JAHRESKREIS
24. SONNTAG (LESEJAHR A)
1
GRENZENLOSE VERGEBUNG
Vergeben
ohne zu zögern und aus ganzem Herzen.
Ein weites Herz in der Nachfolge Christi.
Das Bußsakrament.
I. Wer zu vergeben weiß, erhält von Gott Vergebung. Das Maß der göttlichen Nachsicht uns gegenüber ist unsere eigene Nachsicht gegenüber dem Nächsten. Dies ist der Sinn der liturgischen Texte in der heutigen Messe. In der ersten Lesung heißt es: Wer sich rächt, an dem rächt sich der Herr; dessen Sünden behält er im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. (…) Denk an die Gebote, und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten, und verzeih die Schuld!1
In Christus erhält diese Grundregel einen umfassenderen Sinn. Denn durch seinen Tod am Kreuz hat der Herr uns alle zu Brüdern und Schwestern gemacht und jede Sünde gesühnt. Daher Jesu Antwort auf die Frage des Petrus, ob man seinem Bruder bis zu siebenmal verzeihen müsse, die der Apostel sicherlich in der Annahme stellt, etwas Maßloses vorzutragen: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal sollen wir vergeben, erwidert ihm der Herr.
Die Liebe Christi steht nicht bloß quantitativ über der Liebe des gewissenhaftesten Beobachters des Gesetzes. Sie ist – von ihrem Ursprung und von ihrem Ziel her – qualitativ ganz anders. Der Herr lehrt uns, daß alles Böse – Nachtragen, Haß, Rachsucht – bezwungen werden kann durch eine unbedingte Liebe, die immer wieder vergibt. Er hat uns gelehrt, darum zu bitten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Dieses Gebet zum Vater verbindet uns untereinander und mit Christus und hüllt uns in eine Atmosphäre der Vergebungsbereitschaft, die die Barmherzigkeit Gottes über uns herabruft.
Es ist nicht leicht, aus ganzem Herzen zu vergeben und uns zugefügte Beleidigungen nicht nachzutragen. In dem Maße jedoch, in dem Glaube und Liebe zu Gott das Herz erfüllen, kann es uns gelingen. Heiligmäßige Menschen, die Christus ganz nahe standen, haben es nicht einmal nötig gehabt zu vergeben. Denn ihre Gottesnähe ließ sie in einer Sünde, etwa wenn man sie verleumdete, die darin Gott zugefügte Beleidigung so tief empfinden, daß der persönliche Affront gar nicht mehr zählte.
Prüfen wir uns im Lichte der Worte Christi an Petrus, die wir im heutigen Evangelium hören. Tragen wir jemandem etwas nach? Halten wir das Herz frei von Ressentiments? Beten wir für jene, die – bewußt oder unbewußt – uns geschadet oder beleidigt haben?
II. Meistens sind es Kleinigkeiten, die uns verletzen: jemand hat sich als undankbar erwiesen, die erwartete Anerkennung für einen guten Dienst bleibt aus, die deplazierte Bemerkung trifft uns in einem Augenblick, da wir müde oder nicht gut aufgelegt sind …. Manchmal handelt es sich um wichtigere Dinge: wenn man uns oder jemanden, der uns viel bedeutet, verleumdet oder wenn man unsere gute Absicht verkennt oder verdreht. Bereitschaft zur Vergebung auch in diesen Situationen ist nur möglich, wenn wir uns innerlich von irdischen Wertungen lösen und auf Gott schauen – das weitet das Herz.
Einem weiten Herzen fällt auch das Gebet für jene, die uns beleidigt haben oder böse wollen, nicht schwer; es sieht Kranke in ihnen, die es zu heilen gilt, ja, in einem gewissen Sinne unabsichtliche Helfer auf unserem Weg zu Gott.
Vergebungsbereitschaft läßt sich mit der gelassenen Abwehr vereinbaren, die nötig wird, wenn Rechte, auf die wir nicht verzichten dürfen, oder Werte, die uns heilig sind, auf dem Spiel stehen. Ja, die vorbehaltlose Vergebungsbereitschaft trägt sogar zur inneren Klarheit bei, indem wir dann leichter erkennen, wann wir uns wehren müssen und wann wir in Demut schweigen können. Der innere Frieden, der daraus erwächst, kann sogar auf jene, die uns beleidigen, gewinnend wirken. Auf dem Weg zum Martyrium schreibt Ignatius von Antiochien an die Christen in Ephesus im Hinblick auf ihre Verfolger: »Erlaubt ihnen, daß sie zumindest durch eure Werke belehrt werden. Antwortet auf ihren Zorn mit eurer Milde, stellt ihren Lästerungen euer Gebet entgegen, ihren Irrwegen die Festigkeit eures Glaubens, ihrer Grobheit eure Sanftmut. Verhaltet euch nicht wie sie; zeigen wir uns durch unsere Liebenswürdigkeit als ihre Brüder, und bedenken wir, daß der einzige, den wir nachzuahmen haben.«3
Und was tut der Herr? Allen alles vergeben. Deshalb schreibt Paulus an die Christen von Thessalonich: Seht zu, daß keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun. Und zu den Kolossern: Ertraget euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!5
Wurzelt die Vergebungsbereitschaft in der Geneigtheit zum Verständnis und zum Entschuldigen, dann ist in vielen Fällen nicht einmal die Mühe der Vergebung nötig. Man sieht verständnisvoll über etwas hinweg, das uns sonst verletzt hätte. Wie könnte man von einer echten Nachfolge Christi sprechen, wenn jede kleine Reiberei in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Straßenverkehr Anlaß zum Beleidigtsein und zu späterer Zwietracht böte?
Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Verstehen und Entschuldigen schwierig sind. Dann können wir uns die Bitte des Herrn zu eigen machen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun Aber meistens wird es doch möglich sein, durch ein Lächeln, einen Gruß, den wir erwidern, oder durch eine kleine Aufmerksamkeit dafür zu sorgen, daß der verlorene Frieden zurückkehrt oder sich ein Zerwürfnis glättet. Jedenfalls dürfen wir nicht zulassen, daß uns der Stolz oder eine übertriebene Empfindlichkeit bei jeder Lappalie die Freude vergällen, jene Freude, die unser Leben ganz natürlich tragen muß.
III. Nachdem der Herr Petrus darüber belehrt hat, Vergebung kenne keine Grenzen, erzählt er das Gleichnis von den zwei Schuldnern, um uns das Fundament dieser Haltung zu verdeutlichen. Der eine schuldet seinem Herrn zehntausend Talente, eine gigantische Summe, aber der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Ein Talent ist sechstausendmal mehr als die hundert Denare, die ein anderer Diener dem, der Mitleid erfahren hat und selbst nichts nachlassen will, schuldet. Das, was Gott uns vergibt, ist unvergleichlich mehr als alles, was wir vergeben können. Deshalb wurzelt die Fähigkeit zu vergeben in der Demut: »So wie der Herr immer bereit ist, uns zu vergeben, so müssen auch wir bereit sein, rasch einander zu vergeben. Und wie nötig sind Vergebung und Versöhnung in unserer heutigen Welt, in den Gemeinden und Familien, in unserem eigenen Herzen! Deshalb ist das Sakrament der Kirche, das speziell auf die Vergebung gerichtet ist, eine kostbare Gabe.
Im Bußsakrament erteilt uns der Herr seine Vergebung auf eine sehr persönliche Art. Durch den Dienst des Priesters treten wir zu unserem Heiland mit der Last unserer Sünden. Wir bereuen sie und bitten den Herrn um Vergebung. Dann hören wir, wie Christus uns durch den Priester sagt: Deine Sünden sind dir vergeben (Mk 2,5). Geh und sündige von jetzt an nicht mehr (Joh 8,5). Hören wir dann nicht auch, wie er uns sagt, indem er uns mit der heilshaften Gnade erfüllt: Gieße du jetzt siebenundsiebzigmal diese Vergebung und diese Barmherzigkeit über die anderen aus?«8
Was für eine Lernstätte der Liebe und der Vergebung ist doch die Beichte! Sie weitet das Herz und schafft Freiheit, damit wir die Fehler unserer Mitmenschen besser verstehen können. Sie macht uns fähiger zu lieben und zu vergeben. »Das göttliche Erbarmen in all seiner Wahrheit bekennen und verkünden«9, das ist heute dringender denn je – die Aufgabe der Kirche und jedes einzelnen Christen.
= 9, das ist – heute dringender denn je – die Aufgabe der Kirche und jedes einzelnen Christen.Erbitten wir von Maria die Weite ihres Herzens, damit wir uns nicht zu sehr aufhalten bei Begebenheiten, die uns verletzten könnten, und damit wir – im Geiste der Sühne – für all die Beleidigungen, die das barmherzige Herz Jesu treffen, ein feineres Gespür entwickeln.
28,1-2.7. – vgl. 18,21-35. – Ignatius von Antiochien, Brief an die Epheser, 10,1-3. – 5,15. – 3,13. – 23,34. – 18,27. – Johannes Paul II., , 16.9.1984. – ders., Enz. Dives in Misericordia, 13.
