JAHRESKREIS
6. SONNTAG (LESEJAHR A)
43
den glauben weitergeben
Das Alte und das Neue Gesetz.
Lebendiges Lehramt.
Praktische Konsequenzen.
1 ist die Bergpredigt. Jesus hat die Seligpreisungen verkündet und den Jüngern eingeschärft, das Neue seiner Botschaft weiterzugeben – als Salz der Erde und Licht der Welt. Dann gibt er seinen Worten eine unerwartete Wendung, als bewege ihn die Sorge, die Seinen könnten das Neue, das er verkündet, als Bruch im Heilsplan Gottes mißverstehen. Deshalb nimmt er »im Licht der Gnade des Neuen Bundes Stellung zum Gesetz, das beim ersten Bundesschluß am Sinai von Gott gegeben worden war.«2 Er sagt: Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen Das mosaische Gesetz ist tatsächlich »die erste Stufe des geoffenbarten Gesetzes«3 und faßt in den zehn Geboten sittliche Vorschriften zusammen, die die Grundlagen der Berufung des Menschen legen. Dieses Gesetz ist heilig, aber noch unvollkommen.«3 Es bereitet das Kommen Christi vor und zeigt uns wie ein Lehrmeister, was züi tun ist, gibt aber nicht von sich aus die Kraft, die Gnade des Heiligen Geistes, zu seiner Erfüllung.
Was heißt aber, Jesus sei nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen? Papst Johannes Paul II. erläutert es so: »Es ist klar, daß Gott das Gesetz, das er selbst gegeben hat, nicht >außer Kraft< setzen könnte. Er kann aber - wie Jesus Christus es tut - seine volle Bedeutung aufhellen, seinen rechten Sinn verständlich machen sowie die irrigen Auslegungen und willkürlichen Anwendungen richtigstellen, denen das Volk und ihre Lehrer und Meister selbst es unterworfen haben, indem sie den Schwächen und Begrenzungen der menschlichen Natur nachgaben. Jesus verkündet, proklamiert und fordert deshalb eine höhere >Gerechtigkeit< als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, die >Gerechtigkeit<, die Gott selbst sich vorgegeben hat und mit der treuen Beobachtung des Gesetzes in bezug auf das >Himmelreich< verlangt. Der Menschensohn wirkt also als ein Gott, der das wiederherstellt, was Gott ein für allemal gewollt und festgelegt hat.«4 Sein neues Gesetz »offenbart die ganze göttliche und menschliche Wahrheit des alten Gesetzes. Es fügt ihm nicht neue äußere Vorschriften hinzu, sondern erneuert das Herz, die Wurzel der Handlungen; hier wählt der Mensch zwischen Rein und Unrein, und hier bilden sich der Glaube, die Hoffnung und die Liebe und mit ihnen die anderen Tugenden. So bringt das Evangelium das Gesetz zur Vollendung, indem es fordert, vollkommen zu sein wie der himmlische Vater.«5
Betrachten wir, wie Jesus sich als Herr des Gesetzes feierlich in den Mittelpunkt stellt. Er gebraucht nicht die für den prophetischen Auftrag typische Formel: So spricht der Herr. Er beansprucht dieselbe Autorität wie jener, der durch Mose zu den Alten gesprochen hatte, wie Gott also: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist… Ich aber sage euch… Viele andere Male spricht Jesus so: Ich…: Ich bin das Brot des Lebens, Ich bin das Licht der Welt, Ich bin der gute Hirt, Ich bin der Weinstock, Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Ich bin die Auferstehung und das Leben6. Und – gleichsam alles zusammenfassend: Ehe Abraham war, bin ich.7 Dieses Ich führt uns in die Mitte unseres Gebetes. Lassen wir diese Worte auf uns wirken, als hörten wir sie zum ersten Mal – wie jene Menschen, von denen es im Evangelium heißt: sie waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat8.
II. Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat.9 Im Bewußtsein, Gesandte zu sein, geben die Apostel die Lehre des Herrn weiter. »Damit aber das Evangelium in der Kirche stets unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel als ihre Nachfolger Bischöfe zurückgelassen, denen sie ihr eigenes Lehramt übergaben.«10 So teilt die Kirche von Generation zu Generation das heilige Erbe10 des Glaubens ans. Es ist manchmal mit einem Schatz verglichen worden, den die Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes verwaltet. Aber es handelt sich um einen lebendigen Schatz«.
Im Lichte des Heiligen Geistes dringt die Kirche immer mehr in die Reichtümer der Lehre ein. Die »enge Verbindung zwischen dem Heiligen Geist, der Offenbarung und der Weitergabe der göttlichen Wahrheit ist das Fundament des apostolischen Auftrags der Kirche und der entscheidende Grund unseres Glaubens an das Wort, das die Kirche uns vermittelt.«12 Dies ist gemeint, wenn wir vorn »lebendigen Lehramt der Kirche«13 Das, was es weitergibt, ist weder eine Weltanschauung mit religiösem Hintergrund noch ein religiöses oder theologisches Lehrsystem, sondern Mysterium, Offenbarung Gottes an die Menschheit durch gottmenschliche Taten, voll Leben und Kraft. Der Beistand des Heiligen Geistes sichert, daß diese Weitergabe sich unabhängig von menschlichen Meinungen oder Zeitströmungen vollzieht. In gewisser Weise kann man sagen, daß die ganze Welt schon in Jerusalem und Kafarnaum anwesend war, als Jesus das Heil verkündete.
Wenn nur das Wort Gottes Heil bringt, ist die Treue bei der Weitergabe dieses Wortes wesentlich für das Heil der Menschen. Schon Paulus ermahnt Timotheus in diesem Sinne: Bewahre, was dir anvertraut ist, halte dich fern von dem gottlosen Geschwätz und den falschen Lehren der sogenannten »Erkenntnis«! Nicht wenige, die sich darauf eingelassen haben, sind vom Weg des Glaubens abgekommen.14 Wer könnte sich erdreisten, das göttliche Wort nach eigenem Gutdünken zu deuten, zu ändern oder anzupassen?»
Der heilige Irenäus von Lyon schreibt um das Jahr 180 an einer Stelle, die – nebenbei – die früheste Nachricht von der Anwesenheit von Christen in Germanien darstellt: »Diese Botschaft und diesen Glauben bewahrt die Kirche, wie sie ihn empfangen hat, obwohl sie, wie gesagt, über die ganze Welt zerstreut ist, sorgfältig, als ob sie in einem Hause wohnte; sie glaubt so daran, als ob sie nur eine Seele und ein Herz hätte, und verkündet und überliefert ihre Lehre so einstimmig, als ob sie nur einen Mund besäße. Und wenngleich es auf der Welt verschiedene Sprachen gibt, so ist doch die Kraft der Überlieferung ein und dieselbe. Die in Germanien gegründeten Gemeinden glauben weder anders noch überliefern anders als die in Spanien, bei den Kelten, im Orient, in Ägypten, in Libyen und die in der Mitte der Welt. So wie Gottes Sonne in der ganzen Welt eine und dieselbe ist, so dringt auch die Botschaft der Wahrheit überallhin und erleuchtet alle Menschen, die zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen wollen.«15 Und vor diesem Hintergrund des einmütigen Glaubens verurteilt er hart jene, die durch abweichende Lehren Spaltungen verursachen: »Leer von Gottesliebe, schauen sie auf den eigenen Nutzen, aber nicht auf die Einsicht der Kirche, wegen kleiner und nichtiger Ursachen zerschneiden sie den großen und herrlichen Leib Christi in Stücke und möchten ihn, so viel an ihnen liegt, töten. Sie sagen Friede und machen Krieg, seihen die Mücken und verschlingen das Kamel. Denn nimmermehr können sie irgendeine Besserung bewerkstelligen, die so groß ist wie der Schaden eines Schismas.«16
III. In zwei feierlichen Augenblicken stellt der Herr die Sendung der Jünger als eine Kette der Kontinuität dar. Beim Letzten Abendmahl betet er zum Vater: Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich auch sie in die Welt gesandt.17 Am Abend des Ostersonntags sagt er zu den Aposteln: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.18 Sie werden diese Aussagen nicht als neu empfunden haben. Sie bestätigten ja, was Jesus ihnen andere Male schon gesagt hatte: Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.19 Und ebenso: Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.20
Dieser unverrückbare Wille Christi ist der Grund, weshalb die Kirche den Glauben mit Autorität lehrt. Auch in einer Zeit der Autoritätskrisen gilt es einzusehen, daß die Kirche nicht unsere Kirche, sondern die Kirche Jesu Christi ist. »Wenn die Kirche in der Tat unsere Kirche ist, wenn die Kirche nur wir sind, wenn ihre Strukturen nicht die von Christus gewollten sind, dann versteht man auch nicht mehr die Existenz einer vom Herrn selbst eingesetzten Hierarchie als Dienst an den Gläubigen. Man lehnt die Vorstellung einer von Gott gewollten Autorität ab, einer Autorität also, die ihre Legitimierung in Gott hat und nicht – wie es in den politischen Strukturen geschieht – im Konsens der Mehrheit der Mitglieder einer Organisation. Aber die Kirche Christi ist keine Partei, keine Vereinigung, kein Club; ihre tiefe und unaufhebbare Struktur ist nicht demokratisch, sondern sakramental, folglich hierarchisch; denn die auf der apostolischen Sukzession gegründete Hierarchie ist unabdingbare Bedingung, um zur Kraft, zur Wirklichkeit des Sakramentes zu gelangen. Die Autorität hier gründet sich nicht auf Mehrheitsvoten; sie gründet sich auf die Autorität Christi selbst, der sie Menschen weitergeben wollte, die seine Repräsentanten sein sollten bis zu seiner endgültigen Wiederkunft.«21
Dies hat viele konkrete Folgen im christlichen Leben. Eine unverbindliche Kompromißbereitschaft in wesentlichen Fragen des Glaubens oder der Moral nimmt weder Christus noch den einzelnen Menschen ernst: »Es widerstrebt dir, jemanden zu verletzen, Gegensätze aufzudecken oder Mangel an Toleranz zu zeigen … Und so gibst du immer wieder rasch nach: bezüglich deiner Haltung oder deines Standpunktes … Es handelt sich um unwichtige Sachen, versicherst du mir. Dennoch hat das für viele verheerende Folgen.
Verzeih mir, wenn ich dir aufrichtig sage: Mit einer solchen Einstellung praktizierst du eine besonders törichte und schädliche Form eben jener Ignoranz, die dir so zuwider ist: du verhinderst nämlich, daß die Wahrheit Stimme gewinnt.«22
Schließen wir mit einer Bitte um den Beistand Unserer Lieben Frau, damit wir fest im Glauben stehen und ihn als etwas Lebendiges weitergeben.
Mt 5,17-37. – 2 Katechismus der Katholischen Kirche, 577. – 3 vgl. ebd., 1963. – 4 Johannes Paul II., Ansprache 14.10.1987. – 5 Katechismus der Katholischen Kirche, 1968. – 6 Joh 6,35.41.48.51; 8,12; 10,11.14; 15,1.5; 14,6; 11,25. – 7 Joh 8,58. – 8 Mk 1,22; Mt 7,29; Lk 4,32. – 9 Hebr 1,1-2. – 10 II. Vat. Konz., Konst. Dei Verbum, 7. – 11 vgl. 1 Tim 6,20; 2 Tim 1,12-14. – 12 Johannes Paul II., Ansprache 16.1.1990. – 13 vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 85. – 14 1 Tim 6,20-21. – 15 Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, I,10,2. – 16 ebd., IV,33,7. – 17 Joh 17,18. – 18 Joh 20,21. – 19 Mt 10,40. – 20 Lk 10,16. – 21 J. Ratzinger, Zur Lage des Glaubens, München 1985, S.49. – 22 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.600.
