Tagesmeditation

JAHRESKREIS
25. WOCHE – DONNERSTAG

16

DEN HERRN SEHEN WOLLEN

Vielfältige Gründe für den Wunsch, Jesus zu sehen.

Die heilige Menschheit Jesu Christi.

Die Anbetung des eucharistischen Herrn.

I. Jesus sehen wollen … Hin und wieder begegnen uns im Evangelium Menschen, die diesen Wunsch äußern. Ganz am Anfang sind es die Weisen aus dem Morgenlande: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen Ein anderes Mal sind es Fremde, die in Jerusalem zum Osterfest weilen: Sie traten an Philippus heran (…) und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen Die einen wurden vom Stern geführt. Die anderen hegten vielleicht die geheime Hoffnung, in dem großen Wundertäter den verheißenen Messias zu finden, von dem auch sie – Nichtjuden – gehört hatten. Im heutigen Evangelium begegnen wir einer anderen Gestalt, die denselben Wunsch äußert: Der Tetrarch Herodes hörte von allem, was geschah, und wußte nicht, was er davon halten sollte. (…) Und er hatte den Wunsch, ihn einmal zu sehen3

Vielleicht bewegte Herodes die bloße Neugier eines gelangweilten Höflings, vielleicht auch etwas von jener Beunruhigung, die von Johannes dem Täufer ausging. Doch den Täufer ließ er töten, den Herrn sieht er erst mitten in der Passion und macht sich dann über ihn lustig. Herodes gehört zu jenen, für die das Wort Jesu an die Pharisäer gilt: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen5

 Wie anders war das Sehen der Apostel! Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören Sie erleben, wie die Verheißungen Wirklichkeit werden, auf die die Patriarchen und Propheten des Alten Testaments so sehnsüchtig gewartet hatten. Mose verhüllte sein Angesicht, als er vor dem brennenden Dornbusch stand und die Stimme Gottes vernahm; Jakob sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, aber im Kampf mit dem Engel streifte ihn nur ein Schatten der göttlichen Macht. Der Herr kann seinen Jüngern sagen: Amen, ich sage euch, viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht9

Dieses Wort – Jesus sehen – ist uns wohlvertraut. Im Glauben wissen wir, daß er uns nahe und daß für uns ein »Sehen« möglich ist, das an der Sehnsucht der Alten teilhat und gleichzeitig erfüllt ist von der neuen Hoffnung, die uns durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes gegeben ist. Aber ihn im Glauben und in der Hoffnung zu gewahren, erfordert die Lauterkeit des Blicks. Mit den Gerechten des Alten Bundes beten wir die Worte des Psalms: Vultum tuum Domine requiram … Dein Angesicht, Herr, will ich suchen – immer und in allem.

II. Wer sucht, der findet Aber Herodes war kein wirklich Suchender. Der Erlöser stand vor ihm, er aber fand ihn nicht, denn seine Freude, Jesus endlich zu sehen, war frivol. Er hoffte, ein Wunder von ihm zu sehen, dem fürstlichen Hof eine prickelnde Stunde zu bieten. Jesus gab ihm keine Antwort12

Suchende waren Maria und Josef, die das Kind nach drei Tagen im Tempel wiederfanden; auch Zachäus ist ein Suchender, der alles tut, was ihm zu Gebote steht. Jesus gibt ihm daraufhin weit mehr, als er sich erträumen konnte: er will sein Gast sein.14

Wir suchen und finden Christi Antlitz im Gebet, vor allem wenn wir seine heilige Menschheit betrachten. »Das eigentliche Gebet zu Christus (…) vollzieht jenes Verhältnis, in das er uns hineingenommen hat. Darin bittet der Betende, Christus möge geben, daß er ihn verstehe; er schaut den Herrn an; sinnt über sein Leben und seine Worte nach; dringt in seine Wahrheit ein. Er läßt sich durch Christi heilige Lehre die Gedanken ordnen und erleuchten; fragt, was er tun solle, um ihm nachzufolgen; trägt sein Leben in das Licht seiner Worte und Handlungen. Er bittet Christus um seine Liebe; gewöhnt sein Herz in sie hinein, die so anders ist, als was unsere Natur Liebe nennt, und sucht sie zu einer Macht im eigenen Dasein werden zu lassen. Er stellt sich in Christi erlösende Tat und bittet ihn, sein Leben vor der Gerechtigkeit des Vaters zu vertreten. Er verlangt, in den neuen Anfang aufgenommen zu werden, den Christus aufgetan hat, und ruft das Geheimnis der Neuschöpfung an, daß es sich in ihm verwirkliche.

Das Gebet zu Christus sucht das Angesicht des Sohnes, der für uns Mensch geworden ist, und tut es mit Zuversicht, denn Christus ist ja keine bloße Gestalt der Geschichte, die einst da war und von der nur jene Spuren geblieben sind, die sie mit Tat und Werk hinterlassen hat, sondern er lebt. Der Christus, der einst war, ist immer noch und bleibt in Ewigkeit. Und nicht fern, weggegangen in seine Herrlichkeit, sondern uns nah, jedem von uns zugewendet.«15

Bei der heiligen Theresia von Avila lesen wir: »Als ich eines Tages in die Kapelle ging, da geschah es, daß mein Blick auf ein Bild fiel (…). Es stellte Christus mit vielen Wunden bedeckt dar und war so andachtserweckend, daß ich bei dessen Betrachtung ganz darüber bestürzt wurde, den Heiland so zugerichtet zu erblicken; denn es war hier lebendig zum Ausdruck gebracht, was er für uns gelitten. Bei dem Gedanken an die Undankbarkeit, womit ich ihm diese Wunden vergolten, war mein Schmerz so groß, daß mir das Herz zu brechen schien. Ich warf mich vor ihm nieder, und mit vielen Tränen bat ich ihn, er möge mich doch endlich einmal stärken, damit ich ihn nicht mehr beleidige.«16

Es wäre unnatürlich, das Sinnenhafte von unserem Gebet auszuschließen. Die Betrachtung eines Bildes des Gottmenschen Jesus Christus – vor uns oder im Geiste – vermag sehr wohl das Herz zu bewegen und im Willen Vorsätze reifen zu lassen.

III. Wir suchen und finden ihn im Tabernakel: Einst am Kreuz verhüllte sich der Gottheit Glanz, hier ist auch verborgen deine Menschheit ganz. Beide sieht mein Glaube in dem Brote hier, wie der Schächer ruf‘ ich, Herr, um Gnad‘ zu dir Dort ist Christus gegenwärtig bis ans Ende der Zeiten. Solange wir unterwegs sind, nähren wir unsere Hoffnung, wie wir gesehen haben, aus der Betrachtung seiner heiligsten Menschheit. Aber vor allem stärkt uns die Anbetung des eucharistischen Herrn. Wir bekennen, daß in der Eucharistie der ganze Christus gegenwärtig ist – mit Leib und Seele, Gottheit und Menschheit: Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir. Was Gott Sohn gesprochen, nehm‘ ich glaubend an, er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.18

Die Kommunion, ein kurzer Besuch beim Allerheiligsten im Laufe des Tages oder einfach ein Gruß beim Vorbeigehen an einer Kirche können in uns den Wunsch wecken, ihn, der uns immer nahe ist, auch als den Nahen zu erfahren: Christus suchen wie Maria und Josef, wie Zachäus, wie die Volksmenge. Und wissen, daß er uns nahe bleibt selbst dann, wenn wir ihn nicht suchen oder ihn – von unseren alltäglichen Angelegenheiten absorbiert – aus dem Auge verlieren.

Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht, stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht, laß die Schleier fallen einst in deinem Licht, daß ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.  Dereinst werden die Schleier fallen. Der König der Herrlichkeit wird uns in sein Reich aufnehmen. Und wir werden ihn sehen von Angesicht zu Angesicht.

Maria, die uns im Glauben vorangeht, möge uns den klaren Blick schenken, daß wir im Schatten des Irdischen Christus finden und anbeten.

2,2. – 12,21. – 9,7-9. – vgl. 23,6-12. – 13,14-15. – 13,16. – vgl. 3,4-6. – 32,31. – 13,17. – 27,8. – 7,8. – 23,8-9. – vgl. 6,9ff. – vgl. 19,1ff. – R.Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.88. – Theresia von Avila, , 9,1. – Hymnus Adoro te devote. – ebd. – ebd.