JAHRESKREIS
8. WOCHE – FREITAG
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VIELE BLÄTTER, ABER KEINE FRÜCHTE
Jesus
weist auf eine Entartung der Frömmigkeit hin.
Im geistlichen Leben gibt es nur scheinbar unfruchtbare Zeiten.
Zwei entgegengesetzte Gefahren.
I. Wir haben an den vergangenen Tagen Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem betrachtet. Das heutige Markus-Evangelium1 setzt nach seinem Einzug in die heilige Stadt ein und erwähnt einen kurzen Aufenthalt im Tempel: Nachdem er sich alles angesehen hatte, ging er spät am Abend mit den Zwölf nach Betanien hinaus. Wir wollen betrachten, was am nächsten Tag geschah, als er von Betanien nach Jerusalem zurückkehrte. Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen.
Bei Lukas findet sich ein Gleichnis vom Feigenbaum, den ein Mann in seinen Weinberg pflanzte: als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine2. Der Besitzer war enttäuscht: Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?, sagte er daraufhin zu seinem Gärtner.
Der Feigenbaum steht bei den Propheten des Alten Testaments als Symbol für Israel.3 Jahwe hat ihn gepflanzt und gehegt, er erwartet von ihm reiche Frucht. Doch dann die Enttäuschung: Will ich bei ihnen ernten – Spruch des Herrn -, so sind keine Trauben am Weinstock, keine Feigen am Feigenbaum, und das Laub ist verwelkt.4
Heute betrachten wir Jesus, der auf seinem Weg von Betanien nach Jerusalem an jenem Feigenbau vorbeikommt. Beim Evangelisten heißt es: der Herr hatte Hunger. Verweilen wir einen Moment bei dieser Aussage. Der menschgewordene Sohn Gottes ist uns auch darin nahe, er will alle Bedürfnisse und Nöte seiner Menschenbrüder teilen, um sie zu heiligen. Mit ihm ist Gott »in die Menschheitsgeschichte eingetreten; als Mensch ist er Subjekt dieser Geschichte geworden, einer von Milliarden und gleichzeitig dieser eine! Durch die Menschwerdung hat Gott dem menschlichen Leben jene Dimension gegeben, die er ihm von Anfang an zugedacht hat.«5
Er fand an dem Baum nichts als Blätter, heißt es dann weiter. Es ist die Zeit kurz vor dem jüdischen Osterfest: »Im April gibt es nur unentwickelte Feigen, von denen viele abfallen, aber noch längst nicht die reifen, saftreichen >Frühfeigen<, die erst im Juni zu erwarten sind, geschweige die eigentlichen, weniger saftigen >Feigen< der Haupternte, welche an den neuen Trieben des Jahres im August reifen werden.«6 Jesus wußte gut, daß noch nicht die Zeit der Feigen war. Der Evangelist vermerkt ausdrücklich, gleichsam um den Baum in Schutz zu nehmen: denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Und doch verflucht ihn der Herr: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen.
Am Abend verließen sie die Stadt dann erneut, wohl um nach Betanien zurückzukehren. Wir dürfen annehmen, daß Jesus bei den drei Geschwistern Marta, Maria und Lazarus einkehrte. Als er und seine Jünger dann am nächsten Morgen abermals in die Stadt zurückkehren, kommen sie wieder am Feigenbaum vorbei: da sehen die Jünger, daß er bis zu den Wurzeln verdorrt war7. Erstaunt macht Petrus den Herrn darauf aufmerksam, doch Jesus geht nicht weiter darauf ein, er belehrt seine Jünger stattdessen über die bergeversetzende Kraft des Glaubens und über das rechte Beten.
Zwischen die Verfluchung des Feigenbaums und ihre Erfüllung hat der Evangelist die Tempelreinigung eingeschoben. »Aus praktischen Gründen erlaubte es die Tempelverwaltung, daß die beteiligten Viehhändler und Geldwechsler ihre Geschäfte mit den Tempelbesuchern im äußersten Vorhof des Tempels (>Vorhof der Heiden<) abwickelten. Die Einrichtung war einerseits ein Entgegenkommen gegenüber den Tempelbesuchern und sollte ihnen die Erfüllung ihrer kultischen Pflichten erleichtern, brachte aber andererseits den Inhabern dieser Konzession, unter denen rabbinische Quellen die Familie des Hohenpriesters Annas nennen, reiche Gewinne ein. In diesem wohlorganisierten Frömmigkeitsbetrieb, der eine allzu enge örtliche Verbindung und Verquickung von Religion und Geschäft bedingte und bei dem sich das Geschäft so offen in den Vordergrund drängte, erblickt Jesus eine Entweihung des Tempels selbst.«8 Die Verfluchung des Baumes ist symbolisch-lehrhaft zu verstehen: der Herr verwirft die Veräußerlichung des Glaubens im Volk Gottes ebenso wie eine entartete Frömmigkeit. Jesus wollte seinen Jüngern auf einprägsame Weise zeigen, daß Gott zum jüdischen Vol= 8 Die Verfluchung des Baumes ist symbolisch-lehrhaft zu verstehen: der Herr verwirft die Veräußerlichung des Glaubens im Volk Gottes ebenso wie eine entartete Frömmigkeit. Jesus wollte seinen Jüngern auf einprägsame Weise zeigen, daß Gott zum jüdischen Vok gekommen war, hungrig nach Früchten der Heiligkeit, aber nur betriebsame Äußerlichkeiten vorfand, eben nur Laubwerk.
II. Die Lebensphasen eines Baumes lassen sich gleichnishaft auf unser Leben übertragen. Der verborgene Samen keimt und senkt Wurzeln ins Erdreich, der junge Stamm treibt Blätter, sie suchen Sonne und Luft, später spendet sein Astwerk Schatten und ist schön: sattes Leben. Im Herbst fallen die Blätter zu Boden: Tod und Vergängnis. Im Winter ist der Baum kahl und wird durchsichtig in seiner gewachsenen Struktur.
Aber der Herr greift angesichts des Feigenbaums nicht die naturhafte Symbolik auf, sondern gibt dem unfruchtbaren Baum eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Er fand an dem Baum nichts als Blätter. Jesus läßt die schöne, üppige Belaubung unbeachtet, er hat ausschließlich die Fruchtbarkeit im Blick: und nichts als Blätter ist nur der Anschein von Fruchtbarkeit. Wenn das innere Leben des Christen echt ist, bringt es immer Früchte – Werke des Glaubens zum eigenen geistlichen Nutzen und zum Nutzen der anderen.
Im geistlichen Leben gibt es keine unfruchtbaren Zeiten. Gott nähert sich uns und heiligt uns durch die alltägliche Arbeit, in Streßsituationen genauso wie mitten in beschaulicher Ruhe, in der Hektik wie in Ferien, im Erfolg wie im Mißerfolg, in wirtschaftlicher Not wie im Überfluß, in gesunden wie in kranken Tagen. Die Zeit der Liebe ist immer. Sind wir bemüht, hier und jetzt Frucht zu bringen? Oder warten wir ab und warten ab …?
Wer glaubt, versteht es, aus jeder Situation heraus angemessen zu agieren, und wartet nicht mit verschränkten Armen auf die vermeintlich ideale Situation. Indem wir tun, was wir können, bereiten wir der Liebe Gottes den Boden. Dann erkennen wir dankbar, daß der Herr unsere geringen Kräfte fruchtbar werden läßt.
Ist das Innenleben echt, verwurzelt im Umgang mit Gott in Gebet und Sakramenten, äußert es sich notwendigerweise in den konkreten Wirklichkeiten unseres Alltags: in Freundschaft und Familie. Überall ergeben sich dann Möglichkeiten, die geistlichen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit zu üben und so fruchtbar zu sein wie ein gesunder Baum.
Ein Innenleben, das nicht nach außen wirksam wird, verkümmert und stirbt ab. Eine existentielle Verbundenheit mit Christus dagegen läßt immer Früchte reifen: wir werden fähig, dann besser mit einem schwierigen Kollegen zusammenzuarbeiten, beständig gegen charakterliche Unebenheiten anzugehen, uns um Freundlichkeit und Verständnis zu bemühen. Selbst Lappalien erhalten dann den Wert einer inneren Überwindung: pünktliches Aufstehen in der Frühe, gelassenes Ertragen einer Erkältung oder das Warten im stockenden Straßenverkehr. Oft geht es dabei unmittelbar um unsere Mitmenschen – um ein Dankeschön oder ein Zur-Hand-Gehen – oder um unsere Arbeit: um gleichbleibende Konzentration oder die Kraft, mit dem Schwung des Anfangs Begonnenes zu beenden. Nur scheinbar sind all diese Dinge sachliche Verrichtungen. Wer tagsüber in der Gegenwart Gottes verharrt, sieht tiefer: ein Stoßgebet, ein Blick auf das Kreuz oder auf ein Bild Unserer Lieben Frau, ein Akt der Anbetung des Allerheiligsten beim Anblick einer Kirche in der Ferne – alles Anlässe, das Wort des Herrn in die Tat umzusetzen: Wer in mir bleibt, und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.9
III. Jesus steht vor dem Feigenbaum und findet nur Blätter. Bei einer anderen Gelegenheit sagt er: Mein Vater wird dadurch verherrlicht, daß ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.10 »Die Jünger werden diese Worte wohl kaum verstanden haben. Nicht umsonst verheißt er ihnen ja in ebendiesem Zusammenhang den Heiligen Geist! (…) Er erst wird den Sinn öffnen und die Worte verständlich machen. Aber die Jünger fühlen die Nähe und die aus Gott kommende Macht ihres Meisters.«11
Die Früchte unseres Tuns sollen so sein, daß wir durch sie den Vater, nicht uns selbst verherrlichen. An erster Stelle geht es also um die eigene innere Einstellung – ob bei einer sachlichen Verrichtung im beruflichen Alltag oder bei einem vielleicht entscheidenden Glaubensgespräch mit einem Freund. Verhaltensweisen, die einem sonst belanglos erscheinen könnten, erhalten von da her einen großen Wert, denn alles wird zum Zeichen eines Lebens in Gottes Gegenwart: die kleine Überwindung beim Essen, durch die wir unseren Leib zu beherrschen wissen, das Zurückdrängen des Unmuts und die Vermeidung einer überreizten Reaktion, die Sorge um Ordnung im Materiellen und in der Gestaltung unseres Arbeitstages … Das alles gehört auch zu der reichen Frucht, von der Jesus spricht, weil es auf Gott hin getan wird: in Dankbarkeit, weil wir es tun können, und in Demut, weil es so klein ist.
»Gott hat uns befohlen, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um Vollkommenheit zu erlangen. Unterlassen wir also nichts, was uns darin fördern kann. Haben wir dann das Unsere getan, müssen wir den Erfolg unseres Strebens und Mühens von Gott erwarten. (…) An uns ist es, das Erdreich unserer Seele getreulich zu bearbeiten. Das Ausmaß der Ernte müssen wir Gott anheimstellen. Der Bauer ist nicht tadelnswert, wenn er keine gute Ernte einbringen kann, wohl aber, wenn er seinen Acker nicht sorgfältig bestellt hat.«12
Hektik kann die Fruchtbarkeit des Tuns ebenso gefährden wie Passivität. Ohne das Fundament eines starken Innenlebens sind alle Anstrengungen unwirksam und nicht selten bloßer Ausdruck eines unlauteren Willens: den eitlen Wunsch, wahrgenommen zu werden. Auch Werke, die in sich gut sind, verlieren durch egoistischen Ehrgeiz ihre gute Ausrichtung und entraten zu einem rein menschlichen Tun.
Aber auch fromme Selbstbewahrung gefährdet die Fruchtbarkeit. Es entsteht dann »eine falsche Form von Bewußtheit, die in einem ständigen Durchwühlen des eigenen Gewissens, in einem fortwährenden Suchen nach der eigenen Vollkommenheit alle Aufmerksamkeit auf das eigene Ich, seine Sünden und Tugenden lenkt. Es kommt zu einem religiösen Egoismus, der den Menschen daran hindert, sich einfach dem Anblick Gottes zu öffnen und von sich fort auf ihn hinzuschauen. Der eigensinnige, ganz auf sich selbst bedachte Fromme hat keine Zeit mehr, Gottes Angesicht zu suchen und sein befreiendes erlösendes Ja zu hören.«13 Auch Frömmigkeitsübungen können wie der Feigenbaum sein, der nur Blätter trieb. Echtes inneres Leben führt unweigerlich zu apostolischen Impulsen.
In unserem heutigen Gespräch mit dem Herrn können wir uns fragen, ob unser Gebetsleben auch Initiativen in unserem Alltag zeitigt. Oder lassen wir uns zu leicht von dem Gedanken verführen, wir seien gegenüber der schwierigen Atmosphäre einer Universität, einer Werkstatt, eines Büros machtlos? Oder rechtfertigen wir uns damit, Familie und Beruf ließen keine Zeit mehr für apostolische Initiativen?
Beim heiligen Thomas lesen wir, »der Mensch kann niemals Gott so lieben, wie er geliebt werden soll«14, aber wir wissen, daß der Herr von uns erwartet, daß wir auf seine Liebe eingehen. Es genügt nicht, sich bequem und abwartend auf die göttliche Güte und Langmut zu verlassen. Der üppig belaubte Baum war am folgenden Morgen verdorrt. Er wird zum aufrüttelnden Bild für einen Menschen, der aus mißverstandener Frömmigkeit, aus Bequemlichkeit oder aus mangelndem Opfergeist nicht die gottgemäßen Früchte bringt.
Maria lieferte sich mit ihrem Fiat vorbehaltlos dem Wirken Gottes aus. Tief in der Demut verankert, konnte sie reiche Frucht bringen für die gesamte Menschheit.
1 Mk 11,11-25. – 2 Lk 13, 6-9. – 3 vgl. Hos 9,10. – 4 Jer 8,13. – 5 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 1. – 6 Regensburger Neues Testament, Bd.2, Regensburg 1958, S.208. – 7 Mk 11,20. – 8 Regensburger Neues Testament, a.a.O., S.211. – 9 Joh 15,5. – 10 Joh 15,8. – 11 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.423. – 12 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Zürich 1985, S.146f. – 13 J.Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.99. – 14 Thomas von Aquin, Summa theologica I-II,q.6,a.4.
