Tagesmeditation

JAHRESKREIS
10. WOCHE – MONTAG

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ERBARMEN, DIE FÜLLE DER GERECHTIGKEIT

Gottes Menschwerdung, der höchste Erweis des Erbarmens.
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.
Mitempfinden, Verzeihen, Geben.

I. »Gott, der voll Erbarmen ist (Eph 2,4), wurde uns von Jesus Christus als Vater geoffenbart: sein Sohn selbst hat ihn uns in sich kundgetan und kennengelehrt.«1 Mit diesen Worten beginnt die Enzyklika Dives in misericordia, der wir in unserer heutigen Betrachtung folgen wollen. In ihr äußert Papst Johannes Paul II. den Wunsch, sich nach Redemptor hominis »noch einmal in das Geheimnis Christi zu versenken, um in ihm das Antlitz des Vaters zu entdecken, der der >Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes< (2 Kor 1,3) ist.«2

Gott erbarmt sich der Menschen, besonders jener, die im Elend der Sünde stecken. Die Heilige Schrift weist immer wieder darauf hin. Sie lehrt in Begriffen und Bildern, daß die Barmherzigkeit Gottes unendlich ist, alle Menschen und Völker umfaßt und weder auf einen Ort noch auf einen Raum beschränkt ist: ewig währt seine Huld, von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue3.

Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist der höchste Erweis des göttlichen Erbarmens. »Gerade hier wird seine >unsichtbare Wirklichkeit< auf besondere Weise >sichtbar< in unvergleichlich höherem Maß als durch all seine anderen >Werke<: sie wird sichtbar in Christus und durch Christus, durch seine Taten und seine Worte und schließlich durch seinen Kreuzestod und seine Auferstehung.«4 Der Menschensohn - gütig und von Herzen demütig, kommt, um uns als barmherziger und treuer HoherPriester5 mit jenem zu versöhnen, der voll Erbarmen und Mitleid, ist. In seiner Nachfolge können die Menschen untereinander versöhnt leben.

= 4 Der Menschensohn – gütig und von Herzen demütig5 – kommt, um uns als barmherziger und treuer Hoherpriester6 mit jenem zu versöhnen, der voll Erbarmen und Mitleid7 ist. In seiner Nachfolge können die Menschen untereinander versöhnt leben.Gott, der uns in seinem großen Erbarmen neugeboren8 hat, wird nie müde, uns immer wieder zu vergeben und zu ermutigen auf unserem Weg zur endgültigen Heimat. Dieser Weg ist mühsam, denn unsere Erbärmlichkeiten gehen mit, Not bedrängt uns, Gefahren tun sich auf – aber in der Nachfolge Christi »erlaubt uns die Wahrheit über Gott, den >Vater des Erbarmens< (2 Kor 1,3), ihn dem Menschen besonders nahe zu >sehen<, und zwar vor allem dann, wenn der Mensch leidet, wenn er im Kern seiner Existenz und seiner Würde bedroht ist«9. Das Evangelium berichtet, wie gerade leidende, bedrängte, bedrohte Menschen, die Aussätzigen und Blinden, am lautesten zu Jesus rufen: Hab Erbarmen mit uns.10

Die Güte des Herrn überschreitet alle menschlichen Maßstäbe. Als er die Geschichte vom barmherzigen Samariter11 erzählt, gibt er nicht nur eine Antwort auf die Frage des Gesetzeslehrers: Und wer ist mein Nächster? Er charakterisiert auch sich selbst. In der Fürsorge des Samariters für den Mann, der, von Räubern überfallen, halbtot am Rande des Weges liegt, gibt er uns sich selbst zu erkennen. Er ist unser barmherziger Samariter, der unsere Wunden salbt und heilt – und nicht nur einmal, sondern immer wieder. In seiner Barmherzigkeit liegt unser Heil. Wir erfahren es jedesmal von neuem, wenn wir wie die Kranken, die Blinden und die Gelähmten zu ihm gehen, der im Tabernakel gegenwärtig ist, und ihn bitten: Hab Erbarmen mit mir!

Ganz besonders zeigt der Herr seine Barmherzigkeit im Sakrament der Buße. In ihm »kann jeder Mensch auf einzigartige Weise das Erbarmen erfahren, das heißt die Liebe, die mächtiger ist als die Sünde«12. Jede Bekehrung zu Gott ist immer ein Eintauchen in sein Erbarmen.

II. Vollkommenes und reines Erbarmen findet sich nur in Gott; er allein ist der absolut Souveräne. Wir alle sind von Hause aus bettelarm, aber Gottes Güte beschenkt uns und versetzt uns in die Lage, selbst barmherzig zu sein. So kann der Herr wie im Evangelium der heutigen Messe verkünden, daß wir das Erbarmen Gottes nicht nur empfangen und erfahren, sondern auch dazu berufen sind, es an unseren Mitmenschen zu üben: Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden13. »Obwohl alle Seligpreisungen der Bergpredigt den Weg der Bekehrung und der Lebensänderungen weisen, ist die von den Barmherzigen hierin besonders sprechend. Der Mensch hat Zugang zur erbarmenden Liebe Gottes, zu seinem Erbarmen, im Maß und insofern er sich selbst innerlich von diesem Geist der Liebe zum Nächsten umwandeln läßt.«14

Gottes Barmherzigkeit erreicht uns in dem Maße, in dem wir gegenüber unserem Nächsten Barmherzigkeit üben: Nach dem Maß, mit dem ihr meßt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.15 Wir schulden Gott eine riesige Summe von Talenten, aber wir müssen unserem Nächsten die Kleinigkeit von fünfzig Denaren erlassen, wenn sich uns das göttliche Tor der Barmherzigkeit öffnen soll.

Erbarmen und Gerechtigkeit gehören zusammen. »Das echte Erbarmen ist sozusagen die tiefste Quelle der Gerechtigkeit. Ist es der letzteren gegeben, zwischen den Menschen nach Gebühr >Recht zu sprechen<, wenn sie die Sachgüter verteilen und tauschen, so ist die Liebe und nur die Liebe (auch jene gütige Liebe, die wir als >Erbarmen< bezeichnen) fähig, den Menschen sich selbst zurückzugeben.«16

Unsere Zeit hat ein hohes Gespür für Gerechtigkeit entwickelt, aber nicht selten möchte man sie von der Barmherzigkeit abkoppeln, als stünden beide im Widerspruch zueinander. Man mißversteht oft das Erbarmen als einen einseitigen Akt, der zwischen dem, der gibt, und dem, der empfängt, eine Kluft entstehen läßt; daraus ergibt sich ein irregeleiteter Eifer, »die zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen vom Erbarmen zu befreien und ausschließlich auf die Gerechtigkeit zu gründen«17.

Gerechtigkeit allein aber ermöglicht weder familiäre Nestwärme noch das fruchtbare Miteinander in einem Unternehmen oder auch einer Bürgerinitiative.

Nachdem wir jedem gegeben haben, was ihm von der Gerechtigkeit her zukommt, öffnet uns der erbarmende Blick eine ganz andere Dimension menschlicher Begegnung. Wir werden fähig, leichter zu vergeben; wir entdecken, daß eine vermeintliche Beleidigung nur eingebildet war oder in unserer mangelnden Demut gründete; wir springen dem bei, der aus Zeitmangel oder Müdigkeit einmal von seinen Aufgaben überfordert ist; wir ahnen im bedrückten Gesicht des Kollegen eine quälende Sorge (Krankheit in der Familie, Prüfungsnot, finanzielle Engpäße) und lassen ihn damit nicht allein.

III. Selbst wenn sich einmal der Traum von einer vollkommen gerechten Welt verwirklichen ließe, wäre immer die Barmherzigkeit nötig. »Die geschichtliche Welt ist nicht so gebaut, daß durch Wiedererstattung und Bezahlung der Schuldigkeit das Gleichgewicht völlig hergestellt werden könnte. (…) Es gibt Schuldigkeiten, zu deren Natur es gehört, daß sie nicht völlig abgeleistet werden können, wie sehr auch der Schuldner dazu gewillt sein mag. Und wenn Gerechtigkeit soviel bedeutet wie: das Zustehende geben, debitum reddere – dann gibt es Schuldverhältnisse, in denen die Gerechtigkeit niemals verwirklicht werden kann. Es sind nun aber gerade die das menschliche Dasein von Grund auf bestimmenden Beziehungen, denen solche Unstimmigkeit eigentümlich ist.«18 Die Gerechtigkeit zielt auf den Bereich der Sachgüter, »während Liebe und Erbarmen die Menschen dazu bringen, einander in dem Wert zu begegnen, den der Mensch selbst in der ihm eigenen Würde darstellt«19.

Das Erbarmen braucht »als grundlegende Struktur immer die Gerechtigkeit. Aber es hat die Kraft, der Gerechtigkeit einen neuen Inhalt zu geben«20. So als würden wir eine Schuld von hundert Mark mit zweihundert begleichen, wir haben dann nicht nur der Gerechtigkeit genüge getan, sondern auch auf eine sehr menschliche Art unseren Dank geäußert. Im Alltag Erbarmen zu üben, dazu gibt es vielfältige Gelegenheiten: von den materiellen Aspekten wie Nahrung, Kleidung, Gesundheit oder Arbeitsplatz bis zu den geistlichen, wie den Freund für die Gnadengabe der Beichte zu gewinnen, religiös Unwissenden den Katechismus zu erklären oder auch elementare Bildungsgüter zu vermitteln. Immer setzt Erbarmen ein vitales Mitempfinden voraus und die Bereitschaft, den materiellen wie geistigen Nöten der Mitmenschen so zu begegnen, als wären sie die eigenen. Dieses Mitempfinden öffnet uns den Blick für die radikale Gleichheit der Menschen als Kinder Gottes, die alle Charakterunterschiede mildert. Verzeihen wird dann leichter, wie Johannes Paul II. hervorhebt: »Die Welt der Menschen kann nur dann >immer menschlicher< werden, wenn wir in allen gegenseitigen Beziehungen, die ihr geistiges Antlitz prägen, das Element des Verzeihens einbringen, welches für das Evangelium so wesentlich ist. Das Verzeihen bezeugt, daß in der Welt eine Liebe gegenwärtig ist, die stärker ist als die Sünde. Es ist darüber hinaus die Grundbedingung für die Versöhnung, nicht nur in den Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen, sondern auch in den gegenseitigen Beziehungen zwischen den Menschen.«21 Der selige Josemaria Escrivá schreibt in einer Homilie: »Löschen wir also in uns die Erinnerung an uns zugefügte Beleidigungen, an erlittene Demütigungen, mögen sie noch so ungerecht, ungehörig und grob gewesen sein; denn ein Kind Gottes führt nicht Buch darüber, um die ganze Liste später einmal vorzulegen.«22

Geben ist seliger als nehmen.23 Wer dieses Wort des Herrn gleichsam zu seinem Lebensstil macht, entdeckt sich auch beim Geben als Empfangender – und dies ist der Schlüssel dafür, Erbarmen nicht als einen einseitigen Akt zu verstehen: »Selbst dort, wo allem Anschein nach nur ein Teil gibt und hingibt und der andere nur empfängt und nimmt (z.B. im Fall des Arztes, der behandelt; des Lehrers, der unterrichtet; der Eltern, die die Kinder ernähren und erziehen; des Wohltäters, der die Bedürftigen unterstützt), wird tatsächlich auch der Geber immer zum Beschenkten.«24

Am Ende unseres Gebetes empfehlen wir uns Maria: Sie »kennt am tiefsten das Geheimnis des göttlichen Erbarmens. Sie kennt seinen Preis und weiß, wie hoch er ist. In diesem Sinne nennen wir sie auch Mutter der Barmherzigkeit, Unsere Liebe Frau vom Erbarmen oder Mutter des göttlichen Erbarmens.«25

1 Johannes Paul II., Enz. Dives in misericordia, 1. – 2 ebd. – 3 Ps 100,5. – 4 Johannes Paul II., a.a.O., 2. – 5 Mt 11,28. – 6 Hebr 2,17. – 7 Jak 5,11. – 8 1 Petr 1,3. – 9 Johannes Paul II., a.a.O., 2. – 10 vgl. Mt 9,27; 14,20; 15,22; 20,30; Mk 10,47; Lk 17,13. – 11 Lk 10,25-37. – 12 Johannes Paul II., a.a.O., 13. – 13 Mt 5,7. – 14 Johannes Paul II., a.a.O., 14. – 15 Mt 7,2. – 16 Johannes Paul II., a.a.O., 14. – 17 ebd. – 18 J.Pieper, Über die Gerechtigkeit, München 1965, S.119. – 19 Johannes Paul II., a.a.O., 14. – 20 ebd. – 21 ebd. – 22 J.Escrivá, Freunde Gottes, 309. – 23 Apg 20,35. – 24 Johannes Paul II., a.a.O., 14. – 25 ebd., 9.