Tagesmeditation

JAHRESKREIS
9. WOCHE – MONTAG

22

DER ECKSTEIN

Das Gleichnis von den bösen Winzern.
Gedanken des Herzens.
Einheit des Lebens.

I. Im heutigen Evangelium1 führt Jesus einen scharfen Angriff gegen seine Widersacher, die sich dann endgültig gegen ihn stellen. Der Herr erzählt das Gleichnis von den bösen Winzern. Gott sendet immer wieder seine Knechte, um bei ihnen seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs holen zu lassen. Aber die unbegreiflich große Geduld Gottes mit seinem Volk macht keinen Eindruck auf die Winzer, eher steigert sie ihre Bosheit. Sie packten und prügelten den einen Knecht, mißhandelten und beschimpften den anderen, einen dritten brachten sie um, und so verfuhren sie mit allen anderen, die danach gesandt wurden. »In der Geschichte Israels äußert sich die Sünde oft – vor allem als Untreue gegenüber dem Gott des Bundes und als Übertretung des .«2

Im 2. Jahrhundert deutet der Kirchenvater Irenäus von Lyon ausführlich dieses Versagen: »Gott pflanzte den Weinberg des Menschengeschlechts zuerst durch die Erschaffung Adams und die Erwählung der Patriarchen und übergab ihn den Weinbauern durch die Gesetzgebung des Mose. Dann umgab er ihn mit einem Zaun, das heißt, er umgrenzte ihr Gebiet und baute einen Turm, indem er Jerusalem erwählte. Dann grub er eine Kelter, indem er das Gefäß für den prophetischen Geist vorbereitete. Und so schickte er die Propheten bereits vor der babylonischen Gefangenschaft und andere nach ihr, und zwar um die Früchte des Weinbergs einzufordern. Da sie aber den Propheten nicht glaubten, sandte der Herr zuletzt seinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus. Diesen schlugen die bösen Winzer und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus.«3

Die Winzer im Gleichnis sind die Führer des Volkes, der Herr ist Gott, der Weinberg Israel, sein Volk. Die Priester, Gesetzeslehrer und Könige, die das Volk Israel führen, sind keine Herren, sondern nur »Pächter« der Rechte Gottes. Zu ihnen werden jeweils andere »Knechte« Gottes gesandt, ausgestattet mit einer bestimmten »Sendung«. »In dieser Sendung aber sind sie unmittelbarer mit Gott, ihrem Herrn, verbunden, als die Pächter. Indem sie den >Pachtzins< fordern, haben sie die Aufgabe, jene stets an ihr Verhältnis zum Herrn zu erinnern, ihnen ihre Abhängigkeit im Bewußtsein zu erhalten.«4

Die Langmut Gottes Israel und seinen Führern gegenüber geht so weit, daß der Herr des Weinbergs schließlich seinen geliebten Sohn selbst sendet. Hier deutet sich der Unterschied an zwischen den verschiedenen Sendungen: Jesus ist der Sohn, die Propheten sind Diener, Knechte. Die Winzer ergreifen auch den zuletzt Gesandten, sie packten ihn und brachten ihn um. Die Führer Israels verstanden den messianischen Sinn des Gleichnisses und daß er mit diesem Gleichnis sie meinte5.

Wir erinnern uns an den Hinweis des Hebräerbriefes, daß Jesus außerhalb des Tores gelitten hat6. Jesu Tod sprengt alle Grenzen und Schranken, Mauern und Bastionen. Das Gleichnis des Herrn hat nicht nur die konkrete Situation von damals im Auge, es ist von heilsgeschichtlicher Tragweite, denn »selbst nach der Erlösung durch Christus sündigen auch die Christen auf vielerlei Weisen«7 und kümmern sich nicht um die göttlichen Ermahnungen. Sie warfen ihn aus dem Weinberg hinaus.

Irenäus deutet die heilsgeschichtliche Dimension an: »Nun aber umgab Gott seinen Weinberg nicht mit einem Wall, sondern er dehnte ihn über die ganze Welt aus und übergab ihn andern Weinbauern, welche die Frucht zur rechten Zeit abliefern.« Es beginnt die Zeit der Kirche, des neuen Gottesvolkes.

II. Der Herr beschließt das Gleichnis mit einem Psalmwort: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden. Später wird Petrus vor dem Hohen Rat das Wort ergreifen und Jesus, den ihr gekreuzigt habt, bekennen: Er ist der Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist.8 Seit diesem Augenblick beginnt der Bau durch die Jahrhunderte zu wachsen. Irenäus von Lyon schließt seinen Kommentar mit den Worten: »Überall ist die Kirche, und überall ist die Kelter gegraben; überall wird der Geist gespendet und empfangen.«9

Die Apostel sind die Erbauer des neuen, weltumfassenden Gebäudes. »Es sind junge, gesunde, zu Strapazen fähige Männer gewesen, die >auf den Bau< gingen. Der Grundstein - die Heimholung des Menschen und der ganzen Schöpfung zum Vater und Schöpfer Gott durch Kreuzesopfer und Auferstehung - lag im Erdreich, war für immer in die Geschichtszeit eingesenkt. Der Bauherr und Eigentümer würde, so hatte er es versprochen, niemals seine Hand vom Bau abziehen, und der Bau der Kirche würde immerfort eine >Baustelle< sein und erst am Tag der Wiederkunft Christi vollendet werden, nicht nur in einem >neuen Himmel und einer neuen Erde< (Offb 21,1), sondern als ein >neuer Himmel und eine neue Erde<. Architekt und Bauleiter, der Heilige Geist, würden niemals fehlen oder einfallslos sein oder ihre Pläne falsch gezeichnet oder verlegt haben. Auch der Polier würde allezeit auf der Baustelle nach dem Rechten sehen: der Papst. Blieben noch die Arbeiter, die Steinträger, Mörtelmischer, Maurer, Putzer, Zimmerleute. Die Arbeiter würden zwar immer zu wenig sein, aber auch nie ganz fehlen. Das alles wußten diese ersten Christen. Sie hatten großenteils den Herrn noch getroffen, gehört, kennengelernt. Sein Sein wie seine Botschaft hatten nicht geendet - nur in Menschengestalt aufgehört -, sondern durch die Herabkunft des Heiligen Geistes in den Seelen der Gläubigen, der Gläubigwerdenden, Wohnung genommen. Die Apostel, die Jünger, die Neugetauften, sie alle waren von Freude, Zuversicht, Tatendrang erfüllt. Sie liebten, und Liebe kann nicht schweigen. Sie muß sich mitteilen und fortpflanzen.«10

Christus ist der Eckstein nicht nur im Gebäude der Kirche, sondern auch im Leben des Einzelnen. Kein Lebensbereich darf außerhalb des Glaubens bleiben. Die Sorgen des Geschäftslebens, die Angelegenheiten der Familie, kurzum unsere vielfältige Einbindung in die Welt soll von dem getragen sein, was die selige Edith Stein die Gedanken des Herzens nennt: »Die Gedanken des Herzens, das ist das ursprüngliche Leben der Seele in ihrem Wesensgrunde, in einer Tiefe, die vor aller Spaltung in verschiedene Kräfte und ihre Betätigung liegt. Die Seele lebt sich darin aus, so wie sie in sich selbst ist, jenseits von allem, was durch die Geschöpfe in ihr hervorgerufen wird. (…) Die Gedanken des Herzens sind durchaus noch keine Gedanken im üblichen Sinn, keine fest umrissenen, gegliederten und faßbaren Gebilde des denkenden Verstandes. Sie müssen durch mancherlei Formungen hindurchgehen, ehe sie zu solchen Gebilden werden.

Sie müssen erst aufsteigen aus dem Grunde des Herzens. Dann kommen sie an eine erste Schwelle, wo sie spürbar werden. Dies Spüren ist eine viel ursprünglichere Weise des Bewußtseins als das verstandesmäßige Erkennen. Es liegt auch noch vor der Spaltung der Kräfte und Tätigkeiten. Es fehlt ihm die Klarheit des rein verstandesmäßigen Erkennens; andererseits ist es reicher als eine bloße Verstandeserkenntnis.«11

So entsteht eine Atmosphäre, die ausschließt, daß man sich bloß zu bestimmten Zeiten, beim Beten etwa oder beim Gottesdienst, als Jünger Christi betrachtet. Die Nachfolge erfaßt den Kern unserer Persönlichkeit zutiefst und gibt unserem Leben seine unverbrüchliche Einheit. Wir reagieren dann wie Liebende, die den geliebten Menschen stets gegenwärtig haben: nicht nur bei allem, was unmittelbar mit ihm zu tun hat, sondern auch bei Beschäftigungen, die scheinbar nichts mit ihm zu tun haben.

III. »Die verheißene Seligkeit stellt uns vor wichtige sittliche Entscheidungen. Sie lädt uns ein, unser Herz von bösen Trieben zu läutern und danach zu streben, Gott über alles zu lieben. Sie lehrt uns: Das wahre Glück liegt nicht in Reichtum und Wohlstand, nicht in Ruhm und Macht, auch nicht in einem menschlichen Werk – mag dies auch noch so wertvoll sein wie etwa die Wissenschaft, die Technik und die Kunst – und auch in keinem Geschöpf, sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe.«12

Wenn Gott und seine Verheißungen der Fluchtpunkt unserer Gedanken, Worte und Werke sind, geraten wir nicht in die Versuchung, irgendwelche irdischen Wirklichkeiten aus dieser Perspektive herauszulösen, sie unter ein Sonderrecht zu stellen, das dem Gesetz Gottes widerspräche. Vielmehr prüfen wir alles, was um uns geschieht – ob es sich nun um einen literarischen Bestseller, ein Theaterstück, eine Fernsehsendung oder ein politisches Programm handelt. Erkennen wir ein Werk oder ein Tun als im Widerspruch zum göttlichen Gesetz, kann es sich um keinen echten menschlichen Wert handeln, mögen Teilaspekte auch noch so interessant sein.

Es wäre gegen ein christliches Leben aus einem Guß, würde ein Geschäft oder eine Arbeitsstelle nur unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, ohne zu bedenken, ob sie auch den Normen der Sittlichkeit entsprechen. Das beste Geschäft wäre ein ruinöses Geschäft, wenn es gegen die Moral verstieße.

Wer den Glauben kennt und ihn lebt, findet darin – fern ängstlichen Prüfens, was »man darf« oder »nicht darf« den nötigen Impuls zum guten Handeln. Zwar wird der Teufel versuchen, Hochmut und Begierlichkeit aufzustacheln, um uns zu verblenden. Aber im Strahlungsfeld Christi sind wir gegen solche Angänge Satans gewappnet. Im Licht des Glaubens lassen sich Schei» und Wirklichkeit leichter unterscheiden.

Die Klarheit der Lehre genügt jedoch nicht, wenn der Wille labil ist. Deshalb können Menschen mit mäßiger Bildung gleichsam intuitiv richtige Urteile fällen, während sehr gebildete Menschen, obwohl sie alles bestens wissen, versagen.

Die Kirche glaubt, »daß in ihrem Herrn und Meister der Schlüsssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist«13. Wer als Christ sein Leben auf dem Eckstein Christus gründet, hat eine untrügliche Wertskala, einen verläßlichen Kornpaß.

Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden. Das Wissen um eine in Christus gegründete Einheit des Lebens befreit uns von der ängstlichen Sorge, wir müßten immer und unbedingt ankommen. Wer Christus folgt, ist nicht überrascht, daß auch er Anstoß erregt und Anfeindungen erfährt. Weil der Christ sich der Welt verpflichtet weiß, sucht er um so dringender die Verankerung in Gott: erst dann ist er in der Lage, nach einem Wort des seligen Josemaría Escrivá, »die Welt leidenschaftlich zu lieben«.

1 Mk 12,1-12. – 2 Katechismus der Katholischen Kirche, 401. – 3 Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, 4,36. – 4 J.Dillersberger, Markus, Bd.4, Salzburg 1938, S.201. – 5 Mk 12,12. – 6 Hebr 13,12. – 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 401. – 8 Apg 4,10-11. – 9 Irenäus von Lyon, a.a.O. – 10 P.Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.170. – 11 Edith Stein, Im verschlossenen Garten der Seele, Freiburg 1987, S.45f. – 12 Katechismus der Katholischen Kirche, 1723. – 13 II.Vat.Konz., Konst. Gaudium et spes, 10.