JAHRESKREIS
17. WOCHE – SAMSTAG
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REDEN UND SCHWEIGEN
In der
Stille zu sich selbst kommen.
Jesu Schweigen.
Reden zur rechten Zeit.
I. Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da stieg dein allmächtiges Wort, o Herr, vom Himmel herab, vom königlichen Thron.1 Unmittelbar beziehen sich diese Worte aus dem Buch der Weisheit auf die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Das gewaltige Bild vom allmächtigen Wort, das in das Schweigen einbricht, findet sich wieder in der Liturgie als Hinweis auf die Menschwerdung des Sohnes Gottes2, auf die Geburt in Betlehem, das stille Geheimnis, an welchem nur Maria und Josef und dann die Hirten teilhaben, und sonst zunächst keiner.
Die Stille steht nicht nur am Anfang des Lebens unseres Herrn. Auch die Zeit nach Betlehem ist von Schweigen geprägt. Das dichterische Bild gilt auch für Nazaret, die dreißig Jahre währende Stille im Leben des Herrn. Denn »das Haus von Nazaret ist eine Schule, in der man beginnt, Christi Leben zu verstehen. Es ist die Schule des Evangeliums. Hier nämlich lernen wir vor allem sehen, hören, betrachten und verstehen, welch große und geheime Kraft in dieser schlichten, demütigen und köstlichen Offenbarung des Sohnes Gottes steckt.«3
Dreißig Jahre lang führte Jesus in Nazaret ein unscheinbares Leben. Nur Maria und Josef kannten das Geheimnis des Gottessohnes. Dort geschah nichts Spektakuläres, nur das Alltägliche – und doch war alles schon Erlösung. »In der Stille geschehen ja die großen Dinge. Nicht in Lärm und Aufwand der äußeren Ereignisse, sondern in der Klarheit des inneren Sehens, in der leisen Bewegung des Entscheidens, im verborgenen Opfern und Überwinden: wenn das Herz durch die Liebe berührt, die Freiheit des Geistes zur Tat gerufen und sein Schoß zum Werke befruchtet wird. Die leisen Mächte sind die eigentlich starken.«4
Das betende Betrachten der Stille von Nazaret lehrt uns vieles für unser eigenes Leben. Als erstes, wie aus Stille innere Sammlung wird, Begegnung mit Gott. Der heilige Augustinus hat dies intensiv erfahren und weitergegeben: »Schwierig ist es, im Menschengewühl Christus zu schauen. Das Herz braucht ein gewisses Maß an Zurückgezogenheit. In dieser Art von Einsamkeit des Blickes zeigt sich Gott. Das Menschengewühl bringt allzu viel Lärm mit sich. Jene Schau aber sehnt sich die Stille herbei.«5
Wer zu sich selbst kommen will, braucht die Einkehr ins Innere der Seele, dort, wo Geistiges »die Grenzen der Materie übersteigt und >von innen her< das ganze Leben trägt und gestaltet. Aus diesem Inneren heraus erstrahlt die Seele in ihrer je eigenen Prägung und wird dazu befähigt, sich anderen Menschen hinzugeben und die Hingabe anderer Menschen zu empfangen. In der Seele liegt so das Fundament allen menschlichen Lebens. (...) Die Seele wird in ihrem Sein und Werden von Gott getragen und birgt in sich den Stempel des göttlichen Seins. Daher ist das >Zu-sich-selbst-Kommen< und >Gott-Finden< eine einzige Realität. Wer Gott nicht findet, der gelangt auch nicht zu sich selbst (mag er auch noch so sehr mit sich selbst beschäftigt sein) und zu dem Quell des ewigen Lebens, der in seinem eigenen Innersten auf ihn wartet.«6 Und der große Kirchenlehrer Augustinus schreibt: Gott ist »tiefer als mein Innerstes und höher als mein Höchstes«7.
II. Der menschliche Alltag hatte das Leben Jesu dreißig Jahre lang in Nazaret ausgemacht. Als er während seines öffentlichen Lebens in seine Heimatstadt kam, hatten die Leute seine unauffällige Art nicht vergessen: da staunten alle und sagten: Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Für sie war er nur der Sohn des Zimmermanns – als seien jene dreißig Jahre normalen Alltags das Übliche gewesen und nicht ein tiefes inneres Leben in der Stille. Daher ihre Verwunderung: Woher also hat er das alles? Und dann die merkwürdige Reaktion: Sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Mit anderen Worten: Was bildet er sich ein, ist er etwa mehr als wir?
Wir lassen die Einwohner Nazarets bei ihrer Kleingeisterei und wenden uns wieder Jesus zu, um von seinem Leben in Stille und Unauffälligkeit zu lernen. Immer wieder zieht er sich zum Gebet zurück, allein im Gespräch mit dem Vater. Als das Volk ihn zum König machen will, entzieht er sich ihm und sucht die Einsamkeit. Und manchmal sehen wir ihn einem Geheilten Schweigen über die Wohltat auferlegen.
Das Schweigen Christi ist für uns ein Fingerzeig: es ist nicht Leere, sondern innerer Reichtum. Es sichert die liebevolle Aufmerksamkeit für Gott, »so daß im Beter eine Leere ist, die dann vom göttlichen Reichtum ausgefüllt werden kann. Die Leere, die Gott braucht, ist jene des Entsagens gegenüber dem eigenen Egoismus, nicht notwendig die des Entsagens gegenüber den geschaffenen Dingen, die er uns geschenkt und in die er uns hineingestellt hat.«8
Schweigen können hilft, uns nicht über jede Widerwärtigkeit zu beklagen, die eigenen Sorgen nicht in alle Welt zu rufen. Sie hilft auch, gelassen eine Taktlosigkeit hinzunehmen oder uns nicht mit den eigenen Leistungen zu brüsten, mit Lob und Beifall liebäugelnd. Wir ahmen den schweigenden Christus nach, wenn wir die Lasten und Belastungen des Lebens klaglos tragen und sportlich angehen, wenn wir ohne falsche Entschuldigungen für unser Handeln einstehen, wenn wir unsere Arbeit unabhängig von Lob oder Tadel tun.
Besonders bewegend ist das Schweigen des Herrn während seiner Passion: wie er vor den Hohenpriestern und den Anklägern steht, die auf der Lauer sind, seine Worte zu verdrehen: Er aber schwieg und gab keine Antwort.9 Pilatus versteht sein Schweigen nicht: Hörst du nicht, was sie dir alles vorwerfen? Er aber antwortete ihm auf keine einzige Frage, so daß der Statthalter sehr verwundert war.10 Ebensowenig Herodes. Der heilige Hieronymus schreibt: »Gott, unser Heiland, der in seinem Erbarmen die Welt erlöst hat, läßt sich zum Tod hinführen wie ein Lamm, ohne ein Wort zu sprechen; weder klagt er, noch verteidigt er sich. Das Schweigen Jesu bewirkt uns die Vergebung von der Empörung und den Entschuldigungen Adams.«11
Iesus autem tacebat – Jesus schwieg. Manchmal fällt uns aus mangelnder Innerlichkeit erst zu spät ein, daß wir ein Wort nicht hätten sagen dürfen, weil es vielleicht beleidigend oder verletzend war. In silentio et in spe erit fortitudo vestra12, heißt es bei Jesaja: unsere Kraft liegt in der Stille und in der Hoffnung.
Im menschgewordenen Sohn Gottes verleiblicht sich die unendliche Geduld Gottes gegenüber den Sünden, die wir Menschen jeden Tag gegen ihn begehen. Während der Passion schwieg Jesus nicht aus verletztem Stolz oder Zorn, er schwieg aus Liebe.
III. In der Schule von Nazaret »lernen wir mit Leichtigkeit die Weise und den Weg der Christuserkenntnis. Hier wird uns besonders klar, wie sehr man auf die ganze Umwelt achten muß, in der sein Wohnen unter uns eingebettet ist: Zeit, Ort, Gebräuche, Sprache, heilige Riten und endlich alles, wodurch Jesus sich der Welt offenbarte. All das kommt hier zu Wort; hier erhält es für uns sein Gewicht. Hier in dieser Schule sieht man, wie notwendig eine geistliche Ordnung ist, wenn man der Lehre des Evangeliums folgen und Jünger Christi sein möchte.«13
Der Herr weiß, wann er zu schweigen und wann er zu reden hat. Denn er hat nicht nur geschwiegen, er hat auch zur rechten Zeit geredet. Dann war sein Wort voller Kraft: Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr bringt die Witwen um ihre Häuser und verrichtet lange, scheinheilige Gebete.14
Aber Schweigen kann auch feiges, komplizenhaftes Mitwirken an der Lüge sein. Es kann aus der Angst herrühren, sich zu engagieren und sich so »unbequeme Konsequenzen« einzuhandeln; aus der Angst, sofort etwas zu bereinigen, bevor die Zeit es verschlimmert: in der Familie, unter Kollegen, im Umgang mit Chef oder Mitarbeitern. Es kann auch die Angst sein, wenn Angehörige es vorziehen, einem Schwerkranken den nahen Tod zu verschweigen, statt ihn feinfühlig auf die endgültige Begegnung mit Gott einzustimmen. Man nimmt so dem Sterbenden die Chance, sein Leben mit einer letzten vollmenschlichen Tat bewußten Loslassens zu krönen – »das Zeitliche zu segnen« wie es in der Weisheit der Sprache heißt.»Im heutigen Evangelium15 finden wir ein Beispiel für rechtzeitiges, mutiges Reden. Johannes der Täufer sagt, was gesagt werden muß. Wieviel würde sich ändern in der Welt, wenn jeder Christ im Einklang mit seinem Glauben spräche! Johannes lehrt uns reden: wo die Menschenwürde auf dem Spiel steht, wo Abtreibung als »Schwangerschaftsunterbrechung« bemäntelt wird, wo Ehe und Familie lächerlich gemacht werden. Wir dürfen nicht schweigen, wenn man Gott aus der Öffentlichkeit verbannen möchte, wenn Kirche und Glauben verhöhnt werden. Wir dürfen nicht Presse erzeugnisse unterstützen, die, formal brillant vielleicht, nichts als Infamien, Rufmord oder lotterhafte Lebensmodelle verbreiten.
Die meisten von uns können nur einen kleinen Kreis erreichen: am Stammtisch, in Arbeitspausen, unter Freunden. Aber unterschätzen wir nicht manchmal unsere Möglichkeiten, könnten wir nicht einen Leserbrief auf einen gelungenen Artikel oder eine gute Sendung hin verfassen? Gekonnt, verbindlich, manchmal auch energisch, aber niemals verbittert oder aggressiv, denn das nützt niemandem.
Hätte der Täufer geschwiegen, wäre er nicht enthauptet worden; aber wäre er dann ein würdiger Wegbereiter Jesu gewesen? Uns erwartet nicht das Blutzeugnis, wohl aber, uns nicht auf feiges Schweigen zu verlegen. Wir können viele mitreißen.
»Sich heute zur Kirche Jesu Christi zu bekennen, ist nicht die bequemste Weise zu leben, das ist wohl wahr. Es mag billiger sein, sich anzupassen, unterzutauchen. Den Glauben zu bekennen und zu leben, heißt heute, gegen den Strom zu schwimmen. Das erfordert Kraft und Mut.«16
1 Weish 18,14-15. – 2 vgl. Eröffnungsvers vom 2. Sonntag nach Weihnachten. – 3 Paul VI., Ansprache in Nazaret, 1964. – 4 R. Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S. 12. – 5 Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium, 17,11. – 6 Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg 1987, S. 21. – 7 Augustinus, Bekenntnisse, 3,6,11. – 8 Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der christlichen Meditation, 15.10.1989, 19. – 9 Mk 14,61. – 10 Mt 27,12-14. – 11 Hieronymus, Kommentar zum Markusevangelium. – 12 Jes 30,15. – 13 Paul VI., a.a.O. – 14 Mt 23,14. – 15 Mt 14,1-12. – 16 Johannes Paul II., Ansprache in Münster, 1.5.1987.
