Tagesmeditation

ERSCHEINUNG DES HERRN
6. JANUAR

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DIE ANBETUNG DER WEISEN

Die Freude, Jesus zu finden. Anbetung in der heiligen Eucharistie.

Die Gaben der Weisen. Unsere Opfergaben.

Der Herr erscheint allen Menschen. Apostolat.

 

I. Seht, gekommen ist der Herrscher, der Herr. In seiner Hand ist die Macht und das Reich.1

Am heutigen Tag feiert die Kirche die Erscheinung des Herrn vor der ganzen Welt. In den Weisen sind die Menschen aller Sprachen und Völker verkörpert, die sich, von Gott gerufen, auf den Weg machen, um Jesus anzubeten: Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben. Alle Könige müssen ihm huldigen, alle Völker ihm dienen.2

Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.3

So landen die Weisen schließlich in einem kleinen Dorf, wo der Stern über einem Stall stehenbleibt. Ein Glücksgefühl muß ihre Seele durchströmt haben. Welche Freude dieser Männer, die von so weit hergekommen sind, um einen König zu finden, sich am Ziel ihrer Reise zu sehen! Auch wir wissen: Was für eine Freude jedesmal, wenn man den Weg zu Jesus wiedergefunden hat.

Aber wir sind uns nicht immer voll bewußt, wie nahe Jesus uns ist, weil Gott sich in einem unscheinbaren Stück Brot verbirgt, weil er sich nicht in seiner Glorie zu erkennen gibt, weil er nicht mit unwiderstehlicher Macht seine Herrschaft kundtut. Sanft wie ein Schatten gleitet er in unser Leben, statt seine Macht auf alle Dinge niederfallen zu lassen.

Wieviele Seelen werden vom Zweifel geplagt, weil sich Gott nicht so zeigt, wie sie es erwarten!

Viele Einwohner von Betlehem sahen in Jesus ein Kind wie jedes andere. Die Sterndeuter jedoch wußten in ihm jenen zu erkennen, den fortan alle Geschlechter anbeten werden. Und durch diesen ihren Glauben erwirkten sie sich ein besonderes Privileg: die ersten unter den Heiden zu sein, die ihm, da die Welt noch nichts von ihm wußte, huldigen durften. Wie beglückt müssen jene Männer, die von so weit hergekommen waren, darüber gewesen sein, den Messias sehen zu können, kaum daß er geboren war.

Wir andererseits müssen stets offenen Sinnes sein, weil der Herr sich auch im Selbstverständlich-Alltäglichen verbirgt. Wir müssen lernen, jenes innere Licht immer wieder zu finden, das uns befähigt, die Gleichförmigkeit des Alltags zu durchbrechen und Jesus in unserem gewohnten Leben zu entdecken.

Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm.4

»Auch wir knien uns vor Jesus nieder, dem in der Menschheit verborgenen Gott: Wir wiederholen vor ihm, daß wir sein göttliches Rufen niemals mehr überhören und uns nie wieder von ihm trennen wollen; daß wir auf unserem Weg alles beseitigen wollen, was der Treue hinderlich ist; daß wir den aufrichtigen Wunsch haben, seinen Eingebungen zu folgen.«5

Sie wissen, daß er der Messias ist, der menschgewordene Gott. Das Konzil von Trient erwähnt ausdrücklich die Anbetung der Weisen, als es die Verehrung begründet, die wir Christus in der Eucharistie schulden. Der im Tabernakel gegenwärtige Jesus ist derselbe, den die Sterndeuter in den Armen Marias vorfanden. Wir sollten uns daraufhin prüfen, wie wir ihn anbeten, wenn er in der Monstranz unserem Blick zugänglich oder auch verborgen im Tabernakel ist, prüfen, mit welcher Andacht wir in der heiligen Messe niederknien.

 

II. Die Sterndeuter holten ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar6, das Wertvollste, was es im Morgenland gab; denn Gott gebührt das Beste. Gold schenkten sie als Symbol der Königswürde. Wir Christen wollen in alle menschlichen Handlungen Jesus einbeziehen, damit sich sein Reich der Gerechtigkeit, des Heils und des Friedens über alle Seelen ausbreite. Wir opfern ihm »das feine Gold des Losgelöstseins vom Geld und den materiellen Dingen. Wir wollen nicht vergessen, daß es gute Dinge sind, die aus Gottes Hand kommen. Der Herr hat jedoch gewollt, daß wir sie benutzen, ohne das Herz an sie zu hängen, daß wir sie einsetzen zum Wohl aller Menschen.«7

Wir opfern ihm den Wohlgeruch des Weihrauchs, der jeden Abend am Altar entzündet wurde und Symbol für die Hoffnung auf den Messias war. Weihrauch sind die Wünsche, die wir zum Herrn emporsteigen lassen, »ein rechtschaffenes Leben zu führen, von dem der bonus odor Christi (2 Kor 2,15), Christi Wohlgeruch ausgeht. Unsere Worte und Taten mit diesem bonus odor durchdringen heißt Verständnis und Freundschaft verbreiten. Unser Leben muß im Leben der Menschen um uns aufgehen, damit keiner einsam ist oder sich so fühlt (…).

Der Wohlgeruch des Weihrauchs wird genährt von einer Glut, die unauffällig Korn um Korn verzehrt. Die Menschen bemerken den bonus odor Christi nicht am Aufflackern eines Strohfeuers, sondern an der verborgenen, aber wirksamen Glut der Tugenden: der Gerechtigkeit, der Zuverlässigkeit, der Treue, des Verständnisses, der Großzügigkeit und der Freude.«8

Und auch Myrrhe opfern wir mit den Magiern, denn der fleischgewordene Gott wird unsere Krankheiten und Schmerzen auf sich nehmen. Myrrhe nämlich ist das Opfer, »das im Leben keines Christen fehlen darf. Die Myrrhe erinnert uns an das Leiden des Herrn: Am Kreuz gibt man ihm Myrrhe mit Wein zu trinken (vgl. Mk 15,23), und mit Myrrhe salbten sie seinen Leib zum Begräbnis (vgl. Joh 19,39). Wenn wir über die Notwendigkeit des Opfers und der Abtötung nachdenken, so dürft ihr nicht meinen, dies hieße, dem frohen Fest, das wir heute feiern, einen traurigen Beigeschmack geben.

Abtötung ist nicht Ausdruck von Pessimismus und auch nicht von Verbitterung.«9 Sie ist vielmehr eng mit der Freude, mit der Nächstenliebe, mit der Fähigkeit verbunden, anderen das Leben zu erleichtern. »Abtötung besteht im allgemeinen nicht im Verzicht auf große Dinge – letzten Endes sind die Gelegenheiten hierzu ja auch gar nicht so häufig -, sondern in kleinen Überwindungen: jenem zuzulächeln, der ungelegen kommt, dem Körper die Annehmlichkeiten überflüssiger Dinge zu verwehren, uns daran zu gewöhnen, anderen zuzuhören, die Zeit auszunützen, die Gott uns zur Verfügung stellt (…) und viele andere, scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten, die im Laufe des Tages auf uns zukommen, ohne daß wir sie suchen: Widriges, Schwierigkeiten, Unangenehmes.«10

Wir wollen dem Herrn jeden Tag etwas darbringen, denn Tag für Tag ist uns die Möglichkeit gegeben, ihm in der heiligen Messe und in der Kommunion zu begegnen. Kleine Dinge, die wir als Gabe auf die Patene legen, die der Priester zur Opferung erhebt. Wenn wir dieses Opfer ehrlichen Herzens bringen, werden diese kleinen Dinge, da sie sich mit dem Opfer Christi verbinden, den Wert von Gold, Weihrauch und Myrrhe weit übertreffen11.

 

III. Wie uns der Evangelist berichtet, zogen die Weisen, so wie es ihnen im Traum geraten wurde, auf einem anderen Weg heim in ihr Land12. Wie strahlten wohl die Seelen dieser Männer bis zum Ende ihrer Tage, daß sie das Kind und seine Mutter geschaut hatten.

Wir aber sehen in diesen einzigartigen Gestalten die unzähligen Seelen auf der ganzen Erde, die sich aufmachen, den Herrn anzubeten. Zwanzig Jahrhunderte sind vergangen seit jener ersten Anbetung, und immer noch sind suchende Menschen unterwegs zu Christus.

Mit diesem Fest macht die Kirche den Menschen aller Zeiten, ohne Ansehen von Rasse und Nation, die Erscheinung des Herrn offenbar. »Diesen neuen Bund hat Christus gestiftet, das Neue Testament nämlich in seinem Blute. So hat er sich aus Juden und Heiden ein Volk berufen, das nicht dem Fleische nach, sondern im Geiste zur Einheit zusammenwachsen und das neue Gottesvolk bilden sollte.«11

Das Fest der Epiphanie führt alle Gläubigen dazu, die Anstrengungen und Mühen der Kirche zu teilen, die »betet und arbeitet (…), daß die Fülle der ganzen Welt in das Volk Gottes eingehe, in den Leib des Herrn und den Tempel des Heiligen Geistes«14.

Jeder von uns kann zu jenen gehören, die – inmitten dieser Welt – den Stern einer göttlichen Berufung gesehen haben und als Lohn für den täglichen Umgang mit Jesus dieses Licht in sich tragen. Und wir empfinden auch die Notwendigkeit, dafür zu sorgen, daß viele, die unwissend sind oder noch zaudern, auf den Herrn zugehen und ihr Leben ändern. Das Fest der Erscheinung ist ein Fest des Glaubens und der apostolischen Glaubensverbreitung. »Dieses Fest feiern jene, die den Glauben schon gewonnen haben, und jene, die ihn noch suchen, gemeinsam. Sie nehmen teil und sagen Dank für die Gnade des Glaubens, ebenso wie es die Weisen taten, die voll des Dankes vor dem Kinde niederknieten. Die Kirche feiert dieses Fest und wird sich der Größe ihrer Aufgabe von Jahr zu Jahr stärker bewußt. Wieviele Menschen sind nicht noch zum Glauben hinzuführen! Und wieviele Menschen, die ihn verloren haben, gilt es zum Glauben zurückzuführen, was manchmal schwieriger ist als die erste Bekehrung. Im Bewußtsein dieses großen Gnadengeschenks, der Menschwerdung Gottes, darf die Kirche nicht untätig bleiben, darf sie in ihrem missionarischen Bemühen niemals erlahmen. Ihr obliegt es, allen Menschen und allen Geschlechtern stets den Weg nach Betlehem zu weisen. Epiphanie ist das Fest, an dem uns Gott herausfordert.«15

Das Fest der Erscheinung des Herrn ruft uns in Erinnerung, daß wir alles daran setzen müssen, unseren Freunden, Verwandten und Kollegen Jesus näher zu bringen: sei es, daß wir ihnen ein Buch empfehlen, das die christliche Lehre darlegt, sei es, daß wir ihnen mit aufrüttelnden Worten helfen, sich auf den Weg zu machen.

Wenn wir unser heutiges Gebet beenden, werden wir die Heiligen Drei Könige nicht um Gold, Weihrauch und Myrrhe bitten; angemessener ist es wohl, sie darum zu bitten, uns den Weg zu weisen, der zu Christus führt, damit wir ihm Tag für Tag unser Gold, unseren Weihrauch und unsere Myrrhe darbieten. »Wir wollen die Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, darum bitten, daß sie uns den Weg zur vollkommenen Liebe bereitet: Cor Mariae dulcissimum, iter para tutum! Ihr liebenswertes Herz kennt den sicheren Weg, auf dem wir zu Christus gelangen.

Die Weisen hatten den Stern, wir haben Maria, Stella maris, Stella orientis16

 

 Eröffnungsvers der Messe vom Tage. – 2 Antwortpsalm der Messe vom Tage, Ps 72,10-11. – 3 Mt 2,9-10. – 4 Mt 2,11. – 5 J. Escrivá, Christus begegnen, 35. – 6 Mt 2,11. – 7 J. Escrivá, Christus begegnen, 35. – 8 ebd., 36. – 9 ebd., 37. – 10 ebd.11 vgl. Gabengebet der Messe vom Tage. – 12 Mt 2,12. – 13 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 9. – 14 ebd., 17. – 15 Johannes Paul II., Homilie, 6.1.1979. – 16 J. Escrivá, Christus begegnen, 38.