Meditationen fŘr jeden Tag, Francisco Fernßndez Carvajal

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Mittwoch, den 24. Mai 2017 


Meditationen fŘr jeden Tag
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OSTERZEIT
6. WOCHE - DIENSTAG

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DER MARIENMONAT MAI

Das Marienlob einer unbekannten Frau.
Reichtum der Volksfr├Âmmigkeit.
Wallfahrten.

I. W├Ąhrend Jesus vom Reich Gottes spricht und seine J├╝nger lehrt, wie sie beten sollen, tadeln ihn seine Kritiker: Einerseits wollen sie Zeichen sehen, andererseits relativieren sie alle Machterweise, die er wirkt. Aus der Menschenmenge ert├Ânt pl├Âtzlich die Stimme einer Frau. Keine Frage, kein Einwand, keine Bitte. Nur ein freudiger Ruf: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich gen├Ąhrt hat.1 ┬╗Und Jesus erwidert: >Ja, selig sind die, die das Wort Gottes h├Âren und es befolgen.< Ist das nicht, als sei er mit einmal fort aus dem l├Ąrmenden Gedr├Ąnge? Als gehe es wie ein tiefer Glockenton durch seine Seele, und er sei in Nazaret und f├╝hle seine Mutter?┬ź2 Denn Jesu Antwort greift den Lobpreis auf seine Mutter und auf den Anfang ihrer Berufung, das Mir geschehe bei der Verk├╝ndigung des Engels auf. Der heilige Augustinus erkl├Ąrt es in einer Predigt so: ┬╗Von daher also ist auch Maria selig, weil sie das Wort Gottes h├Ârte und bei sich bewahrte: Und mehr bewahrte sie die Wahrheit im Geiste als das Fleisch im Scho├če. Die Wahrheit ist Christus, das Fleisch ist Christus: die Wahrheit Christus im Geiste Mariens, das Fleisch Christus im Scho├če Mariens; mehr ist, was im Geiste lebt, als was im Scho├če getragen wird.┬ź3

Damit erhalten wir f├╝r den Marienmonat Ziel und Richtung f├╝r unsere Marienverehrung. Die rasche Antwort des Herrn kommt unerwartet, aber ihr Inhalt ist nicht ├╝berraschend. Denn ┬╗eine Empf├Ąngnis im Leibe ohne die im Geist w├Ąre nicht nur sinnlos, sondern furchtbar gewesen, und es kann nicht sein, da├č die Erl├Âsung der Menschheit die Erstbeteiligte zerst├Âre. Mutter dieses mit keinem anderen vergleichbaren Sohnes konnte sie nur werden, wenn sie es auch im personalen Sinne wurde┬ź4. So klingt es aus den Worten Elisabets: Selig ist die, die geglaubt hat, da├č sich erf├╝llt, was der Herr ihr sagen lie├č.5 Marias Antwort auf die Worte Elisabets nimmt gewisserma├čen den Ruf der unbekannten Frau vorweg: von nun an preisen mich selig alle Geschlechter6. ┬╗Schon seit ├Ąltester Zeit wird die selige Jungfrau unter dem Titel der >Gottesgeb├Ąrerin< verehrt, unter deren Schutz die Gl├Ąubigen in allen Gefahren und N├Âten bittend Zuflucht nehmen.┬ź7

Dichter und Beter, K├Ânige und Bettler, M├Ąnner und Frauen, Erwachsene und Kinder werden in das Lob jener unbekannten Frau einstimmen, und das bis zum Ende der Welt: ┬╗In der Person Mariens und ihrer Erscheinung haben Maler, Bildhauer und Schreiber den Widerschein von Gnade und S├╝ndelosigkeit nachzuformen gesucht. Denn es gibt Unschuld, wie es Schuld gibt. Und es existiert das Verlangen, der Unschuld zu huldigen. Vielleicht versteht sie der am besten, der sich selbst in der Verstrickung seiner Schw├Ąche begriffen hat und der mit seinen Fehlern im Streit liegt. Unschuld, das hei├čt doch wohl: im Kern seiner Person nicht kompromittiert oder durch etwas unversehrt hindurchgegangen sein; etwas behalten haben, was selbst kein Schrecken und kein Altern zerst├Âren konnten - etwas Strahlendes, Unantastbares, Heiliges. Dies ist den Kindern benachbart: ihrer Urspr├╝nglichkeit, ihrer Freiheit zur Freude, ihrer Unf├Ąhigkeit, sich lange zu gr├Ąmen. Diese Bilder Mariens also, was f├╝r Ausrufezeichen der Freude, was f├╝r Urkunden der Z├Ąrtlichkeit Gottes mit dem Menschen, was f├╝r Testamente der Unschuld!┬ź8

II. Die Volksfr├Âmmigkeit hat es zu jeder Zeit verstanden, den Glaubensweg Mariens als sicheren Pfad zu Gott zu veranschaulichen: in Bildern, Gebeten, Liedern, Andachten, Wallfahrten. Im 18. Jahrhundert entstand die Gewohnheit, den Monat Mai als Marienmonat zu begehen. Kardinal Newman fragt nach dem Grund: ┬╗Warum ist der Mai in ganz besonderer Weise der Verehrung der allerseligsten Jungfrau gewidmet? Weil nach langem Schnee und Eis, nach Frost und K├Ąlte des Winters, nach den Fr├╝hlingsst├╝rmen und Regenschauern die Erde im Monat Mai sich mit neuem Gr├╝n und frischem Bl├Ątterschmuck bekr├Ąnzt. Weil ├╝berall in Feld und Garten, auf B├Ąumen und an Fenstern die Blumen erstehen, die Tage l├Ąnger werden und den Sonnenschein uns immer weiter ├Âffnen. Dieser stumme Jubel der Natur ist der nat├╝rlichste Ausdruck unserer Verehrung gegen jene, die da genannt wird: >Rosa mystica<, >Domus aurea< - Mystische Rose, Goldenes Haus. Und sollte der Mai auch einmal d├╝ster und herbe sein, so bleibt er dennoch der Monat der Hoffnungen und der Verhei├čungen (...). Und die Verhei├čung ist, wie nun einmal das Leben sich gestaltet, immer mehr als die Erf├╝llung und unser Erwarten immer beseligender denn das Erreichen. Als die F├╝lle der Erwartung m├╝ssen wir aber gerade die allerseligste Jungfrau Maria betrachten; darum ist der Monat Mai ihr geweiht.┬ź9

Das Zweite Vatikanische Konzil ermuntert die Christen, ┬╗die Gebr├Ąuche und ├ťbungen der Andacht zu ihr (der Mutter Gottes), die im Laufe der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzusch├Ątzen┬ź10. Der Monat Mai bietet Anla├č dazu. ┬╗Alle Christgl├Ąubigen m├Âgen inst├Ąndig zur Mutter Gottes und Mutter der Menschen flehen, da├č sie, die den Anf├Ąngen der Kirche mit ihren Gebeten zur Seite stand, auch jetzt, im Himmel ├╝ber alle Seligen und Engel erh├Âht, in Gemeinschaft mit allen Heiligen bei ihrem Sohn F├╝rbitte einlege.┬ź11

Fragen wir uns in unserem Gebet, was uns die Mutter Gottes, ganz besonders in diesem Monat, bedeutet, was wir uns, sie zu verehren, vorgenommen haben, wie wir es zu verwirklichen suchen. ┬╗Spontan und wie selbstverst├Ąndlich f├╝hlen wir uns zur Mutter Gottes hingezogen, die auch unsere Mutter ist. Wir m├Âchten ihr wie einem lebendigem Menschen begegnen: denn ├╝ber sie hat der Tod nicht triumphiert, sie ist vielmehr mit Leib und Seele bei Gott dem Vater, bei seinem Sohn und beim Heiligen Geist.(...) Wie begegnen denn normalerweise Kinder ihrer Mutter? Sehr verschieden, aber immer mit Feingef├╝hl und Vertrauen; mit einem Feingef├╝hl, da├č sich spontan, je nach der Situation immer anders ├Ąu├čert, niemals aber an ├äu├čerlichkeiten haften bleibt: herzliche Erweise der Zusammengeh├Ârigkeit, allt├Ągliche Kleinigkeiten, zu denen sich ein Kind seiner Mutter gegen├╝ber gedr├Ąngt f├╝hlt, und die eine Mutter vermi├čt, wenn es das eine oder andere Mal nicht daran denkt: ein Ku├č, eine Z├Ąrtlichkeit beim Fortgehen oder Heimkommen, ein kleines Geschenk, ein paar liebevolle Worte.

Auch in unserem Verhalten zur Mutter im Himmel gibt es diese Weisen kindlicher Zuneigung, in denen wir ihr gew├Âhnlich begegnen. Viele Christen leben den alten Brauch, ein Skapulier zu tragen; manche haben es sich zur Gewohnheit gemacht, die Muttergottesbilder, die man in jedem christlichen Haus oder in den Stra├čen so vieler St├Ądte antrifft, zu gr├╝├čen - Worte sind dazu nicht notwendig, es gen├╝gt ein kurzer Gedanke; andere beten den Rosenkranz, dieses sch├Âne Gebet, bei dem man nicht m├╝de wird, dieselben Dinge wie Verliebte immer aufs neue zu wiederholen und dabei die wichtigsten Augenblicke im Leben des Herrn zu betrachten; oder andere widmen einen bestimmten Tag der Woche Maria - (... ) den Samstag -, um sich ihr erkenntlich zu zeigen und ganz besonders dar├╝ber nachzudenken, da├č sie die Mutter Gottes und unsere Mutter ist.┬ź12

III. Maria machte sich auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Jud├Ąa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begr├╝├čte Elisabet.13 Maria reagiert auf die Botschaft des Engels menschlich-spontan. Sie freut sich und will ihre Freude nicht f├╝r sich behalten. Drei oder vier Tage mag sie von Nazaret bis zu jenem Flecken in der N├Ąhe Jerusalems unterwegs gewesen sein. Die Landschaft: Berge und T├Ąler, Olivenhaine und Weinberge, interessiert den Evangelisten nicht, er wird sicherlich einmal von Maria selbst den Reisebericht geh├Ârt haben; er widmet sich ganz dem inneren Panorama und hebt deshalb hervor: sie eilte. Immer wieder mag ihr Herz, m├Âgen ihre Gedanken unterwegs zu den Worten des Engels zur├╝ckgekehrt sein.

Es ist sozusagen die erste christliche Wallfahrt der Geschichte, eine Wallfahrt zu zweit. Noch ist der Mariengru├č, wie er sich durch die Geschichte christlicher Fr├Âmmigkeit zieht, unvollendet. Der Engel hat den ersten Teil gesprochen, Elisabet f├╝gt ihm ein weiteres Glied an: Gesegnet bist du vor allen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.14 Das Kernst├╝ck des Rosenkranzgebetes entsteht.

Im Wallfahren verbindet sich das spontane Empfinden mit der theologischen Sicht des Lebens als ein Unterwegssein. Es gibt die Wallfahrten zu den gro├čen St├Ątten des Heiles, nach Jerusalem und ins heilige Land, an die Grabst├Ątten der Apostel, nach Rom oder Santiago de Compostela, zu durch Marienerscheinungen geheiligten Orten wie Lourdes und Fatima, schlie├člich zu ┬╗Gnadenbildern┬ź wo Menschen Gottes Gnade in besonderer Weise erfahren haben. Papst Johannes Paul II. sagt dazu: ┬╗Man k├Ânnte von einer eigenen >Geographie< des Glaubens und der marianischen Fr├Âmmigkeit sprechen, die alle diese Orte einer besonderen Pilgerschaft des Gottesvolkes umfa├čt, das die Begegnung mit der Muttergottes sucht, um im Bereich der m├╝tterlichen Gegenwart >derjenigen, die geglaubt hat<, den eigenen Glauben best├Ąrkt zu finden.┬ź15

Doch auch das betende Verweilen in einer Marienkapelle, auf die man bei einem Waldspaziergang unverhofft gesto├čen ist, hat etwas von diesem Geist des Wallfahrens.

Immer wieder unternehmen Menschen Wallfahrten im Geist der S├╝hne und Bu├če; sie verzichten dabei auf Annehmlichkeiten wie Fahren, Essen oder Trinken. Und wie nat├╝rlich-apostolisch kann das Wallfahren sein, wenn wir jemanden dazu einladen, der auf diese Weise entdeckt, wie selbstverst├Ąndlich Beten und ein Sich-Aussprechen unter Freunden sein kann.

Papst Johannes Paul II. ermuntert uns, den Reichtum volkst├╝mlicher Marienfr├Âmmigkeit fruchtbar werden zu lassen - f├╝r den einzelnen wie f├╝r ganze V├Âlker: ┬╗Das Erbe marianischen Glaubens so vieler Generationen darf nicht zu einer blo├čen Erinnerung an etwas Vergangenes, sondern mu├č zu einem Ausgangspunkt auf Gott hin werden. Die dargebrachten Gebete und Opfer, der lebendige Pulsschlag eines Volkes, das vor Maria seine weltlichen Freuden, Betr├╝bnisse und Hoffnungen ausspricht, sind neue Bausteine f├╝r die heilige Dimension des Marienglaubens. Denn in dieser religi├Âsen Kontinuit├Ąt bringt die Tugend neue Tugend hervor. Die Gnade zieht Gnade an. Und die jahrhundertealte Anwesenheit Mariens verwurzelt sich im Laufe der Jahrhunderte immer tiefer und inspiriert und ermutigt die nachfolgenden Generationen. So festigt sich der schwierige Aufstieg eines Volkes nach oben.┬ź16

1 Lk 11,27. - 2 R.Guardini, Der Herr, Würzburg 1951, S.8. - 3 Augustinus, Predigt. - 4 R.Guardini, Die Mutter des Herrn, Würzburg 1955, S.27. - 5 Lk 1,45. - 6 Lk 1,48. - 7 II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 66. - 8 E.Kock, Du Grund unserer Freude, Limburg 1979, S.6. - 9 John Henry Newman, Maimonat, Mainz 1921. - 10 II.Vat.Konz., Konst. Lumen gentium, 67. - 11 ebd. 69. - 12 J.Escrivá, Christus begegnen, 142. - 13 Lk 1,39-40. - 14 Lk 1,42. - 15 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 25.3.1987, 28. - 16 Johannes Paul II., Predigt in Saragossa, 6.11.1982.



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