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Jahreskreis
23. Woche – Donnerstag

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Über die Feindesliebe

Maßstäbe der Nächstenliebe.
Zeugen der Feindesliebe.
Verdienst und Gnade.

I. Das heutige Evangelium1 läßt Erwartungen und Forderungen vernehmen, die in den Augen eines Aufgeklärten jedes vernünftige Maß übersteigen: Liebet eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch mißhandeln. »Hier steht nicht ein edler Mensch und fordert uns auf, eine höhere Stufe der Sittlichkeit zu erklimmen, sondern Christus redet vom Leben des Kindes Gottes. Solange wir von der Welt her denken, müssen wir sagen: Dergleichen ist nicht möglich. Christus aber sagt: >Bei Gott ist alles möglich< (Mt 19,26).

Es wird uns geoffenbart, daß Gott es fordert und daß er uns den Sinn und die Kraft gibt – seine eigene Kraft, durch die es vollbracht werden kann. Das aber können wir nur glauben. Wenn der Verstand sagt, es sei unmöglich, erwidert der Glaube: Es ist doch möglich! Der Glaube aber >ist der Sieg, der die Welt überwindet< (1 Joh 5,4).«2

Wer glaubt, verankert Denken und Handeln in der Gottesliebe. Er schaut auf Christus und gewinnt von hierher die Maßstäbe seiner Liebe.

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. »Oft haben wir Christen es nicht verstanden, dieser Gabe zu entsprechen; manchmal haben wir sie verwässert, als wäre sie nichts als ein seelenloses, unbeteiligtes Almosengeben; manchmal auch haben wir sie auf eine mehr oder weniger formelhafte Wohltätigkeit verkürzt. Resigniert beklagte eine Kranke diese Verirrung mit den Worten: Ja, hier behandelt man mich mit Nächstenliebe, meine Mutter aber umsorgte mich mit Herzenswärme. Die Liebe, die im Herzen Christi wurzelt, verträgt solche Unterscheidungen nicht.«4 Betend kommt Augustinus zu der Einsicht, die Mitmenschen seien »deine Diener, meine Brüder; du hast sie zu deinen Kindern erwählt und zu meinen Herren gemacht und mir befohlen, ihnen zu dienen, wenn ich mit dir und aus dir leben will.«5

Die christliche Nähe zum Nächsten reicht weit über die flache – nicht selten unverbindliche und sterile – Sicht einer vagen Mitmenschlichkeit hinaus, weil sie genährt wird von der eigenen beständigen Nähe zu Gott. Paulus sagt am Ende der heutigen Lesung: Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch (…). Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. »Unsere Liebe ist weder Sentimentalität noch bloße Kameradschaft, noch der fragwürdige Eifer, anderen zu helfen, um die eigene Überlegenheit zu genießen. Sie bedeutet vielmehr, den Nächsten anzunehmen (…), in jedem Menschen das Bild Gottes zu ehren, darum bemüht, daß auch der andere dieses Bild betrachtet und sich dadurch Christus zuwenden kann.«6 Und im gleichen Zusammenhang schreibt der selige Josemaria Escrivá: »Du und ich, wir sind imstande, den anderen mit verschwenderischer Liebe zu begegnen, weil wir durch die Liebe des Vaters zum Glauben geboren wurden. Bittet den Herrn mit Kühnheit um diesen Schatz, um die übernatürliche Tugend der Liebe, damit ihr sie dann auch bis in die winzigste Kleinigkeit hinein weiterschenken könnt.«7

II. Eine Art Scheu überkommt den Empfindsamen, wenn er über die Liebe sprechen muß. Der Begriff ist in der Umgangssprache so schillernd geworden – er reicht vom banalen Abenteuer bis zu höchster Hingabe, von der gröbsten Gier nach Lust und Befriedigung bis zur selbstlosen Entscheidung für das Leben. Und doch müssen wir uns jetzt dem Wort von der Feindesliebe im heutigen Evangelium stellen: Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen.

Sagen wir nicht selbst zuviel darüber, lassen wir Christus sprechen, »das endgültige Amen der Liebe des Vaters zu uns; er übernimmt und vollendet unser Amen an den Vater8 Folgen wir der Spur, die uns derjünger, den Jesus liebte9 hinterlassen hat: Gott ist die Liebe10, heißt es bei Johannes. Er war Zeuge des Augenblicks, als Jesus den Vater bat, daß die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und damit ich in . Halten wir uns das Beispiel jener Zeugen vor Augen, die »durch das beredte und faszinierende Beispiel eines ganz von dem Glanz der sittlichen Wahrheit umgeformten Lebens jede Epoche der Geschichte«12 erleuchten. Christus ist aus Liebe zu uns gestorben, als wir noch Feinde waren.13 Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!14 Wie viele Menschen sind durch die Jahrhunderte diesem Beispiel gefolgt! Stephanus: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Ignatius von Antiochien fordert auf dem Weg zum Martyrium die Christen in Ephesus auf, für seine Feinde zu beten, »denn es besteht für sie Hoffnung auf Umkehr, daß sie zu Gott gelangen. Darum gewährt es ihnen, daß sie zumindest durch eure Werke belehrt werden. Antwortet auf ihren Zorn mit eurer Milde, stellt ihren Lästerungen euer Gebet entgegen, ihren Irrwegen die Festigkeit eures Glaubens, ihrer Grobheit eure Sanftmut. Verhaltet euch nicht wie sie; zeigen wir uns durch unsere Liebenswürdigkeit als ihre Brüder, und bedenken wir, daß der einzige, den wir nachzuahmen haben, der Herr ist.«16 Thomas Morus äußert als Todgeweihter im Londoner Tower in einem Brief an einen Freund die Hoffnung, Gott möge »auch meine Feinde (sofern ich überhaupt welche habe) dorthin (führen), wo wir uns in Liebe vereint wiederfinden können. Dafür möchte ich Gott jetzt schon von Herzen danken.« Heiter verabschiedet er sich: »Seid mir nicht böse wenn ich Euch nicht in dieses Gebet einschließe. Ihr glaubt mir hoffentlich, daß ich für meine Freunde nichts Schlechteres erflehe als für meine Feinde.«17

Erst Christus erschließt uns, wie weit die Liebe gehen kann. In ihm gewinnt sie eine Reife, die auch den Feind nicht ausschließt. »In der alten Lehre hat es geheißen: Du sollst Liebe mit Liebe und Haß mit Haß erwidern. Das Gebot ging auf die Entsprechung des Gefühls; man möchte sagen, auf die Gerechtigkeit des Herzens. Ebendiese Gegenüberstellung aber zeigt, daß die dort genannte Liebe noch unfrei war. (…) Und nun sagt der Herr: Jene – angebliche – Gerechtigkeit des Herzens kann aus ihr selbst heraus gar nicht vollbracht werden. Der Haß, der sich dem Haß gegenüber berechtigt glaubt, wird sofort größer sein als jener, auf den er antwortet; so wird er unrecht tun, und damit das Recht zu neuem Haß schaffen. Die Liebe aber, die sich von der Liebe des Anderen abhängig macht, wird immer gehemmt, unsicher, unschöpferisch sein. (…) Die echte Gerechtigkeit des Empfindens wird erst möglich, sobald sie von einer Gesinnung übergriffen wird, die sich nicht mehr durch die Entsprechung der Gefühle, sondern durch die freie Schöpferkraft des Herzens rechtfertigt. Darin erwacht erst die wirkliche Liebe.«18

Hören wir noch einmal Jesus: Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? (…) Wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? (…) Wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? »Dreimal stellt der Herr die Frage, was denn an unserer Liebe, charis, lateinisch: gratia, sei, wenn wir nur jene Liebe zeigen, wie sie auch die Sünder haben.

Es ist sehr schwer, dieses Wort charis ins Deutsche mit seinem vollen Gehalt zu übersetzen. Es geht hier wirklich um das Letzte und Größte der Liebe, das nach dem griechischen und lateinischen Wortsinn wirklich mit >Grazie<, Schönheit, Anmut, Gnade zu bezeichnen ist. Denn darum geht es, daß die Liebe wirklich nur von sich selbst aus, das heißt also, aus Liebe handelt. Nicht aus Dankbarkeit oder Vergeltung, nicht auf Verdienst schaut oder auf Würdigkeit, nicht sich Lohn erhofft oder Anerkennung und Wiederabstattung. (...) Liebe ist eben nichts anderes als diese einfach schenkende, ohne irgendwelche Nebenabsicht gebende Huld und Gnade, die letztlich nur aus Freude - auch diese ist in charis mitenthalten! – an ihrer eigenen Schönheit handelt.«19

III. Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.20 Je mehr wir Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all unseren Gedanken21 lieben, um so fruchtbarer umfaßt diese Liebe unsere Mitmenschen. Dann lieben wir sie nicht nur, »weil Gott sie liebt oder weil er will, daß wir sie lieben, sondern weil er uns seinen Geist gegeben und seine eigene Liebe zu ihnen in unsere Herzen gelegt hat«22. Dann ist die Liebe des Jüngers ein Widerschein der Liebe des Meisters. Sie gilt nicht nur denen, die ihm wohlgesinnt sind. »Bei manchen Menschen fällt es uns leicht, zu lieben, bei anderen ist es schwieriger; sie sind uns nicht sympathisch, sie haben uns verletzt und etwas zuleid getan; nur wenn ich Gott ehrlich liebe, wird es mir gelingen, sie zu lieben, weil sie Kinder Gottes sind und er mich darum bittet. Jesus hat uns auch deutlich gemacht, wie wir den Nächsten lieben sollen: Nicht nur mit Gefühlen, sondern mit unseren Taten.23

In der Regel sind diese Taten unscheinbar und ereignen sich im gewöhnlichen Alltag. Da können wir dem Nächsten den Becher frisches Wasser reichen – eine Geste, von der der Herr sagt: Er wird gewiß nicht um seinen Lohn kommen24. »Das Glas Wasser oder das Stück Brot, das eine fromme Seele aus Liebe zu Gott einem Armen reicht, ist gewiß etwas Unbedeutendes, kaum der Rede wert; und doch vergilt es Gott und schenkt zum Lohn Wachstum in der Liebe.«25 Drastisch schreibt Meister Eckhart: »Wäre der Mensch in solcher Verzückung wie Sankt Paulus, und wüßte ich (in solcher Verfassung) von einem siechen Menschen, der von dir eines Süppleins bedürfte, ich hielte es für sehr viel besser, du ließest aus Liebe von dieser Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen mit desto größerer Liebe.«26

Fragen wir uns also nach den kleinen Taten der Nächstenliebe in unserem Alltag, die uns bisweilen so schwer fallen können: Gibt es sie? Nicht nur, weil wir aus Konvention nicht anders können, sondern weil wir nicht anders wollen? Sind wir in den tausend Situationen unseres Lebens hellwach für die Anrufe der Liebe?

Solches Verhalten – so deutet der Herr an – ist gerade dort verdientsvoll, wo ihr nichts dafür erhoffen könnt: Dann wird euer Lohn groß sein. Verdienst aber ist hier nicht im landläufigen Sinne zu verstehen: »Gegenüber Gott gibt es von seiten des Menschen kein Verdienst im eigentlichen Sinn. Zwischen ihm und uns besteht eine unermeßliche Ungleichkeit, denn wir haben alles von ihm, unserem Schöpfer empfangen. (…) Der Mensch hat nur deshalb im christlichen Leben bei Gott ein Verdienst, weil Gott in Freiheit verfügt hat, den Menschen mit seiner Gnade mitwirken zu lassen. Ausgangspunkt für dieses Mitwirken ist immer das väterliche Handeln Gottes, das den Anstoß für das freie Handeln des Menschen gibt, so daß die Verdienste für gute Werke in erster Linie der Gnade Gottes und erst dann dem Glaubenden zuzuschreiben sind. Das Verdienst des Menschen kommt im Grunde Gott zu, denn seine guten Taten gehen in Christus aus den zuvorkommenden und helfenden Gnaden des Heiligen Geistes hervor. «27

Die Gnade ist vorausgegangen; jetzt wird vergolten, was geschuldet ist (…). Die Verdienste sind Geschenke Gottes.«28 Ein anderer Heiliger des Herzens, Bernhard von Clairvaux, bekräftigt: »Mein einziges Verdienst ist die Barmherzigkeit des Herrn. Ich werde nicht an Verdiensten arm sein, solange er nicht an Barmherzigkeit arm ist. Und da seine Barmherzigkeit groß ist, sind auch meine Verdienste groß.«29

Empfehlen wir uns am Ende dieser Zeit des Gebetes Maria, die die Kirche »unter den Titeln der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin«30 anruft.

6,27-38. – R. Guardini, , Würzburg 1951, S.82. – Mt 25,40. – J. Escrivá, Freunde Gottes, 229. – Augustinus, Bekenntnisse, 10,4. – J. Escrivá, Freunde Gottes, 230. – ebd., 229. – Katechismus der Katholischen Kirche, 1064. – 13,23; 19,26; 20,2; 21,7.20.24. – 4,16. – 17,26. – Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 93. – vgl. 5,10. – 23,34. – 7,60. – Ignatius von Antiochien, Brief an die Epheser, 10,1-3. – P. Berglar, Die Stunde des Thomas Morus, Frankfurt 1987, S.307. – R. Guardini, a.a.O., S.89. – J. Dillersberger, , Bd.3, Salzburg 1940, S.104. – 5,5. – vgl. 22,37. – R. Cantalamessa, Das Leben in Christus, Graz 1990, S.229. – Johannes Paul II., , 22.5.1991. – 10,42. – Franz von Sales, Über die Gottesliebe, Einsiedeln 1985, S.90. – Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S.51. – Katechismus der Katholischen Kirche, 2007-2008. – Augustinus, , 298,4-5. – Bernhard von Clairvaux, Predigt über das Hohelied, 61. – II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 62.