Jahreskreis
23. Woche – Mittwoch
42
selig seid ihr…
Die
Bergpredigt nach Matthäus und Lukas.
Ein einziger Inhalt: Heiligkeit.
Treue als Geisteshaltung des Jüngers.
I. Die Bergpredigt ist uns in zwei unterschiedlichen Fassungen überliefert. Bei Matthäus umfaßt sie drei Kapitel1, bei Lukas ist sie viel kürzer2, aber er bringt einen erheblichen Teil der fehlenden Worte an anderen Stellen und in einem anderen Zusammenhang, so etwa das Vaterunser und die Sprüche vom Sorgen und Schätzesammeln. Bei Matthäus stehen acht Seligpreisungen am Anfang, bei Lukas3 vier, denen vier Wehe-Rufe gleichsam als negative Bekräftigung folgen. Die Ähnlichkeiten sind zu groß, um anzunehmen, es könnte sich um zwei verschiedene Reden gehandelt haben; und »das Kerngeschehnis ist das nämliche. Bei Lukas steht es allein und deutlich umrissen da: jene denkwürdige Verkündigung am Berge, die sich den Hörern so tief eingegraben haben muß; die mit den Seligpreisungen beginnt und mit dem Gleichnis von den beiden Männern endet, deren einer sein Haus auf tragenden Stein, der andere auf lockeren Grund gebaut hat. Bei Matthäus hingegen wird es zur Ansatzstelle, um die sich eine Reihe von Lehren und Weisungen sammelt, die Jesus wohl zu der gleichen Zeit seines Wirkens und aus der nämlichen Grundstimmung freudigreicher Fülle heraus, aber bei verschiedenen Einzelgelegenheiten verkündet hat.«4
Die Unterschiede erklären sich dadurch, »daß Lukas, der für die bekehrten Heiden schrieb, vornehmlich Wert auf das legte, was sich auf die neue Vollkommenheit, auf das Gesetz der Liebe bezog. Matthäus bewahrte mit besonderer Treue alles, was der Rede ihren historischen Charakter gab, die Gegenüberstellung der beiden Lehren, des Alten und des Neuen Testamentes, und das Band, welches sie einte, die Liebe, welche hoch über aller Gesetzlichkeit stand und sich doch aus der alttestamentlichen Offenbarung entwickelte wie die Frucht, die erfüllt, was die Blüte verspricht.«5
Nach Matthäus spricht Jesus auf einem Berg, während Lukas die Rede auf ein Feld verlegt, auf das Jesus vom Berg hinabstieg. »Dabei will bedacht sein, daß im Aramäischen des palästinesischen Talmuds das Wort >tur< - >Berg< - auch für >Feld< gebraucht wird.«6 Beide Evangelisten stellen schon sprachlich die Feierlichkeit des Augenblicks heraus. Nach Matthäus stieg er auf einen Berg. Er setzte sich und seine jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Lukas fügt das Geschehen in den Tagesverlauf Jesu ein: Er ging auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott. Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus (…). Jesus stieg mit ihnen den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen (…) strömten herbei. (…) Er richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte…7
Eine Überlieferung verlegt die Bergpredigt auf einen Hügel in der Nähe von Tabgha, etwa drei Kilometer von Kafarnaum entfernt. »Der Umgebung von Kafarnaum ist es eigen, daß vom Seeufer ein ziemlich gleichmäßiger, allmählicher Aufstieg zu einem Hügelland von etwa 250 Meter Meereshöhe hinaufführt.«8 Wer das Glück gehabt hat, an jenem Ort zu weilen, wo Jesus den Zuhörern von damals die Urgründe seiner Botschaft verkündete, wird sich mit allen verbunden fühlen, die im Verlauf der Jahrhunderte dort hingepilgert sind. Viele haben ihre Eindrücke niedergeschrieben, wie jener Pilger aus dem 13. Jahrhundert: »Und dort sangen wir das Evangelium, und dort haben wir gepredigt, und dann haben wir uns auf das Gras gesetzt und haben gegessen mit Freude und mit Tränen der Freude.«9
II. Nach Matthäus stieg Jesus auf einen Berg. Das Geschehen am Berge Sinai drängt sich auf: dort Mose, hier Christus. »Dort werden die Grundforderungen des menschlichen Gewissens formuliert; hier zeigt sich der Geist, der die von Gott aus Gnade angenommenen Kinder beseelen soll. Dort spricht Gott unter dem Zucken der ihn verherrlichenden Blitze und als höchster und unumschränkter Herr. Er will mit Gewalt sein Gesetz in ein rebellisches Herz einschreiben. Hier spricht er in schlichtem Gespräch von Mensch zu Mensch, und seine erhabene Größe bleibt im Innern verborgen; seine Stimme ist vernehmbar in der lauteren Reinheit einer aufgeschlossenen und stillen Seele. Sie wird zur Tat im vertrauten Umgang mit jenem Geist, der Zugang zu den Tiefen Gottes selbst schenkt. (…) Das Evangelium von den Seligkeiten ist die Blüte, aus der alle Segnungen des Alten Testaments aufbrechen.«10
»Die Seligpreisungen stehen im Herzen der Predigt Jesu. Sie nehmen die Verheißungen wieder auf, die dem auserwählten Volk seit Abraham gemacht wurden. Die Seligpreisungen vollenden die Verheißungen, indem sie diese nicht mehr bloß auf den Besitz eines Landes, sondern auf das Himmelreich ausrichten.«11 Christus schenkt denen, die ihm folgen, eine neue Lebendigkeit, ein neues Leben, das aus der Teilhabe an seinem göttlichen Leben kommt: Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterb »Jenes Leben, was im eigentlichen Sinne >aus uns< kommt, ist ja zum Tode, von Gott abgerissen, auf das Nichts zustürzend. Jenes hingegen, das aus Gottes Ewigkeit kommt und in seine Ewigkeit steigt, ist das Leben Christi. An ihm wird uns durch das Wort und durch das Brot Anteil gegeben.«13
Man hat die Seligpreisungen einen »Abriß des Evangeliums« genannt, »aber kein Abriß, der kürzt und vermindert, sondern der Gipfel, der alle Abhänge der Berge zusammenfaßt und überhöht überhöht«14. Jesus möchte eine Art Porträt des wahren Jüngers zeichnen. »Gott richtet diese Berufung an jeden Menschen persönlich, aber auch an die ganze Kirche, an das neue Volk derer, welche die Verheißung empfangen haben und im Glauben aus ihr leben.«15 Der Herr verurteilt nicht das Streben nach Glück und Erfüllung, es entspricht ja einem Verlangen, das er selbst ins Menschenherz gesenkt hat. Aber er will, daß der Jünger sein irdisches Leben vom Ziel her sieht: »Die Wahrheit ist nur dann in den Seelen fruchtbar, ja sie kann nur dann verstanden werden, wenn der Wille oder, wie man auch sagt, das Herz schon für Gott aufgeschlossen ist. Wenn das Herz für Gott nichts übrig hat, bleibt der Verstand blind. Zuerst also muß der dem Menschen eigene Hang zu den zeitlichen Dingen durch ein ganz anderes Urteil über die wahren Werte ersetzt werden: es gibt Güter, welche nur in die Augen fallen und den Sinnen Freude machen, und andere, die wirklichen Wert haben. Man muß so eine Art Umkehrung der Werte vornehmen.«16 Und da jedes Glück auf Erden vergänglich ist, stehen in der Fassung nach Lukas im heutigen Evangelium vier Wehe: Weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid. (…) Weh euch, wenn euch alle Menschen loben.
Alle Seligpreisungen zielen auf ein einziges Ideal: Heiligkeit. Die Armen im Geiste, die Trauernden, die Barmherzigen, die um Christi willen Verfolgten, das sind verschiedene Facetten des Strebens nach Heiligkeit: »Jeden einzelnen ruft der Herr zur Heiligkeit, jeden einzelnen bittet er um Liebe: Junge und Alte, Ledige und Verheiratete, Gesunde und Kranke, Gebildete und Ungebildete, gleichgültig, wo sie arbeiten und leben.«17 So gelingt ein Leben. Nicht indem man dem Leidvollen zu entfliehen trachtet, sondern indem man den Willen Gottes über alles liebt. »Auf welche Weise soll ich dich suchen, Herr? Denn wenn ich dich, meinen Gott, suche, suche ich das glückselige Leben. Ich will dich suchen, auf daß meine Seele lebe. Denn mein Leib lebt durch meine Seele, und meine Seele lebt durch dich.«18
III. Selig…, denn sie werden… Die Aussage umfaßt jedesmal Gegenwart und Zukunft, Weg und Vollendung. Nicht das notvolle Jetzt, sondern das Kommende ist das Seligsein. Und nicht einen Zustand nennt der Herr selig, sondern konkrete Menschen, fähig, in ein Freundschaftsverhältnis zu Gott zu treten, sich der Wirkkraft seiner Gnade auszusetzen.
Papst Leo der Große schreibt im 5. Jahrhundert: »Jesus sagt: >Selig sind die Armen im Geist; denn ihnen gehört das Himmelreich.< Es wäre vielleicht zweifelhaft, von welchen Armen die Wahrheit spricht mit den Worten: >Selig sind die Armen<, wenn sie nicht durch einen Zusatz deutlich gemacht hätte, welche Art von Armen sie meinte. Es könnte scheinen, um das Himmelreich zu gewinnen, gehöre schon die Not, die viele unter schwerem und hartem Zwang erleiden. Er sagt jedoch: >Selig sind die Armen im Geist< und zeigt dadurch, wem das Himmelreich zukommt: denen, die mehr die Demut des Herzens als der Mangel an Besitz empfiehlt.«19
Jede der Seligpreisungen charakterisiert die Geisteshaltung des Jüngers, aber eine faßt sie alle zusammen: Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. »Diese Reinheit des Herzens meint nicht nur das Freisein von den Trübungen der Sinne, sondern die Lauterkeit des Innern überhaupt, den guten Willen vor Gott. Von dieser Gesinnung wird gesagt, daß sie Gott schaue; denn Gott zu erkennen, ist nicht Sache des bloßen Verstandes, sondern des lebendigen Blickes. Dieser Blick ist klar, wenn das Auge rein ist; die Wurzeln des Auges aber liegen im Herzen. Um Gott zu erkennen, hilft es nicht viel, den bloßen Verstand anzustrengen; das Herz muß lauter werden.«20
Die Reinheit des Herzens und die Klarheit des inneren Blickes sind auch Wegweiser zu jenem Glück, das auf Erden möglich ist. Jenseits der vergänglichen Güter und Tröstungen die ganze Hoffnung auf Gott setzen, sich Gott überlassen – das ist die Herausforderung. Wenn wir die Dinge dieser Welt nur zart und flüchtig berühren, können sie uns nichts anhaben, ja, sie vermögen uns zu beflügeln; wenn wir sie hingegen wie einen festen Besitz ergreifen, drohen sie uns zu fesseln und zu verschlingen. Das Freut euch und jubelt! ist sogar dann möglich, wenn man beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet wird; denn euer Lohn im Himmel wird groß sein. Kein Ding auf Erden kann uns mit der Glückseligkeit erfüllen, die wir Menschen ersehnen; und kein Ding auf Erden kann uns den Frieden rauben, der aus dem Sich-Gott-Überlassen erwächst.
»Man soll den Reichen nicht wegen seiner Güter, den Mächtigen nicht wegen seiner Autorität und Würde, den Starken nicht wegen seiner körperlichen Gesundheit, den Weisen nicht wegen seiner Beredsamkeit seligpreisen. All diese Gaben sind für jene, die sie recht einsetzen, Instrumente für die Tugend, aber sie enthalten nicht selbst das Glück.«21
Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sprach… Wir betrachten die Worte des Herrn in der nüchternen Atmosphäre unseres Alltags – vielleicht in einer Kirche, vor dem Tabernakel betend; vielleicht im Arbeitszimmer zu Hause, vielleicht im fahrenden Zug… »Die Seligpreisungen spiegeln das Antlitz Jesu Christi und seine Liebe. (…) Im Leben der Jungfrau Maria und aller Heiligen sind sie schon eröffnet.«22
5-7. – 6,20-49. – 6,20-26. – R. Guardini, , Würzburg 1951, S.75. – M.-J. Lagrange, Das Evangelium von Jesus Christus, Heidelberg 1949, S.155. – G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S.227. – 6,12-13.17-18.20. – G. Kroll, a.a.O. – ebd. – J. Perrin, Die acht Seligkeiten als Botschaft der Freude, Freiburg 1959, S.10. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1716. – 11,25-26. – R. Guardini, a.a.O., S.441. – J. Perrin, a.a.O., S.9. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1719. – M.-J. Lagrange, a.a.O., S.156. – J. Escrivá, Freunde Gottes, 294. – Augustinus, Bekenntnisse, 10,29. – Leo der Große, Predigt über die Seligpreisungen, 95,2. – R. Guardini, a.a.O., S.77. – Basilius, Predigt über den Neid. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1717.
