JAHRESKREIS
17. WOCHE – MITTWOCH
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DER SCHATZ UND DIE PERLE
Die
eigene Berufung entdecken.
Viele Wege.
Konkretisierung der Taufberufung.
I. Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.
Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.1
In immer neuen Bildern verkündet der Herr die Größe dessen, was er bringt. Die beiden Gleichnisse im heutigen Evangelium ergänzen sich. Sie »könnten zu dem Mißverständnis Anlaß geben, als würde Gott mit dem Schatz im Acker und mit der schönen Perle verglichen. Gott ist aber keine Sache, kein Ding, das wir erwerben und besitzen können. Gott ist Person, sofern wir mit Person das lebendige Du meinen, dem wir begegnen, mit dem wir Gemeinschaft haben können. Diese Begegnung drängt sich nicht auf, sie läßt sich auch nicht erzwingen, aber sie wird dem geschenkt, der sie aufrichtig sucht. Sie ist dann für den Menschen die große Überraschung, vor der alle anderen Werte zurücktreten.«2
Es liegt nahe, die Entdeckung des Schatzes und der Perle als die Entdeckung der eigenen Berufung zu verstehen: die Berufung zum Glauben zunächst und dann ihre konkrete Ausformung im Verlauf des Lebens. Dabei steht mehr die Freude des Findens als die Mühe der Suche im Vordergrund. Der Schatz kann die Fülle von Gaben bedeuten, die uns mit der Berufung gegeben werden: Gnaden, um Tag für Tag in der Treue zu wachsen, um Hindernisse zu überwinden, um apostolisch zu wirken, um auszuharren. Die Perle mag auf die Schönheit des Gottesgeschenkes verweisen: das vollkommenste Ideal, das alles, was ein Mensch sich an Glück und Erfüllung vorzustellen vermag, weit überragt. Wer den Schatz oder die Perle gefunden hat, erkennt darin »eine unermeßliche Ehre, einen Grund zum heiligen, erhabenen Stolz, einen Erweis der Auserwählung und ein Zeichen der großen Liebe, die Gott zwar in einem ganz bestimmten Augenblick wahrnehmbar werden ließ, die aber von Ewigkeit her in ihm beschlossen war.«3
Zwischen den beiden Gleichnissen gibt es einen feinen Unterschied: Der eine entdeckt den Schatz unverhofft, der andere findet die Perle erst nach langem Suchen. Beiden aber ist gemeinsam, daß jeder alles tut, was er kann, um in den Besitz des Entdeckten zu gelangen. So ist die Lebenswirklichkeit: es gibt Menschen, die ihre Berufung finden, ohne sie lange suchen zu müssen; plötzlich stehen sie vor einem funkelnden Schatz. Und es gibt Menschen, die auf der Suche nach dem Ideal scheinbar von Enttäuschung zu Enttäuschung wandern, bis sie schließlich die kostbare Perle gleichsam als Lohn ihres guten Strebens finden. Die Frage des jungen Mannes im Evangelium hat sich gelohnt: Was fehlt mir jetzt noch?4
Sowohl der, der plötzlich findet, wie der, der lange sucht, setzt alles daran, den neuen Besitz wachsam und froh zu sichern. »Diese Stelle aus dem heiligen Evangelium hat sich meiner Seele eingeprägt, sie hat in ihr Wurzel geschlagen. Gelesen hatte ich sie häufig, aber jetzt wird mir ihr Kern, der Atem des Göttlichen voll bewußt. Alles…, alles soll der kluge Mann verkaufen, der den Schatz, die kostbare Perle des Himmels, besitzen will!«5
II. Im Licht der Berufung erhellt sich der Lebensweg: Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade6. Scheinbar Zusammenhangloses fügt sich zu einem schlüssigen Bild zusammen: die zufällige Begegnung, aus der Freundschaft wurde; die überraschende Wende in einer Situation, die einen hätte in die Irre führen können… Vieles hört dann auf, bloß anekdotisch zu sein und erhält einen tieferen Sinn.
Die den Schatz und die Perle finden, vermissen nichts von dem, was sie aufgegeben haben, denn der neu gewonnene Reichtum überstrahlt alles. Deshalb unterstreicht der Herr im Gleichnis die Freude des Weggebens und Verkaufens.
Gott läßt seinen Ruf vernehmen, wie und wann er will. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg werden die Arbeiter zu verschiedenen Tageszeiten gerufen: einige beim Morgengrauen, andere gegen Mittag, andere fast schon am Abend. Gregor der Große sieht darin ein Bild der verschiedenen Lebensalter. »In dieser unserer Interpretation kann der Morgen die Kindheit darstellen. Die dritte Stunde kann dann als die frühe Jugend verstanden werden: Die Sonne steigt am Himmel auf, das heißt die Glut des Alters wächst. Die sechste Stunde ist die Jugend: Die Sonne steht wie in der Mitte des Himmels, das heißt, daß sich in dem Alter die Fülle der Kraft festigt. Das hohe Alter wird von der neunten Stunde dargestellt, weil die Sonne von der Höhe heruntergeht, so wie dieses Alter die Glut der Jugend verliert. Die elfte Stunde ist das Alter derer, die an Jahren schon weit fortgeschritten sind. Die Arbeiter werden zu verschiedenen Stunden in den Weinberg gerufen, gleichsam um zu bedeuten, daß der eine schon in der Kindheit zum Leben der Heiligkeit geführt wird, der andere in der Jugend, ein anderer im Alter und noch ein anderer im hohen Alter.«7
Papst Johannes Paul II. erweitert diesen Kommentar und verweist »auf die außerordentliche Vielfalt der Formen einer Präsenz in der Kirche, von denen alle und eine jede gerufen ist, je nach der Verschiedenheit der Berufung und Situationen, der Charismen und der Dienste für die Ankunft des Reiches Gottes (…). Diese Verschiedenheit ist nicht nur durch das Alter, sondern auch durch die Verschiedenheit der Geschlechter und die Vielfalt der Gaben, Berufungen und Lebenssituationen gegeben, und sie läßt den Reichtum der Kirche konkreter und lebendiger werden.«8
Die meisten entdecken ihre Berufung, wo sie als gewöhnliche Christen leben: in den Aufgaben der Welt. Sie merken, daß der Herr von ihnen erwartet, dieser Welt nicht den Rücken zu kehren, sondern ihr Gefüge mit seinem Geist zu beleben. Ein Außenstehender würde vielleicht erwarten, daß in dem Maße, in dem einer seine Berufung entdeckt, er sich aus der Welt zurückzieht, um dem Ruf zu folgen. Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn man von denen absieht, die sich zu einem Stand berufen wissen, »der durch das Gelöbnis der evangelischen Räte begründet wird«9. Seit dem Augenblick, da ein Christ den Ruf erfahren hat, die Welt und sich in ihr zu heiligen, gilt es, sich um eine wirksamere christliche Präsenz in den weltlichen Geschäften zu bemühen. Alles gewinnt jetzt einen neuen Stellenwert.
Im Licht der Berufung wird es leichter, die Mediokrität, die Selbstzufriedenheit oder Lauheit zu überwinden. Der verengte Blick weitet sich: in deinem Licht, Herr, sehen wir das Licht10.
III. Gottes Ruf ergeht an uns in der Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes11. »Der empfangene Name ist ein Name auf ewig. Im Himmelreich wird der geheimnisvolle und einzigartige Charakter jeder mit dem Namen Gottes bezeichneten Person in vollem Licht erstrahlen.«12 Erst dort – dies ist der eschatologische Hintergrund beider Gleichnisse im heutigen Evangelium – werden Schatz und Perle in der Fülle ihrer Schönheit leuchten. Hier auf Erden sind wir wie Schatzsucher, die zwar fündig geworden sind, aber das gefundene Gut immer wieder sichern müssen.
Eine Ordensfrau äußerte einmal: »Gott ist ein treuer Gott, er hat den Stachel aus meiner Seele nicht wieder herausgezogen, sondern bei jeder Gelegenheit daran gezupft, wie ein Angler an seiner Angelschnur, so daß ich mir nie mehr einbilden konnte, seinen Ruf nicht verspürt zu haben.« Wer den Ruf Gottes einmal vernommen hat, hört ihn fortwährend. So kann er Krisen und Ungewißheiten meistern, die kommen können, weil der Berufene nicht nur etwas weggeben muß, sondern sich selbst. Die Hingabe schließt den beständigen Kampf gegen das eigene Ich ein, das sich in Mediokrität und Routine einrichten möchte und die eigenen Schwächen und Fehler, Unsicherheiten und Zweifel zu rechtfertigen sucht. In einem autobiographischen Zeugnis am Ausgang einer Glaubenskrise heißt es: »>Wer seine Seele festhält, wird sie verlieren; wer sie aber hergibt, wird sie gewinnen<. (...) Es war mir allmählich klar geworden, daß ein Gesetz bestehe, wonach der Mensch, wenn er >seine Seele behält<, das heißt, in sich selber bleibt und als gültig nur annimmt, was ihm unmittelbar einleuchtet, das Eigentliche verliert. Will er zur Wahrheit und in der Wahrheit zum wahren Selbst gelangen, dann muß er sich hergeben. (...) Ich saß vor meinem Tisch und der Gedanke ging weiter: >Meine Seele hergeben< - aber an wen? Wer ist im Stande, sie mir abzufordern? So abzufordern, daß darin nicht doch wieder ich es bin, der sie in die Hand nimmt? Nicht einfachhin >Gott<, denn wenn der Mensch es nur mit Gott zu tun haben will, dann sagt er >Gott< und meint sich selbst. Es muß also eine objektive Instanz sein, die meine Antwort aus jeglichem Schlupfwinkel der Selbstbehauptung herausziehen kann. Das aber ist nur eine einzige: die katholische Kirche in ihrer Autorität und Präzision. Die Frage des Behaltens oder Hergebens der Seele entscheidet sich letztlich nicht vor Gott, sondern vor der Kirche. Da war mir zu Mute, als ob ich alles - wirklich >alles<, mein Dasein - in meinen Händen trüge, wie in einer Waage, die im Gleichgewicht stand: >Ich kann sie nach rechts sinken lassen oder nach links. Ich kann meine Seele hergeben, oder sie behalten…< Und da habe ich denn die Waage nach rechts sinken lassen. Der Augenblick war ganz still. Da war weder eine Erschütterung, noch eine Erleuchtung, noch irgend ein Erlebnis. Es war die ganz klare Einsicht: >so ist es< - und die unmerklich leise Bewegung: >so soll es sein!«<13
Nicht jeder erfährt den Ruf Gottes so intensiv und zugespitzt. Doch jeder bekommt hinreichende Klarheit, um seinen Weg zu finden. Wer zur Ehe berufen ist, wird entdecken, daß sich in der Verantwortung für die Familie eine große Attraktion verbirgt; die Berufung zu Ehe und Familie ist eine Konkretisierung jener Berufung, die mit der Taufe begann.
Gott hat mit jedem seiner Geschöpfe etwas vor, und nichts im Leben ist wichtiger, als Gottes Plan zu entdecken. Wir haben die Zusicherung des Herrn: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.14
1 Mt 13,44-46. – 2 Schott-Meßbuch für die Wochentage, Teil II, S. 155. – 3 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 18. – 4 Mt 19,20. – 5 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr. 993. – 6 Ps 119,105. – 7 Gregor der Große, Homilien über die Evangelien, 1,19,2. – 8 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 45. – 9 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 45. – 10 Ps 36,10. – 11 Mt 28,19. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 2159. – 13 R. Guardini, Bericht über mein Leben, Düsseldorf 1984, S. 71-72. – 14 Joh 15,16.
