Jahreskreis
20. Woche – Donnerstag
16
Zum Hochzeitsmahl gerufen
Die
Hintergründe eines Gleichnisses.
Über die Gefahr, die göttliche Einladung zu überhören.
Die Eucharistie, eine persönliche Begegnung.
I. Die meisten Gleichnisse unseres Herrn sind aus dem täglichen Leben genommen: dem Leben der Fischer, der Bauern, der Hausfrauen… Manche Bilder sind von großer dichterischer Kraft, so die Schönheit der Feldblumen, die ein Fingerzeig auf die verschwenderische Güte des Vaters im Himmel ist. Andere Bilder knüpfen an aktuelle Ereignissse an, die dem Leser meist unbekannt bleiben und die er auch nicht zu kennen braucht, um gut zu beten. Es lohnt sich indes, hier und da solchen Zusammenhängen nachzuspüren. Der Meinung mancher Exegeten zufolge dürfte das Gleichnis des heutigen Evangeliums1 aktuelle Bezüge gehabt haben.
Es geht um einen König, der die zur Hochzeit seines Sohnes geladenen Gäste straft, weil sie seine Einladung verschmähen, und der dann das Fest mit anderen Gästen feiert. Er befiehlt seinen Dienern: Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. Bei Lukas klingt der Befehl recht drastisch: Nötige die Leute zu kommen, damit mein Haus voll wird.2 Die Diener holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen. Die jüdischen Zuhörer werden ihm verständnisvoll zugenickt und sich an die Besiedlung von Tiberias, der Stadtgründung des Herodes Antippas, erinnert haben. Der Vierfürst schreckte vor den kalten Wintern seiner Residenzstadt Sepphoris im Bergland von Galiläa zurück und ließ sich eine neue am südwestlichen Ufer des Sees Gennesaret erbauen, »im hellenistischen Stil jener Zeit, mit Stadion, Forum und Akropolis, und umgab sie mit einer Mauer. Da aber ein Teil der neuen Stadt auf einem Friedhof errichtet wurde, blieb das Betreten der Stadt für einen gesetzestreuen Juden verboten. Aus diesem Grund wird Tiberias im Evangelium nur ganz beiläufig erwähnt (Joh 6,23), obwohl viele Ereignisse sich in der Nähe der neuen Hauptstadt abspielten.«3 Herodes mußte schließlich Bewohner, teils unter Zwang, aus allen Gegenden als Siedler nötigen. »Tiberias« heißt es beim jüdischen Historiker Flavius Josephus, »war von zusammengelaufenem Volk bewohnt, worunter sich auch viele Galiläer und gezwungene Ankömmlinge befanden, die mit Gewalt dort angesiedelt wurden, obwohl sie zum Teil den besseren Ständen angehörten. Auch die Bettler, die im ganzen Land aufgefangen wurden, erhielten hier Wohnung angewiesen und bekamen mancherlei Vorrechte. Um sie an die Stadt zu fesseln, ließ Herodes ihnen Häuser bauen und Ländereien zuteilen, da es ihm wohlbekannt war, daß ihnen nach jüdischen Vorschriften das Wohnen daselbst nicht gestattet war.4
Jesus spielt auf die Eitelkeit eines Kleinfürsten an, die wahrscheinlich in aller Munde war, und benutzt sie als Aufhänger für eine Belehrung. Das Bild vom Mahl war dem jüdischen Volk vertraut, weil die Propheten es oft gebraucht hatten, um auf das messianische Festmahl der Endzeit in der heiligen Stadt hinzuweisen: Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen.5
Jetzt deutet der Herr an, daß der Augenblick dieser universalen Einladung gekommen ist. Die Güter der Menschwerdung und der Erlösung sind allen Menschen zugedacht, da gibt es keinen ausgewählten Kreis mehr; und wir denken besonders an das Mahl, das Jesus uns, als seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen6, bereitete: an die Eucharistie, »das Brot unserer Pilgerschaft«7, »das Sakrament des Hinübergangs vom Tod zum Leben, aus dieser Welt zum Vater«8.
Die Eingeladenen jedoch reagieren abweisend: Der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden… Und auch heute erfährt die Güte Gottes Gleichgültigkeit und weckt sogar Aggressivität: andere fielen über seine Diener her, mißhandelten sie und brachten sie um. Dem Herrn sind alle Entschuldigungen gegenwärtig, die sich Menschen im Lauf der Jahrhunderte einfallen lassen, um Distanz zu ihm zu halten. Er zwingt niemanden. Aber er lehrt uns durch das Gleichnis: das Mahl soll gefeiert werden; denn in ihm – in der Eucharistie – »gipfelt das Handeln, durch das Gott die Welt in Christus heiligt, wie auch die Verehrung, welche die Menschen Christus und mit ihm dem Vater im Heiligen Geist erweisen.«9 Wir beschließen diesen Abschnitt mit einem Blick auf die abweisende Kälte der einen und das freudige Staunen der anderen. Die ersten sind uns Warnung, die zweiten Anlaß, für die Gabe der Eucharistie zu danken.
II. Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis… Mit diesem Satz verbindet der Evangelist das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl mit den vorausgegangenen Gleichnissen von den ungleichen Söhnen und von den bösen Winzern und verweist auf den gleichbleibenden Kreis der Zuhörer, die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes, zu denen Jesus spricht. Sie sind die Jasager, ohne doch die Bitte des Vaters zu erfüllen; sie sind die bösen Winzer, die sich nicht nur weigern, dem Herrn das ihm Zustehende abzuliefern, sondern die seine Boten auch noch mißhandeln, ja sogar den zuletzt gesandten Sohn töten: sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um10.
Wir denken an das Werben Gottes: zuerst um Israel, das er trotz seiner Untreue und Hartherzigkeit nicht aufgibt; dann um alle Menschen durch die Sendung des Sohnes, der als Geschenk seiner erbarmenden Liebe in die von Sünde, Tod und Zerstörung gekennzeichnete Welt kommt. »Das Hochzeitsmahl, das Gott seinem Sohn, dem Messias, bereitet, bedeutet nach einem der prophetischen Sprache des Alten Testaments geläufigen Bild das Erscheinen des Gottesreiches, in unserer Sprache die mystische Vereinigung des Herrn mit seiner Kirche (…). Die längst Eingeladenen sind das jüdische Volk und seine Vertreter, an die Jesus seine Einladung richtet. Die Auserwählung des Volkes durch Jahwe bildet die erste Einladung ins Gottesreich.«11 Nachdem die zuerst Eingeladenen sich als unwürdig erwiesen haben, geht die Einladung an andere, »die nicht zu ihnen gehören und nicht Eingesessene der Königsstadt sind«12: Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.
Die Einladung zum Hochzeitsmahl bedeutet im umfassenden heilsgeschichtlichen Sinn die Teilnahme am künftigen Reich Gottes; daher im zweiten Teil des Gleichnisses der Hinweis auf den prüfenden Blick des Königs, auf das Gericht. Aber die Worte Mein Mahl ist fertig sind gleichzeitig eine Einladung an uns heute. Der Herr ruft uns zu einem tieferen Umgang mit ihm, zu größerer Hingabe, zu festerem Vertrauen. Auch wir sind in Gefahr, die göttliche Einladung zu überhören oder geringzuschätzen, weil uns andere Dinge wichtiger werden können. Der heilige Augustinus läßt uns bitten: »Hilf uns, Herr, böse und eitle Ausreden beiseite zu lassen, damit wir zum Hochzeitsmahl kommen… Nichts soll unsere Teilnahme verhindern: weder der Stolz soll uns ruhmsüchtig erheben noch die böse Neugierde uns an die Erde drücken und von Gott abwenden, noch die Sinnlichkeit die Freuden des Herzens verderben… Kamen zum Mahl nicht auch die Bettler, die Kranken, die Krüppel, die Blinden? (…) Auch wir werden dort als Bettler erscheinen, denn uns lädt einer ein, der reich ist, aber um unseretwillen arm wurde, damit er mit seiner Armut die Armen bereichere. Wir werden als Kranke erscheinen, denn nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern jene, die krank sind. Wir werden als Krüppel erscheinen und dir sagen: >Festige meine Schritte, wie du es verheißen hast< (Ps 119,133). Wir werden als Blinde kommen und dich bitten: >Erleuchte meine Augen, damit ich nicht entschlafe und sterbe< (Ps 13,4) .«13
Worin liegt die eigentliche Gefahr? »Man kann auf verschiedene Weise gegen die Liebe zu Gott verstoßen. Die Gleichgültigkeit läßt uns die Liebe Gottes vergessen; sie leugnet ihre Kraft. Die Undankbarkeit unterläßt es, die Liebe Gottes anzuerkennen. Die Lauheit zögert, die göttliche Liebe zu erwidern; in ihr kann die Weigerung liegen, sich dieser Liebe auszusetzen. Überdruß in geistlichen Dingen, acedia oder auch geistige Trägheit genannt, kann so weit gehen, daß man die von Gott kommende Freude verschmäht.«14 Wir schließen diesen Abschnitt mit einem Gebet des heiligen Thomas Morus in höchster Not, kurz vor seiner Hinrichtung: »Nimm von mir, o Herr, diese Lauheit, diese kalte Art der Betrachtung und diese Stumpfheit, in der ich zu dir bete. Gib mir Wärme, Freude und geistige Wachheit in meinen Gedanken an dich. Und gewähre mir die Gnade, nach deinen heiligen Sakramenten zu verlangen, vor allem aber, voller Freude zu sein in der Gegenwart deines heiligen Leibes, geliebter Retter Christus, im heiligen Sakrament des Altares.«15
III. Der drängende Wunsch des Königs, das Festmahl zu feiern trotz der Absage der Gäste, erinnert uns an die Empfindungen Jesu beim letzten Zusammentreffen mit seinen Jüngern: Als die Stunde gekommen war, begab er sich mit den Aposteln zu Tisch. Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. »Das Vorgefühl der Trennung und all das Schwere, das kommen soll, erfüllt den Augenblick. Die kleine Gemeinde hat sich aber nicht in einer beliebigen oder nur persönlichen Weise versammelt, sondern bei der Feier des Passah-Mahles. Dieses bezieht sich auf ein längst vergangenes Ereignis: den Auszug des Volkes aus Ägypten (…). In dieses Erinnerungsmahl des Alten Bundes gründete Christus das Mysterium des Neuen Bundes, das Geheimnis des christlichen Glaubens. Die Stiftung der Stunde aber weist hinaus in alle Zukunft.«16 Bis der geheimnisvolle Tag kommt, da das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes17, schenkt sich uns Jesus Tag für Tag im eucharistischen Opfer seines Leibes und Blutes, das die Vorwegnahme des Hochzeitsmahles des Lammes im himmlischen Jerusalem ist.
Das Gleichnis hat einen überraschenden Ausgang: Der Festsaal füllte sich mit Gästen, aber dies allein genügte dem König nicht; als er eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen?18 Woher plötzlich diese Strenge? Daß die große Ehre unerwartet kam, ist in den Augen des Königs keine Entschuldigung für die Nachlässigkeit des Geladenen, sich des Rufes auch würdig zu erweisen. Der überraschende Abschluß des Gleichnisses erinnert uns an den persönlichen Charakter jeder Eucharistiefeier. Wir feiern in Gemeinschaft, aber wir dürfen uns nicht hinter ihr verstecken, sondern müssen uns persönlich auf die Begegnung vorbereiten. Was uns in der Kommunion gegeben wird, »ist nicht ein Stück Körper, nicht eine Sache, sondern es ist er selbst, der Auferstandene – die Person, die sich uns mitteilt in ihrer durch das Kreuz hindurchgegangenen Liebe«19.
Wir müssen unser Gewissen prüfen, die Lumpen ablegen. »Zu einem würdigen Empfang hochangesehener Menschen gehören Licht, Musik, festliche Kleidung; und wie erst müssen wir uns vorbereiten, um Christus in unsere Seele aufzunehmen? Haben wir schon einmal darüber nachgedacht, wie wir uns benehmen würden, wenn wir nur einmal in unserem Leben Christus empfangen könnten?«20 Die Kirche lehrt: »Wer sich einer schweren Sünde bewußt ist, muß das Sakrament der Buße empfangen, bevor er die Kommunion empfängt.«21 Aber neben der Läuterung des Gewissens gehören zur würdigen Einstimmung auch die äußeren Zeichen der Ehrfurcht. Sie sind gleichsam die leibhaftige Antwort darauf, daß der Herr sich uns leibhaft schenkt. Das bedeutet, daß »unsere Frömmigkeit, unser Gebet den Ausdruck im Leib verlangt. Weil der Herr sich als Auferstandener im Leibe gibt, müssen wir mit Seele und Leib antworten. Alle geistigen Möglichkeiten unseres Leibes gehören notwendig zur Gestalt der Eucharistie: Singen, Reden, Schweigen, Sitzen, Stehen, Knien (…). Knien ist der leibhaftige Ausdruck unseres Ja zur wirklichen Gegenwart Jesu Christi, der als Gott und Mensch, mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut unter uns anwesend ist.«22
Wer bestrebt ist, die Kommunion häufig zu empfangen, entspricht damit der Sehnsucht Jesu Christi. Wir wissen aber aus Erfahrung, daß man sich schnell an Großes gewöhnen kann und es dann nicht mehr wirklich wahrnimmt. Um dieser Gefahr zu entgehen, »kann sich der Gläubige nur demütig und in festem Glauben das Wort des Hauptmanns zu eigen machen: >Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund<.«23
Unsere Unwürdigkeit wird uns zur häufigen Beichte führen, auch dann, wenn wir uns keiner schweren Sünde bewußt sind; außerdem werden wir uns bemühen, die Gegenwart Gottes im Lauf des Tages durch geistige Kommunionen zu verlebendigen und dem Herrn in unseren täglichen Aufgaben und Pflichten zu begegnen. »Bitte Jesus, bei dir zu sein, mit dir zu arbeiten, damit es dir gelingt, die Arbeit in Gebet zu verwandeln.«24
22,1-14. – vgl. 14,16-24. – ebd. – Flavius Josephus, Jüdische Altertümer, 18,2,3. – 25,6. – 13,1. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1392. – ebd., 1524. – Kongregation für den Gottesdienst, Instruktion Eucharisticum mysterium, 25.5.1967, 6. – 21,39. – F. Tillmann, Die sonntäglichen Evangelien, Düsseldorf 1965, S.667. – ebd. – Augustinus, , 112,8. – P. Berglar, Die Stunde des Thomas Morus, Frankfurt 1987, S.347. – ebd. – R. Guardini, , Würzburg 1951, S.434. – 22,15-16. – 22,11-12. – J.Ratzinger, Eucharistie – Mitte der Kirche, München 1978, S.55. – J. Escrivá, Christus begegnen, 91. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1385. – J. Ratzinger, a.a.O., S. 65-66. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1386. – Mutter Teresa, Beschaulich inmitten der Welt, Einsiedeln 1990, S.21.
