OSTERZEIT
5. WOCHE – FREITAG
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FREUNDSCHAFT
Jesus,
der Freund.
Eigenschaften der Freundschaft.
Apostolisches Zeugnis aus Freundschaft.
I. Im heutigen Evangelium hören wir Worte des Herrn über die Freundschaft. Er spricht nicht abstrakt von einer ideellen Haltung, sondern bezieht sich auf eine Tat – seine Tat – und meint konkrete Menschen – jene, die in der Abschiedsnacht bei ihm sind: Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde (…). Ich nenne euch nicht mehr Knechte (…). Vielmehr habe ich euch Freunde genannt.1
Auch wir sind in seine Worte einbezogen. Jesus ist unser Freund, so wie er der beste Freund seiner Jünger war. Auf ihn war Verlaß, Freude wie Nöte waren bei ihm gut aufgehoben. Die Jünger werden verstanden haben, was er meinte, als er zu ihnen sagte: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Die Menschen um Jesus verstehen die Freundschaft mit ihm als Zuflucht in der Not, so die Schwestern des Lazarus, wenn sie ihn bitten, zum totkranken Bruder zu kommen: Dein Freund ist krank Selbst Judas verweigert der Herr in dem Augenblick, da dieser ihn verrät, den Namen nicht.
Für den auf den Wegen Palästinas umherziehenden Jesus ist jedes Gespräch eine Gelegenheit, sich ganz auf die Menschen einzulassen. Wir kennen die Freunde Jesu mit Namen: die Apostel, Josef von Arimathäa, Nikodemus, Lazarus und dessen Schwestern … Das Evangelium läßt uns sogar Zeugen einer beginnenden Freundschaft werden. Johannes der Täufer weist zwei seiner Jünger auf den Herrn hin, die sich sogleich für ihn zu interessieren beginnen. Es sind Andreas und Johannes. Jesus fragt sie: Was wollt ihr? Sie antworten: Meister, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht. Da gingen sie mit ihm und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.4 »Nach mehr als sechzig Jahren weiß der Apostel noch, daß es vier Uhr nachmittags war, als sie Jesus heimbegleiteten. Wohl hat er ihn schon gekannt, wie man eben jemanden kennt, der einem hier oder da begegnet ist und von dem der Meister, Johannes der Täufer, eindringlich sprach und Zeugnis gab. Aber die existentielle Begegnung geschah erst in dieser Nachmittagsstunde, als Andreas und Johannes bei dem Herrn eintraten. Einer der folgenschwersten und gesegnetsten >Besuche< in der Geschichte des Christentums. In dieser Stunde begann die ganz persönliche Freundschaft zwischen dem etwa achtzehnjährigen Johannes und dem dreizehn bis fünfzehn Jahre älteren Jesus - eine Freundschaft, die zu den schönsten und unwiderleglichsten Kennzeichen der wirklichen und vollkommenen Menschennatur des Erlösers gehört.«5
Jesus schätzt die Freundschaft seiner Freunde. Liebst du mich? Kann ich mich auf dich verlassen? Nicht auf deine Stärke, nicht auf dein Format, sondern auf deine Liebe? fragt er den Petrus, bevor er ihm die Leitung seiner Kirche überträgt: Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!6
»Christus, der auferstandene Christus, ist unser Begleiter und Freund; ein Begleiter, der nur wie durch Schatten hindurch sichtbar wird, dessen Wirklichkeit jedoch unser ganzes Leben erfüllt und uns seine endgültige Gegenwart herbeisehnen läßt.«7 In Jesus hat Gott an unserem Leben teilhaben wollen, auch an unseren Sorgen und Bedrängnissen: Ich werde euch Ruhe verschaffen.8
Natürlich ist unsere Freundschaft mit dem Herrn mehr als nur eine Freundschaft unter Menschen. Wir bekennen ihn als unseren Herrn und Gott. Beim Betrachten der Freundschaft Jesu mit seinen Freunden eröffnet sich uns die letzte Tiefe des Schriftwortes: Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt; wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden. Für einen treuen Freund gibt es keinen Preis, nichts wiegt seinen Wert auf.9
II. Die Fähigkeit zur Freundschaft gründet in der sozialen Natur des Menschen. »Da also das gesellschaftliche Leben für den Menschen nicht etwas äußerlich Hinzukommendes ist, wächst der Mensch nach allen seinen Anlagen und kann seiner Berufung entsprechen durch Begegnung mit anderen, durch gegenseitige Dienstbarkeit und durch den Dialog mit den Brüdern.«10
Die freundschaftliche Begegnung beruht auf Zuneigung, Treue, Vertrauen; sie steht also jenseits des Zweckmäßigen, ist absichtslos. »Eine große Zahl der menschlichen Beziehungen ist auf Abhängigkeit und Zwecken aufgebaut; so ist es nicht nur richtig, sondern einfach notwendig, daß wir in ihnen zu erreichen suchen, was wir brauchen, und uns dessen auch bewußt seien. Es gibt auch andere, und nicht wenige, die auf der offenen Begegnung von Mensch zu Mensch ruhen. Wenn hier Zweck und Absicht die Haltung bestimmen, dann verschließt und verfälscht sich alles.
Überall da, wo sich die wesentlichen Beziehungen des Ich und Du verwirklichen sollen, müssen die Absichten zurücktreten. Der Eine muß den Anderen in ihm selbst sehen, einfach mit ihm sein und mit ihm leben. Er muß in die Situation eintreten, wie sie es aus ihrem Sinn heraus verlangt (…). Nur aus ihr heraus wird das Menschlich-Große möglich: die wirkliche Freundschft, die echte Liebe, die klare Kameradschaft im Werk, die saubere Hilfe in der Not. Wenn aber die Absichten darin herrschend werden, verkümmert alles.«11
Deshalb braucht Freundschaft zu ihrem Gedeihen Zeit: »Sie entzündet sich normalerweise auch nicht einfachhin am Anblick des anderen, sondern an der Überraschung, daß da jemand anders ist, der >die Dinge genau so sieht< wie man selbst und von dem man dann beglückt sagt: Gut, daß du da bist!«12
Auch Jesus gegenüber gilt dies: daß der letzte Grund unserer betenden Begegnung mit ihm nicht der ist, dies oder jenes von ihm erlangen zu wollen, sondern einfach: bei ihm zu sein, bereit, uns Zeit, viel Zeit für ihn zu nehmen. Und ein gemeinsames Interesse zu haben: die Menschen. Dies entdeckt man in dem Maße, in dem der Umgang mit Christus wächst. Die Freundschaft mit Christus führt dann zu einer offeneren, verständnisvolleren Haltung gegenüber den Mitmenschen. Es wird leichter, sich auf sie einzulassen. Denn der Umgang mit Christus im Gebet macht die Seele feinfühlig und zur Freundschaft geneigt. Wir sehen sie im Leben Christi vollkommen verwirklicht und möchten dann auch selbst verständnisvoller, großzügiger, dankbarer werden. Der gute Freund versteht es, dem Freund in der kleinen oder großen Not beizustehen und ihn in Schutz zu nehmen, wenn er grundlos angegriffen wird.
Papst Paul VI. sagt, daß die Freundschaft eine Harmonie von Empfindungen und Vorlieben schafft, die sich »bis zu sehr hohen Graden entwickeln kann, selbst bis zum Heroismus, der Hingabe des Freundes für den Freund. (…) Sie setzt Hochherzigkeit, Selbstlosigkeit, Sympathie, Solidarität und vor allem die Bereitschaft zu gegenseitigen Opfern voraus. Die Freundschaft wird leicht, rein und stark, wenn sie getragen und genährt wird von der charakteristischen und erhabenen Liebesgemeinschaft, die die Seele des Christen mit Jesus Christus verbinden soll.«13
III. Durch die Jahrhunderte ist die Freundschaft für viele zum Anlaß geworden, sich Gott zu nähern. Der Freund teilt die frohe Botschaft dem Freund mit: Andreas seinem Bruder Petrus, Johannes – wie wir annehmen dürfen – seinem Bruder Jakobus, Philippus seinem Freund Natanael.
Besonders die Begegnung zwischen diesen beiden zeigt, wie natürlich der freundschaftliche Umgang eine Wende im Leben des Freundes herbeizuführen vermag. »Als Philippus ihm sagt, er und seine Gefährten hätten in dem Sohn des Josef aus Nazaret den Messias gefunden, stellt Natanael trocken die Unvereinbarkeit dieser Behauptung mit der Schrift fest. Philippus läßt sich nun keineswegs auf eine Diskussion ein; er versucht nicht, von sich aus den skeptischen Freund durch eigene Worte, durch Argumentieren zu überzeugen, sondern er lädt ihn gänzlich unkompliziert und ohne alle Prätention ein: >Komm und sieh!< Darin liegt, ganz unbewußt wohl, Bescheidenheit und natürliche Klugheit. Der Freund soll nicht zu irgendetwas beschwatzt werden; er muß durch eigenes Erleben zur Klarheit gelangen. Es nützt nicht, jemandem eine köstlich-erfrischende Quelle bloß zu nennen, man muß ihn hinführen; ob er dann trinkt oder nicht, bleibt seiner Freiheit anheimgestellt. Philippus weist seinen Freund auf Jesus hin und bittet ihn dann mitzukommen, um ihn persönlich kennenzulernen, und Natanael tut es dem Freund zuliebe - aus keinem anderen Grund.«14
In den ersten christlichen Generationen verbreitete sich der Glaube an Christus auf demselben Weg wie in der Begegnung des Philippus mit seinem Freund Natanael: von Freund zu Freund, unter Geschwistern und auch vom Knecht – ja sogar vom Sklaven – zum Herrn und vom Herrn zum Knecht und zum Sklaven.
Der Wunsch, den Freund am Besten, das man besitzt, teilhaben zu lassen, ist nur natürlich. Und das Höchste, das wir besitzen, ist die Nähe zu Christus. Aufrichtige Freundschaft will den Wert und das Glück des christlichen Glaubens weitergeben. Der Freund entdeckt, daß wir nichts anderes wollen, als ihm zu helfen.
Geduldig und beharrlich können wir jene, mit denen uns Freundschaft verbindet, dem Herrn näherbringen, indem wir ihnen bei den ersten Gehversuchen helfen: eine Zeit des Gebetes gemeinsam halten, einen kranken oder alten Menschen gemeinsam zu besuchen oder sie zur heiligen Messe einladen. Irgendwann einmal wird sich die Gelegenheit ergeben, mit ihnen über das Sakrament der Versöhnung mit Christus zu sprechen und ihnen vielleicht sogar bei der Vorbereitung zu helfen. Freundschaftliche Aussprachen, das sind immer auch Wege für das Wirken des Heiligen Geistes. »Diese Worte, zur rechten Zeit ins Ohr des unsicher gewordenen Freundes gesagt; das orientierende Gespräch, das du bei gegebener Gelegenheit herbeizuführen wußtest; der berufliche Hinweis, der seine Arbeit an der Hochschule verbessert; und die diskrete Indiskretion, die seinem Suchen ungeahnte Horizonte erschließt … All das ist >Apostolat des vertraulichen Gesprächs<«15»Freundschaft bedarf zu ihrer Festigung des Gebetes und Opfers für die Freunde. Da wir ihnen unseren Glauben an Christus nie verschwiegen haben, wird es sie nicht wundern, daß wir über einen so zentralen Punkt in unserem Leben mit ihnen, so wie sie über das ihre mit uns, sprechen möchten.
Aus Bekannten können nach und nach Freunde werden. Dabei kann uns der Gedanke helfen, wie weit die Liebe des Herrn zu den Menschen geht und wie er sich unserer Freundschaft bedienen will. Wieviele Menschen in unserer Nähe warten – oft ohne es zu wissen – auf eine Begegnung mit Christus, Ursprung und Ziel des Lebens! Wie beglückend, wenn der eigene Freund zum Freund Christi wird!
In der Apostelgeschichte heißt es, daß Jesus umherzog und Gutes tat. Könnte diese Kurzbiographie Christi uns nicht zur Nachahmung reizen, die wir in seiner Nachfolge stehen? In der Familie, bei der Arbeit, im Umgang mit Nachbarn und Bekannten und vor allem mit unseren Freunden: für sie alle könnten wir zum Anlaß einer Begegnung mit Christus werden. Erleichtern wir unseren Freunden wirklich die Begegnung mit Christus, dem Freund?
15,13-15. – 13,34. – 11,3. – 1,39. – P.Berglar, Petrus – Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S.39-40. – 21,15-16. – J.Escrivá, Christus begegnen, 116. – 11,28. – 6,14-15. – II.Vat.Konz., Konst. Gaudium et spes, 25. – R.Guardini, , Mainz/Paderborn 1987, S.76. – J.Pieper, Über die Liebe, München 1972, S.171. – Paul VI., , 26.7.78. – P.Berglar, a.a.O., S.47-48. – J.Escrivá, , Nr.973. – 10,38.
