Tagesmeditation

JAHRESKREIS
8. WOCHE – DONNERSTAG

16

DER HILFERUF EINES BLINDEN

Ein Sinnbild für unser Leben.
Jesus will gebeten werden.
Im Schatten unserer Unzulänglichkeiten.

I. Markus berichtet im heutigen Evangelium, wie Jesus Jericho verläßt und nach Jerusalem weiterzieht. Am Straßenrand sitzt ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Er sehnt sich nach Heilung, nach Licht. Augustinus vergleicht den Zustand des Blinden mit unserem Zustand, »denn auch die Augen unseres Herzens sind geschlossen, und Jesus kommt an uns vorbei, damit wir ihn rufen können«1. Manche geistlichen Schriftsteller sehen in der konkreten Gestalt des blinden Bettlers auch ein Sinnbild des Menschengeschlechts: »Durch die Sünde im Paradies war der Mensch geworden: ein Bettler auf dem Wege. Bettler, weil seiner besten Güter beraubt, blind, weil verdunkelt im Geiste, auf dem Wege, weil aus der Heimat vertrieben. Seine Rettung aber war, daß Jesus, der Sohn Davids, vorbeiging! Die ganze Menschwerdung, das ganze Evangelium ist in diesem Worte!«2

Blinde können Stimmen und Geräusche gut unterscheiden. Meistens wußte Bartimäus, wer da vorbeikam – ein Bekannter oder ein Fremder, jemand auf dem Weg zur Arbeit oder eine Karawane. Aber diesmal war er sich unschlüssig, er mußte fragen: Was hat das zu bedeuten? Man sagte ihm: Jesus von Nazaret geht vorüber.3

Es war also Jesus von Nazaret. Sobald er dies hörte, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!4 Bartimäus, des Augenlichts beraubt, kann nur rufen, nicht aber wie die anderen Kranken von selbst zu Jesus gehen. Vielleicht hatte er schon länger darauf gewartet, daß Jesus an ihm vorbeizöge. Jetzt ist der einmalige Augenblick gekommen, und der Blinde will ihn festhalten. Er stört sich nicht an den vielen, die die Not des Blindseins nicht kennen und ihm zu schweigen befehlen, er schrie nur noch viel lauter. Wie leicht ist es, das Erlebnis des Blinden auf unser geistliches Leben zu übertragen! »So erging es auch dir, als du spürtest, daß Jesus nahe vorüberging. Dein Herzschlag wurde schneller, eine innere Unruhe erfaßte dich, und du begannst zu rufen.«5

Natürlich ist uns der Herr immer nahe, aber manchmal scheint seine Nähe so groß, daß man ihn festhalten möchte. Dann müssen wir laut rufen, damit Jesus uns zu sich ruft. Augustinus scheint dies empfunden zu haben, als er in einer Predigt sagte : Timeo Iesum transeuntem et non redeuntem, »ich fürchte, Jesus könnte an mir vorüberziehen und nicht wiederkommen«6.

Markus’ Bericht nimmt dann eine unerwartete Wendung. Aus der Menge erhebt sich Protest gegen den Blinden. Die Leute, die vorausgingen, heißt es, wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Ist das die damalige Öffentlichkeit? Der blinde Bartimäus muß sich gegen sie behaupten. Man rät ihm, so zu tun, als wäre Jesus nicht da, und er muß sich über dieses gleichgültige und feindselige Verhalten hinwegsetzen, um zu Jesus zu gelangen. Auch heute will man uns ja nahelegen, das spirituelle Leben zur absoluten Privatsache zu erklären: »Die Freunde, die Bequemlichkeit, die Umgebung, alles riet dir: Schweig doch, schrei nicht so! Warum denn Jesus rufen? Laß ihn doch in Ruhe«7.

Bartimäus kann nicht sehen, aber hören – er hört Jesus sich nähern, während ihn einige barsch schweigen heißen. Doch er achtet nicht auf sie. Er weiß nicht, ob Jesus, seine große Hoffnung, noch einmal an ihm vorbeikommen wird. Statt zu schweigen ruft er nur um so lauter: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! »Da habt ihr ihn, jenen, der vom Volk zum Schweigen gebracht werden sollte; er schreit immer lauter. Ebenso wir: je lärmender das innere Gebrüll, je größer die Schwierigkeiten, um so mächtiger muß unsere Bitte aus dem Herzen steigen.«8

Das Rufen des Blinden weckt die Aufmerksamkeit des Herrn. Bartimäus kann ihn zwar nicht sehen, aber hören. Weder das feindselige Milieu noch die eigene Blindheit sind ein Hindernis. »Du, der du am Rande des Weges stehst, am Rande dieses so kurzen Lebensweges; du, dem Licht fehlt; du, der du mehr Gnade benötigst, um ernst entschlossen nach Heiligkeit zu streben – empfindest du nicht auch das Verlangen zu schreien? Drängt es dich nicht, ebenfalls zu rufen: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner? Da hast du ein herrliches Stoßgebet – wiederhole es oft!«9

II. Wir dürfen annehmen, daß der Herr – immer hellhörig für jede Not – den Ruf des Bartimäus schon beim ersten Mal vernommen hatte, aber vielleicht ihm und uns bedeuten wollte, daß Beten des Drängens bedarf, ehe wir vor Christus stehen. Der Blinde von Jericho lehrt uns Beharrlichkeit. Wir dürfen nicht denken, der Herr habe kein Ohr für unsere Not, oder wir seien zu weit weg von ihm. Der Teufel möchte solche subjektiven Eindrücke nutzen, die Seele im geistlichen Kampf resignieren zu lassen. Gregor der Große schreibt: »Wenn wir zu Gott zurückkehren wollen, steigen uns ins Herz die eigenen Schwächen, in die wir gefallen sind; sie vernebeln den Verstand, verwirren den Geist und möchten die Stimme unserer Bitten zum Schweigen bringen.«10 Aber die Dunkelheit der Seele kann auch ein gottgewollter Weg zur Läuterung und Reifung in Beharrlichkeit, Demut und Vertrauen sein. »Der Herr, der ihn vom ersten Augenblick an gehört hatte, ließ ihn in seinem Gebet ausharren. So ist es auch bei dir. Jesus vernimmt den ersten Ruf der Seele, aber er wartet. Er will, daß wir ihn bitten, hartnäckig wie jener Blinde am Rande des Weges von Jericho.«11

»Mit ungeheurem Stimmaufwand muß er geschrien haben. Und ununterbrochen ging das. Denn bis das Schreien sogar einer orientalischen Volksmenge zu stark wird, braucht es etwas. (…) In dem Ruf lag der Glaube an den Messias. Denn gehört hatte er nur: Jesus, der Nazarener, gerufen aber: Sohn Davids, und damit ein Bekenntnis abgelegt, daß er ihn für den Messias halte.«12

Der Zug hält an, und Jesus läßt Bartimäus rufen. Wie rasch kann in einer Menge die Stimmung umschlagen! »Eben haben sie ihn angefahren wegen seines Schreiens, jetzt rufen sie ihm zu (…): Hab Mut. Steh auf! Er ruft dich. Man hört es noch, wie sie durcheinander rufen, jeder voll Eifer. Denn nun gibt es ein Wunder, soviel kennen sie den Meister!«13, Da warf er seinen Mantel ab und eilte zu Jesus.

Nun steht Bartimäus vor Jesus. Die Menge umdrängt ihn neugierig, was wohl passieren werde. Der Herr stellt zunächst eine Frage: Was soll ich dir tun? Jeder wußte, was der Blinde von ihm wollte. Warum fragt ihn Jesus denn noch eigens? Er will gebeten werden und dadurch den Glauben wecken, die Bedürftigkeit offenkundig werden lassen und so die Hoffnung anregen; »das Heilen Jesu ist auf den Glauben bezogen – ebenso wie die Verkündung der Botschaft. Auch das Heilen offenbart nämlich die Wirklichkeit des liebenden Gottes. Daß die Menschen dieser Wirklichkeit inne werden, sich ihr öffnen, sich in sie hineinstellen, ist seines Heilens eigene Absicht.«14

Rabbuni, ich möchte wieder sehen können, ruft Bartimäus. Er nennt ihn – Markus behält das feierlich schöne Wort der Anrede in der Ursprache bei – Rabbuni. Da sagte Jesus zu ihm: Du sollst wieder sehen. Dein Glaube hat dir geholfen.

Die Geschichte des Bartimäus lehrt uns Glauben aus der Not, Beharrlichkeit im Gebet, einer launischen öffentlichen Meinung, die nichts vom Beten hält, die Stirn bieten.

Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Es war ein Geschenk Jesu, kein Verdienst des Blinden. Er kann sich nur seine Ausdauer zugute halten. Oder – mit Worten des heiligen Bernhard: »Mein einziges Verdienst ist die Barmherzigkeit des Herrn. Ich werde nicht an Verdiensten arm sein, solange er nicht an Barmherzigkeit arm ist. Und da seine Barmherzigkeit groß ist, sind auch meine Verdienste groß.«15

III. Herr, daß ich sehe! Die Geschichte des Bartimäus ist die Geschichte unserer eigenen Blindheit und sie kann auch die Geschichte unserer Heilung sein. Manchmal ist es dunkel in unserem Inneren. Und nicht immer gelingt es gleich, die Gründe für solch bedrückende Dunkelheit herauszufinden. Doch die Ungewißheit wird allmählich weichen, wenn wir von Anfang an unsere Zuflucht zum wirksamen Heilmittel des Gebetes nehmen.

Des Bartimäus Bitte ist ein gutes Stoßgebet, wenn wir spüren, daß wir im Schatten unserer Unzulänglichkeiten oder in einer kalten, gottfernen Atmosphäre stehen. Der einmal klar erkannte Weg entschwindet dem Blick, statt Licht herrscht Finsternis, statt Freude Beklemmung, statt Beflügelung Schwere. Ursache dafür kann eine noch nicht ganz überwundene Neigung zu bestimmten Sünden oder mangelnde Großmut gegenüber der Gnade sein. »Wenn es einmal Nacht in deiner Seele wird und du fühlst, daß sie in ihrer Blindheit vor Unruhe zittert – dann schrei wie der blinde Bartimäus nach dem Licht. Rufe immer weiter, immer lauter: >Domine, ut videam!< - Herr, laß mich sehen!

Es wird wieder Tag vor deinen Augen werden, und du wirst dich des strahlenden Lichtes erfreuen, das Gott dir zurückschenkt.«16

Wie eine bleierne Schwere kann es uns vorkommen, wenn wir nicht mehr die fühlbare Begeisterung der ersten Zeit empfinden; wenn das Gebet schwer fällt und der Glaube nachzulassen scheint; wenn wir nicht mehr so klar den Sinn einer kleinen Abtötung sehen und unser apostolisches Bemühen unergiebig oder kümmerlich zu sein scheint – gerade dann brauchen wir das Gebet, die Bitte um Licht. Statt den Umgang mit Gott zu vernachlässigen oder gar aufzugeben, gilt es gerade dann, in Treue und Festigkeit auszuharren.

Jesus sagte dem Blinden: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Dann heißt es weiter: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. »Jesu Heilen ist ein Tun von Gott her: eine Offenbarung Gottes und ein Hinführen zu Gott. Immer steht bei ihm das Heilen im Zusammenhang mit dem Glauben.«17

Als Jesus dann in Richtung Jerusalem weiterzieht, bleibt Bartimäus nicht mehr am Straßenrand hocken. Da pries er Gott und folgte Jesus. Und alle Leute, die das gesehen hatten, lobten Gott.18 Jede Erfahrung des göttlichen Erbarmens soll uns zu einem erneuerten Lob führen: »Das Lob ist die Gebetsform, die am unmittelbarsten Gott anerkennt. Das Lob besingt Gott um seiner selbst willen. Es erweist ihm Ehre, nicht nur wegen seiner Taten, sondern weil er ist. Wer Gott lobt, hat teil an der Seligkeit der reinen Herzen: er liebt Gott im Glauben, ehe er ihn in der Herrlichkeit schaut.«19

Auch wir haben, wie Bartimäus, große Gnaden empfangen. Auch von uns erwartet der Herr, daß aufgrund unseres Lebens und Verhaltens ihm viele folgen.

In Blindheit und Armut begegnet Bartimäus Christus. Dann empfängt er das Augenlicht und das Licht des Glaubens. Sein ganzes Leben lang wird ihm Jesu Antlitz – das erste, was er sah – lebendig gegenwärtig geblieben sein. Mehr erfahren wir nicht über ihn. Wir dürfen annehmen, daß durch sein Zeugnis viele zum Glauben kamen.

»Ex umbris et imaginibus ad veritatem« aus den Schatten und den Sinnbildern zur Wahrheit, lautet die Grabinschrift des großen englischen Kardinals Henry Newman. Wir schließen diese Weile der Betrachtung mit der Bitte an den Herrn: Jesu, quem velatum nunc aspicio, oro, fiat illud, quod tam s»tio: Ut te revelata cernens facie, visu sim beatus tuae gloriae. – Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht: laß die Schleier fallen einst in deinem Licht, daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.20

1 Augustinus, Predigt, 88,9. – 2 J.Dillersberger, Markus, Bd.4, Salzburg 1938, S.157. – 3 Lk 18,37. – 4 Mk 10,47. – 5 J.Escrivá, Freunde Gottes, 195. – 6 Augustinus, Predigt, 88,13. – 7 J.Escrivá, Freunde Gottes, 195. – 8 Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 1,2,4. – 9 J.Escrivá, Freunde Gottes, 195. – 10 Gregor der Große, a.a.O., 1,2,3. – 11 J.Escrivá, Freunde Gottes, 195. – 12 Dillersberger, a.a.O., S.154. – 13 ebd. – 14 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.56. – 15 Bernhard von Clairvaux, Predigt über das Hohelied, 61. – 16 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.862. – 17 R.Guardini, a.a.O., S.55. – 18 Lk 18,43. – 19 Katechismus der Katholischen Kirche, 2639. – 20 Hymnus Adoro te devote.