JAHRESKREIS
31. WOCHE – SAMSTAG
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DIENER DES EINZIGEN HERRN
Einheit
des Lebens.
Arbeit, Mitmenschen, Umgang mit der Schöpfung.
Materialismus macht blind.
I. Im Altertum war der Sklave Eigentum seines Herrn, nicht anders als eine Sache oder ein Tier. Da er ihm ganz ausgeliefert war, konnte er von sich aus keine Entscheidungen treffen. Diese Situation totaler Abhängigkeit bildet den Hintergrund für die Worte Jesu im heutigen Evangelium: Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.1 Christus setzt voraus, daß wir uns als Geschöpfe verstehen, die sich in ihrem Sein ganz Gott verdanken. Gott ist der Herr – und wir sein Eigentum. Nachfolge Christi heißt bereit sein, stets seinen Willen zu tun. Aber es heißt auch, die folgsame Haltung eines guten Dieners zu leben: ihn im Blick haben, auf seine Anregungen achten.
Unser ganzes Leben steht unter Gottes Herrschaft. Unsere Zeit – die Zeit der Arbeit oder der Entspannung, die Zeit des Studiums oder der Geschäfte – ist immer »Zeit Gottes« Alles gehört Gott und soll auf ihn hin getan werden. Unser Leben ist ein Ganzes, und als solches soll es in all seinen Äußerungen auf Gott hingeordnet sein. Echte Spiritualität ist niemals eine von den Pflichten und Aufgaben des eigenen Standes losgelös»e Ansammlung frommen Tuns und asketischer Übungen. Im Gegenteil: die eigene Lebenssituation in der Welt soll so gestaltet und verlebendigt werden, daß sie gleichsam selbst zum Stoff des Bemühens um ein gottgemäßes Leben wird.
Die Liebe zu Gott ist wie ein Faden, der die Perlen einer Halskette trägt: sie schafft Einheit in den vielfachen Aspekten des Daseins. »Für unser tägliches Leben benötigen wir eine ungleich größere Macht als der sagenumwobene König Midas, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte.
Wir müssen – mit der Kraft der Liebe – die so irdische Arbeit des Alltags in ein >Werk Gottes< verwandeln, das bis in den Himmel reicht.«2
Das ist also der Stoff, den es in das Gold der Gottesliebe zu verwandeln gilt: die Zeit, die wir der täglichen Arbeit widmen, die verantwortliche Sorge um das, was wir benötigen, die persönliche Anstrengung um eine gute Pflichterfüllung. Dann gewinnt auch das Kleine und Unscheinbare die Dimension des Ewigen.
In allen Situationen müssen wir den Wunsch schüren, mit Hilfe der Gnade Menschen aus einem Guß zu sein, die nicht ihre Fahne nach dem Wind hängen und die wissen, daß der Umgang mit Gott sich nicht auf die Gebetszeiten beschränken darf. Auf der Straße, bei der Arbeit, beim Sport oder im gesellschaftlichen Umgang bleiben wir das, was wir sind: Kinder Gottes, die sich sagen: »Alles meinem Gott zu Ehren, in der Arbeit, in der Ruh!«3
II. Ob ihr also eßt oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes!4 Basilius der Große kommentiert um die Mitte des vierten Jahrhunderts diese Stelle so: »Setzest du dich zu Tisch, so bete! Nimmst du Brot, so danke dem Geber! Stärkst du den schwachen Leib mit Wein, so denke an den, der dir die Gabe zur Freude deines Herzens und zur Behebung deiner Schwächen reicht! Ist die Einnahme der Mahlzeit vorüber, so soll damit die Erinnerung an den Wohltäter nicht vorübergehen. Ziehst du das Kleid an, so danke dem, der es dir gegeben! Wirfst du den Mantel um, so wachse in der Liebe zu Gott, der uns für Winter und Sommer mit passenden Kleidern versehen hat, mit Kleidern, die unser Leben schützen und unsere Scham decken. Ist der Tag vorüber, so danke dem, der uns die Sonne für das Tagewerk gegeben und das Feuer zur Erhellung der Nacht und zur Befriedigung der übrigen Lebensbedürfnisse verliehen hat! Die Nacht biete weitere Anlässe zum Gebet! Schaust du zum Himmel empor und betrachtest die Schönheit der Sterne, so bete zum Herrn der sichtbaren Welten, bete an den großen Meister des Weltalls, der alles in Weisheit gemacht hat! Siehst du die ganze lebende Kreatur in Schlaf versenkt, so bete wieder den an, der auch wider unseren Willen durch den Schlaf unsere Arbeiten unterbricht und durch kurze Ruhe uns wieder zur vollen Kraft kommen läßt.«5
Das Bestreben, als Kinder Gottes zu leben, soll vor allem drei Bereiche prägen: die Arbeit – die es auf Gott auszurichten gilt; das menschliche Miteinander in der Familie und unter Freunden – getragen von Friedfertigkeit, Dienstbereitschaft und Offenheit, so daß durch uns andere Menschen dem Herrn näher kommen; und schließlich: den Umgang mit den Dingen der Schöpfung.
Alles läßt uns den Schöpfer ahnen. Denn »bevor sich Gott dem Menschen in Worten der Wahrheit offenbart, offenbart er sich ihm durch die allgemeine Sprache der Schöpfung, des Werkes seines Wortes, seiner Weisheit, in der Ordnung und Harmonie des Kosmos, die sowohl das Kind als auch der Wissenschaftler entdecken kann.«6 Verstand, Wille und Gefühl müssen die in den Dingen verborgenen Spuren Gottes erschließen und sie fruchtbar machen. Wir danken dann nicht nur für die Gaben der Schöpfung, sondern wir wissen uns auch für sie verantwortlich. »Die unterschiedlichen Geschöpfe widerspiegeln in ihrem gottgewollten Eigensein, jedes auf seine Art, einen Strahl der unendlichen Weisheit und Güte Gottes. Deswegen muß der Mensch die gute Natur eines jeden Geschöpfes achten und sich hüten, die Dinge gegen ihre Ordnung zu gebrauchen. Andernfalls wird der Schöpfer mißachtet und es entstehen für die Menschen und ihre Umwelt verheerende Folgen.«7
Als Diener unseres einzigen Herrn beziehen wir alles auf ihn, jedoch nicht nur äußerlich, wie in einem sachlichen Arbeitsverhältnis, sondern in der inneren Bindung des Herzens. Wer einen Menschen liebt, findet in dieser Liebe den Antrieb für sein ganzes Handeln – auch in dem, was sich nicht unmittelbar auf ihn bezieht. So muß es auch gegenüber Gott sein. Er – der alleinige Herr – nennt uns in Christus seine Freunde und erwartet in allem, was wir tun, unsere Freundesliebe: bei der Bestellung des Feldes wie im Geschäftsleben, im Umkreis der Familie wie unter Freunden. Aus dieser Grundeinstellung erwachsen konkrete Haltungen, das Gespür des Unternehmers für die Forderungen der Soziallehre der Kirche oder der Verantwortungssinn des Arbeitnehmers, zuverläßig zu arbeiten.
Wir erkennen dann, daß die Dinge der Natur kein bloßes Material für die Zwecke des Menschen sind, sondern selbst eine zielgerichtete Verfassung besitzen. »Im biblischen Verständnis ist menschliche Herrschaft Teilhabe an Gottes Herrschaft. Gottes Herrschaft aber ist dadurch gekennzeichnet, daß sie, indem sie die Kreatur in ihren Dienst nimmt, diese in ihr eigenes Wesen bringt, sie als sie selbst >sein läßt<. Legitime menschliche Herrschaft ist Indienstnahme und Fürsorge in einem. Beispiel ist hierfür die Hirtenkunst. Der Hirte im klassischen Verständnis züchtet und hütet die Schafe in seinem eigenen Interesse, aber steht sich dann am besten, wenn er gerade das Wohl der Tiere im Auge hat, d.h. wenn sie ein ihnen gemäßes Leben führen können.«8 Nur wer sich als Diener Gottes versteht, ist in der Lage, den Auftrag, sich die Erde zu unterwerfen und sie zu bebauen und zu hüten9, im Sinne des Schöpfers zu erfüllen.
III. Das alles hörten auch die Pharisäer, die sehr am Geld hingen, und sie lachten über ihn. Es scheint, als sehe der Evangelist einen Zusammenhang zwischen Geldgier und der Unfähigkeit, Jesus ernst zu nehmen. Es braucht nicht eine spektakuläre Liebe zum luxuriösen Leben zu sein, es genügt die materialistische Lebenseinstellung, die Papst Johannes Paul II. für unsere Zeit so schildert: »Neben dem Elend der Unterentwicklung, das nicht geduldet werden kann, finden wir eine Art von Überentwicklung, die gleichermaßen unannehmbar ist, weil sie, wie die erste, im Gegensatz zum wahren Wohl und Glück steht. Denn diese Überentwicklung, die in einer übertriebenen Verfügbarkeit von jeder Art materieller Güter zugunsten einiger sozialer Schichten besteht, macht die Menschen leicht zu Sklaven des >Besitzens< und des unmittelbaren Genießens, ohne eine andere Perspektive als die Vermehrung oder den ständigen Austausch der Dinge, die man schon besitzt, gegen andere immer perfektere. Das ist die sogenannte Konsumgesellschaft oder der Konsumismus, der so viele >Verschwendung< und >Abfälle< mit sich bringt. (...)
Wir alle greifen mit den Händen die traurigen Auswirkungen dieser blinden Unterwerfung unter den reinen Konsum: vor allem eine Form von krassem Materialismus und zugleich eine tiefgehende Unzufriedenheit, weil man sofort erkennt, daß man – wenn man nicht gegen die Flut der Reklame und das ständige verlockende Angebot von Produkten gefeit ist – um so mehr haben möchte, je mehr man besitzt, während die tieferen Wünsche unerfüllt bleiben oder vielleicht schon erstickt sind.«10
Der praktische Materialismus macht außerdem für all das Gute blind, was andere Menschen in der Nachfolge Jesu bewirken, etwa im sozialen Engagement um Christi willen oder durch ihr Zeugnis in Wirtschaft, Politik oder Kultur. Es ist, als schlöße man von vornherein aus, jemand könnte tatsächlich in seinem Werthorizont nicht sich selbst, sondern Gott an die erste Stelle setzen und alles andere – die Meinungen der Menschen wie den Wert der Dinge – von ihm her beurteilen. Man unterstellt, spirituelle Motivationen seien nur die Tarnkappe eigennütziger Interessen.
Der Herr entlarvt die Selbstvergötzung jener, die gern in langen Gewändern umhergehen, es lieben, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben wollen11. Er prangert eine Art zu leben an, die, in sinnlosem Zwiespalt, nach außen hin fromm, nach innen indessen gottvergessen ist. Ihr redet den Leuten ein, daß ihr gerecht seid; aber Gott kennt euer Herz. Denn was die Menschen für großartig halten, das ist in den Augen Gottes ein Greuel.
Gott kennt unsere Herzen. Dieses Wort wird uns helfen, unsere Absicht zu läutern und eitle und ehrsüchtige Gedanken von uns zu weisen.
Papst Johannes Paul I. erzählt in einem Buch, das er noch als Patriarch von Venedig schrieb, die Geschichte von einem Koch, der ein Kalb tötete und die Eingeweide in den Hof warf, wo Hunde herumlagen. »Die Hunde fraßen sie und sagten: Er ist ein tüchtiger Koch.« Einige Tage später schälte er Erbsen und Zwiebeln; wieder warf er die Abfälle in den Hof. »Die Hunde stürzten sich darauf, rümpften aber bald die Schnauze und stellten fest: Er ist ein schlechter Koch.« Dieser »kümmerte sich aber nicht um dieses Urteil, sondern sagte: Meinem Herrn muß das Essen schmecken, nicht den Hunden. Hauptsache, wenn mein Herr mit mir zufrieden ist.«12
Wenn wir auf Gott hin handeln, wird uns nur am Rande interessieren, was Menschen davon halten. Wir werden dann Denken und Wollen begradigen, »so wie ein Schiff auf hoher See den Kurs begradigt: mit Blick auf den Stern, mit Blick auf Maria. Dann kannst du sicher sein, daß du den Hafen erreichst«13»
Lk 16,13-14. – 2 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.742. – 3 Gotteslob 615. – 4 1 Kor 10,31. – 5 Basilius der Große, Predigt über die Märtyrerin Julitta, 3. – 6 Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, 2500. – 7 ebd. 339. – Kommentar zur Instruktion »Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens« Freiburg 1987, S.70. – 9 vgl. Gen 1,28;2,15. – 10 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 28. – 11 Lk 20,46. – 12 vgl. Johannes Paul I., Ihr ergebener Albino Luciani, München 1978, S.17. – 13 J.Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.749.»
