Meditationen fŘr jeden Tag, Francisco Fernßndez Carvajal

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Mittwoch, den 26. Juli 2017 


Meditationen fŘr jeden Tag
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JAHRESKREIS
16. WOCHE - MITTWOCH

33

das gute erdreich

Natur und ├ťbernatur.
Die nat├╝rlichen Tugenden.
Das gute Erdreich.

I. In den Worten des Herrn finden wir nicht jene exakten Definitionen, wie sie im intellektuellen Diskurs ├╝blich sind. Jesus spricht vom Reich Gottes in Gleichnissen, die - wie poetische Bilder - den Geist anregen und f├╝r vielfache Deutungen offen sind. Ihr Kern ist eindeutig, das Drumherum indes bietet nach der je pers├Ânlichen Eigenart oder der augenblicklichen Situation des Zuh├Ârers verschiedene Zug├Ąnge.

Das Gleichnis im heutigen Evangelium1 l├Ą├čt sich vom S├Ąmann her verstehen - und verweist dann auf Gott; oder vom Saatkorn her, dessen Wachsen von der Bodenqualit├Ąt abh├Ąngig ist - und verweist dann auf uns. Denn die Bodenbeschaffenheit ist ┬╗ein Bild f├╝r die Harth├Ârigkeit oder Bereitschaft der H├Ârer, das Wort aufzunehmen. Das Gleichnis macht deutlich: Von dieser Bereitschaft h├Ąngt alles ab. Ist sie nicht vorhanden, dann war alles nutzlos; ist sie dagegen da, so kann die Botschaft reiche Frucht bringen - was sie eigentlich soll.┬ź2

Jesus hat oft solche Gleichnisse ├╝ber Saat und Ernte gebraucht. Das heutige verdeutlicht, ┬╗da├č es einen sehr gro├čen Unterschied im weiteren >Ergehen< und >Geschick< gibt zwischen den K├Ârnern, die doch alle auf gleiche Weise und vor allem, indem sie einander bis aufs Haar gleichen, ausges├Ąt werden. Denn die einen gehen j├Ąmmerlich ein, die anderen dagegen bringen Frucht bis zum Hundertfachen. Diese besondere Erfahrung im Umgang mit Korn wird hier zum Appell, die Botschaft bereitwillig zu h├Âren. In diesem Sinn gilt der Schlu├č: Wer Ohren hat zu h├Âren, der h├Âre!┬ź3

Der Samen der Gnade und des Wortes f├Ąllt auf unterschiedliches Erdreich: unter die Dornen, auf einen festgetretenen Weg, auf steinigen Boden oder auf gute Erde. In einer der m├Âglichen Deutungen kann man im Erdreich den Menschen und seine pers├Ânlichen Voraussetzungen sehen. Auf dieses Erdreich f├Ąllt als gro├čes Geschenk der Same der Gnade, des ├╝bernat├╝rlichen Lebens. Das Erdreich w├Ąre also die Gesamtheit von nat├╝rlichen Tugenden und Gaben, der Humus f├╝r die ├╝bernat├╝rlichen Tugenden.

Gelegentlich begegnet man Vorstellungen vom ├╝bernat├╝rlichen Leben, als w├╝rde es der nat├╝rlichen menschlichen Verfa├čtheit ├╝bergest├╝lpt. Es ist aber ganz anders: die Gnade setzt die Natur voraus und durchdringt sie: ┬╗Gott ist nicht der Zerst├Ârer eines Guten, sondern er ist ein Vollender. Gott ist nicht ein Vernichter der Natur, sondern er ist ihr Sch├Âpfer. Auch zerst├Ârt nicht etwa die Gnade die Natur; sie vervollkommnet sie vielmehr.┬ź4 Weil Gott ein Vollender aller Dinge ist, so schlie├čt der mittelalterliche Mystiker, ┬╗sollen auch wir nicht einmal ein geringf├╝giges Gutes in uns zerst├Âren; auch nicht eine geringe Weise um einer gro├čen willen, sondern wir sollen sie zum h├Âchsten Grad hin vollenden.┬ź5

II. Mit dem Wort Tugend verbindet der gegenw├Ąrtige Sprachgebrauch gern voluntaristische Angestrengtheit. Gemeint aber ist ┬╗das Richtigsein des Menschen┬ź6. ┬╗So war f├╝r die Griechen Tugend, aret├ę, die Wesensart des edel gearteten und wohlgebildeten Menschen; f├╝r die R├Âmer bedeutete virtus die Festigkeit, mit welcher der vornehme Mann in Staat und Leben stand; das Mittelalter verstand unter tugent die Art des ritterlichen Menschen. Allm├Ąhlich wurde diese Tugend aber brav und n├╝tzlich, bis sie den sonderbaren Klang bekam, bei dem sich im nat├╝rlich gewachsenen Menschen innerlich etwas zusammenzieht.┬ź7

Was also ist mit Tugend gemeint? Sie ┬╗sind feste Haltungen, verl├Ą├čliche Neigungen, best├Ąndige Vollkommenheiten des Verstandes und des Willens, die unser Tun regeln, unsere Leidenschaften ordnen und unser Verhalten der Vernunft und dem Glauben entsprechend lenken. Sie verleihen dem Menschen Leichtigkeit, Sicherheit und Freude zur F├╝hrung eines sittlich guten Lebens.┬ź8 Gott h├Ątte dem Menschen das ├ťbernat├╝rliche unmittelbar einpflanzen k├Ânnen; jedoch w├Ąre das ┬╗sinnwidrig┬ź w├╝rde er doch so von den Gaben absehen, mit denen er die menschliche Natur ausgestattet hat.

Das reine Gottesgeschenk der ├╝bernat├╝rlichen Tugenden setzt als Fundament die durch ├ťbung gefestigten nat├╝rlichen Anlagen voraus. Wie kann jemand in den Dingen des Glaubens tapfer sein, wenn er st├Ąndig nur um sein Wohlbefinden kreist und wegen jeder Kleinigkeit - Hitze oder K├Ąlte, Kopfweh oder Arbeitspensum - st├Âhnt?

Es geht zuerst darum, uns im Menschlichen zu vervollkommnen und Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Treue, Geduld, Dankbarkeit, Mut, Arbeitsamkeit zu pflegen.9 Dabei ist unser Leitbild Christus: ┬╗Durch die Menschwerdung hat Gott dem menschlichen Leben jene Dimension gegeben, die er ihm von Anfang an zugedacht hat.┬ź10

Alle Tugenden eines guten Menschen sind in Christus vollkommen verwirklicht. Weil Christus vollkommener Gott und vollkommener Mensch ist, geht es dem Christen nicht um ein abstraktes Ideal der Tugend, sondern um leibhaftige Nachfolge. Denn er, der Erl├Âser, macht ┬╗dem Menschen den Menschen selbst voll kund. Dieses ist - wenn man sich so ausdr├╝cken darf - die menschliche Dimension im Geheimnis der Erl├Âsung. In dieser Dimension findet der Mensch die Gr├Â├če, die W├╝rde und den Wert, die mit seinem Menschsein gegeben sind.┬ź11

Christus erzieht die Seinen in einem tiefgegr├╝ndeten Glauben, in fester Hoffnung, in starker Liebe; er weckt in ihnen das Bewu├čtsein der Gotteskindschaft. Aber wer im Evangelium zwischen den Zeilen liest, merkt, wie der Herr seine J├╝nger ebenso in den nat├╝rlichen Tugenden unterweist: in der Ausgewogenheit des Urteils, der Aufrichtigkeit, in gegenseitiger R├╝cksichtnahme. Und wie wichtig ist f├╝r Jesus die Pflege des Nat├╝rlich-Menschlichen, wenn er auf die Undankbarkeit der geheilten Auss├Ątzigen betroffen reagiert11 oder Unaufmerksamkeit ihm gegen├╝ber12 beklagt.

Wenn wir darauf achten, im Menschlichen aufrichtig, loyal, arbeitsam, verst├Ąndnisvoll, ausgeglichen zu sein, sind wir auf dem Weg der Nachahmung Jesu Christi. Die Gnade und das Wort sollen auf das gute Erdreich einer gereiften Pers├Ânlichkeit fallen k├Ânnen.

III. Die Welt ist der Ort unserer Heiligung, unserer Berufung, unseres Zeugnisses. Dort sind wir die Stadt auf dem Berg und das Licht auf dem Leuchter, das vor den Menschen leuchten soll.13 Aber was nehmen die Menschen als erstes an uns wahr? Ob wir integer, loyal, couragiert, verl├Ą├člich, gerecht, wahrhaftig sind. Das zieht an. Deshalb sind die guten Eigenschaften, die nat├╝rlichen Tugenden eines Menschen zugleich eine M├Âglichkeit, da├č die Gnade Gottes in anderen wirkt: Kompetenz im Beruf, Freundlichkeit, Einfachheit... k├Ânnen andere hellsichtig, neugierig und geneigt machen f├╝r die Botschaft Christi. Wenn die Menschen um uns die nat├╝rlichen Tugenden an uns vermissen, werden wir sie kaum f├╝r die ├╝bernat├╝rlichen Tugenden, die wir ihnen vermitteln m├Âchten, begeistern k├Ânnen. Wie kann man das Antlitz Christi widerspiegeln, wenn das eigene Antlitz entstellt ist vom tr├╝ben Blick der Sinnlichkeit? Wie kann man einen Freund zu einem konsequenteren Glaubensleben bewegen, wenn er merkt, da├č jener, der ihn anspricht, lustlos arbeitet oder routiniert betet?

Ohne auf Christus ausgerichtet zu sein, w├╝rden die nat├╝rlichen Tugenden Gefahr laufen, sich zu verselbst├Ąndigen und so das rechte Ma├č zu verlieren. Dann w├╝rden sie zum Selbstzweck und unfrei machen: ┬╗Es gibt recht viele Christen, welche sich ganz bestimmte, kurzsichtige Anschauungen ├╝ber ihr tugendhaftes Leben gebildet haben und ihre Methode f├╝r ein Muster von christlicher Vollkommenheit halten. ├ťberzeugt von der Richtigkeit ihres Verhaltens, eigensinnig ihre Ansicht festhaltend, auf Andersdenkende geringsch├Ątzig herabsehend, ├╝bertrieben ├Ąngstlich bei kleinlicher P├╝nktlichkeit, ├Ąu├čerst empfindlich bei jeder St├Ârung und haschend nach f├╝hlbarer Andacht, ist all ihr Sinnen und Trachten auf die Durchf├╝hrung ihrer Methode gerichtet. Dabei merken sie durch ihre Einseitigkeit nicht, da├č sie unz├Ąhlige Fehler auf all den Gebieten begehen, welche nicht innerhalb des von ihnen gepflegten Gesichtskreises liegen.┬ź14

Der heilige Franz von Sales schreibt: ┬╗Es gibt Tugenden, die beinah ├╝berall gebraucht werden und nicht nur f├╝r sich allein wirken, sondern s├Ąmtlichen anderen Tugenden ihre Eigenart geben. Nicht oft ergibt sich die Gelegenheit, Kraft, Gro├čherzigkeit, Gro├čz├╝gigkeit in die Tat umzusetzen, aber Milde, M├Ą├čigung, Redlichkeit und Dienstbereitschaft geh├Âren zu jenen Tugenden, die allen Handlungen unseres Lebens die rechte F├Ąrbung geben sollen. Es gibt sicher hervorragendere Tugenden als gerade diese, aber keine, die notwendiger w├Ąren. Zucker ist besser als Salz, aber Salz braucht man h├Ąufiger und allgemeiner. Darum mu├č man immer einen guten Vorrat von diesen allgemeing├╝ltigen Tugenden zur Hand haben.┬ź15

Wie k├Ânnen wir anderen Menschen zeigen, da├č Christus wirklich lebt? ┬╗Wir m├╝ssen so leben, da├č die Menschen, denen wir begegnen, sagen k├Ânnen: Der ist ein Christ, denn er ha├čt nicht, er wei├č zu verstehen, er ist nicht fanatisch, er hat sich in der Gewalt, er kann Opfer bringen, er sucht den Frieden, er liebt.┬ź16 Unsere Welt braucht das Zeugnis jener, die - weil sie an Christus Ma├č nehmen - ein feines Gesp├╝r f├╝r alles haben, was in der Sch├Âpfungsordnung grundgelegt ist. Dazu geh├Ârt auch die Achtung der Menschenrechte und ein gesch├Ąrftes Empfinden f├╝r die Natur u= 16 Unsere Welt braucht das Zeugnis jener, die - weil sie an Christus Ma├č nehmen - ein feines Gesp├╝r f├╝r alles haben, was in der Sch├Âpfungsordnung grundgelegt ist. Dazu geh├Ârt auch die Achtung der Menschenrechte und ein gesch├Ąrftes Empfinden f├╝r die Natur nd den pfleglichen Umgang mit ihr. Das gute Erdreich - das ist der einzelne mit seinen nat├╝rlichen Tugenden. Sie befruchten die Welt und wirken so mit, da├č die Gnade Gottes leichter von vielen Menschen angenommen wird.

1 Mt 13,1-9. - 2 K. Berger, Manna, Mehl und Sauerteig, Stuttgart 1993, S. 26. - 3 ebd., S. 27. - 4 Meister Eckhart, Die Gottesgeburt im Seelengrund, Freiburg 1990, S. 69. - 5 ebd. - 6 J. Pieper, Das Viergespann, M├╝nchen 1964, S. 9. - 7 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S. 11. - 8 Katechismus der Katholischen Kirche, 1804. - 9 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 1. - 10 ebd., 10. - 11 vgl. Lk 17,17-18. - 12 vgl. Lk 7,44-46. - 13 vgl. Mt 5,14-16. - 14 H. Jaegen, Der Kampf um das h├Âchste Gut, Trier 1908, S. 115. - 15 Franz von Sales, Feuer und Tau, Freiburg 1986, S. 33. - 16 J. Escriv├í, Christus begegnen, 122.



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