
WEIHNACHTSZEIT
9. JANUAR
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JESUS BEGEGNEN
Jesus im Tempel. Schmerz und Freude Marias und Josefs. Wir verlieren Jesus durch eigene Schuld.
Die Trennung von Christus durch die Sünde. Lauheit.
Jesus wiederfinden.
I. Jesus wuchs in Frömmigkeit und Gesetzestreue auf. Es war wichtig, den Tempel in Jerusalem aufzusuchen. Dreimal im Jahr sollst du mir ein Fest feiern. (…) Dreimal im Jahr sollen alle deine Männer vor dem Herrn erscheinen1. Diese Festtage waren das Paschafest, das Pfingstfest und das Laubhüttenfest; und obgleich, wer weit entfernt wohnte, nicht verpflichtet war, zum Tempel zu pilgern, zogen zahlreiche Juden aus ganz Palästina an einem dieser Tage nach Jerusalem. Die Heilige Familie tat dies am Paschafest: Die Eltern gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem2. Obwohl die Pflicht nur für männliche Juden ab zwölf Jahren bestand, wurde, wie sich dem Bericht des heiligen Lukas entnehmen läßt, Josef von Maria begleitet.
Nazaret ist auf dem kürzesten Weg etwa hundert Kilometer von Jerusalem entfernt. Wenn sich das Paschafest näherte, fanden sich üblicherweise mehrere Familien zusammen, um in vier oder fünf Tagesmärschen den Weg gemeinsam zurückzulegen.
Als der Knabe zwölf Jahre alt war, zog er mit nach Jerusalem hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach3. Nach Beendigung der Festlichkeiten traten sie den Rückweg nach Nazaret an. Dabei trennten sich die Familien in zwei Gruppen, nach Männern und Frauen getrennt. Den Kindern war es freigestellt, sich der einen oder anderen Gruppe anzuschließen. Das erklärt, wieso das Verschwinden Jesu bis zum Abend des ersten Tages unbemerkt bleiben konnte, als sich alle wieder versammelten, um das Nachtlager aufzuschlagen.
Man kann sich leicht vorstellen, was die Eltern empfanden, als sie das Verschwinden ihres Kindes bemerkten. Sie mußten glauben, daß sie Jesus verloren hatten oder er sie, und daß er nun irgendwo umherirrte. Vor den Toren der Stadt und auf den Wegen, die zu ihr hinführten, herrschte in jenen Tagen große Betriebsamkeit. Maria und Josef müssen daher eine schlimme Nacht verbracht haben. Früh am anderen Morgen brachen sie auf und gingen in Richtung Jerusalem zurück. Drei Tage lang fragten sie überall herum und erkundigten sich nach einem Jungen von etwa zwölf Jahren … doch ohne Erfolg.
Maria und Josef trugen keine Schuld daran, daß sie ihn verloren hatten. Wir hingegen verlieren ihn durch die Sünde, durch Lauheit, durch fehlende Bereitschaft zur Abtötung und zum Opfer. Ohne Jesus jedoch verfinstert sich unser Leben.
Sobald wir uns in solcher Dunkelheit befinden, müssen wir unverzüglich handeln und ihn suchen. Wir müssen den, der es weiß, fragen: »Wo finde ich den Herrn?«
»Die Mutter Gottes hat in Sorge ihren Sohn gesucht, den sie ohne eigene Schuld verloren hat, und sie hat die große Freude erfahren, ihn wiederzufinden: Sie wird uns helfen, damit auch wir umkehren und alles, was nötig ist, in Ordnung bringen, wenn unsere Nachlässigkeiten oder unsere Sünden uns einmal nicht erlauben sollten, Christus wahrzunehmen. So werden auch wir die Freude erfahren, uns an ihm festzuklammern und ihm zu sagen, daß wir ihn nie mehr verlieren wollen.
Maria ist auch Mutter der Erkenntnis, denn an ihrer Hand kann man die wichtigste aller Lektionen lernen: daß nichts lohnt, wenn wir dem Herrn nicht nahe sind; daß alle herrlichen Dinge dieser Erde und alle erfüllten Wünsche unseres Herzens nichts sind, wenn dieses Herz nicht von der Flamme der lebendigen Liebe und vom Licht der heiligen Hoffnung erhellt wird, die uns die unendliche Liebe in der endgültigen Heimat ahnen lassen«4»
II. Maria und Josef hatten nicht Jesus verloren, vielmehr hatte er sich von ihrer Seite entfernt.
Bei uns freilich liegen die Dinge anders; er wird uns niemals verlassen, wenn wir ihn nicht durch die Sünde vertreiben oder durch Lauheit von ihm abrücken. Von jeher ging, wenn ein Mensch Jesus begegnete, der Anstoß von Christus aus; immer jedoch, wenn es zur Trennung kommt, liegt die Schuld bei uns, denn er verläßt uns nie.
Wenn sich ein Mensch in schwere Schuld verstrickt, geht er sich selbst und Christus verloren. Ziellos irrt er dann umher, denn die Sünde wirft uns aus der Bahn. Das größte Unglück, das einen Christen treffen kann, ist die Sünde. Durch den Verlust der heiligmachenden Gnade löst er sich vollkommen von Gott, geht aller Verdienste verlustig, die er sich im Leben erworben hat, gerät gewissermaßen in die Gewalt des Teufels und schwächt in sich die Liebe zur Tugend. Wer sich daher von Gott entfernt, »durchbricht seine ganze Ordnung hinsichtlich seiner selbst wie hinsichtlich der anderen Menschen und der ganzen Schöpfung«5.
Wie bedauerlich ist es, daß dies viele gleichgültig läßt. Lauheit und mangelnde Liebe verführen uns dazu, die Gegenwart Christi gering zu achten; ihm aber liegt daran, bei uns zu sein; er starb am Kreuz, um uns von Satan und Sünde loszukaufen und jedem von uns sowohl hier auf Erden wie dereinst im Himmel nahe zu sein.
Maria und Josef liebten Jesus über alles; deshalb suchten sie rastlos nach ihm. Wie groß muß ihre Freude gewesen sein, als sie ihn endlich wiedergefunden hatten. »Man hat nicht den Eindruck, daß die Menschen in unseren Tagen besonders bekümmert sind, wenn er nicht da ist; es gibt Christen, denen es eigentlich gleich ist, ob Christus in ihren Seelen wohnt oder nicht. Sie stürzen aus der Gnade in die Sünde und empfinden darüber keinerlei Schmerz, Beunruhigung oder Angst. Sie steigen aus der Sünde zur Gnade empor, doch man gewinnt nicht den Eindruck, daß sie vom Tode ins Leben zurückgekehrt sind: man sieht ihnen nicht die Erleichterung an, die Freude, den Frieden, die innere Ruhe desjenigen, der zu Christus zurückgefunden hat.«6
Daher wollen wir heute Maria und Josef bitten, uns die Gegenwart Jesu schätzen zu lehren, damit wir ihn um nichts in der Welt jemals preisgeben. Wie finster wäre die Welt, unsere Welt, ohne Jesus! Und wie groß ist die Gnade, das zu erkennen! »Jesus, daß ich dich niemals mehr verliere …«7 So wollen wir denn alle menschlichen und übernatürlichen Mittel einsetzen, keine Todsünde und nicht einmal freiwillig eine läßliche Sünde zu begehen. Denn wenn wir uns nicht unter dem falschen Vorwand, sie sei ja nicht so schlimm, dazu entschließen könnten, auch die läßliche Sünde zu verabscheuen, können wir keine wirklich innige Beziehung zum Herrn erlangen.
III. Der Tempel von Jerusalem besaß eine Reihe von Räumlichkeiten, in denen der Gottesdienst abgehalten und die Tora gelehrt wurde. Auf ihrer Suche nach dem Kind kamen Maria und Josef schließlich auch in die Eingangshalle des Tempels. Dort legten die Gelehrten die heiligen Schriften aus, und die Zuhörer konnten sich an den Erörterungen mit Fragen und Antworten beteiligen. Und hier endlich fanden sie Jesus wieder; seine Fragen zeugten von Weisheit und erweckten das Interesse der Gelehrten. Auf dem Boden sitzend, verhielt er sich wie alle anderen Zuhörer auch und griff wie sie in die Diskussion ein, doch offenbarten seine Worte eine ungewöhnliche Reife.
Maria und Josef sahen verwundert die Szene, und voller Freude, ihn wiedergefunden zu haben, wendet sich Maria an ihren Sohn. In ihren Worten erkennt der heilige Augustinus einen Beweis für ihre Demut und Ehrerbietung Josef gegenüber. »Obgleich sie nämlich für würdig befunden worden war, den Sohn des Allerhöchsten zu gebären, war sie die Demut in Person, und als sie von sich spricht, nennt sie sich nicht etwa zuerst, sondern erwähnt zunächst den Namen ihres Mannes: Nicht >Ich und dein Vater<, sagt sie, sondern dein Vater und ich. Für sie stand nicht die Würde ihres Schoßes im Mittelpunkt, sondern das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe. Die Demut Jesu konnte sie ja in der Tat nichts anderes lehren.«8
Jesus hatte sich nicht unabsichtlich von seinen Eltern entfernt. Da er wußte, wer er war und welche Aufgabe er zu erfüllen hatte, wollte er einen Anfang setzen. Für Maria und Josef war dies sicherlich eine schmerzliche Erfahrung; zugleich aber auch ein Lichtstrahl, der ihnen das Mysterium des Lebens Jesu erhellte. Niemals werden sie dieses Ereignis vergessen.
Jesus, der Sohn Gottes, war sich seiner Sendung voll bewußt. Um die Antwort, die er gab, in ihrer Tragweite begreifen zu können, hätten wir den Tonfall seiner Stimme hören müssen, als er sich an seine Eltern wandte. Jedenfalls gibt sie uns zu verstehen, daß die Absichten Gottes irdischen Plänen stets übergeordnet sind, und wenn beide gelegentlich in Widerspruch geraten, gilt das Wort des Apostels: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen9.
Sollten wir Jesus einmal verlieren, wollen wir uns an den Rat erinnern, den uns der Herr selbst gegeben hat: sucht, dann werdet ihr finden10. Wir werden ihn stets im Tabernakel finden, wir werden ihn finden bei jenen Menschen, die uns nach Gottes Willen den Weg weisen sollen; und falls wir ihn einmal ernsthaft beleidigt haben, erwartet er uns immer wieder im Sakrament der Buße.
Vielleicht wird es uns wohltun, angesichts eines Altars oder einer Kirche im Innern unseres Herzens das Stoßgebet zu sprechen: »Jesus, daß ich dich niemals mehr verliere …«11
Ex 23,14-17; vgl. Dtn 16,18. – 2 Lk 2,41. – 3 Lk 2,42. – 4 J. Escrivá, Freunde Gottes, 278. – 5 II. Vat. Konz., Konst. Gaudium et spes, 13, – 6 F. Suárez, José, esposo de María, Madrid 1982, S.195. – 7 J. Escrivá, Der Rosenkranz, Die Auffindung im Tempel. – 8 Augustinus, Predigt 51, 18. – 9 Apg 5,29. – 10 Lk 11,9. – 11 J. Escrivá, Der Rosenkranz, Die Auffindung im Tempel.
