JAHRESKREIS
15. WOCHE – DIENSTAG
23
WEGE ZUR reue
Die
unbußfertigen Städte.
Davids Beispiel eines von der Sünde gezeichneten Menschen.
Sich mit dem sühnenden Christus vereinen.
I. Als Jesus Nazaret verließ und sein öffentliches Leben begann, wählte er Kafarnaum zu seinem Aufenthaltsort, das deswegen im Evangelium seine Stadt1 genannt wird. Vielleicht ließ er sich im Haus des Petrus nieder. Von Kafarnaum aus durchwanderte der Herr die Städte und Dörfer Galiläas, unter ihnen Chorazin und Betsaida am Nordufer des Sees Gennesaret, unweit von Kafarnaum. Sie gehören zu den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte2. Und doch hören wir im heutigen Evangelium3 harte Worte gegen sie, weil ihre Einwohner sich trotz der vielen Zeichen göttlicher Barmherzigkeit nicht bekehrten: Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan. Aber auch Kafarnaum verschont Jesus nicht: Und du Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute.
Warum hat Jesus gerade in jenen Städten so viele Wunder gewirkt, warum nicht woanders? Diese Frage kann unser Gebet anregen, auch wenn wir sie nicht beantworten können: Nehmen wir die geheimnisvollen Heilsratschlüsse Gottes, wie sie sind, und versuchen wir, für uns selbst aus den Worten Jesu zu lernen.
Was in jenen Städten geschah, wiederholt sich im Laufe der Geschichte. Heute wie damals erhalten die Menschen ein Angebot zu ihrem Heil, doch viele lehnen es ab, ja sie rebellieren dagegen. Einer der ältesten Psalmen schildert diese Situation: Warum toben die Völker, warum machen die Nationen vergebliche Pläne? Die Könige der Erde stehen auf, die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten.4
In Jesus Christus ergießen sich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes über die Menschen. Und was geschieht? Viele bleiben gleichgültig, andere begehren gegen den Herrn auf. Doch wir wollen in unserem Gebet nicht die Welt betrachten, sondern die Tatsache, daß der Herr an unserer Seite weilt, um uns zu heilen und uns im Guten zu stärken. Wie nutzen wir die Nähe Gottes? Nutzen wir sie jetzt – in dieser Weile des betrachtenden Gebetes?
Damit die Gnade Gottes in die Tiefe wirken kann, bedarf es als erstes der Einsicht in die eigene Sündhaftigkeit. Wie können wir uns nach Versöhnung sehnen, wenn wir selbstgerecht meinen, bei uns sei doch alles in Ordnung? Der Apostel Johannes ermahnt uns: Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden.5 »Diese inspirierten Worte, an den Anfängen der Kirche geschrieben, leiten besser als jeder andere menschliche Ausdruck die Betrachtung über die Sünde ein, die eng mit jener über die Versöhnung verbunden ist. Sie berühren das Problem der Sünde in seinem anthropologischen Horizont, als einen festen Bestand der Wahrheit über den Menschen; aber sie stellen es zugleich in den göttlichen Horizont, in welchem die Sünde der Wahrheit der göttlichen Liebe begegnet, die gerecht ist, großherzig und treu und sich besonders im Vergeben und Erlösen offenbart.= 6 Deshalb heißt es dann: Wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz.7
II. König David ist das typische Bild des von der Sünde gezeichneten Menschen. Vom Propheten Natan zurechtgewiesen, ist er bereit, sich mit dem eigenen ruchlosen Vergehen auseinanderzusetzen, und er bekennt: Ich habe gegen den Herrn gesündigt.8 Er verharmlost das Geschehene nicht: Ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was dir mißfällt.9 Aber David resigniert nicht, er bittet stattdessen: Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen.10 David war bereit, von neuem zu beginnen, und suchte in Demut und Reue die Versöhnung mit dem Herrn: Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde! (…) Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist! (…) Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.11 Und ihm wird die göttliche Barmherzigkeit zuteil: Der Herr hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben.12 Gott ist immer bereit, den zu erhören, der bereit ist, umzukehren und von neuem zu beginnen.
Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz… »Es bricht mir das Herz« sagen wir, um einen Zustand tiefer innerer Betroffenheit auszudrücken. Ja, das Herz soll wegen des Leids zerbrechen, Gott nicht genug geliebt zu haben, und nicht aus Ärger über eine Niederlage. Das wäre nur wieder ein Zeichen von Hochmut.»David trug seine Sünden vor den Allheiligen hin, er erkannte in seinem Scheitern seine Bedürftigkeit und tat Buße: eine »radikale Neuausrichtung des ganzen Lebens, Rückkehr, Umkehr zu Gott aus ganzem Herzen, Verzicht auf Sünde, Abwendung vom Bösen, verbunden mit einer Abneigung gegen die bösen Taten, die wir begangen haben«13.
Liebe und Reue stärken die Seele, geben ihr Hoffnung, Frieden und Freude zurück und lassen sie feinfühliger werden. Die Erfahrung, daß die Sünde eine universale Realität ist – jeder ist ein Sünder – »zerstört die Illusionen, die wir uns selber machen und führt uns dazu, nicht länger unserer Schuld auszuweichen, sie zu bagatellisieren und immerzu nur fremde Sündenböcke zu suchen: die anderen, das Milieu, das Erbe und die Anlagen, die Strukturen und die Verhältnisse«14.
Die tägliche Gewissenserforschung soll nicht nur die eigene Erbärmlichkeit konstatieren, sondern hinter unseren Sünden die noch zu schwache Liebe zu Gott sehen. Wir sind in der Lage des Schuldners, der das Geld nicht zurückzahlen konnte15. Wir sind auf Gottes unendliche Barmherzigkeit angewiesen, deshalb soll unser Gebet das Gebet des Zöllners sein: Gott, sei mir Sünder gnädig!16 Oder das Gebet des verlorenen Sohnes: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.17 Und der Herr, der »allen nahe ist, deren Herz zerknirscht ist«18, wird unser Gebet erhören.
Jesus ist ganz nahe bei uns wie damals bei den Menschen in den Städten und Dörfern Galiläas. Zaudern wir nicht umzukehren. Miserere mei, erbarme dich meiner, Herr.
III. Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Welchen Schmerz muß der Herr bei diesen Worten empfunden haben. Die Einwohner jener Städte waren ihm ganz nahe, doch nur äußerlich; innerlich blieben sie unberührt. Ihnen genügte, das Geschehen zu beobachten, die Machtzeichen zu bewundern, die Heilungen zu bestaunen, aber sie spürten nicht, daß auch sie selbst der Gnade bedurften, so folgten sie Christus nicht.
Wer Reue und Schmerz über die eigenen Sünden verdrängt, wird leicht zum bloßen Statisten des Heilsgeschehens. Deshalb sollen wir den Heiligen Geist bitten, er möge uns im Laufe des Tages oftmals Worte der Reue eingeben. Sie bereiten den Empfang des Bußsakramentes vor. Dort geschieht »die Vereinigung mit dem Christus, der sich als Sühnender und Büßender dem Gericht über die Sünde unterstellte und der gerade dadurch zum Befreier und Erlöser von der Sünde wurde. Im sakramentalen Drama der Buße ereignet sich also nichts Geringeres, als daß der Sünder sich dem leidenden Christus anschließt, daß er in die Gesinnung und in das Werk des sühnenden Erlösers eingeht, auch wenn hier der nicht zu übersehende Unterschied besteht, daß er dies – anders als Christus – für seine höchst eigenen und persönlichen Sünden tut. Aber dieser Unterschied kann es doch nicht ungeschehen machen, daß hier tatsächlich eine mystische Vereinigung mit dem sühnenden Christus stattfindet, in deren Kraft der Sünder sogar eine gewisse erlöserische Funktion ausübt und an ihr teilhat, und dies nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Welt, weil die Tilgung von Sünde immer ein überindividuelles, soziales Ereignis ist.«19
Gelegentlich werden Schmerz und Reue durch Gefühlsregungen hervorgerufen, die wir dankbar annehmen. Oft wird es nicht so sein; die Reue kann auch ohne Regungen des Gefühls herzlich und aufrichtig sein. Gefühle hervorzurufen liegt nicht in unserer Macht. Wohl aber liegt es bei uns, zu wollen. Die Echtheit von Reue und Schmerz soll sich darin erweisen, daß wir die Gelegenheit zur Sünde entschieden und mit einer gewissen Witterung für unzuträgliche Situationen meiden.
Wodurch geschieht die Bekehrung im täglichen Leben? »Durch Taten der Versöhnung, durch Sorge für die Armen, durch Ausübung und Verteidigung der Gerechtigkeit und des Rechts, durch Geständnis der eigenen Fehler, durch die brüderliche Zurechtweisung, die Überprüfung des eigenen Lebenswandels, die Gewissenserforschung, die Seelenführung, die Annahme der Leiden und das Ausharren in der Verfolgung um der Gerechtigkeit willen. Jeden Tag sein Kreuz auf sich nehmen und Christus nachgehen ist der sicherste Weg der Buße.«20
Schauen wir auf den Herrn am Kreuz: Da ereignet sich »das größte Drama von allen, bei dem Christus das Drama der Trennung des Menschen von Gott bis auf den Grund wahrnimmt und erleidet, und dies so intensiv, daß er mit den Worten des Propheten aufschreit: >Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?<, und dabei zugleich unsere Versöhnung erwirkt.«21 Das Betrachten der Leidensgeschichte, veranschaulicht durch Darstellungen der Passion, der Kreuzweg und andere Gebete zum Gekreuzigten können in uns Liebe und Reue wecken: »Seele Christi, heilige mich. Leib Christi, rette mich. Blut Christi, tränke mich. Wasser der Seite Christi, wasche mich...«22
1 Mt 9,1. – 2 Mt 11,20. – 3 Mt 11,20-24. – 4 vgl. Ps 2. – 5 1 Joh 1,8-9. – 6 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, 2.12.1984, 13. – 7 1 Joh 3,20. – 8 2 Sam 12,13. – 9 Ps 51,5-6. – 10 Ps 51,1. – 11 Ps 51,4.12.19. – 12 2 Sam 12,13. – 13 Katechismus der Katholischen Kirche, 1431. – 14 Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S. 136. – 15 Mt 18,25. – 16 Lk 18,13. – 17 Lk 15,18-19. – 18 Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium, 15,25. – 19 L. Scheffczyk, Die spezifische Heilswirkung des Bußsakramentes, in: Erneuerung durch Buße, St Augustin 1978, S. 33. – 20 Katechismus der Katholischen Kirche, 1435. – 21 Johannes Paul II., a.a.O., 7. – 22 Gotteslob 67.
