Tagesmeditation

JAHRESKREIS
30. WOCHE – SAMSTAG

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DEMUT, DANK, DIENST

Die Wurzeln echter Demut.
Demut, Wahrheit, Geschöpflichkeit.
Dank für Gottes Geschenke.

I. Der Samstag gilt nach altem christlichen Brauch als ein besonders der Muttergottes geweihter Tag. An sie wenden wir uns jetzt mit der Bitte, sie möge uns helfen, die Lehre des heutigen Evangeliums1 für uns fruchtbar werden zu lassen.

Als Jesus in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Der Evangelist läßt den Grund durchblicken: es war nämlich an einem Sabbat. Aber auch der Herr verfolgt aufmerksam das Betragen der Gäste. Sie drängeln und schieben sich nach vorn zu den Ehrenplätzen hin. Es ist eine Art verborgener Pharisäismus, ein triebhafter Geltungsdrang, nach Ansehen fiebernd und mehr vom Schein als vom Sein bestimmt.

Der Herr wird sich Zeit gelassen haben, bis er jene Unsitte zum Anlaß einer grundlegenden Belehrung nimmt: Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, suche dir nicht den Ehrenplatz aus (…), setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen Gästen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Wir wissen nicht, welchen Platz der Gastgeber dem Herrn zugewiesen hatte. Ob jemand unter den Gästen auf den Gedanken kam, der beste Platz sei der neben Jesus? Auch das wissen wir nicht. Und doch: Wie anregend ist es, diesen Gedanken auf unser geistliches Leben anzuwenden! Ist uns die flüchtige Anerkennung durch die Menschen wichtiger als die Nähe zu Christus? Nehmen wir uns in acht, damit der legitime Wunsch, geachtet zu sein, sich nicht verselbständigt und zum Hauptmotiv unserer Handlungen wird? Wie stehen wir vor Gott da? Suchen wir die Nähe des Herrn? Da finden wir die Wurzeln echter Demut, »eine zwar nicht vergessene, aber auf vielerlei Art mißdeutete und mißkannte Tugend«2.

Mutter Teresa schreibt: »Jesus hat gesagt: >Lernt von mir.< In unseren Betrachtungen sollten wir immer sagen: >Jesus, mache aus mir einen Heiligen nach deinem Herzen, sanft und demütig.< Wir sollen in dem Geist antworten, in dem Jesus sich unsere Antwort wünscht. (...) Haben wir ihn in seiner Demut wirklich verstanden? Finden wir an dieser Demut Geschmack, zieht sie uns an?«3 Die vollkommene Antwort auf die Erwartungen des Herrn finden wir bei Maria: »>Quia respexit humilitatem ancillae suae< - denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er herabgeschaut ...

Jeden Tag bin ich tiefer davon überzeugt, daß die echte Demut die übernatürliche Grundlage aller Tugenden ist!

Sprich darüber mit Unserer Lieben Frau, damit sie uns beisteht, diesen Weg zu gehen.«4

II. Was aber ist Demut? Ein Blick auf die Muttergottes läßt uns gewahr werden, daß das Eigentliche dieser Tugend nicht darin besteht, ungeordnete Regungen des Hochmuts, des Ehrgeizes, der Eitelkeit niederzuringen – denn Maria war von solchen Regungen frei, und doch war sie unvergleichlich demütig.

Das Wort humilitas ist mit humus – Erde, Boden – verwandt. Demut heißt Erdnähe, Bodennähe. »Demut ist die Erkenntnis und die bejahende Anerkennung des unaussprechbaren Abstandes zwischen Schöpfer und Geschöpf. Sie ist also in einem ganz präzisen Sinn >die dem Menschen eigentümliche Würde vor Gott< (Gertrud von le Fort). Die Würde des Menschen als eines geistbegabten Wesens liegt nämlich in nichts anderem als darin, seinsgerecht - das heißt: wahr - zu erkennen und aus freier Entscheidung wirklichkeitsgemäß zu handeln.«5

Die heilige Theresia von Avila schreibt: »Ich dachte einmal über den Grund nach, warum unser Herr ein so großer Liebhaber der Demut ist. Da kam mir, wie ich glaube, plötzlich und wie von selbst der Gedanke: Gott ist die höchste Wahrheit, und die Demut ist ein Wandeln in der Wahrheit. Denn es ist ganz gewiß wahr, daß wir von uns selbst nichts Gutes, sondern nur Armseligkeit und das Nichtssein haben. Wer dies nicht erkennt, der wandelt in der Lüge; je mehr wir aber dies erkennen, um so mehr entsprechen wir der höchsten Wahrheit, weil wir dann in der Wahrheit wandeln.«6

Grundlage der Demut ist also die Wahrheit, die Wirklichkeit, die Anerkennung des unendlichen Abstandes zwischen Schöpfer und Geschöpf. Je deutlicher wir uns dieses Abstands bewußt sind, um so dankbarer werden wir für die Hinneigung Gottes zu seinen Geschöpfen. »Wer von oben empfangen will, der muß notwendigerweise ganz unten sein in rechter Demut (…). Sieh zu, daß du dich hinab begibst in rechter Demut unter Gott und daß du (andererseits) Gott erhebst in deinem Herzen und in deinem Erkennen.«7

Das Geschöpf, das sich in Demut Gott öffnet, wird von ihm erhöht. Die Seele wird dann zu hohen Zielen fähig. Auch hier hilft uns die Betrachtung Mariens, nachdem sie ihre Auserwählung erfahren hat. Zum Engel sagt sie schlicht, sie sei die Magd des Herrn8. Wenn sie von Elisabet das Lob ihres Glaubens vernimmt – Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen9 -, macht sie sich bereit, ihr zu dienen. Die 10 enthüllt nicht einmal ihrem Bräutigam, dem heiligen Josef, das Geheimnis ihrer Auserwählung: sie überläßt Gott die Erklärung und den Zeitpunkt. Ihr Jubel richtet sich auf die Großtaten des Allmächtigen. Sie bietet dem Herrn ihre Niedrigkeit und ihre Hingabe an11 und ist fähig, sich selbst zu vergessen und Gott die Mitte ihres Lebens, ihrer Pläne, ihres Willens sein zu lassen. An ihrem Beispiel erkennen wir die Eigenart des Geschöpfseins: bedürftig und geborgen zugleich, weil nicht aus sich selbst, sondern von Gott kommend und von ihm getragen. Die Hingabe Mariens sucht die Ehre Gottes, nicht das Lob seitens anderer Menschen oder das Brillieren vor anderen. Sie ist das Gegenteil von den Tischgenossen Jesu beim Gastmahl.

In der Magd des Herrn verwirklicht sich ganz das Wort an die Geladenen, das die Lehre des Herrn zusammenfaßt: wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Wer sich vorbehaltlos in den Dienst Gottes stellt, wird zu ungeahnten Höhen aufsteigen: er nimmt am Innenleben Gottes teil und wird gleichsam vergöttlicht; aber – anders als zu Beginn der Menschheitsgeschichte – nicht in vermessenem Hochmut, sondern auf dem gottgefälligen Weg der Demut und der Fügsamkeit seinem Willen gegenüber. Dies geschieht bei Maria: Wir begrüßen sie als Regina, Königin aller Engel und Heiligen.12

Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott.13 Der Demütige lobpreist Gott und dankt ihm. Er freut sich; denn die Demut läßt ihn entdecken, daß alles Gute in ihm – sowohl auf der Ebene der Natur als auch der Gnade – von Gott kommt.

Es gibt Geschenke – manchmal Dinge, oft Menschen -, die uns innerlich zum Singen bringen; und das ganz unverdient, was uns helfen kann, bescheidener und realistischer zu werden. Nicht nur Selbstüberschätzung und Überheblichkeit, sondern auch Befangenheit, Kleinmut und Mediokrität stehen im Widerspruch zu echter Demut. Sie karikieren sie. Der Demütige läßt sich in Gottes Hände fallen und freut sich, wenn er sieht, daß Gott durch ihn Großes tun will. So wird er großmütig, hochherzig, offen für große Unternehmungen , weil sie zur Ehre Gottes gereichen. Er wagt vieles, weil er mit der Gnade Gottes rechnet, die alles vermag. Er ist kühn im Bitten, weil er weiß, daß ihm die göttliche Hilfe nicht fehlen wird. Dieses Sich-Beschenktwissen macht ihn für die Freundschaft besonders offen, das heißt für das apostolische Zeugnis unter den Mitmenschen.

Deshalb können Nächstenliebe und Dienstbereitschaft ein Hinweis darauf sein, daß man sich um Demut bemüht – und umgekehrt. Goethe beeindruckte, was man ihm in Rom über den heiligen Philipp Neri erzählte; besonders eine Geschichte, die er in seiner »Italienischen Reise« wiedergibt, hatte es ihm offensichtlich angetan: Der Papst hatte von einer wundertätigen Nonne in einem Kloster auf dem Lande erfahren und Philipp Neri zur Untersuchung der Angelegenheit dorthin geschickt. Dieser fand sich schon kurz darauf wieder beim Papst ein, der sich sehr wunderte. Der Heilige erklärte ihm den Grund: »Ich komme, durch schlimmen Weg und Wetter übel zugerichtet, im Kloster an; ich lasse sie in Eurem Namen vor mich fordern; sie erscheint, und ich reiche ihr statt des Grußes den Stiefel hin, mit der Andeutung, sie solle mir ihn ausziehen. Entsetzt fährt sie zurück, und mit Schelten und Zorn erwidert sie mein Ansinnen; für was ich sie halte, ruft sie aus; die Magd des Herrn sei sie, aber nicht eines jeden, der daherkomme … Ich erhob mich gelassen, setzte mich wieder auf mein Tier, stehe wieder vor Euch und bin überzeugt, Ihr werdet keine weitere Prüfung nötig finden.« Der Heilige faßt zusammen: »Diese tut kein Wunder, denn es fehlt ihr an der ersten christlichen Tugend, der Demut.«14 Freude und Dienstbereitschaft sind Kennzeichen der demütigen, Traurigkeit und Groll der hochmütigen Seele. Der heilige Thomas nennt den Hochmut »Wurzel und Mutter« aller Sünden und das größte Hindernis für das Wirken der Gnade.15

Wie am Anfang unseres Gebetes richten wir unseren Blick auf Maria. »Kein anderes Geschöpf hat sich wie sie mit solcher Demut den Plänen Gottes hingegeben. Da sie die ancilla Domini (Lk 1,38), die Magd des Herrn ist, rufen wir sie als causa nostrae laetitiae, als die Ursache unserer Freude an. Eva, in ihrer verblendeten Anmaßung, Gott gleich sein zu wollen, sündigt, verbirgt sich vor dem Herrn, schämt sich, ist traurig. Maria, die sich als Magd des Herrn bekennt, wird zur Mutter des göttlichen Wortes und ist voller Freude. Möge Unsere Liebe Frau uns mit dieser herrlichen Freude anstecken, damit wir ihr darin gleichen und so Christus ähnlicher werden.«14

Lk 14,1.7-11. – 2 J.Pieper, Lieben, Hoffen, Glauben, München 1986, S.206. – 3 Mutter Teresa, Beschaulich inmitten der Welt, Einsiedeln 1990, S.28. – 4 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.289. – 5 Pieper, a.a.O., S.207. – 6 Theresia von Avila, Seelenburg, 6,10,7. – 7 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund (Auswahl), Freiburg 1990, S.90. – 8 vgl. Lk 1,38. – 9 Lk 1,42. – 10 vgl. Lk 1,28. – 11 vgl. Lk 1,47-49. – 12 vgl. Lauretanische Litanei. – 13 Lk 1,46-47. – 14 J.W.v.Goethe, Italienische Reise, Eintragung »Neapel Sonnabend den 2. Juni«= (1787). – 15 vgl. Thomas von Aquin, Sunmma theologica, II-I, q.162, a.7-8. – 16 J.Escrivá, Freunde Gottes, 109.