JAHRESKREIS
27. WOCHE – MONTAG
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DER barmherzige SAMARITER
Wie
Kirchenväter das Gleichnis deuten.
In der persönlichen Anteilnahme drückt sich die Anteilnahme der Kirche aus.
Das Leiden eines Mitmenschen kann die Liebe wecken.
I. Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. Nur durch Lukas kennen wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das wir im heutigen Evangelium hören. Dieser Evangelist läßt immer wieder die göttliche Barmherzigkeit aufleuchten; auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn finden wir nur bei ihm. Heute lernen wir, daß Barmherzigkeit nicht bloß eine erbauliche Theorie ist. Sie entzündet sich an unserem Gegenüber, am Nächsten. Und wir lernen auch, wer unser Nächster ist.
Nicht selten sind die Gleichnisse Jesu aus seinem unmittelbaren Umfeld genommen. Vielleicht hielt er sich gerade nahe der Straße von Jericho nach Jerusalem auf, als er dieses Gleichnis erzählte.
Viele Kirchenväter und geistliche Schriftsteller sehen im barmherzigen Samariter Christus selbst und in dem unter die Räuber Geratenen jeden Menschen, ausgeplündert durch die Erbsünde und durch die persönlichen Sünden. »Der Mensch wurde seiner Unsterblichkeit beraubt und mit Wunden geschlagen, indem er für die Sünde anfällig wurde«“ schreibt Augustinus. Auch der ehrwürdige Beda erläutert, daß man die Sünden »Wunden« nennen kann, denn sie greifen die Unversehrtheit der Seele an. Und wer sind die Räuber? Sie stehen für alle Gefährdungen der Seele: den Teufel, die bösen Neigungen, die Ärgernisse … Manche sehen im Priester und im Leviten, die dem Verwundeten nicht halfen, ein Bild des Alten Bundes, dem die Kraft zu heilen fehlt. Erst mit Jesus wird die allmächtige Heilskraft Gottes wirksam. Er ist der Erlöser, der alle Verwundungen auf sich nimmt, wie zahlreiche Stellen aus der Heiligen Schrift andeuten: Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Das dunkle »Er Das dunkle »Er« des altestamentlichen Propheten erhält im Neuen Testament klare Konturen: Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünde und für die Gerechtigkeit leben4, heißt es im ersten Petrusbrief. Und im ersten Johannesbrief rundet sich das Bild ab: Die Liebe Gottes wurde uns dadurch offenbart, daß Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben (…). Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.5
Im Apostolischen Schreiben über den Schmerz schreibt Johannes Paul II.: »Ein guter Samariter ist jeder Mensch, der für das Leiden des anderen empfänglich ist, der Mensch, der beim Unglück des Nächsten >Mitleid empfindet<. Wenn Christus, der das Innere des Menschen kennt, diese Gefühlsregung hervorhebt, will er damit sagen, daß sie für unser ganzes Verhalten dem Leiden des anderen gegenüber wichtig ist. Wir müssen also in uns jene Empfindsamkeit des Herzens pflegen, wie sie das Mitleid für einen Leidenden bezeugt. Manchmal bleibt dieses Mitleid der einzige oder der wichtigste Ausdruck unserer Liebe zu einem leidenden Menschen und der Solidarität mit ihm.«6
Heute begegnet uns in der Öffentlichkeit – neben vielen eindrucksvollen Beispielen der Anteilnahme – eine Spielart des im Gleichnis geschilderten Vorbeigehens: Neugier, Schaulust, Sensationslüsternheit. Sich davon frei zu halten ist schon ein erster Schritt der Solidarität. Ein weiterer Schritt ist unsere innere Anteilnahme; auch dann, wenn sie die Leidenden nicht tätig erreichen kann, wird sie durch das Gebet für sie doch wertvoll.
II. Ein Gesetzeslehrer, der Jesus auf die Probe stellen will, gibt dem Herrn Gelegenheit, dem alttestamentlichen Gottesgebot ganz konkrete Konturen zu geben. Denn der Fragende schien andeuten zu wollen: Gut und schön, auch ich kenne das Gebot, aber wie weiß ich, wem es gilt? Wer ist mein Nächster?
Nun erzählt Jesus vom Priester, der den Überfallenen sieht und weitergeht. Auch der Levit geht an ihm vorbei. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
Der Herr gibt eine klare Antwort: Jeder, der uns braucht, ist unser Nächster. Origenes erläutert dies in einer Homilie, in der die Gestalt Christi und des Samariters zusammenfallen: Der Samariter »wusch unsere Sünden, litt für uns, trug den Halbtoten zu der Herberge, dies heißt, zu der Kirche, die alle aufnimmt und sich keinem versagt und zu der uns Jesus ruft mit den Worten: Mt 11,28). Nachdem er ihn zur Herberge gebracht hatte, ging er nicht gleich weg, sondern blieb bei ihm einen ganzen Tag und pflegte ihn Tag und Nacht (…). Als er dann am andern Morgen abreisen wollte, zahlte er aus dem Eigenen zwei Denare und gab dem Wirt – den Engeln seiner Kirche – den Auftrag, für den weiter zu sorgen, den er in der Zeit der höchsten Not gepflegt hatte, und ihn zum Himmel hinzuführen.«7 Auch Johannes Chrysostomos gebraucht dasselbe Beispiel: Die Kirche ist »die Herberge auf dem Weg des Lebens, die alle aufnimmt: die von der Reise Ermüdeten wie die mit der Last ihrer Sünden Beladenen. Dort entledigt sich der ermüdete Reisende der Last seiner Sünden, dort erholt er sich und erneuert seine Kräfte mit heilsamer Nahrung.«8
Wieviele verwundete Menschen begegnen uns auf unserem Weg! Opfer der Einsamkeit, der Gleichgültigkeit oder der Bosheit, Leidende am Leib – mittellos, ohne Arbeit, ohne Zuhause – oder an der Seele – Unwissende im Glauben und von den Spuren ihrer Sünden Gezeichnete … Mit unserer Hilfe und unserer Anteilnahme können wir ihnen die Begegnung mit der Kirche, vor allem im Sakrament der Buße, erleichtern.
Johannes Paul II. schreibt: »Unter seinen vielfältigen Formen – materielle Not, Unrecht und Unterdrückung, leibliche und seelische Krankheiten und schließlich der Tod – ist das menschliche Elend das offenkundige Zeichen für den Zustand einer angeborenen Schwäche, in dem sich der Mensch nach der Ursünde befindet, sowie für die Notwendigkeit einer Heilung. Darum hat es das Mitleid Christi, des Erlösers, geweckt, der dieses Elend hat auf sich nehmen (vgl. Mt 8,17) und sich mit den geringsten seiner Brüder (Mt 25,40.45) hat identifizieren wollen. Darum richtet sich auf alle, die davon bedrückt sind, auch eine vorrangige Liebe der Kirche, die seit ihren Anfängen, ungeachtet der Schwächen vieler ihrer Glieder, unaufhörlich dafür gewirkt hat, die Bedrückten zu stützen, zu verteidigen und zu befreien.«9
Die Anteilnahme der Kirche muß in der Anteilnahme eines jeden Christen spürbar werden. Die Art und Weise wird, je nach den Umständen, verschieden sein: materielle Hilfe, ein Wort, mitfühlendes Schweigen … das Herz wird uns die passende Antwort eingeben, wenn wir uns das Wort vor Augen halten, das heute vor dem Evangelium erklingt: Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben10
III. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter bringt eine zutiefst christliche, zugleich aber ganz allgemein menschliche Wahrheit zum Ausdruck, die ein wesentlicher Bestandteil sittlicher Kultur und menschlicher Zivilisation ist. Das Leiden anderer kann die Liebe wecken. Denn, wie Papst Johannes Paul II. schreibt, »die Welt des menschlichen Leidens fordert sozusagen unaufhörlich eine andere Welt: die Welt der menschlichen Liebe; und jene uneigennützige Liebe, die in seinem Herzen und in seinem Handeln erwacht, verdankt der Mensch in gewissem Sinne dem Leiden. Der Mensch als >Nächster< kann im Namen der grundlegenden menschlichen Solidarität und erst recht im Namen der Nächstenliebe nicht gleichgültig am Leiden des anderen vorübergehen. Er muß >innehalten<, >Mitleid haben< und handeln wie der Samariter im Gleichnis des Evangeliums.«11
Dies gilt nicht nur für manche Berufe, wie den des Arztes, der Krankenschwester oder des Krankenpflegers, in denen der Kontakt mit den Leidenden von selbst gegeben ist. Das Gleichnis richtet sich an jeden und zeigt allgemeingültig »wie die Beziehung eines jeden von uns zu seinem leidenden Nächsten sein sollte. Es ist uns nicht erlaubt, gleichgültig >weiterzugehen<, sondern wir müssen bei ihm >stehenbleiben<. Ein barmherziger Samariter ist jeder Mensch, der vor dem Leiden eines Mitmenschen, was immer es sein mag, innehält.«12
Auf dem Weg unseres Lebens konfrontiert uns Gott mit bestimmten Menschen, mit ihren Nöten und Bedürfnissen. Die Liebe wird uns in jedem konkreten Fall das Gespür für das Richtige geben: uns vielleicht einmal zu einer heroischen Tat auffordern, meistens aber zu Kleinigkeiten: einem Besuch, einem Anruf oder einem Brief; zu einem aufmunternden Wort, einem Händedruck, einem Lächeln oder ein wenig von unserer Zeit zu opfern.
Unsere Nächstenliebe soll alle einschließen. Andererseits muß es eine Rangfolge geben, bestimmt vom Grad der menschlichen Nähe – Verwandte, Schwestern und Brüder im Glauben, Freunde … – und den Lebensumständen. Johannes Chysostomos ermahnt uns: »Wenn der Samariter derart barmherzig und menschlich gegenüber einem Unbekannten war, wäre es verzeihlich, daß wir unsere eigenen Brüder und Schwestern vernachläßigten?« Der Kirchenvater rät, sich nicht in Gedanken darüber zu verlieren, weshalb andere an dem Notleidenden vorbeigegangen sind: »Heile du ihn und fordere keine Rechenschaft über die Nachlässigkeit anderer. Fändest du einmal eine Goldmünze, dann wäre dein erster Gedanke nicht: Wieso hat sie nicht ein anderer gefunden? Nein, du würdest sie sofort nehmen. Wisse aber: Wenn du deinem verwundeten Bruder begegnest, dann hast du etwas gefunden, das mehr Wert ist als ein Schatz: dich um ihn kümmern zu dürfen.«13 Schließen wir unsere Zeit des Gebetes, indem wir diese Frage an uns gerichtet sehen.
10,25-37. – Augustinus, in: Catena aurea, V,513. – 53,4. – 2,24. – 4,9.11. – Johannes Paul II., Apost.Schreiben Salvifici doloris, 11.2.1984, 28. – Origenes, Homilien zum Lukas-Evangelium, 34. – Johannes Chrysostomos, in: Catena Aurea, VI,519. – Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die christliche Freiheit und die Befreiung, 22.3.1986, 68. – Ruf vor dem Evangelium, vgl. 13,34. – Johannes Paul II., Apost. Schreiben Salvifici doloris, 11.2.1984, 29. – ebd. 28. – Johannes Chrysostomos, Gegen die Juden, 8.
