
JAHRESKREIS
3. WOCHE – DONNERSTAG
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inneres wachsen
Wer hat, dem wird gegeben.
Die Quelle allen Lebens.
Kleine Dinge, Treue, Reue.
Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er! Kein anderer Ruf des Herrn mahnt uns so eindringlich, uns ihm zu öffnen. Er steht im heutigen Evangelium1 zwischen zwei Worten, die – über das Hören hinaus – auf das Zeugnis hinweisen: dem Wort vom Licht, das man auf den Leuchter stellt und nicht unter ein Gefäß, und der Aufforderung: Achtet auf das, was ihr hört! Die Exegeten sehen darin Einzelsprüche Jesu bei verschiedenen Anlässen, die Markus in diese Anordnung gebracht hat. Dies ist nicht ungewöhnlich, denn die Evangelisten „haben die vier Evangelien redigiert, indem sie einiges aus dem vielen auswählten, das mündlich oder auch schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zu Überblicken zusammenzogen oder im Hinblick auf die Lage in den Kirchen verdeutlichten.«2 Dem Evangelisten ging es weniger um die chronologische Abfolge als um den Zusammenhang. Markus verbindet im selben Kapitel diese Worte mit den Gleichnissen über das Gottesreich. Beispiel und Mahnung sollen »den Gedanken anschaulich machen, daß ein so wertvolles Gut wie die Botschaft vom Gottesreiche nicht für dauernd verborgen gehalten werden darf (…). Wenn die Offenbarung des Geheimnisses des Reiches jetzt auf den Jüngerkreis beschränkt ist, so soll das nicht immer so bleiben. Vielmehr gilt auch von ihm der allgemeingültige Satz, daß überhaupt nichts auf die Dauer verborgen bleiben kann. Einmal wird die Wahrheit ans Licht kommen.«3
Und der Herr fährt fort: Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. „Diese Worte.« sagt Johannes Chrysostomos, „sind ungemein dunkel, und doch legen sie Zeugnis ab von unaussprechlicher Gerechtigkeit.«4 Er versucht sie aufgrund eigener Erfahrung ein wenig zu erhellen: »Auch wir pflegen es ja so zu machen: Wenn wir sehen, daß jemand nur lässig zuhört und trotz unserer wiederholten Bitten nicht achtgeben will, so schweigen wir eben. (…) Ist dagegen jemand begierig nach Unterweisung, so ziehen wir ihn an uns und geben ihm viele Belehrung.«5 So sei es auch mit dem, was Gott einem Menschen sagen will: Wenn jemand bereitwillig und eifrig ist, so wird ihm Gott auch seinerseits alles geben, was an ihm liegt; wenn er es aber nicht ist, so wird weder er selbst tun, was er sollte, noch wird Gott ihm geben, was von ihm abhängt..«
Wer hat, dem wird gegeben: Ein grundlegendes Wort für das christliche Leben. Wer der Gnade entspricht, erhält mehr Gnade und wird immer reicher; wer hingegen die Anregungen und Hilfen des Heiligen Geistes ausschlägt, wird immer ärmer, und selbst die Reichtümer, die er empfangen hat, bleiben wirkungslos. Die Diener aus dem Gleichnis von den Talenten, die mit dem ihnen anvertrauten Geld Handel treiben, erhalten weit mehr, als sie erwirtschaftet haben; der Ängstliche indes, der es in der Erde versteckt6 hat, verliert alles.
Ein undynamisches christliches Leben droht zu verkümmern. Gott „redet aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen, um sie in die Gemeinschaft mit sich einzuladen und in sie aufzunehmen.= 7 Durch den Beistand des Heiligen Geistes kann der Mensch auf die Einladung Gottes in Christus antworten und sich dem neuen Leben in Gott ”ffnen – oder auch nicht.
II. Lassen wir die Bilder auf uns wirken, die Jesus gebraucht. Er hielt dem gebildeten Nikodemus8 keinen gelehrten Vortrag, sondern sagte geheimnisvoll: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Er, die Quelle unseres Glaubens, spricht von einem Wasser, das er lebendiges Wasser nennt. Und wir ahnen, was dieses Wasser ist, wenn er es in einen Zusammenhang mit seinen Gaben und mit unserem Durst stellt: Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.9 Der Evangelist ergänzt: Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.10
Das übernatürliche Leben ist Gemeinschaft mit Gott durch Christus im Heiligen Geist. „Im ersten Augenblick einer konkreten menschlichen Existenz beginnt etwas, das nie enden wird. Es trägt eine ungeheure Lebenskraft. Wer fähig ist, sich über alltägliche Dinge der Natur zu wundern, mag an das Wachsen eines winzigen Samens denken, der schließlich zu einem mächtigen Baum wird. Die Mitte dieses im konkreten Menschen wachsenden Lebens ist ein feuriger Liebeskern, der sich immer mehr ausweitet, Jahrhunderte umgreift, sich nie verbraucht. Seine Dynamik verdankt er der Dreifaltigkeit Gottes.«11
Das übernatürliche Leben ist also Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott. Es entwickelt und festigt sich im Bemühen, sich „immer mehr in das dreifaltige Geheimnis Gottes selbst zu vertiefen und dabei dem Weg des Evangeliums, der Väter und der Liturgie zu folgen: zum Vater – durch Christus – im Heiligen Geist.«12= 12 Wie in jeder auf Liebe beruhenden Beziehung unter Menschen grndet das bernatrliche Leben auf Treue – auf einer Kraft, Wie in jeder auf Liebe beruhenden Beziehung unter Menschen gründet das übernatürliche Leben auf Treue – auf einer Kraft, »welche die Zeit, das heißt Wandel und Vergehen, überwindet – aber nicht, wie die Härte des Steins, in starrer Festgelegtheit, sondern lebendig wachsend und schaffend.«13
Der Herr hat uns seine Hilfe auf unserem irdischen Weg versprochen, damit wir in lebendiger Treue wachsen können. Hindernisse – äußere wie innere – und Versuchungen können dieses Wachstum hemmen, aber auch festigen – wissend, daß wir nie über unsere Kräfte versucht werden. Je bedrängender sie sind, um so stärker können der geistliche Fortschritt und die apostolische Wirksamkeit werden. Allein Lieblosigkeit und Lauheit lassen die Seele krank werden. Nur der schlechte Wille, der Mangel an Großzügigkeit Gott gegenüber verlangsamt oder verhindert die Vereinigung mit ihm.
Du läßt die Quellen hervorsprudeln in den Tälern, sie eilen zwischen den Bergen dahin. Allen Tieren des Feldes spenden sie Trank, die Wildesel stillen ihren Durst daraus. Diese Psalmworte kommentierend, läßt der heilige Augustinus die Wasser, die die Tiere tränken, zum Bild für die Heilige Schrift werden. Sie steht allen offen, den Großen und den Kleinen, den Gelehrten und den Ungebildeten, und sie stillt jeglichen Durst. „Dort trinkt der Hase, dort der Wildesel; der Hase ist klein, der Wildesel groß; der Hase ist ängstlich, der Esel wild und beide trinken, aber ein jeder nach seinem Durst.«15
III. Jedes Leben ist Gefährdungen ausgesetzt, auch das Leben in der Gemeinschaft mit Gott. Es kann scheinbare Rückschritte geben, die Prüfungen Gottes sind, um das innere Leben zu stärken und fester zu verwurzeln. Es gibt aber auch Tiefpunkte, die Folge eines schuldhaften Widerstrebens sind, wenn jemand den kleinen Dingen zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, in denen sich jede Liebe verkörpert. Positiv ausgedrückt: Uns sollte es zuerst auf die vielen kleinen Erweise der Liebe ankommen, die wir Tag für Tag Gott darbringen können – nicht, weil sie das Wichtigste wären, sondern weil sie immer möglich sind. Außerdem sind sie nicht so unbedeutend, wie es scheinen könnte; denn sie halten die Liebe lebendig und werden nach und nach zu einem großen Schatz, der hinüberreicht ins ewige Leben. Das können Stoßgebete des Glaubens und der Liebe sein, des Dankes und der Reue, ein kurzer Besuch beim Allerheiligsten, das entschlossene Angehen und Aufopfern einer mühsamen Arbeit, die liebenswürdige Reaktion, die vielleicht mehr als Höflichkeit eine Geste stillen Erbarmens ist.
Wer das Kleine, das Alltägliche geringschätzt, gerät leicht in eine Scheinwelt. Der heilige Josefmaria Escrivá hat auf die Gestalt des Tartarin de Tarascon als Beispiel für eine solche Welt der Illusionen und Träume verwiesen; Tartarin schwärmte für die Löwenjagd, fand natürlich in dem friedlichen Dorf der Provence keine Löwen. Um den Spott der Dorfbewohner Lügen zu strafen, blieb Tartarin nichts anderes übrig, als sich endlich nach Algerien einzuschiffen; auf einem Artischockenfeld am Rande der Stadt – weiter traute er sich nicht hinaus – erlegte er mitten in der Nacht ein bedrohlich brüllendes Tier – einen Esel.
Tartarin traute sich nicht, in eine ihm unbekannte Welt vorzudringen. Ist es im geistlichen Leben nicht auch manchmal so, daß man vor Opfern zurückschreckt, die der Herr von uns erwartet, die uns aber zu weit zu gehen scheinen? Kleinmut und das ängstliche Streben nach ungestörtem Wohlbefinden vertragen sich schlecht mit wahrer Liebe. Und die verengte Sicht verstellt die Tiefenperspektive des Glaubens und der Hoffnung. Man unterschätzt dann die Hilfen, die der Herr denen verheißen hat, die sich ganz auf ihn verlassen. Im Wissen um seine Gnade dürfen wir ruhig so tun, als hinge alles von unserem geduldigen Bemühen ab, ein ums andere Mal neu anzufangen. Je treuer man sich der Gnade öffnet, um so mehr Hilfe erhält man vom Herrn. Die Erwartungen Gottes wachsen, und ebenso wächst das Feingefühl des Menschen, diesen Erwartungen zu entsprechen.
Wenn das innere Leben echt, wenn es von einer wachen Liebe zu Gott getragen ist, dann sind die Hindernisse für das Wachsen im geistlichen Leben nicht die widrigen Situationen – sie sind eher ein Ansporn -, sondern jene Fehlentscheidungen, die aus der Dunkelheit der Sünde kommen, wenn der Mensch, statt um Verzeihung für sein Versagen zu bitten, mehr und mehr in ihren Sog gerät. Der verlorene Sohn im Gleichnis lieferte sich den Illusionen einer unbegrenzten Freiheit aus, um alsbald in große Not zu geraten. Da ging er in sich und sagte: Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen16. „In gewisser Weise ist das menschliche Leben eine ständige Heimkehr in das Haus des Vaters. Heimkehr durch die Reue, die Bekehrung des Herzens (…). Gott erwartet uns, wie der Vater im Gleichnis, mit ausgebreiteten Armen, obgleich wir es nicht verdienen. Unsere Schuld spielt keine Rolle. Wie beim verlorenen Sohn zählt allein, daß wir unser Herz öffnen, Sehnsucht nach dem Hause des Vaters haben und uns freuen über die Gabe Gottes, durch die wir Kinder Gottes heißen und es tatsächlich sind, obwohl wir sooft der Gnade nicht entsprechen.«17 Maria kann uns auch hier Lehrmeisterin sein.
Mk 4,21-25. – 2 II. Vat. Konz., Konst. Dei Verbum, 19. – 3 Regensburger Neues Testament, Bd.2, Regensburg 1958, S.101. – 4 Johannes Chrysostomos, Homilien über das Matthäusevangelium, 45. – 5 ebd. – 6 vgl. Mt 25,25. – 7 II. Vat. Konz., Konst. Dei Verbum, 2. – 8 vgl. Joh 3,1-13. – 9 Joh 7,31. – 10 Joh 7,39. – 11 J. Arquer, Was ist die Kirche? in: Plädoyer für die Kirche, Aachen 1991, S.35. – 12 Johannes Paul II., Enz. Dominum et vivificantem, 2. – 13 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S.68. – 14 Ps 104,10-11. – 15 Augustinus, Erklärung der Psalmen, 103. – 16 Lk 15,17-18. – 17 J. Escrivá, Christus begegnen, 64.
