Mutter seines Sohnes zu werden; in demselben Glauben hat sie »die andere Dimension der Mutterschaft entdeckt und angenommen, die von Jesus während seiner messianischen Sendung offenbart worden ist. Man kann sagen, daß diese Dimension der Mutterschaft schon von Anfang an, daß heißt vom Augenblick der Empfängnis und Geburt ihres Sohnes an, Maria zu eigen war. Von da an war sie diejenige, >die geglaubt hat<. Als sich aber allmählich vor ihren Augen und in ihrem Geiste die messianische Sendung des Sohnes klärte, öffnet sie selbst sich als Mutter immer mehr jener Neuheit der Mutterschaft, welche ihren >Anteil< an der Seite des Sohnes darstellen sollte.«14

Das »Kreuzestestament« Christi – Frau, siehe, dein Sohn!15 – besiegelt dies und ist mehr als eine bloße Fürsorge des Sohnes um die Mutter. Jetzt wird die bereits früher angedeutete Mutterschaft Marias gegenüber den Menschen »= Christi – Frau, siehe, dein Sohn!15 – besiegelt dies und ist mehr als eine bloße Fürsorge des Sohnes um die Mutter. Jetzt wird die bereits früher angedeutete Mutterschaft Marias gegenüber den Menschen klar gefaßt und festgelegt: Sie geht aus der endgültigen Vollendung des österlichen Geheimnisses des Erlösers hervor. Die Mutter Christi, die in der unmittelbaren Reichweite dieses Geheimnisses steht, das den Menschen – jeden einzelnen und alle – umfaßt, wird diesem – jedem einzelnen und allen – als Mutter gegeben. Dieser Mensch zu Füßen des Kreuzes ist Johannes, >der Jünger, den er liebte<. Aber nicht er allein.«16 In Johannes waren wir alle zugegen: »Die Worte, die Jesus vom Kreuz herab spricht, bedeuten, daß die Mutterschaft derer, die ihn geboren hat, sich in der Kirche und durch die Kirche >neu< fortsetzt, die durch Johannes symbolisiert und dargestellt wird.«17

Die Mutterschaft Mariens »ist ein Geschenk, das Christus persönlich jedem Menschen macht. Wie der Erlöser Maria dem Johannes anvertraut, so vertraut er gleichzeitig den Johannes Maria an. Zu Füßen des Kreuzes hat jene besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die Mutter Christi ihren Anfang, die dann in der Geschichte der Kirche auf verschiedene Weise vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist.«18

1 Mt 12,46-50. – 2 Lk 11,27-28. – 3 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 20. – 4 Lk 2,49. – 5 Johannes Paul II., a.a.O. – 6 Augustinus, Über die Jungfräulichkeit, 3. – 7 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 58. – 8 L. Scheffczyk, Maria im Glauben der Kirche, Wien 1980, S. 57. – 9 Johannes Paul II., a.a.O. – 10 Theresia von Avila, Leben, 4,1. – 11 Lk 2,50. – 12 Augustinus, Predigt, 25,7. – 13 Joh 2,12. – 14 Johannes Paul II., a.a.O. – 15 Joh 19,26. – 16 Johannes Paul II., a.a.O., 23. – 17 ebd., 24. – 18 ebd., 45.