Jahreskreis
20. Woche – Samstag
18
EiNHEIT DES LEBENS
Schriftgelehrte und Pharisäer.
Sein und Tun.
Die Reichtümer der Taufe aktualisieren.
I. In jener Zeit wandte sich Jesus an das Volk und an seine Jünger und sprach: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.1 Wer waren diese Menschen, die im Evangelium immer wieder als die Widersacher Jesu erscheinen? Der Herr erkennt sie als legitime Nachfolger des Mose ausdrücklich an; aber gleichzeitig warnt er vor ihrer Gesinnung, weil sie ihrer besonderen Verantwortung als Verkünder und Ausleger des Gesetzes in ihrer praktischen Lebensführung nicht gerecht werden. Sie haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt… Dieser Ausdruck ist kein bloßes Bild, denn »in den Synagogen gab es für sie besondere steinerne Ehrensessel, die den Namen >Lehrstuhl des Moses< trugen. Diese waren die sichtbaren Symbole ihrer Lehrautorität.«2
Es handelt sich bei den Schriftgelehrten und Pharisäern um zwei verschiedene Gruppen, auch wenn sie meistens zusammen genannt werden. Die pharisäischen Gemeinschaften bildeten sich als Reaktion der Frommen auf das sich ausbreitende hellenistische Heidentum im 3. Jahrhundert v.Chr. Da das Gesetz auf hebräisch geschrieben war und das Volk nur aramäisch sprach, mußte es erläutert werden. Dies nun war die Aufgabe der Schriftgelehrten. Sie »bildeten einen Stand, während die Pharisäer eine religiöse Richtung innerhalb des Judentums waren. Die Mehrzahl der Schriftgelehrten gehörte allerdings der pharisäischen Richtung an, die ja nichts anderes sein wollte als die praktische Verwirklichung des von den Schriftgelehrten aufgestellten gesetzlichen Frömmigkeitsideals. Waren die Schriftgelehrten (ihr jüdischer Name war Rabbiner) die gebildeten Theologen und Gesetzeslehrer (…) des Spätjudentums, so waren die gewöhnlichen Pharisäer einfache Leute, meist aus den Kreisen der Kaufleute, Gewerbetreibenden und Bauern, die in streng geschlossenen Gemeinschaften miteinander verbunden waren.«3 Schriftgelehrter zu werden »erforderte ein jahrelanges Studium, das sich hauptsächlich um drei Punkte drehte: die Sabbatruhe, den Zehnten und die gesetzliche Reinheit (…). Erst mit vierzig Jahren wurde ein Schüler in den Stand der Schriftgelehrten aufgenommen. Er durfte nun den Ehrentitel Rabbi führen und war in der Öffentlichkeit am langen Talar, der mit vier Quasten versehen war, zu erkennen. Dem Schriftgelehrten öffneten sich die führenden Stellungen in Rechtspflege, Verwaltung und Unterricht. (…) So wird verständlich, daß die Schriftgelehrten – wie einst die Propheten – als Lehrer und Verkünder des göttlichen Willens im Volke mit unbegrenzter Achtung und ehrfürchtiger Scheu verehrt wurden. Ihre Worte waren absolute Autorität.«4 Wer fromm leben wollte, mußte das Gesetz gut kennen, und dies bedeutete: er mußte sich an die Experten halten. Diese wiederum waren versucht, ihre eigenen Deutungen für wichtiger zu halten als das schlichte Gebot Gottes: »Das Gesetz in einer ins kleinste kasuistisch ausgestalteten Form (…) wurde durch sie zum Kern der Religion, die dadurch trotz des leidenschaftlichen Ernstes, den man dem Pharisäismus nicht absprechen kann, zwangsläufig einer starken Veräußerlichung anheimfiel.«5 Dies war die Tragik jener Gruppe, zu der viele Gutwillige wie Nikodemus gehörten. Sie waren die religiöse Elite des Volkes, dazu berufen, den Eifer für das Gesetz Gottes und für die heilige Uberlieferung lebendig zu erhalten; aber viele schlossen sich in ihre legalistische Welt ein und beschränkten die Liebe Gottes auf ihren engen Horizont. So ist der Ausdruck Pharisäer nicht nur als Umschreibung für bornierte Selbstgerechtigkeit, sondern auch für Heuchelei und für das Auseinandergehen von Wort und Tat in unsere Sprache eingegangen.
Am Anfang des Pharisäertums stand die instinktive Abwehr gegen die Aushöhlung des Glaubens. Auch heute ist »der Instinkt nötig, der uns wittern läßt, woher die Geister kommen«6. Aber die Abwehr von Glaubensgefahren darf uns nicht zu Abgesonderten – dies bedeutet ursprünglich der Ausdruck Pharisäer – werden lassen. Abkapselung kann zu Selbstgerechtigkeit, Verbitterung und – am Ende – zu mangelnder Authentizität führen. Nicht ver= 6. Aber die Abwehr von Glaubensgefahren darf uns nicht zu Abgesonderten – dies bedeutet ursprünglich der Ausdruck Pharisäer – werden lassen. Abkapselung kann zu Selbstgerechtigkeit, Verbitterung und – am Ende – zu mangelnder Authentizität führen. Nicht vekrampft, sondern gelassen und freudig müssen wir die Reichtümer unseres Glaubens verbreiten: »Die Christen müssen Vorläufer sein, wenn es gilt, Überzeugungen zu wecken und Lebensformen einzuführen, die entschieden mit einer aufreibenden und freudlosen Konsumhektik brechen.«7
II. Welcher Kontrast zwischen Jesus und seinen Widersachern! Bei ihm gibt es kein Auseinanderfallen von Reden und Tun. Alles, was er sagt und tut, gründet in dem, was er ist. Sein Tun ist gleichsam die Verleiblichung seiner Lehre und der Garant seiner Sendung: Diese Werke, die ich vollbringe, legen Zeugnis dafür ab, daß mich der Vater gesandt hat.8 Er hat in der Tat »durch das Zeugnis seines Lebens und in der Kraft seines Wortes die Herrschaft des Vaters ausgerufen«, und kann von sich selbst sagen. Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.9 Jesus schaut stets auf den Vater, er tut allein das, was dem Vater gefällt.11 Die Apostelgeschichte scheint eine Reihenfolge zwischen Wort und Tat des Herrn betonen zu wollen, wenn sie von Jesus sagt: coepit facere et docere12. »Jesus begann sein Wirken mit Taten – und dann lehrte er. Du und ich, wir müssen durch tätiges Zeugnis Beispiel geben. Wir dürfen kein Doppelleben führen und etwas lehren, für das wir nicht einstehen. Zumindest müssen wir darum kämpfen, daß Lehren und Handeln in uns nicht auseinanderklaffen.«13
Die Einheit von Sein und Handeln, die wir in der Nachfolge des Herrn anstreben, erwächst aus der Berufung zur Heiligkeit, die in der Taufe grundgelegt wird: »Da sie Christus angezogen und sich vom Heiligen Geist genährt haben, sind die Christen >heilig< und darum befähigt und verpflichtet, die Heiligkeit ihres Seins in der Heiligkeit ihres ganzen Wirkens zu zeigen. (...) Die Berufung zur Heiligkeit ist mit der Sendung sowie mit der Verantwortung, die den Laien in der Kirche und in der Welt anvertraut ist, aufs engste verknüpft.«14 Es gilt, sich bewußt zu halten, daß wir vor Gottes Angesicht stehen, von dem alles kommt; daß er unser Vater ist; daß wir nicht unsere Ehre, sondern die Ehre Gottes suchen sollen; konkret gesagt, geht es darum, »das Alltägliche im irdischen Leben so zu gestalten, daß man es versteht, auf den Himmel zu schauen, dies heißt: auf Gott, höchstes und endgültiges Ziel unserer Bemühungen und unserer Anliegen«15. Daß wir Kinder Gottes sind, soll ständig im Hintergrund unseres Denkens und Handelns sein: in den großen und kleinen Nöten des Lebens, in der Art, wie wir das berufliche Umfeld apostolisch fruchtbar machen, wie wir Mißerfolge aufzuopfern wissen, in der überlegten Gestaltung von Freizeit und Erholung... In allem Reden und Tun muß Gott gegenwärtig sein, denn »die irdischen Dinge gedeihen nur dann, wenn wir das Höhere nicht vergessen: Wir dürfen den aufrechten Gang nicht verlieren, der den Menschen auszeichnet. Wir dürfen nicht nur nach unten schauen - wir müssen uns aufrichten, nur dann leben wir recht. Wir müssen auf der Suche nach dem Größeren bleiben, und wir müssen denen Helfer sein, die sich aufzurichten mühen, um das wahre Licht zu finden, ohne das alles in der Welt Finsternis ist.«16
Diese Ausrichtung des Lebens auf Gott hin ist für alle Christen wesentlich, aber sie ist gerade für jene besonders wichtig, die von Gott die Berufung erhalten haben, sich mitten in der Welt zu heiligen: »Die Einheit des Lebens der Laien ist von entscheidender Bedeutung. Sie müssen sich in ihrem alltäglichen beruflichen und gesellschaftlichen Leben heiligen. Um ihre Berufung zu erfüllen, müssen die Laien ihr Tun im Alltag als Möglichkeit der Vereinigung mit Gott und der Erfüllung seines Willens sowie als Dienst an den anderen Menschen betrachten, um sie in Christus zur Gemeinschaft mit Gott zu führen.«17 Fragen wir uns also: Wie steht es mit unseren Werken? Sind sie Zeugnis unseres Glaubens an Christus? Gelingt es uns, unser Tun im gewöhnlichen Alltag auf Gott auszurichten? Wird Christus in unserem Tun für die anderen greifbar?
III. Die Anklage des Herrn im heutigen Evangelium richtet sich gegen Menschen, die als Zeugen des Glaubens versagen. Denn ihnen fehlt der Einklang von Denken und Handeln, Wort und Werk, mithin die Glaubwürdigkeit. Es liegt nahe, hier vor allem an jene zu denken, die andere zu erziehen und zu bilden haben: Eltern, Lehrer, Priester… Ihr christliches Zeugnis wird nur dann glaubwürdig und anziehend sein, wenn »durch die Werke des Jüngers das Antlitz des Meisters hindurchschimmert«18 und wenn »die Menschen, denen wir begegnen, sagen können: Der ist ein Christ, denn er haßt nicht, er weiß zu verstehen, er ist nicht fanatisch, er hat sich in der Gewalt, er kann Opfer bringen, er sucht den Frieden, er liebt«19.
Der Herr warnt nicht nur vor den falschen Lehrern, er erhebt den Anspruch, der einzige Lehrer und Meister zu sein. Nicht aufgrund irgendwelcher moralischen Überlegenheit, sondern als der Sohn Gottes, der er »von Natur aus und nicht durch Adoption«20 ist, und als jener, dessen menschliche Natur »kein anderes Subjekt als die göttliche Person des Sohnes Gottes« hat. Alles an der Menschennatur Christi – seine Worte und seine Taten – ist »= hat. Alles an der Menschennatur Christi – seine Worte und seine Taten – ist seiner göttlichen Person als ihrem eigentlichen Träger zuzuschreiben«21.
Die Einheit von Wort und Werk, Handeln und Sein ist das, was wir in unserem Leben anstreben müssen. Meister Eckhart präzisiert: »Die Leute brauchten nicht so viel nachzudenken, was sie tun sollen, sondern sie sollten nachdenken, was sie seien. (…) Nicht gedenke Heiligkeit zu gründen auf ein Tun; Heiligkeit soll man gründen auf ein Sein, denn die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. (…) Sofern wir sind und am Sein teilhaben, in dem Maße heiligen wir alle unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was es sonst sei.
Die aber nicht am großen Sein teilhaben, welche Werke sie auch wirken mögen, aus denen wird nichts. So merke hier, daß man allen Fleiß darauf setzen soll, daß man gut sei; und nicht so sehr, was man tue oder von welcher Art die Werke sind, sondern wie der Grund der Werke ist.«22
Die Glaubwürdigkeit des eigenen Lebens steht am Anfang des apostolischen Zeugnisses und ist dessen Voraussetzung, denn »ein wahrer Apostel sucht nach Gelegenheiten, Christus auch mit seinem Wort zu verkünden, sei es den Nichtgläubigen, um sie zum Glauben zu führen, sei es den Gläubigen, um sie zu unterweisen, zu stärken und zu einem einsatzfreudigen Leben zu erwecken«23. Da wir nicht Zeugnis von uns geben wollen, sondern von Christus, ist es nötig, sich von ihm formen zu lassen: »Wer so zu einem Menschen sprechen will, daß es dorthin gelangt, wo die eigentlichen Entscheidungen fallen, muß durch Christus kommen. Er muß sein Denken läutern lassen, indem er es in die Gedanken Christi einfügt. Er muß sein Reden wahr machen lassen, indem er es in sein Reden hineingibt. Dann denkt und redet er richtig, und der Gedanke kommt an die Stelle, wohin er soll. Er muß seine Absicht durch die Gesinnung Christi ausrichten, seinen Willen von Christi Liebe durchwirken lassen.«24
Der heilige Paulus wünscht den Ephesern, der himmlische Vater möge ihnen gewähren, daß sie in ihrem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmen25. Er deutet an, daß dieses Innere des Menschen sich nicht mit einem äußerlichen, oberflächlichen Leben zufrieden gibt, sondern in den Tiefen Gottes leben will, die der Geist ergründet26. »Im Licht des Glaubens erschließt sich uns ein wundervoller Horizont: Die zahlreichen Laien, Männer und Frauen, die in ihrem Leben und ihrem alltäglichen Tun oft ungesehen und sogar unverstanden, von den Großen dieser Erde nicht anerkannt, aber vom Vater in Liebe angeschaut, unermüdliche Arbeiter im Weinberg des Herrn sind und so demütige, aber – durch die Kraft der Gnade Gottes – große Mitwirkende am Wachstum des Reiches Gottes in der Geschichte werden.«27
Erbitten wir vom Herrn, daß wir freudig, gelassen, beharrlich und mutig Zeugnis von Christus geben: »Uns aber verleihe Gott, mit dem Herzen zu glauben, mit dem Munde zu bekennen und im Werke zu beweisen, daß der Bund Gottes in unserem Fleisch ist, auf daß die Menschen unsere guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit, Amen.«28
23,1-12. – Regensburger Neues Testament, Bd.1, Regensburg 1959, S.319. – ebd., Bd.2, Regensburg 1958, S.59. – G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.187-188. – Regensburger Neues Testament, Bd.2, S.61. – J. Meisner, Gedanken zur Neuevangelisierung, in: Seelsorge am Anfang?, St.Ottilien 1990, S.14. – Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung der Päpstlichen Kommission »Justitia et Pax« 11.11.1978. – 8 Joh 5,36. – 9 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 35. – 10 Joh 14,10. – 11 vgl. Joh 8,29. – 12 vgl. Apg 1,1. – 13 J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.694. – 14 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 30.12.1988, 16-»7. – Johannes Paul II., Ansprache beim Engel des Herrn, 8.11.1979. – J. Ratzinger, Auf Christus schauen, Freiburg 1989, S.118. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 17. – J. Escrivá, Christus begegnen, 105. – ebd., 122. – Katechismus der Katholischen Kirche, 465. – ebd., 466 und 468. – Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.39. – II. Vat. Konz., Dekret Apostolicam actuositatem, 6. – R. Guardini, , Würzburg 1951, S.191. – vgl. 3,16. – vgl. 2,10. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Christifideles laici, 17. – Origenes, Über die Ursprünge, 7.
