Tagesmeditation

Jahreskreis
20. Woche – Mittwoch

15

arbeiter im weinberg

Verdienst und Gnade.
Die Laien.
Schweigespirale und Engagement.

I. Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Das Gleichnis, das wir im heutigen Evangelium1 hören, läßt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Da ist zuerst die Sorge des Gutsbesitzers um seine Felder. Um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben, verläßt er das Haus früh am Morgen, (…) um die dritte Stunde, (…) um die sechste und um die neunte Stunde, ja sogar noch um die elfte Stunde, kurz vor Sonnenuntergang. Dann – gegen Ende – ergibt sich ein neuer, entscheidender Gesichtspunkt, als es nämlich um den Lohn geht. Der Gutsbesitzer scheint sich mehr nach subjektiven Maßstäben als nach dem Quantum der geleisteten Arbeit zu richten. Diese Maßstäbe lassen sich nicht quantifizieren, dennoch folgen sie weder Willkür noch Laune, denn das Vereinbarte wird eingehalten: Dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Jenseits der Vereinbarung gilt hier ein anderer Maßstab. Ich will dem letzten ebensoviel geben wie dir. Die Erzählung wird zu einem Bild für Gottes Güte und Freigebigkeit. Der Aufbau betont diesen Gesichtspunkt durch die umgekehrte Reihenfolge bei der Auszahlung, die im Leben wenig logisch wäre. Im Gleichnis ist sie dramaturgisch erforderlich, damit die Erstgekommenen Zeugen des ganzen Vorgangs werden. Sie, die mehr als die zuletzt Gekommenen gearbeitet haben, erwarten einen entsprechend höheren Lohn und murren, als es dann anders kommt.

Das Gleichnis rückt die Unterstellung der Arbeiter, man habe sie unangemessen behandelt, zurecht. Der Herr will wohl betonen, daß es noch andere Maßstäbe als die des Vereinbarten gibt, um so indirekt seine Antwort auf die Frage nach dem Lohn der Nachfolge zu ergänzen, die Petrus ihm gestellt hatte. Im gestrigen Evangelium hörten wir, wie Petrus, erschüttert von den harten Worten über die Reichen, sich an Jesus wandte: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?2 »Man sieht ja die Szene plastisch vor sich: Der Meister hat mit großem Ernst gesagt, was dem Heil entgegensteht, und mit großer Liebe, wodurch es dennoch erlangt wird. Die Bestürzung der Jünger weicht. Sie werden wieder guten Mutes. Es sind im Grunde rechte Kinder – weshalb Jesus sie auch manchmal so anredet -, und der kindlichste von allen ist dieser Petrus. Immer muß er alles gleich aussprechen, was ihm in Herz und Sinn kommt, und was ihm in Herz und Sinn kommt, ist in den größten Augenblicken seines Lebens erhaben und ergreifend, oft aber auch unausgegoren, an der Sache vorbei, mitunter sogar töricht. Auch jetzt – welche Mischung aus Naivität und ein wenig musterschülerhafter Zufriedenheit mit sich selbst! Er hält sich nicht damit auf, die Güte Gottes zu preisen, die auch den >an sich< unrettbaren Reichen rettet - er zeigt sich vielmehr kindlich-stolz darauf, daß er dem Ruf Jesu gefolgt ist und >alles verlassen< hat. Es klingt wie: Meister, du kannst dich doch eigentlich sehr darüber freuen, daß wir sofort auf dich gehört und alles im Stich gelassen haben. Die eben von dir genannten Hindernisse für die Begüterten bestehen für uns nicht. Folglich... Und hier wird Simon verstummt sein, wohl aus einer gewissen Hemmung heraus, so unverblümt nach der Belohnung zu fragen. (...) Noch konnte Petrus es nicht erfassen, daß die Frage nach dem Lohn der Nachfolge und Ganzhingabe in sich sinnlos ist, weil nachfolgen zu dürfen, sich ganz hingeben zu können, schon das größte Geschenk ist, das jemandem zuteil werden kann, weil es das Glück in dieser und die Seligkeit in jener Welt in sich schließt.«3

Jesus antwortet Petrus mit einem Hinweis auf den Lohn: wer um seines Namens willen alles verläßt, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben. Die Arbeiter im Weinberg bekommen ohne Rücksicht auf Leistung je einen Denar. »Gegenüber Gott gibt es von seiten des Menschen kein Verdienst im eigentlichen Sinn. Zwischen ihm und uns besteht eine unermeßliche Ungleichheit, denn wir haben alles von ihm, unserem Schöpfer, empfangen (…). Das Verdienst des Menschen kommt im Grunde Gott zu, denn seine guten Taten gehen in Christus aus den zuvorkommenden und helfenden Gnaden des Heiligen Geistes hervor.«4 Dankbar erfahren wir, daß Gottes Maßstäbe andere sind als die irdischen. Er belohnt uns nach seinem Erbarmen: »Mein einziges Verdienst ist die Barmherzigkeit des Herrn. Ich werde nicht an Verdiensten arm sein, solange er nicht an Barmherzigkeit arm ist. Und da seine Barmherzigkeit groß ist, sind auch meine Verdienste groß.«5

II. Das Gleichnis trägt sich während der arbeitsreichen Zeit der Weinlese zu. Der Besitzer des Weinbergs sieht den Abend kommen und hält nach weiteren Hilfskräften Ausschau, damit das Tagewerk vor Sonnenuntergang abgeschlossen werden kann. Mit den Arbeitern der ersten Stunde hatte er als Lohn einen Denar ausgemacht. Denen der dritten, der sechsten und der neunten Stunde sagte er nur: Ich werde euch geben, was recht ist. Ihnen, die eine Stunde vor Sonnenuntergang gedungen werden, wird nichts versprochen. Es heißt nur: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Mit diesem Bild öffnet Jesus unseren Blick »für den weit ausgedehnten Weinberg des Herrn und für die großen Scharen von Männern und Frauen, die er ruft und sendet, darin zu arbeiten. Der Weinberg ist die ganze Welt (vgl. Mt 13,38), die nach dem Plan Gottes für das endgültige Kommen des Reiches gewandelt werden muß.«6

Wer ist mit dem Weinbergbesitzer gemeint? »Da es sich hier um ein Gleichnis des Reiches Gottes handelt, ist also Hausherr Jesus Christus selber, und der Lohn, den er gibt, ist das ewige Leben. Dieser Lohn ist für alle der gleiche; die Frage nach den Unterschieden in der Herrlichkeit wird hier nicht aufgeworfen. Gott will sein Gut nicht mehren, er will nur das Heil der Menschen, und so hört er nicht auf, um sie zu werben. Alle, die seinen Ruf hören, empfangen, was er ihnen aus freien Stücken geben will, auch wenn sie nicht mehr Zeit fanden, viele gute Werke zu tun, noch Gelegenheit hatten, sich durch besondere Leistungen auszuzeichnen. Der Herr ist in seiner unendlichen Güte mit diesem Wenigen zufrieden, er sieht nur auf den guten Willen am Ende.«7

Wen meint der Herr mit den Arbeitern, die zu verschiedenen Tageszeiten zur Arbeit im Weinberg gedungen werden? Uns alle. Zuerst die verschiedenen Lebenssituationen, in denen Gott die Menschen zur Nachfolge ruft. Einige vernehmen den Ruf sehr früh, schon in der Jugend, andere erst am Abend ihres Lebens, wieder andere nachdem sie viele Um- oder Irrwege gegangen oder lange Zeit ihrem Glauben nur oberflächlich gefolgt sind. Jeder aber soll die Welt wie einen Weinberg betrachten, in dem er dazu berufen ist, am göttlichen Heilsplan teilzunehmen und mit Christus am Heilswerk der Erlösung mitzuwirken. Papst Johannes Paul II. greift das Gleichnis am Anfang seines Schreibens Christifideles laici auf, um besonders die Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt zu betonen: »Geht auch ihr. Der Ruf ergeht nicht nur an die Hirten, an die Priester, an die Ordensleute. Er umfaßt alle. Auch die Laien sind persönlich vom Herrn berufen, und sie empfangen von ihm eine Sendung für die Kirche und für die Welt.«8 Sie sollen »den Ruf Christi vernehmen, in seinem Weinberg zu arbeiten, in dieser herausragenden und dramatischen Stunde der Geschichte am Übergang zum dritten Jahrtausend an der Sendung der Kirche teilzunehmen: lebendig, verantwortlich und bewußt. (…) Neue kirchliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Gegebenheiten rufen heute mit besonderer Intensität nach dem Engagement der Laien. Sich der Verantwortung zu entziehen, war schon immer verfehlt. Heute aber liegt darin eine noch größere Schuld. Niemandem ist es erlaubt, untätig zu bleiben.«9 Besonders den Laien »kommt ein spezifischer und unersetzlicher Beitrag zu: Durch sie wird die Kirche Christi in den verschiedensten Bereichen der Welt als Zeichen und Quelle der Hoffnung und der Liebe präsent«10. Wir können durch vielfache Formen des Engagements »auf das Heil zugehen und den anderen dazu verhelfen, daß auch sie das Heil erfahren«11. Etwa indem wir einem Freund zeigen, wie man betet, indem wir ihm den Weg zum Bußsakrament ebnen, ihn zur Teilnahme an einem Grundkurs über den Glauben einladen oder ihn dafür gewinnen, ein apostolisches Werk finanziell zu unterstützen. Der heilige Gregor der Große mahnt: »Überprüft eure Lebensweise, geliebteste Brüder, und seht, ob ihr schon Arbeiter des Herrn seid. Ein jeder von euch überdenke, was er tut, und überlege, ob er dem Weinberg des Herrn dient.«12

III. Niemand hat uns angeworben… Auch heute leben viele fern von Glauben und Kirche: aus Unwissenheit die einen, andere aus Gleichgültigkeit. Wahrscheinlich haben wir selbst schon erfahren, wie schwer es sein kann, jemanden aus seiner Lethargie zu reißen: »der eine bekam Angst; der andere holte sich Rat bei einem >Lebenskundigen<, der ihn falsch beriet«13, ein dritter hatte sich von einer Umwelt anstekken lassen, die gafft und kritisiert, aber den eigenen Einsatz scheut. Viele wollen sich nur anpassen und fürchten sich vor einem entschlossenen Bekenntnis, denn sie meinen, es könnte sie gesellschaftlich solieren. In der Demoskopie spricht man von der Schweigespirale, die durch die Neigung der Anpassungswilligen zum Schweigen und der Engagierten zum Reden entsteht. Im ersten Fall nimmt die soziale Wirkkraft der Überzeugungen ab, weil man sich aus Angst, isoliert zu werden, einer entschlossen vorgetragenen Meinung anpaßt; letztere fürchten nicht die Mißbilligung durch die Mehrheit und sind bereit, sich zu exponieren. Sie setzen sich schließlich durch.

Die ersten Generationen von Christen zeugen eindrucksvoll von der Kraft einer selbstbewußten, aktiven Minderheit. Im sogenannten Diognetbrief aus dem 3. Jahrhundert heißt es: »Was im Leib die Seele ist, das sind in der Welt die Christen (…). Auf einen so wichtigen Posten hat Gott sie gestellt, dem sich zu entziehen ihnen nicht erlaubt ist.«14 Deshalb sind die Christen der Urzeit überall präsent: der Kaufmann unter Kaufleuten, der Soldat unter Soldaten, ja selbst der rechtlose Sklave ist manchmal der Künder der Frohen Botschaft in einer Familie. Die Christen »nehmen am wirtschaftlichen und sozialen Leben teil, sie sind in den Alltag verwoben und leben wie jedermann. In diesem Miteinander des gemeinsamen Lebens bereiten sich die Bekehrungen vor.«15

Auch heute brauchen wir dieses gläubige, starke Selbstbewußtsein: »Die Christen müssen Vorläufer sein, wenn es gilt, Überzeugungen zu wecken und Lebensformen einzuführen, die entschieden mit einer aufreibenden und freudlosen Konsumhektik brechen.«16 Die persönlichen Beziehungen in der Familie oder unter Freunden, Bekannten, Kollegen und Nachbarn bieten die Gelegenheit dazu: durch ein gewinnendes Verhalten im Beruf, die gläubige Reaktion in der Stunde der Not, durch Hilfsbereitschaft, durch einen Hinweis auf die Kraft des Gebetes…. Gelegentlich wird selbst die nur kurze Begegnung mit einem Mitreisenden oder einem Kunden ihn nachdenklich stimmen. So tragen wir dazu bei, daß keiner von denen, die in unserer Nähe sind, klagend oder resignierend sagen kann: Ich wußte nichts davon, keiner hat mich angeworben.

Das heutige Evangelium erinnert uns an die Notwendigkeit, uns wie die Arbeiter im Weinberg zu engagieren. Unkraut und Getreide, Gutes und Böses, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Not und Hoffnung wachsen gleichzeitig. »So sieht das immense und steinige Feld aus, das sich den Arbeitern auftut, die der Gutsbesitzer in seinen Weinberg sendet. Die Kirche: wir alle, Hirten und Gläubige, Priester, Ordensleute und Laien, arbeiten auf diesem Feld.«17 Uns ist aufgetragen -jedem nach seinen Möglichkeiten -, die zeitliche Ordnung christlich zu gestalten; deshalb »= 17 Uns ist aufgetragen – jedem nach seinen Möglichkeiten -, die zeitliche Ordnung christlich zu gestalten; deshalb können die Laien nicht darauf verzichten, sich in die >Politik< einzuschalten, das heißt in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, sozialer, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und systematischen Förderung des Allgemeinwohls dienen. (...) Alle und jeder einzelne haben die Pflicht und das Recht, sich an der Politik zu beteiligen, wenn auch auf verschiedene und komplementäre Weise und aufgrund verschiedener und komplementärer Aufgaben und Verantwortungen. Die Anklage des Arrivismus, der Idolatrie der Macht, des Egoismus und der Korruption, die nicht selten gegen Regierungsleute, Abgeordnete der Parlamente, dominierende Klassen und politische Parteien erhoben werden, sowie die verbreitete Meinung, die Politik sei ein Bereich unbedingter moralischer Gefährdung, rechtfertigen auf keine Weise den Skeptizismus oder die Abwendung der Christen von den öffentlichen Angelegenheiten.«18

20,1-16. – 19,27. – P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.79. – Katechismus der Katholischen Kirche, 2007-2008. – Bernhard von Clairvaux, Predigt über das Hohelied, 61. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 1. – M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.425. – Johannes Paul II., a.a.O., 2. – ebd., 3. – ebd., 7. – Johannes Paul II., , 25.10.1978. – Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 19,2. – J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.205. – Brief an Diognet, 6. – A. Hamman, Die ersten Christen, Stuttgart 1985, S.72. – Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung der Päpstlichen Kommission »Justitia et Pax« 11.11.1978. – 17 Johannes Paul II., Apost.Schreiben Christifideles laici, 7. – 18 ebd., 42.»