Jahreskreis
21. Sonntag (Lesejahr A)
19
fels und schlüsselträger
Das
Bekenntnis bei Cäsarea Philippi.
Selig bist du…
Im Dienst der Einheit.
I. Jesus hat Judäa verlassen und sich an die äußerste Grenze Israels begeben. Hier in der Gegend von Cäsarea Philippi und schon auf heidnischem Gebiet, bleibt er unbehelligt vom Gedränge des Volkes und vor allem vom hartnäckigen Streiten der Pharisäer, die ihn von Jerusalem bis nach Galiläa verfolgten. Die Jünger mögen sich gefragt haben, was denn Jesus mit einer solchen Wanderung bezwecken wolle, wußten sie doch, daß ihr Meister den Heiden das Reich Gottes nicht predigte. Auch wenn sie ihm nun schon lange folgen, bleibt ihnen vieles ein Rätsel. Wenn er so mächtig in Wort und Tat ist, warum entzieht er sich jedesmal dem Volk, wenn es ihn zum Messias ausrufen will? Jetzt hält der Herr den Augenblick für gekommen, sie tiefer in das Geheimnis seiner Sendung einzuführen, und außerdem will er sich eine Zeitlang ausschließlich ihrer Formung widmen.
Zunächst will Jesus, daß man sich zu ihm bekennt. Dann wird sich der Blick weiten auf das neue Volk Gottes hin, das er sammeln wird, und auf das seinen Weg durch die Jahrhunderte sichernde Felsenfundament. Dies ist die Mitte des heutigen Evangeliums1. Danach folgt – wie wir im Evangelium am kommenden Sonntag hören werden – die schwierige Belehrung über die Erlösung, die nicht in der Erfüllung irdischer Messiaserwartungen geschehen wird, sondern am Kreuzesholz.
Der Herr weiß, daß die Jünger all dies nicht verstehen werden, ihm genügt indes, daß sie es von ihm hören und ihm vertrauen. Schrittweise führt er sie zum Bekenntnis, indem er sie fast beiläufig fragt: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Die Antworten lassen auf die kursierenden Vermutungen und Gerüchte um die Person Jesu schließen: keiner hielt ihn bloß für einen gewöhnlichen Menschen, aber keiner konnte in seiner unspektakulären Gestalt auch den erwarteten Messias sehen, höchstens seinen Wegbereiter: Ist er vielleicht Johannes der Täufer, der – gleichsam als göttliche Antwort auf die Willkür des Herodes – wiederkehrt? Oder ist er jener Elija, der als Vorbote des Messias angekündigt war? Oder der große Prophet Jeremia? Jesus geht auf diese Mutmaßungen nicht näher ein. Er will zur entscheidenden Frage kommen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
Jesus läßt das Bekenntnis dem Belehren vorausgehen… Da haben wir bereits eine erste Anregung für unser Gebet. Ohne Zweifel ist begriffliche Klarheit über seine Gestalt – gerade in unserer Zeit – sehr wichtig; dennoch genügt es nicht, über ihn richtig informiert zu sein oder von ihm wie in einer talkshow zu sprechen: am Anfang muß das Bekennen stehen. Es genügt nicht, »eine Meinung zu wiederholen, es ist notwendig, Zeugnis abzulegen, sich verpflichtet zu fühlen durch das Zeugnis, das man gibt, und dann in dieser Verpflichtung bis zum äußersten zu gehen. Die besten Freunde, Jünger, Apostel Christi wurden immer jene, die eines Tages in sich selbst die klare, unumgängliche Frage gehört haben, angesichts der alle anderen zweitrangig und überflüssig werden: >Für dich, wer bin ich?<«2 Unser ganzes Leben hängt von unserer Antwort auf die Frage ab.
Leo der Große sagte seinen Zuhörern im 5. Jahrhundert: »Alle Apostel fragt der Herr, was die Menschen von ihm dächten, und sie geben ihre Antwort gemeinsam, solange sie sich auf die menschliche Unwissenheit mit ihrem Schwanken beziehen. Sobald nach dem gefragt wird, was die Jünger selbst denken, legt der zuerst Zeugnis ab für den Herrn, der in der apostolischen Würde der erste ist.«3 Petrus antwortet: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! Es ist »jenes Bekenntnis, das erstmals in der Weltgeschichte, in der Heilsgeschichte die Einheit von >Menschensohn< und >Gottessohn< vom glaubenden Menschen her erkannte und aussprach. Ein ungeheures Ereignis der Menschheitsgeschichte! Der Fischer Simon aus Galiläa ermißt zwar noch nicht die Tiefe und die Folgen seines Bekenntnisses, doch er wirft seinen grenzenlosen Glauben weit über seinen begrenzten Verstand hinaus. (...) Er stürzte sich Hals über Kopf in den Glauben, lange bevor der Kopf begriff und der Hals sich reckte.4
II. Selig bist du, Simon Barjona… »Nur ein einziges Mal hat Christus eine bestimmte Person, einen konkreten historischen Menschen in einem konkreten historischen Augenblick, in direkter Anrede seliggesprochen. Nicht seine Mutter, nicht seinen Pflegevater Josef, nicht Johannes, den >Jünger, den er liebhatte< - nur Simon Petrus. Allein diese Tatsache schon müßte allen Christen durch Mark und Bein gehen.«5 Warum nennt ihn Jesus selig? Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater i . m Himmel: »Darum bist du selig, weil dich mein Vater gelehrt hat, weil keine menschliche Meinung dich täuschen konnte, sondern Eingebung vom Himmel dich unterrichtete.«6
Du bist Petrus – der Fels. Jesus verwendet das aramäische Wort Kephas, das – anders als das uns geläufige Petrus – kein Eigenname war, weil es ihm um das Bild des Felsen geht: auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Deshalb mußte Kephas – anders als bei Eigennamen sonst üblich – bei der Niederschrift des Evangeliums ins Griechische übersetzt werden.
Der neue Rufname soll gewiß keine Charakterschilderung des Apostels sein: »Die Benennung >Fels< gibt keinen pädagogischen oder psychologischen Sinn; sie ist nur aus dem Mysterium, das heißt christologisch und ekklesiologisch zu verstehen: Simon Petrus wird durch Jesu Auftrag sein, was er durch >Fleisch und Blut< gerade nicht ist.«7 Nach Papst Leo dem Großen will Jesus sagen: »Ich bin der unzerstörbare Fels, der Schlußstein, der beide (Juden und Heiden) vereint (vgl. Eph 2, 20.14), das Fundament, außer dem kein anderes gelegt werden kann (1 Kor 3,11). Dennoch bist auch du Fels, weil du durch meine Kraft gestärkt wirst und mit mir durch Teilnahme gemeinsam haben darfst, was für mich eigene Vollmacht ist. (… ) Auf diese Kraft werde ich den ewigen Tempel errichten, und auf der Festigkeit dieses Glaubens wird sich der erhabene Bau meiner Kirche erheben und bis in den Himmel hineinragen.«8 Tatsächlich gibt die Verheißung des Herrn, die Mächte der Unterwelt werden die Kirche nicht überwältigen nur einen Sinn, wenn sie – über den sterblichen Einzelnen hinaus – das Petrusamt meint, das durch die Jahrhunderte sichtbares Fundament der Kirche sein soll.
Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein. »Die Gewalt, zu >binden.< und zu >lösen<, besagt die Vollmacht, in der Kirche von Sünden loszusprechen, Lehrurteile zu fällen und disziplinarische Entscheide zu treffen. Jesus hat der Kirche diese Autorität durch den Dienst der Apostel und insbesondere des Petrus anvertraut, dem er als einzigem die Schlüssel des Reiches ausdrücklich übergeben hat.«9 Die erste Lesung der heutigen Messe10 erinnert uns daran, daß das Bild von den Schlüsseln bereits im Alten Testament eine Rolle spielt. Gott kündigt durch den Propheten Jesaja an, er werde Eljakim die Schlüssel des Hauses Davids auf die Schulter legen, so daß, wenn er öffnet, niemand schließen kann; wenn er schließt, niemand öffnen kann.
Das Wort vom Verwalter des davidischen Hauses, er werde den Ehrenplatz einnehmen, läßt sich ebenso auf Petrus übertragen. Dessen herausgehobene Stellung im Neuen Testament zeigt sich nicht nur darin, daß er in den Apostellisten stets an erster Stelle genannt wird.11 Er erscheint als Wortführer bei der Wahl des Matthias12, nach dem Pfingstereignis13, vor dem Sanhedrin14, bei der Bestrafung von Ananias und Safira15, ebenso bei der bahnbrechenden Aufnahme des ersten Heiden Kornelius16 in die junge Kirche und beim Jerusalemer Konzil17. Nicht nur der Respekt vor dem Wortführer, sondern die Anteilnahme für einen Vater spricht aus jener bewegenden Szene des Petrus in Not18: Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott. Als der Apostel, von Herodes ins Gefängnis geworfen und von einem Engel wunderbar befreit, zum Haus der Maria, der Mutter des Markus, ging und an das Außentor pochte, erkannte eine Magd die Stimme des Petrus, doch vor Freude machte sie das Tor nicht auf, sondern sie lief hinein und berichtete: Petrus steht vor dem Tor. Dem Staunen folgte die Freude.
Wie damals erfährt auch heute der Petrusnachfolger Anfeindung und Widerspruch; er soll auch die Stärkung unserer Gebetsnähe erfahren: »Größte Wertschätzung und Liebe, tiefe Verehrung, ergebenen Gehorsam und herzliche Anteilnahme sollst du dem Papst, dem Stellvertreter Christi auf Erden, entgegenbringen.
Wir Katholiken müssen bedenken: Nach Gott und nach der heiligen Maria, unserer Mutter, folgt in der Rangordnung der Liebe und Autorität der Heilige Vater.«19
III. »Unter allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist sich die katholische Kirche bewußt, das Amt des Nachfolgers des Apostels Petrus, des Bischofs von Rom, bewahrt zu haben, den Gott als >immerwährendes und sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit< eingesetzt hat und dem der Heilige Geist beisteht, damit er alle anderen an diesem wesentlichen Gut teilhaben läßt.«20 Der römische Bischof besitzt »volle, höchste und universale Gewalt über die Kirche und kann sie immer frei ausüben. Die Ordnung der Bischöfe aber, die dem Kollegium der Apostel im Lehr- und Hirtenamt nachfolgt, ja, in welcher die Körperschaft der Apostel immerfort weiter besteht, ist gemeinsam mit ihrem Oberhaupt, dem Bischof von Rom, und niemals ohne dieses Haupt gleichfalls Träger der höchsten und vollen Gewalt über die ganze Kirche.«.21
Der Bischof von Rom gewährleistet, daß »der Episkopat selbst einer und ungeteilt sei«22. Dieser Dienst der Einheit verlangt von ihm, »wie ein Wächter zu >wachen< (episkopein), so daß dank der Hirten in allen Teilkirchen die wirkliche Stimme des Hirten Christus zu hören ist. Auf diese Weise verwirklicht sich in jeder der ihnen anvertrauten Teilkirchen die una, sancta, catholica et apostolica Ecclesia. Alle Kirchen befinden sich in voller und sichtbarer Gemeinschaft, weil alle Hirten in Gemeinschaft mit Petrus und so in der Einheit Christi sind. Mit der Vollmacht und Autorität, ohne die dieses Amt illusorisch wäre, muß der Bischof von Rom die Gemeinschaft aller Kirchen gewährleisten. Dadurch ist er der Erste unter den Dienern an der Einheit.«23
Wenden wir uns von neuem dem Evangelium zu. Es fällt auf, daß für Jesus Petrus Simon bleibt: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?24 Er bleibt der treue und – wie konnte es anders sein – mit menschlicher Schwäche behaftete Jünger, der – gutwillig aber kurzsichtig – sich als Wortführer versucht und scheitert. Als Jesus von seinem Leiden und Tod gesprochen hatte, nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.25 Der Träger des Petrusamtes ist – wie jeder Mensch – gefährdet. Deshalb braucht er unser Gebet, damit er wirklich servus servorum Dei, »Diener der Diener Gottes« ist, wie Papst Gregor der Große im 6. Jahrhundert treffend formulierte: »Diese Definition schützt am besten vor der Gefahr, die Amtsvollmacht (und im besonderen den Primat) vom Dienstamt zu trennen, was der Bedeutung von Amtsvollmacht im Sinne des Evangeliums widersprechen würde: >Ich aber bin unter euch wie der, der bedient< (Lk 22,27), sagt unser Herr Jesus Christus, das Haupt der Kirche.«26
Christus selbst ist es, der den jeweiligen Träger des Amtes, einen schwachen Menschen, durch die Jahrhunderte trägt: Simon, Simon, der Satan hat verlangt, daß er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.27 »Lukas hebt hervor, daß Christus dem Petrus aufträgt, die Brüder zu stärken, ihn aber gleichzeitig seine menschliche Schwäche und die Notwendigkeit seiner Bekehrung erkennen läßt. Es ist gerade so, als würde vor dem Hintergrund der menschlichen Schwachheit des Petrus voll offenkundig werden, daß sein besonderes Amt in der Kirche vollständig seinen Ursprung aus der Gnade hat; es ist, als würde sich der Meister ganz besonders seiner Bekehrung widmen, um ihn auf die Aufgabe vorzubereiten, die er sich anschickt, ihm in seiner Kirche anzuvertrauen, und würde ihm gegenüber sehr anspruchsvoll sein.28
In der Enzyklika Ut unum sint bemerkt der Papst, daß »die Überzeugung der katholischen Kirche, in Treue zur apostolischen Überlieferung und zum Glauben der Väter im Amt des Bischofs von Rom das sichtbare Zeichen und den Garanten der Einheit bewahrt zu haben, freilich eine Schwierigkeit für den Großteil der anderen Christen darstellt, deren Gedächtnis durch gewisse schmerzliche Erinnerungen gezeichnet ist.«29 Es stimmt: »Das Unproportioniertsein der Menschen zu solcher Funktion ist so schreiend, so eklatant, daß gerade in der Beauftragung des Menschen mit der Felsfunktion sichtbar wird, daß es nicht diese Menschen sind, die die Kirche halten, sondern er allein, der dies mehr trotz der Menschen als durch die Menschen tut. Das Geheimnis des Kreuzes ist vielleicht nirgends so greifbar anwesend wie in der kirchengeschichtlichen Realität des Primats. (…) Wenn die Kirche im Glauben an diesen Worten festhält, ist dies nicht Triumphalismus, sondern die Demut, die staunend und dankbar den Sieg Gottes über die menschliche Schwachheit und durch sie hindurch erkennt.«30
Das Petrusamt stammt aus der Gnade und dem Erbarmen Gottes und verpflichtet seinen Träger: »Durch seine Bindung an das dreifache Liebesbekenntnis des Petrus, das dem dreifachen Verrat entspricht, weiß sein Nachfolger, daß er Zeichen der Barmherzigkeit sein muß. Sein Dienst ist ein Dienst der Barmherzigkeit, geboren aus einem Barmherzigkeitsakt Christi.«31
Beherzigen wir also den Rat: »Liebe und verehre den Heiligen Vater, bete und bringe Opfer für ihn! Deine Liebe zu ihm soll mit jedem Tag wachsen! Er ist das Felsenfundament der Kirche. In ihm dauert der Dienst der Heiligung und der Leitung der Kirche, den Jesus dem Apostel Petrus anvertraute, durch die Jahrhunderte bis zum Ende der Zeiten fort.«32
16,13-20. – Johannes Paul II., Ansprache in Belo Horizonte, 1.7.1980. – Leo der Große, , 4. – P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.20. – ebd. – Leo der Große, a.a.o., 4. – J. Ratzinger, Zur Gemeinschaft gerufen, Freiburg 1991, S.51. – Leo der Große, a.a.O., 4. – Katechismus der Katholischen Kirche, 553. – 22,19-23. – vgl. 10,2-4; 3,16-19; 6,14-16. – vgl. 1,13. – vgl. 2,14-36. – 4,8 ff. – vgl. 5,1ff. – vgl. 10. – vgl. 15,6-12. – vgl. 12, 1-17. – J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.135. – Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, 88. – II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 22. – vgl. II. Vat. Konz., a.a.O., 18. – Johannes Paul II., a.a.O., 94. – 21,15. – 16,22-23. – Johannes Paul II., a.a.O., 88. – 22,31-32. – Johannes Paul II., a.a.O., 91. – ebd., 88. – J. Ratzinger, a.a.O., S.69. – Johannes Paul II., a.a.O., 93. – J. Escrivá, Im Feuer der Schmiede, Nr.134.
