Tagesmeditation

JAHRESKREIS
10. WOCHE – FREITAG

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Reinheit des Herzens

Das neunte Gebot.
In der eigenen Lebenssituation.
Schamhaftigkeit, innere Souveränität.

I. Der Herr weist oft auf das Herz als den Ursprung menschlicher Motivationen hin. Aus diesem verborgenen Inneren nimmt alles seinen Ausgang: das Gute wie das Böse. »Das Herz ist der Sitz der sittlichen Persönlichkeit.«1 Im Herzen entsteht und gedeiht mit Hilfe der Gnade die liebenswürdige Zuwendung zum Nächsten. Die Reinheit des Herzens garantiert und weitet die Fähigkeit zu lieben: Mehr als alles behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.2 Unreinheit des Herzens dagegen zeugt böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen3.

Ein reines Herz ist die Voraussetzung für die wahre, ganzheitliche Liebe. Um sie zu erlangen, muß Gott es mit seiner Liebe erfüllen können, und das ist nur möglich, wenn man Umgang mit ihm pflegt. Dann ist es leichter, Versuchungen zu widerstehen und die Phantasie zu bändigen. Eine entfesselte Phantasie oder ein betörendes Tagträumen rauben uns den Kontakt mit der aktuellen Wirklichkeit und das Gespür für die Pflichten und Aufgaben der eigenen Lebenssituation. Man hält sich dann bei Ersatzbefriedigungen auf: selbstgefälligen Gedanken oder verklärenden Erinnerungen. Geht man gegen solche inneren Versuchungen nicht entschieden vor – nicht zuletzt durch das demütige und vertrauensvolle Gebet -, dann hat es die Gnade schwer, konkrete Ansatzpunkte zu finden. Dagegen schenkt der Heilige Geist, süßer Gast der Seele, dann seine Gnade, wenn man entschieden um ein reines Herz kämpft, das fähig ist, dem Hier und Jetzt sich frei zu stellen. Mit diesem Kampf kommt die Freude, die Frucht des Heiligen Geistes. Sie ist etwas ganz anderes als die Ersatzfreuden, die für gewöhnlich nur Bedrückung und einen schalen Nachgeschmack zurücklassen.

Im heutigen Evangelium4 belehrt uns der Herr darüber, daß jede Tat aus dem Innersten des Menschen – aus seinem Herzen – stammt: Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Jesus verdeutlicht hier den Inhalt des neunten Gebotes: Es verbietet innere Akte, also Gedanken, Wünsche und Vorstellungen, die gegen die Tugend der ehelichen Keuschheit gerichtet sind.

II. Das neunte Gebot zielt nicht allein auf das Vermeiden von Gedanken und Wünschen, die eindeutig unrein und gegen die Keuschheit gerichtet sind, sondern primär auf die Bewahrung des Herzens, damit es nicht von Gedanken und Gefühlen überschwemmt wird, die die Liebe ersticken. Herzensreinheit bedeutet Wahrung der inneren Souveränität. Sie bringt kluge Zurückhaltung mit sich und das Vermeiden einer mißverständlichen Gefühlsbetontheit oder einer auffälligen Zuwendung dort, wo die Natürlichkeit eher Distanz gebietet, damit Empfindungen und Gefühle nicht außer Kontrolle geraten. Es bedeutet, stets im vollen Einklang mit der eigenen Berufung und dem eigenen Stand zu leben. Die zur Ehe berufen sind, sollen ihr Herz auschließlich für den Gatten bewahren, am Anfang der Ehe genauso wie nach vielen Jahren gemeinsamen Lebens. Dafür ist es notwendig, die Ausrichtung des Herzens oft zu prüfen und nicht zuzulassen, daß es sich in wirkliche oder eingebildete Ersatzbefriedigungen verstrickt. Die Gatten sollen »niemals vergessen, daß das Geheimnis des ehelichen Glücks im Alltäglichen zu finden ist und nicht in Träumereien (…). Ich versäume keine Gelegenheit, um denen, die Gott zur Gründung einer Familie berufen hat, zu sagen, daß sie stets versuchen sollen, sich mit der gleichen freudigen Liebe zu begegnen, die sie als Brautleute zueinander hegten. Welch armselige Auffassung von der Ehe, die doch ein Sakrament, ein Ideal und eine Berufung ist, hat derjenige, der meint, die Liebe habe aufgehört, wenn die Sorgen und Schwierigkeiten beginnen, die das Leben stets mit sich bringt.«5

Von einigen erwartet der Herr die ungeteilte Hingabe des Herzens in der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, die Zeichen »des Vorrangs der Verbindung mit Christus« ist und daran erinnert, »daß die Ehe der Weltzeit angehört, die vorübergeht«6. Dies erfordert eine besondere Wachsamkeit, um die Seele frei von Bindungen zu bewahren, die zu Fesseln werden.

Der Herr schenkt immer seine Gnade, damit jeder in seiner spezifischen Lebenssituation das Herz unbeschwert bewahren kann, frei von Ersatzbefriedigungen, die die Berufung anschlagen und ihr später den Todesstoß versetzen. Das Herz wurde zur Liebe geschaffen, und es erträgt die Leere nicht. Wenn es nicht fest in der Gottesliebe verankert ist, dann landet es am Ende in tausenderlei Liebeleien. Nicht daß uns Versuchungen erspart blieben, aber mit Hilfe der Gnade enttarnen wir unlautere Regungen des Herzens als Schlingen, die man zerreißen muß.

Es geht nicht um übertriebene Ängstlichkeit, die immer und überall Gefährdungen sieht, sondern um eine – beseligte – Nüchternheit, um das Ideal unseres Lebens – die Berufung zur Ehe oder zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen – wie ein Kleinod zu pflegen.

III. »Zur Läuterung des Herzens braucht es Gebet, Keuschheit, Reinheit der Absicht und des Blickes.«7 Das Zügeln der Blicke ist ein Teil der Schamhaftigkeit. Es »ist ein wesentlicher Bestandteil der Mäßigung« und »wahrt den Intimbereich des Menschen. Es weigert sich zu enthüllen, was verborgen bleiben soll. Es ist auf die Keuschheit hingeordnet, deren Feingefühl sie bezeugt. Es lenkt Blicke und Gesten entsprechend der Würde des Menschen und ihrer Verbundenheit.«8 Und weiter heißt es im Katechismus: »Es gibt eine Schamhaftigkeit der Gefühle wie des Körpers. Sie erhebt z.B. Einspruch gegen die >voyeuristische< Ausbeutung des menschlichen Körpers in gewissen Reklamen oder gegen die Bestrebungen mancher Medien, bei der Enthüllung intimer Dinge zu weit zu gehen. Die Schamhaftigkeit regt zu einer Lebensweise an, die den Zwängen der Mode und dem Druck vorherrschender Ideologien widersteht.«9

Schamgefühl »bedeutet weder Unwissenheit noch Angst, weder Prüderie noch Koketterie, sondern gerade Hort für das >Individuum< (das Unteilbare) und dessen Werte.«10 Manchmal rät das Gewissen, in Beziehungen, die affektiv leicht außer Kontrolle geraten können, Distanz zu wahren, Vertraulichkeiten etwa im Äußern persönlicher Empfindungen zu meiden und sogar einem Menschen aus dem Weg zu gehen. Wer sein Gewissen aufrichtig vor Gott befragt, wird leichter herausfinden, welche Motive im Umgang miteinander bestimmend sind, und die eigentlichen Beweggründe erkennen.

Nicht um ein Unterdrücken der Gefühle geht es, sondern um ihre innere Geordnetheit, die das Herz leitet und es gegen trübe Regungen immunisiert.

Die Herzensreinheit erfordert auch die Herrschaft über das Erinnerungsvermögen. Fragwürdige Gespräche, Bilder oder Begegnungen, die man zurückruft, können die Affektivität wie glimmende Asche neu entfachen. Ähnlich verhindert die Flucht in eine imaginäre Traumwelt das Offensein für die Wirklichkeit. Solche Versuchungen können zu Zeiten der Niedergeschlagenheit oder der physischen Erschöpfung besonders gefährlich werden als willkommene Ersatzwelten für einen trockenen und widerspenstigen Alltag. Dieser mag tatsächlich karg und trocken sein, aber es ist der Ort unserer Bewährung als Menschen und als Christen. Anstatt in irreale Welten zu flüchten, gilt es, die vielen kleinen Belohnungen, die jeder Tag birgt, bewußt zu registrieren: Menschen, denen wir helfen konnten, Entdeckungen, die wir machen durften, Erkenntnisse, die uns geschenkt worden sind. Auch sie sind Früchte eines reinen Herzens, das Welt und Dinge so zu kosten vermag, wie sie sind.

Prüfen wir heute, wo wir im Lauf des Tages unser Herz haben. »Erlaube mir einen Rat, den du jeden Tag befolgen kannst. Wenn dein Herz all das Niedrige, das auf seinem Grunde ruht, aufwühlen möchte – dann bete langsam zur Unbefleckten Jungfrau: Blicke auf mich mit Barmherzigkeit und verlaß mich nicht, du meine Mutter! – Und gib diesen Rat auch an die anderen weiter!«11

1 Katechismus der Katholischen Kirche, 2517. – 2 Spr 4,23. – 3 Mt 15,19. – 4 Mt 5,27-32. – 5 Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 91. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 1619. – 7 ebd., 2532. – 8 ebd., 2521. – 9 ebd., 2523. – 10 J.B.Torelló, Psychologie des Alltags, Linz 1993, S.132. – 11 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 849.