Meditationen fŘr jeden Tag, Francisco Fernßndez Carvajal

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Mittwoch, den 26. Juli 2017 


Meditationen fŘr jeden Tag
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JAHRESKREIS
16. WOCHE - DONNERSTAG

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brunnen und Zisternen

Lebenspendendes Wasser.
Die S├╝nde - die folgenschwerste T├Ąuschung im Leben.
Der Kampf gegen die S├╝nde.

I. Die Wanderung durch die W├╝ste zum Land der Verhei├čung hat die Geschichte des j├╝dischen Volkes gepr├Ągt und ist zum Symbol f├╝r das menschliche Leben geworden. Wir sind gewisserma├čen alle Nomaden, den Entbehrungen der W├╝ste ausgesetzt, dabei von Sehnsucht nach Ankommen und Erf├╝llung getrieben. F├╝r Nomaden sind die Oasen in der W├╝ste wertvoller als Edelsteine am Rande des Weges. Das Wasser, sonst im ├ťberflu├č vorhanden, wird hier zum ersehnten Schatz, f├╝r den es sich bei aller Ersch├Âpfung lohnt weiterzugehen.

Das Bild vom Wasser begegnet uns immer wieder in der Heiligen Schrift, und zwar in seiner doppelten Bedeutung: als Symbol des Lebens und als Symbol des Todes, lebenspendend und todbringend. Der Gerechte, der nicht auf dem Weg der S├╝nder geht (...), sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, (...) ist wie ein Baum, der an Wasserb├Ąchen gepflanzt ist, fruchtbar und reich an innerer Kraft, so da├č seine Bl├Ątter nicht welken1.

Jesus greift diese Bilder auf. Im Gespr├Ąch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen2 schimmern Sehnsucht und Unwissenheit eines bed├╝rftigen Menschen durch: Jesus kann lebendiges Wasser geben. Aber: Wenn du w├╝├čtest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann h├Ąttest du ihn gebeten...

Besonders eindrucksvoll ist die Art und Weise, wie Jesus beim Laubh├╝ttenfest, das eine ganze Woche dauerte und an den W├╝stenzug erinnerte, das rituelle Geschehen der Wasserspende auf sich bezieht: ┬╗Jeden Morgen zog bei Tagesanbruch feierlich eine Prozession von dem Teiche Schiloach zum Tempel. Ein Priester trug die goldene Kanne mit dem Wasser, das er aus dem Teiche gesch├Âpft hatte. Am Tempeleingang wurde die Prozession feierlich mit drei Trompetenst├Â├čen begr├╝├čt. Das Wasser wurde zusammen mit dem Trankopfer auf dem Altar ausgegossen. (...) Am letzten Tage, dem h├Âchsten Festtage, war es den Israeliten gestattet - es war das einzige Mal im ganzen Jahr -, den Priestervorhof zwischen Tempelhaus und Altar zu betreten. In feierlicher Prozession umzogen die M├Ąnner siebenmal den mit Weiden umstellten Altar und erbaten von Gott Regen f├╝r das trockene Land. W├Ąhrend dieser Prozession go├č der Hohepriester mit erhobener Hand das Wasser auf den Altar, das er bei Sonnenaufgang aus dem Teiche Schiloach gesch├Âpft hatte.┬ź3 Vor diesem Hintergrund ahnen wir etwas vom Geheimnis der Worte des Herrn: Wer Durst hat komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Str├Âme von lebendigem Wasserflie├čen.4

Das Wasseropfer erinnerte an das Wort des Jesaja: Ihr werdet Wasser sch├Âpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.5 Die Liturgie und manche Kirchenv├Ąter sehen diese Quelle des Heils aus der ge├Âffneten Seite Christi hervorquellen: Aus seiner ge├Âffneten Seite str├Âmen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche.6

┬╗Geheimnisvoll ist das Wasser; klar, schlicht, selbstlos. Bereit, rein zu waschen, was beschmutzt ist; zu erquicken, was d├╝rstet. Und zugleich unergr├╝ndlich, ruhelos, voll Gewalt und R├Ątsel; niederlockend in den Untergang. Gleichnis der Urgr├╝nde, aus denen das Leben str├Âmt und der Tod ruft.┬ź7 In Christus wird es zum Gleichnis des Todes - unseres Todes durch die S├╝nde - und des Lebens - unseres Lebens in ihm.

II. Die Wanderung durch die W├╝ste war f├╝r das Volk Israel eine Zeit der Bew├Ąhrung, das se├čhafte Leben im verhei├čenen Land eine Zeit des Vergessens: Mein Volk hat doppeltes Unrecht ver├╝bt: Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.8 Aber Gott sandte immer wieder Mahner, die das Volk zu Besinnung und Umkehr riefen.

Und die heutige Zeit, unsere Zeit, in der der Ruf Gottes, uns in ihr zu bew├Ąhren, an uns ergangen ist? Sie ist so offen und so verschlossen, so reich und so arm wie eh und je: ┬╗Mit welch bewundernsw├╝rdigen Anstrengungen (...) suchen unsere Zeitgenossen die menschlichen F├Ąhigkeiten auszuweiten, die Gott ihnen gegeben hat, und bessere Lebensbedingungen f├╝r sich und f├╝r die anderen zu schaffen! Doch schwierig bleibt es, diese Welt vom Elend ihrer S├╝nde zu ├╝berzeugen und vom Heil, das Gott ihr unaufh├Ârlich in der durch die Erl├Âsung erworbenen Vers├Âhnung anbietet.┬ź9 Denn ┬╗heute ist sogar der Sinn f├╝r die S├╝nde teilweise abhanden gekommen, weil man den Sinn f├╝r Gott verliert. (...) Die Gewissen haben sich verdunkelt, wie nach der ersten S├╝nde, und unterscheiden nicht mehr das Gute und das B├Âse. Viele wissen nicht mehr, was S├╝nde ist, oder wagen es nicht mehr zu wissen, so, als ob ein solches Wissen ihre Freiheit beeintr├Ąchtigen w├╝rde.┬ź10

Das alttestamentliche Bild vom Volk, das mit dem seichten Wasser aus rissigen Zisternen seinen Durst zu stillen sucht, wird zu einem Bild f├╝r den in S├╝nde verstrickten Menschen. Denn durch die S├╝nde ┬╗wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor┬ź11. Warum die Tods├╝nde das ├╝bernaturliche Leben verwirkt, l├Ą├čt sich nur im Licht der g├Âttlichen Offenbarung erkennen. Ohne dieses Licht ist man versucht, ┬╗S├╝nde lediglich als eine Wachstumsst├Ârung, eine psychische Schw├Ąche, einen Fehler oder als die notwendige Folge einer unrichtigen Gesellschaftsstruktur zu erkl├Ąren. Nur in Kenntnis dessen, wozu Gott den Menschen bestimmt hat, erfa├čt man, da├č die S├╝nde ein Mi├čbrauch der Freiheit ist, die Gott seinen vernunftbegabten Gesch├Âpfen gibt, damit sie ihn und einander lieben k├Ânnen.┬ź12

Die S├╝nde ist die folgenschwerste T├Ąuschung im menschlichen Leben, der vergebliche Versuch, einen unb├Ąndigen Durst an seichten Wassern zu stillen. Sie versteppt die Seele, die mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade harsch und ├Âde wird: ┬╗Wer gl├Ąubig ist und s├╝ndigt, ist notwendigerweise ungl├╝cklich und freudlos, auch wenn er irdisches Wohlergehen in F├╝lle besitzt.

Es stimmt: Wir sollen die S├╝nde - auch die l├Ą├čliche S├╝nde - vor allem aus ├╝bernat├╝rlichen Gr├╝nden verabscheuen: weil Gott sie in seiner Vollkommenheit notwendigerweise und im h├Âchsten Ma├č auf ewig verabscheut, da sie das B├Âse ist, das sich der unendlichen G├╝te entgegenstellt; jedoch kann auch die erste ├ťberlegung, die ich dir nannte, hilfreich sein und zu der zweiten hinf├╝hren.┬ź13

Sind Menschen, die sich nichts aus Gott machen, denn wirklich so ungl├╝cklich und freudlos? Schlie├člich ┬╗genie├čen┬ź sie doch das Leben in vollen Z├╝gen. Aber es ist ein Genu├č, der zunehmend unempf├Ąnglich macht f├╝r die g├Âttlichen Dinge, und sie allein k├Ânnen unseren Hunger und Durst stillen und uns einen Vorgeschmack von der Seligkeit im Himmel verkosten lassen. Das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren h├Âren sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht h├Âren, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, hei├čt es im heutigen Evangelium14.

III ┬╗Die Tods├╝nde ist wie auch die Liebe eine radikale M├Âglichkeit, die der Mensch in Freiheit w├Ąhlen kann. Sie zieht den Verlust der g├Âttlichen Tugend der Liebe und der heiligmachenden Gnade, das hei├čt des Standes der Gnade, nach sich. Wenn sie nicht durch Reue und g├Âttliche Vergebung wieder gutgemacht wird, verursacht sie den Ausschlu├č aus dem Reiche Christi und den ewigen Tod in der H├Âlle, da es in der Macht unseres Willens steht, endg├╝ltige und unwiderrufliche Entscheidungen zu treffen. Doch wenn wir auch beurteilen k├Ânnen, da├č eine Handlung in sich ein schweres Vergehen darstellt, m├╝ssen wir das Urteil ├╝ber die Menschen der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes ├╝berlassen.┬ź15 Vor der g├Âttlichen Gerechtigkeit bleibt s├╝ndhaftes Tun, mag es auch noch so verbreitet sein, s├╝ndhaftes Tun; seine Barmherzigkeit er├Âffnet uns den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen der S├╝nde und einem Gott, der um des Heiles jedes einzelnen Menschen willen Mensch wurde und am Kreuz sterben wollte. Dies l├Ą├čt uns um die Gnade der Bekehrung f├╝r alle bitten, die jetzt den Sohn Gottes noch einmal ans Kreuz schlagen16.

Und ebenso bitten wir um die eigene Beharrlichkeit bis ans Ende, denn keiner steht in der Gnade unverr├╝ckbar fest. Es soll uns nicht ├╝berheblich machen, wenn wir merken, da├č wir f├╝r gew├Âhnlich nicht in schwere S├╝nde fallen. Es ist Gnade und Erbarmen Gottes; denn wir selbst sind schwach. Deshalb m├╝ssen wir bem├╝ht sein, die Gelegenheiten zur S├╝nde feinf├╝hlig zu meiden, die Z├╝gelung der Sinne nicht zu vernachl├Ąssigen, dem eigenen Urteil und der eigenen Erfahrung zu mi├čtrauen und aus tiefstem Herzen jede S├╝nde - auch die l├Ą├čliche - zu verabscheuen.

Wie l├Ą├čt sich entschieden gegen die S├╝nde vorgehen? Es ist eine Frage der Liebe, aber auch eine Frage der Ehrlichkeit. Jemand sprach einmal vom ┬╗Mut zur S├╝nde┬ź und meinte damit den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und Alibis und Ausfl├╝chte nicht zuzulassen. Stellen wir uns vor den barmherzigen Gott und pr├╝fen wir, wie unser Umgang mit ihm ist, wie br├╝derlich wir mit unseren Mitmenschen umgehen, wie ernst wir unsere Pflichten in Familie und Beruf nehmen. Dann wird uns manch bewu├čte oder halbbewu├čte Verfehlung aufgehen: die Neigung zu lieblosen Bemerkungen, egoistisches Kalk├╝l, na├čforsches Auftreten, eine herrische Art, Anweisungen zu geben, Unzufriedenheit mit dem, was wir haben, Regungen des Neides oder der schlechten Laune. Vielleicht merken wir auch, da├č wir im Familienleben zu wenig aufmerksam, zuvorkommend und dienstbereit waren. Nichts davon bedeutet Bruch mit der Liebe Gottes. Und doch ist da zuviel Ich, zu viel Dr├╝ckebergerei vor dem klar erkannten Willen Gottes, zu wenig Entschlossenheit zur Nachfolge. Jede l├Ą├čliche S├╝nde wirft die Seele zur├╝ck auf dem Weg zu Gott und behindert das Wirken des Heiligen Geistes. Wer indes oft die Vers├Âhnung mit Gott in der Beichte sucht, erf├Ąhrt, ┬╗da├č nichts pers├Ânlicher und inniger ist als dieses Sakrament, in welchem der S├╝nder Gott allein gegen├╝bersteht mit seiner Schuld, seiner Reue und seinem Vertrauen┬ź17.

Am Anfang unseres Gebetes betrachteten wir die Klage Gottes durch den Propheten: Sein Volk verschm├Ąhte die lebendige Wasserquelle und trank aus rissigen Zisternen. Am Ende dieser Zeit des Gebetes wollen wir mit dem Antwortpsalm sagen: Bei dir, o Herr, ist die Quelle des Lebens.18 Wir verbinden diesen Ruf mit einer Bitte an Maria, die Zuflucht der S├╝nder, sie m├Âge uns die Gnade erwirken, ein feines Gewissen zu haben, die S├╝nde zu verabscheuen und immer wieder Vers├Âhnung und Erneuerung im Sakrament des g├Âttlichen Erbarmens zu suchen.

1 Ps 1,1-3. - 2 vgl. Joh 4,7-15. - 3 G. Kroll, Auf den Spuren Jesu, Stuttgart 1988, S. 268. - 4 Joh 7,37-38. - 5 Jes 12,3. - 6 Pr├Ąfation vom heiligsten Herzen Jesu. - 7 R. Guardini, Von heiligen Zeichen, Mainz 1992, S. 40. - 8 Jer 2,12-13. - 9 Johannes Paul II., Ansprache in Lourdes, 15.8.1983. - 10 ebd. - 11 Katechismus der Katholischen Kirche, 1855. - 12 ebd., 387. - 13 J. Escriv├í, Im Feuer der Schmiede, Nr. 1024. - 14 Mt 13,10-17. - 15 Katechismus der Katholischen Kirche, 1861. - 16 Hebr 6,6. - 17 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Reconciliatio et paenitentia, 2.12.1984, 31. - 18 Ps 36,10.



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