JAHRESKREIS
27. WOCHE – DIENSTAG
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IN BETANIEN
Tätiges
und kontemplatives Leben sind keine Gegensätze.
Gespür für die Einheit des Lebens.
Das Eine Notwendige sicherstellen.
I. Lukas berichtet1, wie der Herr auf seinem Weg nach Jerusalem in ein Dorf kam, dessen Name der Evangelist nicht mitteilt. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Wir wissen, daß dieses Dorf Betanien ist, die Heimat der zwei Schwestern und des Lazarus,2 etwa drei Kilometer von Jerusalem am Osthang des Ölberges gelegen. Dort hat Jesus Freunde. Aus dem Bericht des Evangelisten läßt sich leicht schließen, wie wohl er sich in ihrer Nähe fühlt und wie die Geschwister ihn als Freund behandeln und sich über sein Kommen freuen. Aber »zunächst fällt uns eines auf: Unter den Geschwistern war doch ein Mann, Lazarus. Nach alter Sitte war er Haupt der Familie und Herr des Hauses; hier aber heißt es, >eine Frau mit Namen Marta nahm ihn in ihr Haus auf<. Wer also das Regiment führte, war sie. Ein sehr wackeres und warmherziges, sicher, aber immerhin war Marta es, die regierte. Lazarus hingegen muß ein nachdenklicher, nach innen gekehrter Mensch gewesen sein (...). Dann wird noch das dritte der Geschwister genannt: Maria. Auch sie hat der Schwester willig das Regiment überlassen. Wahrscheinlich ist sie jünger, jedenfalls von ruhiger, in sich gewendeter Art. Dafür spricht auch die Weise, wie sie sich beträgt: Als der Herr ins Haus kommt und die Pflicht der Gastfreundschaft gebieten würde, alles für sein Wohlergehen zu tun, setzt sie sich zu seinen Füßen nieder und lauscht, so daß Marta eigentlich nicht Unrecht hat, über ihr Versäumnis ärgerlich zu sein.«3
Lange Zeit war es üblich, Marta als die Verkörperung des tätigen, Maria als Bild des beschaulichen, kontemplativen Lebens zu betrachten. Diese Vereinfachung mag gelegentlich in der Theorie hilfreich sein, es wäre aber gefährlich, sie ohne weiteres auf die Praxis des christlichen Lebens anzuwenden. Tätiges und kontemplatives Leben sind keine gegensätzlichen Formen des Christseins. Die meisten Christen führen ja – mitten in der Welt – ein aktives Leben. Es wäre sinnlos anzunehmen, daß ihre Mühen – Familie, Geschäft, Studium, Kontakte – sie sozusagen an Gott vorbeiführten; und andererseits wäre es fragwürdig, wenn das Gebetsleben keine Spuren im weltlichen Tun, in der Art und Weise, wie man arbeitet, mit Freunden verkehrt, sich zu Hause benimmt, hinterließe.
Die Scheidung in aktiv und kontemplativ führt zu einem verstümmelten Christsein. »Wir Christen führen kein Doppelleben: Unser Leben bildet eine Einheit, die all unser Tun trägt und durchdringt (…). Seien wir Menschen des Gebetes, die immer wieder mit dem Herrn Zwiesprache halten, indem wir vom ersten Gedanken des Tages bis zum letzten des Abends fortwährend unser Herz bei ihm haben.«4
Wir dürfen uns vorstellen, daß jene zwei Frauen, die in Jesus den Freund sahen, ihm von den vielen alltäglichen Kleinigkeiten berichteten, die sich seit seinem letzten Besuch bei ihnen zugetragen hatten. Gelegentlich begegnen uns im Evangelium Gesprächsfetzen, in denen das Alltägliche durchschimmert. Es ist kaum vorstellbar, daß die Jünger mit dem Herrn nicht über alles sprachen, was sie bewegte. So soll unser Gebet sein. Mitten in der Kontemplation wollen wir mit dem Herrn über unsere Aktion sprechen, mitten im Trubel der weltlichen Angelegenheiten ihn präsent haben.
II. Vielleicht hatte Marta die Übersicht verloren, als sie sich beim Herrn beklagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überläßt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Jesus antwortet mit einem zärtlichen Verweis: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Der Herr tadelt nicht die Arbeit der Marta, sie gilt ja ihm. Aber er macht sie auf die innere Geordnetheit aufmerksam, die verlorenzugehen droht. Marta fehlt in jenem Augenblick das Gespür für die Einheit im Vielerlei, die nur dann möglich ist, wenn die Zeiten der Sammlung, des Hinhörens auf Christi Wort, nicht fehlen.
Papst Johannes Paul II. schreibt in »Christifideles laici«: »Bei der Entdeckung und der Verwirklichung der eigenen Berufung und Sendung müssen die Laien zu jener Einheit hingeführt werden, die ihrem Sein als Glieder der Kirche und als Bürger der menschlichen Gesellschaft entspricht. Sie können keine Parallelexistenz führen: auf der einen Seite ein sogenanntes >spirituelles< Leben mit seinen Werten und Forderungen und auf der anderen Seite das sogenannte >welthafte< Leben, das heißt das Familienleben, das Leben in der Arbeit, in den sozialen Beziehungen, im politischen Engagement und in der Kultur. Die Rebe, die im Weinstock Christi verwurzelt ist, trägt in allen Bereichen ihres Wirkens und Lebens Früchte. Alle verschiedenen Lebensbereiche des Laien sind im Plan Gottes inbegriffen. Er will, daß sie der >geschichtliche Ort< der Offenbarung und Verwirklichung der Liebe Jesu Christi zur Ehre des Vaters und im Dienst der Brüder und Schwestern werden. Jedes Tun, jede Situation, jede konkrete Verpflichtung - wie zum Beispiel die Kompetenz und die Solidarität der Arbeit, die Liebe und Hingabe in der Familie und in der Erziehung der Kinder, der soziale und politische Dienst, das Künden der Wahrheit auf dem Gebiet der Kultur - sind privilegierte Gelegenheiten für einen >ständigen Vollzug von Glaube, Hoffnung und Liebe<«5.
In allen Situationen unseres Alltags bleiben wir – wie Marta – in Christi Nähe. Auch das, was als rein irdisch erscheinen könnte – die Mühsal der Arbeit, die anschließende Ermattung -, sind Gelegenheiten, mit den natürlichen Tugenden auch die übernatürlichen zu üben. Wir können alles auf den Herrn ausrichten, und das schließt ein, uns immer wieder auch Zeit für das ausschließliche Gespräch mit dem Herrn zu nehmen. Wie Maria von Betanien.
III. Nur eines ist notwendig. Und was? Die wachsende Freundschaft mit dem Herrn. »Unser Herz soll dieses einzige Ziel und Anliegen kennen (…). Alles andere, was es davon ablenkt, mag es auch noch so groß erscheinen, gehört an die zweite, ja, an die letzte Stelle, denn es schadet uns«‘. Die Freundschaft mit dem Herrn vertiefen wir durch die Zeiten gesammelten Betens, durch die Betrachtung seines Wortes, durch den Empfang der Sakramente. Das, was wir leisten, wird dann von sehnsüchtiger Freundschaft mit Gott getragen sein, nach der uns verlangt »wie den Steuermann nach dem Winde, wie den vom Sturm Bedrängten nach dem Hafen«7, wie Ignatius von Antiochien auf dem Weg zum Martyrium an Polykarp schreibt.
Wir begründen manchmal unseren Leistungswillen mit dem Hinweis auf die Menschen um uns – auf einzelne wie auf die Gesellschaft -, die uns brauchen. Mag sein. Doch nur dann ist es sinnvoll, wenn es in einer Einheit des Lebens aufgehoben ist, tief verwurzelt im Bewußtsein der Gegenwart Gottes. Deswegen tragen wir Verantwortung für die »Mittel« die unsere persönliche Verbundenheit mit dem Herrn sichern: aufgefächert und gebündelt in der Gegenwart Gottes. Wer diese Mittel vernachlässigt, gerät in die Gefahr, innerlich leer zu werden und so seinen Mitmenschen nichts mehr geben zu können. Wenn aber die Freundschaft mit dem Herrn gefestigt ist, dann können sich die irdischen Tätigkeiten, die zu unserem Dasein in der Welt gehören, nicht verselbständigen. Der Alltag ist dann nicht Ablenkung, sondern eine andere Art, dem Herrn zu begegnen. Wir sind im Laufe des Tages, mitten in unseren Tätigkeiten beschaulich. Solche Kontemplation ist wie ein unterirdischer Strom, der hier und dort an die Oberfläche dringt und überall kleine Quellen entstehen läßt.
Nicht die vielen Beschäftigungen an sich sollen uns Sorge machen, sondern die Gefahr, daß sie sich verselbständigen und die Zeiten des Umgangs mit dem Herrn gleichsam aufsaugen. Die umtriebige Marta wird das Wort des Herrn beherzigt haben: Nur eines ist notwendig. Warum? Auch hier gibt uns Christus eine klare Antwort: Euch muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben8
»Danke dem Herrn für das wunderbare Geschenk, das er dir gemacht hat, als er dir die Augen dafür öffnete, daß >nur eines notwendig ist<. Und verbinde mit deinem Dank die inbrünstige Bitte für alle, die ihn noch nicht kennen oder ihn nicht verstehen.«9
10,38-42. – vgl. 11,1-45;12,1-9. – R.Guardini, , Würzburg 1951, S.221. – J.Escrivá, Christus begegnen, 126. – Johannes Paul II., Enz. Christifideles laici, 59. – Cassian, Unterredungen mit den Vätern, 1. – Ignatius von Antiochien, Brief an Polykarp, 2. – 6,33. – J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.454.
