JAHRESKREIS
3. WOCHE – MONTAG
19
vom guten ruf des nächsten
Menschen urteilen über Jesus.
Die Zunge.
Ungerechtes Richten und Respekt vor der Intimsphäre.
I. Die Apostelgeschichte faßt das Leben unseres Herrn bündig zusammen: er zog umher, tat Gutes und heilte alle, die in der Gewalt des Teufels waren1. Menschen aus dem Volk bewundern ihn und preisen seine Güte, wenn er Kranke heilt oder Dämonen austreibt. Sie ahnen etwas Geheimnisvolles an ihm, sehen in ihm einen Propheten. Andere spüren zwar das Geheimnisvolle seiner Person, bleiben aber auf Distanz; sie gehören zu jenen Skeptikern, die allem Großen grundsätzlich mißtrauen. Weiter noch gehen jene, die dem Herrn nicht nur eine böse Absicht unterstellen, sondern ihn im Bund mit dem Teufel vermuten. Einige Schriftgelehrte, die von Jerusalem gekommen waren, prüfen das Wirken Jesu mit haßerfülltem Blick. Sie beobachten neidvoll sein wachsendes Ansehen beim Volk und wollen das nicht zulassen. Markus berichtet darüber im heutigen Evangelium2. Von den anderen Synoptikern wissen wir, daß Jesus einen Besessenen, der blind und stumm war, geheilt hatte.3 „Jesus zeigt klar seinen Sendungsauftrag, den Menschen vom Übel und vor allem von der Sünde, dem geistigen Übel, zu befreien: eine Sendung, die mit seinem Kampf gegen den bösen Geist verbunden ist und ihn erklärt: denn dieser ist der erste Urheber des Bösen in der Geschichte des Menschen.«4
machtvolle Taten, Wunder und Zeichen5. Er wirkt sie im eigenen Namen aus seiner göttlichen Vollmacht und zugleich aus seiner engen Verbindung mit dem Vater. Sie lassen die geheimnisvolle Gegenwart erkennen, in deren Namen Jesus handelt. Die Waffen der Gegner sind böswilliges Beäugen und harter Tadel. Daraus entwickeln sich die zahlreichen Streitgespräche, aus denen Jesus jeweils als Sieger hervorgeht. Aber das Streitgespräch, von dem das heutige Evangelium berichtet, ist anders als alle bisherigen. Denn die Vorwürfe der Gegner gehen weit über alles Bisherige hinaus.
Jesus bekräftigt beim Letzten Abendmahl, wenige Stunden vor seinem Leiden und Sterben, seine Sendung: Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden.6 Johannes verdeutlicht es, wenn er in seinem ersten Brief schreibt: Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören.7
In diesem entscheidenden Streitgespräch werden Wesen und Richtung dieses Heilsauftrags Jesu ins Gegenteil verkehrt. Nicht die Gottesherrschaft und damit die Vernichtung der Macht Satans sei die Lebensaufgabe Jesu, vielmehr werde durch ihn die Macht des Bösen gefestigt. Da die Gegner Jesu Macht über die Dämonen nicht leugnen können, erklären sie ihn als im Bunde mit dem Teufel stehend. Jesu Macht sei Zauberei im Dienste Satans, sein ganzes Wirken Teufelswerk. Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.
Wie leicht wird ein böses Wort zur Verleumdung! Und wie leichtfertig fällt ein solches Wort, wenn der Haß den Blick verdunkelt!
II. Die Feinde Jesu verstoßen so maßlos gegen die Wahrheit und gegen die Gerechtigkeit, daß es schwer fällt, aus jener Episode eine Lehre für das eigene Leben zu ziehen. Vielleicht können wir an Situationen denken, in denen die Zunge, dieses ruhelose Übel, voll von tödlichem Gift8, ihr böses Spiel treiben will. Sie – ein kleines Körperglied nur – wird mit dem Feuer verglichen: wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt. Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Der Apostel nennt sie den Teil, der den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt, und läßt seine Mahnung in die Frage münden: Wer bist du, daß du über deinen Nächsten richtest?9 „Er will damit sagen: Nur Gott kann richten, denn er kennt die Geheimnisse des Herzens, den Grund, die Absicht und den Zweck jeder Handlung. Wir aber, was wissen wir schon von dem, was im Herzen eines anderen Menschen vor sich geht, wenn er etwas Bestimmtes tut? Was wissen wir von all den Zwängen, denen er unterworfen ist aufgrund seines Temperamentes und seiner Erziehung, und von der Kehrseite seiner Intentionen? Richten zu wollen ist für uns ein ungemein gefährliches Unterfangen, es ist wie das Abschießen eines Pfeiles mit geschlossenen Augen, ohne zu wissen, wohin er trifft; wir geraten in Gefahr, ungerecht, erbarmungslos und abgestumpft zu werden.«10
Fahrlässiges Richten gefährdet den guten Ruf anderer Menschen, der kostbarer als großer Reichtum11 ist. Jeder hat ein Recht auf seinen guten Ruf, solange er ihn nicht mutwillig verspielt. Die Zurückhaltung beim Urteilen schützt dieses Recht. Sie fördert Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Denn die Gerechtigkeit als „die Haltung, kraft deren jemand standhaften und beständigen Willens einem jeden sein Recht zuerkennt.«12
Katechismus der Katholischen Kirche13 heißt es: „Die Rücksicht auf den guten Ruf eines Menschen verbietet jede Haltung und jedes Wort, die ihn ungerechterweise schädigen könnten.«14 Man kann sich durch vermessenes Urteilen schuldig machen, wenn man »ohne ausreichende Beweise, und sei es auch nur stillschweigend, von einem Mitmenschen annimmt, er habe einen Fehltritt begangen«. Der üblen Nachrede schuldig macht sich, „wer ohne objektiv gültigen Grund Fehler und Vergehen eines Mitmenschen gegenüber Personen aufdeckt, die nichts davon wissen«. Und es macht sich der Verleumdung schuldig, „wer durch wahrheitswidrige Aussagen dem guten Ruf anderer schadet und zu Fehlurteilen über sie Anlaß gibt«.
Wie ungerecht kann leichtsinniges Urteilen sein! Wieviel Entzweiung innerhalb der Familie, unter Freunden und Kollegen kann „durch Leichtsinn im Reden und Tun, durch gedankenlose Betriebsamkeit, (…) kurz durch Oberflächlichkeit.«16 entstehen! Manchmal beteiligt man sich ahnung~los an der Weitergabe von rufschädigenden Äußerungen. Die üble Nachrede ist besonders schwerwiegend, wenn sie durch die Printmedien, durch Radio und Fernsehen geschieht, denn mit einer kapillaren Verbreitung wächst der Schaden. Gerede, die Weitergabe von Gerüchten kann schuldhaft werden, aber auch Schweigen, wenn die angegriffene Person ein Recht auf Verteidigung hat. Und nicht nur Menschen haben das Recht auf den guten Ruf, auch Institutionen.
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! (…) Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?15 „Der Sinn dieser Worte ist nicht: Richtet die Menschen nicht, dann werden sie auch euch nicht richten – wir wissen ja aus Erfahrung, daß es nicht immer so ist -, sondern der Sinn ist vielmehr: Richte deinen Bruder nicht, damit Gott dich nicht richtet; ja, besser noch: Richte den Bruder nicht, denn Gott hat auch dich nicht gerichtet. (…) Der Herr vergleicht die Sünde des Nächsten (die Sünde, über die gerichtet wird), wie auch immer sie aussehen mag, mit einem Splitter im Vergleich zu der Sünde dessen, der richtet (die Sünde des Richtens), die ein Balken ist. Der Balken ist die Tatsache des Richtens selbst, so schwerwiegend ist sie in den Augen Gottes.«16
Wir klammern hier Situationen aus, in denen Richten moralisch geboten ist, und betrachten nur die Neigung in uns, zu richten als Folge der Sünde – aus Hochmut, Neid oder Selbstgefälligkeit. Unser Urteilen über Menschen und Ideen soll vom Wunsch geprägt sein, immer zuerst das Gute zu sehen. Wer in der Gegenwart Gottes lebt, ist zurückhaltend, wo Kritik nötig ist. Er fragt sich zuerst – selbstkritisch -, woher sein Nichtverstehen kommt. Es kann an Engstirnigkeit liegen, an Neid, an mangelhafter Information. Vielleicht erinnert er sich dann an den weisen Rat: „Wenn du nicht loben kannst, dann schweige.«17
Eine selbstkritische Haltung schärft den Blick für begründete Kritik. Sie entzieht sich der gängigen, bequemen Neigung, entweder alles schlecht oder alles gut zu finden. Ein abgewogenes Urteilen setzt sachliche Informationen voraus, und gerade Informationen sind oft von vornherein tendenziös und nicht selten ressentimentgeladen, wenn es sich um den Glauben handelt: um eine Enzyklika, um die Kirche als Institution, um die Stellungnahme eines Bischofs… Oft werden solche Informationen von Leuten bearbeitet, denen die Sicht des Glaubens fehlt; manchmal sind es Sektierer, die von vornherein auf die Diskreditierung christlicher Positionen oder eines engagierten Christen aus sind.
»Systematische Angriffe auf den guten Ruf, Herabsetzung eines über jeden Tadel erhabenen Verhaltens: dies ist die beißende und verletzende Kritik, der Jesus ausgesetzt war, und es ist nicht verwunderlich, daß sie ebenso auch auf jene niedergeht, die (…) Christus nachfolgen wollen.«18 Wir dürfen solche Sünden und Vergehen wider den guten Ruf nicht zulassen.
Ebenso gebietet die Gerechtigkeit – vom guten Geschmack einmal ganz abgesehen -, die Privatsphäre anderer nicht ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren: „Es wäre nicht schwer, in der heutigen Zeit auf Fälle solcher aggressiven Neugierde zu verweisen, die zu einem krankhaften Herumschnüffeln im Privatleben anderer Menschen führt. (…) Gegenüber den Geschäftemachern mit den Verdächtigungen, die einen regelrechten Handel mit der Intimsphäre zu treiben scheinen, tut es not, die Würde des einzelnen, sein Recht auf Privatleben zu verteidigen. Diese Verteidigung ist Sache aller rechtschaffenen Menschen, seien sie nun Christen oder nicht, denn es steht ein gemeinsamer Wert auf dem Spiel: der legitime Wille, der zu sein, der man ist; sich nicht der Schaustellung auszuliefern, sondern die Freuden, Sorgen und Schmerzen nicht über den Kreis der Familie hinausdringen zu lassen.«19
Der Heilige Geist schenke uns sein Licht, damit wir Informationen mißtrauen, die aus trüben Quellen stammen, sei es das menschliche Herz, oder seien es tendenziöse Medien.
Apg 10,38. – 2 Mk 3,22-30. – 3 vgl. Mt 12,22; Lk 11,14. – 4 Johannes Paul II., Ansprache 25.11.1987. – 5 Apg 2,22. – 6 Joh 12,31. – 7 1 Joh 3,8. – 8 vgl. Jak 3,1-12. – 9 Jak 4,12. – 10 R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.232. – 11 Spr 22,1. – 12 Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II, q.58,1. – 13 Katechismus der Katholischen Kirche, 2477. – 14 J. Escrivá, Der Weg, Nr.17. – 15 Mt 7,1-3. – 16 R. Cantalamessa, a.a.O., S. 231. – 17 J. Escrivá, Der Weg, Nr.443. – 18 J. Escrivá, Christus begegnen, 67. – 19 ebd., 69.
