Tagesmeditation

JAHRESKREIS
25. WOCHE – DIENSTAG

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DAS SCHWEIGEN MARIENS

Maria bewahrte alles in ihrem Herzen.

Innere Sammlung, Feingefühl und Zurückhaltung.

Kontemplativ mitten in der Welt.

I. Gerne wüßten wir mehr über die Mutter Gottes als das wenige, das uns die Evangelien berichten. Dennoch ist darin alles Nötige gesagt, und die Kirche hat es im Heiligen Geist durch die Jahrhunderte entfaltet. Heute betrachten wir in unserem Gebet einen wichtigen Zug im Leben Mariens: ihr Schweigen.

Die Mutter Gottes ist eine Gestalt der Stille. Nach der Verkündigung macht sie sich auf den Weg zu Elisabet. Es ist, als wollte der Himmel die Verschwiegenheit Mariens bekräftigen, denn Elisabet erfaßt das Geheimnis, ohne daß Maria es ihr mitgeteilt hatte. Auch Josef gegenüber schweigt sie; diesmal ist es ein Engel, der ihn im Traum unterrichtet. Bei der Geburt des Herrn sind es die Hirten, die allein reden. Sie erfahren die frohe Botschaft und geben sie weiter: Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Von der Begegnung mit Simeon und Hanna im Tempel ist uns kein Wort der Mutter überliefert. Ähnlich dürfen wir uns ihre Zeit in Nazaret vorstellen: Maria wahrt das Geheimnis.

Ein Wort aus dem Evangelium verdeutlicht den Reichtum dieses Schweigens: Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Dahinter ahnen wir die Gelassenheit eines Menschen, der ganz in Gott lebt, dem es genügt zu wissen, daß Gott alles weiß und daß er zur rechten Zeit seine Werke durch seine Boten verkündet.

Das Evangelium deutet uns ein von Gott erfülltes Schweigen Mariens an. In der Vertrautheit mit Gott reicht das Erfassen des Mysteriums immer tiefer. Denn wie Augustinus schreibt: »Schwierig ist es, im Menschengewühl Christus zu schauen; eine gewisse Zurückgezogenheit ist für das Herz nötig. In dieser Art von Einsamkeit des Blickes zeigt sich Gott.«3 Maria denkt nicht nur nach, sie erwägt alles im Herzen, was sie erlebt: die überraschenden Geschehnisse, die Worte des Sohnes, die Reaktionen des Volkes. Sie lehrt uns Innerlichkeit, Sammlung.

Fragen wir uns, wie es um unsere Bereitschaft steht, den optischen und akustischen Dauerreizen die innere Sammlung als Raum der Begegnung mit Gott vorzuziehen.

II. Die Verkündigung ist »der Höhepunkt für den Glauben Marias in der Erwartung Christi; sie ist aber auch der Ausgangspunkt, an dem ihr ganzer >Weg zu Gott<, ihr Glaubensweg, beginnt.«4 In dem Maße, in dem der Glaube Mariens wächst und sich in ihm das Mysterium ihres Sohnes nach und nach erschließt, gedeihen Zartgefühl und Zurückhaltung, die unentbehrlich sind, um Heiliges nicht leichtfertig preiszugeben. Maria wird vieles aus den verborgenen Jahren in Nazaret in ihrem Inneren gehütet haben. Und als der Herr sein öffentliches Leben begann, verstand sie es, sich feinfühlig zurückzuhalten. Das Evangelium will wohl andeuten, daß sie in Nazaret blieb, denn es spricht von den Frauen in der Nachfolge Christi5, erwähnt aber nicht die Mutter. Hin und wieder wird sie ihrem Sohn gefolgt sein, wie uns etwa das heutige Evangelium schildert6: In Begleitung von Verwandten kam sie in das Haus, in dem Jesus sich aufhielt; sie konnten aber wegen der vielen Leute nicht zu ihm gelangen. Da sagte man ihm, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und möchten dich sehen. Matthäus sagt: Jesus streckte die Hand über seine Jünger aus7. Markus schreibt ausführlicher: Und er blickte auf die Menschen, die um ihn herum saßen und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.8 Es ist das höchste Lob für die Mutter, denn keiner hat wie Maria den Willen Gottes erfüllt. In einem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: »Im Verlauf seiner Verkündigung nahm sie die Worte auf, in denen der Sohn das die Ansprüche und Bande von Fleisch und Blut übersteigende Reich predigte und die seligpries, die das Wort Gottes hören und bewahren, wie sie selbst es getreulich tat.«9

Innere Sammlung ist nötig, damit wir das Wort Gottes hören und in uns bewahren können. Dieses Wort ist wie ein Samen; er soll zuerst aufgenommen werden, wird dann Wurzeln schlagen, aufbrechen und sichtbar werden.

III. Sich sammeln ist eine urmenschliche Haltung. Jeder, der im menschlichen Leben mehr als nur eine Abfolge sinnloser Geschehnisse sieht, sucht seinen tieferen Sinn zu ergründen. »Das persönliche Ich ist im Innersten der Seele ganz eigentlich zuhause. Wenn es hier lebt, dann verfügt es über die gesammelte Kraft der Seele und kann sie frei einsetzen. Dann ist es auch dem Sinn alles Geschehens am nächsten und aufgeschlossen für die Forderungen, die an es herantreten, am besten geeignet, ihre Bedeutung und Tragweite zu ermessen. Es gibt aber wenige Menschen, die so >gesammelt< leben. Bei den meisten hat das Ich seinen Standort vielmehr an der Oberfläche, wird wohl gelegentlich durch >große Ereignisse< erschüttert und in die Tiefe gezogen, sucht dann auch dem Geschehen durch ein angemessenes Verhalten zu entsprechen, kehrt aber nach längerem oder kürzerem Verweilen doch wieder an die Oberfläche zurück. (...) Aber wer gesammelt in der Tiefe lebt, der sieht auch die >kleinen Dinge< in großen Zusammenhängen; nur er vermag ihr Gewicht - an letzten Maßstäben gemessen - in der richtigen Weise einzuschätzen und sein Verhalten entsprechend zu regeln. Nur bei ihm ist die Seele auf dem Wege zur letzten Durchformung und zur Vollendung ihres Seins.«10

Innerlichkeit ist mit unseren Aufgaben in der Welt sehr wohl vereinbar: mit der Betriebsamkeit am Arbeitsplatz, dem Trubel in der Familie, der Hast und Hektik gesellschaftlicher Verpflichtungen. »Ein Kind Gottes muß kontemplativ sein, das heißt ein Mensch, der mitten im Lärm der Umwelt im ständigen Gespräch mit dem Herrn das Schweigen der Seele zu finden weiß und der auf ihn schaut wie auf einen Vater oder einen Freund, den man grenzenlos liebt.«11

Wie oft dagegen drohen wir uns an bloße Äußerlichkeiten zu verlieren, uns den banalen Reizen von Medien oder Werbung zu überlassen, sei es aus Müdigkeit, sei es, weil wir uns einfach treiben lassen. Wären wir manches Mal nicht froh, uns im entscheidenden Augenblick einen Ruck gegeben zu haben zu einer lohnenden Lektüre, einem anregenden Film, einer entspannenden Unterhaltung, bei denen unsere innere Sammlung nicht nur nicht gestört wird, sondern Anregung und Lebendigkeit erfährt?

Damit wir mitten im Gewühl der Welt Gott im Inneren unseres Herzens begegnen können, sind jene Zeitspannen besonders wichtig, die wir ausschließlich und gesammelt dem Gespräch mit dem Herrn widmen. Im »Weg« heißt es: »Versuche jeden Tag ein paar Minuten für jene gesegnete Einsamkeit auszusparen, die so dringend nötig ist, um das innere Leben in Gang zu halten.«12

Im erfüllten Schweigen Mariens gewinnen die wenigen Worte, die wir von ihr kennen, Gewicht. Am Ende unserer Meditation halten wir uns das einzige Wort von ihr gegenwärtig, das wie ein Befehl ist: Was er euch sagt, das tut!13

2,18. – 2,51. – Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium, 17,11. – Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 14. – vgl. 8,2-3. – 8,19-21. – 12,49. – 3,34. – II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 58. – Edith Stein, Endliches und ewiges Sein, Freiburg 1986, S.404. – J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.738. – J.Escrivá, , Nr.304. – 2,5.