Meditationen fŘr jeden Tag, Francisco Fernßndez Carvajal

Francisco F. Carvajal's Webseite


Mittwoch, den 26. Juli 2017 


Meditationen fŘr jeden Tag
Drucken - Massenmesswerte

JAHRESKREIS
16. WOCHE - DIENSTAG

32

Die neue Familie Jesu

Die Bande der Nachfolge.
Die Eltern und die Hingabe der Kinder.
Mutter Christi und Mutter der Menschen.

I. Von neuem zeigt uns das heutige Evangelium1 den Herrn, den viele Menschen umdr├Ąngen. Er h├Ąlt sich in einem Haus in Kafarnaum auf, die Menschen stehen bis weit zur T├╝r hinaus. Da kommen seine Angeh├Ârigen, doch nicht einmal seiner Mutter gelingt es, hineinzugelangen. Jemand informiert Jesus: Deine Mutter und deine Br├╝der stehen drau├čen und wollen mit dir sprechen. Doch der Herr reagiert sonderbar: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Br├╝der? Und er beantwortet selbst seine Frage: Er streckte die Hand ├╝ber seine J├╝nger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Br├╝der. Nicht nur die Unverst├Ąndigen, auch die J├╝nger m├╝ssen gestaunt haben. Und Jesus f├╝gt hinzu: Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erf├╝llt, der ist f├╝r mich Bruder und Schwester und Mutter.

Jesus ignoriert die famili├Ąren Bindungen, ├Ąhnlich wie damals, als eine Frau aus der Menge ihm zurief: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich gen├Ąhrt hat.2 Diese Frau r├╝hmt die leibliche Mutter Jesu. Der Herr antwortet rasch, abweisend nach dem Klang der Worte und doch best├Ątigend: Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes h├Âren und es befolgen. ┬╗Er will die Aufmerksamkeit von der als leibliche Bindung verstandenen Mutterschaft ablenken, um auf jene geheimnisvollen geistigen Bande hinzuweisen, die sich im H├Âren und Befolgen des Wortes Gottes bilden.┬ź3 Jesus steht jetzt in der ├Âffentlichen Verk├╝ndigung des Reiches Gottes. Sein Wort ├╝ber die Mutter verdeutlicht jenes Wort aus der Zeit des verborgenen Lebens, da der Zw├Âlfj├Ąhrige zu Maria und Josef, als sie ihn schlie├člich im Tempel von Jerusalem gefunden hatten, sagte: Warum habt ihr mich gesucht? Wu├čtet ihr nicht, da├č ich in dem sein mu├č, was meinem Vater geh├Ârt?4

┬╗>Reich Gottes< und >Dinge des Vaters< sind eine neue Dimension und eine neue Sinngebung f├╝r all das, was das menschliche Leben ausmacht. In dieser neuen Dimension bedeutet auch eine Bindung wie jene der >Br├╝derlichkeit< etwas anderes als das >Brudersein nach dem Fleische<, das durch die gemeinsame Abstammung von denselben Eltern bestimmt wird. Und sogar die >Mutterschaft< erh├Ąlt in der Dimension des Reiches Gottes, im Licht der Vaterschaft Gottes selbst, einen anderen Sinn.┬ź5 Der heilige Augustinus deutet dies an: ┬╗Seliger ist Maria dadurch, da├č sie den Glauben an Christus vollzog, als da├č sie das Fleisch Christi empfing. Die m├╝tterliche N├Ąhe h├Ątte ihr nichts gen├╝tzt, wenn sie nicht gl├╝cklicher Christus im Herzen als im Leibe getragen h├Ątte.┬ź6

Der Herr will uns lehren, da├č der Ruf zur Nachfolge ├╝ber jeder menschlichen Bindung und jeder menschlichen Autorit├Ąt stehen mu├č, einschlie├člich der famili├Ąren Bande. Wer sich Jesus - der Berufung folgend - ganz hingibt, kommt in eine N├Ąhe zu ihm, die tiefer ist als jede naturgegebene Bindung. Die Bande des Blutes sind sehr eng, aber noch fester sind die Bande der Nachfolge. Keine menschliche Beziehung ist der Verbundenheit mit Jesus und mit jenen, die ihm folgen, vergleichbar. In der Klarheit seines von der S├╝nde ungetr├╝bten Menschseins sieht Jesus, wie feinf├╝hlig seine Mutter dies verwirklicht und die Botschaft aufnimmt, in der er ┬╗das die Anspr├╝che von Fleisch und Blut ├╝bersteigende Reich predigte┬ź7.

II. Wie unverge├člich ist die Gestalt der eigenen Mutter, ├╝ber die Jahre und den Tod hinaus! Wie wandelt sich die Liebe zu ihr im Verlauf der Zeit! Am Anfang ist sie instinktive Bed├╝rftigkeit, sp├Ąter einsichtige Dankbarkeit f├╝r ungez├Ąhlte Wohltaten, schlie├člich Verehrung, in der sich die Rolle umkehrt, da nicht mehr der Sohn oder die Tochter die Mutter brauchen, sondern die altgewordene Mutter sie.

Jesus - der vollkommene Mensch - mu├č in jedem Moment seines Lebens un├╝berbietbar und tief seine Mutter geliebt haben. Er konnte wie kein anderer die W├╝rde und den Wert der nat├╝rlichen Kindschaft erfassen. Als ┬╗exemplarischer Mensch= hat er die Liebe zur Mutter im H├Âchstma├č verwirklicht. Nur den letzten Dienst auf Erden - die Sorge um die bed├╝rftige Mutter - konnte er nicht selbst leisten. Deshalb sprach er vom Kreuz herab zur Mutter: Siehe, dein Sohn, und zu Johannes: Siehe, deine Mtter. ┬╗Die V├Ąterzeit hat dieses Geschehen in einem typischen Sinne weiterhin so gedeutet, da├č Maria als Mutter Jesu hier das Heil von ihrem Sohne bei der Vollendung der Erl├Âsung gleichsam nochmals annimmt und empf├Ąngt, und zwar in Ausweitung ihrer ersten Annahme bei der Verk├╝ndigung.┬ź8

Vor diesem Hintergrund ahnen wir die Tiefe der Frage Jesu im heutigen Evangelium: Wer ist meine Mutter...? ┬╗Entfernt er sich damit von derjenigen, die seine Mutter, seine leibliche Mutter ist? Will er sie etwa im Schatten der Verborgenheit lassen, die sie selber gew├Ąhlt hat? Wenn es auch nach dem Klang der Worte so scheinen k├Ânnte, so mu├č man doch feststellen, da├č die neue und andere Mutterschaft, von der Jesus zu den J├╝ngern spricht, in einer ganz besonderen Weise gerade auf Maria zutrifft. Ist nicht gerade Maria die erste unter denen, >die das Wort Gottes h├Âren und danach handeln<? Und bezieht sich nicht vor allem auf sie jene Seligpreisung, die von Jesus als Antwort auf die Worte der >Frau aus der Menge< ausgesprochen wird?┬ź9

Menschliches und ├ťbernat├╝rliches verschmelzen in der Liebe des Sohnes zur Mutter und der Mutter zum Sohn. Wir lernen daraus, da├č das nat├╝rliche Band zwischen Eltern und Kindern durch die ├╝bernat├╝rliche, gottgewollte Berufung nicht zerrissen wird. Gott schenkt dem Herzen Weite und Sensibilit├Ąt und zugleich eine befreiende Klarheit, damit nat├╝rliche Bindungen nicht zu einem Hindernis werden, wenn Gott jemanden auf den Weg der Ganzhingabe ruft, der das Verlassen des Elternhauses erfordert. Die heilige Theresia erinnert sich im Buch ihres Lebens an den Augenblick, da sie als Einundzwanzigj├Ąhrige das v├Ąterliche Haus verlie├č, um in das Kloster der Menschwerdung einzutreten: Es war ihr so zumute, da├č sie meinte, ┬╗der Tod k├Ânnte nicht furchtbarer f├╝r mich sein; denn es kam mir vor, als w├╝rden mir alle Gebeine aus den Gelenken gerissen┬ź Sie sp├╝rt den Ansturm der nat├╝rlichen Liebe zum Vater und zu den Verwandten und beklagt, all ihre guten Erw├Ągungen h├Ątten nicht geholfen: ┬╗Aber der Herr schenkte mir Mut, um gegen all das anzugehen, so da├č ich es tat.┬ź10

Es kann sein, da├č Eltern eine wohlbedachte Entscheidung des Sohnes oder der Tochter, einen Weg der Ganzhingabe zu gehen, nicht gleich verstehen; wenn sie gl├Ąubig sind und in ihrer Familie Gott Raum lassen, werden sie sich an Maria - voll der Gnade - und an Josef - den Gerechten - erinnern; auch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte11. Anders ist es, wenn das Nichtverstehen aus einem Mangel an Gesp├╝r f├╝r die Wege der Gnade und f├╝r den Wert der Hingabe herr├╝hrt.

III. Er streckte seine Hand ├╝ber seine J├╝nger aus... Es ist eine kl├Ąrende und zugleich sch├╝tzende Geste, die vor einer Verabsolutierung der nat├╝rlichen Bindungen bewahren soll und die neue, ├╝bernat├╝rliche Familie seines J├╝ngerkreises, der jenseits nat├╝rlicher Bindungen entsteht, umf├Ąngt. Die Geste Jesu schlie├čt auch seine Mutter ein, denn sie war die erste in dieser J├╝ngerschaft. ┬╗Ja, die heilige Maria handelte nach dem Willen des Vaters, sie tat es in vollem Umfang. Darum ist es von gr├Â├čerer Bedeutung, da├č sie J├╝ngerin Christi, als da├č sie seine Mutter war. Mehr und seliger war es, J├╝ngerin Christi zu sein als seine Mutter.┬ź12

Vielleicht h├Ârte Maria selbst die Worte ihres Sohnes, vielleicht wurden sie ihr mit einer Geste des Bedauerns ├╝berbracht. Der Evangelist sagt uns nichts ├╝ber ihre Reaktion. Seit Beginn des ├Âffentlichen Lebens Jesu wird sie beobachtet haben, wie sich die neue Familie Jesu allm├Ąhlich bildete, ja sie l├Âste diesen Anfang aus, als sie den Augenblick herbeif├╝hrte, da Jesu J├╝nger in Kana an ihn glaubten13.

Glaubend hatte sie dem Ruf Gottes entsprochen, die Mutter seines Sohnes zu werden; in demselben Glauben hat sie ┬╗die andere Dimension der Mutterschaft entdeckt und angenommen, die von Jesus w├Ąhrend seiner messianischen Sendung offenbart worden ist. Man kann sagen, da├č diese Dimension der Mutterschaft schon von Anfang an, da├č hei├čt vom Augenblick der Empf├Ąngnis und Geburt ihres Sohnes an, Maria zu eigen war. Von da an war sie diejenige, >die geglaubt hat<. Als sich aber allm├Ąhlich vor ihren Augen und in ihrem Geiste die messianische Sendung des Sohnes kl├Ąrte, ├Âffnet sie selbst sich als Mutter immer mehr jener Neuheit der Mutterschaft, welche ihren >Anteil< an der Seite des Sohnes darstellen sollte.┬ź14

Das ┬╗Kreuzestestament┬ź Christi - Frau, siehe, dein Sohn!15 - besiegelt dies und ist mehr als eine blo├če F├╝rsorge des Sohnes um die Mutter. Jetzt wird die bereits fr├╝her angedeutete Mutterschaft Marias gegen├╝ber den Menschen ┬╗= Christi - Frau, siehe, dein Sohn!15 - besiegelt dies und ist mehr als eine blo├če F├╝rsorge des Sohnes um die Mutter. Jetzt wird die bereits fr├╝her angedeutete Mutterschaft Marias gegen├╝ber den Menschen klar gefa├čt und festgelegt: Sie geht aus der endg├╝ltigen Vollendung des ├Âsterlichen Geheimnisses des Erl├Âsers hervor. Die Mutter Christi, die in der unmittelbaren Reichweite dieses Geheimnisses steht, das den Menschen - jeden einzelnen und alle - umfa├čt, wird diesem - jedem einzelnen und allen - als Mutter gegeben. Dieser Mensch zu F├╝├čen des Kreuzes ist Johannes, >der J├╝nger, den er liebte<. Aber nicht er allein.┬ź16 In Johannes waren wir alle zugegen: ┬╗Die Worte, die Jesus vom Kreuz herab spricht, bedeuten, da├č die Mutterschaft derer, die ihn geboren hat, sich in der Kirche und durch die Kirche >neu< fortsetzt, die durch Johannes symbolisiert und dargestellt wird.┬ź17

Die Mutterschaft Mariens ┬╗ist ein Geschenk, das Christus pers├Ânlich jedem Menschen macht. Wie der Erl├Âser Maria dem Johannes anvertraut, so vertraut er gleichzeitig den Johannes Maria an. Zu F├╝├čen des Kreuzes hat jene besondere vertrauensvolle Hingabe des Menschen an die Mutter Christi ihren Anfang, die dann in der Geschichte der Kirche auf verschiedene Weise vollzogen und zum Ausdruck gebracht worden ist.┬ź18

1 Mt 12,46-50. - 2 Lk 11,27-28. - 3 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 20. - 4 Lk 2,49. - 5 Johannes Paul II., a.a.O. - 6 Augustinus, ├ťber die Jungfr├Ąulichkeit, 3. - 7 II. Vat. Konz., Konst. Lumen gentium, 58. - 8 L. Scheffczyk, Maria im Glauben der Kirche, Wien 1980, S. 57. - 9 Johannes Paul II., a.a.O. - 10 Theresia von Avila, Leben, 4,1. - 11 Lk 2,50. - 12 Augustinus, Predigt, 25,7. - 13 Joh 2,12. - 14 Johannes Paul II., a.a.O. - 15 Joh 19,26. - 16 Johannes Paul II., a.a.O., 23. - 17 ebd., 24. - 18 ebd., 45.



Webmaster mail; Languages: Deutsch English Español Français Italiano Latviešu Nederlands Polski Português Slovenčina Русский