Meditationen fŘr jeden Tag, Francisco Fernßndez Carvajal

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Freitag, den 23. Juni 2017 


Meditationen fŘr jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

JAHRESKREIS
11. WOCHE - DONNERSTAG

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M├╝ndliches gebet

Heidnisches Geplapper und Dialog der Kinder Gottes.
Das Vaterunser.
M├╝ndliches und inneres Beten geh├Âren zusammen.

I. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erh├Ârt, wenn sie viele Worte machen.1 Nicht wie die Heiden, denn sie kannten keine echte Zwiesprache mit Gott. Sie lebten in der Ungewi├čheit, ob man unter den vielen G├Âttern und Geistern den zust├Ąndigen mit seinen Gebeten auch wirklich herbeiruft. Durch Zaubergebete versuchten sie, sich die Gottheit gef├╝gig zu machen. Der heidnische Dichter Horaz nennt das wortreiche Geplapper fatigare deos - die G├Âtter erm├╝den2.

Der ver├Ąu├čerlichte Wortschwall war - trotz des Glaubens an den Gott der Offenbarung - auch f├╝r die Juden eine Gefahr, vor der die Heilige Schrift h├Ąufig warnt: Wiederhol nicht die Worte beim Gebet!3 Sei nicht zu schnell mit dem Mund, ja selbst innerlich fiebere nicht, vor Gott das Wort zu ergreifen. Gott ist im Himmel, du bist auf der Erde, also mach wenig Worte!4 Jesus will seine J├╝nger davor bewahren. Er verurteilt nat├╝rlich nicht das gesprochene Wort, denn in ihm - wie in den Gesten - verleiblicht sich das Empfinden des Herzens. Aber Jesus will ein echtes, innerliches Sprechen, einen Dialog mit dem Vater. Er lehrt die Seinen, den schlichten Umgang von kleinen Kindern mit ihrem Vater auf den Umgang mit Gott zu ├╝bertragen.

Das m├╝ndliche Gebet ist Gott wohlgef├Ąllig, wenn es wirklich Gebet ist, gesprochene Worte als Echo des Herzens. Der heilige Cyprian von Karthago mahnt um die Mitte des dritten Jahrhunderts die Christen: ┬╗Auch wenn wir uns mit den Br├╝dern versammeln und mit dem Priester Gottes das heilige Opfer feiern, sollen wir auf Ehrfurcht und Zucht bedacht sein und d├╝rfen unsere Gebete nicht in nachl├Ąssigen Worten wahllos hervorsto├čen. Wir d├╝rfen unsere Bitte, die Gott bescheiden anheimzustellen ist, nicht mit l├Ąrmender Geschw├Ątzigkeit aussprechen. Denn Gott h├Ârt nicht auf die Stimme, sondern auf das Herz, und uns steht es nicht zu, ihn, der die Gedanken sieht, mit Geschrei zu mahnen.┬ź5

Das m├╝ndliche Gebet ist ein einfaches, wirksames und unverzichtbares Mittel, um die Gegenwart Gottes den Tag ├╝ber zu bewahren und unserer Liebe und unseren Bed├╝rfnissen Ausdruck zu verleihen. Es zu vernachl├Ąssigen w├╝rde eine gro├če Verarmung des geistlichen Lebens bedeuten. Am Anfang stehen kurze m├╝ndliche Gebete, ┬╗Sto├čgebete - iaculatoria - wie Pfeile - iaculata - zum Herrn gesandt, Worte, die wir aus der aufmerksamen Lekt├╝re des Lebens Christi lernen: Domine, si vis, potes me mundare, Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen; Domine, tu omnia nosti, tu scis, quia amo te, Herr, du wei├čt alles, du wei├čt auch, da├č ich dich liebe; Credo, Domine, sed adiuva incredulitatem meam, ich glaube Herr, aber hilf meinem Unglauben, st├Ąrke meinen Glauben; Domine, non sum dignus, Herr, ich bin nicht w├╝rdig! Dominus meus et Deus meus, mein Herr und mein Gott! ... oder andere Gebete, kurz und liebevoll, die aus der Tiefe der Seele hervorbrechen und aus der Situation eines Augenblicks aufsteigen.┬ź6

II. Im Evangelium der heutigen Messe h├Âren wir, wie Jesus das m├╝ndliche Gebet par excellence, das Vaterunser, seine J├╝nger und in ihnen uns alle lehrt. In ihm ┬╗lehrt der Heilige Geist die Kinder Gottes durch das Wort Gottes zu ihrem Vater beten, wie dies bei jedem gesprochenen Gebet der Fall ist┬ź7. Das Vaterunser fa├čt in wenigen Worten alle Grundanliegen und -bed├╝rfnisse des menschlichen Lebens zusammen. Der Herr hinterl├Ą├čt uns also nicht eine mechanisch zu wiederholende Formel, er ┬╗= 7. Das Vaterunser fa├čt in wenigen Worten alle Grundanliegen und -bed├╝rfnisse des menschlichen Lebens zusammen. Der Herr hinterl├Ą├čt uns also nicht eine mechanisch zu wiederholende Formel, er gibt uns nicht nur die Worte zu unserem kindlichen Gebet, sondern gleichzeitig den Geist, durch den sie in uns >Geist und Leben< (Joh 6,63) werden┬ź8.

Wir nennen das Vaterunser das Gebet des Herrn, weil uns in ihm Jesus selbst, unser Herr, das Gebet zu unserem Vater lehrt, und zwar auf einzigartige Weise. Denn ┬╗zum einen gibt der eingeborene Sohn in den Worten dieses Gebetes uns die Worte, die der Vater ihm gegeben hat (vgl. Joh 17,7): er ist der Lehrer unseres Betens. Zum anderen kennt er als fleischgewordenes Wort in seinem Menschenherzen die Bed├╝rfnisse seiner menschlichen Br├╝der und Schwestern und offenbart sie uns: er ist das Vorbild unseres Betens.┬ź9 Das Vaterunser ist nicht nur ┬╗die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums┬ź,10 wie Tertullian es zwischen dem zweiten und dem dritten Jahrhundert genannt hat, sondern auch Ma├čstab f├╝r die Art und Weise des m├╝ndlichen Gebetes ├╝berhaupt.

Der Name ┬╗Vater┬ź schreibt Reinhold Schneider, sei die geoffenbarte Antwort auf das tiefe Bed├╝rfnis des Menschen nach Erl├Âsung. ┬╗Der Name >Vater< l├Ą├čt sich nur aussprechen in Demut Ehrfurcht und Zuversicht; es ist der Name der Liebe. Wer Gott als seinen Vater erkennt, dessen Handeln ist bestimmt wie das des Kindes, das sich einen jeden Augenblick unter den Augen des Vaters f├╝hlt. Und wie vom ganzen Gebete her, so k├Ânnte und m├╝├čte sich schon von seinem ersten Worte her die Welt ver├Ąndern. Der Vater ist; es gibt f├╝r ihn keine Zeit; sein Sein w├Ąhrt unver├Ąnderlich im Himmel, ├╝ber dem Geschehen der Erde. So wu├čte es schon der Sohn, der allein den Vater geschaut hat; so hat er es uns verk├╝ndet; wir sprechen diese Worte aus der Kraft des Wissens, das der Sohn uns geoffenbart hat, und im Glauben an ihn. Der Sohn war die Wahrheit selbst; wenn er sich an den Vater wandte, so geschah es nicht aus dem Glauben, der unser Teil ist; es geschah aus der Wirklichkeit g├Âttlichen Lebens, in der Gegenwart des Vaters, im Einssein mit ihm. Das Gebet des Sohnes ist Offenbarung, Zeugnis der Wahrheit aus dem Munde der Wahrheit. Wir d├╝rfen Gott nicht anders nennen, als er ihn genannt hat. Und es ist kein Name Gottes g├╝ltig, der den Vaternamen nicht einschlie├čt.┬ź11

 Das Geheimnis eines lebendigen Christenlebens liegt in der Qualit├Ąt seines Gebetslebens. Man hat das Gebet mit dem Atmen der Seele verglichen. Das betrachtende wie das m├╝ndliche Gebet lassen uns die Atmosph├Ąre des G├Âttlichen atmen und uns in ihr Freude und N├Âte, Hingabe und Versagen, Gro├čes und Kleines vor Gott tragen. Dieses Leben vor Gottes Angesicht ist auch dann wirksam, wenn wir nicht ausdr├╝cklich daran denken, etwa weil eine schwierige Arbeit uns ganz in Anspruch nimmt. Mehr als einmal haben wir uns sicherlich dabei ertappt, wie - ohne ausdr├╝cklich ein Sto├čgebet zu formulieren - unser Blick auf das Kreuz oder auf das Marienbild vor uns fiel. Auch dies meint das Betet ohne Unterla├č!12 des Apostels.

III. Von einem alttestamentlichen Patriarchen hei├čt es, er ging seinen Weg mit Gott13. Damit ist nicht nur angedeutet, da├č Gott stets bei ihm war, sondern auch, da├č er in allem, was er tat, Gott im Blick hatte. Da dr├Ąngt sich die Frage auf, ob der eigentliche Bezugspunkt unserer Gedanken wirklich der Herr ist oder nicht doch so oft noch wir selbst?

Die m├╝ndlichen Gebete helfen uns, diesen Bezug immer wieder neu herauszustellen. ┬╗Manche Gebete kommen sogar von Gott selbst und bilden einen Teil der Offenbarung. Diese Texte sagen uns nicht nur, wer Er ist, sondern auch, wie man zu Ihm gelangt; aber nicht in der Form einer Unterweisung ├╝ber das Beten, sondern indem sie selber Gebet sind. Sie nehmen den H├Ârenden an die Hand und f├╝hren ihn. Die Psalmen zum Beispiel sind nicht nur wichtig und kostbar, sondern notwendig. Sie sind aus betenden Herzen entstanden, aber nicht nur aus deren sozusagen privatem Erleben, sondern stellvertretend f├╝r alle. Der Geist Gottes hat sie entstehen lassen, damit sie den anderen zu einer Schule des Gebetes w├╝rden.┬ź14 Das gleiche gilt von den gro├čen Gebeten im Evangelium, dem Lobgesang Mariens im Magnificat15, dem des Zacharias, dem Benedictus16, oder dem Dankgebet des greisen Simeon17. In ihnen allen finden wir Anregungen, die wir leicht unserer pers├Ânlichen Situation anpassen k├Ânnen.

Die Art und Weise der Aufmerksamkeit kann sich auf die Worte selbst richten, andere Male wird sie sich auf die angesprochene Person - Gott - konzentrieren. Es kann auch sein, ┬╗da├č der Mensch nicht blo├č Bestimmtes sagen, sondern auch im Gebet weilen, darin atmen und sich bewegen will. Man kann einen Weg gehen, um zum Ziel zu kommen; dann tut man es rasch und h├Ąlt sich nicht auf. Man kann sich aber auch ergehen wollen; dann l├Ą├čt man sich Zeit und bleibt bei dem, was man Bemerkenswertes findet.┬ź18

In manchen Situationen scheint es sogar unm├Âglich, ein gen├╝gendes Ma├č an Aufmerksamkeit aufzubringen, und doch kann es sinnvoll sein, sie betend auszuf├╝llen: Aufgaben im Haushalt, Arbeiten in der Werkstatt oder auch Autofahren erlauben normalerweise nicht die f├╝r das innere Gebet erforderliche Sammlung. In solchen Situationen ist das m├╝ndliche Gebet sehr geeignet, so da├č selbst sie in einer betenden Atmosph├Ąre verrichtet werden k├Ânnen. Dies ist die Lage einer Mutter, die den Rosenkranz betet, w├Ąhrend sie Hausputz macht oder im Garten arbeitet. Dem├╝tig werden wir dann die ungewollten Zerstreuungen dem Herrn aufopfern als Ausdruck unseres Willens, seinen Auftrag zu beherzigen: Allezeit beten und darin nicht nachlassen19.

M├╝ndliches und inneres Beten geh├Âren zusammen. ┬╗Weil das m├╝ndliche Gebet nach au├čen gerichtet und so vollkommen menschlich ist, ist es in erster Linie ein Gebet des Volkes. Aber auch das innerliche Beten darf das m├╝ndliche Gebet nicht vernachl├Ąssigen.= 20 Die Seele braucht beides, und das m├╝ndliche Gebet f├╝hrt - wie wir gesehen haben - zum betrachtenden oder inneren Gebet. Die Wahl der Zeit und die Dauer des inneren Gebetes beruhen auf einem entschlossenen Wollen, in dem sich das Verborgene des Herzens offenbart. Man betet nicht, wenn man Zeit hat, sondern man nimmt sich die Zeit, um f├╝r den Herrn da zu sein. Man tut dies mit dem festen Entschlu├č, ihm diese Zeit nicht wieder wegzunehmen, auch wenn die Begegnung m├╝hevoll und trocken sein mag.┬ź20 So gelingt es uns, ┬╗unseren ganzen Tag mit Nat├╝rlichkeit und ohne Besonderheiten in ein st├Ąndiges Gotteslob zu verwandeln. Wir werden in seiner Gegenwart bleiben, so wie Liebende in Gedanken beieinander sind, und alle unsere Werke - auch die unscheinbarsten - werden sich mit ├╝bernat├╝rlicher Wirksamkeit erf├╝llen.┬ź21

1 Mt 6,7-15. - 2 Horaz, Oden, I,2,26. - 3 Sir 7,14. - 4 Koh 5,1. - 5 Cyprian von Karthago, ├ťber das Gebet des Herrn, 4. - 6 J.Escriv├í, Christus begegnen, 119. - 7 Katechismus der Katholischen Kirche, 2766. - 8 ebd. - 9 ebd., 2765. - 10 Tertullian, ├ťber das Gebet, 1. - 11 R.Schneider, Das Kreuz in der Zeit, Freiburg 1947, S.12. - 12 1 Thess 5,17. - 13 Gen 5,21. - 14 R. Guardini, Vorschule des Betens, Mainz 1986, S.99. - 15 Lk 1,46-55. - 16 Lk 1,68-79. - 17 Lk 2,29-32. - 18 R. Guardini, a.a.O., S.102. - 19 Lk 18,1. - 20 Katechismus der Katholischen Kirche, 2704. - 21 ebd., 2710. - 22 J.Escriv├í, Christus begegnen, 119.



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