Jahreskreis
19.
Sonntag (Lesejahr A)
1
auf Gott hören und seine hand ergreifen
Wer Gott
hören will, braucht Stille.
Die Not des ersten Papstes.
Jesu rettende Hand.
I. Der Prophet Elija hat in seinem Kampf gegen die Propheten des Baal den Zorn der Königin Isebel herausgefordert. Jetzt zieht er – geängstigt, entmutigt, ermattet – durch die Wüste bis zum Berg Horeb und sucht dort in einer Höhle Zuflucht. Aber das Wort des Herrn erging an ihn: Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Auf dem Berg, wo Gott sich Mose geoffenbart hatte, erhält jetzt Elija eine Offenbarung, die ihn stärken und auch belehren soll. In der ersten Lesung der heutigen Messe1 hören wir davon.
Da zog der Herr vorüber. Nicht wie beim Bundesschluß mit Mose, als der ganze Sinai in Rauch gehüllt war, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen, und das ganze Volk im Lager begann zu zittern. (…) Mose redete, und Gott antwortete im Donner2. Diesmal kam zuerst ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, dann ein Erdbeben, dann ein Feuer. Jedesmal heißt es: Doch der Herr war nicht im Sturm… nicht im Erdbeben… nicht im Feuer. Aber nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Da ahnte der Prophet, dies sei Gottes Vorübergang. Er hüllte sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.
Ein sanftes, leises Säuseln ist die göttliche Antwort auf den ungestümen Eifer des Propheten Elija, der die Vertreter der heidnischen Religion ausgerottet hatte. Gott macht kund, daß die Naturgewalten »nicht der wahre Ausdruck seines göttlichen Wesens sind und daß daher auch das gewaltsame Vorgehen des Elijas nicht die dem göttlichen Wesen entsprechende Verehrung darstellt. Gott ist im sanften Säuseln des Windes, offenbart sich dadurch als milder Gott, dem deswegen auch der Prophet durch weise Selbstbeherrschung dienen muß.«3 Elija erfährt, daß Gott tiefere Dimension hat als furchterregende Majestät.
Es ist anregend, das Bild vom sich leise mitteilenden Gott zu betrachten. Uns wird klar, daß es Menschen gibt, »die auf der Wellenlänge Gottes gar keinen Empfang mehr haben, weil der Lärm der Welt zu laut geworden ist, als daß sie noch durchhören könnten auf das Ewige, das in der Stille spricht; die im Lärm der Zeit kein Ohr mehr haben für Gottes Ewigkeit«4. Wer Gott hören will, braucht Stille. Sie ist mehr als nur äußeres Schweigen, sie ist Innerlichkeit, Lauschen auf Gottes Wort, ein »Suchen und Sprechen: >Du, Gott<, das macht das Innere lebendig und fest. Eine solche Innerlichkeit ist das Gegengewicht gegen die Masse der Dinge, die Menge der Menschen und das Getriebe des äußeren Geschehens; gegen Öffentlichkeit, Mode und Reklame.«5 Schon Augustinus kennt diese Erfahrung: »Schwierig ist es, im Menschengewühl Christus zu schauen; eine gewisse Zurückgezogenheit ist für das Herz nötig. In dieser Art von Einsamkeit des Blickes zeigt sich Gott.«6 Und er, ein Meister der gewandten Rede, bittet: »Befreie mich, Herr, von der Vielrederei, an der ich drinnen in meiner Seele leide; sie ist erbarmungswürdig vor deinen Augen und flieht hin zu deinem Erbarmen. Ich schweige ja nicht in meinen Gedanken, selbst wenn ich mit dem Munde schweige. (...) Möge mein Urteilen und Werten vor ihnen sicher sein! Möge mein Gewissen vor ihnen sicher sein, indem du mir sicheren Schutz gewährst.«7
Hören wir die bedenkenswerten Worte eines Beters: »Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist: Ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber: daß Beten nicht bloß Schweigen ist; sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt: still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.«8
II. Das heutige Evangelium9 fügt sich in das bisher Betrachtete gut ein. Nach der Speisung der Fünftausend hatte Jesus die Jünger mit dem Boot zum anderen Ufer fortgeschickt, während er selber auf einen Berg stieg, um zu beten. »Für sich allein, heißt es bei Matthäus. Wie wunderbar ein solcher kurzer Satz. Unwillkürlich fragt man sich: Hast du schon einmal in deinem Leben nachts einen Berg bestiegen, um in der Einsamkeit zu beten? Und es erwacht die Sehnsucht danach, es wenigstens einmal zu tun. Wir wissen nicht, wie Jesus betete, was der Inhalt seines Gebetes war, aber daß es immer auch Gebet für die Seinen, für die Apostel und Jünger, gewesen ist, kann nicht zweifelhaft sein.«10
Indessen hatten die Jünger mit einem heftigen Gegenwind zu kämpfen; ihr Boot wurde von den Wellen hin und her geworfen. Der Evangelist sagt nicht, daß sie in Not geraten waren; eher muß es das Gefühl der Vergeblichkeit gewesen sein, denn das Boot war schon viele Stadien vom Land entfernt und das andere Ufer noch weit. In der vierten Nachtwache sahen sie eine Gestalt sich dem Boot nähern. Die Jünger erschraken und schrien vor Angst; sie meinten, es sei ein Gespenst. Aber es war Jesus, der ihnen zu Hilfe kam – er ging auf dem See. Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! sagte er zu ihnen.
Petrus ist überrascht und verwirrt. Er muß den Herrn an der Stimme erkannt haben, aber was da geschieht, ist ihm so unfaßlich, daß ihm Hören und Sehen nicht genügen: Herr, wenn du es bist, so befiehl, daß ich auf dem Wasser zu dir komme. Er »fordert hier also ein zweites Wunder, um das erste glauben zu können. (…) Jesus weiß, daß Petrus das Geheimnis seiner Gott-Menschlichkeit noch nicht tragen kann, daß er es aber ahnt und sich immerfort nach neuen Offenbarungen dieser Göttlichkeit sehnt..«11 Also sagt er zu ihm: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser aufjesus zu. Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich! jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Petrus sollte zum Felsen der Kirche werden und die Brüder stärken.12 Aber zuerst muß er erfahren, wie schwach er ist. Vor diesem Hintergrund soll »voll offenkundig werden, daß sein besonderes Amt in der Kirche vollständig seinen Ursprung aus der Gnade hat; es ist, als würde sich der Meister ganz besonders seiner Bekehrung widmen, um ihn auf die Aufgabe vorzubereiten, die er sich anschickt, ihm in seiner Kirche anzuvertrauen, und ihm gegenüber sehr anspruchsvoll sein.«13
Im rettenden Gestus des Herrn, der Petrus seine Hand entgegenstreckt, ist die Geschichte aller Nachfolger des Petrus vorgebildet, ob stark oder schwach, glaubend oder kleinmütig. »Das Unproportioniertsein der Menschen zu solcher Funktion ist so schreiend, so eklatant, daß gerade in der Beauftragung des Menschen mit der Felsfunktion sichtbar wird, daß es nicht diese Menschen sind, die die Kirche halten, sondern er allein, der dies mehr trotz der Menschen als durch die Menschen tut. Das Geheimnis des Kreuzes ist vielleicht nirgends so greifbar anwesend wie in der kirchengeschichtlichen Realität des Primats. (…) Wenn die Kirche im Glauben an diesen Worten festhält, ist dies nicht Triumphalismus, sondern die Demut, die staunend und dankbar den Sieg Gottes über die menschliche Schwachheit und durch sie hindurch erkennt. Wer den Worten aus Furcht vor Triumphalismus oder vor menschlicher Eigenmacht ihre Kraft nimmt, verkündet nicht den größeren Gott, sondern verkleinert ihn, der gerade im Paradox menschlicher Ohnmacht die Macht seiner Liebe zeigt und damit dem Gesetz der Heilsgeschichte treu bleibt.«14
Gerade die Schwachheit des Petrus macht offenbar, »daß die Kirche auf der unendlichen Macht der Gnade gründet. (…) Als Erbe der Sendung des Petrus in der vom Blut der Apostelfürsten befruchteten Kirche übt der Bischof von Rom ein Amt aus, das seinen Ursprung in der vielgestaltigen Barmherzigkeit Gottes hat, die die Herzen bekehrt und mit der Kraft der Gnade erfüllt, während der Jünger den bitteren Geschmack seiner Schwachheit und seines Elends wahrnimmt. Die diesem Amt eigene Autorität steht ganz im Dienst des barmherzigen Planes Gottes und muß immer in dieser Perspektive gesehen werden. Aus ihm erklärt sich die Vollmacht dieses Amtes.«15
Hören wir Papst Johannes Paul I.: »Das erste, was ich tat, kaum daß ich Papst war – ich ging in die Privatkapelle des päpstlichen Hauses. Dort hat Papst Paul an der Rückwand zwei Mosaiken anbringen lassen: Petrus und Paulus. Petrus, wie er stirbt, und Paulus, wie er stirbt. Unter dem heiligen Petrus stehen die Worte Jesu: Ich werde für dich beten, Petrus, damit dein Glaube nicht wanke. Unter dem heiligen Paulus, der den Schwerthieb empfängt: Ich habe meinen Lauf vollendet und den Glauben bewahrt.«16 Und Papst Johannes Paul II. charakterisierte in einer Ansprache an die vatikanischen Mitarbeiter den Petrusdienst so: »Wir werden in der Arbeit für die Gesamtkirche, die meine und eure tägliche Aufgabe ist, wenig tun können, wenn wir nicht zur Vertrautheit mit dem Herrn Jesus gelangt sind: wenn wir nicht wirklich mit ihm und wie er in der Wahrheit geheiligt sind; wenn wir nicht sein Wort in uns bewahren und jeden Tag seinen verborgenen Reichtum zu entdecken versuchen; wenn nicht die Liebe Gottes zu seinem Gesalbten tief in uns Wurzel faßt.«17
III. Es war sicher nicht das erste Mal, daß die Jünger auf heftigen Gegenwind stießen. Aber diesmal scheinen sie verunsichert trotz langjähriger Erfahrung. Ähnlich kann es uns im geistlichen Leben ergehen. Es kann sein, daß wir uns einmal überfordert fühlen oder uns ausgelaugt vorkommen. Der heilige Franz von Sales schreibt dazu: »Gewiß, wir sollen über unsere Fehler trauern, sollen sie tief und innig bereuen, uns jedoch ihretwegen nicht der Unruhe und Mutlosigkeit überlassen. Demütigen wir uns vor Gott, flehen wir seine Barmherzigkeit an, bekennen wir unsere Schuld dem Priester. Dann aber bleiben wir im Frieden und nehmen wir die Demütigung an, die in unserem Versagen liegt. Warten wir geduldig, bis Gott uns zum Fortschritt verhilft; und statt uns zu grämen, daß wir in der Vergangenheit so wenig getan haben, streben wir lieber eifrig danach, künftig mehr zu tun.«18
Herr rette mich! ist der Ruf vieler Heiligen gewesen, die, sich ihrer Schwachheit bewußt, um die Kraft zum Ausharren baten. Thomas Morus weiß, daß Christus ihn in seiner Bedrängnis aufrechterhält. Und er weiß ebenso, daß er ihn wieder aufrichten wird, falls ihn die Kräfte verlassen sollten: »Sollte ich plötzlich doch noch zum Nachgeben bereit sein, wenn meine Furchtsamkeit mich den falschen Weg gehen ließe, so will ich daran denken, wie der heilige Petrus bei einem Windstoß Christus anrief und ihn bat, ihm doch zu helfen. Ich bin überzeugt, er wird mir seine heilige Hand reichen und mich vor dem Ertrinken in stürmischer See erretten.«19 Es ist die Tugend der Hoffnung.
Erst als Petrus seinen Blick von Jesus abwendet, beginnt er zu sinken. Er merkt, wie gefährlich Wind und Wellen sind, er vergißt, daß die Kraft, die ihn auf dem Wasser hält, vom Herrn kommt, der vor ihm steht und ihn ruft. Der Herr rettet ihn – aber nicht ohne sein Mittun. Petrus muß seine Hand ergreifen – als Eingeständnis seiner Ohnmacht und zugleich als Besiegelung seiner Rettung. »Immer wenn Gott, unser Herr, den Menschen seine Gnade schenkt, (…) dann ist es, wie wenn er ihnen eine Hand reichte, eine väterliche Hand, voll Kraft, vor allem aber voll Liebe; so sucht er jeden von uns einzeln auf, als seine Söhne und Töchter, denn er weiß um unsere Schwäche. Der Herr erwartet von uns, daß wir die Kraft aufbringen, diese seine ausgestreckte Hand zu ergreifen, Gott erwartet von uns – als Zeichen unserer Freiheit -, daß wir uns anstrengen.«20 Der Herr hat uns tausendfach die Verheißung gegeben, daß er uns nicht im Stich lassen wird. Er will nur, daß wir den Blick nicht von ihm abwenden; und wenn wir es trotzdem einmal tun, läßt er uns unsere Schwachheit spüren, reicht uns aber zugleich seine rettende Hand. Dann legt sich der Wind, und die Ruhe kehrt zurück.
Die eigene Schwäche soll uns die Nähe des Herrn um so vertrauensvoller suchen lassen. Wahrscheinlich tasten wir schon nach seiner ausgestreckten Hand. Aber es reicht nicht, sie nur zu streifen, sie nur zu berühren, wir müssen sie fest ergreifen. Was aber hindert uns daran? Manchmal mangelnde Beharrlichkeit in den Gebetszeiten, manchmal mangelnde Fügsamkeit im Befolgen der Ratschläge unseres Seelenführers, manchmal Unentschlossenheit, die konkrete Gelegenheit zur Sünde entschieden zu meiden, manchmal vielleicht Enttäuschungen im Apostolat…
Schließen wir unser Gebet mit Worten des heiligen Bernhard: »Wenn die Sturmwinde der Versuchungen daherbrausen, wenn du zwischen die Klippen der Drangsale verschlagen wirst, blick auf zum Stern, ruf zu Maria! Wenn dich emporschleudern Wogen des Stolzes, des Ehrgeizes, der Verleumdung, der Eifersucht – blick auf zum Stern, ruf zu Maria! Wenn Zorn, Habsucht oder die Begierde des Fleisches deine Seele erschüttern – blick auf zu Maria! Wenn dich die Last der Sünden drückt und die Schmach des Gewissens beschämt, wenn dich die Strenge des Gerichtes schreckt, wenn du drohst von abgrundtiefer Traurigkeit und Verzweiflung verschlungen zu werden – denk an Maria! (…)
Damit du aber ihre Hilfe und Fürbitte erlangest, vergiß nicht das Vorbild ihres Wandels! Folge ihr, und du wirst nicht vom Wege weichen. Bitte sie, und niemals bist du hoffnungslos. Denk an sie, dann irrst du nicht. Hält sie dich fest, wirst du nicht fallen. Schützt sie dich, dann fürchte nichts. Führt sie dich, wirst du nicht müde. Ist sie dir gnädig, dann kommst du ans Ziel.«21
1 Kön 19,9a.11-13a. – 2 Ex 19,16-19. – 3 Echter-Bibel, Bd.2, Würzburg 1956, S.195. – 4 J. Ratzinger, Diener eurer Freude, Freiburg 1988, S.19. – 5 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S.158. – 6 Augustinus, Vorträge zum Johannesevangelium, 17,11. – 7 Augustinus, Über die Dreieinigkeit, 15,28,51. – 8 S. Kierkegaard, Ja zu jedem Tag, Stuttgart 1984, S.90. – 9 Mt 14,22-33. – 10 P. Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.80. – 11 ebd., S.81. – 12 vgl. Mt 16,18; Lk 22,32. – 13 Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, 91. – 14 J. Ratzinger, Zur Gemeinschaft berufen, Freiburg 1991, S.69. – 15 Johannes Paul II., Enz. Ut unum sint, 92. – 16 Johannes Paul I., Ansprache, 13.9.1978. – 17 Johannes Paul II., Predigt beim Wortgottesdienst mit den Mitgliedern der Römischen Kurie, 23.1.1981. – 18 Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S.147. – 19 P. Berglar, Die Stunde des Thomas Morus, Olten 1978, S.305. – 20 J. Escrivá, Christus begegnen, 17. – 21 Bernhard von Clairvaux, Homilie De Laudibus Virginis Matris, 2,17.
